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Taktlos 17: Kaja Draksler Octet, Amok Amor, Julie Kjaer 3, Carate Urio Orchestra, Anna Högberg Attack - Rote Fabrik, Zürich, 4. & 6. Mai 2017

Das Festival geht zwar erst heute Abend zu Ende, doch ich gehe an ein anderes Konzert. Gestern und am Donnerstag war ich dabei, hörte fünf Bands und wie immer war es eine spannende Sache mit völlig unterschiedlichen Resultaten.

Los ging das Festival am Donnerstag dem Kaja Draksler Octet (****). Die Musik der slowenischen Pianist bewegt sich irgendwo zwischen neuer (und - sehr - alter) und Jazz, zwischen Komposition, Text und Improvisation. Es wird rezitiert, gesungen, dirigiert, reagiert und spontan agiert, um nicht zu sagen agitiert. Ein Renaissance-Choral findet Platz ebenso wie ein Gedichte von Pablo Neruda und weitere Vorlagen, die Draksler und ihre Mitmusiker_innen vertonen. Die Band besteht neben der Leaderin am Klavier aus Björk Níelsdóttir und Laura Polence (Stimme), Ada Rave und Ab Baars (Tenorsaxophon und Klarinette), George Dumitriu (Viola), Lennart Heyndels (Bass) und Onno Govaert (Drums, Percussion, Piano). Auf der CD spielt Baars auch die Shakuhachi und Dumitriu die Violine (er hatte sie mit dabei, aber sie kam nicht zum Einsatz), Govaert wechselt ans Klavier, wenn Draksler die Band dirigiert, im Konzert wie auf der CD. Als Auftakt für ein Festival war das wohl nicht ideal gewählt, denn es musste doch etwas Zeit vergehen, bis man von der ruhigen, teils fast schon meditativen Musik Drakslers gepackt wird - bis man aus dem Alltagstrott gerissen wird und sich entführen und verzaubern lässt. Dies geschah mit mir in der Tat, die Mischung gefiel mir sehr gut, auch wenn ich gerade von Draksler der Pianistin gerne etwas mehr gehört hätte. Sehr schön war der Moment, in dem es heftig zu regnen begann, so laut, dass man das Prasseln auf dem Dach über der Aktionshalle der Roten Fabrik hören konnte, es sich zur gerade sehr stillen und schönen Musik gesellte. Ich schrieb im Hörthread flapsig von Kunststudentenmusik (mit Fragezeichen dahinter) - das wäre wohl, was böse Zungen sagen könnten. Nicht ganz zu unrecht, denn das war schon alles sehr ambitioniert und stand sich manchmal auch selbst ein wenig im Wege, aber es gab auch Raum für wilde Ausbrüche, nicht nur von Ab Baars, bei dem man das ja eh erwartete. Vielleicht eine Spur zu kontrolliert, etwas mehr Flow hätte gerade im Konzert gut getan.

Die zweite und letzte Band des Eröffnungsabends war Amok Amor (***) - drei präpotente ADHS-Jungs mit einem Supernerd, der aber auch wirklich alles kann - doch warum denn ausgerechnet Circus? Dies mein spitzüngiger Kurzkommentar von vorgestern. Im Festivalprogramm seht: "Die Musik von Amok Amor ist fiebrig und rasant, furios und virtuos" - das ist wohl so, und das ist wohl auch das Problem, denn aus dem Fieber wird eine Art Selbstläufer, eine schnelle aber nicht sehr dichte, laute aber nicht sehr energetische Musik, die eher nervös denn fesselnd ist - und irgendwie immer wieder ins Leere läuft, nicht zu wissen scheint, was sie will, ausser rasende Läufe, schnelle (aber irgendwie wenig dichte und wenig verquere) Beats. Dabei kommt halt Langeweile auf, auch wenn Peter Evans, der Neuzugang an der Trompete, immer wieder zu faszinieren vermag, auch wenn durchaus klar wird, dass die Jungs was draufhaben. Die Frage drängte sich halt auf, ob sie zu gut wissen, dass sie was drauf haben. In der Zugabe kam dann die Verwurzelung im Ornette Coleman Quartet der frühen Sechziger zum Vorschein - etwas mehr Melodie, etwas mehr Luft. Das hätte auch davor gutgetan. Ich empfand die Musik als unernst (aber bierernst vorgetragen), ja nachgerade als uneigentlich, als postmodernes Spiel. Und die Zeit dafür ist endgültig abgelaufen. Die Coolness bleibt leere Pose, um nicht zu sagen: Posse. Und damit sind wir wieder beim Circus, bei den Schaustücklein, den Mätzchen. Slapstick sollte wohl der eine oder andere Einwurf Lillingers sein, aber das fiel dann wirklich nur auf die Nase. Schade, denn am Können scheitert die Band gewiss nicht, aber an den Ideen, und ich befürchte: an der Haltung.


Am zweiten Abend spielte zum Auftakt Samuel Blaser im Trio mit Marc Ducret und Peter Bruun (aus Dänemark), danach zwei skandinavische Bands: das Lisa Ullén Quartet aus Schweden und das Hedvig Mollestad Trio aus Norwegen. Der Skandinavien-Schwerpunkt ist damit angezeigt, ich hätte vor allem Blaser gerne mal live gehört, aber entschied mich dafür, ins Moods zu gehen - wo Skandinavien mit dem norwegischen Keyboarder und Elektroniker Bugge Wesseltoft ja auch stark vertreten war. Auch am Samstag gab es am Taktlos wieder Musikerinnen aus Skandinavien. Den Aufakt machte Julie Kjaer 3 (****), das Trio der Altsaxophonistin und Flötistin mit John Edwards am Bass und Steve Noble am Schlagzeug. Obwohl ich Edwards inzwischen auch zweimal mit dem unglaublich beeindruckenden Mark Sanders am Schlagzeug gehört habe, bleibt Edwards/Noble für mich eine nahezu perfekte Rhythmusgruppe. Die beiden agieren schlafwandlerisch sicher zusammen, finden genau die richtige Balance. Mal gehen sie in höchster Verdichtung aufeinander ein, dann lassen sie dem anderen wieder den nötigen Raum. Noble ist dabei äusserst understated, very British eben. Sein Spiel ist zugleich transparenter, härter und deutlich stärker in der Jazztradition verwurzelt als jenes von Sanders, und je nach Rahmen kommt das eben verdammt gut. So auch gestern mit Kjaer, deren Musik von der Rhythmusgruppe getragen wird, die ihr den Rücken freihält, aber auch auf sie eingeht, sie ins recht enge Geflecht einbezieht. Ein starker Auftakt.


Schon als es losging, roch es in der Aktionshalle nach Knoblauch. Das lag am Carate Urio Orchestra (*****), dessen aktuelles Programm "Garlic & Jazz" heisst. Mit dabei auf der gestern beendeten Tour war auch eine Köchin, die Knoblauchsnacks zubereitete. Unkonventionell ging es auch in musikalischer Hinsicht los: die acht Musiker der Gruppe verteilten sich im ganzen Zuschauerraum und im Eingangsbereich und begannen, frei zu improvisieren, sich dabei zunächst im Raum und allmählich auf die Bühne zu bewegen (der Weg führte für den Posaunisten Sam Kulik gar unter der Bühne hindurch). Mastermind der Gruppe ist Joachim Badenhorst, der gestern vor allem Tenorsaxophon spielte, aber auch mal zur Klarinette und ganz zum Schluss zur Bassklarinette griff. Weiter dabei: an der Trompete Jacob Wick, Frantz Loriot an der Bratsche, Pascal Niggenkemper und Brice Soniano (Kontrabässe), Nico Roig (Gitarre) und Seán Carpio (Drums). Kulik griff auch zur Gitarre, Niggenkemper und Loriot spielten mit Effekten und verschiedenen zwischen die Saiten gesteckten Objekten, und fast alle setzten auch ihre Stimme ein, mal summend, mal Texte singend. Als es nach wohl zehn oder fünfzehn Minuten auf der Bühne losgehen konnte (der Soundcheck war noch im Gang, als die Band bereits im ganzen Raum zu spielen anfing), entwickelte sich gleich ein starker Sog, aus dem ein magisches Set entstand. Die Klangpalette der Band ist immens,  der Zugriff - im eklatanten Gegensatz zu Amok Amor - verspielt und humorvoll, locker, aber dennoch von grosser Ernsthaftigkeit. Aus freien Passagen entwickelten sich Grooves, die irgendwo zwischen Sun Ra und Fela Kuti anzusiedeln sind. Die Mischung aus Songs und Improvisationen, aus magischen Momenten und lärmenden Grooves passte schlichtweg perfekt und erzeugte wenigstens bei mir eine Art Trance.


Danach hätte man heimgehen können, sollen - ich weiss es nicht. Ich blieb, denn ich war auf die Anna Högberg Attack (***) aus Schweden doch ordentlich gespannt. Als Ausklang war das Set auch ganz schön, aber ich hatte wieder einige Mühe damit, und das in ähnlicher Hinsicht wie mit dem Ausklang des ersten Abends. Was da an Post-Coltrane Hard Bop - mit einer Prise Ayler Brüder da, einer Prise Cecil Taylor dort ... und ein Tune, das von einer späten Lee Morgen-Platte sein könnte, gab es auch noch - zusammengemischt wurde, schien mir einmal mehr recht oberflächlich, ja fast schon uneigentlich zu sein. Da half es am Ende nicht, dass es immer wieder musikalisch bezaubernde Momente gab, besonders im Zusammenspiel der Frontline, die aus Niklas Barnö (Trompete, der einzige Mann im Bunde), Anna Högberg (Altsax) und Malin Wättring (Tenorsax) besteht. Die Rhythmusgruppe - Lisa Ullén (p), Elsa Bergman (b), Anna Lund (d) - fand ich insgesamt etwas schwächer, wobei Bergman am Bass doch ziemlich gut war. Piano und Schlagzeug nervten manchmal, aber was mir wohl insgesamt ein wenig in den falschen Hals kam, war der "Fun"-Aspekt, den man durchaus auch Vorbildern (vermute ich) wie Atomic oder The Thing da und dort ein wenig ankreiden könnte (und der schien mir bei Piano und Drums einzeln betrachtet am grössten auszufallen, betraf aber auch den Sound der Combo als ganzer). In sich war das Set gewiss stimmig, aber für mich war die Ausbeute einfach nicht gross genug.


Alles in allem zwei lohnende Abende, besonders wegen der etwas grösseren und nicht konventionell besetzten Formationen. Da scheint im jüngeren kreativen europäischen Jazz fast schon so etwas wie ein Trend auszumachen zu sein: junge Musiker, die nicht nur ihre eigenen Kleinformationen oder Soloprojekte machen wollen, sondern Wert auf Zusammenspiel und klanglich überraschende Gruppenmusik legen, die zudem nicht von der brachialen Sorte ist, wie man sie aus europäischen Jazz der älteren Generation kennt, sondern sich verschiedensten Einflüssen - von neuer Musik bis hin zu Sun Ra - öffnet und Wege beschreitet, die ich oft ziemlich spannend finde. Ich denke da natürlich auch wieder an Eve Risser, deren Abschlusskonzert am letztjährigen Jazzfest Berlin mich beeindruckt hat.

(Die Photos sind vom zweiten Abend, der Reihe nach Kjaer 3, dann zweimal CUO und schliesslich Högberg.)

Taktlos.16: Ephrem Lüchinger, Poing + Maja S. K. Ratkje, Ken Vandermark & Nate Wooley - Rote Fabrik, Zürich, 20. Mai 2016

Taktlos.16 (33. Ausgabe)
Aktionshalle, Rote Fabrik, Zürich

"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche."

Ephrem Lüchinger - "Are You Prepared" | Wie sich die Musik von Lüchingers tollem Tripel-Album "Are You Prepared" auf die Bühne übertragen liess, war mir ein grosses Rätsel - und ihm selbst anfänglich auch, wie er in einer sympathischen längeren Ansage, der ersten, nach wohl zwei Dritteln des Sets, meinte: er hätte zwar zunächst mal zwei Tage im Studio am Flügel aufgenommen (2008 war das), das Material aber Jahre später für die Veröffentlichung massiv bearbeitet. Als man ihn angefragt hätte, ob er das auch live aufführe, habe er schon beim Gedanken daran beinah in die Hose gemacht. Um die Musik auf die Bühne zu bringen musste er quasi den umgekehrten Weg nehmen. Dazu dienten zwei Flügel, zwischen denen Lüchinger sass und hin- und herwechselte, der eine von ihnen massiv präpariert (er wurde auch mal mit Schlägeln im Innern bespielt), ein Akai-Synthesizer auf dem unpräparierten anderen Flügel und hinter dem Klavierhocker ein Laptop. Das Set entwickelte einen tollen Flow, Lüchinger bewegte sich behende zwischen den Instrumenten und stapelte Klänge übereinander (das Live-Sampling war wohl der Beitrag von Florian Liechti, der im Hintergrund tätig war, vermute ich mal) und entwickelte immer neue Ideen, griff aber auch bereits gehörte Motive wieder auf, was durchaus für eine Kohärenz in der ansonsten fliessenden Entwicklung führte. Nach der erwähnten Ansage gab es dann eher kürzere Stücke, Segmente aus der Tripel-CD, die wirklich lohnt. Ein Portrait, das vor etwas über einem Jahr aus Anlass der Veröffentlichung des Albums in der NZZ erschien, machte mich erstmals auf die Musik von Lüchinger neugierig.

Poing + Maja S. K. Ratkje - "Kapital & Moral" | Das Trio Poing und die überragende Vokalistin Maja Solveig Kjelstrup Ratkje führen am Vorabend zum 1. Mai in Oslo traditionellerweise ein Programm mit Arbeiterliedern, Songs von Brecht/Weill, Eisler etc. auf. Die Rote Fabrik führt "rot" nicht nur wegen der Farbe des Backsteinbaus im Namen, vermute ich ... man lud das norwegische Quartett ein, sein Programm am Taktlos aufzuführen. Frode Haltli am Akkordeon war quasi Herz und Motor der Combo, während Rolf-Erik Nystrom am Alt (und gelegentlich Sopranino, auch ein paar Male simultan) und Hakon Thelin für Solistisches und ein tolles Fundament ("we try to be as taktlos as we can") sorgten und Ratkje in der Mitte stand und ihre beeindruckenden Sangeskünste darbot. Was für eine Stimme, was für ein Präsenz! Ich hatte sie noch nie live gehört, kenne auch nur wenige Aufnahmen, aber sie ist eine der ganz wenigen, die mir mit keinerlei Vokalakrobatik auf die Nerven gehen - sie darf alles, denn alles wirkt völlig echt, nichts aufgesetzt, alles völlig geerdet. Ratjke griff zum Megaphon, hielt ihr Mikro an ein altes Transistorradio (an dem sie mehr oder weniger ziellos rumzuschrauben schien, irgendwann hörte man schweizerdeutsche Stimmen rauskommen), spielte auch ein paar Male Violine. Los ging es mit einer tollen Version von John Lennons "Working Class Hero", es folgten Stücke aus der "Dreigroschenoper" ("Die Ballade vom angenehmen Leben", "Seeräuberjenny"), Hanns Eislers "Solidaritätslied", gesungen auf Deutsch (das wird wohl je nach Gegend, wo die Formation spielt, angepasst, man soll ja durchaus was verstehen), später auch eine berührende Version von David Bowies "Rock'n'Roll Suicide", dazwischen auch Lieder von Rudolf Nielsen, einer Schlüsselfigur der norwegischen Sozialdemokratie. Was mir bei der Performance übrigens auch sehr positiv auffiel war, wie entspannt und zugleich professionell alle vier zugange waren - im Gegensatz dazu wirkten die Tiptons nun erst recht wie eine Gymnasiastengruppe, denen die Eltern pausenlos zuflüstern, wie besonders und toll sie doch seien ... harsche Worte, ich weiss, aber das beschreibt haargenau meine Eindrücke. Der einzige Wehmutstropfen: weil mal wie die übliche Verspätung herrschte und Poing/Ratkje sogar auf die Uhr guckten und in etwa pünktlich aufhörten, fiel ihr Set etwas kurz aus (eine gute Dreiviertelstunde wohl - ich hätte problemlos nochmal eine Stunde gelauscht).

Ken Vandermark & Nate Wooley - "All Directions Home" | Den Abschluss des Abends machte dann das Duo von Ken Vandermark und Nate Wooley - und soviel vorweg: sie spielten ein klasse Set! An sich konnten sie nach dem bisherigen Programm nur noch verlieren, sie waren zudem der einzige eigentliche Jazz-Act des Abends und das Publikum wohl vor allem wegen Lüchinger deutlich zahlreicher in die Fabrik geströmt als am Abend davor (allerdings nach Lüchingers Set auch schon allmählich ausgedünnt, dünkte mich). Die Blaupause für dieses Duo, in dem Vandermark erfreulicherweise etwa die Hälfte der Zeit Klarinette spielte, ist das Duo von John Carter mit Bobby Bradford, so erklang schon zum Auftakt ein Stück von Carter, später ein weiteres (bei dem VDMK dann aber Tenorsaxophon spielte). Es gab dissonante Momente, komplexe Linien, ohne Rhythmusgruppe gewiss keine ganz einfache Sache für das Publikum, aber die beiden spielten entspannt auf. Wooley kam bis auf eine Passage in einem Stück auch ohne Zirkuläratmung aus, seine Ansagen waren relativ locker. Aber er war als Solist für meinen Geschmack etwas zu eklektizistisch - irgendwie nicht völlig unpassend, dass er auf die perverse Idee kam, eine Hommage an den Komponisten Wynton M. einzuspielen ... und nicht unpassend, aber das dann wohl die grösste Schwäche, falls es denn eine geben muss (eine andere war das stellenweise etwas mäandernde Trompetenspiel, aber die meiste Zeit waren beide sehr fokussiert). Vandermark hat tatsächlich die Aura eines Gebrauchtwagenhändlers, aber ihn kannte ich ja schon. Was mir - nach Rolf-Erik Nystrom mit Poing - bei seinem Spiel nochmal sehr stark auffiel war, wie solide das alles war, auf wie sicherem Fundament und wie locker er auf allen drei Instrumenten auf ein grosses Vokabular zurückgreifen konnte und dennoch stets mit eigenem Charakter spielte - auch da drängte sich der Vergleich mit dem Tiefpunkt des Vorabends wieder auf: sich im Probekeller einschliessen und ein paar Monate üben, zunächst allein, danach in der Gruppe, wäre auch noch ein Rat, aber den mag man einer Combo mit zwanzigjähriger Geschichte ja nicht ernsthaft geben). Den Abschluss machte eine berückend schöne Version eines Stückes von Ornette Coleman (ich glaube "I Heard It on the Radio", ein Outtake von der ersten Session zu "This Is Our Music", das erst in der Box "Beauty Is a Rare Thing" erschien - das würde passen, denn in der Ansage wurde erwähnt, dass es sich um ein unveröffentlichtes Stück handle).

Den Schlussabend heute werde ich weglassen, was aber nicht primär an der Konkurrenzveranstaltung liegt, zu der ich gehen werde (dazu später vielleicht ein paar Zeilen - es gäbe als zweites auch noch Sheila Jordan zu hören ... wie man diese Überbuchung an einem einzigen Wochenende hinkriegt, ist mir ein Rätsel, sowas kann man doch etwas besser koordinieren, erst recht wenn danach bis zur Sommerpause auch nur noch wenige interessante Jazzkonzerte stattfinden). Aber gut, das Wiener Programm (Maja Osojnik "All. The. Terms. We. Are"; Blueblut "Hurts so gut"; Madame Baheux), das im Zusammenhang mit einem grösseren Jelinek-Projekt des Schauspielhauses über die Bühne geht, spricht mich nicht sehr an und zwei Festivalabende am Stück sind, zumal wenn man mitten im Alltagstrott steht, auch genug. Aber soweit ein sehr schönes Festival dieses Jahr, bei dem wie schon am Unerhört der eher mit gemischten Gefühlen (klar, ich wusste, dass ich Maja Ratkje verfallen würde, aber sonst ...) Abend zum durchschlagenden Erfolg wurde, während der erwartungsfroh angegangene Eröffnungsabend am Ende nicht ganz so toll war wie erhofft.

Meine Notizen zum ersten Abend

Taktlos.16: Matthew Shipp Solo, The Tiptons Sax Quartet & Drums, Vallon-Michel-Götte-Chansorn - Rote Fabrik, Zürich, 19. Mai 2016

Taktlos.16 (33. Ausgabe)
Aktionshalle, Rote Fabrik, Zürich

"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche."

Matthew Shipp - "I've Been to Many Places" | Den Auftakt des diesjährigen Taktlos-Festivals machte Matthew Shipp, allein am Flügel. Ein etwas schwieriges, nachdenkliches, manchmal brütendes Set, das aber in seiner ganzen Länge letztendlich doch fesselnd war und die tiefe Verwurzelung des Pianisten in der Jazzgeschichte - von Ellington über Tristano zu Cecil Taylor - verdeutlichte. Der Freund, mit dem ich an beiden Abenden da war, meinte, er sei immer wieder rausgefallen und hätte sich wieder um Anschluss an die Musik bemühen müssen. Kann ich nachvollziehen, aber mich fesselte das Set doch über die ganze Länge, ohne mich allerdings umzuhauen. Also eine leise Enttäuschung, aber zugleich auch Futter für die durchaus vorhandene Faszination für Shipps Musik - und Ansporn, dranzubleiben.

The Tiptons Sax Quartet & Drums | Es folgte der Tiefpunkt, leider. Ein US-Saxophonquartett mit Schlagzeuger, bestehend aus: Amy Denio an Alt und Klarinette, Jessica Lurie an Alt, Tenor und Sopran, Sue Orfield am Tenor und Tina Richardson am Bari sowie Drummer Robert Kainar aus Österreich. Dieser war zwar sehr gut, aber für mein Empfinden zu sehr damit beschäftigt, zu begleiten, wo er doch den Damen durchaus mal eine vor die Fresse hätte knallen sollen, denn die waren mit so viel Mediokrität unterwegs, dass es einigermassen weh tat. Vor allem Orfield mit ihren plumpen Soli voller machistischer Tenorsax-Klischees (und auch noch in entsprechender Pose vorgetragen) hat mich nur genervt (und klar, das mag Persiflage sein, aber über eine ganze Stunde war es - gepaart mit dem überaus mittelmässigen Spiel - nichts als eine Qual). Sehr gut fand ich einzig Jessica Lurie, die am Alt wie am Tenor völlig überzeugend war. Amy Denio war ebenfalls toll, auch mit einer irren Klezmer-Einlage an der Klarinette (bei der Lurie am Alt auf dem Fuss folgte). Die vier zusammen klangen gut, spielten aber relativ wenig Ausgereiftes, oft wurde gesungen (mit und ohne Worte, aber man verstand nicht grad viel) oder mit Stimmgeräuschen gearbeitet, Kainar durfte auch mal ans Cajón wechseln und hatte offensichtlich Spass. Doch genau das, dass die fünf Spass hatten, war vielleicht das Problem, aber nach anscheinend 20 Jahren der Zusammenarbeit ist es vermutlich schwierig, aus den eingefahrenen Bahnen zu entkommen. Na ja. Ich habe dann einfach auf das nächste Solo von Lurie gewartet, das immer wieder kam und jedes Mal gut war.

Vallon-Michel-Götte-Chansorn | Mit einer Hommage an den electric Miles schloss der erste Abend, mit Colin Vallon am Fender Rhodes, Matthieu Michel an Trompete und Flügelhorn mit unendlichem Delay, Götte am E-Bass und Chansorn am Schlagzeug. Es gab hingeknallte, brachiale und sparsame Beats, harte Bass-Riffs, darüber sphärische Klänge von Flügelhorn und Keys, das ganze wuchs zu einem ziemlich tollen Gruppensound zusammen - was sehr toll war (aber da ich Michel sehr lange nicht mehr gehört hatte auch ein wenig schade, denn ich hätte gerne etwas mehr von ihm gehört). Drummer Domi Chansorn hat mich anfangs etwas irritiert, seine Beats hatten etwa die Raffinesse der Beats der übelsten Euro-Dance-Kommerzkacke aus den Neunzigern, aber mit der Zeit fing mir der Mix zu gefallen an, es gab ja gewiss einen (oder mehrere) Gründe, warum er am Schlagzeug sass und warum er so spielte (ich kenne ihn nicht, weiss nicht, ob er stilistisch auch anderes macht). Jedenfalls entwickelte die Musik des Quartetts einen düsteren Sog, in dem aber auch das Lyrische und das Verspielte keinesfalls zu kurz kam. (Weil ich eh hundemüde war und der Abend kalt und das Taxi teuer sind wir nach einer knappen Stunde raus, so lange noch ein Bus fuhr ... die ewigen Verspätungen sind etwas nervig, gerade wenn man zum Lohnsklaventeil der Bevölkerung gehört - aber bon, selber schuld).

Meine Notizen zum zweiten Abend

Barry Guy New Orchestra & New Orchestra Small Formations - Taktlos, Rote Fabrik, Zurich, 23 May 2014

Second night of the 30th edition of the great Taktlos festival was dedicated entirely to Barry Guy and the members of his New Orchestra.

Trevor Watts bailed out on rather short notice. His replacement, Zurich-based Jürg Wickihalder did a terrific job tonight, playing some "lead alto" stuff several times that would have made the best big band proud!

As for Mats Gustafsson, another charter member of the New Orchestra, seems he opted out long ago, in the printed programme for tonight, sent out at least a month ago, it says Per Texas Johansson was on baritone - as was the case, but alas his baritone was rarely heard, but he played some amazing clarinet!

But from the beginning: hellyeah embrace that music I did and do! Ten years ago, I heard the band do "Oort-Entropy" (a few days before they went into the studio to record) - 50 minutes of extremely dense and intense sounds, most impressive ... in a way that neither the radio broadcast of the very same concert nor the CD could ever be - the physical dimension of it was such an integral part of the whole and is not reproducable on tape.

Tonight, we got the whole BGNO revue (no dwarfs, three-armed guys and bearded women and knife-throwers though ... guess the demons from Saturn last night did that part, and the horrific singer added hers) ... the schedule, roughly:


SET 1:


Paul Lytton (d) & Agustí Fernández (p)

Agustí Fernández (p) & Evan Parker (ss)

Evan Parker (ss) & Hans Koch (bcl)

these three were kinda morphing into each other, the new guy would show up a bit early making it a trio for a few moments ... took them a while to build momentum, but the Parker/Koch duo was great

Celebration - Maya Homburger (v) & Barry Guy (b)

she had sheet music while he was improvising around her parts ... good

Jürg Wickihalder (ss) & Per Texas Johansson (cl)

this was easily the most beautiful part of the first set ... amazing playing by Johansson and more than solid, Lacy-influenced soprano by Wickihalder ... the sonics they created weren't that different from Parker/Koch, but the whole thing felt very different ... more varied yet more rooted, very lyrical yet extremely vivid.

Herb Robertson (t), Johannes Bauer (tb), Per-Ake Holmlander (tuba), Raymond Strid (d)

a study in contrasts regarding the drums ... and actually the only time Strid really laid it on for more than just a few seconds ... but this wasn't exactly ma favourite part, Robertson always must got that loud way eventually, killing all the whimsical stuff he's just done, with mutes and all ... I love when he does that puck-ish stuff, but when he opens up and blows hard, he's like Randy Brecker's weirdo brother, both hide a compressor under their jackets, I'm sure.

Evan Parker (ts), Barry Guy (b), Paul Lytton (d)

WHAM! They got into it as if they just had to pull a switch, very intense from the beginning ... a lengthy set, and pretty effin' great! Evan on tenor ... he's the man! His sound is wonderful, his lines of endless imagination, and his execution is amazing (I guess John Butcher is the other guy I found similarly impressive, all things considered). And hey, they might lack blues, but they swing like hell (that is if you're not as narrow-minded as some of those jazz police f*scists)

This most varied first set was close probably around 75-80 minutes long.



SET 2


Barry Guy New Orchestra: all of the above, Wickihalder on alto, Parker on soprano and tenor, Johansson on baritone and clarinet, Koch sticking to bass clarinet (he didn't have any other horns with him)

Amphi - feat. Maya Homburger

very interesting music, rather spare, the orchestra actually framing Homburger's violin in varying textures ... I felt it was a bit, subdued though.

Radio Rondo - feat. Agustí Fernádez
(Homburger laying out on this, she's not really a part of the New Orchestra anyway, I understand)

This now, this was IT! da shiznits and all that ... wow! A wall of sound, half an hour or so of most intense music, revolving around the piano part of Fernández, expertly played, Lisztian maybe? Both here and in "Amphi", Wickihalder did an excellent job (he must have had his parts to rehearse a few days in advance, I guess? ... amazing how he pulled it off!) .... and here, the music was really on fire, a physical assault really that went way beyond the ears, it had me literally on the edge of the chair. Yet in all its density, you could detect each and every single voice - surely no small feat on the side of the sound engineers either, but I assume to get there, you need musicians who can pull this off - play like madmen in hell under fire from the red baron, yet still musical to the last fibre.

Great night!



Addenda

Btw, one result of tonight: I made peace with the "wrong" Bauer, finally ... last time with the New Orchestra, considered him the weakest link (I now think unfairly, maybe), when I saw him with some rough free jazz quartet I thought he was mad and his erratic behaviour put me off ... but tonight, while behaving as odd as always, he played some wonderful stuff - beautiful sound! Not like his brother (whom I've always loved, saw them on stage together once, a great set by Doppelmoppel, so far the best J. Bauer I'd heard) with all that richness, J. Bauer still remains rough by comparison (and rhythmically limited in an odd way, almost as if he's playing some marching band stuff or something), but he had several parts and moments tonight were his tone softened and got a velvety beauty and smoothness at very low volume ... loved that!

Could have done with more Barry Guy bass playing though ... that was the one thing I really missed a bit.


And more Johansson clarinet, just because that guy seems to be amazing on the instrument - anybody knows of any worthwhile recorded examples of that?


PS (May 2016): No matter my sometime difficulty to "get" Johannes Bauer, news of his death struck hard. I have seen him several times, not just with with Doppelmoppel and Barry Guy, but also with Brötzmann's Chicago Tentet and in at least one other group (that I didn't like much).


Zum ersten Abend von Taktlos.14

Taktlos.12 - Tony Malaby "Paloma Recio", Matthew Shipp-Sabir Mateen, Phall Fatale - Rote Fabrik, Zürich, 12 May 2012

Okay, so how was it... Taktlos is held the 29th time these days, it's long grown to be an institution, presenting the avantgarde of jazz and other related musics. Fire police have allowed them - on very short notice, it seems, since they did minimal five-minute sound checks ahead of each set - to use my favorite stage there, at the Rote Fabrik, the Clubraum, which is smaller than the regular venue for jazz concerts (the Aktionshalle) and hence looks half full, rather than three quarters empty. Anyway, I got there early, met a friend who showed me pictures from last week's Le Mans festival, where he heard plenty of amazing music (wish I'd been there!).

Tony Malaby, then... his quartet is named Paloma Recio and consists of Ben Monder on guitar, Drew Gress on bass and Flin Van Hemmen on drums. Never heard of Van Hemmen before, but he was great, with a lose yet controlled, swinging and fun style that could push the band quite some, if called for! Gress was way too low in the mix, alas, while Monder was often over-bearing, even more so when he started using distortion and other sound pedal effects. I'm afraid I didn't quite get how this group's music worked, though... they all had music stands in front of them but never changed pages (only once did Gress change something towards the end)... the dramaturgy of it lay in the dark to me, anyhow. They started playing rather quietly, until Monder for the first time fell out of his "jazz" style and started getting real loud. He and Malaby played complex lines in unison, while the rhythms kept changing underneath, solos would emerge - some great playing by Malaby, for sure! Wonderful sound, big at the bottom, but still rather slim... thin but beautiful in the high range - and he got pretty intense and wild doing plenty of falsetto stuff as the set unrolled. Monder fit in well mostly, but kept being somewhat overbearing throughout the concert. They reached a climax after some forty minutes of continuous playing, then took a break, but after Malaby announced the band he asked if there was time for one more, and off they went onto an amazingly powerful, exhilarating flight. At the end I was pretty pleased by it all, but it took a while for the band to catch flight and for me to get into this rather complex and coolish sound.

Then break, changing the setup, dragging the baby grand to the center, setting up new mics... and a short sound check (Mateen in orange t-shirt). On it went with Matthew Shipp and Sabir Mateen - first on clarinet, then on tenor, and back to clarinet for the encore. A most powerful set, digging right into the music from the very first tones. All music, so to speak. Mateen has a wonderful tone on clarinet and even more so on tenor, very big, deep, rough. Both of them had a few unacccompanied passages, and Mateen's tenor one was the highlight of the night for me. Shipp was both quick and sparse, both dense and pointed - never heard him live and have been kind of an on and off fan of his... but this concert easily convinced me! At the end, all was said and done, no need for any more music, really! Amazing set!

Third band was a Swiss one called Phall Fatale, featuring two singers (Joy Frempong and Joana Aderi), both also using samplers and electronics, John Edwards and Daniel Sailer on double basses, and drummer Fredy Studer (of OM-fame). Good beats and grooves from the basses (Edwards is wonderful, needless to say), but I found the whole thing pretty boring and the singers not too convincing (and the lyrics pretty ... uhm, uninspired and flat). Anyway, I should have left after Shipp/Mateen anyway, so maybe I'm being somewhat unfair.


Trivia: spotted in the audience: Irène Schweizer and Gerry Hemingway - the later came to chat with Ben Monder and seemed to have a good time.