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Tonhalle-Orchester Zürich, Lionel Bringuier, Xavier de Maistre: Saariaho & Mendelssohn - Tonhalle, Zürich, 7. Mai

Tonhalle-Orchester Zürich
Lionel Bringuier Leitung
Xavier de Maistre Harfe
Mojca Erdmann Sopran
Katharina Konradi Sopran
Christian Elsner Tenor
Zürcher Sing-Akademie
Andreas Felber Einstudierung

Kaija Saariaho
„Trans“ für Harfe und Orchester, Schweizer Erstaufführung

Felix Mendelssohn Bartholdy
„Lobgesang“ op. 52

Heute am späten Nachmittag wieder in die Tonhalle, obwohl mir vor lauter Dingen (auch Musik) der Kopf rauscht und ich fast vom Stuhl kippte … aber ich wollte das Harfenkonzert von Saariaho hören, die ich bisher überhaupt nicht kannte. Faszinierendes Werk, mit viel Verve gespielt von Xavier de Maistre und dem Tonhalle Orchester, das ich heute tatsächlich zum ersten Mal unter Bringuier sah, dem eigentlich immer noch neuen und doch bald ehemaligen Chefdirigenten, mit dem es leider nicht so recht klappen wollte. Jedenfalls hat sich der Besuch gelohnt, auch wenn mir die Worte für das Werk von Saariaho ziemlich fehlen, ich es überhaupt nicht einordnen kann. Man liest von den Spektralisten, vom IRCAM, von Computermusik – das alles kenne ich noch viel zu schlecht. Im Programmheft hat sie selbst einen Kommentar zu „Trans“ beigesteuert, wird auch im weiteren Text über das Werk zitiert: „Die Herausforderung besteht darin, die Vielfalt der orchestralen Palette zu bewahren, ohne die Harfe als Soloinstrument zuzudecken.“ Die Vielfalt der Palette war in der Tat zu hören, es gab auch Röhrenglocken, Xylophone und anderes, die Instrumentierung war oft sehr interessant, fand ich – zum Glück konnte ich, da das Konzert nicht sonderlich gut besucht war, auf dem Balkon etwas nach vorn rutschen und besser sehen, welche Instrumente gerade zu Gange waren. Bei unkonventionellen Kombinationen ist es doch sehr hilfreich, sehen zu können (das fehlt mir denn auch oft daheim, wenn ich CDs höre – aber das Ohr lernt mit, denke ich).

Was „Lobgesang“ betrifft, die sinfonische Kantate von Mendelssohn, die aus welchen Gründen auch immer lange Zeit als seine zweite Symphonie geführt wurde (im Tonhalle-Programm ist das wenigstens im Begleittext auch immer noch so halb der Fall), war ich skeptisch. Es sind die „Italienische“ und die „Schottische“, die mich ansprechen, doch im Konzert gehört habe ich gerade die „Reformationssymphonie“ und jetzt eben den „Lobgesang“. Doch die Skepsis war unnötig, das Orchester unter Bringuier ging die öffnende Sinfonia gemessen aber mit viel Elan an und es entfaltete sich ein wundervoll bunter Klangzauber. Die Sing-Akademie war dann erst recht beeindruckend, mit einer Diktion und Verständlichkeit, die jene von Mojca Erdmann in den Schatten stellte, wie man leider sagen muss (sind es nicht die Hamburger, die so stolz auf sich sind?). Erdmann war keineswegs schlecht, im Gegenteil, aber von den Solisten war es in erster Linie Christian Elsner, der mich sehr beeindruckte. Das Duett der beiden Soprane gelang ebenfalls bestens, die Timbres von Erdmann und Katharina Konradi, die den undankbaren zweiten Sopranpart sang, passen bestens zusammen.

Am Ende grosser Applaus für Chor, Solisten und Orchester, Bringuier liess zuletzt auch noch die diversen Register einzeln aufstehen – sehr sympathisch und musikalisch auch ziemlich gut, wenn mich mein Urteilsvermögen da nicht völlig im Stich lässt. Aber gut, der Blick geht nach vorn, das Tonhalle-Orchester ab nächster Saison für drei Jahre in eine temporäre Spielstätte im todlangweiligen Trendquartier Zürich West („internationales, grossstädtisches Flair“ heisst ja soviel wie: völlig austauschbar, ein paar alte umfunktionierte Fabriken, neue Hochhäuser, die manchmal wie Bunker aussehen, das übliche halt) und die Arbeit am Klang wie auch der Wechsel zu einem neuen Chefdirigenten wird unter den Umständen gewiss nicht einfach (von den bisher als Papabili gehandelten Gästen wäre Paavo Järvi mein klarer Favorit – kenne ihn nicht gut, aber im Konzert war er klasse und das Zusammenwirken mit dem Orchester klappte hervorragend).

Tonhalle-Orchester Zürich, Christian Gerhaher, Camilla Tilling, Zürcher Sing-Akademie, Bernard Haitink: Brahms, Ein deutsches Requiem - Tonhalle, Zürich, 17. Januar 2016

JOHANNES BRAHMS: Ein deutsches Requiem, Op. 45

Camilla Tilling (Sopran), Christian Gerhaher (Bariton)

Zürcher Sing-Akademie (Tim Brown)
Tonhalle-Orchester Zürich
Bernard Haitink

Ein paar Worte nur, da ich mit solcher Musik mich nicht annähernd so vertraut fühle wie mit den Beethoven-Sonaten von neulich - soviel nur: schwer beeindruckend! Haitink dirigierte ziemlich zurückhaltend, aber die Zusammenarbeit mit dem Orchester funktionierte meist hervorragend (ich glaubte, an einigen Stellen ein paar Ungenauigkeiten zu hören, aber ich mag irren), die Gestaltung des Werkes überzeugte mich soweit ich das sagen kann (ich kenne es noch nicht sehr gut, erst drei-, viermal gehört, jüngst - wohl zum zweiten Mal - die Kempe-Einspielung mit Grümmer/DFD, die ich sehr gut finde).


Was mich zu Beginn und auch später immer wieder schwer beeindruckt hat war das Piano, das das Orchester - ohne Ausdünnung wenigstens soweit ich es sehen konnte (die Streicher nur, aber um die ging es gerade) - hinkriegte, da spielten - und manchmal: sangen - sie alle, und man hätte wohl ein Blatt auf den Boden fallen hören. Und dann die Steigerung, die förmlichen Explosionen, Momente, in denen die Musik auch heute noch ziemlich modern wirkt (schwer abzuschätzen, wie das damals wohl gewirkt haben muss, müsste ich mal ein wenig nachlesen). Der Chor war mindestens so eindrücklich wie das Orchester, und die Solisten ebenfalls überzeugend, Gerhaher wurde meinen hohen Ewartungen jedenfalls gerecht und Tilling hatte den undankbaren Part, meist tatenlos dazusitzen, aber ihre Einsätze waren ebenfalls toll. Am Schluss gab es, dünkte mich, zwar keinen wahnsinnig stürmischen, aber sehr langen Applaus.


Ein längerer Auszug aus Christian Wildhagens sehr treffender Rezension in der NZZ (18. Januar 2016):

Gerhaher ... machte mit dem ersten Ton, seinem mahnenden Ausruf «Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss», deutlich, dass die Botschaft dieses dritten Satzes mehr ist als ein kollektiv an die Gemeinde der Zuhörer gerichtetes Memento mori. Das Wissen um die Sterblichkeit bedeutet vielmehr eine existenzielle Erschütterung, es muss jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwerfen und unterläuft alle Gewissheiten. «Mein Leben ist wie nichts vor dir», singt Gerhaher, und in dem fahlen, tonlosen «nichts» scheint die Einsamkeit des Gott- und Sinnsuchers auf, der angesichts des Todes allen Glauben verliert.
Immer wieder neu fasst Gerhaher die Wendung «. . . und ich davon muss»: einmal als Aufbegehren, ein andermal als resignierendes Niedersinken, bis der visionäre Weckruf dieses predigenden Zweiflers schliesslich die Sängerinnen und Sänger der Zürcher Sing-Akademie ergreift: «Nun Herr, wes soll ich mich trösten?», fragt der Chor, doch es klingt nicht wie eine Frage, eher wie ein Schrei aus tiefster Not. Dieser emotionale Höhepunkt der Aufführung markiert den Durchbruch zu radikaler Subjektivität, er sprengt die formale Ordnung auf und stellt die dem Werk einkomponierte Leitidee einer Tröstung im Glauben umfassend infrage.
[...]
Dass Brahms hier unversehens selbst als Gläubiger wie als Zweifler erkennbar wird, ist nicht zuletzt Bernard Haitink zu verdanken, der eine selten gewordene Dirigenten-Tugend bewahrt: nämlich die Kunst des unprätentiösen Gewährenlassens. Gerade in den eng miteinander korrespondierenden Aussensätzen bringt er die Musik in grosszügiger Disposition und mit weitem Atem zum Sprechen, ohne sie aber subjektiv zu überformen. Auch der fünfte Satz mit der entschwebenden Jenseits-Verheissung des Solosoprans «Ich will euch wiedersehen» atmet eine fast unirdische Gelassenheit. Umso frappierender die Wirkung, wenn ebendiese Glaubensgewissheit jäh ins Wanken gerät.
Quelle: www.nzz.ch/feuilleton/buehne/im-zweifel-fuer-den-glauben-1.18678871(Zugriff am 30. Mai 2016)

Weitere Links:

Haitink im Interview, Tagesanzeiger, 14. Januar 2016
Der Neue Merker: Rezension des ersten Konzertes vom 15. Januar