Intakt Records in London – Vortex Jazz Club, 16.-21. April, 2017



: : So 16.4. : :

In Dalston in Londons Norden liegen die beiden besten Jazzclubs der Stadt für all jene, die nicht auf Mainstream stehen. Das Café Oto liegt in einer kleinen Seitenstrasse direkt hinter der Kreuzung der Dalston Lane und der Kingsland High Street, die über knapp fünf Kilometer – sie heisst der Reihe nach Shoreditch High St, Bishopsgate, Gracechurch St und zuletzt dann King William St – in fast gerader Linie zur London Bridge runter führt. Wie ein Teil der Musiker kam ich im unpersönlichen Premier Inn an der Dalston Lane, nahe der erwähnten Kreuzung unter. Etwas weiter östlich an der Dalston Lane liegt das Avo Hotel, das wohl familiärer gewesen wäre, aber als ich über die kleinen Zimmer las und mit Berücksichtigung der ebenfalls etwas höheren Preise … am Sonntagnachmittag zog ich nach etwas abenteuerlicher Anreise mit dem Bus (der Overground-Zug vom Zentrum nach Dalston fuhr über Ostern nicht – die Station Dalston Junction Station liegt praktisch gegenüber des Premier Inn direkt an der Kreuzung) erstmal ein wenig durch das Viertel, das mitten im Umschwung ist, den die Olympiade dem Londoner Norden, Hackney (wozu Dalston gehört) gebracht hat: viele neue Gebäude, auch der Overground-Anschluss wurde erst im Rahmen von Olympia (wieder) erstellt. Daneben aber auch die übliche Mischung aus Ramschläden (Handy-Zubehör, Nägel, Haare, 1£-Shops), einem Markt und vielen türkischen Restaurants. An einer Razzia mit abgesperrter Strasse und sechs oder sieben Polizeifahrzeugen kam ich auch vorbei – und einen Tag später gab es die News, dass in einem Nachtlokal in Dalston auch noch ein Säureangriff stattfand, der wie es scheint eine junge Frau ein Auge gekostet hat. Das Vortex liegt auf der anderen Seite der Kingsland High am Gillett Square, der fest in der Hand einiger junger Skater ist, auf dem sich aber auch Randständige aufhalten. Es gibt ein öffentliches und offenes Urinal auf dem Platz, viel Müll, ein paar Buden, nebenan einen Parkplatz, rundherum vermutlich Sozialwohnungen … und am Ende des Platzes das Dalston Culture House, in dem sich das Vortex nach dem Herzug aus Stoke Newington im Herbst 2004 eingerichtet hat.

Am letzten Abend hatte ich die Gelegenheit, etwas mit Oliver Weindling zu reden, dem Mann, der schon seit einigen Jahren das Vortex leitet. Er meinte, die derzeit sich vollziehende Aufwertung von Dalston führe zu einer Art Aufspaltung in zwei Welten, denn die vielen Menschen, die in Sozialwohnungen leben, sind nach wie vor dort, haben aber keinen Zugang zu der sich herausbildenden „besseren“ Welt u.a. mit teuren Restaurants. Von diesen sah ich allerdings keines, da müsste man wohl von der erwähnten zentralen Kreuzung etwas weiter weg … mag sein, dass die zahlreichen Nachtclubs, die am Freitag überall geöffnet waren, teuer sind, das hindert die Partygänger_innen aber keinesfalls dabei, überall hinzupinkeln und auf die Strasse zu kotzen – aber sowas nennt man wohl aus der gemütlichen Warte derjenigen, die die Gentrifizierung mitantreiben und zugleich bejammern, „lebendig“ und „spannend“ – ist es ja auch, aber wenn ein höchstens siebzehnjähriges Mädchen in Business-Kleidung um zwei Uhr morgens ganz alleine dahergetorkelt kommt, den drei Meter breiten Gehsteig fast gänzlich ausnutzend, ist das eben auch verdammt traurig. Der Gillett Square, ist als in den Neunzigern geplanter neuer Platz mit dem Fremdkörper Vortex, das wohl kaum einer aus der unmittelbaren Umgebung besucht, ein Beispiel für diese durchaus fragwürdige Entwicklung.

Intakt Records in London – Night 1

Los ging es am ersten Abend schon um 19 Uhr. Vier mal Barry Guy stand auf dem Programm, nachdem der ursprüngliche Plan einer Reunion des London Jazz Composers Orchestra aus finanziellen Gründen nicht umsetzbar war. Den Auftakt machte das Duo Maya Homburger–Barry Guy (****1/2) und legten gleich mal die Messlatte sehr, sehr hoch. Ein dichtes, konzentriertes Set spielten die beiden, es gab Biber (die Verkündigung und später die Kreuzigung aus den Mysteriensonaten, an denen ich derzeit sowieso einen Narren gefressen habe), aber auch Stücke von Barry Guy vom gemeinsamen ECM-Album „Ceremony“. Für ein dort zu hörendes Stück für Violine Solo stiess dann auch Lucas Niggli am Schlagzeug dazu und improvisierte völlig frei, während Guy zunächst aussetzte und sich erst gegen Ende auch dazugesellte – dabei war mir nicht klar, ob das eine angehängte Improvisation war oder ob Guy einfach seine Stimme zum Stück dazu improvisierte (wohl letzteres, denn Homburger scheint nicht im Sinne einer Jazzmusikerin zu improvisieren, wenn ich mich nicht irre). Eine Suite für Violine und Bass (ich glaube auch auf „Ceremony“ zu hören) wurde dann durch Niggli ergänzt. Dann gab es auch noch ein Guy/Niggli-Duo, weil Homburger ihre Barockvioline für die zehnte Sonate Bibers (eben die Kreuzigung) umstimmen musste. Riesiger Applaus am Schluss, und schon da war klar, dass in diesem Club eine tolle Stimmung herrscht, erst recht, wenn er so vollgepackt ist wie an diesem Abend.

Weiter ging es dann mit dem Howard Riley Trio (****) mit Howard Riley (p), Barry Guy (b), Lucas Niggli (d). Riley wirkte sehr gebrechlich, kam gebückt und am Stock auf die Bühne – ich erfuhr später, dass er an Parkinson leidet. Vermutlich das erste und auch letzte Mal, dass ich ihn live hören konnte. Ein Jammer, denn als er erst einmal am Klavier sass, spielte er zwar mit einer durscheinenden Zartheit und wenig Attacke, aber das kurze Set war wiederum grosse Klasse. Lucas Niggli erwies sich jedenfalls als würdiger Nachfolger in den grosse Fussstapfen, die er zu füllen hatte (Jon Hiseman, Alan Jackson, Tony Oxley), und die verschiedenen NoBusiness-Releases von Riley (alle solo) sind mir im Wissen um die Endlichkeit seines (Musiker-)Lebens gerade noch lieber geworden. Es gab im Set des Trios ziemlich viele freie Grooves und auch ein erstes Mal Monk, aber in einer einzigartigen, verschütteten Weise, von der sich Alexander von Schlippenbach wohl etwas abschauen könnte (natürlich muss er das nicht tun, er hat seinen eigenen Umgang mit Monk, der ist völlig in Ordnung, aber halt einfach sehr viel salopper und weniger spannend). Jedenfalls eine halbe Stunde, die mir in Erinnerung bleiben wird.

Es gab danach eine kurze Pause, der Club war längst zur Sauna geworden, lauwarmes Ale half da auch nicht weiter. Doch danach folgte das erste ganz grosse Highlight des Festivals: Evan Parker–Barry Guy (*****) – Evan Parker (ts), Barry Guy (b). Das Duo spielte ein grossartiges Set, Parker beschränkte sich auf das Tenor und sein wundervoller Ton kam im transparenten Line-Up noch toller zur Geltung als sonst. Das Set war erneut kurz, aber voller Energie, wirklich umwerfend.

Den Abschluss folgte dann mit Jürg Wickihalder Trio Beyond (****). Jürg Wickihalder (as, ss), Barry Guy (b), Lucas Niggli (d) – Wickihalder war vor ein paar Jahren mit dem New Orchestra sehr kurzfristig eingesprungen, als Trevor Watts ausfiel (die komischen Stories über Egos und zu kleine Schrift des Namens scheinen Blödsinn zu sein, aber ich habe nicht nachgebohrt; zu unwichtig). Wickihalder erzählte mir später, dass es Niggli war, der ihn damals bei Guy empfohlen hätte, und dass er in dem Rahmen zum ersten Mal überhaupt Altsax gespielt hätte, sich rasch ein Leihinstrument besorgen musste – was man aber wirklich nicht merkte, er beeindruckte mich schwer, irgendwo habe ich darüber auch ein paar Zeilen geschrieben (auf Organissimo wohl). Also: an sich ist Wickihalder ein Lacy-Mann, ein Sopransaxer mit tollem, rundem Ton (warum sind die beiden einzigen echten Lacy-Schüler – Wickihalder und Christoph Gallio – ausgerechnet aus der Schweiz? Ist das die Liebe zum Kleinen, zur kleinen Form? Robert Walser und seine Prosastückli?). Los ging es denn am Sopran, später griff Wickihalder zum Alt, spielte dann auch beide Instrumente simultan, um wieder auf dem Sopran zu schliessen. Auch dieses vierte Set war toll, eine sehr runde Sache mit viel Melodien aber auch ordentlichen Attacken. Manchmal kam mir das ein wenig wie ein westmitteleuropäischer Garbarek vor, also mit anderen melodischen Ausprägungen, einer etwas anderen Rhythmik, aber einem ähnlichen Atem (und ohne Eicher’sches Sedativum, will sagen Niggli pflegt eine breite Palette an Klängen und langt auch gerne ordentlich zu). Wobei eben die weiten Bögen – da spielt dann Lacy rein – immer wieder zerbrochen wurden durch zerklüftete, rasche Passagen, die durchaus auch zum Bebop zurückreichen (was bei Lacy ja auch der Fall ist). Es gab auch hier – wie beim Trio mit Riley – wieder diese faszinierende Verbindung aus Grooves und Freiheit.
Im Anschluss landete ich mit Guy und Homburger (die aber am anderen Ende des Tisches sassen), Niggli, Wicklihalder und meinem lieben Freund Florian Keller, der seit etwas über einem Jahr bei Intakt arbeitet, bei einem Türken etwas weiter die Kingsland High hoch. Schon zwischen den Konzerten hatte ich ein paar Male Nachrichten konsultiert, und der Chef des Ladens meinte später auch zu den Jungs am Tisch hinter uns: „My name is Erdogan!“ und grinste sein impertinentes Grinsen. Übel. 

: : Mo 17.4. : :

Für den nächsten Tag – der Overground fuhr noch immer nicht, aber die dreiviertelstündige Fahrt im Bus von oder nach Dalston wiederholte ich auch später noch einige Male über verschiedene Routen, das war viel spannender als zehn Minuten in den Zug zu sitzen – hatte ich eine Karte für die St Paul’s Cathedral. Es ging also mit Bus 242 die Kingsland High runter, in gerader Linie auf das Geschäftszentrum in City zu und dann via Bank direkt hinter die Kathedrale mit ihrer eindrücklichen Kuppel, die man dann auch besteigen kann. Die Sicht auf die Stadt war klar, obwohl der Himmel bedeckt war (der einzige Regen war gestern beim Einsteigen ins Flugzeug, 50 Meter im Nieselregen – sieben Tage London ohne einen Tropfen!). Danach gab ich mir die volle Sonntagsdröhnung und spazierte über die Millenium Bridge und danach der Themse entlang runter bis zur Westminster Bridge, was an einem solchen arbeitsfreien Tag neben Horden von Touristen auch tausende Londoner zu tun scheinen. Über die Westminster Bridge ging es danach am Parlament und der Westminster Abbey vorbei weiter zur Westminster Cathedral, in die ich kurz hineinging, als gerade eine Messe zu Ende ging, danach ging es weiter zum Buckingham Palace und – an Sonntagen ist da autofrei – durch den Green Park und weiter an Harrods vorbei (die meisten grossen Läden haben auch an Sonntagen und erst recht an solchen Bank Holidays geöffnet) zum Victoria & Albert Museum, in dem ich ein paar Stunden verbrachte, fasziniert von der unendlichen Vielfalt an Kunsthandwerk aller Arten: Möbel, Kleider, Skulptur, Objekte aller Art, bis hin zur Schmiedekunst – vieles natürlich aus den ehemaligen Kolonien zusammengeraubt und auch teils nach geographischen Kriterien präsentiert. Alles anzusehen würde wohl eine Woche beanspruchen, in Wechselausstellungen (zu denen der Eintritt bis zu 20£ kostet) bin ich grundsätzlich nicht, da ich alle besuchten Museen noch überhaupt nicht kannte (nur die Tate Modern, die ich dann leider aus Zeitgründen wegliess, kannte ich bereits von meinem letzten Besuch in London vor ca. 15 Jahren). Der Eintritt in die Sammlungen ist aber bei den staatlichen Museen generell kostenlos, d.h. da schlendern viele Leute auch einfach etwas umher, setzen sich in die teils sehr tollen Höfe und Cafés (der überdachte Innenhof von Jean Nouvel im British Museum ist wirklich toll), die Museen sind daher oft gut gefüllt, aber als wirklich stressig empfand ich es nur ab und zu bei den Highlights, die in den erhältlichen Broschüren und Plänen erwähnt werden (ganz zu recht, denn wie soll man sich sonst in solchen Parallelwelten, die man noch gar nicht kennt, überhaupt orientieren … und für diese Pläne wird man dann auch zu einer kleinen Spende aufgefordert bzw. muss sie kaufen).

Intakt Records in London – Night 2

Am Abend ging es wieder ins Vortex – und Schlangestehen war auch nicht mehr nötig, denn wie sich herausstellte, gab es stets Zettelchen mit den Namen auf den kleinen runden Tischen und man wurde beim Eingang angewiesen, wo man plaziert war. Den Auftakt des zweiten Abends machte nach Howard Riley der andere Veteran des englischen Jazz, den ich noch nie live gesehen hatte, Trevor Watts, im Duo mit einem altbekannten Trommler aus Zürich: Trevor Watts–Dieter Ulrich (****). Watts spielte Alt- und Sopransax, Ulrich wie üblich ein recht kleines Kit ohne viel Zierrat (anders als z.B. Niggli, der in der Tradition von Pierre Favre steht und jeweils ein eigenwilliges Kit aufbaut, das u.a. mit einer Art Christbaum von sich verkleinernden Becken ausgestattet ist und mit allerlei Dingen – Kabelrohren aus Gummi, Becken auf der Snare, Glocken – traktiert bzw. ergänzt wird). Ulrich erzählte später, wie seine Wiederbegegnung mit Watts nach sehr vielen Jahren verlief und wie seine Bedenken rasch verflogen waren, als die beiden am Nachmittag zusammen im Pub sassen. Das Set gelang wirklich, es war einmal mehr relativ kurz (die meisten Sets dauerten wohl so um die 40 Minuten), völlig frei improvisiert und zugleich dicht aber auch entspannt. Ulrich spielte oft recht karg und manchmal sehr leise, Watts sponn daneben lange Linien auf seinen Saxophonen. In einer kurzen Zugabe griff Ulrich dann auch noch zu seiner Signaltrompete (ein seltsames Ding mit nur einem Ventil – ich hätte ihn danach fragen sollen, wo ich schon die Gelegenheit hatte). Am nächsten Abend hörte ich draussen in der Pause, wie zwei Engländer sich über das Set unterhielten. Der eine war am Konzert, der andere erkundigte sich danach, und ersterer meinte sinngemäss, Ulrich (den er offensichtlich gar nicht kannte, der Laden war wohl wegen Watts auch am zweiten Abend brechend voll) habe manchmal etwas servil gespielt. Doch das ist nicht der Punkt, denn gerade in der oft gar zu atemlosen freien Improvisation (in der die Engländer ja ganz weit vorn mit dabei sind, man denke an Bailey, Parker, Watts, Oxley, Guy, Riley, Stevens, Rutherford etc.) ist es doch von Vorteil, wenn man auch mit Texturen, mit Verdichtung und Entspannung, mit Stille und Pausen umgehen kann, nicht jeden Augenblick auf der Zeitachse mit einem Geräusch oder einen Aktion füllen muss. Am Abend darauf landete ich mit Noisy Minority und Percy Pursglove bei einem anderen – dem angeblich besten der ganzen Gegend, aber das war ziemlich identisch mit dem impertinenten Erdogan – Türken und meinte in einem langen Gespräch, in dem Ulrich bereitwillig erzählte von seinen prägenden Erlebnissen, Begegnungen mit Lee Konitz und Don Friedman, von Vorbildern, Miles Davis-Platten usw., dass ich ihn im besten Sinn für einen „old school“-Drummer halte – und er schien das in der Tat, was natürlich meiner Absicht entsprach, als Kompliment aufzunehmen.

Das zweite Set des zweiten Abends, war der „ringer“, eine World-Music-Band, wie sie im Vortex wohl zuvor noch gar nie auf dem Programm stand. Von Seiten der Intakt-Leute war durchaus eine gewisse Nervosität zu spüren: wie würden das Publikum reagieren? Doch die Bedenken waren völlig überflüssig, denn das Trio Aly Keïta–Jan Galega Brönnimann–Lucas Niggli (*****) legte ein fulminantes Set hin und gerade Aly Keïta sprühte vor Charme – völlig entwaffnend. Die Lautstärke und die fortgeschrittene Stunde (halb 11, hallo?) führten aber wohl dazu, dass doch einige Leute den Club verliessen, was sich leider über die kommenden Nächte hinzog. Um Mitternacht ist wohl mit der Underground und auf vielen Buslinien Schluss, und wenn man auf die andere Seite der Stadt muss, dauert das auch gerne eine Stunde oder länger. Aber zur Musik: Aly Keïta (balafon), Jan Galega Brönnimann (bcl, contra bcl, ss, perc), Lucas Niggli (d) – Keïta spielt ein von seiner Familie hergestelltes spezielles Balafon, eigentlich ein doppeltes mit zwei um einen Halbton verschobenen diatonischen „Klaviaturen“, die chromatische Läufe und das Spiel von Akkorden erlauben (Aly spielte manchmal mit zwei, manchmal mit drei oder vier Schlägeln). Zudem sind die Klangstäbe bei den Keïta-Instrumenten (hergestellt von seiner Familie in Mali) nicht fest auf die Kalebassen montiert sondern schwingen über ihnen – quasi eine Luxus-Variante des Balafons. Natürlich ist das Ergebnis – zwei um einen Halbton versetzte diatonische Skalen – nicht wohltemperiert, das heisst es gibt immer wieder Reibungen, kleinen Unreinheiten, die den Sound umso spannender machen. Niggli fing an diesem zweiten Abend Feuer und trommelte wie ein Besessener, während Brönnimann, der in der Mitte stand und ein paar Fusspedale vor sich hatte, manchmal im Klanggebräu etwas unterging bzw. eher gefühlt als gehört werden konnte. An der Bassklarinette und manchmal der Kontrabassklarinette spielte er oft repetitive Basslicks, spielte mit leichter Verzerrung und Oktavierung verquere, verschrobene Riffs, brach aber auch immer wieder zu ekstatischen Solo-Flügen auf. Am Ende des wohl längsten aller Sets der sechs Abende, die ich dabei war, griff er auch noch zum Sopransaxophon. Wahnsinnig toll! Das Set dauerte wohl etwa eine Stunde und war damit das längste der sechs Abende – doch es hätte die ganze Nacht weitergehen können!

Eine Fussnote: sowohl dieses Trio mit Keïta (der in München lebt), Brönnimann und Niggli wie auch jenes mit Wickihalder, Guy und Niggli hörte ich tatsächlich in London zum ersten Mal – ich schäme mich dafür, denn beide Trios hätte ich schon öfter in Zürich oder in der näheren Umgebung hören können. Den Ausklang des Abends gab es danach in der Lobby des Hotels den vier Schweizern des Abends (Watts kam nicht mehr zurück, er wollte nur rasch sein Saxophon in sein Zimmer bringen, das er in einem Hotel ein paar Schritte die Strasse herunter hat), dabei erfuhr ich auch die Details über Alys Instrument, teils von ihm selbst, teils von Niggli. Irgendwann nach zwei Uhr verzog ich mich dann aber, denn für den nächsten Tag hatte ich ein Ticket für die Westminster Abbey und wollte bei der Öffnung um zehn dort sein.

: : Di 18.4. : :

Am nächsten Tag traf ich beim Frühstück nochmal kurz Aly Keïta. Danach ging es in die Westminster Abbey, wo ich natürlich viel zu lange brav in der Schlange stand, weil nicht angeschrieben war, dass man mit Ticket gleich rein konnte und ich keine Begleitung hatte, die schon mal vorsondieren bzw. den Platz in der Schlange halten konnte … Eindrückliche Sache, völlig überladen und unglaublich voll mit Grabstätten, Gedenkplatten usw. Da fliesst galertartig ein Pulk von Tausenden von Touristen durch, man wird schon mal angerempelt und der Lärmpegel ist der eines Hauptbahnhofes zur Rush Hour – doch immerhin wird zu jeder vollen Stunde – über Lautsprecher angekündigt – ein einminütiges Gebet durchgeführt, bei dem an still zu sein und sich nicht zu bewegen hat. Nach all den Schreinen, dem tollen Chorbereich mitten in der Kirche und dem Poet’s Corner, wo sie wirklich alle versammelt sind (für jene, die nicht dort liegen, gibt es einmal mehr Gedenksteine), von Shakespeare über die Brontës bis zu Ted Hughes, geht es raus in den einstigen Klostergarten (das Chorgestühl war einst auch den Mönchen vorbehalten). Und erst von dort kommt man ins achteckige Chapter House, wohl das tollste, was es in der Westminster Abbey zu sehen gibt, aber das weiss zum Glück keiner von den Touristen, denn da steht man plötzlich ganz alleine und ist doch nur zwanzig oder dreissig Schritte vom Pulk entfernt – irr. Vom Hof kann man dann noch eine Reihe von Gärten besichtigen, inklusive des grossen College Garden – und auch dort hat man natürlich seine Ruhe. (Der Spass kostet aber – wie auch die St Paul’s Cathedral – um die 20£, wenn man die Karten erst vor Ort kauft, noch etwas mehr.)

Von da aus spazierte ich weiter zur Tate Britain, deren Sammlung in erster Linie der britischen Malerei gewidmet ist. Die Sonderausstellung mit Werken von Hockney liess ich einmal mehr weg, aber der Rundgang, der vom mittleren sechzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart ging, war leidlich interessant (manches natürlich hervorragend, aber mit Ausnahmen stehe ich nicht besonders auf die britische Malerei … die William Turner gewidmeten Räume musste ich aber natürlich sehen, der Hauptgrund für den Besuch. Auch gab es im entsprechenden Seitenflügel des erneut sehr grossen Museums je einen den Pre-Raphelites und William Blake gewidmeten Raum. Und Zürich ist selbstverständlich auch vertreten, denn eine grossangelegte Schau der britischen Malerei kommt natürlich nicht aus ohne Henry Fuseli (aka Johann Heinrich Füssli). Die Räume mit Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts sind überdies definitiv auch einen Besuch wert, obgleich man in der Tate Modern davon natürlich sehr viel mehr zu sehen kriegt. Sehr gut gefiel mir auch die kleine Photoausstellung Stan Firm inna Inglan: Black Diaspora in London 1960-70s mit Bildern von acht Photographen, die das Leben von Zuwandern aus der Karibik und aus Westafrika dokumentieren. Auch die Ausstellung über Queer British Art besuchte ich leider nicht (ich machte so schon fast schlapp), aber mir fiel in allen Museen auf, dass sie jeweils einige Werke in der Sammlung liessen, die zu den aktuellen Wechselausstellungen „gehören“, und zur Queer-Ausstellung gibt es sogar einen Broschüre, auf der man während des Rundgangs in verschiedenen Räumen ein paar Werke gezielt anpeilen kann.
Im Anschluss ging es wieder zum Westminster, ich kriegte dann auch mit weshalb schon den ganzen Vormittag ein Helikopter über dem Viertel kreiste, denn Teresa May hatte gerade ihre Neuwahl angekündigt, mit der sie wohl eine ähnliche Machtfülle zu acquirieren hofft, wie der kleine Mann mit den vielen Schafen am Bosporus es gerade geschafft hat (zumindest behauptet er das, die Spaltung des Landes ist ja ein kleiner Preis). Ich betrat dann noch die sehenswerte St Margaret’s Cathedral direkt neben der Westminster Abbey, zog an der Gedenkstelle für den Anschlag vorbei weiter zum Trafalgar Square und warf einen Blick in St Martin in the Fields, ass irgendwo in Soho üble Fish & Chips, bevor ich in ein paar Buchläden am Charing Cross ging (u.a. natürlich Foyles), aber im grossen Stil einkaufen ging nicht, da ich ja nur mit Handgepäck unterwegs war – Fliegen ist auch so noch viel zu mühsam.

Intakt Records in London – Night 3

Am Abend standen dann Irène Schweizer–Louis Moholo-Moholo (***) auf dem Programm, zunächst im Duo und im zweiten Set mit Omri Ziegele Where’s Africa (***1/2), zu dritt mit Omri Ziegele am Altsaxophon. Der Abend, auf den ich mich wegen Moholo sehr freute, entpuppte sich leider als der schwächste der sechs – wobei ich das mit etwas mehr kritischer Distanz wohl hätte ahnen können. Schweizer und Moholo sind beide schon sehr lange unterwegs, sie kennen sich auch schon lange, haben aber über die Jahre wohl nicht allzu regelmässig zusammen gespielt und sind beide auf je eigene Art relativ schwierig, dünkt mich. Sprich: Schweizer macht ihr Ding. Moholo macht sein Ding. Schweizer ist nach wie vor eine tolle Solopianistin, daran hege ich keinerlei Zweifel, aber im Zusammenspiel klappt es nicht immer gleichermassen gut. Ihre Duo-CD, live vom Jazzfestival Zürich 1986 gehört zu den Aufnahmen, die ich während des Schreibens wiederhöre und sie ist klasse, keine Frage! Aber eben: Schweizer ist längst eine Art Solitär, eine Solistin geworden, mich überzeugte neulich auch das Duo mit Joey Baron nicht wirklich (ich bin auf die für später im Jahr geplante CD gespannt, kann ja gut sein, dass das Konzert auf CD besser funktioniert – wären die Intakt-Leute und Schweizer nicht überzeugt, würden sie das wohl kaum herausbringen). Schweizer tendierte jedenfalls im Duo-Set für meinen Geschmack etwas zu oft dazu, in kantige, an Monk orientierte Grooves zu fallen. Moholo machte daneben – halbwegs autistisch – sein Ding, trommelte wie üblich um den Beat herum und erzeugte dabei einen irrsinnigen Groove, wie es eben nur Moholo kann. Dabei starrte er aber etwas missgelaunt ins Leere und wenn Schweizer ihn aufforderte, das nächste Stück – es wurde frei improvisiert – zu starten, gab er nur zurück, sie solle anfangen. Einmal gab es dann tatsächlich auch noch den kindischen „du – nein du – nein du“-Dialog. Aber gut, in der Mitte hob das Set für eine Viertelstunde oder so tatsächlich ab, aber einen guten Schlusspunkt fanden die beiden dann wiederum nicht.

Omri Ziegele war wahrlich nicht zu beneiden, denn die Spannungen zwischen Schweizer und Moholo waren buchstäblich zu greifen. In diesem Gravitationsfeld hätte Ziegele leicht sein Gesicht verlieren können – das war denn auch seine Angst nach dem schon spannungsgeladenen Soundcheck, wie er mir am nächsten Tag beim Frühstück erzählte. Seine Strategie: hinstehen, spielen, sein Ding durchziehen. Und das tat er souverän und mit grosser Überzeugung und einigem Feuer. Gespielt wurden die alten südafrikanischen Tunes von den Blue Notes, der Brotherhood of Breath etc. Und dass Schweizer diesen lockeren und saftigen Groove im Griff hat, wurde auch einmal mehr klar. Moholo machte daneben aber weiterhin sein Ding, ohne sich gross auf die Tunes und die Grooves einzulassen, was durchaus schade war. Als das Publikum – es applaudierte stark, schien sich an den Spannungen nicht gross zu stören – eine Zugabe einforderte, warf Moholo den anderen ein schroffes „let’s play something … together“ an den Kopf, bevor es ein letztes Mal losging.

: : Mi 19.4. : :

Am nächsten Morgen traf ich Omri Ziegele beim Frühstück und unterhielt mich mit ihm über den Vorabend, über seine langjährige Zusammenarbeit mit Schweizer usw. Ich darf an diese Stelle wohl erwähnen, dass ich einige Zeit brauchte, um mich mit ihm, mit seiner Musik anzufreunden, aber seine Performance am Vorabend nötigt mir wirklich grössten Respekt ab.

Ich machte mich dann nach dem gemütlichen und langen Frühstück (am Vorabend mochte niemand mehr zum Essen mitkommen, also bediente ich mich – ebenso wie Omri – ausgiebig beim englischen Frühstücksbuffet mit seinen ganzen kulinarischen Hässlichkeiten) später als geplant auf den Weg in die Stadt. Zuerst ging es in die British Library, in der eine kleine aber sehr feine Schau mit Handschriften und besonders wertvollen Büchern zu sehen ist, Manuskripte von Tallis oder Bach werden ausgestellt, die Magna Charta, Beatles-Memorabilia, da Vinci, eine ganze Reihe religiöser Werke aus der halben Welt … obendrein gibt es aktuell eine Ecke, die der Handschriftensammlung Stefan Zweigs gewidmet ist, dabei nicht nur eine Partitur einer Oper von Richard Strauss sondern auch Manuskripte von Mozart „Veilchen“ (das Lied spielt eine Hauptrolle in Jessica Hausners Kleist-Film) und Schuberts „An die Musik“ – Zweig betrachtete diese beiden Lieder als eng miteinander verbunden und als Krönung des Liedschaffens überhaupt.
Ein Spaziergang durch Saint Pancras – auch ein im Eiltempo gentrifiziert werdendes Viertel – führte mich dann zum British Museum, das noch um ein Vielfaches irrer ist als das V&A. Mehr als zwei Stunden schaffte ich nicht und habe dabei nur einen kleinen Bruchteil gesehen, stand natürlich vor dem Parthenon-Fries und ging durch den „Enlightenment“-Room, für den alleine man einen ganzen Tag einplanen könnte. Um dieses Museum zu erfassen, müsste man wohl ein Jahr in London verbringen und sich jeden Nachmittag einen einzigen Raum vornehmen können (es gibt „nur“ 95, aber teils sind sie so gross wie eine oder auch drei Schwimmhallen). Ich musste da wieder raus, bevor mein Kopf explodierte. Unterirdisch ging es nach Camden Town, ins kleine Jewish Museum, wo ich durch die Dauerausstellung schlenderte und mir die kleine, von ihrem Bruder kommentierte Amy Winehouse-Ausstellung anschaute. Danach ging es noch einmal nach Soho, wo ich bei Soul Jazz Records den grössten Einkauf dieses Urlaubs tätigte (5 CDs vom hauseigenen Label). Danach mit Bus 38 (schon zum zweiten Mal) zurück nach Dalston, „Back to Black“ in den Ohren.

Intakt Records in London – Night 4

Den Auftakt des vierten Abends im Vortex machte einmal mehr Irène Schweizer in einem Duo: Irène Schweizer–Maggie Nicols (****1/2). Wie oft bei Vokalistinnen wie Nicols war ich zunächst etwas skeptisch, doch ich war schnell überzeugt von ihrer völlig authentischen Art. Und Schweizer war obendrein das pure Gegenteil vom Vorabend: sie liess sich auf Nicols ein, ein echter Dialog entstand, der immer wieder in ungeahnte Richtungen ausscherte und auch Raum für Humor liess. Das ganze fühlte sich über weite Strecken ziemlich intim an und war wirklich gut.

Das zweite Set speilte Omri Ziegele Noisy Minority (****1/2), die langjährige Working Band bestehend aus Omri Ziegele (as, voc), Jan Schlegel (elb), Dieter Ulrich (d), zu denen als Gast der Trompete Percy Pursglove stiess. Ich kam erst später, als ich mit den vieren beim erwähnten „besten“ Türken sass drauf, dass ich Pursglove ja schon kannte: er spielt in der Blue Shroud Band von Barry Guy, die ich bei ihren beiden Konzerten in Zürich hörte und beide Male schwer beeindruckt war – auch vom phantastischen Solo, das Pursglove in diesem Programm hat. Mit Noisy Minority betätigt sich Ziegele stets auch als Wortkünstler (bzw. nervt, je nach Standpunkt, mit peinlichen hingerotzten – oft frei improvisierten – Texten). Das stand früher meinem Genuss von Ziegeles Musik einigermassen im Weg, aber ich habe mich damit schon seit einiger Zeit ausgesöhnt und fand das auch an diesem Abend recht passend. Jan Schlegel am E-Bass und Dieter Ulrich am Schlagzeug spielten sich rasch in eine „Zone“, aus der sie bis zum Schluss nicht mehr herauskamen, da flogen die Ideen und Grooves nur so hin und her, während Ziegele und Pursglove die überaus ansprechenden Themen präsentierten, die irgendwo zwischen Bebop, Monk, Funk und vor allem der Ornette-Tradition changierten. Hektische Linien mit überraschenden Wendungen, die aber völlig überzeugend daherkamen und zur Strukturierung eines sehr tollen Sets dienten – das dann aber beim Publikum überraschenderweise nicht ganz so richtig rüberkam, obwohl es wirklich toll war. Das mag daran gelegen haben, dass weite Teile des Publikums wohl wegen der Engländer in den Club kamen: Barry Guy und Howard Riley am Sonntag, Trevor Watts am Montag, Moholo (der ja lange in London gelebt hat) am Dienstag und Maggie Nicols am Mittwoch.

Mit Ulrich sprach ich auch – zwei Tage vorher glaube ich, er hatte mit Pursglove und Schlegel dazwischen einen Gig in Birmingham – auch über das Konzert, das ich letztes Jahr mit Oliver Lake, William Parker und ihm gehört habe, und dass es mich nicht völlig überzeugt hätte bzw. im Verlauf besser geworden sei. Er meinte, so sei die ganze Tour verlaufen, also immer besser geworden – und die angekündigte CD auf Intakt sei vom Ende der Tour und werde ziemlich toll – bin gespannt!

: : Do 20.4. : :

Am nächsten Morgen liess ich es nach dem monströsen Vortag etwas geruhsamer angehen. Um 11:30 hatte ich mich auf einen Kaffee in 30 St Mary Axe (aka The Gherkin) mit einem Kollegen verabredet, und genoss von fast zuoberst erneut einen tollen Blick auf die Stadt, diesmal mit einigen willkommenen Erläuterungen. Auf dem Weg dahin spazierte ich noch über die Tower Bridge und durch den Teil der Southwark, in der The Shard steht, ging auch kurz in die ziemlich eindrückliche Southwark Cathedral rein. Danach ging es weiter ins Imperial War Museum am nördlichen Ende von Lambeth. Am ausführlichsten schaute ich mir den Teil über den Ersten Weltkrieg an, mit dem die Schau einsetzt (ich hatte mich nicht informiert und war etwas enttäuscht, dass es zur eigentlichen „imperial“ Epoche der britischen Geschichte gar nichts gab bzw. diese nur am Rande – eben in der ausführlichen Dokumentation über den Ersten Weltkrieg – hineinspielt). Aber fraglos auch dies ein tolles Museum. Danach ging es rüber zum Piccadilly Circus, durch Teile von Soho, Mayfair und Marylebone (und unterwegs auch kurz in den hmv an der Oxford Street).

Intakt Records in London – Night 5

Beim fünften Abend war ich mir über meine Erwartungen nicht im Klaren, da war irgendwie alles möglich. Den Auftakt machte Schlippenbach Plays Monk (****1/2), so zumal die Ankündigung. Doch Alexander von Schlippenbach beschränkte sich nicht auf Monk, fing etwas mäandernd an, suchend, zog dann einen Zettel aus der Gesässtasche, wohl mit ein paar Notizen zur möglichen Setlist. Nach einer Viertelstunde war das Konzert in Gang und es geriet ganz phantastisch. Schlippenbach verdichtete die Musik immer mehr, fiel dann in nahezu sangliche Linien (und er sang bzw. summte und brummte überhaupt permanent mit), fiel in verschiedene Monk-Themen, die er quasi an- und ausknipsen, ein Fragment vom einen Stück an einen Auszug aus dem nächsten hängen kann. Das war sehr gut gemacht, aber als Monk-Interpreten finde ich Schlippenbach dennoch nur halbwegs überzeugend. Eine Spur zu glatt gerät mir das oft, die Ecken und Kanten fehlen, rhythmisch scheint mir ebenfalls manches etwas zu wenig klar konturiert, auch wenn die Stücke harmonisch gesehen spannend bleiben und durch das freie Verfügen über das Material keine Langeweile aufkommt – den Schlippenbach verabschiedet sich mitten in der Phrase wieder von Monk und zieht weiter. Was mir dabei öfter durch Kopf ging war, dass sein lineares Spiel oft recht nah bei Lennie Tristano ist, bei dessen völlig gleichmässiger Phrasierung, dessen Weise, den Melodien nachzusteigen bzw. sie laufend neu zu erfinden (die Quelle von Lee Konitz und Warne Marsh) … und irgendwie führt ja bei Cecil Taylor eine halbverschüttete Linie weiter, die Brubeck aber eben auch Tristano enthält. Und in diese Linie, so kam es mir vor, reihte Schlippenbach sich an diesem Abend ein. Jedenfalls war das Pendel der Ungewissheit da schon ganz klar in die gute Richtung gekippt.

So ging es dann auch weiter, mit dritten Auftritt Ziegeles im Trio Omri Ziegele–John Edwards–Mark Sanders (*****). Das war nach Guy/Parker und Keïta/Brönnimann/Niggli für mich das nächste ganz grosse Highlight. Ein intensives Set von wohl 45 Minuten ohne Pause mit Omri Ziegele (as, wood fl, voc), John Edwards (b) und Mark Sanders (d). Ziegele hatte schon ein paar Tage davor erzählt, dass er Edwards und Sanders in Sibiu gehört habe, als sie nach den offiziellen Festivalkonzerten in einer Bar im Duo spielten und ihn dabei enorm beeindruckten. Damals setzte sich die Idee fest, dass er mit den beiden spielen wollte und in London war dies nun möglich. Das Set war eine Wucht! Im Gegensatz zum Konzert in Mulhouse, bei dem ich Edwards/Sanders hinter – buchstäblich, wie man hier auch an den Photos sehen kann! – Roscoe Mitchell hörte. Im kleinen Vortex und ohne einen bewunderten Helden vor der Nase gelang das Zusammenspiel noch deutlich lebendiger und Sanders Getrommel war schlichtweg „insane“, wie ich ihm nachher auch sagte.
Der Abend klang danach in der tristen Hotel-Lobby aus … auf dem Weg zurück begegneten wir Alexander von Schlippenbach, der auch noch etwas draussen unterwegs war und sich später zu auch noch zu uns gesellte, um ein Bier zu trinken.

: : Fr 21.4. : :

Der letzte Tag kam viel zu schnell – London ist nun gewiss keine Stadt, durch die ich besonders gerne stundenlang zu Fuss herumziehen möchte (und letzteres ist an sich das Kriterium für Städte, die ganz oben in die Liste kommen – von den grossen schafft das wohl nur Paris), aber es gibt doch unglaublich viel zu sehen und man bewegt sich mit der U-Bahn und den Bussen doch einigermassen effizient von einer Ecke in die nächste, das langsame explorieren beschränkt sich dann halt eher auf solche kleineren Ecken. Aber für Freitagmorgen stand für einmal kein Gang an sondern es ging direkt ins Museum – geplant war die National Gallery und dann später wollte ich noch hinüber zur Tate Modern – doch die National Gallery schlug mich völlig in den Bann, die Sammlung ist der reine Wahnsinn (ich verzichtete auch hier einigermassen schweren Herzens auf die Michelangelo/Sebastiano-Ausstellung) – das fängt an mit Piero della Francesca, Uccello, Jan Van Eyck (das Arnolfini-Portrait, und wenn man nur zwei Minuten Geduld hat, steht man auch davor ganz alleine), Leonardo, Rafael, Veronese, Bellini, Tizian, Holbein, Vermeer, Velázquez, Caravaggio, Van Dyck, Rubens, Rembrandt, Hals, Turner, bis hin zu Monet, Cézanne, Van Gogh, Sisley, Pissarro etc. Daneben gab es in einem etwas abgelegenen Raum, in dem man ebenfalls ganz allein sein konnte, ein Meisterwerk von Guido Cagnacci – mehr dazu hier. Das Buch, das die Frick Collection und die National Gallery gemeinsam über den mir davor völlig unbekannten Cagnacci publizierten, kaufte ich dann auch noch.
Nach über vier Stunden war ich halbwegs durch mit der Sammlung, zu manchen Bildern ging ich noch ein zweites mal. Danach war nicht mehr viel zu machen, für die Tate reichte die Zeit nicht und die Aufnahmefähigkeit war eh völlig erschöpft. Also ein letzter kurzer Gang durch Covent Garden und danach ein letztes Mal und wieder mit einer neuen Route mit dem Bus 243 zurück nach Dalston.

Intakt Records in London – Night 6

Mein letzter Abend im Vortex begann mit einer Band, auf die ich eigentlich keine Lust hatte – ohne sie zu kennen. So übel wie befürchtet war das dann allerdings nicht, aber wirklich begeistern konnten mich doch nur einzelne Momente. Kinsella–Marshall–Edwards–Buechi: Wood & Bones (***) nannte sich das Quartett, doch es handelte sich eindeutig um Sarah Buechis Projekt. Die zweite Sängerin Lauren Kinsella hatte einen Notenständer mit viel Papier vor sich, während Buechi das Material kannte. Ihre Performance schien mir eine Spur zu selbst=bewusst, eine Spur mehr Rampensau als nötig, während die feinere Simme von Lauren Kinsella daneben zweite Geige spielte und auch etwas leise im Mix war. Wenn die beiden zusammen sangen und dann auch noch vom Cello von Hannah Marshall und John Edwards‘ Bass begleitet wurden, ergaben sich allerdings immer wieder bezaubernde Passagen. Leider waren die Texte oftmals auf Poesiealbum-Niveau … und für Edwards, diese Naturgewalt am Bass, war der Rahmen etwas einengend.

Den krönenden Abschluss machte danach aber das Schlippenbach Trio (*****) und zwar in seiner Originalbesetzung mit Evan Parker (ts), Alexander von Schlippenbach (p) und Paul Lovens (d). Das Set war unglaublich dicht und dennoch nie atemlos. Das Trio agierte aufmerksam und improvisierte mit höchster Intensität. Irgendwann steuerte Schlippenbach wieder Monk-Tunes an, Fetzen aus „Skippy“ fügten sich ein, Evan Parker liess sich aber nur für ein paar Sekunden darauf ein, später erklang „Evidence“, das Parker dann – wie schon beim Konzert in Zürich mit Paul Lytton am Schlagzeug, ebenfalls mitanstimmte … und auch eine Zugabe hielt das Energielevel oben. Fantastisch, das Trio noch einmal mit Paul Lovens sehen zu können, dessen Spiel das Trio massgeblich antreibt und für eine ganz andere Energie sorgt, als wenn Paul Lytton am Schlagzeug sitzt (die Gruppe ist auch dann phantastisch, aber eine andere).

Danach ging es noch einmal zu Erdogen, es schloss ich auch Lionel Friedli an, der Drummer, der am folgenden Abend in einem zweiten Projekt mit Sarah Buechi zu hören sein würde. Nach vier kurzen Stunden im Bett ging es dann bereits wieder in Richtung Flughafen, wo es auf den fünfzig Metern vom Gebäude zur Treppe doch noch etwas Nieselregen gab – aber das vermochte den Eindruck natürlich nicht zu trüben. Ein grossartiges Festival, das die Intakt- und die Vortex-Crew auf die Beine gestellt haben. Gerne wäre ich noch sechs weitere Abende dabei gewesen und hätte auch noch Ingrid Laubrock, Pierre Favre, Sylvie Courvoisier und Mark Feldman und ein weiteres Mal Evan Parker gehört.

Nächstes Wochenende folgt in Zürich ein zweitägiges Follow-Up, das London-Zürich Festival im Theater Neumarkt, zu dem ich wohl am zweiten Abend gehen werde, dann spielen Laubrocks Sleepthief (die gestern im Vortex auftrten) und davor zum Auftakt erneut das Duo Evan Parker/Barry Guy. Am Vorabend bin ich verhindert, da würde mich vor allem das Zusammentreffen von Parker mit dem hiesigen Gitarristen Flo Stoffner (den ich auch schon mit Paul Lovens hörte), daneben gäbe es erneut Schweizer/Moholo und Ziegele/Edwards/Sanders – wundernehmen würde es mich ja schon, ob ersteres besser klappt und letzteres erneut solche Höhen erklimmt … aber gut, man kann nicht alles und am 1. Mai höre ich die Sopranistin Julia Lezhneva im Konzert, vom 4. bis am 6. Mai will ich ans Taktlos und zwei Wochen später ist auch noch das Konzert von Nils Wogram Root 70 (mit Hayden Chisholm) eingeplant (für das ich extra eine Karte für Herbert Blomstedt mit Beethoven 7 und 8 in der Tonhalle vom Freitag auf den Mittwoch eingetauscht habe, am Donnerstag dazwischen gibt es noch eine Oper von Haydn) – Langeweile kommt gewiss nicht auf.

Klassik - 2017


13. Januar – Tonhalle Zürich, Grosser Saal

Tonhalle-Orchester Zürich
Pablo Heras-Casado Leitung

SCHUBERT: Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200
BARTÓK: Konzert für Orchester

Gestern auch zum ersten Mal dieses Jahr in der Tonhalle, wie üblich auf den billigsten Plätzen … die Karte hatte ich in erster Linie gekauft, weil Christoph von Dohnányi angekündigt war. Der sagte jedoch krankheitshalber ab und Pablo Heras-Casado sprang ein. Schubert hätte, vermute ich, bei Dohnányi ganz anders getönt, bei Heras-Casado kam eher Beethoven heraus, wobei natürlich der Schubert’sche Schwung schon zu hören war, aber der Kopfsatz wurde so wuchtig gespielt, dass man wirklich an Beethoven dachte – und dass sich auch die Vermutung aufdrängte, Heras-Casado wolle hier schon ein wenig auf Bartók verweisen bzw. Elemente hervorheben, die Schubert etwas moderner – und schroffer – klingen lassen sollten, als das üblicherweise der Fall ist. Aber gut, keinesfalls falsch, auch eine Symphonie live aufzuführen, die kaum als Meisterwerk zu betrachten ist. Nach einer halben Stunde war dann bereits Pause und danach folgte in riesiger Besetzung Bartók. Das gefiel mir dann ausserordentlich gut, das Orchester sass auf der Stuhlkante, spielte sehr aufmerksam und lebendig. Der Applaus war verdientermassen gross und lang, auch wenn das alles in allem doch ein eher „kleiner“ Abend war.

Nachtrag:

Nachdem mich am Samstag eine Besprechung im Tagesanzeiger (der Rezensent war wohl beim ersten Konzert am Donnerstag) etwas verunsichert hatte (grandioser Schubert, lahmer/zusammenhangloser Bartók, so die Kürzestfassung) gibt es heute in der NZZ auch noch eine Besprechung:
http://www.nzz.ch/feuilleton/pablo-heras-casado-beim-tonhalle-orchester-zuerich-nur-einspringer-ld.139946

Dass beim Schubert die Funken stieben, war ja nicht das Problem, im Gegenteil, zu wuchtig war er mir trotzdem, zu schwer, auch wenn im zweiten Satz das Wienerische (das meinte ich oben mit „Schwung“, meine Zeilen sind schludrig und faul, aber so ist gerade die Laune, pardon) durchaus zu hören war und die Wucht etwas zurückgebunden wurde.

Bartók findet beim Rezensenten der NZZ (Wildhagen war in der Elbphi, aber die Rezensionen dazu habe ich noch nicht angeschaut) allerdings Gefallen, wie bei mir ja auch.
Wenn ich aber nach den beiden ersten Eindrücken die Wahl hätte, würde ich mir eher Järvi denn Heras-Casado als Nachfolger am Pult wünschen.

: : . : : . : :


30. Januar - Sala Verdi, Conservatorio di Milano

D. SCARLATTI
: Sonaten K 208, K 24, K 132 und K 141
RAVEL: Gaspard de la nuit

LISZT: Sonate h-Moll S 178

Lucas Debargue, piano

Der Konzertsaal ist schon mal klasse, der Mailänder Bekannte, mit dem ich schon Samstagabend Essen und dann Montag und Dienstag im Konzert und beide Male beim Abendessen war, meinte, es sei von der Akustik her der beste Saal Mailands. Los ging es mit romantisiertem Scarlatti, viel Pedal, Rubato … nicht mein Fall, skip. Ravels Gaspard hörte ich im Vorfeld zwar einige Male, aber so ganz komme ich damit noch nicht klar. Debargue kann das, keine Frage. Seine Technik scheint insgesamt exzellent zu sein, aber in Sachen Gestaltung kann er wohl noch etwas dazulernen, wie so viele junge Musiker dieser Tage. Nach der Pause dann der main event, die grosse Sonate von Franz Liszt. Debargue packte den Stier bei den Hörnern, ging Risiken ein, wählte manchmal so horrende Tempi, dass die Finger nicht mehr ganz mithalten konnte, falsche Töne sich zu den richtigen gesellten – das ist jedenfalls schon einmal die richtige Einstellung. In den ruhigen, leisen Momenten war er sehr stark, aber auch in der wuchtigen Intensität heimisch. Die Verbindung zwischen diesen beiden Polen schien mir jedoch manchmal etwas schwierig, etwas unorganisch, ein rasches Crescendo gepaart mit einem kurzen Accelerando und so war Debargue wenig mehr als einen Wimpernschlag später im anderen Extrem; ein Dazwischen, das die Extreme wirksamer würde werden lassen, gab es nur selten. Doch der Mann ist jung und ich werde wohl aus der Distanz aber mit einiger Sympathie verfolgen, was von ihm kommen wird. Die erste Zugabe war vermutlich ein Stück von Chopin oder Liszt oder auch Schumann … ich erkannte das Stück zwar, aber kam nicht drauf (der Bekannte schloss Chopin aus, aber ich bin immer noch der Meinung, dass es am ehesten Chopin gewesen ist). Die zweite Zugabe war dann leider eine der Kapitalsünden der Klassik-Welt – auch wenn das Publikum das nicht merkte und ziemlich abging: Debargue vergriff sich an Thelonious Monks „Round Midnight“ und ratterte durch, wie es nicht einmal Oscar Peterson getan hätte (ja, double time, auch meist eine Sünde, wenn es um Balladen geht, selbst von den grossen Jazzern konnten das nur wenige). Dabei kam Monk natürlich abhanden, sein Stück wurde ein pures Mittel zum Zweck. Schade, dass das Konzert so enden sollte.

: : . : : . : :

31. Januar - Museo del Novecento, Mailand


Beim Besuch des Museo del Novecento in Mailand (mehr zum ganzen Italienurlaub hier) stolperte ich unverhofft in ein weiteres kleines Konzert.
Das Stück von Honegger für Flöte und Klavier zum Auftakt war exquisit, ich will mich bald einmal nach Aufnahmen von Honeggers Kammermusik umsehen, allein deswegen, weil mir diese Romanze so gut gefiel. Danach folgten leider weniger überzeugende Darbietungen, die Poulenc-Stücke etwas planlos, die Mélodies von Honegger ganz in Ordnung aber doch nicht vollends überzeugend (aber eine gute Stimme war vorhanden), die Chansons von Milhaud dann mit einer völlig in Leere laufenden Pseudo-Virtuosität dargeboten (und man fragt sich bei allem Respekt, ob die Musikerinnen wussten, wovon sie sangen). Zum Glück wurde das am Ende durch die ganz ordentliche „Scaramouche“ wieder etwas aufgefangen. Gelohnt hat sich das aber alleweil, allein um das Flötenstück Honeggers kennenzulernen. 

: : . : : . : :

31. Januar - Sala Verdi, Conservatorio di Milano

HAYDN: Quartetto in fa maggiore op. 77 n. 2 Hob.III.82
RAVEL: Quartetto in fa

BEETHOVEN: Quartetto n. 14 in do diesis minore op. 131

TAKÁCS QUARTET
Edward Dusinberre, Violine
Károly Schranz, Violine
Geraldine Walther, Viola
András Fejér, Violoncello

Und das war nun the real deal, keine Frage! Haydn war ein etwas verhaltener Auftakt – der Gedanke, den mein Bekannter nach dem Konzert äusserte, war mir auch durch den Kopf gegangen: Haydn sollte man am besten in ganz seinen Quartetten gewidmeten Konzerten aufführen. Aber schon da war das äusserst lebendige Spiel des Takács Quartetts zu bewundern, das in Ravels Quartett dann richtig schön zur Geltung kam. Da ist kein elegant geschliffener Gleichklang sondern ein bebender, vibrierender Körper, an dem alle vier ihren Anteil hatten, den sie gemeinsam im Spiel erschaffen. Ravels Musik flimmerte in allen Farben und summte, wie ein Bienenstock, der Blick schien durch ein Prisma zu gehen, aber – zugleich, und das war enorm faszinierend – auch durch ein Vergrösserungsglas, das erst offenbarte, was in Ravels Stück alles steckt. Besonders toll war der Pizzicato-Teil im zweiten (?) Satz. Nach der Pause folgte dann die Krönung mit Beethoven – ich habe ja bekanntlich seine Streichquartette noch nicht angepackt und es war ein beeindruckendes Erlebnis, dieses späte Quartett in so fähigen Händen zum ersten Mal überhaupt bewusst zu hören. Jedenfalls funktionierte der Zugriff des Quartetts perfekt, das Nervöse Flirren sorgte für eine ungeheure Lebendigkeit, einmal mehr schien die Musik fast körperlich greifbar zu werden, so plastisch die Darbietung.

: : . : : . : : 

3. Februar - Auditorium „Toscanini“ della RAI, Torino

Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI
Ingo Metzmacher
direttore
Frank Peter Zimmermann violino

MAGNUS LINDBERG (1958): Concerto n. 2 per violino e orchestra (2015) (prima esecuzione italiana)

GÉRARD GRISEY (1946-1998): Modulations, per 33 strumentisti (1976) (Espaces acoustiques, IV)
EDGARD VARÈSE (1883-1965): Ameriques (versione ridotta del 1927)

Zum Auftakt spielte Frank Peter Zimmermann das zweite Violinkonzert von Magnus Lindberg. Ein etwas plumpes, manchmal für meinen Geschmack gar plakatives Werk – ich musste da und dort an die Kritik von René Leibowitz an der Symphonik von Jean Sibelius denken: Die Orchestereinsätze waren vor allem wuchtig, hatten aber keine Richtung, nichts entwickelte sich, manche Idee hing lose im Raum – was nicht etwa anregend oder verwirrend wirkte, sondern einfach etwas planlos. Das klingt aber übler als es war, zumal Zimmermann sich dem Konzert mit Herz und Seele hingab und am Ende den letzten Zweifel ausräumen konnte, wenigstens was diese Aufführung betraf. Es gab einen gigantischen Applaus und eine Zugabe (ein Satz aus einer der Solo-Sonaten von Bach, habe mir aber nicht die Mühe gemacht, nach dem Konzert herauszukriegen, welcher es war). Nach der Pause richteten sich die 33 für Griseys „Modulations“ benötigten Musiker_innen auf der Bühne ein und schon bald flirrten faszinierende Klänge durch das moderne und einmal mehr klanglich sehr transparente Auditorium. Es ist ja bekannt, dass ich Grisey noch nicht kenne, doch wurden die Anleihen, die Steve Lehman bei Grisey macht, auch für meine Ohren sofort erkenntlich und als Erstbegegnung war das wohl perfekt. Der grosse Höhepunkt war dann Varèse, die überarbeitete Fassung von „Amériques“ (wobei ich nicht sicher bin, ob diese Angabe stimmte, es gab 15 Schlagzeuger auf der Bühne, was gemäss Wikipedia der Originalfassung entspricht). Jedenfalls ein Mordsspass, auch einmal solche Musik im Konzert zu erleben!

: : . : : . : : 

Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 24.2.

Tonhalle-Orchester Zürich
Charles Dutoit Leitung
Julia Fischer Violine

BARTÓK: Violinkonzert Nr. 2
TCHAIKOVSKY: Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36

Ich kann der NZZ nur beipflichten, was das Lob von Fischers Interpretation des Bartók-Konzertes betrifft – souverän, mit starkem Ton auch noch im leisesten Pianissimo, bebend, vibrierend, sehnig, und äusserst nuanciert. Wahnsinn, sowas live erleben zu können! Und unter Dutoits sicherem Dirigat wird auch die Klangkultur des Tonhalle-Orchesters wieder einmal aufs schönste hörbar, die ganze Bandbreite von fast schon schmerzhaft laut bis zu zart hingehauchten Passagen … der Maestro scheint ja ein regelmässiger Gast zu sein, aber ich verfolge das alles bekanntlich ja erst seit ein, zwei Jahren so aktiv. Als Zugabe spielte Fischer einen langsamen Satz aus einer der Sonaten oder Partiten Bachs – war wohl gut gemeint, aber passte nach meinem Empfinden nicht zu dem davor und dem danach. Das danach war eben die vierte von Tschaikowsky, ein wunderlich Ding – aber wenn man Sibelius mögen soll, warum nicht auch Tschaikowsky? Das Publikum liebte die Symphonie, es gab am Ende ein zweites Mal langen und lauten Beifall für das Orchester und Dutoit, der auswendig dirigierte. Mein Platz auf der Galerie erlaubte es, Dutoit zu beobachten – und ich bin tatsächlich zum ersten Mal das ganze Konzert hindurch gestanden, um sein Dirigat zu beobachten, das gerade bei Tschaikowsky wirklich faszinierend war. Manchmal setzte er fast aus, andere Male dirigierte er nur mit der Linken in runden Kreisen, natürlich gab er auch den Schlag (mit der rechten mit kleinem Stock), aber viel interessanter waren seine Anweisungen mit der Linken, vor allem die Violinen wurden sehr aktiv gesteuert, während die Bläser durch ihre zahlreichen anspruchsvollen solistischen Passagen scheinbar selbstständig kamen, gewisse Einsätze markierte Dutoit auch mit lautem Mitbrummen der jeweils leitenden Stimme (wie Antonini es ja neulich auch schon tat, der sang oder summte noch viel öfter mit). Jedenfalls faszinierend, zuzuschauen.

: : . : : . : :


Zürich, Opernhaus – 11.4.

Werther
Oper von Jules Massenet


Musikalische Leitung : Cornelius Meister
Inszenierung : Tatjana Gürbaca
Bühne und Lichtgestaltung : Klaus Grünberg
Bühnenbildmitarbeit: Anne Kuhn
Kostüme: Silke Willrett
Kostümmitarbeit: Carl-Christian Andresen
Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger
Dramaturgie: Claus Spahn

Werther: Juan Diego Flórez
Charlotte: Anna Stéphany
Sophie: Mélissa Petit
Albert: Audun Iversen
Le Bailli: Cheyne Davidson
Schmidt: Martin Zysset
Johann: Yuriy Tsiple
Brühlmann: Stanislav Vorobyov
Käthchen: Soyoung Lee
Charlottes Geschwister: Loïg Duméril, Linda Heiligtag, Valeria Mosca, Mia Schweizer, Rima van Dijk, Linda Weidmann

Philharmonia Zürich
Kinderchor der Oper Zürich
SoprAlti
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Keine Zeit, viel zu schreiben, aber das war erneut ein phänomenaler Musik- und Theater – also Musiktheater, genau wie neulich schon mit Trojahns „Orest“ – Abend gestern! Flórez ist schlichtweg grossartig in der Titelrolle, Anna Stéphany bei ihrem Rollendebut als Charlotte ebenfalls, und die Inszenierung ist äusserst stimmig, auf die Handlung und die geschilderten Milieus perfekt abgestimmt, sie trifft (trotz der (t)ollen „Klopstock!“-Ausfrufe und dem Ossian-Schmonzes, den Massenet eigentlich zu seiner Zeit schon hätte streichen können), und am Ende, wenn der klaustrophobische Bühnenraum sich plötzlich öffnet, die zweite Welt dann aber – nicht wie in Lars von Triers „Melancholia“ mit „dieser“ Erde kollidiert sondern vorbeizieht – geradezu rührend, wenn ein uraltes, stummes Doppelgängerpaar die unmögliche Liebe der beiden Protagonisten verkörpert. Petit fand ich ebenfalls klasse in ihrer kleinen Rolle, und auch die anderen kleineren Rollen waren gut besetzt.

Das Orchester ist transparent, die Tutti-Passagen empfand ich als überhaupt nicht störend, kann natürlich sein, dass darans eit der Premiere noch ein wenig gearbeitet wurde (und auch das Saxophon fand ich völlig in Ordnung). Faszinierend fand ich persönlich auch, wie sich die französische Oper zwischen „Faust“ und „Pelléas et Mélisande“ entwickelte und wie ich das jetzt anhand dreier Vorstellungen innert relativ kurzer Zeit nachvollziehen konnte (der „Faust“ war mittelprächtig, der Debussy eine Epiphanie und der gestrige „Werther“ stand dieser kaum nach).

Hier etwas ausführlicher die NZZ:
https://www.nzz.ch/feuilleton/opernhaus-zuerich-die-leiden-der-jungen-charlotte-ld.155159

Gaetano Donizetti: L'elisir d'amore - 7. April 2017, Opernhaus Zürich (Santi, Asagaroff)

Musikalische Leitung: Nello Santi
Inszenierung: Grischa Asagaroff
Bühne und Kostüme: Tullio Pericoli
Bühne: Gigi Saccomandi
Choreinstudierung: Jürg Hämmerli
Lichtgestaltung: Jürgen Hoffmann

Adina: Olga Kulchynska
Nemorino: Juan Francisco Gatell
Belcore: Levente Molnár
Dulcamara: Renato Girolami
Giannetta: Hamida Kristoffersen

Begleiter des Dulcamara: Jan Pezzali
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Gestern die Premiere der Wiederaufnahme (nicht der ersten, 2014/15 lief die Inszenierung mit Luisi auch an der Scala) von Donizettis „L’elisir d’amore“ – am Ende stehende Ovationen für Nello Santi, der der Züricher Oper seit seiner Zeit als Leiter (1958-1969 – die NZZ berichtete über sein Jubiläumskonzert zum 85. letzten Herbst, hatte mir noch überlegt, hinzugehen, aber Tschaikos Vierte hörte ich dann später in der Tonhalle mit Dutoit und war ziemlich gespalten) … die Inszenierung von Asagaroff ist hübsch, Bühne und Kostüme von Pericoli bringen die Oper ins ursprüngliche ländliche Setting zurück (die letzte Fassung, die ich vom Liebestrank sah, verpflanzte den Plot nach Malpensa, den Mailänder Flughafen (auch eine Scala-Produktion glaube ich, sah sie auf arte oder 3sat). Also: alles sehr harmlos, aber liebevoll gemacht. Und viel mehr hatte ich nicht erwartet, ging ja in erster Linie hin, um Santi in seinem Element zu hören – und das hat sich denn auch mehr als gelohnt. Musikalisch finde ich „L’elisir“ betörend schön, es gab denn auch so oft Szenenapplaus, wie ich es noch nie erlebt habe (was kein Massstab ist, bin ich doch erst seit einem knappen Jahr regelmässiger Operngänger, nach einer Pause von fast 20 Jahren, davor ging ich auch bloss fünf oder sechs Mal pro Saison, wobei im Schüler-Abo mit fünf Vorstellungen stets eine eher dümmliche Operette – den Scheiss gab’s bei Pereira immer – und ein Ballet dabei waren, also letztlich nur drei „richtige“ Opern, dazu kam dann noch der eine oder andere Besuch ausserhalb des Abos, eine Inszenierung von Jenufa und der Holländer in einer Berghaus-Inszenierung haben sich eingeprägt).
Olga Kulchynska als Adina überzeugte in ihrem Rollendebut. Als Nemorino ist ab der nächsten Vorstellung das Ensemblemitglied Pavol Breslik dabei (den ich neulich als Belmonte hörte, der kriegt den Nemorino gewiss sehr gut hin), aber gestern sang zum einzigen Mal Juan Francisco Gatell (sein Debut am Haus) und auch er gefiel sehr gut. Die polternden Bartone übertrieben nicht zu sehr und auch die Giannetta war adäquat besetzt. Santi dirigierte hinter dem Klavier stehend (darauf lag ein kleinformatiges Notenbuch, wohl ein Klavierauszug aus Gedächtnisstütze, er dirigiert ja sonst stets auswendig) und setzte sich manchmal oder spielte im Stehen, wenn es obligates Klavier brauchte. Am Ende auf die Bühne zu kommen, war wohl ein echter Kraftakt, aber wie schön er die Musik zu formen versteht, wie farbig und vielfältig das alles klingt! Aber klar, die Partitur hält auch sehr viel bereit – ein Wunder für eine innert zweier Wochen geschriebene Opern, denn die Orchestrierung ist wirklich fabelhaft, da ein Solo-Fagott, dort ein paar Harfen-Arpeggi zu Pizzicato-Streichern … einzig bei der ganz am hinteren Rand der recht tiefen Bühne stehenden Bühnenmusik in der Szene mit der dann abgeblasenen Hochzeit am Anfang des zweiten Teiles gab es gewisse Probleme mit der Abstimmung, sonst war das keine Hauptprobe, die man rasch zur Schülervorstellung machte (leider, aber egal, wenn nur einer den den fünfzig oder sechzig Pennälern später mal wieder hingeht, hat sich’s gelohnt, und so unruhig waren sie gar nicht mal) sondern ein gelungener Auftakt zu einer Reihe von insgesamt nur fünf Aufführungen.

Isabelle Faust, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado - 26. März 2017, Tonhalle, Zürich

Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 26.3.
Neue Konzertreihe Zürich

Freiburger Barockorchester
Pablo Heras-Casado Leitung
Isabelle Faust Violine


Felix Mendelssohn Bartholdy

Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26
Violinkonzert e-Moll op. 64

Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Sinfonie“


Ein Mendelssohn-Programm mit dem Freiburger Barockorchester … und das heiss geliebte Violinkonzert mit Isabelle Faust? Und dennoch holte ich mir erst vor einigen Tagen eine Karte (die allerletzte der billigsten Kategorie, aber allein auf meiner Seite des Saales kamen wohl gegen ein Dutzend Leute nicht). Das hatte seine Gründe, und ganz unberechtigt waren diese wohl nicht.

Aber von Anfang an: Das Orchester unter Heras-Casado, der das komplette Programm aus dem Gedächtnis dirigierte, legte mit einer zügigen und überaus mitreissenden Hebriden-Ouvertüre los. Der helle, leichte Klang und das leichtfüssige Spiel mochten sehr zu überzeugen und das blieb über den ganzen Abend hinweg so. Das erhoffte Highlight war dann natürlich das Violinkonzert, doch auch seinetwegen hatte ich – trotz meiner grossen Wertschätzung von Isabelle Faust – einige Bedenken. Das Orchester war auch hier wieder tadellos, aber da und dort hätte man sich halt doch mehr Schwere gewünscht. Nicht grundsätzlich, aber als einzusetzendes, abrufbares Stilmittel; gerade im romantischen Repertoire darf es eben schon mal wuchtig klingen, dürfen die Streicher satt schwelgen. Fausts Einstieg fand ich überzeugend, ihre Verve, ihre Klarheit, spitz aber zugleich sanft gespielt – das gefiel. Doch in den lauten Passagen schien ihr Instrument manchmal etwas zu scheppern und dennoch war die Balance zwischen ihr und dem Orchester dann nicht mehr ganz im Lot – es war als ging nicht mehr, als wolle die Geige nicht mehr hergeben. Dann die nächste leisere oder schwindelerregend sich drehende Phrase, und Faust hatte wieder alles unter Kontrolle. So auch in der Kadenz. Doch der langsame Satz litt dann naturgemäss etwas unter der orchestralen Sprödheit.

Nach der Pause dann die programmliche Wackelpartie, die seltsame fünfte Symphonie, die ja eigentlich die zweite ist, und mit der ich im Gegensatz zur dritten und vierten (der „Schottischen“ und der „Italienischen“) nicht wirklich klar komme (mit der „Lobgesang“, gemäss Opus-Numerierung der zweiten, geht es mir ähnlich). Aber gut, die beiden inneren Sätze sind teils von bezaubernder Schönheit, doch der kurze dritte Satz, der so bezaubernd beginnt, fasert irgendwie ziellos aus – und dann leidet der Schlusssatz gerade wie der Kopfsatz unter einer Mischung, die ich eigentlich bisher nur bei Beethoven halbwegs erträglich finde: plakativ munter drauf, manchmal geradezu plump in der Motivik, und dann wieder ganz bezaubernde Momente, und das alles irgendwie in einer Art Dialog zusammenmontiert, dann obendrein – im Schlusssatz – noch die ganze lutherische christliche Kriegsmarsch-Ästhetik (wie Choräle schon bei Bach vom Himmlischen zum Waffengeklirr der stampfenden Soldaten kippen, wird mich wohl zeitlebens vor den Kopf stossen, ein feste Burg halt – nicht für mich, bitte!).

Aber gut, das klingt jetzt wohl zu negativ, denn insgesamt war das ein toller Einblick in das überaus interessante Schaffen von Mendelssohn, das ja gerade mit Beethoven und mit der Klassik sowieso bricht, dabei auf Bach zurückgreift und vorgreift auf Dinge, die erst viel später wieder auftauchen (zumindest scheint mir das so, meine Vertrautheit mit der Romantik hält sich bisher einigermassen in Grenzen und die Lust, das über Schumann und Brahms hinaus grossartig zu vertiefen, hält sich ebenso in Grenzen … Bruckner wieder, dann Mahler, klar, aber das geht da dann schon wieder entscheidende Schritte weiter, zumal bei Mahler). Faust setzte sich übrigens für die zweite Konzerthälfte unten ins Publikum, Heras-Casado bei der kurzen Kurtág-Encore von Faust hinten ins Orchester. Die Mendelssohn-Zugabe ganz zum Schluss hat Heras-Casado zwar angesagt, aber verstanden habe ich ihn nicht, verstanden habe ich nur, dass er sagte, originell sei die Wahl nicht gerade.

Les Flamboyants, Cantica Symphonia: Extrakonzert Heinrich Isaac - 24. März 2017, Kirche St. Peter, Zürich - Festival Alte Musik Zürich

Vorhin besuchte ich zum ersten Mal das Festival Alte Musik in Zürich, das schon seit fünfzehn Jahren existiert, ohne dass ich davon bisher gehört hätte. Dieses Jahr galt der Schwerpunkt Claudio Monteverdi, doch die interessantesten Konzerte (ein langer Abend mit Auszügen au den Madrigalbüchern mit Voces Suaves letzten Samstag, eine „Vespro Veneziano“ mit La Cetra unter Andrea Marcon letzten Sonntag und übermorgen La Venexiana mit Szenen und Balletti) verpass(t)e ich leider (übermorgen höre ich Isabelle Faust und das Freiburger Barockorchester mit einem Mendelssohn-Programm in der Tonhalle). Und auch das Symposium zu Heinrich Isaac verpass(t)e ich, weil ich ausgerechnet heute ausnahmsweise an einem Freitag arbeiten musste und so geschafft bin, dass ich morgen vormittag auch zum zweiten Teil nicht hingehen mag. Aber das Isaac-Konzert vorhin liess ich mir zum Glück nicht auch noch entgehen. In der ersten Konzerthälfte gab es weltliche Werke mit dem vierköpfig auftretenden Ensemble Les Flamboyants (Silvia Tecardi an der Viola d’arco, Elizabeth Rumsey an der Gambe, Marc Lewon an der Laute und ebenfalls Viola d’arco sowie Leiter Michael Form an der Flöte), dazu stiess die Sängerin Els Janssens-Vanmunster. Das war alles interessant, hübsch, manchmal auch witzig – aber so richtig zu packen vermochte es mich nicht. Das Highlight war dann das letzte Lied (vor der Zugabe), „Es wollt ein Meydlein“:
Es wollt ein meydlein grasen gan:
Fick mich, lieber Peter!
Und do die roten röslein stan:
Fick mich, lieber Peter!
Fick mich mehr, du hast dein ehr.
Kannstu nit, ich wills dich lern.
Fick mich, lieber Peter!
Was davor genau auf dem Programm stand, kann ich mit Sicherheit nicht sagen, denn ein Textblatt wurde ausgehändigt, an das man sich halten würde (was nicht der Fall war) und das Programmheft sei nicht mehr aktuell. Die Zugabe war „Innsbruck, ich muss dich lassen“, davor gab es an Vokalem Dufays „Le Serviteur“ zum Auftakt, danach wohl „Le Serviteur“ und/oder „La Morra“ von Isaac (instrumental), dann das Chanson „Et qui lui dira“, wobei mir unklar ist, ob das ein existierendes Chanson ist (auf dem Textblatt sind zwei Texte, der ersten, „De tous biens plaine/Et qui lui dira“, wurde aber nicht gesungen, zum gesungenen steht „Die einzelnen Zeilen sind Textfragmente aus Chansons der Zeit“, was irgendwie impliziert, dass das gar kein Stück von Isaac sondern eine spätere Collage oder sonstwas sein könnte – keine Ahnung). Gesungen wurden dann noch „Fammi una gratia“ (sehr schön!), „Ach, was will doch mein Herz“ und „Mein Freund allein“ sowie das oben zitierte schlüpfrige Liedchen (mit toller Gesangsstimme – wurden die ganzen Verzierungen damals notiert oder ist das Sache der Interpretin, das auszugestalten? Falls ja: chapeau!) über den präpotenten Peterli. Dazwischen gab es weitere Instrumentale Stücke, u.a. „Der Hundt: Das Kind lag in der Wiegen“ – über dieses Stück wird im Programmheft des Festivals der Leiter des Ensembles, Michael Form, länger zitiert. In der Tenorstimme (des instrumentalen Stückes) „verarbeitet Isaac … jeweils die Melodie Das Kind lag in der Wiegen / do bissen es die Fliegen. Gut möglich, dass das arme Kind im weiteren Verlauf des Textes, den ich bis jetzt nicht zur Gänze ausfindig machen konnte, auch noch vom Hundt gebissen wird …“
Gespielt wurden darüberhinaus wohl noch „Fortuna in mi“ und „Sempre giro piangendo“ und vermutlich noch ein Stück („In meinem Sinn“ oder „Mein Freund allein“?) – schade, dass das nicht eindeutig war, zumal bei einem vergleichsweise so obskuren Komponisten.

Doch nach der Pause folgte die zweite Hälfte des Programmes, geistliche Musik mit Cantica Symphonia (Laura Fabris, Sopran; Giuseppe Maletto, Tenor & Leitung; Gianluca Ferrarini, Tenor; Marco Scavazza, Bariton; Mauro Morini, Posaunen) – und das war dann ganz grossartig! Isaacs „Ave regina caelorum“ machte den Auftakt, gefolgt von einem „Salve regina“ von Josquin (holy holy!), dann wieder Isaad mit „Sub tuum praesidium“, „Rogamus te“ und „O praeclarissima“, gefolgt von Costanzo Festas „In illo tempore“ und danach wieder Isaac mit „Tota pulchra“. Ausser dem „Tota pulchra“ und dem „O praeclarissima“ finden sich diese Stücke (geistlichen Motetten) alle auf der Isaac-CD des Ensembles, die auf Glossa erschienen ist und hier schon ein paar Monate herumliegt (sie vor dem Konzert wiederzuhören schaffte ich leider nicht – sie enthält dazu die Missa Misericordias Domini und ein paar weitere Motetten). Jedenfalls war das das erste Mal, dass ich solche polyphone Musik live hörte, teils mit der Posaune (eine Art Zugtrompete gab es auch noch, kenne mich mit diesen alten Instrumenten nicht aus, läuft wohl anscheinend auch unter Posaune) als Cantus firmus, teils a cappella – jedenfalls war das phantastisch gesungen und enorm faszinierend, ich sass buchstäblich auf der Stuhlkante.

Den Abschluss machte dann eine Premiere: von „O decus ecclesiae“ (auch auf der CD) hat Maletto ein Arrangement erstellt, bei dem sein Ensemble (inklusive Posaune) mit den vier Instrumentalist_innen von Les Flamboyants zusammenkam. Gemäss der Ansage war das die Erstaufführung dieser Version, die mir zwar gefiel, aber mich im Wechsel von rein vokalen mit begleiteten Passagen nicht restlos überzeugen konnte. Als Zugabe sangen Cantica Symphonia danach noch Isaacs „Greatest Hits“ – das ist genau einer, nämlich die witzige kurze Motette „La mi la sol“, die er 1502 im heissgeliebten (von mir, keine Ahnung, wie das bei Isaac war) Ferrara inner kürzester Zeit komponierte.

Cantica Symphonia hätte ich gerne noch länger gelauscht, aber diese enorm dichte Musik zu singen ist wohl unfassbar anspruchsvoll – stattdessen lege ich in den nächsten Tagen die erwähnte Isaac-CD wohl wieder einige Male auf (ein paar weitere – v.a. Dufay gewidmete – CDs des Ensembles habe ich eher zufällig gerade noch bestellt, aber nach diesem Konzert bereue ich die Entscheidung nicht und warte freudig auf das Eintreffen der Sendungen).

Shabaka and the Ancestors - 20. März 2017, Moods, Zürich

Ein grandioses, ohne nennenswerten Unterbruch gespieltes, fast zweistündiges Set, das etwas verhalten anfing, aber bald schon den ersten Höhepunkt ansteuerte. Siyabonga Mthembu, der Sänger, stand in der Mitte und war eine zunächst etwas gewöhnungsbedürftige Erscheinung, seine Fellmütze und den Winterpulli zog er nach einer halben Stunde aus und darunter kam ein ausgewaschenes Bauhaus-T-Shirt zum Vorschein – womit seine enge gemusterte Hose irgendwie plötzlich Sinn ergab … aber tolle Stimme und tolle Bühnenpräsenz, keine Frage! Links von ihm stand der Altsaxophonist der Band, Mthunzi Mvubu, rechts der Gast und Leader Shabaka Hutchings am Tenor, hinter ihnen Ariel Zomonsky am Kontrabass, ganz links auf der Bühne Gontse Makhene an seinen Congas und ganz rechts Tom Skinner am Schlagzeug, der kurzfristig für den Drummer der Gruppe, Tumi Mogorosi, eingesprungen ist, der Probleme mit Visa hatte. Dass die alten Jazzheads in der ersten Reihe vorzeitig gingen, wunderte mich gar nicht; ein paar von ihnen hatte ich vor einer Woche bei Joe Lovano gehört, wo ich mir im Publikum wieder mal wie ein Fremdkörper vorkam, bei Shabaka und den Ancestors war es nun umgekehrt.

Die beiden Drummer – denn Makhene spielte mit einer Wucht, die dem Kit von Skinner ebenbürtig war! – sassen sich quasi gegenüber und hatten sich im Auge, Bassist Zomonsky hatte meist Makhene im Blick und die beiden hatten offensichtlich allergrössten Spass am energiegeladenen Zusammenspiel. Mvubu spielte ein boppiges Alt, das immer wieder in lange, flüssige Linien fiel, doch in seinen besten Momenten wurde das so intensiv, dass die Linien wieder brüchig wurden, kantig, aus den Changes ausbrachen – ein wenig wie Jackie McLean in seinen allerbesten Momenten Mitte der Sechzigerjahre. Hutchings repetierte dagegen gerne melodische Kürzel, aus denen er sich in stark rhythmische Soli hineinsteigerte, die eher an James Brown (bzw. Maceo Parker) denn an Bebop gemahnten, aber auch vom Geiste des späten John Coltrane beseelt waren. Er war alles in allem doch recht deutlich der Frontmann, zeitenweise geriet Mvubu etwas ins Hintertreffen (blieb denn auch gerne gleich mal am hinteren Bühnenrand, weit weg vom Mirko, stehen, und mischte sich über längere Phasen leider gar nicht mehr ins Geschehen ein, nur um für sein nächstes Solo oder eine Ensemblepassage wieder nach vorn zu kommen, während Hutchings eben auch gerne dabei blieb, wenn andere solierten (was ich durchaus als bereichernd und überhaupt nicht als Ego-Show empfand). Neben Hutchings zu bestehen ist aber auch enorm schwer, denn selbst wenn seine Soli im Verlauf der zwei Stunden doch von einer gewissen Gleichartigkeit waren, hat er einen phantastischen Ton, einen mitreissenden Drive und obendrein auch noch eine sehr gewinnende, offene Art.

Mthembu sang und skandierte, flüsterte, beschwor, schrie und tanzte, setzte sich aber auch einfach mal auf die Bühne, um den anderen zu lauschen. Zomonsky spielte einen tiefen, oft mehr gefühlten als gehörten (aber im Gegensatz zum Lovano-Konzert vor einer Woche doch ordentlich, vielleicht etwas zu sehr verstärkten) Bass, hatte mittendrin auch mal ein längeres Solo, in dem er allerdings etwas übersteuert klang – vermutlich so gedacht und für mein Empfinden auch durchaus passend (der Freund, der auch dabei war, empfand das aber ganz anders). Sehr toll war aber vor allem, wie die Verzahnung der Rhythmen mit den Melodien klappte, mit wieviel Punch die Saxophone auf die Beats der Drummer eingingen und wie daraus auch in den Soli immer wieder mitreissende Ensemble-Passagen entstanden. Dabei lässt die Musik der Ancestors durchaus auch Schattierungen zu, ist weniger fröhlich (aber auch weniger herzzerreissend traurig, das hängt ja beim südafrikanischen Jazz eng zusammen) als vieles, was ich aus Südafrika kenne, hat immer wieder einen melancholisch verhangenen Anstrich und schwelgt – und das kann Hutchings ganz hervorragend – auch in einfachen, eingängigen Melodien.

Nach knapp anderthalb Stunden sagte Hutchings die Musiker an und sprach über seine Begegnung mit der – etwas grösser besetzten, aber nicht alle sind mit auf der Tour – Band. Er meinte, das Album sei eigentlich als nicht viel mehr denn eine Erinnerung, als Dokumentation fürs Familienalbum der Beteiligten, gedacht gewesen – und schien fast selbst überrascht, dass im Anschluss daran eine Tour möglich wurde. Danach spielten sie noch einmal zwei Stücke, die wieder direkt aneinandergehängt wurden, und nach einem eher pro forma Abgang von der Bühne folgte direkt noch eine Zugabe, die eher nach Äthiopien in den Siebzigern denn nach Südafrika klang, und in der Mvubu seinen vielleicht besten Moment des Abends hatte und ein grossartiges Solo spielte, an das Hutchings dann – natürlich mühelos – anschloss.

Im Fazit ein ganz toller Abend, der das Album weit in den Schatten stellt. Ich hatte ja aufgrund des Albums das Gefühl, dass diese Musik live so richtig abgehen könnte – und gerade so ist es gekommen.

Joe Lovano Classic Quartet - 13. März 2017, Moods, Zürich


Joe Lovano (ts, tarogato), Lawrence Fields (p), Peter Slavov (b), Carmen Castaldi (d)

Im Jahr 2000 stellte eine Kulturinstitution eine Tour mit zwei Trios und zwei Gästen zusammen, Philipp Schaufelberger stiess zum damaligen Trio von Paul Motian (mit Chris Potter und Marc Johnson) und Joe Lovano zum Trio GAS (Hans Feigenwinter, Bänz Oester, Norbert Pfammatter). Ich kriegte das damals eher zufällig mit und ging mit meiner Mutter an das Konzert, das in der Aula meines ehemaligen Gymnasiums stattfand. Von Lovano besass ich damals schon die meisten Blue Note-Alben aus den Neunzigern, doch beeindruckte mich das Konzert sehr, denn seine souveräne Spielfreude, die Gelassenheit, mit der er eine schlaue Idee an die andere reihte, live zu erleben, darauf war ich damals noch wenig vorbereitet.

Dass er in den letzten Jahren öfter im Moods gespielt hat, dem ersten Jazz-Club Zürichs, der heuer im 25. Jahr seines Bestehens ist, hatte ich dann aber nur beiläufig mitgekriegt, da sich meine Konzertbesuche eher in etwas abenteuerliche Richtungen entwickelt hatten – von den Alben, die Lovano seither herausbrachte, mochte ich vor allem jene mit Hank Jones und jene des Nonetts, das sich natürlich stark auf die Bebop-Ära und Tadd Dameron und wohl auch Dizzy Gillespie bezieht. Bei all der aussergewöhnlichen und für mich neuen Musik der letzten Monate, von Nonos „Prometeo“ über ein spätes Streichquartett von Beethoven, Symphonien von Bruckner und Mahler (allesamt Erstbegegnungen) und diversen faszinierenden Jazz-Konzerten, zuletzt mit Roscoe Mitchell und Vinnie Golia (siehe oben), hatte ich richtiggehend Lust auf ein „solides“ Jazzkonzert.

Doch so solide sollte das gar nicht werden. Gemäss den Promo-Slogans, die die Runde machen, soll Lovanos „Classic Quartet“ ja der Erforschung der „rich history of mainstream jazz through swing and bebop“ gewidmet sein – doch gestern beschränkte sich die Gruppe (am Schlagzeug war übrigens Otis Brown III angekündigt gewesen) auf Musik aus der Küche von John Coltrane und Ornette Coleman bzw. den daraus später amalgamisierten „Mainstream“ der modernen Sorte. Lovano griff auch mal zu Rasseln, Glocken und einem Gong, das Art Ensemble schaute auch noch rasch vorbei. Bebop gab es natürlich immer wieder im einzelnen, sei es von Lovano selbst, vom tollen Pianisten Lawrence Fields oder dem Bassisten Peter Slavov – aber die Musik der Combo als ganzes als Bebop zu bezeichnen wäre doch nicht passend. Als Zugabe erklang dann aber eine Ballade von Dizzy Gillespie, die ich mir gerade in einer schönen Version von Chet Baker zu Gemüte führe.

Das Publikum war ein etwas anderes, als ich es meist antreffe, aber wohl eher ein noch typischeres Jazzpublikum, also viele ältere Männer, manche allein, manche mit Begleitung, aber auch ein paar junge Leute, der Laden war jedenfalls voll. Lovanos Musik kam sehr gut an, es gab zwar die üblichen Frühverdrücker, die auf den Zug wollten oder musste und nicht bis 23 Uhr bleiben mochten, aber dennoch Anstalten zu einer Standing Ovation. Dieser mochte ich mich nicht wirklich anschliessen, ich fand Abend alles in allem gut bis sehr gut, aber nicht herausragend.

Im ersten Set – so stellte sich heraus – waren die vier eigentlich primär damit beschäftigt, sich warmzuspielen, obwohl Lovano sofort in die Vollen ging und sichtlich gut gelaunt war. Mir schien sein Spiel zu Beginn aber manchmal etwas überpotent, gar zu motiviert … die Rhythmusgruppe brauchte etwas länger, um zu Lovano aufzuschliessen, doch es kamen von allen dreien immer wieder Impulse und schliesslich fanden sie auch alle zusammen. Die Stücke wurden manchmal als Medleys präsentiert, die sich eher zufällig aneinanderreihten, dann auch in Zwiebelform ineinandergeschichtet und das erste zuletzt wiederholt … grossartige Momente gab es in der zweiten Hälfte des ersten Sets bei einer Abfolge, in der Ornette Colemans „The Turnaround“ eine prominente Rolle spielte und auch Coltranes „Spiritual“ auftauchte.

Im zweiten Set gab es dann auch noch eine tolle Version von Ornette „Lonely Woman“ (ein Lovano-Original namens „Ettenro“ gab es auch noch, aber ich glaube, das war im ersten Set – nicht das ich das gekannt hätte, er hat ziemlich viel Ami-Gelaber abgelassen, dabei aber den Namen des Drummers zwar wie alle anderen Namen zehnmal aber stets so undeutlich ausgeprochen, dass ich ihn vorhin ergoogeln musste), in der Lovano für einmal ausführlich zum Tarogato griff (auf dem Photo unten). Besonders toll fand ich immer wieder Lawrence Fields am Klavier, oft sehr zurückhaltend und klar, manchmal fast ohne linke Hand. Slavov strahlte immer wieder zu ihm herüber, der schlaksig und völlig unbeholfen nur an der Musik interessiert schien. Wenn Fields da und dort ein paar Blue Notes, eine Dissonanz einstreute, eins seiner Tremolos kurz „dreckig“ wurte, war das alles umso effektvoller. Auch längere Passgen mit „locked hands“ gab es, einmal eine lange völlig lineare, in der er aber mit – wohl – zwei Oktaben dazwischen alles simultan mit beiden Händen spielte. Doch hatte Fields keinesfalls die Ausstrahlung, dass man ihn allein anhören gehen würde … keine Ahnung, ob er das mal hinkriegt (oder schon tut und dann einfach anders drauf ist), aber als Sideman fand ich ihn grosse Klasse. Slavov gefiel mir ebenfalls gut, aber er ging leider im Soundmix da und dort etwas unter, spielte aber einen beweglichen und doch oft eher gefühlten als gehörten Bass mit schönem hölzernen Ton, sehr behutsam verstärkt für einmal. Castaldi war mir öfter eine Spur zu plump, er drosch manchmal gar sehr, ohne zwischen den heftigen Schlägen auch die nötigen Füller anzubieten, die erst die Heftigkeit, den Furor, so richtig erklärt hätten. Aber auch er war immer wieder hervorragend und im zweiten Set fand das Quartett wirklich zusammen und da passte auch Castaldi fast immer.

Wenn sich bei mir die ganz grosse Begeisterung – die leuchtenden Kinderaugen der Herren, die ich danach bei der Tramhaltestelle sah – nicht einstellen mochte, so lag das wohl am Ende auch an Lovano selbst, dessen gute Laune zwar keineswegs penetrant war und sich vom mühsamen Ami-Promogelaber abgesehen wirklich nur beim Spielen äusserte – aber ganz warm werde ich mit ihm trotz aller Wertschätzung wohl nie.

(Photos vom Konzert, (C) Flurin Casura)


Julie Fuchs, La Scintilla, Raphaël Pichon: Rameau, Gluck - 20. Februar 2017, Opernhaus Zürich

Philharmonia Zürich, 3. La Scintilla Konzert

Julie Fuchs, Sopran
Orchestra La Scintilla
Raphaël Pichon, Dirigent

Jean-Philippe Rameau (1683-1764)
Zaïs: Ouverture
Platée: Récit et air de la Folie «Formons les plus brillants concerts… Aux langueurs d’Apollon»
Les Boréades: Entrée de Polymnie

Castor et Pollux: Prélude de tambour voilé et scène funèbre
Castor et Pollux: Air de Télaïre «Tristes apprêts, pâles flambeaux»

Les Paladins: Entrée très gaye de troubadours
Les Boréades: Contredanse en rondeau
Les Boréades: Ariette d’Alphise «Un horizon serein»



Jean-Philippe Rameau
Zoroastre: Air tendre en rondeau
Les Indes galantes: Air de Phani «Viens, hymen»

Christoph Willibald Gluck (1714-1787)
Orphée et Eurydice: Introduction au second acte/ Danse des furies
Orphée et Eurydice: Danse des Ombres heureuses
Orphée et Eurydice: Récit, Air et Duo (Eurydice) «Mais d’où vient qu’il persiste à garder le silence…/ «Fortune ennemie, quelle barbarie»

Jean-Philippe Rameau
Les Fêtes d’Hébé: Tambourin en rondeau
Dardanus: Chaconne
Les Indes galantes: «Régnez, plaisirs et jeux» (Zima)

Zugaben:

Georg Friedrich Händel (1685-1759):
Alcina: «Credete al mio dolore« (Morgana)

Jean-Philippe Rameau
Platée: Récit et air de la Folie «Formons les plus brillants concerts… Aux langueurs d’Apollon»

Gestern Abend im Opernhaus Julie Fuchs mit dem hauseigenen HIP-Ensemble, das ich inzwischen schon mehrmals in Opern gehört habe. Es war dies allerdings das erste Mal, dass ich ein Konzert in der Oper hörte. Die Bühne war mit einem riesigen Vorhang, der zur pseudobarocken Stuck-Ausstattung passte, verhängt, das Orchester spielte im ganz nach oben gefahrenen Graben, was leider dazu führte, dass es etwas schwierig war, die Solistin und den Dirigenten zu sehen, da sie schlicht zu weit vorn im Raum standen. Doch die Köpfte reckten sich neugierig nach vorn, um Julie Fuchs zu lauschen, die später in einer kurzen Ansage meinte, sie käme stets sehr gerne nach Zürich.

Der erste Auftritt gelang: sehr theatralisch trat sie (für mich unsichtbar) zunächst auf der Seite ins Parkett, schleuderte erste Worte aus Rameaus „Air de la folie“ in den Saal, warf die Tür hinter sich zu, kam wieder herein, drang am Rand fast bis zur Bühne vor, raus, Türe zu, und dann kam sie auf die Bühne, wo es auch gleich noch zu Spielereien mit dem Dirigenten Raphaël Pichon kam. Die beiden strahlten viel Freude an der Musik aus, die sie zusammen auf die Bühne brachten. La Scintilla beeindruckte mich ja bei Opern-Aufführungen bisher sehr, in der Konzertsituation fand ich da und dort etwas zu mäkeln, an der Intonation, am nicht so gut integrierten Klang der Streicher … das mag auch mit der Positionierung zu weit oben im Raum (und die Stimme dann zu weit vorn) zu tun haben, doch die Skepsis verflog mit der Zeit immer mehr und es gab auch ein paar Glanzpunkte des Orchesters, ein paar Momente höchster Konzentration gerade im langsamen Tempo und wenn es so leise wurde, dass man – leider – das Brummen der Lüftung hören konnte.

Fuchs überstrahlte mit ihrem Charme jedoch alles, und stimmlich scheint sie der Herausforderung mehr als gewachsen zu sein. Auch sie hatte immer wieder betörende Momente, ein paar Male auch ganz zart und leise, dann wieder beschwingt und mit einem Drang, den Pichon am Pult zwar auch verkörperte, der beim Orchester aber manchmal nur halb anzukommen schien. Doch wie gesagt: je länger das Konzert, desto besser wurde es, desto höher die Konzentration. Eine Zugabe wurde dann selbstverständlich gefordert und Fuchs sang die betörende Arie der Morgana, mit der sie schon in der Aufführung von „Alcina“ (auch mit La Scintilla, dirigiert von Giovanni Antonini) geglänzt hatte. Damit war noch nicht genug, und nach der erwähnten Ansage (in französisch natürlich, das soll man in der Schweiz auch düften) gab es noch eine Reprise der „Folie“ von Rameau, diesmal etwas anders inszeniert, aber nicht weniger bühnenwirksam. Am Ende gab es eine Standing Ovation, die alles in allem gewiss nicht unverdient war.

Die Händel-Arie gibt es – mit einem etwas seltsamen Ensemble an modernen und postmodernen Instrumenten – auch in der Tube:


Marc-Antoine Charpentier: Médée - 18. Februar 2017, Opernhaus Zürich (Christie, Homoki)

Musikalische Leitung: William Christie
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme: Mechthild Seipel
Lichtgestaltung: Franck Evin
Choreographische Beratung: Katrin Kolo
Choreinstudierung: Jürg Hämmerli
Dramaturgie: Werner Hintze, Fabio Dietsche

Médée: Stéphanie D’Oustrac
Jason: Reinoud Van Mechelen
Créon: Nahuel Di Pierro
Créuse: Mélissa Petit
Oronte: Ivan Thirion
L’Amour, Captif de l’Amour, Premier Fantôme: Florie Valiquette
Nérine: Carmen Seibel
Arcas, Second Corinthien, La Jalousie: Spencer Lang
Un Argien, La Vengeance: Roberto Lorenzi
Une Italienne: Sandrine Droin
Premier Corinthien, Un Argien, Un Démon: Nicholas Scott
Cleone: Gemma Ni Bhriain
Deuxième Fantôme: Francisca Montiel

Cembalo: Paolo Zanzu
Laute: Brian Feehan, Juan Sebastian Lima
Cello: Claudius Herrmann
Gambe: Martin Zeller
Violone: Dieter Lange
Orchestra La Scintilla
Chor der Oper Zürich
Mitglieder von Les Arts Florissants

Phänomenale Sache gestern, „Médée“ von Marc-Antoine Charpentier im Opernhaus Zürich. Mit der Inszenierung, der Bühne, konnte ich mich nicht umgehend anfreunden. Christian Wildhagen hat sich in der NZZ sehr kritisch zu Homokis Arbeit bei dieser Oper geäussert, doch mir haben die Inszenierungen der „Divertissements“ (sie sind es, die Wildhagen nicht mochte) einigermassen eingeleuchtet, am Ende fand ich das alles sehr stimmig und durchaus aus einem Guss.

Ansonsten: phantastische Musik, bei der Wort und Musik sich die Waage halten, bei der jeder Schnörkel der Singstimmen dem Text dient – und nicht etwa der Betonung von gesanglichen Qualitäten. Letztere sind allerdings gerade von grösster Bedeutung – und nach der etwas zweifelhaften Diktion einiger Stimmen beim „Don Carlo“ neulich in Mailand (mein Bericht versteckt sich hier): Was für ein riesiger Genuss, eine Oper zu hören, in der alle der französischen Sprache mächtig sind, perfekt idiomatisch vom Anfang bis zum Schluss! Kleinere Probleme der Diktion, eine gewisse Unverständlichkeit nimmt man ja alle Tage in Kauf, wenn man in die Oper geht; ich bin längst darauf eingestellt, da und dort etwas Nachsicht walten zu lassen – umso mehr war es wie ein Schlag ins Gesicht gestern: einfach perfekt, bis ins Detail.

Stéphanie d’Oustrac hat die Rolle der Medea wahrlich absorbiert, eine ebenso beeindruckende Sängerin wie Schauspielerin, die schon länger mit William Christie arbeitet. Die kleineren Hauptrollen waren ebenfalls überzeugend besetzt, Reinoud Van Mechelens hoher Tenor war immer wieder bezaubernd, auch Nahuel Di Pierro, Mélissa Petit und Ivan Thirion überzeugten, ebenso die verschiedenen kleinen Rollen. Beeindruckend auch einmal mehr Chor und La Scintilla, von Christie teils vom Cembalo aus geleitet (es gab daneben im Graben ein zweites Cembalo und auch eine kleine Orgel – leider konnte ich nur in der Pause kurz runterblicken, ansonsten sah ich nur wenig vom Orchester). Das Orchester wurde v.a. in den Bläsern durch einige Zuzüger verstärkt, der Chor durch eine „haute contre“-Sektion von Christies Les Arts florissants. Gerade der Chor beeindruckte mich einmal mehr, er hat ordentlich was zu tun bei dieser Oper und auch das klappte stets bestens.

Die Bühne war zweistöckig eingerichtet, wobei die obere Etage manchmal ganz nach oben gezogen, öfter so weit heruntergefahren wurde, dass sie quasi zu einer Stufe wurde. Dahinter gab es noch einen Raum, der allerdings nur für Auf- und Abgänge verwendet wurde, doch das war alles sehr einfach, grafisch auch in der farblichen Ausstattung. Stéphanie d’Oustrac beherrschte die Bühne förmlich, kaum tauchte sie auf (und sie war fast immer da) – eine enorme Präsenz und Ausstrahlung. Man merkt der Oper an, dass Charpentier die Figur der Medea wohl ursprünglich mochte – sie kriegt immer wieder unglaublich schöne Musik, ist überhaupt Herz und Zentrum der Oper. Mir ging es so, dass ich viel eher auf ihrer Seite war – auf der Seite der Schwarzen (und dunkelhaarigen), nicht auf der Seite der stets hell gewandeten (und passenderweise auch noch blonden) Créuse, die für ihr Schicksal wohl nicht viel kann, aber dennoch nicht sympathisch wird – auch nicht im musikalisch überaus betörenden Liebesduett mit Jason.

Ergänzung: das Piano, das Pianissimo immer wieder – die Oper Zürich ist ja zum Glück recht klein (ich war dennoch froh um mein kleines Fernglas, um d’Oustrac auch aus der Nähe sehen zu können – Wahnsinn, diese Frau!) und es ist problemlos möglich, zwei Stimmen und ein paar hingetupfte Cembalo-Töne ganz leise in den Raum klingen zu lassen. Die Intimität, die gestern dadurch erzeugt wurde, hatte oft etwas fast schon Voyeuristisches, Übergriffiges: Man sieht und hört und fühlt etwas, das einen eigentlich überhaupt gar nichts angeht. So zumal der erzeugte Eindruck. So richtig laut wie beim Züricher „Don Carlo“ im letzten Herbst wurde es natürlich bei Charpentier nicht, aber wie Christie mit der Dynamik, der Lautstärke gearbeitet hat, war unglaublich eindrücklich. Die Spannung wurde gerade in den leisen Momenten oft nicht nur gehalten sondern gesteigert. Es ist dies wohl auch der Hauptunterschied zu den CD-Einspielungen (auch von Christie, er hat deren zwei gemacht und insgeheim wünsche ich mir eine dritte mit d’Oustrac – oder doch lieber eine Film-Produktion davon, keine Ahnung, ob in Zürich Kameras liefen, gestern jedenfalls nicht, aber zu wünsche wäre es), denn diese Differenzierungen kriegt man daheim einfach nicht hin bzw. sie würden einen nur aufregen, weil man die ganze Zeit am Lautstärkenregler drehen müsste, um nicht die Wände einstürzen zu lassen oder um überhaupt etwas hören zu können.