Ein paar vorhin schnell geschriebenen Zeilen zu den zwei Konzerten mit Louis Moholo (sowie einem dritten, das ich nicht wirklich auf dem Schirm hatte) beim Novara Jazz
Festival. Bin gerade aus Italien zurück, wo ich in Novara zweimal
Moholo gehört habe. Danach gab ich mir noch die volle touristische
Dröhnung: vier Tage in Florenz … gegessen wie ein Gott (in Novara das
eine Mal, als ich dazukam, auch) und massenhaft Kunst gesehen, war mal
wieder nötig, war seit fast 20 Jahren nicht mehr dort. Die Konzerte
waren sehr gut, auch wenn das Umfeld mitten in Novara mit rein- und
rumlatschenden Leuten etwas nervig war (kostet keinen Eintritt) und der
Sound gelinde gesagt problematisch war – mehr noch bei der ersten Band,
einem Trio mit Fender Rhodes, Posaune und Drums – der Sound waberte da
nur so durch den „broletto“, die mittelalterliche Platzanlage, eine Art
Hof, die auf allen vier Seiten vor irgendwelchen einstigen
Amtsgebäuden/Rathäusern flankiert wird und zu beiden Seiten auf Gassen
rausgeht.
Am Abend des 1. Juni spielte Louis Moholo im Duo mit Enrico Rava,
der – nur als „Rava“ angesagt, der Mann ist ja längst eine Art
Volksheld. Er wird in ein paar Monaten 78 Jahre alt und spielte das
Flügelhorn mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. Wie Kenny Wheeler hat
er vielleicht eine Entwicklung hin zum Mainstream durchgemacht, oder
auch nicht – denn auch er passt in alle möglichen Settings. Moholo
spielte seine typischen zickigen Grooves, die immer wieder an
marschmusikartige Rhythmen erinnern, während Rava frei darüber
hinwegflog, sehr melodisch und mit wunderbarem Ton. Es gab Don
Cherry-Momente, Ornette-Momente, in der zweiten Hälfte auch einen
Standard, an dessen Titel ich mich aber schon nicht mehr erinnere. Nach
einer halben Stunde stand Moholo auf, kam nach vorn zu Rava, die beiden
verneigten sich und gingen ab der Bühne … dann sagte wohl jemand zu
Louis, er solle gefälligst nochmal etwas spielen. Es folgte dann nicht
etwa Zugabe sondern gleich nochmal 20 oder 25 Minuten, ein zweites Set
eigentlich, und danach noch eine Zugabe, nachdem der dafür Zuständige
schon wieder den üblichen Muzak-Sound eingeschaltet hatte, der sonst
lief. Alexander Hawkins meinte später im Gespräch, Moholo hätte wirklich
überhaupt kein Zeitgefühl … und kümmert er sich – er ist nur etwa
halbes Jahr jünger als Rava – um seine Medikation vor dem Konzert
(heisst er raucht irgendwas … und Red Bull braucht er obendrein auch
noch). Rava und Moholo reichen weit zurück, sie waren auf der irren Tour
nach Argentinien mit Steve Lacy – und Johnny Dyani als viertem Mann.
Hawkins erzählte ein paar Stories, die er dazu aufgeschnappt hatte, dass
man in Argentinien damals noch kaum Schwarze gesehen hätten und Dyani
und Moholo sich einen Spass daraus gemacht hätten, die Leute zu
erschrecken … nachhören kann man das auf der ESP-Disk‘-Scheibe The Forest and the Zoo
von Steve Lacy. Das Konzert war also ziemlich speziell, doch leider
fiel es mir wegen der Bedingungen etwas schwer, mich richtig zu
konzentrieren (ich war auch völlig hinüber, die Geschichte dazu habe ich
ja bereits im BFT-Thread angetönt, die Flucht – war ja nicht als solche
geplant – nach Italien tat unglaublich gut).
Am zweiten Abend gab es zum Auftakt eine sehr schöne Überraschung – im Innenhof des Domes spielte ein Trio: Thomas Stronen (d, elec), Marco Colonna (clars, as), Alessandro Giachero
(rhodes, synth, samples) – das war ziemlich magisch, auch dank der
tollen Location (danach hatte ich ca. 20 Mückenstiche … hätte ich mir ja
denken können, wenn man in der Po-Ebene hockt und es 30 Grad warm ist,
aber bis ich auf die Idee kam, was zu kaufen, war es auch egal). Die
ersten paar Minuten hatte ich verpasst (da ich beim dritten Besuch
endlich mal Paniscia novarese essen musste, das traditionelle
ortsübliche Risotto-Rezept – man kocht den Reis in einer Gemüsesuppe,
die schon wenigstens den ganzen Tag auf dem Herd stand, dazu kommt u.a. –
ebenfalls typische – Salami rein … beim vierten Besuch möchte ich dann
gerne endlich mal das Baptisterium sehen, das leider nicht öffentlich
zugänglich zu sein scheint, aber es ist dort, ich habe es auch diesmal
wieder gesehen). Aber gut, Stronen, Colonna und Giachero spielten ein
grossartiges freies Set, das sich zwischen ganz leisen Passagen und
Tänzen (ich musste an die Bergamasca denken, wie ich sie von Trovesi
kenne), zwischen Zirpen und Grooves, zwischen flächigen Samples, durch
mundstücklose Klarinetten geblasene Luft und feinsten Rhythmen bewegte.
Den dreien gelangen immer wieder faszinierende Bögen und sie waren auch
selbst sichtlich erfreut über das Ergebnis.
Danach ging es wieder rüber in den „broletto“, wo Louis Moholo mit einer Gruppe auftrat, die es so noch nicht gab, im Programm nannte man sie das Magmatic Quartet.
Neben dem Meister am Schlagzeug (er trug den Juve-Schal nicht mehr, den
ihm Riccardo Bergerone am Vorabend schenkte – war das prophetisch?)
standen zwei Flügel auf der Bühne, am rechten nahm Alexander Hawkins Platz, hinter dem linken sass Giovanni Guidi, in der Mitte war ein Mikro für den Posaunisten Gianluca Petrella
aufgestellt. Ich hatte schon am Vortag mit Hawkins geredet (der am 31.
Mai schon einen Auftritt in Locarno im Tessin hatte, der auch von Novara
Jazz organisiert wurde, er spielte dort im Duo mit dem Trompeter
Gabriele Mittelli, das konnte ich leider nicht auch noch einrichten).
Hawkins meinte, er hätte keine Ahnung, wie das rauskommen würde. Die
Klaviere waren leider schrecklich, kein „bottom“, zudem war auch wieder
alles sehr laut verstärkt, aber alles in allem halbwegs okay vom Sound
her. Riccardo (der ja immer da ist, wenn Moholo spielt, er tauchte auch
für den einen Abend beim Intakt in London-Festival auf, ein echter
Groupie) meinte am Vortag, Alex solle den anderen doch ein paar der
einfacheren Moholo/Blue Notes/Brotherhood-Klassiker beibringen, aber von
einem kurzen Soundcheck abgesehen (bei dem Hawkins was von Chopin aus
dem Gedächtnis zu spielen versuchte und Guidi ihm dann noch ein wenig
half) gab es natürlich keine Probe und das Quartett ging gänzlich
unvorbereitet auf die Bühne. Das war aber die beste Idee, denn das
Konzert gelang. Hawkins kitzelte aus Moholo all das heraus, was Irène
Schweizer neulich in London nicht schaffte (und wozu Moholo auch bei
Rava keine Lust hatte, aber das war in dem Duo einfach egal, denn Rava
nahm, was da war und es passte bestens). Hawkins spielte immer wieder
massige Grooves und lockte Moholo so richtig aus der Reserve. Guidi ging
daneben ab und zu etwas unter, weil Hawkins halt wirklich auf den
Flügel hämmerte, wobei auch schon mal die Ellbogen zum Einsatz kamen –
was aber in zweierlei Hinsicht angebracht war: eben weil es das ist,
womit man Moholo aktivieren kann, und auch weil es den lausigen Klang
des Instruments etwas vergessen machte … Guidi hat einen viel feineren
Anschlag, spielt überhaupt feiner und weniger voluminös. Das Konzept war
dann eben, dass Hawkins Moholo die Bälle zuspielte, während Guidi das
alles frei kommentierte und Petrella je nach Lust und Laune dazustiess
oder auch darüber abhob … am Ende ein sehr tolles Set, gar keine Frage!
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Vinny Golia Trio – Istituto Civico Musicale Brera, Novara, 4. Februar 2017
Den Abschluss des Urlaubs machte dann das Trio von Vinny Golia mit Bernard Santacruz und Cristiano Calcagnile – eigentlich war ja eine Tour von Bobby Bradford und Vinny Golia geplant gewesen, doch Bradford fiel aus. Wie ich am Abend hörte wegen eines Sturzes, doch es hiess die Prognosen seien gut. Es besteht also Hoffnung, dass ich Bradford dereinst doch noch ein zweites Mal im Konzert erleben kann [Bradford scheint sich gut erholt zu haben, über weitere Pläne, ihn nach Europa zu bringen, ist mir jedoch nichts bekannt] – das bisher einzige Konzerterlebnis (mit dem Circulasione Totale Orchestra von Frode Gjerstad) war unglaublich faszinierend.
Auf dem Weg ins Konservatorium, wo das Konzert stattfand, ging es zunächst ins Convivium, wo es ein letztes exzellentes Mal gab, aufgrund des Zeitplans etwas abgekürzt, aber das war vielleicht das beste Risotto (mit Gamberi und Kastanien) aller Zeiten, immerhin, nachdem es schon eine exzellente Baccalà-Vorspeise gegeben hatte.
Golia begann am Piccolo, wechselte dann zu den anderen Instrumenten, die ich nicht wirklich identifizieren kann – die andere Holzflöte hielt er stets schief wie auf dem Photo, daneben spielte er Sopranino- und Sopransaxophon. Das Set entwickelte sich kontinuierlich und ohne Unterbrüche aus dem dichten und aufmerksamen Zusammenspiel des Trios. Calcagnile gefiel mir sehr gut, er mochte manchmal etwas konventionell swingen, doch gaben seine Akzente immer wieder Richtungsänderungen vor, er zersetzte bald selbst den Groove, den er gerade aufgebaut hatte, spielte quasi gegen sich selbst an, während Santacruz sich nicht beirren liess.
Doch Golia selbst war die Hauptattraktion und naturgemäss der wichtigste Solist der Gruppe. Ich bin ja kein allzugrosser Fan von Holzbläsern, die sich nur im obersten Spektrum bewegen, ein Grund mehr für meine Skepsis, als ich das Instrumentarium vor dem Konzert sah – doch da passte einfach alles, Golia war auf allen vier Instrumenten klasse, besonders auf den beiden Saxophonen. Kein einziger Ton klang quiekig oder störend hoch, das ist einfach seine „Region“ und man merkt, wie wohl er sich dabei fühlt.
Auch darüber sprach ich nach dem Konzert kurz mit ihm, doch ich fragte nach dem Sopransaxophon mit dem speziellen Finish (ein rotbronzig mit silbernen Klappen) – ein neues Keilwerth sei das, es klinge phantastisch und ja, es sähe ganz hübsch aus. Ob ich ein Saxophonist sei, welches Saxophon ich spielen würde? Ich: Ja, aber kein guter. Er: Gute gibt es keine mehr, die sind alle tot … nein, Moment, Sonny Rollins ist ja noch da, und der spielt jeden Tag. Sein Ton mag nicht mehr so gross sein, seine Luft etwas weniger lang ausreichen, aber ich wünschte mir, in meinem Alter (Golia wird in drei Wochen 71) so spielen zu können, wir Rollins das mit 90 (Rollins ist 86) tut. Dann fragte Golia mich, welches Saxophon ich denn gespielt hätte, ich meinte einst vor allem Tenor, später aber vermehrt Alt. Tenor hätte er nie spielen können, er hätte es nie gefühlt. Wohl eben, weil er gänzlich in den hohen Lagen daheim ist. Ein sehr sympathischer Typ jedenfalls.
Mit Santacruz habe ich auch ganz kurz gesprochen, ebenfalls mit dem Inhaber von Dark Tree, Bertrand Gastaut, der einen kleinen Stand aufgebaut hatte und für den Verkauf der CDs der Musiker zuständig war (wenn ich es richtig verstehe, hat er auch die Tour organisiert – und natürlich habe ich bei seinem wie beim anderen Stand ein paar Sachen gekauft, u.a. eine CD, die Ralph Alessi mit ein paar Italienern – unter ihnen Calcagnile – gemacht hat). Sabir Mateen, der seit ein paar Jahren in Italien (wohl seit längerem in Bologna, aber früher auch mal in Novara) lebt, war auch da und hat sich natürlich mit Golia und ein paar anderen unterhalten.
Auf dem Weg ins Konservatorium, wo das Konzert stattfand, ging es zunächst ins Convivium, wo es ein letztes exzellentes Mal gab, aufgrund des Zeitplans etwas abgekürzt, aber das war vielleicht das beste Risotto (mit Gamberi und Kastanien) aller Zeiten, immerhin, nachdem es schon eine exzellente Baccalà-Vorspeise gegeben hatte.
Golia begann am Piccolo, wechselte dann zu den anderen Instrumenten, die ich nicht wirklich identifizieren kann – die andere Holzflöte hielt er stets schief wie auf dem Photo, daneben spielte er Sopranino- und Sopransaxophon. Das Set entwickelte sich kontinuierlich und ohne Unterbrüche aus dem dichten und aufmerksamen Zusammenspiel des Trios. Calcagnile gefiel mir sehr gut, er mochte manchmal etwas konventionell swingen, doch gaben seine Akzente immer wieder Richtungsänderungen vor, er zersetzte bald selbst den Groove, den er gerade aufgebaut hatte, spielte quasi gegen sich selbst an, während Santacruz sich nicht beirren liess.
Doch Golia selbst war die Hauptattraktion und naturgemäss der wichtigste Solist der Gruppe. Ich bin ja kein allzugrosser Fan von Holzbläsern, die sich nur im obersten Spektrum bewegen, ein Grund mehr für meine Skepsis, als ich das Instrumentarium vor dem Konzert sah – doch da passte einfach alles, Golia war auf allen vier Instrumenten klasse, besonders auf den beiden Saxophonen. Kein einziger Ton klang quiekig oder störend hoch, das ist einfach seine „Region“ und man merkt, wie wohl er sich dabei fühlt.
Auch darüber sprach ich nach dem Konzert kurz mit ihm, doch ich fragte nach dem Sopransaxophon mit dem speziellen Finish (ein rotbronzig mit silbernen Klappen) – ein neues Keilwerth sei das, es klinge phantastisch und ja, es sähe ganz hübsch aus. Ob ich ein Saxophonist sei, welches Saxophon ich spielen würde? Ich: Ja, aber kein guter. Er: Gute gibt es keine mehr, die sind alle tot … nein, Moment, Sonny Rollins ist ja noch da, und der spielt jeden Tag. Sein Ton mag nicht mehr so gross sein, seine Luft etwas weniger lang ausreichen, aber ich wünschte mir, in meinem Alter (Golia wird in drei Wochen 71) so spielen zu können, wir Rollins das mit 90 (Rollins ist 86) tut. Dann fragte Golia mich, welches Saxophon ich denn gespielt hätte, ich meinte einst vor allem Tenor, später aber vermehrt Alt. Tenor hätte er nie spielen können, er hätte es nie gefühlt. Wohl eben, weil er gänzlich in den hohen Lagen daheim ist. Ein sehr sympathischer Typ jedenfalls.
Mit Santacruz habe ich auch ganz kurz gesprochen, ebenfalls mit dem Inhaber von Dark Tree, Bertrand Gastaut, der einen kleinen Stand aufgebaut hatte und für den Verkauf der CDs der Musiker zuständig war (wenn ich es richtig verstehe, hat er auch die Tour organisiert – und natürlich habe ich bei seinem wie beim anderen Stand ein paar Sachen gekauft, u.a. eine CD, die Ralph Alessi mit ein paar Italienern – unter ihnen Calcagnile – gemacht hat). Sabir Mateen, der seit ein paar Jahren in Italien (wohl seit längerem in Bologna, aber früher auch mal in Novara) lebt, war auch da und hat sich natürlich mit Golia und ein paar anderen unterhalten.
Das ist der letzte Bericht zu einem einwöchigen Urlaub in Italien im Januar/Februar 2017 - zum ersten Teil:
Zum zweitletzten Teil:
Decoy & Evan Parker - NovaraJazz, Novara (IT), 30. Januar 2016
Zürich, Samstagmorgen, dichter Nebel, wie es ihn schon seit Monaten nicht mehr gab. Sechs Stunden später, Novara: dichter Nebel. Das übliche feuchte Klima in der Gegend der Reisfelder im Norden Italiens. Check-in im Hotel Cavour, direkt beim Bahnhof (zum Glück, wie sich am nächsten Morgen entpuppen sollte), ein Gang durch die gut erhaltene, aber zu weiten Teilen mit den üblichen gesichtslosen Läden verpestete und übermässig aufgehübschte (ich glaube man nennt sowas "Aufwertung", bloss: für wen?) Altstadt von Novara, als ich das Gefühl nicht mehr loswurde, an jeder Ecke schon zweimal gestanden zu sein zurück ins Hotel, dann viel zu früh eine Pizza und - zum Glück! - zwei Bier, bevor ich mich auf die Suche nach der Lokalität machte, in der Decoy, das Orgelpowertrio um Alexander Hawkins, John Edwards und Steve Noble, gemeinsam mit dem grossen Evan Parker auftreten sollte. Novara Jazz ist der Veranstalter, im späten Frühling gibt es da auch ein Festival (dieses Jahr u.a. mit einem neuen Projekt von Rob Mazurek). Im ziemlich gesichtslosen Attico delle arti, wohin man auswich, weil die anderen regulären Spielstätten nicht zu haben waren, fanden sich nach 21 Uhr (den geplanten Beginn, aber das ist ja Italien) sehr viele Leute ein. Der Gang führte mich durch die Bahnhofsunterführung, die am Ende fast wie jene aus "Irreversible" aussah, den Gleisen entlang, durch die Vorstadt, vorbei an arabischen Läden (und dem zugehörigen "Personal", das da immer davorsteht) - dass da draussen wirklich Jazz gespielt werden sollte, glaubte ich eigentlich nicht.
Aber gut, der Platz in der ersten Reihe war gesichter, irgendwann ging das Licht aus und es ging los. Für Hawkins hatte man eine uralte B3 gefunden, inklusive Leslie, der bereits drehte, als ich aufkreuzte, für Edwards einen Bass, mit dem er seine liebe Mühe hatte (der Stachel sank immer wieder ein, die Saitenhöhe konnte nicht verstellt werden und passte gar nicht, wie Edwards mir nachher erzählte), Parker hatte sein Tenorsaxophon dabei (er reist immer nur noch mit einem einzigen Instrument, was schon mühsam genug geworden ist). Das Quartett ging sofort in die Vollen, Edwards/Noble legten unheimlich dichte, treibende Rhythmen vor, die auch immer wieder auf Teufel komm raus groovten - allerdings niemals so, dass den anderen etwas aufgezwungen, sie in den Drum-Beat einfallen mussten ... im Gegenteil, das faszinierende war gerade das Miteinander, das ganz spontan war und allen vieren Möglichkeiten öffnete, Angebote, die sie annehmen konnten oder auch nicht. Hawkins bediente die Orgel fast komplett ohne jaulende Jazz-Orgel-Klischees, sie klang oft fast wie ein analoger Synthesizer oder sowas, Edwards griff immer wieder zum Bogen oder spielte mit beiden Händen hoch am Hals, auch immer wieder mit Obertönen, die in stupender Geschwindigkeit mit tiefen Tönen oder Arco-Passagen wechselten.
Ich brauchte wohl 10 oder 15 Minuten, bis ich mit dem Reichtum, der Dichte der Musik einigermassen klarkam, zu Beginn drohte sie mich zu erschlagen, wegzupusten. Parker glänzte am Tenor wie immer mit einem bezaubernden Ton, besonders schön in einer Passage in der zweiten Hälfte (glaube ich, ich verlor jegliches Zeitgefühl), als er Coltrane (ca. Frühling 1965 dachte ich, aber mit reichlich beigemischten sheets of sound) zu channeln schien. Diese Passage zählte zu den schönsten des Konzertes.
Nach dem Konzert blieb ich dort, in der Hoffnung mich noch ein wenig mit Alexander zu unterhalten (wir hatten uns davor nur rasch begrüsst), dabei ergab sich zuerst mal ein längeres Gespräch mit Steve Noble, das sich sehr interessant entwickelte: über sein Verständnis, wie diese Band funktioniert, seine Art und Weise, Schlagzeug zu spielen etc. Auch mit John Edwards ergab sich dann noch ein kurzes Gespräch, in dem er sich eben über den Bass beklagte (ich hatte bemerkt, dass ich den Kampf, den er mit bzw. gegen den Bass geführt hatte, lustig anzuschauen gewesen war ... musikalisch war seine Performance in meinen Ohren ja makellos, auch der Sound des Basses war völlig in Ordnung bzw. da war eh einiges an Verstärkung dabei und insgesamt klang das alles sehr gut, trotz des seltsamen Raumes, der mehr wie ein Aufenthaltsraum eines Heimes als wie ein Konzerttraum wirkte.
Danach unterhielt ich mich auch noch mit den Veranstaltern, wurde schliesslich eingeladen, mit allen noch was zu trinken, wir endeten in einer ziemlich guten Bar, es gab Negroni für alle.
Ich unterhielt mich dann wieder länger mit Alex, machte ihm auch den anderswo erwähnten Vorschlag (das war in der Tat ein Geistesblitz während des Konzertes), dass er mal mit Sons of Kemet spielen könnte.
Ein paar professionelle Photos vom Konzert kann man hier sehen.
Hier noch ein zweiter meine Schnappschüsse (bei Abrams-Konzert sass ich zuweit entfernt und mich zu den herumblitzenden Störefrieden gesellen mochte ich nicht):
Fortsetzung: Muhal Richard Abrams Quintet, Mailand, 31. Januar 2016
Aber gut, der Platz in der ersten Reihe war gesichter, irgendwann ging das Licht aus und es ging los. Für Hawkins hatte man eine uralte B3 gefunden, inklusive Leslie, der bereits drehte, als ich aufkreuzte, für Edwards einen Bass, mit dem er seine liebe Mühe hatte (der Stachel sank immer wieder ein, die Saitenhöhe konnte nicht verstellt werden und passte gar nicht, wie Edwards mir nachher erzählte), Parker hatte sein Tenorsaxophon dabei (er reist immer nur noch mit einem einzigen Instrument, was schon mühsam genug geworden ist). Das Quartett ging sofort in die Vollen, Edwards/Noble legten unheimlich dichte, treibende Rhythmen vor, die auch immer wieder auf Teufel komm raus groovten - allerdings niemals so, dass den anderen etwas aufgezwungen, sie in den Drum-Beat einfallen mussten ... im Gegenteil, das faszinierende war gerade das Miteinander, das ganz spontan war und allen vieren Möglichkeiten öffnete, Angebote, die sie annehmen konnten oder auch nicht. Hawkins bediente die Orgel fast komplett ohne jaulende Jazz-Orgel-Klischees, sie klang oft fast wie ein analoger Synthesizer oder sowas, Edwards griff immer wieder zum Bogen oder spielte mit beiden Händen hoch am Hals, auch immer wieder mit Obertönen, die in stupender Geschwindigkeit mit tiefen Tönen oder Arco-Passagen wechselten.
Ich brauchte wohl 10 oder 15 Minuten, bis ich mit dem Reichtum, der Dichte der Musik einigermassen klarkam, zu Beginn drohte sie mich zu erschlagen, wegzupusten. Parker glänzte am Tenor wie immer mit einem bezaubernden Ton, besonders schön in einer Passage in der zweiten Hälfte (glaube ich, ich verlor jegliches Zeitgefühl), als er Coltrane (ca. Frühling 1965 dachte ich, aber mit reichlich beigemischten sheets of sound) zu channeln schien. Diese Passage zählte zu den schönsten des Konzertes.

Danach unterhielt ich mich auch noch mit den Veranstaltern, wurde schliesslich eingeladen, mit allen noch was zu trinken, wir endeten in einer ziemlich guten Bar, es gab Negroni für alle.
Ich unterhielt mich dann wieder länger mit Alex, machte ihm auch den anderswo erwähnten Vorschlag (das war in der Tat ein Geistesblitz während des Konzertes), dass er mal mit Sons of Kemet spielen könnte.
Ein paar professionelle Photos vom Konzert kann man hier sehen.
Hier noch ein zweiter meine Schnappschüsse (bei Abrams-Konzert sass ich zuweit entfernt und mich zu den herumblitzenden Störefrieden gesellen mochte ich nicht):
Fortsetzung: Muhal Richard Abrams Quintet, Mailand, 31. Januar 2016
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