Tonhalle-Orchester Zürich
Giovanni Antonini Leitung
Julia Becker Violine
Joseph Haydn
Sinfonie D-Dur Hob. I:101 „Die Uhr“
Wolfgang Amadeus Mozart
Violinkonzert Nr. 3 G-Dur KV 216
Joseph Haydn
Sinfonie Es-Dur Hob. I:103 „Mit dem Paukenwirbel“
Zum Saisonabschluss spielte das Tonhalle Orchester ein allerletztes
Mal im grossen Saal, bevor dieser für drei Saisons geschlossen bleibt
und renoviert (umgebaut?) wird. Am Pult stand ein dem Orchester längst
vertrauter Spezialist für historische Aufführungspraxis, der Mailänder
Giovanni Antonini, den ich im Februar schon mit seinem eigenen Ensemble
Il Giardino Armonico und Sandrine Piau gehört hatte (auch damals standen Haydn und Mozart auf dem Programm).
Das Orchester war natürlich klein besetzt, ging auf Antoninis
temperamentvolles Dirigat sehr schön ein, doch im Klang fehlten mir ein
wenig die Spitzen, das Temperament, dass ein Ensemble wie Il Giardino
Armonico hinkriegt. Dennoch gelangen die beiden Haydn-Symphonien mehr
als gut, das Zusammenspiel war auf sehr hohem Niveau. Am schönsten war
aber vielleicht das Violinkonzert KV 216 von Mozart, das vor der Pause
erklang, mit der ersten Konzertmeisterin des Tonhalle Orchesters, Julia
Becker, als Solistin – da schien die Zeit stillzustehen, die Musik
schien zu schweben … ganz wunderbar.
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THReNSeMBle, Peter Eötvös – Zürich, Tonhalle, Kleiner Saal – 26. Juni 2017
PETER EÖTVÖS CONTEMPORARY MUSIC FOUNDATION@TONHALLE
THReNSeMBle
Péter Eötvös Leitung Creative Chair
Balázs Horváth Leitung
Anton Mecht Spronk Violoncello
Roland Szentpáli Tuba
Miklós Lukács Cimbalom
Péter Tornyai
„QuatreQuatuors“ für Ensemble (2010), Schweizer Erstaufführung
György Kurtág
„Brefs messages“ op. 47 für Kammerensemble (2011)
Máté Bella
„Chuang Tzu’s Dream“ für Violoncello und Ensemble (2008), Schweizer Erstaufführung
—
Máté Balogh
„Jam Quartet“ für Kammerensemble (2016), Schweizer Erstaufführung
Balázs Horváth
„pikokosmos = millikosmos“ für Tuba und Ensemble (2015), Uraufführung
Péter Eötvös
„da capo“ für Cimbalom und Ensemble (2014), Schweizer Erstaufführung
Das nun war ein grossartiger Abend – aktuelle Musik aus Ungarn, gespielt von einem Ensemble aus Ungarn (mit einer südeuropäischen Oboistin, die aber jetzt in Zürich bleiben – und das Ensemble demnach wohl verlassen – wird und einem lokalen Cellosolisten als Gast). Das besondere am THReNSeMBle – und an Peter Eötvös selbst – ist der Ansatz, dass die Musiker zugleich auch Komponisten sind und umgekehrt. So war Péter Tornyai auch als Bratschist im Ensemble dabei und der Gründer und Leiter der Gruppe Balázs Horváth auch als Komponist vertreten (ebenso wie Eötvös, der die meisten Stücke dirigierte, während wenigstens Balogh sein Stück selbst dirigierte – die Erinnerung an solche Äusserlichkeiten schwindet leider schon wieder) – ein von Pierre Boulez entliehenes Konzept, das in früheren Zeiten von grosser Selbstverständlichkeit war. Und es gerne wieder werden dürfte, zumal wenn die Ausbeute so überzeugend ausfällt.
Das Cellokonzert von Bella war das grosse Highlight, auch weil Spronk grossartig spielte. Die Stücke von Kurtág und Horváth fand ich ebenfalls phantastisch. Das erste von Tornyai hätte an sich mit vier über den ganzen Raum verteilten Gruppen gespielt werden müssen, was im kleinen Saal nur mit grösstem Aufwand möglich gewesen wäre (im grossen auch, zumal dieselben Instrumente danach alle auf die Bühne geschleppt hätten werden müssen). Schlimmer noch war aber, dass keine Harfe erklang sondern eine am Synthesizer simulierte – am fehlenden Instrument lag das kaum, aber in keinem anderen Stück war eine Harfe vonnöten und so griff man wohl zu dieser Notlösung, die im Gespräch mit Eötvös, das vor dem Konzert im Foyer stattfand, auch erwähnt wurde (sonst hätte ich wohl nicht gedacht: „aha, das soll jetzt also die Harfe sein“). Aber gut, das Stück wird deshalb nicht schlecht, bloss müsste man es halt unter anderen Bedingungen hören können. Etwas gewöhnungsbedüftig fand ich das erste Stück nach der Pause, das als „jazzig“ eingeführt wurde (die Ignoranz der Klassikwelt dem Jazz gegenüber schmerzt mich sehr – ich muss darauf achten, einen Eötvös wegen einer dämlichen Bemerkung nicht gleich geringer zu schätzen). Der Cellist des Ensembles wirkte quasi solistisch, im Quartett mit Flöte, Flügel und Percussion (drei Triangel nur) sowie einer Spieldose, die an einer Stelle zum Einsatz kam (die „jammt“ halt nicht, darum ist es wohl ein „Jam Quartet“, auch wenn fünf Musiker auf der Bühne sind). Das abschliessende Stück von Eötvös selbst überzeugte mich nicht vollends, manche Passagen schienen mir zu sehr auf den Witz kalkuliert, andere eher filmisch – und ziemlich langweilig, auch wenn sie nur als Übergang gedacht sein mögen. Das Cimbalom war übrigens nicht nur in diesem letzten Stück präsent sondern in zwei oder drei weiteren auch – aber in keinem so präsent wie in diesem letzten, wo es zwar nicht wie zuvor das Cello oder die Tuba einen dem Ensemble quasi gegenübergestellten Solopart hatte, aber doch immer wieder solistisch zu hören war.
THReNSeMBle
Péter Eötvös Leitung Creative Chair
Balázs Horváth Leitung
Anton Mecht Spronk Violoncello
Roland Szentpáli Tuba
Miklós Lukács Cimbalom
Péter Tornyai
„QuatreQuatuors“ für Ensemble (2010), Schweizer Erstaufführung
György Kurtág
„Brefs messages“ op. 47 für Kammerensemble (2011)
Máté Bella
„Chuang Tzu’s Dream“ für Violoncello und Ensemble (2008), Schweizer Erstaufführung
—
Máté Balogh
„Jam Quartet“ für Kammerensemble (2016), Schweizer Erstaufführung
Balázs Horváth
„pikokosmos = millikosmos“ für Tuba und Ensemble (2015), Uraufführung
Péter Eötvös
„da capo“ für Cimbalom und Ensemble (2014), Schweizer Erstaufführung
Das nun war ein grossartiger Abend – aktuelle Musik aus Ungarn, gespielt von einem Ensemble aus Ungarn (mit einer südeuropäischen Oboistin, die aber jetzt in Zürich bleiben – und das Ensemble demnach wohl verlassen – wird und einem lokalen Cellosolisten als Gast). Das besondere am THReNSeMBle – und an Peter Eötvös selbst – ist der Ansatz, dass die Musiker zugleich auch Komponisten sind und umgekehrt. So war Péter Tornyai auch als Bratschist im Ensemble dabei und der Gründer und Leiter der Gruppe Balázs Horváth auch als Komponist vertreten (ebenso wie Eötvös, der die meisten Stücke dirigierte, während wenigstens Balogh sein Stück selbst dirigierte – die Erinnerung an solche Äusserlichkeiten schwindet leider schon wieder) – ein von Pierre Boulez entliehenes Konzept, das in früheren Zeiten von grosser Selbstverständlichkeit war. Und es gerne wieder werden dürfte, zumal wenn die Ausbeute so überzeugend ausfällt.
Das Cellokonzert von Bella war das grosse Highlight, auch weil Spronk grossartig spielte. Die Stücke von Kurtág und Horváth fand ich ebenfalls phantastisch. Das erste von Tornyai hätte an sich mit vier über den ganzen Raum verteilten Gruppen gespielt werden müssen, was im kleinen Saal nur mit grösstem Aufwand möglich gewesen wäre (im grossen auch, zumal dieselben Instrumente danach alle auf die Bühne geschleppt hätten werden müssen). Schlimmer noch war aber, dass keine Harfe erklang sondern eine am Synthesizer simulierte – am fehlenden Instrument lag das kaum, aber in keinem anderen Stück war eine Harfe vonnöten und so griff man wohl zu dieser Notlösung, die im Gespräch mit Eötvös, das vor dem Konzert im Foyer stattfand, auch erwähnt wurde (sonst hätte ich wohl nicht gedacht: „aha, das soll jetzt also die Harfe sein“). Aber gut, das Stück wird deshalb nicht schlecht, bloss müsste man es halt unter anderen Bedingungen hören können. Etwas gewöhnungsbedüftig fand ich das erste Stück nach der Pause, das als „jazzig“ eingeführt wurde (die Ignoranz der Klassikwelt dem Jazz gegenüber schmerzt mich sehr – ich muss darauf achten, einen Eötvös wegen einer dämlichen Bemerkung nicht gleich geringer zu schätzen). Der Cellist des Ensembles wirkte quasi solistisch, im Quartett mit Flöte, Flügel und Percussion (drei Triangel nur) sowie einer Spieldose, die an einer Stelle zum Einsatz kam (die „jammt“ halt nicht, darum ist es wohl ein „Jam Quartet“, auch wenn fünf Musiker auf der Bühne sind). Das abschliessende Stück von Eötvös selbst überzeugte mich nicht vollends, manche Passagen schienen mir zu sehr auf den Witz kalkuliert, andere eher filmisch – und ziemlich langweilig, auch wenn sie nur als Übergang gedacht sein mögen. Das Cimbalom war übrigens nicht nur in diesem letzten Stück präsent sondern in zwei oder drei weiteren auch – aber in keinem so präsent wie in diesem letzten, wo es zwar nicht wie zuvor das Cello oder die Tuba einen dem Ensemble quasi gegenübergestellten Solopart hatte, aber doch immer wieder solistisch zu hören war.
Tonhalle-Orchester Zürich, Jakub Hruša, Isabelle Faust – Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 23. Juni 2017
Tonhalle-Orchester Zürich
Jakub Hruša Leitung
Isabelle Faust Violine
Béla Bartók
Konzertsuite aus „Der wunderbare Mandarin“ op. 19
Robert Schumann
Violinkonzert d-Moll WoO 1
—
Leoš Janáček
Sinfonietta für grosses Orchester
Nicht viele Worte dazu, dafür ist es zu spät … aber sowohl in Bartók wie auch in Janácek war das Orchester eine Wucht! Hrusa gestaltete die beiden Werke perfekt. In der Lautstärke kam der Schuhschachtelsaal manchmal an seine Grenzen, aber egal wie laut und intensiv es wurde, alles blieb transparent und klar, die Stimmen heraushörbar. Grosse Klasse!
Leider war das Schumann’sche Violinkonzert mit der verehrten Isabelle Faust eine leise Enttäuschung – was aber, im Gegensatz zum Mendelssohn-Konzert neulich, nicht an Faust lag. Im Gegenteil: sie scheint den Solo-Part des Konzertes gänzlich verinnerlicht zu haben! Aber das Orchester war flächig, breit, wenig nuanciert, die klangliche Transparenz, die es davor und danach auch wieder an den Tag legte, fehlte. Da ich mit dem Konzert (und auch mit Schumanns Symphonien) sowieso nicht gänzlich klarkomme, bin ich mit Schuldzuweisungen aber vorsichtig, habe mir vorgenommen, mich bald mal wieder an die jüngeren Aufnahmen zu machen, unter denen sich ja auch eine mit Faust findet (mit Heras-Casado, also genau die Kombination, die bei Mendelssohn, pardon, nicht recht geigte). Wobei mir jene von Carolin Widmann aber beim letzten Durchgang am besten gefiel – die anderen sind Zehetmair und Kopatchinskaja mit Holliger (ein paar ältere sind auch noch da, von Zehetmair/Eschenbach ab aber noch nicht oder kaum gehört).
Jakub Hruša Leitung
Isabelle Faust Violine
Béla Bartók
Konzertsuite aus „Der wunderbare Mandarin“ op. 19
Robert Schumann
Violinkonzert d-Moll WoO 1
—
Leoš Janáček
Sinfonietta für grosses Orchester
Nicht viele Worte dazu, dafür ist es zu spät … aber sowohl in Bartók wie auch in Janácek war das Orchester eine Wucht! Hrusa gestaltete die beiden Werke perfekt. In der Lautstärke kam der Schuhschachtelsaal manchmal an seine Grenzen, aber egal wie laut und intensiv es wurde, alles blieb transparent und klar, die Stimmen heraushörbar. Grosse Klasse!
Leider war das Schumann’sche Violinkonzert mit der verehrten Isabelle Faust eine leise Enttäuschung – was aber, im Gegensatz zum Mendelssohn-Konzert neulich, nicht an Faust lag. Im Gegenteil: sie scheint den Solo-Part des Konzertes gänzlich verinnerlicht zu haben! Aber das Orchester war flächig, breit, wenig nuanciert, die klangliche Transparenz, die es davor und danach auch wieder an den Tag legte, fehlte. Da ich mit dem Konzert (und auch mit Schumanns Symphonien) sowieso nicht gänzlich klarkomme, bin ich mit Schuldzuweisungen aber vorsichtig, habe mir vorgenommen, mich bald mal wieder an die jüngeren Aufnahmen zu machen, unter denen sich ja auch eine mit Faust findet (mit Heras-Casado, also genau die Kombination, die bei Mendelssohn, pardon, nicht recht geigte). Wobei mir jene von Carolin Widmann aber beim letzten Durchgang am besten gefiel – die anderen sind Zehetmair und Kopatchinskaja mit Holliger (ein paar ältere sind auch noch da, von Zehetmair/Eschenbach ab aber noch nicht oder kaum gehört).
Kristóf Baráti, Tonhalle-Orchester, Lionel Bringuier – Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 15. Juni 2017
Tonhalle-Orchester Zürich
Lionel Bringuier Leitung
Kristóf Baráti Violine
Péter Eötvös
„zeroPoints“
Igor Strawinsky
„Petruschka“ (Rev. Fassung 1947)
—
Dmitri Schostakowitsch
Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 99
Schon ein paar Tage her und kein Konzert, das mich zu einem umgehenden und längeren Bericht anregte. Das Programm war spannend, besonders weil es zum Auftakt ein – ziemlich zugängliches – Werk von Eötvös gab, der diese Saison beim Tonhalle Orchester als „creative chair“ wirkt (leider hörte ich bisher nichts von ihm und schaffe auch eher kein weiteres Konzert mehr). Den Stravinsky fand das Publikum dann ziemlich super nach dem sperrigen Auftakt (eine Hommage an Pierre Boulez aus den späten 90ern). Das Orchester präsentierte sich zwar von seiner besten Seite, aber so richtig begeistert war ich nicht.
Das Highlight war dann wohl das erste Violinkonzert Dmitri Schostakowitschs. Angekündigt war Leonidas Kavakos, der aber wegen eines (oder zweier) Todesfälle alle Konzerte im Juni abgesagt hat. Kristóf Baráti sprang ein und war dem Monstrum mehr als gewachsen. Völlig unprätentiöse Darbietung, ganz der Musik verschrieben, in ihr aufgehend. Als Zugabe dann ein langsamer Satz aus einer von Bachs Sonaten oder Partiten.
Lionel Bringuier Leitung
Kristóf Baráti Violine
Péter Eötvös
„zeroPoints“
Igor Strawinsky
„Petruschka“ (Rev. Fassung 1947)
—
Dmitri Schostakowitsch
Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 99
Schon ein paar Tage her und kein Konzert, das mich zu einem umgehenden und längeren Bericht anregte. Das Programm war spannend, besonders weil es zum Auftakt ein – ziemlich zugängliches – Werk von Eötvös gab, der diese Saison beim Tonhalle Orchester als „creative chair“ wirkt (leider hörte ich bisher nichts von ihm und schaffe auch eher kein weiteres Konzert mehr). Den Stravinsky fand das Publikum dann ziemlich super nach dem sperrigen Auftakt (eine Hommage an Pierre Boulez aus den späten 90ern). Das Orchester präsentierte sich zwar von seiner besten Seite, aber so richtig begeistert war ich nicht.
Das Highlight war dann wohl das erste Violinkonzert Dmitri Schostakowitschs. Angekündigt war Leonidas Kavakos, der aber wegen eines (oder zweier) Todesfälle alle Konzerte im Juni abgesagt hat. Kristóf Baráti sprang ein und war dem Monstrum mehr als gewachsen. Völlig unprätentiöse Darbietung, ganz der Musik verschrieben, in ihr aufgehend. Als Zugabe dann ein langsamer Satz aus einer von Bachs Sonaten oder Partiten.
Igor Levit – Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 8. Juni 2017
Igor Levit Klavier
Dmitri Schostakowitsch
24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87
Ich habe eigentlich gar keine Worte dafür, möchte das nur rasch Erwähnen – Wahnsinn! Zum ersten Mal, dass ich Levit mit Noten sah, die er aber oft über längere Strecken gar nicht zu beachten schien. Einen solch monströsen Zyklus im Konzert erleben zu können ist ja eh schon eindrücklich genug – im Programm stand „ca. 150 Minuten“, Levit liess sich Zeit und benötigte wohl 15 oder 20 Minuten länger (jedenfalls würde seine Fassung so nicht auf zwei CDs passen, im Gegensatz zu denen von Ashkenazy und Rubackyte, die mir vorliegen – leider suchte ich die kleine Schostakowitsch-Piano/Chamber Works-Box, in der sich die noch nie angehörte Ashkenazy-Aufnahme findet, gestern Nacht vergeblich, aber die taucht schon wieder auf). Wie sich die Préludes und die anschliessenden Fugen vor dem sehenden Ohr entfalten, sich hartnäckig und unaufhaltsam durch den Quintenzyklus schraubend, wie Levit dabei mit dem Klang des Flügels umging, wie feingliedrig sein Spiel, wie gekonnt sein Einsatz der Dynamik (nur selten liess er den Flügel laut schnauben, doch nach Nr. 24 hatte er ihn endgültig erlegt) – wirklich grossartig!
Dmitri Schostakowitsch
24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87
Ich habe eigentlich gar keine Worte dafür, möchte das nur rasch Erwähnen – Wahnsinn! Zum ersten Mal, dass ich Levit mit Noten sah, die er aber oft über längere Strecken gar nicht zu beachten schien. Einen solch monströsen Zyklus im Konzert erleben zu können ist ja eh schon eindrücklich genug – im Programm stand „ca. 150 Minuten“, Levit liess sich Zeit und benötigte wohl 15 oder 20 Minuten länger (jedenfalls würde seine Fassung so nicht auf zwei CDs passen, im Gegensatz zu denen von Ashkenazy und Rubackyte, die mir vorliegen – leider suchte ich die kleine Schostakowitsch-Piano/Chamber Works-Box, in der sich die noch nie angehörte Ashkenazy-Aufnahme findet, gestern Nacht vergeblich, aber die taucht schon wieder auf). Wie sich die Préludes und die anschliessenden Fugen vor dem sehenden Ohr entfalten, sich hartnäckig und unaufhaltsam durch den Quintenzyklus schraubend, wie Levit dabei mit dem Klang des Flügels umging, wie feingliedrig sein Spiel, wie gekonnt sein Einsatz der Dynamik (nur selten liess er den Flügel laut schnauben, doch nach Nr. 24 hatte er ihn endgültig erlegt) – wirklich grossartig!
Tonhalle-Orchester Zürich, Herbert Blomstedt: Beethoven, Symphonien 7 & 8 - Tonhalle, Zürich, 17. Mai 2017
Tonhalle-Orchester Zürich
Herbert Blomstedt Leitung
LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93
—
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Keine vielen Worte dafür, es war schlichtweg umwerfend. Blomstedt scheint die Symphonien bis ins kleinste Detail zu kennen. Das Orchester kennt und schätzt ihn, folgt ihm und macht noch die feinsten Verästelungen nachvollziehbar. Der Aspekt des Zusammenspiel, das oftmals fast Kammermusikalische war enorm faszinierend, vor allem im Hinblick auf die grosse Wucht, die beiden Symphonien zugleich innewohnt. Die Streicher waren nach alter Façon aufgestellt, links die erste Violinen, rechts die zweiten, die Effekte, die Beethoven einbaute, wurden dadurch auch räumlich erfahrbar. Toll war auch zu sehen, wie das Orchester zusammenspielte, wie Blicke ausgetauscht wurden, lachende und frohe Gesichter immer wieder, weil auch wirklich fast alles perfekt gelang.
Die Reihenfolge machte Sinn, entsprach auch der Publikumsreaktion, die wohl seit den den jeweiligen Uraufführungen nicht gross geändert hat. Es war also konsequent, die viel beliebtere Siebente nach der Pause zu spielen – der Applaus zum Schluss war riesig, als der zweite Satz begann (nahtlos an den ersten gehängt) gab es gar etwas Getuschel („Das ist jetzt die Stelle, von der ich dir erzählte …“). Die Achte allerdings, die ich im Gegensatz zur Siebenten noch nie im Konzert gehört habe (meine erste Begegnung mit der Siebenten im Konzert war ebenfalls klasse – klick – damals sassen Celli und Bratschen andersrum, sonst hätte ich wohl die Pauke statt der Hörner vor der Nase gehabt), ist ein verdammter Höllenritt. Ich kann nicht behaupten, aus dem Werk als Ganzem schlau zu werden, es scheint mir oft etwas disparat, ruppig, aber gerade das macht es wiederum sehr reizvoll. Und natürlich ist die Umsetzung des – wie mir scheint teils sehr kargen, einfachen – melodiösen Materials höchst faszinierend. Die Siebente ist dagegen – Tanz hin oder her, der alte Blomstedt wippte tatsächlich herum, aber das tat er auch davor bei der Achten, wo er kaum je den Takt schlug, nur mit den Händen Einsätze und Dynamik kontrollierte und eine Richtung gab – ein gemütlicher Spaziergang. Aber der zweite Satz zählt für mich schon auch zu den unfassbar tollen Werken (wie z.B., um beim Orchestralen zu bleiben, Mozarts 40., auch da wieder der zweite Satz, aber auch die ganze Symphonie, oder der langsame Satz von KV 364). Aber gut, die Achte war das Hauptereignis des Konzertes, keine Frage!
Die NZZ hat auch berichtet:
https://www.nzz.ch/feuilleton/herbert-blomstedt-dirigiert-das-tonhalle-orchester-zuerich-blomi-komm-bald-wieder-ld.1294551
Herbert Blomstedt Leitung
LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93
—
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Keine vielen Worte dafür, es war schlichtweg umwerfend. Blomstedt scheint die Symphonien bis ins kleinste Detail zu kennen. Das Orchester kennt und schätzt ihn, folgt ihm und macht noch die feinsten Verästelungen nachvollziehbar. Der Aspekt des Zusammenspiel, das oftmals fast Kammermusikalische war enorm faszinierend, vor allem im Hinblick auf die grosse Wucht, die beiden Symphonien zugleich innewohnt. Die Streicher waren nach alter Façon aufgestellt, links die erste Violinen, rechts die zweiten, die Effekte, die Beethoven einbaute, wurden dadurch auch räumlich erfahrbar. Toll war auch zu sehen, wie das Orchester zusammenspielte, wie Blicke ausgetauscht wurden, lachende und frohe Gesichter immer wieder, weil auch wirklich fast alles perfekt gelang.
Die Reihenfolge machte Sinn, entsprach auch der Publikumsreaktion, die wohl seit den den jeweiligen Uraufführungen nicht gross geändert hat. Es war also konsequent, die viel beliebtere Siebente nach der Pause zu spielen – der Applaus zum Schluss war riesig, als der zweite Satz begann (nahtlos an den ersten gehängt) gab es gar etwas Getuschel („Das ist jetzt die Stelle, von der ich dir erzählte …“). Die Achte allerdings, die ich im Gegensatz zur Siebenten noch nie im Konzert gehört habe (meine erste Begegnung mit der Siebenten im Konzert war ebenfalls klasse – klick – damals sassen Celli und Bratschen andersrum, sonst hätte ich wohl die Pauke statt der Hörner vor der Nase gehabt), ist ein verdammter Höllenritt. Ich kann nicht behaupten, aus dem Werk als Ganzem schlau zu werden, es scheint mir oft etwas disparat, ruppig, aber gerade das macht es wiederum sehr reizvoll. Und natürlich ist die Umsetzung des – wie mir scheint teils sehr kargen, einfachen – melodiösen Materials höchst faszinierend. Die Siebente ist dagegen – Tanz hin oder her, der alte Blomstedt wippte tatsächlich herum, aber das tat er auch davor bei der Achten, wo er kaum je den Takt schlug, nur mit den Händen Einsätze und Dynamik kontrollierte und eine Richtung gab – ein gemütlicher Spaziergang. Aber der zweite Satz zählt für mich schon auch zu den unfassbar tollen Werken (wie z.B., um beim Orchestralen zu bleiben, Mozarts 40., auch da wieder der zweite Satz, aber auch die ganze Symphonie, oder der langsame Satz von KV 364). Aber gut, die Achte war das Hauptereignis des Konzertes, keine Frage!
Die NZZ hat auch berichtet:
https://www.nzz.ch/feuilleton/herbert-blomstedt-dirigiert-das-tonhalle-orchester-zuerich-blomi-komm-bald-wieder-ld.1294551
Tonhalle-Orchester Zürich, Lionel Bringuier, Xavier de Maistre: Saariaho & Mendelssohn - Tonhalle, Zürich, 7. Mai
Tonhalle-Orchester Zürich
Lionel Bringuier Leitung
Xavier de Maistre Harfe
Mojca Erdmann Sopran
Katharina Konradi Sopran
Christian Elsner Tenor
Zürcher Sing-Akademie
Andreas Felber Einstudierung
Kaija Saariaho
„Trans“ für Harfe und Orchester, Schweizer Erstaufführung
—
Felix Mendelssohn Bartholdy
„Lobgesang“ op. 52
Heute am späten Nachmittag wieder in die Tonhalle, obwohl mir vor lauter Dingen (auch Musik) der Kopf rauscht und ich fast vom Stuhl kippte … aber ich wollte das Harfenkonzert von Saariaho hören, die ich bisher überhaupt nicht kannte. Faszinierendes Werk, mit viel Verve gespielt von Xavier de Maistre und dem Tonhalle Orchester, das ich heute tatsächlich zum ersten Mal unter Bringuier sah, dem eigentlich immer noch neuen und doch bald ehemaligen Chefdirigenten, mit dem es leider nicht so recht klappen wollte. Jedenfalls hat sich der Besuch gelohnt, auch wenn mir die Worte für das Werk von Saariaho ziemlich fehlen, ich es überhaupt nicht einordnen kann. Man liest von den Spektralisten, vom IRCAM, von Computermusik – das alles kenne ich noch viel zu schlecht. Im Programmheft hat sie selbst einen Kommentar zu „Trans“ beigesteuert, wird auch im weiteren Text über das Werk zitiert: „Die Herausforderung besteht darin, die Vielfalt der orchestralen Palette zu bewahren, ohne die Harfe als Soloinstrument zuzudecken.“ Die Vielfalt der Palette war in der Tat zu hören, es gab auch Röhrenglocken, Xylophone und anderes, die Instrumentierung war oft sehr interessant, fand ich – zum Glück konnte ich, da das Konzert nicht sonderlich gut besucht war, auf dem Balkon etwas nach vorn rutschen und besser sehen, welche Instrumente gerade zu Gange waren. Bei unkonventionellen Kombinationen ist es doch sehr hilfreich, sehen zu können (das fehlt mir denn auch oft daheim, wenn ich CDs höre – aber das Ohr lernt mit, denke ich).
Was „Lobgesang“ betrifft, die sinfonische Kantate von Mendelssohn, die aus welchen Gründen auch immer lange Zeit als seine zweite Symphonie geführt wurde (im Tonhalle-Programm ist das wenigstens im Begleittext auch immer noch so halb der Fall), war ich skeptisch. Es sind die „Italienische“ und die „Schottische“, die mich ansprechen, doch im Konzert gehört habe ich gerade die „Reformationssymphonie“ und jetzt eben den „Lobgesang“. Doch die Skepsis war unnötig, das Orchester unter Bringuier ging die öffnende Sinfonia gemessen aber mit viel Elan an und es entfaltete sich ein wundervoll bunter Klangzauber. Die Sing-Akademie war dann erst recht beeindruckend, mit einer Diktion und Verständlichkeit, die jene von Mojca Erdmann in den Schatten stellte, wie man leider sagen muss (sind es nicht die Hamburger, die so stolz auf sich sind?). Erdmann war keineswegs schlecht, im Gegenteil, aber von den Solisten war es in erster Linie Christian Elsner, der mich sehr beeindruckte. Das Duett der beiden Soprane gelang ebenfalls bestens, die Timbres von Erdmann und Katharina Konradi, die den undankbaren zweiten Sopranpart sang, passen bestens zusammen.
Am Ende grosser Applaus für Chor, Solisten und Orchester, Bringuier liess zuletzt auch noch die diversen Register einzeln aufstehen – sehr sympathisch und musikalisch auch ziemlich gut, wenn mich mein Urteilsvermögen da nicht völlig im Stich lässt. Aber gut, der Blick geht nach vorn, das Tonhalle-Orchester ab nächster Saison für drei Jahre in eine temporäre Spielstätte im todlangweiligen Trendquartier Zürich West („internationales, grossstädtisches Flair“ heisst ja soviel wie: völlig austauschbar, ein paar alte umfunktionierte Fabriken, neue Hochhäuser, die manchmal wie Bunker aussehen, das übliche halt) und die Arbeit am Klang wie auch der Wechsel zu einem neuen Chefdirigenten wird unter den Umständen gewiss nicht einfach (von den bisher als Papabili gehandelten Gästen wäre Paavo Järvi mein klarer Favorit – kenne ihn nicht gut, aber im Konzert war er klasse und das Zusammenwirken mit dem Orchester klappte hervorragend).
Lionel Bringuier Leitung
Xavier de Maistre Harfe
Mojca Erdmann Sopran
Katharina Konradi Sopran
Christian Elsner Tenor
Zürcher Sing-Akademie
Andreas Felber Einstudierung
Kaija Saariaho
„Trans“ für Harfe und Orchester, Schweizer Erstaufführung
—
Felix Mendelssohn Bartholdy
„Lobgesang“ op. 52
Heute am späten Nachmittag wieder in die Tonhalle, obwohl mir vor lauter Dingen (auch Musik) der Kopf rauscht und ich fast vom Stuhl kippte … aber ich wollte das Harfenkonzert von Saariaho hören, die ich bisher überhaupt nicht kannte. Faszinierendes Werk, mit viel Verve gespielt von Xavier de Maistre und dem Tonhalle Orchester, das ich heute tatsächlich zum ersten Mal unter Bringuier sah, dem eigentlich immer noch neuen und doch bald ehemaligen Chefdirigenten, mit dem es leider nicht so recht klappen wollte. Jedenfalls hat sich der Besuch gelohnt, auch wenn mir die Worte für das Werk von Saariaho ziemlich fehlen, ich es überhaupt nicht einordnen kann. Man liest von den Spektralisten, vom IRCAM, von Computermusik – das alles kenne ich noch viel zu schlecht. Im Programmheft hat sie selbst einen Kommentar zu „Trans“ beigesteuert, wird auch im weiteren Text über das Werk zitiert: „Die Herausforderung besteht darin, die Vielfalt der orchestralen Palette zu bewahren, ohne die Harfe als Soloinstrument zuzudecken.“ Die Vielfalt der Palette war in der Tat zu hören, es gab auch Röhrenglocken, Xylophone und anderes, die Instrumentierung war oft sehr interessant, fand ich – zum Glück konnte ich, da das Konzert nicht sonderlich gut besucht war, auf dem Balkon etwas nach vorn rutschen und besser sehen, welche Instrumente gerade zu Gange waren. Bei unkonventionellen Kombinationen ist es doch sehr hilfreich, sehen zu können (das fehlt mir denn auch oft daheim, wenn ich CDs höre – aber das Ohr lernt mit, denke ich).
Was „Lobgesang“ betrifft, die sinfonische Kantate von Mendelssohn, die aus welchen Gründen auch immer lange Zeit als seine zweite Symphonie geführt wurde (im Tonhalle-Programm ist das wenigstens im Begleittext auch immer noch so halb der Fall), war ich skeptisch. Es sind die „Italienische“ und die „Schottische“, die mich ansprechen, doch im Konzert gehört habe ich gerade die „Reformationssymphonie“ und jetzt eben den „Lobgesang“. Doch die Skepsis war unnötig, das Orchester unter Bringuier ging die öffnende Sinfonia gemessen aber mit viel Elan an und es entfaltete sich ein wundervoll bunter Klangzauber. Die Sing-Akademie war dann erst recht beeindruckend, mit einer Diktion und Verständlichkeit, die jene von Mojca Erdmann in den Schatten stellte, wie man leider sagen muss (sind es nicht die Hamburger, die so stolz auf sich sind?). Erdmann war keineswegs schlecht, im Gegenteil, aber von den Solisten war es in erster Linie Christian Elsner, der mich sehr beeindruckte. Das Duett der beiden Soprane gelang ebenfalls bestens, die Timbres von Erdmann und Katharina Konradi, die den undankbaren zweiten Sopranpart sang, passen bestens zusammen.
Am Ende grosser Applaus für Chor, Solisten und Orchester, Bringuier liess zuletzt auch noch die diversen Register einzeln aufstehen – sehr sympathisch und musikalisch auch ziemlich gut, wenn mich mein Urteilsvermögen da nicht völlig im Stich lässt. Aber gut, der Blick geht nach vorn, das Tonhalle-Orchester ab nächster Saison für drei Jahre in eine temporäre Spielstätte im todlangweiligen Trendquartier Zürich West („internationales, grossstädtisches Flair“ heisst ja soviel wie: völlig austauschbar, ein paar alte umfunktionierte Fabriken, neue Hochhäuser, die manchmal wie Bunker aussehen, das übliche halt) und die Arbeit am Klang wie auch der Wechsel zu einem neuen Chefdirigenten wird unter den Umständen gewiss nicht einfach (von den bisher als Papabili gehandelten Gästen wäre Paavo Järvi mein klarer Favorit – kenne ihn nicht gut, aber im Konzert war er klasse und das Zusammenwirken mit dem Orchester klappte hervorragend).
Julia Lezhneva, Kammerorchester Basel (Julia Schröder): Händel, Graun - Tonhalle, Zürich, 1. Mai 2017
Neue Konzertreihe Zürich
Kammerorchester Basel
Julia Schröder Konzertmeisterin
Julia Lezhneva Sopran
Georg Friedrich Händel
Concerto grosso F-Dur op. 3 Nr. 4
Carl Heinrich Graun
Arien aus der Oper „Armida“ und „Coriolano“
Georg Friedrich Händel
Concerto grosso G-Dur op. 3 Nr. 3
—
Carl Heinrich Graun
Sinfonia zur Oper „Coriolano“
Arien aus der Oper „Armida“ und „Silla“
Georg Friedrich Händel
Concerto grosso B-Dur op. 3 Nr. 2
Arie aus der Oper „Alessandro“
Ziemlich tolles Konzert mit der bezaubernden Julia Lezhneva – was für eine Stimme, was für ein Singen! Am Schluss gab es drei Zugaben (ich erkannte sie natürlich nicht) und das half sehr, denn da drehte sie noch einmal richtig auf und sang die unfassbarsten Koloraturen – im Pianissimo. Davor kam es mir besonders in der ersten Konzerthälfte ein wenig so vor, als würde die Händel-Arie zum Schluss Graun ziemlich in den Schatten stellen. Die neue CD, die Grundlage des Konzertes ist, werde ich dennoch die nächsten Tage oder Wochen ein paar Male wiederhören wollen, denn die beiden Arien aus der zweiten Konzerthälfte gefielen mir enorm gut – wohingegen ich die Sinfonia von „Coriolano“ recht langweilig (eben: hübsch barock, so dass man sich lustige Hüpftänze vorstellen kann, tut niemand weh). Die drei Concerti grossi von Händel im Konzert zu hören, war ziemlich toll, auch wenn mich das Spiel des Basler Kammerorchesters nicht in letzter Konsequenz gepackt hat – aber gut, ich habe noch nie instrumentale Musik von Händel im Konzert gehört und ein schlechter Einstieg war das keinesfalls. Überdies, wie so oft: Es hilft mir fast immer, das Orchester zu sehen, um das Zusammenwirken der Stimmen, der Instrumente, der Register, besser erfassen zu können.
Kammerorchester Basel
Julia Schröder Konzertmeisterin
Julia Lezhneva Sopran
Georg Friedrich Händel
Concerto grosso F-Dur op. 3 Nr. 4
Carl Heinrich Graun
Arien aus der Oper „Armida“ und „Coriolano“
Georg Friedrich Händel
Concerto grosso G-Dur op. 3 Nr. 3
—
Carl Heinrich Graun
Sinfonia zur Oper „Coriolano“
Arien aus der Oper „Armida“ und „Silla“
Georg Friedrich Händel
Concerto grosso B-Dur op. 3 Nr. 2
Arie aus der Oper „Alessandro“
Ziemlich tolles Konzert mit der bezaubernden Julia Lezhneva – was für eine Stimme, was für ein Singen! Am Schluss gab es drei Zugaben (ich erkannte sie natürlich nicht) und das half sehr, denn da drehte sie noch einmal richtig auf und sang die unfassbarsten Koloraturen – im Pianissimo. Davor kam es mir besonders in der ersten Konzerthälfte ein wenig so vor, als würde die Händel-Arie zum Schluss Graun ziemlich in den Schatten stellen. Die neue CD, die Grundlage des Konzertes ist, werde ich dennoch die nächsten Tage oder Wochen ein paar Male wiederhören wollen, denn die beiden Arien aus der zweiten Konzerthälfte gefielen mir enorm gut – wohingegen ich die Sinfonia von „Coriolano“ recht langweilig (eben: hübsch barock, so dass man sich lustige Hüpftänze vorstellen kann, tut niemand weh). Die drei Concerti grossi von Händel im Konzert zu hören, war ziemlich toll, auch wenn mich das Spiel des Basler Kammerorchesters nicht in letzter Konsequenz gepackt hat – aber gut, ich habe noch nie instrumentale Musik von Händel im Konzert gehört und ein schlechter Einstieg war das keinesfalls. Überdies, wie so oft: Es hilft mir fast immer, das Orchester zu sehen, um das Zusammenwirken der Stimmen, der Instrumente, der Register, besser erfassen zu können.
Isabelle Faust, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado - 26. März 2017, Tonhalle, Zürich
Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 26.3.
Neue Konzertreihe Zürich
Freiburger Barockorchester
Pablo Heras-Casado Leitung
Isabelle Faust Violine
Felix Mendelssohn Bartholdy
Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26
Violinkonzert e-Moll op. 64
—
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Sinfonie“
Ein Mendelssohn-Programm mit dem Freiburger Barockorchester … und das heiss geliebte Violinkonzert mit Isabelle Faust? Und dennoch holte ich mir erst vor einigen Tagen eine Karte (die allerletzte der billigsten Kategorie, aber allein auf meiner Seite des Saales kamen wohl gegen ein Dutzend Leute nicht). Das hatte seine Gründe, und ganz unberechtigt waren diese wohl nicht.
Aber von Anfang an: Das Orchester unter Heras-Casado, der das komplette Programm aus dem Gedächtnis dirigierte, legte mit einer zügigen und überaus mitreissenden Hebriden-Ouvertüre los. Der helle, leichte Klang und das leichtfüssige Spiel mochten sehr zu überzeugen und das blieb über den ganzen Abend hinweg so. Das erhoffte Highlight war dann natürlich das Violinkonzert, doch auch seinetwegen hatte ich – trotz meiner grossen Wertschätzung von Isabelle Faust – einige Bedenken. Das Orchester war auch hier wieder tadellos, aber da und dort hätte man sich halt doch mehr Schwere gewünscht. Nicht grundsätzlich, aber als einzusetzendes, abrufbares Stilmittel; gerade im romantischen Repertoire darf es eben schon mal wuchtig klingen, dürfen die Streicher satt schwelgen. Fausts Einstieg fand ich überzeugend, ihre Verve, ihre Klarheit, spitz aber zugleich sanft gespielt – das gefiel. Doch in den lauten Passagen schien ihr Instrument manchmal etwas zu scheppern und dennoch war die Balance zwischen ihr und dem Orchester dann nicht mehr ganz im Lot – es war als ging nicht mehr, als wolle die Geige nicht mehr hergeben. Dann die nächste leisere oder schwindelerregend sich drehende Phrase, und Faust hatte wieder alles unter Kontrolle. So auch in der Kadenz. Doch der langsame Satz litt dann naturgemäss etwas unter der orchestralen Sprödheit.
Nach der Pause dann die programmliche Wackelpartie, die seltsame fünfte Symphonie, die ja eigentlich die zweite ist, und mit der ich im Gegensatz zur dritten und vierten (der „Schottischen“ und der „Italienischen“) nicht wirklich klar komme (mit der „Lobgesang“, gemäss Opus-Numerierung der zweiten, geht es mir ähnlich). Aber gut, die beiden inneren Sätze sind teils von bezaubernder Schönheit, doch der kurze dritte Satz, der so bezaubernd beginnt, fasert irgendwie ziellos aus – und dann leidet der Schlusssatz gerade wie der Kopfsatz unter einer Mischung, die ich eigentlich bisher nur bei Beethoven halbwegs erträglich finde: plakativ munter drauf, manchmal geradezu plump in der Motivik, und dann wieder ganz bezaubernde Momente, und das alles irgendwie in einer Art Dialog zusammenmontiert, dann obendrein – im Schlusssatz – noch die ganze lutherische christliche Kriegsmarsch-Ästhetik (wie Choräle schon bei Bach vom Himmlischen zum Waffengeklirr der stampfenden Soldaten kippen, wird mich wohl zeitlebens vor den Kopf stossen, ein feste Burg halt – nicht für mich, bitte!).
Aber gut, das klingt jetzt wohl zu negativ, denn insgesamt war das ein toller Einblick in das überaus interessante Schaffen von Mendelssohn, das ja gerade mit Beethoven und mit der Klassik sowieso bricht, dabei auf Bach zurückgreift und vorgreift auf Dinge, die erst viel später wieder auftauchen (zumindest scheint mir das so, meine Vertrautheit mit der Romantik hält sich bisher einigermassen in Grenzen und die Lust, das über Schumann und Brahms hinaus grossartig zu vertiefen, hält sich ebenso in Grenzen … Bruckner wieder, dann Mahler, klar, aber das geht da dann schon wieder entscheidende Schritte weiter, zumal bei Mahler). Faust setzte sich übrigens für die zweite Konzerthälfte unten ins Publikum, Heras-Casado bei der kurzen Kurtág-Encore von Faust hinten ins Orchester. Die Mendelssohn-Zugabe ganz zum Schluss hat Heras-Casado zwar angesagt, aber verstanden habe ich ihn nicht, verstanden habe ich nur, dass er sagte, originell sei die Wahl nicht gerade.
Neue Konzertreihe Zürich
Freiburger Barockorchester
Pablo Heras-Casado Leitung
Isabelle Faust Violine
Felix Mendelssohn Bartholdy
Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26
Violinkonzert e-Moll op. 64
—
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Sinfonie“
Ein Mendelssohn-Programm mit dem Freiburger Barockorchester … und das heiss geliebte Violinkonzert mit Isabelle Faust? Und dennoch holte ich mir erst vor einigen Tagen eine Karte (die allerletzte der billigsten Kategorie, aber allein auf meiner Seite des Saales kamen wohl gegen ein Dutzend Leute nicht). Das hatte seine Gründe, und ganz unberechtigt waren diese wohl nicht.
Aber von Anfang an: Das Orchester unter Heras-Casado, der das komplette Programm aus dem Gedächtnis dirigierte, legte mit einer zügigen und überaus mitreissenden Hebriden-Ouvertüre los. Der helle, leichte Klang und das leichtfüssige Spiel mochten sehr zu überzeugen und das blieb über den ganzen Abend hinweg so. Das erhoffte Highlight war dann natürlich das Violinkonzert, doch auch seinetwegen hatte ich – trotz meiner grossen Wertschätzung von Isabelle Faust – einige Bedenken. Das Orchester war auch hier wieder tadellos, aber da und dort hätte man sich halt doch mehr Schwere gewünscht. Nicht grundsätzlich, aber als einzusetzendes, abrufbares Stilmittel; gerade im romantischen Repertoire darf es eben schon mal wuchtig klingen, dürfen die Streicher satt schwelgen. Fausts Einstieg fand ich überzeugend, ihre Verve, ihre Klarheit, spitz aber zugleich sanft gespielt – das gefiel. Doch in den lauten Passagen schien ihr Instrument manchmal etwas zu scheppern und dennoch war die Balance zwischen ihr und dem Orchester dann nicht mehr ganz im Lot – es war als ging nicht mehr, als wolle die Geige nicht mehr hergeben. Dann die nächste leisere oder schwindelerregend sich drehende Phrase, und Faust hatte wieder alles unter Kontrolle. So auch in der Kadenz. Doch der langsame Satz litt dann naturgemäss etwas unter der orchestralen Sprödheit.
Nach der Pause dann die programmliche Wackelpartie, die seltsame fünfte Symphonie, die ja eigentlich die zweite ist, und mit der ich im Gegensatz zur dritten und vierten (der „Schottischen“ und der „Italienischen“) nicht wirklich klar komme (mit der „Lobgesang“, gemäss Opus-Numerierung der zweiten, geht es mir ähnlich). Aber gut, die beiden inneren Sätze sind teils von bezaubernder Schönheit, doch der kurze dritte Satz, der so bezaubernd beginnt, fasert irgendwie ziellos aus – und dann leidet der Schlusssatz gerade wie der Kopfsatz unter einer Mischung, die ich eigentlich bisher nur bei Beethoven halbwegs erträglich finde: plakativ munter drauf, manchmal geradezu plump in der Motivik, und dann wieder ganz bezaubernde Momente, und das alles irgendwie in einer Art Dialog zusammenmontiert, dann obendrein – im Schlusssatz – noch die ganze lutherische christliche Kriegsmarsch-Ästhetik (wie Choräle schon bei Bach vom Himmlischen zum Waffengeklirr der stampfenden Soldaten kippen, wird mich wohl zeitlebens vor den Kopf stossen, ein feste Burg halt – nicht für mich, bitte!).
Aber gut, das klingt jetzt wohl zu negativ, denn insgesamt war das ein toller Einblick in das überaus interessante Schaffen von Mendelssohn, das ja gerade mit Beethoven und mit der Klassik sowieso bricht, dabei auf Bach zurückgreift und vorgreift auf Dinge, die erst viel später wieder auftauchen (zumindest scheint mir das so, meine Vertrautheit mit der Romantik hält sich bisher einigermassen in Grenzen und die Lust, das über Schumann und Brahms hinaus grossartig zu vertiefen, hält sich ebenso in Grenzen … Bruckner wieder, dann Mahler, klar, aber das geht da dann schon wieder entscheidende Schritte weiter, zumal bei Mahler). Faust setzte sich übrigens für die zweite Konzerthälfte unten ins Publikum, Heras-Casado bei der kurzen Kurtág-Encore von Faust hinten ins Orchester. Die Mendelssohn-Zugabe ganz zum Schluss hat Heras-Casado zwar angesagt, aber verstanden habe ich ihn nicht, verstanden habe ich nur, dass er sagte, originell sei die Wahl nicht gerade.
Julia Fischer, Tonhalle-Orchester Zürich, Charles Dutoit: Bartók, Tchaikovsky - Tonhalle, Zürich, 24. Februar 2017
Tonhalle-Orchester Zürich
Charles Dutoit Leitung
Julia Fischer Violine
BARTÓK: Violinkonzert Nr. 2
TCHAIKOVSKY: Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36
Ich kann der NZZ nur beipflichten, was das Lob von Fischers Interpretation des Bartók-Konzertes betrifft – souverän, mit starkem Ton auch noch im leisesten Pianissimo, bebend, vibrierend, sehnig, und äusserst nuanciert. Wahnsinn, sowas live erleben zu können! Und unter Dutoits sicherem Dirigat wird auch die Klangkultur des Tonhalle-Orchesters wieder einmal aufs schönste hörbar, die ganze Bandbreite von fast schon schmerzhaft laut bis zu zart hingehauchten Passagen … der Maestro scheint ja ein regelmässiger Gast zu sein, aber ich verfolge das alles bekanntlich ja erst seit ein, zwei Jahren so aktiv. Als Zugabe spielte Fischer einen langsamen Satz aus einer der Sonaten oder Partiten Bachs – war wohl gut gemeint, aber passte nach meinem Empfinden nicht zu dem davor und dem danach.
Das danach war eben die vierte von Tschaikowsky, ein wunderlich Ding – aber wenn man Sibelius mögen soll, warum nicht auch Tschaikowsky? Das Publikum liebte die Symphonie, es gab am Ende ein zweites Mal langen und lauten Beifall für das Orchester und Dutoit, der auswendig dirigierte. Mein Platz auf der Galerie erlaubte es, Dutoit zu beobachten – und ich bin tatsächlich zum ersten Mal das ganze Konzert hindurch gestanden, um sein Dirigat zu beobachten, das gerade bei Tschaikowsky wirklich faszinierend war. Manchmal setzte er fast aus, andere Male dirigierte er nur mit der Linken in runden Kreisen, natürlich gab er auch den Schlag (mit der rechten mit kleinem Stock), aber viel interessanter waren seine Anweisungen mit der Linken, vor allem die Violinen wurden sehr aktiv gesteuert, während die Bläser durch ihre zahlreichen anspruchsvollen solistischen Passagen scheinbar selbstständig kamen, gewisse Einsätze markierte Dutoit auch mit lautem Mitbrummen der jeweils leitenden Stimme (wie Antonini es ja neulich auch schon tat, der sang oder summte noch viel öfter mit). Jedenfalls faszinierend, zuzuschauen.
Charles Dutoit Leitung
Julia Fischer Violine
BARTÓK: Violinkonzert Nr. 2
TCHAIKOVSKY: Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36
Ich kann der NZZ nur beipflichten, was das Lob von Fischers Interpretation des Bartók-Konzertes betrifft – souverän, mit starkem Ton auch noch im leisesten Pianissimo, bebend, vibrierend, sehnig, und äusserst nuanciert. Wahnsinn, sowas live erleben zu können! Und unter Dutoits sicherem Dirigat wird auch die Klangkultur des Tonhalle-Orchesters wieder einmal aufs schönste hörbar, die ganze Bandbreite von fast schon schmerzhaft laut bis zu zart hingehauchten Passagen … der Maestro scheint ja ein regelmässiger Gast zu sein, aber ich verfolge das alles bekanntlich ja erst seit ein, zwei Jahren so aktiv. Als Zugabe spielte Fischer einen langsamen Satz aus einer der Sonaten oder Partiten Bachs – war wohl gut gemeint, aber passte nach meinem Empfinden nicht zu dem davor und dem danach.
Das danach war eben die vierte von Tschaikowsky, ein wunderlich Ding – aber wenn man Sibelius mögen soll, warum nicht auch Tschaikowsky? Das Publikum liebte die Symphonie, es gab am Ende ein zweites Mal langen und lauten Beifall für das Orchester und Dutoit, der auswendig dirigierte. Mein Platz auf der Galerie erlaubte es, Dutoit zu beobachten – und ich bin tatsächlich zum ersten Mal das ganze Konzert hindurch gestanden, um sein Dirigat zu beobachten, das gerade bei Tschaikowsky wirklich faszinierend war. Manchmal setzte er fast aus, andere Male dirigierte er nur mit der Linken in runden Kreisen, natürlich gab er auch den Schlag (mit der rechten mit kleinem Stock), aber viel interessanter waren seine Anweisungen mit der Linken, vor allem die Violinen wurden sehr aktiv gesteuert, während die Bläser durch ihre zahlreichen anspruchsvollen solistischen Passagen scheinbar selbstständig kamen, gewisse Einsätze markierte Dutoit auch mit lautem Mitbrummen der jeweils leitenden Stimme (wie Antonini es ja neulich auch schon tat, der sang oder summte noch viel öfter mit). Jedenfalls faszinierend, zuzuschauen.
Katia & Marielle Labèque, Tonhalle-Orchester Zürich, Michel Tabachnik - 10. Februar 2017, Tonhalle Zürich
Tonhalle-Orchester Zürich
Michel Tabachnik Leitung
Katia und Marielle Labèque Klavierduo
Clara Mouriz Mezzosopran
PHILIP GLASS: Four movements for two pianos
FRANCIS POULENC: Konzert d-Moll für zwei Klaviere und Orchester
—
MANUEL DE FALLA: El sombrero de tres picos (Der Dreispitz)
Die Woche endete dann mit dem zweiten Konzertbesuch, den ich auch geplant hatte, um endlich mal den neuen und schon wieder abtretenden Chefdirigenten der Tonhalle, Lionel Bringuier zu hören. Die Labèques waren mir bis dahin unbekannt, das wird sich nach diesem fulminanten Auftritt ändern. In High Heels, für die man einen Waffenschein benötigt, kommen die beiden auf die Bühne und spielen zunächst das vierteilige Opus von Glass – äusserst mittelmässige Musik, nichtsdestotrotz brilliant präsentiert. Mittelmässig, weil ich öfter mal dachte: das klingt jetzt so, wie wenn einer etwas zu oft das „Köln Concert“ angehört hat und „sowas“ jetzt mal rasch komponiert. Geht nicht, geht nirgends hin, ist aber auch bei weitem nicht insistierend genug, als dass es jemals wirklich interessant würde. Aber gut, es klingt ganz nett, Pop-Klassik halt – kommt natürlich super an, das Publikum tobt, die Schwestern gehen nach hinten und wieder nach vorn und wieder nach hinten pp.
Dann das Konzert von Poulenc – mit relativ kleinem Orchester, ohne Umbau, die Bühne um die beiden Flügel herum immer noch leer, das Orchester dahinter. Am Pult also Tabachnik, ein mir völlig unbekannter, wie ich las einst von Karajan geförderter, auch nicht mehr so junger Dirigent. Ich weiss nicht, was ich von dem Stück halten soll, manche Passagen finde ich spitze, anderswo höre ich abgehangenes neoklassizistisches Zeug wie bei Stravinsky … aber die Labèques ficht das nicht an, in den leisesten Passagen wie im lauten Tastenlöwensteinwaydonner machen die eine souveräne Figur. Das Orchester spielte mit Verve, das Solocello im Flageolett war grossartig, anderes da und dort auch, aber beim Zusammenspiel schien es manchmal etwas zu hapern. Das fiel umso mehr auf, als die Labèques mit selbstverständlicher Souveränität aus der perfekten Synchronizität in leichte Versetzungen und wieder zurückfinden konnten – schon bei Glass war das sehr faszinierend zu beobachten.
Nach der Pause dann Falla – ein riesiges Orchester (acht Kontrabässe – die lagen bei Glass noch wie gestrandete Wale in der hintere Ecke der abgestuften Bühne herum), sehr farbig, zupackend, mitreissend aber für mein Empfinden nicht. Die Mezzosopranistin Clara Mouriz stand für den ersten Auftritt mitten im Orchester zwischen den Celli und den Bratschen (die Geigen sassen nebeneinander links und mittig, daneben die Bratschen, die Celli vorne am Bühnenrand), für den zweiten dann am Geländer der Galerie hinter der Bühne – das war alles ganz gut gemacht, aber weder musikalisch noch interpretatorisch wirklich zwingend. Und am Ende brauche ich von Falla doch eher etwas Klaviermusik und vielleicht Rubinsteins „Noches“. Uraufgeführt hatte das Werk in der Tonhalle übrigens in
Auszügen Igor Markewitsch im Jahr 1952, zuletzt gespielt wurde es vor 24 Jahren under Vladimir Fedoseyev … ich glaube das ist ein Intervall, das man in etwa beibehalten kann, da gibt es doch interessanteres, wenn man denn schon mal Musik aus dem 20. Jahrhundert programmieren mag.
Hier gibt es eine Besprechung eines der anderen Auftritte (mit Ravel statt Glass und ohne Falla – es gab vier Konzerte, ein kurzes über Mittag, das unten besprochene und zwei „richtige“ Abendkonzerte):
https://www.nzz.ch/feuilleton/hazel-brugger-in-der-tonhalle-keine-angst-vor-fallenden-kronleuchtern-ld.144867
Michel Tabachnik Leitung
Katia und Marielle Labèque Klavierduo
Clara Mouriz Mezzosopran
PHILIP GLASS: Four movements for two pianos
FRANCIS POULENC: Konzert d-Moll für zwei Klaviere und Orchester
—
MANUEL DE FALLA: El sombrero de tres picos (Der Dreispitz)
Die Woche endete dann mit dem zweiten Konzertbesuch, den ich auch geplant hatte, um endlich mal den neuen und schon wieder abtretenden Chefdirigenten der Tonhalle, Lionel Bringuier zu hören. Die Labèques waren mir bis dahin unbekannt, das wird sich nach diesem fulminanten Auftritt ändern. In High Heels, für die man einen Waffenschein benötigt, kommen die beiden auf die Bühne und spielen zunächst das vierteilige Opus von Glass – äusserst mittelmässige Musik, nichtsdestotrotz brilliant präsentiert. Mittelmässig, weil ich öfter mal dachte: das klingt jetzt so, wie wenn einer etwas zu oft das „Köln Concert“ angehört hat und „sowas“ jetzt mal rasch komponiert. Geht nicht, geht nirgends hin, ist aber auch bei weitem nicht insistierend genug, als dass es jemals wirklich interessant würde. Aber gut, es klingt ganz nett, Pop-Klassik halt – kommt natürlich super an, das Publikum tobt, die Schwestern gehen nach hinten und wieder nach vorn und wieder nach hinten pp.
Dann das Konzert von Poulenc – mit relativ kleinem Orchester, ohne Umbau, die Bühne um die beiden Flügel herum immer noch leer, das Orchester dahinter. Am Pult also Tabachnik, ein mir völlig unbekannter, wie ich las einst von Karajan geförderter, auch nicht mehr so junger Dirigent. Ich weiss nicht, was ich von dem Stück halten soll, manche Passagen finde ich spitze, anderswo höre ich abgehangenes neoklassizistisches Zeug wie bei Stravinsky … aber die Labèques ficht das nicht an, in den leisesten Passagen wie im lauten Tastenlöwensteinwaydonner machen die eine souveräne Figur. Das Orchester spielte mit Verve, das Solocello im Flageolett war grossartig, anderes da und dort auch, aber beim Zusammenspiel schien es manchmal etwas zu hapern. Das fiel umso mehr auf, als die Labèques mit selbstverständlicher Souveränität aus der perfekten Synchronizität in leichte Versetzungen und wieder zurückfinden konnten – schon bei Glass war das sehr faszinierend zu beobachten.
Nach der Pause dann Falla – ein riesiges Orchester (acht Kontrabässe – die lagen bei Glass noch wie gestrandete Wale in der hintere Ecke der abgestuften Bühne herum), sehr farbig, zupackend, mitreissend aber für mein Empfinden nicht. Die Mezzosopranistin Clara Mouriz stand für den ersten Auftritt mitten im Orchester zwischen den Celli und den Bratschen (die Geigen sassen nebeneinander links und mittig, daneben die Bratschen, die Celli vorne am Bühnenrand), für den zweiten dann am Geländer der Galerie hinter der Bühne – das war alles ganz gut gemacht, aber weder musikalisch noch interpretatorisch wirklich zwingend. Und am Ende brauche ich von Falla doch eher etwas Klaviermusik und vielleicht Rubinsteins „Noches“. Uraufgeführt hatte das Werk in der Tonhalle übrigens in
Auszügen Igor Markewitsch im Jahr 1952, zuletzt gespielt wurde es vor 24 Jahren under Vladimir Fedoseyev … ich glaube das ist ein Intervall, das man in etwa beibehalten kann, da gibt es doch interessanteres, wenn man denn schon mal Musik aus dem 20. Jahrhundert programmieren mag.
Hier gibt es eine Besprechung eines der anderen Auftritte (mit Ravel statt Glass und ohne Falla – es gab vier Konzerte, ein kurzes über Mittag, das unten besprochene und zwei „richtige“ Abendkonzerte):
https://www.nzz.ch/feuilleton/hazel-brugger-in-der-tonhalle-keine-angst-vor-fallenden-kronleuchtern-ld.144867
Sandrine Piau, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini - 6. Februar 2017, Tonhalle Zürich
Il Giardino Armonico
Giovanni Antonini Dirigent
Sandrine Piau Sopran
JOSEPH HAYDN
Sinfonie D-Dur Hob. I: 6 «Le matin»
«Berenice, che fai»
—
WOLGANG AMADEUS MOZART
Rezitativ «Giunse al fin il momento» und Arie «Deh vieni non tardar» (aus: Nozze di Figaro)
Arie «Non mi dir» (aus: Don Giovanni)
JOSEPH HAYDN:
Sinfonie A-Dur Hob. I: 64 «Tempora Mutantur»
WOLGANG AMADEUS MOZART:
Rezitativ «Grazie ai numi parti» und Arie «Nel grave tormento» (aus: Mitridate re di Ponto)
Kaum zuhause ging es ans nächste Konzert – das passte natürlich perfekt, denn Il Giardino Armonico wurde einst von Studenten der Mailänder Musikhochschule gegründet. Ich schätze die bisher drei Veröffentlichungen ihres grossangelegten Haydn-Projektes sehr (und hoffe natürlich, dass Antonini und sein Ensemble und vor allem das Label alpha – und nebenbei ich – bis 2032 überleben werden und die Reihe tatsächlich vollendet werden kann), schätze aber auch, was ich bisher von Sandrine Piau gehört habe. Keine Frage, dass ich hin musste, auch in der grössten Erschöpfung. Glücklicherweise hatte ich mir einen Platz in der ersten Reihe gegönnt, links vom Mittelgang und daher nur zwei, drei Meter vor Piau (und Antonini direkt daneben auf dem Podest). Die Haydn-Symphonien wurden mit viel Verve angegangen, ausser den beiden Cellisten und dem Kontrabass (einer, aber ein toller!) standen alle Musiker, am hinteren Rand der Bühne waren ein paar Stühle aufgestellt. Für Hob. I: 6 war das Orchester sehr klein besetzt, später wuchs und schrumpfte es mehrmals, doch behielt es stets die kristalline Klarheit, mit der die kleinsten Details hörbar gemacht wurden, trotz der teils wohl recht raschen Tempi (ich bin auch bei Haydns Symphonien noch nicht weit, das ist ja hier auch bekannt). Dann die lange grosse Arie von Haydn zum Abschluss vor der Pause mit einer sehr eindrücklichen Piau.
Mit zwei Mozart-Arien (und einem neuen Kleid) ging es nach der Pause weiter, zuerst die tolle Arie der Susanna aus „Le Nozze di Figaro“, dann aus Don Giovanni „Non mi dir“ von Donna Anna – und das gefiel mir fast noch besser. Was für eine Stimme, was für eine Kontrolle! Und wie toll, das aus nächster Nähe hören zu können, völlig ungefiltert und auch ziemlich laut. Dazu ein Wort: im grossen Tonhallesaal gehen Ensembles mit alten Instrumenten wohl etwas unter, bisher hatte ich aber zum Glück stets die Geistesgegenwart, mir bei solchen Konzerten recht teure Plätze ganz vorne zu leisten; das ist jeweils die dritte von Sechs Preiskategorien, ab Reihe 4 oder 5 beginnt die erste Kategorie, im Regelfall nehme ich die billigsten Karten auf der seitlichen Galerie, wo man aufstehen (sonst sieht man nichts, was auch okay ist) und gesetzt der Laden ist nicht voll (also praktisch immer) auch etwas herumspazieren und sich da hinstellen kann, wo man die beste Sicht hat. Aber gut, Il Giardino Armonico legte dann mit der Sinfonie Hob. I: 64 los, die ich nochmal ein ganzes Stück interessanter fand als die erste frühe. Und natürlich musste auch Piau nochmal ran, mit einer grossen Arie aus der mir noch unbekannten Mozart-Oper „Mitridate“. Danach gab es zwei Zugaben mit Piau, was die erste, auf deutsch gesungene, war habe ich leider vergessen (Piau sagte sie an bzw. sagte irgendwas, aber ich kannte die Arie bzw. das Stück nicht und habe keine Textbausteine mehr präsent, die ich suchen könnte). Als zweites gab es dann – Piau sagte nur: „Barbarina“ und strahlte! – die kleine, bezaubernde Arie der Barbarina aus „Le nozze di Figaro“, „L’ho perduta“. Damit endete ein beeindruckendes Konzert mit einer stillen Note – oder mit einem plötzlichen Abbruch. Vielen Dank, gerne bald wieder!
In der NZZ gab es eine nicht sehr lesenswerte Kritik:
https://www.nzz.ch/feuilleton/sandrine-piau-und-il-giardino-armonico-warum-schreit-berenice-auf-ld.144238
Giovanni Antonini Dirigent
Sandrine Piau Sopran
JOSEPH HAYDN
Sinfonie D-Dur Hob. I: 6 «Le matin»
«Berenice, che fai»
—
WOLGANG AMADEUS MOZART
Rezitativ «Giunse al fin il momento» und Arie «Deh vieni non tardar» (aus: Nozze di Figaro)
Arie «Non mi dir» (aus: Don Giovanni)
JOSEPH HAYDN:
Sinfonie A-Dur Hob. I: 64 «Tempora Mutantur»
WOLGANG AMADEUS MOZART:
Rezitativ «Grazie ai numi parti» und Arie «Nel grave tormento» (aus: Mitridate re di Ponto)
Kaum zuhause ging es ans nächste Konzert – das passte natürlich perfekt, denn Il Giardino Armonico wurde einst von Studenten der Mailänder Musikhochschule gegründet. Ich schätze die bisher drei Veröffentlichungen ihres grossangelegten Haydn-Projektes sehr (und hoffe natürlich, dass Antonini und sein Ensemble und vor allem das Label alpha – und nebenbei ich – bis 2032 überleben werden und die Reihe tatsächlich vollendet werden kann), schätze aber auch, was ich bisher von Sandrine Piau gehört habe. Keine Frage, dass ich hin musste, auch in der grössten Erschöpfung. Glücklicherweise hatte ich mir einen Platz in der ersten Reihe gegönnt, links vom Mittelgang und daher nur zwei, drei Meter vor Piau (und Antonini direkt daneben auf dem Podest). Die Haydn-Symphonien wurden mit viel Verve angegangen, ausser den beiden Cellisten und dem Kontrabass (einer, aber ein toller!) standen alle Musiker, am hinteren Rand der Bühne waren ein paar Stühle aufgestellt. Für Hob. I: 6 war das Orchester sehr klein besetzt, später wuchs und schrumpfte es mehrmals, doch behielt es stets die kristalline Klarheit, mit der die kleinsten Details hörbar gemacht wurden, trotz der teils wohl recht raschen Tempi (ich bin auch bei Haydns Symphonien noch nicht weit, das ist ja hier auch bekannt). Dann die lange grosse Arie von Haydn zum Abschluss vor der Pause mit einer sehr eindrücklichen Piau.
Mit zwei Mozart-Arien (und einem neuen Kleid) ging es nach der Pause weiter, zuerst die tolle Arie der Susanna aus „Le Nozze di Figaro“, dann aus Don Giovanni „Non mi dir“ von Donna Anna – und das gefiel mir fast noch besser. Was für eine Stimme, was für eine Kontrolle! Und wie toll, das aus nächster Nähe hören zu können, völlig ungefiltert und auch ziemlich laut. Dazu ein Wort: im grossen Tonhallesaal gehen Ensembles mit alten Instrumenten wohl etwas unter, bisher hatte ich aber zum Glück stets die Geistesgegenwart, mir bei solchen Konzerten recht teure Plätze ganz vorne zu leisten; das ist jeweils die dritte von Sechs Preiskategorien, ab Reihe 4 oder 5 beginnt die erste Kategorie, im Regelfall nehme ich die billigsten Karten auf der seitlichen Galerie, wo man aufstehen (sonst sieht man nichts, was auch okay ist) und gesetzt der Laden ist nicht voll (also praktisch immer) auch etwas herumspazieren und sich da hinstellen kann, wo man die beste Sicht hat. Aber gut, Il Giardino Armonico legte dann mit der Sinfonie Hob. I: 64 los, die ich nochmal ein ganzes Stück interessanter fand als die erste frühe. Und natürlich musste auch Piau nochmal ran, mit einer grossen Arie aus der mir noch unbekannten Mozart-Oper „Mitridate“. Danach gab es zwei Zugaben mit Piau, was die erste, auf deutsch gesungene, war habe ich leider vergessen (Piau sagte sie an bzw. sagte irgendwas, aber ich kannte die Arie bzw. das Stück nicht und habe keine Textbausteine mehr präsent, die ich suchen könnte). Als zweites gab es dann – Piau sagte nur: „Barbarina“ und strahlte! – die kleine, bezaubernde Arie der Barbarina aus „Le nozze di Figaro“, „L’ho perduta“. Damit endete ein beeindruckendes Konzert mit einer stillen Note – oder mit einem plötzlichen Abbruch. Vielen Dank, gerne bald wieder!
In der NZZ gab es eine nicht sehr lesenswerte Kritik:
https://www.nzz.ch/feuilleton/sandrine-piau-und-il-giardino-armonico-warum-schreit-berenice-auf-ld.144238
Tonhalle-Orchester Zürich, Pablo Heras-Casado: Schubert, Bartók – Tonhalle, Zürich - 13. Januar 2017
Tonhalle-Orchester Zürich
Pablo Heras-Casado Leitung
SCHUBERT: Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200
BARTÓK: Konzert für Orchester
Gestern auch zum ersten Mal dieses Jahr in der Tonhalle, wie üblich auf den billigsten Plätzen … die Karte hatte ich in erster Linie gekauft, weil Christoph von Dohnányi angekündigt war. Der sagte jedoch krankheitshalber ab und Pablo Heras-Casado sprang ein. Schubert hätte, vermute ich, bei Dohnányi ganz anders getönt, bei Heras-Casado kam eher Beethoven heraus, wobei natürlich der Schubert’sche Schwung schon zu hören war, aber der Kopfsatz wurde so wuchtig gespielt, dass man wirklich an Beethoven dachte – und dass sich auch die Vermutung aufdrängte, Heras-Casado wolle hier schon ein wenig auf Bartók verweisen bzw. Elemente hervorheben, die Schubert etwas moderner – und schroffer – klingen lassen sollten, als das üblicherweise der Fall ist. Aber gut, keinesfalls falsch, auch eine Symphonie live aufzuführen, die kaum als Meisterwerk zu betrachten ist. Nach einer halben Stunde war dann bereits Pause und danach folgte in riesiger Besetzung Bartók. Das gefiel mir dann ausserordentlich gut, das Orchester sass auf der Stuhlkante, spielte sehr aufmerksam und lebendig. Der Applaus war verdientermassen gross und lang, auch wenn das alles in allem doch ein eher „kleiner“ Abend war.
Nachtrag:
Nachdem mich am Samstag eine Besprechung im Tagesanzeiger (der Rezensent war wohl beim ersten Konzert am Donnerstag) etwas verunsichert hatte (grandioser Schubert, lahmer/zusammenhangloser Bartók, so die Kürzestfassung) gibt es heute in der NZZ auch noch eine Besprechung:
http://www.nzz.ch/feuilleton/pablo-heras-casado-beim-tonhalle-orchester-zuerich-nur-einspringer-ld.139946
Dass beim Schubert die Funken stieben, war ja nicht das Problem, im Gegenteil, zu wuchtig war er mir trotzdem, zu schwer, auch wenn im zweiten Satz das Wienerische (das meinte ich oben mit „Schwung“, meine Zeilen sind schludrig und faul, aber so ist gerade die Laune, pardon) durchaus zu hören war und die Wucht etwas zurückgebunden wurde.
Bartók findet beim Rezensenten der NZZ (Wildhagen war in der Elbphi, aber die Rezensionen dazu habe ich noch nicht angeschaut) allerdings Gefallen, wie bei mir ja auch.
Wenn ich aber nach den beiden ersten Eindrücken die Wahl hätte, würde ich mir eher Järvi denn Heras-Casado als Nachfolger am Pult wünschen.
Pablo Heras-Casado Leitung
SCHUBERT: Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200
BARTÓK: Konzert für Orchester
Gestern auch zum ersten Mal dieses Jahr in der Tonhalle, wie üblich auf den billigsten Plätzen … die Karte hatte ich in erster Linie gekauft, weil Christoph von Dohnányi angekündigt war. Der sagte jedoch krankheitshalber ab und Pablo Heras-Casado sprang ein. Schubert hätte, vermute ich, bei Dohnányi ganz anders getönt, bei Heras-Casado kam eher Beethoven heraus, wobei natürlich der Schubert’sche Schwung schon zu hören war, aber der Kopfsatz wurde so wuchtig gespielt, dass man wirklich an Beethoven dachte – und dass sich auch die Vermutung aufdrängte, Heras-Casado wolle hier schon ein wenig auf Bartók verweisen bzw. Elemente hervorheben, die Schubert etwas moderner – und schroffer – klingen lassen sollten, als das üblicherweise der Fall ist. Aber gut, keinesfalls falsch, auch eine Symphonie live aufzuführen, die kaum als Meisterwerk zu betrachten ist. Nach einer halben Stunde war dann bereits Pause und danach folgte in riesiger Besetzung Bartók. Das gefiel mir dann ausserordentlich gut, das Orchester sass auf der Stuhlkante, spielte sehr aufmerksam und lebendig. Der Applaus war verdientermassen gross und lang, auch wenn das alles in allem doch ein eher „kleiner“ Abend war.
Nachtrag:
Nachdem mich am Samstag eine Besprechung im Tagesanzeiger (der Rezensent war wohl beim ersten Konzert am Donnerstag) etwas verunsichert hatte (grandioser Schubert, lahmer/zusammenhangloser Bartók, so die Kürzestfassung) gibt es heute in der NZZ auch noch eine Besprechung:
http://www.nzz.ch/feuilleton/pablo-heras-casado-beim-tonhalle-orchester-zuerich-nur-einspringer-ld.139946
Dass beim Schubert die Funken stieben, war ja nicht das Problem, im Gegenteil, zu wuchtig war er mir trotzdem, zu schwer, auch wenn im zweiten Satz das Wienerische (das meinte ich oben mit „Schwung“, meine Zeilen sind schludrig und faul, aber so ist gerade die Laune, pardon) durchaus zu hören war und die Wucht etwas zurückgebunden wurde.
Bartók findet beim Rezensenten der NZZ (Wildhagen war in der Elbphi, aber die Rezensionen dazu habe ich noch nicht angeschaut) allerdings Gefallen, wie bei mir ja auch.
Wenn ich aber nach den beiden ersten Eindrücken die Wahl hätte, würde ich mir eher Järvi denn Heras-Casado als Nachfolger am Pult wünschen.
Tonhalle-Orchester Zürich, Steven Isserlis, Paavo Järvi: Prokofiev, Kurtág, Schumann - Tonhalle, Zürich, 16. Dezember 2016
Tonhalle-Orchester Zürich
Paavo Järvi Leitung
Steven Isserlis Violoncello
Sergej Prokofjew: Cellokonzert e-Moll op. 58
György Kurtág: Aus: „Signs, Games and Messages“ für Violoncello solo
--
Robert Schumann: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 „Rheinische“
Gestern in der Tonhalle … neue Leute für mich, kenne weder Järvi noch Isserlis mehr denn oberflächlich. Das Prokofiev-Konzert kannte ich noch nicht, meine bisher einzige Einspielung kam lustigerweise gestern Nachmittag (in der Icon-Box von János Starker), lief dann auch mal rasch im Hintergrund, klang aber ziemlich anders als dann mit Isserlis, der schrammelte und kratzte, sein Cello nur selten singen liess. Mir kam das Konzert wie ein riesiges Pasticchio vor, zusammengeklebt und geschraubt aus Tausend kleinen Fragmenten und Ideen, Melodiefetzen, Geräuschen … es wirkte ziemlich disparat und inkonsequent und ich war mir auch keinesfalls sicher, ob das Orchester seinen Teil im Griff hatte (es handelte sich um die insgesamt vierte und letzte Aufführung des Programmes, dreimal ohne Kurtág, einmal über Mittag nur Prokofiev). Järvi und Isserlis schienen aber zufrieden zu sein, obwohl es auch noch einen Unterbruch gab – Isserlis hörte zu spielen auf, rief „Sorry!“, stimmte nach und dann ging es weiter (ich vermute mit dem Beginn des 2. Satzes, bin aber überhaupt nicht sicher, da alles am Stück gespielt wurde). Danach gab es knappe zehn Minuten Kurtág, das war unglaublich, aber das schon von Prokofiev teils überforderte Publikum war leider unruhig und die manchmal sehr leise Musik verlor sich im grossen Saal etwas.
Nach der Pause dann die dritte Symphonie von Schumann (seine letzte, doch die heute als vierte geltende wurde später noch einmal überarbeitet). Und da ging die Post ab (was die Überforderten nicht mehr merkten, viele gingen in der Pause). Järvi liess losspielen noch bevor der Applaus verklungen war, nur zweimal (bei fünf Sätzen) gab es kurze Unterbrechungen nach den Sätzen. Fulminant, und für mich wohl ein grosser Schritt dahin, Schumanns Orchestermusik besser zu verstehen.
Paavo Järvi Leitung
Steven Isserlis Violoncello
Sergej Prokofjew: Cellokonzert e-Moll op. 58
György Kurtág: Aus: „Signs, Games and Messages“ für Violoncello solo
--
Robert Schumann: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 „Rheinische“
Gestern in der Tonhalle … neue Leute für mich, kenne weder Järvi noch Isserlis mehr denn oberflächlich. Das Prokofiev-Konzert kannte ich noch nicht, meine bisher einzige Einspielung kam lustigerweise gestern Nachmittag (in der Icon-Box von János Starker), lief dann auch mal rasch im Hintergrund, klang aber ziemlich anders als dann mit Isserlis, der schrammelte und kratzte, sein Cello nur selten singen liess. Mir kam das Konzert wie ein riesiges Pasticchio vor, zusammengeklebt und geschraubt aus Tausend kleinen Fragmenten und Ideen, Melodiefetzen, Geräuschen … es wirkte ziemlich disparat und inkonsequent und ich war mir auch keinesfalls sicher, ob das Orchester seinen Teil im Griff hatte (es handelte sich um die insgesamt vierte und letzte Aufführung des Programmes, dreimal ohne Kurtág, einmal über Mittag nur Prokofiev). Järvi und Isserlis schienen aber zufrieden zu sein, obwohl es auch noch einen Unterbruch gab – Isserlis hörte zu spielen auf, rief „Sorry!“, stimmte nach und dann ging es weiter (ich vermute mit dem Beginn des 2. Satzes, bin aber überhaupt nicht sicher, da alles am Stück gespielt wurde). Danach gab es knappe zehn Minuten Kurtág, das war unglaublich, aber das schon von Prokofiev teils überforderte Publikum war leider unruhig und die manchmal sehr leise Musik verlor sich im grossen Saal etwas.
Nach der Pause dann die dritte Symphonie von Schumann (seine letzte, doch die heute als vierte geltende wurde später noch einmal überarbeitet). Und da ging die Post ab (was die Überforderten nicht mehr merkten, viele gingen in der Pause). Järvi liess losspielen noch bevor der Applaus verklungen war, nur zweimal (bei fünf Sätzen) gab es kurze Unterbrechungen nach den Sätzen. Fulminant, und für mich wohl ein grosser Schritt dahin, Schumanns Orchestermusik besser zu verstehen.
András Schiff, Tonhalle-Orchester Zürich, Bernard Haitink: Beethoven, Bruckner - Tonhalle, Zürich, 9. Dezember 2016
Tonhalle-Orchester Zürich
Bernard Haitink Leitung
Sir András Schiff Klavier
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll
Gestern also meine Entbrucknerung – einen besseren als Haitink hätte ich mir dafür wohl nicht wünschen können. Wahnsinn! Aber von Anfang an: mit Schiff bin ich bisher nicht weit, die Doppel-CD mit den Diabelli-Variationen und den anderen letzten Klavierwerken Beethovens liegt ja schon hier und gefällt, gerade erst diese Woche kam auch die neue Box, die seinen Beethoven Sonatenzyklus vereint (zum grössten Teil 2004-206 in der Tonhalle eingespielt, die Zugaben von diesen Konzerten findet man auf einer separaten CD ebenfalls, die drei letzten Sonaten wurden in Österreich eingespielt, davon ist keine Zugabe zu finden, Schiff windet dem Publikum in Zürich ein Kränzchen und meint eben auch, dass die Zugaben quasi in Zusammenarbeit mit dem Publikum entstünden, aber vielleicht war auch einfach kein Platz für die österreichischen Zugaben, wer weiss). Aus der Box hörte ich dann am Donnerstagabend die erste CD (bzw. das erste Volumen, auf zwei CDs verteilt die Sonaten 1-4) und war ziemlich angetan davon. Im Konzert (gestern war die dritte und letzte Aufführung des Programmes, das am Mittwoch erstmals erklang) spielte Schiff einen in der Höhe etwas schrillen Bösendorfer, der in der Tiefe etwas dumpf klang. Im Kopfsatz führte das zu einem etwas gewöhnungsbedürftigen Klang, doch setzte sich am Ende alles aufs Schönste zusammen. Schiffs Umgang mit dem Klavierpart war ziemlich frei, in den Ecksätzen fächerte er Läufe und Akkorde immer wieder auf, liess die Töne in kleinsten Versetzungen nebeneinander statt miteinander erklingen. Den langsamen Mittelsatz spielte er – das wohl wenn man so will die Kempff-Linie – in einer Weise, dass er fast wie eine Improvisation klang. Eine Improvisation von einer beiläufigen und völlig lockeren Brillanz. Im dritten Satz fügte sich für mich dann alles zusammen und das zuvor teils Überraschende oder auch etwas Unverständlich klingende ergab plötzlich Sinn.
Dann war erstmal Pause, das Orchester musste sich ja noch rasch nahezu verdoppeln, ein grösserer Bühnenumbau war angesagt. Bruckners Musik brachte die Akustik des Tonhalle-Saals an ihre Grenzen, aber Haitink gelang es, den Klang auszureizen ohne den Saal zu fluten (was neulich bei den Wagner-Stücklein unter Runnicles nicht so gut klappte). Seine Meisterschaft liegt wohl darin, stets die Kontrolle zu haben, die Musik zwar atmen aber nie ausufern zu lassen. Sein Dirigat beeindruckte mich (nach dem Brahms-Requiem vor etwa einem Jahr) erneut sehr – die Rechte gibt mehr oder weniger den Takt, manchmal mit etwas weiteren Gesten, die Linke wird manchmal gar nicht gebraucht, dann gibt sie mit ganz kleinen Gesten Anweisungen, die aber mit einer Präzision und Wirksamkeit umgesetzt werden, dass man fast schon an Zauberei denken muss. Mich blies die Musik der ersten zwei Sätze nahezu weg, da brach soviel auf mich herein, dass ich kaum noch wusste, wo oben und unten ist. Darauf war ich ja gefasst, aber das Konzerterlebnis ist halt schon unersetzbar in der direkten Intensität und auch darin, die Materialität der Musik zu erfassen – das Knarzen der Bässe, das Surren der Saiten im Moment bevor der Bogen wieder angesetzt wird … und natürlich ist auch die räumliche Wahrnehmung der Musik eine völlig andere als daheim. Ich wartete dann immer gespannter auf den dritten Satz, das gigantische Adagio. Und wie davor bei Beethoven setzte sich nun alles zusammen, ich hatte das Gefühl, zu verstehen (ohne dass ich irgendwas davon in Worte fassen könnte).
Ich wollte daheim dann an sich gleich die ganzen Bruckner-Symphonien am Stück durchhören, am besten sofort und ohne diese mühsamen und störenden Schlafpausen, die ja kein Tier ausser dem Menschen braucht. Aber ich griff stattdessen dann doch zu vertrautem …
PS: Sehr interessant natürlich der Kontrast zu Gardiner/Bezuidenhout – ich kann nicht sagen, dass mir das eine Zugriff besser gefällt, ich lasse sehr gerne beide nebeneinander als ebenso gültige Herangehensweisen stehen (Schiff schreibt im Vorwort zur Box mit dem Sonaten-Zyklus, dass er zur Hälfte einen Steinway, zur Hälfte einen Bösendorfer gespielt habe, dass er am liebsten – um der Vielfalt an Klangfarben halbwegs gerecht zu werden – den ganzen Zyklus noch einmal an einem historischen Instrument einspielen würde … immer munter los damit, bitte!)
Und hier noch der NZZ-Bericht, gestern schon in der Zeitung, also wohl über den ersten Abend am Mittwoch:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/bernard-haitink-und-andras-schiff-in-zuerich-balance-auf-der-baustelle-ld.133766
Bernard Haitink Leitung
Sir András Schiff Klavier
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll
Gestern also meine Entbrucknerung – einen besseren als Haitink hätte ich mir dafür wohl nicht wünschen können. Wahnsinn! Aber von Anfang an: mit Schiff bin ich bisher nicht weit, die Doppel-CD mit den Diabelli-Variationen und den anderen letzten Klavierwerken Beethovens liegt ja schon hier und gefällt, gerade erst diese Woche kam auch die neue Box, die seinen Beethoven Sonatenzyklus vereint (zum grössten Teil 2004-206 in der Tonhalle eingespielt, die Zugaben von diesen Konzerten findet man auf einer separaten CD ebenfalls, die drei letzten Sonaten wurden in Österreich eingespielt, davon ist keine Zugabe zu finden, Schiff windet dem Publikum in Zürich ein Kränzchen und meint eben auch, dass die Zugaben quasi in Zusammenarbeit mit dem Publikum entstünden, aber vielleicht war auch einfach kein Platz für die österreichischen Zugaben, wer weiss). Aus der Box hörte ich dann am Donnerstagabend die erste CD (bzw. das erste Volumen, auf zwei CDs verteilt die Sonaten 1-4) und war ziemlich angetan davon. Im Konzert (gestern war die dritte und letzte Aufführung des Programmes, das am Mittwoch erstmals erklang) spielte Schiff einen in der Höhe etwas schrillen Bösendorfer, der in der Tiefe etwas dumpf klang. Im Kopfsatz führte das zu einem etwas gewöhnungsbedürftigen Klang, doch setzte sich am Ende alles aufs Schönste zusammen. Schiffs Umgang mit dem Klavierpart war ziemlich frei, in den Ecksätzen fächerte er Läufe und Akkorde immer wieder auf, liess die Töne in kleinsten Versetzungen nebeneinander statt miteinander erklingen. Den langsamen Mittelsatz spielte er – das wohl wenn man so will die Kempff-Linie – in einer Weise, dass er fast wie eine Improvisation klang. Eine Improvisation von einer beiläufigen und völlig lockeren Brillanz. Im dritten Satz fügte sich für mich dann alles zusammen und das zuvor teils Überraschende oder auch etwas Unverständlich klingende ergab plötzlich Sinn.
Dann war erstmal Pause, das Orchester musste sich ja noch rasch nahezu verdoppeln, ein grösserer Bühnenumbau war angesagt. Bruckners Musik brachte die Akustik des Tonhalle-Saals an ihre Grenzen, aber Haitink gelang es, den Klang auszureizen ohne den Saal zu fluten (was neulich bei den Wagner-Stücklein unter Runnicles nicht so gut klappte). Seine Meisterschaft liegt wohl darin, stets die Kontrolle zu haben, die Musik zwar atmen aber nie ausufern zu lassen. Sein Dirigat beeindruckte mich (nach dem Brahms-Requiem vor etwa einem Jahr) erneut sehr – die Rechte gibt mehr oder weniger den Takt, manchmal mit etwas weiteren Gesten, die Linke wird manchmal gar nicht gebraucht, dann gibt sie mit ganz kleinen Gesten Anweisungen, die aber mit einer Präzision und Wirksamkeit umgesetzt werden, dass man fast schon an Zauberei denken muss. Mich blies die Musik der ersten zwei Sätze nahezu weg, da brach soviel auf mich herein, dass ich kaum noch wusste, wo oben und unten ist. Darauf war ich ja gefasst, aber das Konzerterlebnis ist halt schon unersetzbar in der direkten Intensität und auch darin, die Materialität der Musik zu erfassen – das Knarzen der Bässe, das Surren der Saiten im Moment bevor der Bogen wieder angesetzt wird … und natürlich ist auch die räumliche Wahrnehmung der Musik eine völlig andere als daheim. Ich wartete dann immer gespannter auf den dritten Satz, das gigantische Adagio. Und wie davor bei Beethoven setzte sich nun alles zusammen, ich hatte das Gefühl, zu verstehen (ohne dass ich irgendwas davon in Worte fassen könnte).
Ich wollte daheim dann an sich gleich die ganzen Bruckner-Symphonien am Stück durchhören, am besten sofort und ohne diese mühsamen und störenden Schlafpausen, die ja kein Tier ausser dem Menschen braucht. Aber ich griff stattdessen dann doch zu vertrautem …
PS: Sehr interessant natürlich der Kontrast zu Gardiner/Bezuidenhout – ich kann nicht sagen, dass mir das eine Zugriff besser gefällt, ich lasse sehr gerne beide nebeneinander als ebenso gültige Herangehensweisen stehen (Schiff schreibt im Vorwort zur Box mit dem Sonaten-Zyklus, dass er zur Hälfte einen Steinway, zur Hälfte einen Bösendorfer gespielt habe, dass er am liebsten – um der Vielfalt an Klangfarben halbwegs gerecht zu werden – den ganzen Zyklus noch einmal an einem historischen Instrument einspielen würde … immer munter los damit, bitte!)
Und hier noch der NZZ-Bericht, gestern schon in der Zeitung, also wohl über den ersten Abend am Mittwoch:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/bernard-haitink-und-andras-schiff-in-zuerich-balance-auf-der-baustelle-ld.133766
Kristian Bezuidenhout, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner: Brahms, Beethoven, Schubert - Tonhalle, Zürich, 14. November 2016
JOHANNES BRAHMS: Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
encore: BEETHOVEN: Largo, aus Sonate Op. 10 Nr. 3
FRANZ SCHUBERT: Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485
Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Kristian Bezuidenhout Hammerflügel
Bezuidenhouts Mozart-Serie auf harmonia mundi gefällt mir hervorragend, mit Orchester kannte ich bisher nur (einst wohl auf arte gesehen) einen Auftritt mit den Freiburger Barockern und Mozart-Klavierkonzerten, da hat Bezuidenhout vom Hammerflügel aus dirigiert – auch das fand ich hervorragend. Gardiner zählt hier zu den verehrteren Künstlern der Gegenwart, nicht nur mit Bachs Kantaten und Passionen, auch die Mozart-Konzerte mit Bilson, die Beethoven’sche Missa solemnis, die Opern Mozarts gefallen mir sehr gut, und die beiden bisherigen Konzerterlebnisse in der letzten Saison (Janáceks Missa glagolitica mit seinem Chor und dem Tonhalle-Orchester hier in Zürich und die Matthäus Passion mit seinem Chor und den English Baroque Soloists in Luzern) waren ebenfalls überragend.
Grosse Vorfreude also, aber auch ein paar Fragezeichen, denn mit Beethoven kannte ich – von der Messe abgesehen (und der „Leonore“ von Gardiner, die ich aber erst einmal rasch durchgehört habe) – beide noch nicht, Schubert hatte ich von Gardiner ebenfalls noch nicht gehört und Brahms liegt zwar da (mit Gardiner die Symphonien und das Requiem, die Serenaden mit Chailly), aber noch ungehört. Den Auftakt machte Brahms‘ zweite Serenade, in der die Bläser in Paaren auftreten und bei den Streichern die Violinen fehlen. Das ergibt einen besonderen Klang, den Gardiner dadurch noch verstärkte, dass er die Bläserpaare auf steilen Bühnenaufbauten hintereinander staffelte. Die Wirkung war toll, aber ich habe mich doch da und dort bei der langen Weile ertappt – das Ding von Brahms ist ganz nett, die einfachen Motive und ihre Entwicklung schön nachzuvollziehen aber da und dort zieht es sich ein wenig.
Nach einer längeren Umbaupause ging es dann mit Beethovens viertem Klavierkonzert weiter. Die Geigen waren wieder dabei, die Streicher sonst wohl ähnlich zahlreich – für Beethoven vermutlich eine Art Minimalbesetzung (vgl. erste Rezension unten), gegen die Bezuidenhout am Hammerflügel aber dennoch einen schweren Stand hatte, vor allem im ersten Satz. Es brauchte oft eine gehörige Anstrengung, im durchaus transparenten aber auch wuchtigen Gesamtklang den Flügel herauszuhören. Ich weiss nicht, ob ich zu weit vorne sass (etwas zu tief unten) und ob man in der achten oder zehnten Reihe mehr vom Hammerklavier gehört hätte – oder ob man dort erst recht gar nichts mehr hören konnte. Jedenfalls war es irgendwie imposant anzusehen, wie Bezuidenhouts Hände über die Tastatur flogen, wie er einen heroischen Kampf focht, in dem er aber immer wieder unterzugehen drohte. Nach der unfassbaren Kadenz, in der man zum ersten Mal hören konnte, wie schön Bezuidenhouts Instrument eigentlich klang (und dass es durchaus etwas Volumen besitzt, auch wenn es beim Zusammenspiel mit dem Orchester oft nahezu körperlos wirkte), hellte sich im zweiten Satz sich das Geschehen etwas auf. Der singenden Flügel verschaffte sich Gehör im Dialog mit dem drohend grollenden Orchester, zähmt dieses und bringt es schliesslich dazu, mit ihm zusammen in wohlklingenden Gesang einzustimmen. Der dritte Satz folgte direkt, explosiv, schnell … und am Ende brandete der Applaus wie eine Woge auf. Ein Wechselbad, in dem ich anfänglich durchaus den Gedanken an Beethoven hatte, wie dieser verloren an seiner Klapperkiste sass, die er fast manisch traktierte, ohne dass man was hören konnte … in der Hoffnung darauf wohl, dass dereinst ein Instrument erfunden würde, das Abhilfe schaffen würde. Bezuidenhout spielte nach mehreren Runden Applaus eine tolle Zugabe, wie ich lese das Largo aus der Sonate Op. 10 Nr. 3 (dass es Beethoven war, war mir ziemlich klar, aber ich wäre nicht drauf gekommen, was). Dann Pause, und es waren schon 90 Minuten verstrichen, die ziemlich raffiniert gemacht waren mit dem Höhepunkt Beethoven und der geradezu beruhigend wirkenden, getragenen Zugabe, in der man den durchaus schönen Klang des Instrumentes (ein neuer Graf-Nachbau) bewundern konnte.
Nach der Pause gab es dann gleich noch einen mächtigen Knall mit Schuberts fünfter Symphonie. Ausser der Celli und Bässen stand das ganze Orchester (die beiden vordersten Cellisten hatten auch den Dorn nicht ausgefahren), was – so kam es mir vor – eine rechte Ladung Energie freisetzte, die denn auch in der Musik überzeugend umgesetzt wurde. Ein Ende mit einem Knall. Was genau ich von Schuberts Symphonien (von der grossen C-Dur und der Unvollendeten mal ab) halten soll, weiss ich noch immer nicht, aber so gespielt im Konzert gerne jederzeit wieder!
Rezension der NZZ (wieder einmal Christian Wildhagen – guter Mann!):
Rezension auf Musicweb / Seen and Heard International
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
encore: BEETHOVEN: Largo, aus Sonate Op. 10 Nr. 3
FRANZ SCHUBERT: Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485
Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Kristian Bezuidenhout Hammerflügel
Grosse Vorfreude also, aber auch ein paar Fragezeichen, denn mit Beethoven kannte ich – von der Messe abgesehen (und der „Leonore“ von Gardiner, die ich aber erst einmal rasch durchgehört habe) – beide noch nicht, Schubert hatte ich von Gardiner ebenfalls noch nicht gehört und Brahms liegt zwar da (mit Gardiner die Symphonien und das Requiem, die Serenaden mit Chailly), aber noch ungehört. Den Auftakt machte Brahms‘ zweite Serenade, in der die Bläser in Paaren auftreten und bei den Streichern die Violinen fehlen. Das ergibt einen besonderen Klang, den Gardiner dadurch noch verstärkte, dass er die Bläserpaare auf steilen Bühnenaufbauten hintereinander staffelte. Die Wirkung war toll, aber ich habe mich doch da und dort bei der langen Weile ertappt – das Ding von Brahms ist ganz nett, die einfachen Motive und ihre Entwicklung schön nachzuvollziehen aber da und dort zieht es sich ein wenig.
Nach einer längeren Umbaupause ging es dann mit Beethovens viertem Klavierkonzert weiter. Die Geigen waren wieder dabei, die Streicher sonst wohl ähnlich zahlreich – für Beethoven vermutlich eine Art Minimalbesetzung (vgl. erste Rezension unten), gegen die Bezuidenhout am Hammerflügel aber dennoch einen schweren Stand hatte, vor allem im ersten Satz. Es brauchte oft eine gehörige Anstrengung, im durchaus transparenten aber auch wuchtigen Gesamtklang den Flügel herauszuhören. Ich weiss nicht, ob ich zu weit vorne sass (etwas zu tief unten) und ob man in der achten oder zehnten Reihe mehr vom Hammerklavier gehört hätte – oder ob man dort erst recht gar nichts mehr hören konnte. Jedenfalls war es irgendwie imposant anzusehen, wie Bezuidenhouts Hände über die Tastatur flogen, wie er einen heroischen Kampf focht, in dem er aber immer wieder unterzugehen drohte. Nach der unfassbaren Kadenz, in der man zum ersten Mal hören konnte, wie schön Bezuidenhouts Instrument eigentlich klang (und dass es durchaus etwas Volumen besitzt, auch wenn es beim Zusammenspiel mit dem Orchester oft nahezu körperlos wirkte), hellte sich im zweiten Satz sich das Geschehen etwas auf. Der singenden Flügel verschaffte sich Gehör im Dialog mit dem drohend grollenden Orchester, zähmt dieses und bringt es schliesslich dazu, mit ihm zusammen in wohlklingenden Gesang einzustimmen. Der dritte Satz folgte direkt, explosiv, schnell … und am Ende brandete der Applaus wie eine Woge auf. Ein Wechselbad, in dem ich anfänglich durchaus den Gedanken an Beethoven hatte, wie dieser verloren an seiner Klapperkiste sass, die er fast manisch traktierte, ohne dass man was hören konnte … in der Hoffnung darauf wohl, dass dereinst ein Instrument erfunden würde, das Abhilfe schaffen würde. Bezuidenhout spielte nach mehreren Runden Applaus eine tolle Zugabe, wie ich lese das Largo aus der Sonate Op. 10 Nr. 3 (dass es Beethoven war, war mir ziemlich klar, aber ich wäre nicht drauf gekommen, was). Dann Pause, und es waren schon 90 Minuten verstrichen, die ziemlich raffiniert gemacht waren mit dem Höhepunkt Beethoven und der geradezu beruhigend wirkenden, getragenen Zugabe, in der man den durchaus schönen Klang des Instrumentes (ein neuer Graf-Nachbau) bewundern konnte.
Nach der Pause gab es dann gleich noch einen mächtigen Knall mit Schuberts fünfter Symphonie. Ausser der Celli und Bässen stand das ganze Orchester (die beiden vordersten Cellisten hatten auch den Dorn nicht ausgefahren), was – so kam es mir vor – eine rechte Ladung Energie freisetzte, die denn auch in der Musik überzeugend umgesetzt wurde. Ein Ende mit einem Knall. Was genau ich von Schuberts Symphonien (von der grossen C-Dur und der Unvollendeten mal ab) halten soll, weiss ich noch immer nicht, aber so gespielt im Konzert gerne jederzeit wieder!
Rezension der NZZ (wieder einmal Christian Wildhagen – guter Mann!):
Rezension auf Musicweb / Seen and Heard International
Anja Harteros, Tonhalle-Orchester Zürich, Donald Runnicles: Webern, R. Strauss, Wagner - Tonhalle, Zürich, 28. Oktober 2016
Tonhalle-Orchester Zürich
Donald Runnicles Leitung
Anja Harteros Sopran
Anton Webern: „Im Sommerwind“ Idylle für grosses Orchester
Richard Strauss: Ausgewählte Orchesterlieder
--
Richard Wagner: Auszüge aus „Götterdämmerung“
Der Auftakt mit Webern war süffig, Musik irgendwo zwischen Spätromantik und Hollywood, zwischen Pastorale und Stravinsky. Beschwingt, üppig, vollmundig und doch recht leicht … wird gewiss kein Lieblingsstück, scheint aber auch mit Weberns wichtigeren Werken (auf die ich sehr gespannt bin, grösstenteils noch in völliger Unkenntnis, gut Ding will eben Weile haben) auch wenig gemein zu haben.
Nach einer Viertelstunde folgte dann der Grund, warum ich in die Tonhalle: Anja Harteros mit Orchesterliedern von Richard Strauss. Der Reihe nach gab es:
Runnicles‘ Dirigat war etwas gar gradlinig, etwas ruppig auch, nicht sehr auf Nuancen aus, was sich dann im Wagner bemerkbar machte, doch die Lieder mit Harteros gelangen wunderbar, die Solo-Violine (Andreas Janke wohl, wenn es denn derselbe war wie am Donnerstag, wovon ich mal ausgehe) war klasse, die Zartheit in „Meinem Kinde“ (mit kammermusikalischer Begleitung) bezaubernd. Harteros brachte selbst das zarteste Pianissimo perfekt – was für eine Stimme! Mein Highlight war erwartungsgemäss „Morgen“, das sie dann als Zugabe noch einmal sang – und es gelang ihr eine noch berührendere, noch zartere Version.
Nach der Pause dann Wagner, Auszüge aus der „Götterdämmerung“. Zum Einstieg Siegfrieds Rheinfahrt, dann Siegfrieds Tod und der Schluss des dritten Aktes. Wuchtige Musik, sehr beeindruckend besonders der mittlere Teil – aber eben: irgendwie auch etwas durchgespielt, zwar mit sattem Orchesterklang (da hat Bringuier für diese Art Musik wohl schon etwas geholfen, auch wenn dafür anderswo die Sensibilität etwas abnahm) aber ohne richtige Führung – es fehlte die Strenge und Unbedingtheit, die bei dieser Musik so nötig ist bzw. sie zum echten Rausch-Erlebnis macht (dieses fand so halbwegs statt, aber am Ende war es halt verpufft).
Donald Runnicles Leitung
Anja Harteros Sopran
Anton Webern: „Im Sommerwind“ Idylle für grosses Orchester
Richard Strauss: Ausgewählte Orchesterlieder
--
Richard Wagner: Auszüge aus „Götterdämmerung“
Der Auftakt mit Webern war süffig, Musik irgendwo zwischen Spätromantik und Hollywood, zwischen Pastorale und Stravinsky. Beschwingt, üppig, vollmundig und doch recht leicht … wird gewiss kein Lieblingsstück, scheint aber auch mit Weberns wichtigeren Werken (auf die ich sehr gespannt bin, grösstenteils noch in völliger Unkenntnis, gut Ding will eben Weile haben) auch wenig gemein zu haben.
Nach einer Viertelstunde folgte dann der Grund, warum ich in die Tonhalle: Anja Harteros mit Orchesterliedern von Richard Strauss. Der Reihe nach gab es:
Die heiligen drei Könige aus dem Morgenland Op. 56/6Die vier letzten Lieder hatte sie ein oder zwei Saisons früher unter dem neuen/bald-schon-nicht-mehr Chefdirigenten Lionel Bringuier gegeben, das hatte ich leider verpasst. Dieses Mal gab es andere Lieder unter dem schottischen Kapellmeister Donald Runnicles, der sein Tonhalle-Debut wohl letzte Saison gab (und am Donnerstag beim ersten von zwei identen Programmen bei Webern anscheinend abbrach, um nochmal von vorne anzusetzen – es habe, so der Rezensent der NZZ, fast nach dem Neutöner Webern geklungen, wo es dies eben gerade nicht tun sollte).
Meinem Kinde Op. 37/3
Waldseligkeit Op. 49/1
Ruhe, meine Seele Op. 27/1
Morgen! Op. 27/4
Zueignung Op. 10/1
encore: Morgen! Op. 27/4
Runnicles‘ Dirigat war etwas gar gradlinig, etwas ruppig auch, nicht sehr auf Nuancen aus, was sich dann im Wagner bemerkbar machte, doch die Lieder mit Harteros gelangen wunderbar, die Solo-Violine (Andreas Janke wohl, wenn es denn derselbe war wie am Donnerstag, wovon ich mal ausgehe) war klasse, die Zartheit in „Meinem Kinde“ (mit kammermusikalischer Begleitung) bezaubernd. Harteros brachte selbst das zarteste Pianissimo perfekt – was für eine Stimme! Mein Highlight war erwartungsgemäss „Morgen“, das sie dann als Zugabe noch einmal sang – und es gelang ihr eine noch berührendere, noch zartere Version.
Nach der Pause dann Wagner, Auszüge aus der „Götterdämmerung“. Zum Einstieg Siegfrieds Rheinfahrt, dann Siegfrieds Tod und der Schluss des dritten Aktes. Wuchtige Musik, sehr beeindruckend besonders der mittlere Teil – aber eben: irgendwie auch etwas durchgespielt, zwar mit sattem Orchesterklang (da hat Bringuier für diese Art Musik wohl schon etwas geholfen, auch wenn dafür anderswo die Sensibilität etwas abnahm) aber ohne richtige Führung – es fehlte die Strenge und Unbedingtheit, die bei dieser Musik so nötig ist bzw. sie zum echten Rausch-Erlebnis macht (dieses fand so halbwegs statt, aber am Ende war es halt verpufft).
L'état, c'est moi - Musik am Hofe des Sonnenkönigs: Kammermusik-Matinee - Tonhalle, Zürich, 12. Juni 2016
FRANCOIS COUPERIN: "La Françoise" (aus: "Les Nations", Premier ordre)
MICHEL PIGNOLET DE MONTÉCLAIR: "La Mort de Didon", "Europe" (Cantates)
JEAN-BAPTISTE LULLY: "Trios pour le Coucher du Roi" (aus: "Trios de Chambre du Roi", LWV 35)
Alice Borciani Sopran
Esther Pitschen Amekhchoune Flöte
Cornelia Angerhofer Violine
Andreas Sami Violoncello
Margarete Kopelent Cembalo
Emanuele Forni Laute
Heute morgen ein etwas seltsames Konzert mit Kammermusik aus der Zeit von Louis XIV - seltsam, weil das gigantische Cembalo eher zu deutscher Musik des frühen 19. gepasst, weil Violine und Cello wohl mit Stahlsaiten (beides, ebenso wie die Flötistin, die aber ein Holzinstrument vermutlich älteren Datums bzw. einen Nachbau spielte, Mitglieder des Tonhalle-Orchesters) bestückt waren ... daneben ging die Laute von Emanuele Forni etwas unter (wenn das Cembalo gleichzeitig spielte, merkte man grad noch knapp, ob die Laute mitspielte oder nicht). Aber lohnenswert war das alleweil, denn wann kriegt man schon Suiten von Couperin ("La Françoise") und Lully ("Trios pour le Coucher du Roi" aus LWV 35) im Konzert zu hören?
Der Hauptgrund hinzugehen war allerdings der Mittelteil, für den die Sopranistin Alice Borciani dazustiess. Sie sang zwei Kantaten von Michel Pignolet de Montéclair (und das hört man nun ganz bestimmt nicht alle Tage im Konzert), zuerst "La Mort de Didon" und danach "Europe" - und sie überspielte mit ihrem Charme locker das etwas unausgewogene Begleitensemble, das auch zusätzlich animiert wirkte (und etwas von dem Schwung in den abschliessenden Lully hinüberrettete, der Couperin vom Beginn wirkte im Vergleich etwas müde).
MICHEL PIGNOLET DE MONTÉCLAIR: "La Mort de Didon", "Europe" (Cantates)
JEAN-BAPTISTE LULLY: "Trios pour le Coucher du Roi" (aus: "Trios de Chambre du Roi", LWV 35)
Alice Borciani Sopran
Esther Pitschen Amekhchoune Flöte
Cornelia Angerhofer Violine
Andreas Sami Violoncello
Margarete Kopelent Cembalo
Emanuele Forni Laute
Heute morgen ein etwas seltsames Konzert mit Kammermusik aus der Zeit von Louis XIV - seltsam, weil das gigantische Cembalo eher zu deutscher Musik des frühen 19. gepasst, weil Violine und Cello wohl mit Stahlsaiten (beides, ebenso wie die Flötistin, die aber ein Holzinstrument vermutlich älteren Datums bzw. einen Nachbau spielte, Mitglieder des Tonhalle-Orchesters) bestückt waren ... daneben ging die Laute von Emanuele Forni etwas unter (wenn das Cembalo gleichzeitig spielte, merkte man grad noch knapp, ob die Laute mitspielte oder nicht). Aber lohnenswert war das alleweil, denn wann kriegt man schon Suiten von Couperin ("La Françoise") und Lully ("Trios pour le Coucher du Roi" aus LWV 35) im Konzert zu hören?
Der Hauptgrund hinzugehen war allerdings der Mittelteil, für den die Sopranistin Alice Borciani dazustiess. Sie sang zwei Kantaten von Michel Pignolet de Montéclair (und das hört man nun ganz bestimmt nicht alle Tage im Konzert), zuerst "La Mort de Didon" und danach "Europe" - und sie überspielte mit ihrem Charme locker das etwas unausgewogene Begleitensemble, das auch zusätzlich animiert wirkte (und etwas von dem Schwung in den abschliessenden Lully hinüberrettete, der Couperin vom Beginn wirkte im Vergleich etwas müde).
Patricia Kopatchinskaja, Chamber Orchestra of Europe, Thierry Fischer: Weinberg, Prokofiev, Beethoven - Tonhalle, Zürich, 9. Mai 2016
MIECZYSLAW WEINBERG: Sinfonie Nr. 10 a-Moll op. 98 "Transcendence" für Streicher
SERGEJ PROKOFJEW: Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Patricia Kopatchinskaja Violine
Chamber Orchestra of Europe
Thierry Fischer
2016 schaffte ich endlich, Patrcia Kopatchinskaja im Konzert zu hören, als Teil der "Neuen Konzertreihe Zürich". Der Romand Thierry Fischer übernahm kurzfristig die komplette Tour (inklusive Repertoire), denn Vladimir Jurowski musste, wie es hiess, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Das war nun gar kein Verlust (obwohl ich Jurowski gelegentlich auch gerne mal in Aktion sehen würde).
Ich sass wieder mal hinter der Bühne, klanglich nicht perfekt für Prokofiev und Beethoven, aber ich mag es dennoch, dort zu sitzen, weil man viel vom Orchester mitkriegt (und die Plätze im Parkett wären mir schlichtweg zu teuer).
Auf die Weinberg-Symphonie war ich überhaupt nicht vorbereitet, kenne von ihm zwar einzelnes aber bisher keine Symphonien. Sie ist nur für Streicher komponiert, es spielten glaube ich 16 Musiker (je vier erste und zweite Geigen, je drei Bratschen und Celli sowie zwei Bässe). Das Stück ist phantastisch, viel solistische Passagen (für Violine, Viola, Cello und Kontrabass gleichermassen), sehr intensiv, reich an Farben und mit einigem Humor, aber als Ganzes doch nachdenklich, melancholisch, brütend. Das Publikum war wie zu erwarten unruhig, Gehuste, scharrende Füsse etc. Aber die meisten waren auch schondabei, als Beethoven noch selbst seine Symphonien dirigierte, im 20. Jahrhundert (vom 21. zu schweigen) kommen die Silberrücken nicht mehr an (aber was mit den Klassik-Sälen geschieht wenn die mal ausgestorben sind, ist die nächste Frage - trotzdem könnten sie mal noch einen Versuch wagen, die Stöcke aus dem A... zu ziehen, bitte).
Dann gab es einen kleinen Umbau für Prokofievs zweites Konzert, hinter den vergrösserten Streichern baute sich eine ganze Reihe Bläser auf, zudem zwei Schlagzeuger. Das Konzert mag ich einigermassen gerne (hatte in den Tagen davor öfter die Einspielung unter Jurowski auf naïve angehört), ging auch v.a. deshalb in die Tonhalle, um endlich Patricia Kopatchinskaja live zu hören. Sie nahm die Bühne im Sturm, spielte vom Solo-Einstieg an höchst konzentriert, stampfte, tanzte wenn sie nicht spielte, drehte sich immer wieder zu den Musikern oder Registern um, mit denen sie gerade in Dialog trat ... eine brennende, intensive Interpretation, aber musikalisch nach dem grossartigen Werk Weinbergs für mich etwas weniger toll, einfach von der Komposition her, da konnte Kopatchinskaja gar nichts dafür. Bei den lauten Passagen war von meinem Platz aus die Solo-Violine oft kaum noch zu hören, aber damit hätte ich rechnen müssen.
Als Zugabe spielte sie dann den zweiten Satz aus Ravels Sonate für Violine und Cello, gemeinsam mit dem Solo-Cellisten, den man davor in Weinbergs Zehnter ausgiebig zu hören bekam. Auch das mit viel Engagement und Verve gespielt. Kenne das Stück bisher nicht, aber irgendwo steht die Decca-Box mit Ravels kompletten Werken herum ...
Nach der Pause gab es eine mitreissende Aufführung von Beethovens siebter Symphonie: ein rauschhafter Tanz, sehr beeindruckend, das Orchester nochmal etwas angewachsen und umgestellt (die ersten und zweiten Geigen am Bühnenrand, Bratschen und Celli dazwischen). Das Stück entwickelte eine ungeheure Dynamik, stellenweise hätte man eine Nadel fallen hören, und wenige Schläge später erklang ein sattes fff. Leider sassen nun die sehr aktiven (und verdammt guten!) beiden Hornisten vor bzw. unter mir, was den Gesamtklang stellenweise doch etwas aus den Fugen geraten liess.
Jedenfalls ein hervorragendes Konzert und ein tolles Erlebnis, ein so gutes und quicklebendiges Orchester live zu erleben!
Der Rezensent der NZZ war fast noch begeisterter:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/patricia-kopatchinskaja-in-der-tonhalle-zuerich-mit-haut-und-haar-ld.81773
SERGEJ PROKOFJEW: Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Patricia Kopatchinskaja Violine
Chamber Orchestra of Europe
Thierry Fischer
2016 schaffte ich endlich, Patrcia Kopatchinskaja im Konzert zu hören, als Teil der "Neuen Konzertreihe Zürich". Der Romand Thierry Fischer übernahm kurzfristig die komplette Tour (inklusive Repertoire), denn Vladimir Jurowski musste, wie es hiess, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Das war nun gar kein Verlust (obwohl ich Jurowski gelegentlich auch gerne mal in Aktion sehen würde).
Ich sass wieder mal hinter der Bühne, klanglich nicht perfekt für Prokofiev und Beethoven, aber ich mag es dennoch, dort zu sitzen, weil man viel vom Orchester mitkriegt (und die Plätze im Parkett wären mir schlichtweg zu teuer).
Auf die Weinberg-Symphonie war ich überhaupt nicht vorbereitet, kenne von ihm zwar einzelnes aber bisher keine Symphonien. Sie ist nur für Streicher komponiert, es spielten glaube ich 16 Musiker (je vier erste und zweite Geigen, je drei Bratschen und Celli sowie zwei Bässe). Das Stück ist phantastisch, viel solistische Passagen (für Violine, Viola, Cello und Kontrabass gleichermassen), sehr intensiv, reich an Farben und mit einigem Humor, aber als Ganzes doch nachdenklich, melancholisch, brütend. Das Publikum war wie zu erwarten unruhig, Gehuste, scharrende Füsse etc. Aber die meisten waren auch schondabei, als Beethoven noch selbst seine Symphonien dirigierte, im 20. Jahrhundert (vom 21. zu schweigen) kommen die Silberrücken nicht mehr an (aber was mit den Klassik-Sälen geschieht wenn die mal ausgestorben sind, ist die nächste Frage - trotzdem könnten sie mal noch einen Versuch wagen, die Stöcke aus dem A... zu ziehen, bitte).
Dann gab es einen kleinen Umbau für Prokofievs zweites Konzert, hinter den vergrösserten Streichern baute sich eine ganze Reihe Bläser auf, zudem zwei Schlagzeuger. Das Konzert mag ich einigermassen gerne (hatte in den Tagen davor öfter die Einspielung unter Jurowski auf naïve angehört), ging auch v.a. deshalb in die Tonhalle, um endlich Patricia Kopatchinskaja live zu hören. Sie nahm die Bühne im Sturm, spielte vom Solo-Einstieg an höchst konzentriert, stampfte, tanzte wenn sie nicht spielte, drehte sich immer wieder zu den Musikern oder Registern um, mit denen sie gerade in Dialog trat ... eine brennende, intensive Interpretation, aber musikalisch nach dem grossartigen Werk Weinbergs für mich etwas weniger toll, einfach von der Komposition her, da konnte Kopatchinskaja gar nichts dafür. Bei den lauten Passagen war von meinem Platz aus die Solo-Violine oft kaum noch zu hören, aber damit hätte ich rechnen müssen.
Als Zugabe spielte sie dann den zweiten Satz aus Ravels Sonate für Violine und Cello, gemeinsam mit dem Solo-Cellisten, den man davor in Weinbergs Zehnter ausgiebig zu hören bekam. Auch das mit viel Engagement und Verve gespielt. Kenne das Stück bisher nicht, aber irgendwo steht die Decca-Box mit Ravels kompletten Werken herum ...
Nach der Pause gab es eine mitreissende Aufführung von Beethovens siebter Symphonie: ein rauschhafter Tanz, sehr beeindruckend, das Orchester nochmal etwas angewachsen und umgestellt (die ersten und zweiten Geigen am Bühnenrand, Bratschen und Celli dazwischen). Das Stück entwickelte eine ungeheure Dynamik, stellenweise hätte man eine Nadel fallen hören, und wenige Schläge später erklang ein sattes fff. Leider sassen nun die sehr aktiven (und verdammt guten!) beiden Hornisten vor bzw. unter mir, was den Gesamtklang stellenweise doch etwas aus den Fugen geraten liess.
Jedenfalls ein hervorragendes Konzert und ein tolles Erlebnis, ein so gutes und quicklebendiges Orchester live zu erleben!
Der Rezensent der NZZ war fast noch begeisterter:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/patricia-kopatchinskaja-in-der-tonhalle-zuerich-mit-haut-und-haar-ld.81773
Fazil Say: Mozart, Chopin, Say - Tonhalle, Zürich, 19. April 2016
WOLFGANG AMADEUS MOZART
Klaviersonate Nr. 12 F-Dur KV 332
Klaviersonate Nr. 18 D-Dur KV 576
--
FRÉDÉRIC CHOPIN
Nocturne b-Moll op. 9 Nr. 1
Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2
Nocturne H-Dur op. 9 Nr. 3
Nocturne Nr. 20 cis-Moll op. posthum
Nocturne fis-Moll op. 48 Nr. 2
Nocturne g-Moll op. 37 Nr. 1
Nocturne H-Dur op. 32 Nr. 1
Zugaben: FAZIL SAY
Fazil Say Klavier
Nur ein paar lose Gedanken: KV 332 begann zunächst ziemlich trocken - so auch Says Auftreten am ganzen Abend: zügig zum Flügel, kurzer Knicks, hinsetzen und losspielen noch bevor der letzte Applaus ganz verhallt ist. Doch bald begann die Musik lebendig zu werden, Say spielte mit dem Tempo, mit der Dynamik - und das steuerte unweigerlich auf den Moment zu, wo man sich fragt: ist das jetzt Mozart oder Say? Nicht dass mir an der Klärung dieser Frage viel gelegen wäre, aber der Zugriff schien mir sehr persönlich und letzten Endes wohl nicht immer gänzlich nachvollziehbar. Ähnlich ging es weiter mit KV 576, diesmal ohne trockenen Beginn sondern gleich in medias res.
Nach der Pause dann Chopin, und da gelangen Say, so fand ich, immer wieder bezaubernde, ja berückende Momente. Ob er dem Programm genau folgte, vermag ich nicht zu sagen, ich kenne die Nocturnes nicht einzeln, auch wenn sie mir als Werkkorpus ziemlich vertraut sind. Das war alles ziemlich kompakt (zweimal 35 Minuten, der zweite Block ev. etwas länger?) und man wunderte sich mal wieder über die Notwendigkeit der Pause (die hat wohl rein ökonomische und ev. geriatrische Gründe). Anyway, es folgte ein dritter, kürzerer Block mit Zugaben, Eigenkompositionen von Say wohl, von denen wenigstens die mittlere mit ihren simplen süffigen Changes (die vage an die Melodie von "M.A.S.H.", aka "Suicide Is Painless" erinnern) mir vertraut vorkam, wohl einst am Radio gehört bei einem anderen Say-Konzert. Das Publikum war sehr gemischt, es schienen auch ziemlich viele türkischstämmige Leute anwesend zu sein, nach der ersten Zugabe erhoben sich manche, nach der zweiten etwas mehr, bei der dritten Griff Say dann ins innere des Flügels (hübsch, aber pardon, aus dem Jazz kennt man da so viel mehr und Interessanteres) - und damit hatte er dann seine Standing Ovation ... eine letzte Verbeugung und exit.
Fällt mir schwer ein Fazit zu ziehen, ich war auch zu müde an dem Abend, um an ein Konzert zu gehen, hatte aber eine ordentlich teure Karte (auf dem Podium in der linken Ecke, konnte halbwegs auf die Hände sehen, der Klang war erstaunlich gut und die Nähe zum Geschehen ist schon etwas, was ich schätze) und wollte auch hingehen ... aber insgesamt war das etwas zwiespältig, Chopin das Highlight, die Zugaben für mich dann eher etwas überflüssig, aber es sei ihm unbenommen, seine eigenen Sachen zu spielen, an sich finde ich das ja durchaus unterstützenswert, bloss waren die drei Stücke nicht wirklich mein Fall.
Klaviersonate Nr. 12 F-Dur KV 332
Klaviersonate Nr. 18 D-Dur KV 576
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FRÉDÉRIC CHOPIN
Nocturne b-Moll op. 9 Nr. 1
Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2
Nocturne H-Dur op. 9 Nr. 3
Nocturne Nr. 20 cis-Moll op. posthum
Nocturne fis-Moll op. 48 Nr. 2
Nocturne g-Moll op. 37 Nr. 1
Nocturne H-Dur op. 32 Nr. 1
Zugaben: FAZIL SAY
Fazil Say Klavier
Nur ein paar lose Gedanken: KV 332 begann zunächst ziemlich trocken - so auch Says Auftreten am ganzen Abend: zügig zum Flügel, kurzer Knicks, hinsetzen und losspielen noch bevor der letzte Applaus ganz verhallt ist. Doch bald begann die Musik lebendig zu werden, Say spielte mit dem Tempo, mit der Dynamik - und das steuerte unweigerlich auf den Moment zu, wo man sich fragt: ist das jetzt Mozart oder Say? Nicht dass mir an der Klärung dieser Frage viel gelegen wäre, aber der Zugriff schien mir sehr persönlich und letzten Endes wohl nicht immer gänzlich nachvollziehbar. Ähnlich ging es weiter mit KV 576, diesmal ohne trockenen Beginn sondern gleich in medias res.
Nach der Pause dann Chopin, und da gelangen Say, so fand ich, immer wieder bezaubernde, ja berückende Momente. Ob er dem Programm genau folgte, vermag ich nicht zu sagen, ich kenne die Nocturnes nicht einzeln, auch wenn sie mir als Werkkorpus ziemlich vertraut sind. Das war alles ziemlich kompakt (zweimal 35 Minuten, der zweite Block ev. etwas länger?) und man wunderte sich mal wieder über die Notwendigkeit der Pause (die hat wohl rein ökonomische und ev. geriatrische Gründe). Anyway, es folgte ein dritter, kürzerer Block mit Zugaben, Eigenkompositionen von Say wohl, von denen wenigstens die mittlere mit ihren simplen süffigen Changes (die vage an die Melodie von "M.A.S.H.", aka "Suicide Is Painless" erinnern) mir vertraut vorkam, wohl einst am Radio gehört bei einem anderen Say-Konzert. Das Publikum war sehr gemischt, es schienen auch ziemlich viele türkischstämmige Leute anwesend zu sein, nach der ersten Zugabe erhoben sich manche, nach der zweiten etwas mehr, bei der dritten Griff Say dann ins innere des Flügels (hübsch, aber pardon, aus dem Jazz kennt man da so viel mehr und Interessanteres) - und damit hatte er dann seine Standing Ovation ... eine letzte Verbeugung und exit.
Fällt mir schwer ein Fazit zu ziehen, ich war auch zu müde an dem Abend, um an ein Konzert zu gehen, hatte aber eine ordentlich teure Karte (auf dem Podium in der linken Ecke, konnte halbwegs auf die Hände sehen, der Klang war erstaunlich gut und die Nähe zum Geschehen ist schon etwas, was ich schätze) und wollte auch hingehen ... aber insgesamt war das etwas zwiespältig, Chopin das Highlight, die Zugaben für mich dann eher etwas überflüssig, aber es sei ihm unbenommen, seine eigenen Sachen zu spielen, an sich finde ich das ja durchaus unterstützenswert, bloss waren die drei Stücke nicht wirklich mein Fall.
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