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Marc-Antoine Charpentier: Médée - 18. Februar 2017, Opernhaus Zürich (Christie, Homoki)

Musikalische Leitung: William Christie
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme: Mechthild Seipel
Lichtgestaltung: Franck Evin
Choreographische Beratung: Katrin Kolo
Choreinstudierung: Jürg Hämmerli
Dramaturgie: Werner Hintze, Fabio Dietsche

Médée: Stéphanie D’Oustrac
Jason: Reinoud Van Mechelen
Créon: Nahuel Di Pierro
Créuse: Mélissa Petit
Oronte: Ivan Thirion
L’Amour, Captif de l’Amour, Premier Fantôme: Florie Valiquette
Nérine: Carmen Seibel
Arcas, Second Corinthien, La Jalousie: Spencer Lang
Un Argien, La Vengeance: Roberto Lorenzi
Une Italienne: Sandrine Droin
Premier Corinthien, Un Argien, Un Démon: Nicholas Scott
Cleone: Gemma Ni Bhriain
Deuxième Fantôme: Francisca Montiel

Cembalo: Paolo Zanzu
Laute: Brian Feehan, Juan Sebastian Lima
Cello: Claudius Herrmann
Gambe: Martin Zeller
Violone: Dieter Lange
Orchestra La Scintilla
Chor der Oper Zürich
Mitglieder von Les Arts Florissants

Phänomenale Sache gestern, „Médée“ von Marc-Antoine Charpentier im Opernhaus Zürich. Mit der Inszenierung, der Bühne, konnte ich mich nicht umgehend anfreunden. Christian Wildhagen hat sich in der NZZ sehr kritisch zu Homokis Arbeit bei dieser Oper geäussert, doch mir haben die Inszenierungen der „Divertissements“ (sie sind es, die Wildhagen nicht mochte) einigermassen eingeleuchtet, am Ende fand ich das alles sehr stimmig und durchaus aus einem Guss.

Ansonsten: phantastische Musik, bei der Wort und Musik sich die Waage halten, bei der jeder Schnörkel der Singstimmen dem Text dient – und nicht etwa der Betonung von gesanglichen Qualitäten. Letztere sind allerdings gerade von grösster Bedeutung – und nach der etwas zweifelhaften Diktion einiger Stimmen beim „Don Carlo“ neulich in Mailand (mein Bericht versteckt sich hier): Was für ein riesiger Genuss, eine Oper zu hören, in der alle der französischen Sprache mächtig sind, perfekt idiomatisch vom Anfang bis zum Schluss! Kleinere Probleme der Diktion, eine gewisse Unverständlichkeit nimmt man ja alle Tage in Kauf, wenn man in die Oper geht; ich bin längst darauf eingestellt, da und dort etwas Nachsicht walten zu lassen – umso mehr war es wie ein Schlag ins Gesicht gestern: einfach perfekt, bis ins Detail.

Stéphanie d’Oustrac hat die Rolle der Medea wahrlich absorbiert, eine ebenso beeindruckende Sängerin wie Schauspielerin, die schon länger mit William Christie arbeitet. Die kleineren Hauptrollen waren ebenfalls überzeugend besetzt, Reinoud Van Mechelens hoher Tenor war immer wieder bezaubernd, auch Nahuel Di Pierro, Mélissa Petit und Ivan Thirion überzeugten, ebenso die verschiedenen kleinen Rollen. Beeindruckend auch einmal mehr Chor und La Scintilla, von Christie teils vom Cembalo aus geleitet (es gab daneben im Graben ein zweites Cembalo und auch eine kleine Orgel – leider konnte ich nur in der Pause kurz runterblicken, ansonsten sah ich nur wenig vom Orchester). Das Orchester wurde v.a. in den Bläsern durch einige Zuzüger verstärkt, der Chor durch eine „haute contre“-Sektion von Christies Les Arts florissants. Gerade der Chor beeindruckte mich einmal mehr, er hat ordentlich was zu tun bei dieser Oper und auch das klappte stets bestens.

Die Bühne war zweistöckig eingerichtet, wobei die obere Etage manchmal ganz nach oben gezogen, öfter so weit heruntergefahren wurde, dass sie quasi zu einer Stufe wurde. Dahinter gab es noch einen Raum, der allerdings nur für Auf- und Abgänge verwendet wurde, doch das war alles sehr einfach, grafisch auch in der farblichen Ausstattung. Stéphanie d’Oustrac beherrschte die Bühne förmlich, kaum tauchte sie auf (und sie war fast immer da) – eine enorme Präsenz und Ausstrahlung. Man merkt der Oper an, dass Charpentier die Figur der Medea wohl ursprünglich mochte – sie kriegt immer wieder unglaublich schöne Musik, ist überhaupt Herz und Zentrum der Oper. Mir ging es so, dass ich viel eher auf ihrer Seite war – auf der Seite der Schwarzen (und dunkelhaarigen), nicht auf der Seite der stets hell gewandeten (und passenderweise auch noch blonden) Créuse, die für ihr Schicksal wohl nicht viel kann, aber dennoch nicht sympathisch wird – auch nicht im musikalisch überaus betörenden Liebesduett mit Jason.

Ergänzung: das Piano, das Pianissimo immer wieder – die Oper Zürich ist ja zum Glück recht klein (ich war dennoch froh um mein kleines Fernglas, um d’Oustrac auch aus der Nähe sehen zu können – Wahnsinn, diese Frau!) und es ist problemlos möglich, zwei Stimmen und ein paar hingetupfte Cembalo-Töne ganz leise in den Raum klingen zu lassen. Die Intimität, die gestern dadurch erzeugt wurde, hatte oft etwas fast schon Voyeuristisches, Übergriffiges: Man sieht und hört und fühlt etwas, das einen eigentlich überhaupt gar nichts angeht. So zumal der erzeugte Eindruck. So richtig laut wie beim Züricher „Don Carlo“ im letzten Herbst wurde es natürlich bei Charpentier nicht, aber wie Christie mit der Dynamik, der Lautstärke gearbeitet hat, war unglaublich eindrücklich. Die Spannung wurde gerade in den leisen Momenten oft nicht nur gehalten sondern gesteigert. Es ist dies wohl auch der Hauptunterschied zu den CD-Einspielungen (auch von Christie, er hat deren zwei gemacht und insgeheim wünsche ich mir eine dritte mit d’Oustrac – oder doch lieber eine Film-Produktion davon, keine Ahnung, ob in Zürich Kameras liefen, gestern jedenfalls nicht, aber zu wünsche wäre es), denn diese Differenzierungen kriegt man daheim einfach nicht hin bzw. sie würden einen nur aufregen, weil man die ganze Zeit am Lautstärkenregler drehen müsste, um nicht die Wände einstürzen zu lassen oder um überhaupt etwas hören zu können.

Dmitri Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk - 27. Dezember 2016, Opernhaus Zürich (V. Petrenko, Homoki)

Musikalische Leitung Vasily Petrenko
Inszenierung Andreas Homoki
Bühne Hartmut Meyer
Kostüme Mechthild Seipel
Lichtgestaltung Franck Evin
Choreinstudierung Ernst Raffelsberger
Dramaturgie Claus Spahn

Katerina Ismailowa: Gun-Brit Barkmin
Boris / Geist des Boris: Pavel Daniluk
Sinowij: Oleksiy Palchykov
Sergej: Misha Didyk
Axinja: Kismara Pessatti
Sonetka: Deniz Uzun
Zwangsarbeiterin: Sen Guo
Der Schäbige / Kutscher: Michael Laurenz
Pope / Alter Zwangsarbeiter: Wenwei Zhang
Polizeichef / Wächter / Sergeant: Valeriy Murga
Verwalter / Polizist: Dimitri Pkhaladze
Hausknecht Dmytro Kalmuchyn
Lehrer: Trystan Llŷr Griffiths
1. Vorarbeiter: Michael Laurenz
2. Vorarbeiter: Gyula Rab
3. Vorarbeiter: Huw Montague Rendall
Mühlenarbeiter: Robert Weybora

Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Gestern gab es schliesslich, als krönenden Abschluss eines enorm intensiven Musikjahres (klick), das auch ein kurzes aber tolles Opernjahr war – das erste überhaupt nach fast 20 Jahren Pause – den krönenden Abschluss mit Schostakowitschs „Lady Macbeth“.

Barkmin in der Titelrolle war schon 2013 dabei, als die Inszenierung erstmals in Zürich gezeigt wurde (da stand Currentzis am Pult): http://www.nzz.ch/feuilleton/buehne/scharf-gewuerzt-1.18060319. Bei dieser letzten Wiederaufnahme engagierte man Vasily Petrenko, und unter seiner Leitung war das Orchester einmal mehr phänomenal. ich hatte einen teuren Platz mit perfektem Blick auf die Bühne und auf das Orchester und Petrenko, der mir öfter wie ein Magier vorkam (obwohl ich noch nicht mit Schostakowitschs Symphonien angefangen habe, muss ich mir Petrenko da mal merken). Ich habe keine Worte für das Gehörte, aber es war unglaublich intensiv, die ganzen kleineren Rollen um Barkmin herum waren ebenfalls sehr gut besetzt, besonders gut gefiel mir der dunkle Mezzo von Deniz Uzun, aber auch Wenwei Zhang als Pope war klasse, ebenso Valeriy Murga als Polizeichef … aber auch die Rollen des Sergej, des lüsternen Schwiegervaters etc. waren bestens besetzt. Im Orchester gab es fünf oder sechs Schlagzeuger, dazu ein über dem Graben positionierter weiterer Mann am Xylophon. Nicht nur die Blechbläser (mit Tuba) hatten viel zu tun, auch im Holz gab es immer wieder solistische Ausflüge (von den drei Flöten und Piccolos, der Bassklarinette, der ersten – von drei – Klarinetten, den Fagotten oder dem Kontrafagott). Eine zupackende, handgreifliche, manchmal vulgäre Musik, die noch gesteigert wird durch die Banda, die in Clown-Kostümen auf der Bühne mitten im Geschehen positioniert war, geleitet (auf der Bühne) von Michael Laurenz, der eine Doppelrolle als Kutscher und als der Schäbige übernahm, in einem Kostüm, das an Kubricks „A Clockwork Orange“ erinnerte. Ganz gewiss nichts für feine Gemüter (die beiden älteren Herren neben mir ganz vorne in der Loge kamen nach der Pause nicht mehr, obwohl ihnen gerade die Sexszenen hervorragend zu gefallen schienen … vielleicht hatten sie schon genug nach den ersten fünf Bildern/zwei Akten).