Sheila Jordan - Moods, Zürich - 19. September 2017





















Sheila Jordan (voc), Renato Chicco (p), Peter Herbert (b)

Gestern im Moods in Zürich die grosse Sheila Jordan Show … nach zehn Jahren und ein paar Wochen vor ihrem 89. Geburtstag ist sie immer noch ziemlich fit – vor allem stimmlich. Die Intonation ist schwer und sehr eigen, die Stimme tiefer geworden und oft mürbe wie jene der späten Billie Holiday, aber dann setzt sie einen Schnörkel und zieht ihn in die Höhe, auch der Wechsel in die Kopfstimme funktioniert noch leidlich gut. Aber all das spielt ob ihrer Ausstrahlung überhaupt keine Rolle, sie hat den Raum sofort im Griff, ein paar launische Ansagen, ein paar Textzeilen, die sie so ähnlich wohl immer wieder bringt, aber den Abenden, den Orten, den Räumen anpasst. Spätestens im zweiten Song ist auch der letzte Zweifel verflogen.

Die Band macht einen sehr guten Job, auch wenn Chicco gewiss kein charismatischer Pianist ist und seine Beiträge waren oft eher Atempausen für Jordan als wirklich anregende Soli, Herbert machte am Bass einen sehr guten Job und zusammen swingte das auch ohne Schlagzeug mehr als ordentlich. Bei der Art und Weise, wie Jordan phrasiert, ist es auch gewiss nicht einfach, diesen gemeinsamen Swing über den ganzen Abend aufrechtzuerhalten. Es gab Standards und alten Pop wie „It’s You or No One“, „How Deep Is the Ocean“, „All Or Nothing at All“, ein native american Intro (auf den Alben heissen diese Stücke „Child Song“, „Little Song“ oder ähnlich) führte direkt über in „The Moon Is a Harsh Mistress“, den Opener ihres Debut-Albums „Falling in Love with Love“, Abbey Lincolns „Bird Alone“, sie sang im ersten Set eine grossartige langsame Version von „Oh Lady Be Good“ als Hommage an Ella Fitzgerald, erzählte und sang ihre Stories über die Begegnungen mit Lennie Tristano und vor allem mit Charlie Parker („Confirmation“ und wenigstens noch ein eigenes Stück und auch eingestreutes in ihren improvisierten eigenen Strophen) – und natürlich fehlte weder ihre umgewandelte (weibliche) Version von „Dat Dere“ (im zweiten Set im Duo mit Herbert) noch gegen Ende des zweiten Sets „Sheila’s Blues“.

Die beiden Sets dauerten je eine gute Stunde – und am Ende des zweiten, das gebührend mit einem Single Malt begossen wurde, hatte ich tatsächlich einmal Tränen in den Augen. So grossartig war dieser Auftritt, dass tatsächlich keine Fragen offen blieben und sich das dieses unfassbare Gefühl einstellt, in dem man alles begriffen hat und eigentlich gar nichts mehr will.


„Sheila’s Blues“ von 2012 (so gut wie das Piano-Solo hier war Chicco dann aber locker auch … aber in dem Stück spielte er wohl auch sein bestes des Abends)

Doric String Quartet – Kirche St. Peter, Zürich – 10. September 2017

Alex Redington violin
Jonathan Stone violin
Hélène Clément viola
John Myerscough cello

Haydn: Streichquartett C-Dur op. 20/2
Schubert: Streichquartett G-Dur D 887

Völlig unverhofft kam ich für das gestrige Konzert des Doric String Quartet kurzfristig zu einer Freikarte (für Abonnenten der Hochuli-Konzerte – in meinem Fall die Tonhalle-Reihe – gab es zum Saisonstart eben Freikarten, die man allerdings vor einiger Zeit hätte bestellen müssen). Die Gelegenheit, ein Streichquartett in Aktion zu sehen hatte ich erst selten: im Januar in Mailand das Takács Quartet, vor ein paar Jahren (mit einem Klarinettisten) das Hagen Quartett.

Das Doric Quartett war mir kein Begriff, doch der Bericht des Herrn neben mir, der seinen Begleitern von einem Auftritt vor ein paar Wochen erzählte, liess die Vorfreude wachsen. Los ging es mit Haydn – und wie schon beim Takács Quartet schien mir das zunächst eher eine Aufwärmübung. Auch das Adagio zog an mir vorüber, doch die abschliessende Fuge liess mich dann fast vom Stuhl fallen, so wundervoll wurde sie gespielt.

Dann Schubert – Musik, um alle Musik zu beenden, zumal die ersten beiden Sätze. Grossartig allein schon, dieses Werk einmal so vor sich entstehen zu hören. Gespielt wurde mit grosser Konzentration, aber zugleich ziemlich locker, mit einiger Freiheit im Gestus. Das gefiel mir sehr gut, führte da und dort aber zu kleinen Unstimmigkeiten, was dann in den etwas leichteren letzten beiden Sätzen manchmal etwas störend war. Da dünkte mich zudem auch die eine oder andere exponierte Stelke nicht ganz sauber ausgeformt. Aber den feinen Gesamteindruck schmälerte das nicht sehr.

Ein weiteres Abo für die Streichquartett-Reihe werde ich nicht anschaffen, aber vielleicht spontan noch das eine oder andere der Konzerte mitnehmen – und im allgemeinen versuchen, öfter Kammermusik im Konzert zu hören.

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Eine ausführlichere Besprechung hat Peter Hagmann verfasst:
http://www.peterhagmann.com/?p=1229

Hans Koch/Manuel Troller, Kris Davis/Angelica Sanchez, Jacques Demierre/Urs Leimbgruber/Barre Phillips + Thomas Lehn – Jazzfestival Willisau – 2. September 2017



Gestern endete mein persönlicher Festivalsommer mit einem guten, aber nicht herausragenden Tag in Willisau. Los ging er mit Heinz Holliger und Patricia Kopatchinskaja sowie der Camarata Zürich und Thomas Demenga in Luzern, weiter ebenda mit Monterverdis L'Orfeo unter Gardiner, dann ging es ans Météo - Mulhouse Music Festival und erneut nach Luzern, wo Kopatchinskaja und Holliger einmal mehr im Zentrum standen. Den Abschluss nun machten drei Konzerte in Willisau, von denen das dritte mit dem Besten gehörten in diesen zwei Wochen unbedingt mithalten konnte. Zunächst ging es um 11 ans Konzert der Reihe "Intimities", in der Solos, Duos oder eher etwas ruhigere Musik vorgestellt, dann um 14 Uhr ans Nachmittagskonzert mit zwei Gruppen. Dass ich den Tag nicht super fand hatte am Ende wohl weniger mit der Musik zu tun als mit der Atmosphäre, die mir in Willisau einfach nicht so richtig passen will - das war letztes Jahr beim Zorn-Marathon etc. auch nicht grundlegend anders.

Schade, aber irgendwie habe ich in der Schweiz fast immer ein Problem damit, wenn Festbänke in Zelten stehen und Volksfeststimmung aufkommt. Wobei ich dieses Problem wohl auch anderswo hätte, aber gerade solche Stimmung kommt in Mulhouse nun echt nicht auf, wo das abendlich genutzte Festivalgelände etwas ausserhalb zwischen Tramdepot und Hôtel de Police findet, während in Willisau viele Anwohner des stockkonservativen Hinterlands den Samstag- und Sonntagnachmittag dort zu verbringen scheinen – im Zelt gibt es auch noch gefällige Musik von jüngeren Bands aus der Region, gestern war das Le Rex aus Luzern, ein Quintett mit Alt- und Tenorsax, Posaune, Tuba und Drums, die Hard Bop mit faux New Orleans-Einschlag spielten, alles etwas gar geschliffen, aber der Applaus war wohl grösser als fürs krönende Konzert der alten Herren am Schluss des Nachmittagsblockes. So ist das eben, und das mag ich nunmal nicht. Aber gut, zur Musik ...



Hans Koch/Manuel Troller – Los ging es um 11 Uhr im Dach des Rathauses mitten in der Altstadt - dass diese nicht autofrei ist, ist unverständlich (das Bild ganz oben entstand auf dem Heimweg, als ich vor dem Regen davonrannte, der mich kurz vor dem Bahnhof noch einholte, aber als der grosse Wolkenbruch kam, war ich schon im Schärme, wie man hier sagt). Hans Koch an der Bassklarinette und am Sopransaxophon (mit Effekten, die nie reisserisch eingesetzt wurden) und Manuel Troller an akustischer und elektrischer Gitarren fingen sehr leise aber höchst konzentriert an, sie schienen sich aneinander heranzutasten. Troller erwähnte nach dem Set, dass ihm dieser ruhige Einstieg sehr gut gefallen hatte, mir kam er etwas zu eng vor, als würden die beiden zu sehr aufeinander reagieren wollen, was die Entwicklung verlangsamte bzw. verunmöglichte, wenn es denn in extremis geschehen wäre - doch das geschah natürlich nicht, allmählich entwickelten sich Bögen, beide schöpften die klanglichen Möglichkeiten ihrer Instrumente aus, Troller hatte die Gitarre zunächst flach auf seinen Knien liegen und bearbeitete sie mit einem Bogen und anderen Utensilien, herkömmliche Gitarrentöne gab es im Verlauf des Sets zwar auch, aber nur Klangfetzen, einen Akkord, einzelne Töne, die ins Geschehen eingeworfen wurden, später im Set an der elektrischen Gitarre manchmal mit einer groben Wucht. Koch setzte vor allem die klanglichen Mittel der Bassklarinette in ihrer ganzen Vielfalt ein, liess sie summen, knurren, heulen und schreien, spielte mit Luftströmen, streckte ein anderes Mal das Sopransaxophon in die Höhe, um mit Speichelgeräuschen zu spielen (dasselbe sollte Urs Leimgruber im dritten Set auch wieder machen).

Ein feines, nachdenkliches und reichhaltiges Set zum Einstieg * * * *



Kris Davis/Angelica Sanchez – Um 14 Uhr ging es in der grossen Festhalle weiter, zwei längere Sets, die insgesamt mehr Musik boten als die etwas kurzgeratenen Dreierblöcke des Zorn-Marathons letztes Jahr (dort gab es jeweils dreimal 40 Minuten und fliegenden Wechsel, Drums und alles war für alle Gruppen aufgebaut, es mussten jeweils bloss vorne ein paar Stühle, Mikrophone und Notenständer umplaziert oder entfernt werden. Davis sagte Sanchez an, meinte, sie würden jetzt einfach mal eine Stunde spielen, ohne zu reden, und das geschah dann auch. Die beiden Flügel waren ineinandergeschoben, Davis sass rechts am vorderen, Sanchez links am hinteren. Zum Zuschauen etwas schwierig, auf die Hände sehen wäre höchstens von ganz hinten mit Fernglas gegangen (die Bühne ist hoch, die meisten Sitzreihen flach), zudem gab es von hinter der Bühne elend mühsames Licht (das auch die Handykamera völlig überforderte, wie man unschwer sehen kann). Immerhin sass ich zwischen den Photographen in der vordersten Reihe in der Mitte und konnte sie beide immer sehen. Sie gingen mit der Herausforderung – sich nicht in den Weg zu kommen und dennoch zusammen zu spielen – äusserst gekonnt um, mal wechselten sie kurze Phrasen, dass spielte eine nur mit der linken Hand in der tiefsten Lage, während die andere darüber improvisierte. Klanglich war Davis spitzer, Sanchez runder und weicher – was wenigstens teils an den Instrumenten gelegen haben mag, aber schon auch zu meiner Wahrnehmung der beiden passt – wobei ich Sanchez ja noch nicht sehr gut kenne. Die Musik war streckenweise wohl etwas gefällig, sie schienen vorbereitetes Material zu spielen, Kompositionen oder wenigstens Konzepte, die nie so eng wirkten wie jene, die mir letztes Jahr beim <a href="http://forum.rollingstone.de/foren/topic/2016-jazzgigs-konzerte-festivals/page/5/#post-9747237">Duo mit dem Zürcher Saxophonisten Christoph Irniger</a> sehr auf die Nerven gingen. die beiden waren mit höchster Konzentration bei der Sache, Sanchez hatte sehr oft ein Lachen im Gesicht und ganz offensichtlich gelang ihnen, was sie vorhatten. Eine kurze Zugabe spielten sie dann auch noch, Mich vermochte es nicht restlos zu überzeugen, aber auch das passt wieder ins bisherige Bild, denn so richtig komme ich ihnen beiden nicht auf die Schliche – aber ich bleibe dran! (Und würde Sanchez sehr gerne mal solo oder im Trio hören – aber ich glaube nicht, dass sie schon oft in Europa spielte.)

Fazit: * * * * bis * * * * 1/2




Urs Leimgruber/Jacques Demierre/Barre Phillips + Thomas Lehn – Nach einer halbstündigen Pause ging es weiter mit dem phänomenalen Trio Urs Leimgruber (ss, ts), Jacques Demierre (p) und Barre Phillips (b). Für das Konzert in Willisau stiess Thomas Lehn an analogen Synthesizern dazu – Skepsis war diesbezüglich fehl am Platz, bei mir hatte sowieso die Vorfreude überwiegt, dieses Trio – und Barre Phillips! – endlich einmal live erleben zu können. Die Klänge, die Lehn seinem Instrumentarium entlockte, fügten sich bestens in die Klangströme ein, die das Trio entfaltete. Es gab unglaublich leise Passagen (in denen die Photographen rund um mich herum mit ihrem Geklacker ziemlich nervig waren, aber sie gaben sich doch grosse Mühe, nicht zu stören), die allmählich in Klangwellen mündeten, die alles zu überrollen schienen und in denen die vier Musiker zu einer völlig organischen Einheit verschmolzen. Leimgruber kehrte ja spätestens mit der Reunion von OM, die auch in Willisau stattfand, auch wieder zum herkömmlichen Spiel zurück – davon war in diesem Konzert nicht viel zu hören, klar, aber dass es auch einbezogen wird, wenngleich nur in Fragmenten (ähnlich wie zuvor bei Koch/Troller) erweitert natürlich die eh schon unfassbare Klangpalette, die er zu bieten hat. Besonders freute ich mich aber darauf, Barre Phillips endlich einmal live zu hören. Ich hatte im Vorfeld gehört, er sei krank gewesen, hätte in der letzten Zeit einige Konzerte absagen müssen. Als ich früh auf meinen Platz zurückkehrte, war er dabei, sich aufzuwärmen, stand allein mit seinem Bass auf der grossen Bühne. Sein Spiel enttäuschte nicht, war aber klanglich fand ich eher bescheiden zu hören – das allerdings ist das Dilemma der ersten Reihe: die beiden Flügel zuvor hörte ich praktisch unverstärkt in echt, beim letzten Set klappte das mit Lehn und dem Bass natürlich nicht und der Sound des Basses litt ein wenig darunter. Aber nichtsdestotrotz, was die vier vorführten war freie Improvisation vom Allerfeinsten – es gab zärtliche Momente, leise, weite Bögen mit geschicktem Spannungsaufbau und -abbau, wilde Klangfluten, in denen man schier zu ertrinken drohte, immer wieder raffinierte Brechungen durch alle vier Beteiligten.

Grossartig, da kann es nur eine Bewertung geben: * * * * *

Météo – Mulhouse Music Festival 2017 – 23.-26. August 2017

Wie letztes Jahr zog es mich Ende August ins Elsass, ans Météo Festival in Mulhouse. Das Fazit einmal mehr: grossartig! Gut möglich, dass ich diese Edition noch einmal eine Spur besser fand als die von 2016. Ich reiste wieder erst am zweiten Tag an (dem ersten mit vollem Programm), verpasste daher den Eröffnungsabend (auf dem Programm im Théâtre de la Sinne standen: MATTHEW SHIPP / EVAN PARKER „HOMMAGE À JOHN COLTRANE“ und MARC RIBOT’S CERAMIC DOG mit Shahzad Ismaily und Ches Smith). Stattdessen besuchte ich in Luzern die grossartige Aufführung von Monteverdis "L'Orfeo" unter der Leitung von John Eliot Gardiner.


MERCREDI 23 AOÛT

EVE RISSER SOLO – Los ging es um halb eins, wie immer mit einem Solo-Konzert in der Chapelle Saint-Jean, das erste der vier Konzerte bestritt Eve Risser, meine Erwartungen waren hoch, wurden aber ein wenig enttäuscht, gerade auch im Licht der Solo-Konzerte der folgenden Tage. Sie mühte sich am präparierten Flügel ab, erst nach zehn oder fünfzehn Minuten gelang es, Bögen zu spannen, die halbwegs zu fesseln vermochten.
Fazit: schön aber etwas zerfahren, etwas harmlos, * * *1/2
Der Preis für die beste Arbeit am präparierten Klavier geht dennoch an Risser (vgl. Milesdavisquintet und Tony Buck/Magda Mayas).

ALVIN CURRAN SOLO – Die Elektro-Performance im Park (mit Kopfhörern im Liegestuhl sitzen und Musik von Kristoff K. Roll hören) liessen wir aus, weiter ging es um 17:30 im Temple Saint-Etienne, der grössten Kirche am zentralen Platz der Stadt mit Alvin Curran an der (dem?) Shofar sowie dem Synthesizer und diversen anderen Utensilien. Leider war das kein so richtig gutes Konzert. Manches sollte wohl witzig sein, Weniges war es auch, aber vieles war eher etwas abgedroschen und wirkte einmal mehr zerfahren. Bögen gab es keine, aber immerhin fand er zu einem überzeugenden Schluss – was ja gerade bei einer solchen Performance durchaus nicht leicht ist. Die Hoffnung ging als in Richtung MEV, doch auch sie sollte enttäuscht werden.
Fazit: Irritation und Langeweile. * *1/2

YANN GOURDON SOLO – Nach einer kleinen Umbaupause folgte Yann Gourdon an der Drehleier (vielle à roue). Nach einer guten Viertelstunde hatten wir das gehört (darum kein Fazit, keine Sterne – aber es hätte eher noch einen halben weniger als bei Curran gegeben, denke ich) und zogen los in Richtung Noumatrouff, wo wie immer die Abendkonzerte stattfanden, wo man an zwei Ständen was zu Essen kriegt und an diversen Ständen richtig viele CDs kaufen kann …

MILESDAVISQUINTET ! – Um 21 Uhr legte die erste Band des Abends los … was soll man erwarten von einem Klaviertrio, das sich Milesdavisquintet inklusive Ausrufezeichen nennt? Jedenfalls ist das schon mal eine klare Ansage und der Sound, den das Trio – Valentin Ceccaldi (vc), Sylvain Darrifourcq (d, perc), Xavier Camarasa (p) – zum besten gab, passte denn auch dazu. Das Set war grossartig, die ersten drei Viertel eine Art minimaler Techno, bei dem alle drei nur einzelne Töne spielten, die sich in verschiedenen Metren überlagerten, mal zusammenfanden um dann wieder auseinanderzudriften Camarasa beschränkte sich dabei auf präparierte Töne, es gab keinen Melodiefetzen, keinen Akkord, weder vom Cello noch vom Klavier. Das alles ergab einen hypnotischen Effekt, der schliesslich von einem banalen kleinen Klaviermotiv in der hohen Lage durchbrochen wurde. Mein erster Gedanke: oh nein, was soll das jetzt, warum brechen sie jetzt diese Strenge auf? Doch das bedauerte ich bald nicht mehr, denn das Trio legte einen Steigerungslauf hin, der atemberaubend war und über wohl eine knappe Viertelstunde bis zum äussersten getrieben wurde. Dann Schluss … doch Moment, das Cello spielt einfach weiter, wieder einen einzelnen Ton. Und dann steigen die anderen wieder ein, quasi eine eingebaute Zugabe zum Set, die zum Schluss noch einmal vorführt, wo die Reise angefangen hatte und verdeutlicht, wie das Trio vorging. Faszinierend und nach den Nachmittagskonzerten ein Start nach Mass.
Fazit: * * * * *

BIC – Die zweite Gruppe des Abends hielt erfreulicherweise das Niveau, sowohl in energetischer als auch in musikalischer Hinsicht. Gitarrist Julien Desprez hatte eine carte blanche erhalten und holte sich Ingebrigt Håker Flaten (elb), Mette Rasmussen (as) und Mads Forsby (d). Letzteren kannte ich überhaupt nicht, von Rasmussen hatte ich zu meiner Schande von ein paar Youtube-Schnipseln abgesehen noch nichts gehört. Die Musik war düster und laut, es gab eine eigene Strobo-Lichtshow auf der Bühne, Haker-Flaten (der mit Kontrabass angekündigt war) beeindruckte mit unglaublich tollem Spiel, während der eigentliche Leader der Band ein wenig unterging. Rasmussen meisterte die Herausforderung, als Bläserin in die brachiale Musik hinein und dort Wege zu finden, mit denen sie etwas Wesentliches beitragen konnte, sehr gut. Raum hatte sie dennoch etwas wenig, immerhin gab es gegen Ende eine kürzere unbegleitete Passage.
Fazit: * * * *1/2
Ein 20minütiges Segment aus dem Konzert tauchte gerade auf Youtube auf – das ist ein mässiges Aud-Video, ich hoffe, es wird auch diesmal wieder offizielle Mitschnitte in der Tube geben, aber das dauert wohl noch ein wenig.

THE NECKS – Den Abschluss des Abends machten dann The Necks, und natürlich ergab auch die Programmierung der drei Sets perfekten Sinn. Die Spielanordnung der drei australischen Musiker ist schon krass, Tony Buck (d) sitzt links im rechten Winkel zum Publikum mit Blick auf den Rücken von Chris Abrahams (p), der in dieselbe Richtung blickt aber rechts auf der Bühne sitzt und ziemlich autistisch rüberkommt. Bloss Bassist Lloyd Swanton scheint so halbwegs am Publikum interessiert zu sein – und mich dünkte bei dem guten aber nicht überragenden Set war auch er es, der die Impulse gab (aufgriff und an die anderen weiterleitete?), die zu den allmählichen – manchmal aber überraschend plötzlichen – Veränderungen der wie erwartet hypnotischen, aber im Vergleich mit den zwei Sets davor doch auch ziemlich stillen Musik führte.
Fazit: * * * * bis * * * *1/2


JEUDI 24 AOÛT

BILL ORCUTT SOLO – Das diesjährige Festival kam mit einen Gitarrenschwerpunkt daher, bis dahin waren es Marc Ribot und Julien Desprez. Im zweiten Solokonzert in der Kapelle stand nun Bill Orcutt auf dem Programm. Er hatte in der Mitte der Bühne seinen Verstärker aufgebaut und sass grummelig und vollbärtig links daneben, man konnte ihn an den Köpfen des Publikums vorbei nur schlecht sehen. Aber hören dafür umso besser. Mich beeindruckte das völlig unprätentiöse Spiel sehr, es war unglaublich reich an Obertönen und an Klangfarben, eine Art gitarristisches Pendant zum Sound von Albert Ayler vielleicht? Im Publikum hielten manche sich die Ohren zu, denn die kahlen Steinwände spiegelten die Klänge in alle Richtungen (ohne zu hallen allerdings, dafür sorgt das stets zahlreich erscheinende Publikum) und es wurde tatsächlich ziemlich laut. Irgendwann brummelte er, er würde jetzt „White Christmas“ spielen und tat das dann auch, es folgte „Star-Spangled Banner“, die Hendrix-Referenzen verschwammen aber bald und er schaffte seine eigene Version. Dann noch ein kürzeres Stück und schliesslich mit einer seltsamen Ansage (ich glaube sowas wie: er wolle an sich nicht mehr, aber wenn wir noch wollen, spiele er halt nochmal, er hatte davor schon aufs Handy geschaut) auch noch eine kurze Zugabe.
Fazit: sperrig aber doch wunderschön, * * * *

BEAMS – Nach dem Mittagessen ging es in die Kunsthalle, die eine kleine Ecke unter dem Dach des absurd grossen Gebäudes namens La Fondérie einnimmt und eine überraschend tolle Ausstellung zur Flüchtlingskrise bot. Darin fand um 17:30 dann eine Performance statt, die Alvin Curran mit seinem Workshop gab (es gibt beim Météo stets auch ein paar Workshops, zu denen man sich anmelden kann, einen leitete dieses Jahr Curran). Das war alles irgendwie okay, aber auch etwas nervig und langfädig und ja, langweilig – Reduktion fand ich das, Minimalismus nicht, aber das hätte es wohl sein sollen, obwohl es auch noch einen kurzen Free-Jazz-Moment gab, der dann aber auch unpassend war … keine Ahnung, überzeugte einmal mehr nicht.
Fazit: * *

Das zweite Set in der Fondérie liessen wir weg, wir hatten das endlose Warm-Up gehört und es versprach nicht unbedingt, nach unserem Geschmack zu werden. Zudem gibt es beim Météo so viel Musik zu hören, dass es ganz gut ist, das eine oder andere Set auszulassen. Es spielten jedenfalls unten im Erdgeschoss ISABELLE DUTHOIT (voc, cl) / HILD SOFIE TAFJORD (frh, elec).

SPILL – Im Noumatrouff ging es an diesem zweiten Abend (dem dritten insgesamt, aber der Eröffnungsabend findet traditionell im Stadttheater statt) mit einem Duo los, das eigentlich ein begleitetes Schlagzeugsolo war. Tony Buck entpuppte sich nach seinem ebenfalls semi-autistischen Auftritt vom Vorabend als ganz netter Kerl, der sich von der Pianistin Magda Mayas begleiten liess. Neben Risser und Camarasa kommt sie in Sachen präpariertes Klavier aber nicht sehr gut weg, eben: das war gar kein Duo sondern ein Schlagzeugsolo mit hübscher Begleitung – dafür, dass die beiden gemäss Programm schon fünfzehn Jahre zusammenspielen eine seltsame und für mich letztlich zu wenig stringente Sache, aber nett anzuhören.
Fazit: * * *


INCERTUM PRINCIPIUM – Beim nächsten Set stand Chris Abrahams auf der Galerie des Noumatrouff und wir wunderten und schon, ob er den Nachfolger für Buck rekrutierte, der sich eindeutig zu freundlich gezeigt hatte … am Schlagzeug in dieser französischen Gruppe mit norwegischem Gast sass nämlich der grossartige Edward Perraud, der auch eindeutig den Preis des bestangezogenen Mannes (Frauen sind tatsächlich mitgemeint) des Festivals gewinnt. Ingebrigt Håker Flaten war diesmal am Kontrabass zu hören, dazu stiessen die beiden jungen Bläser Benjamin Dousteyssier (as, bari) und Aymeric Avice (t, flh). Das gab eine tolle Mischung aus avanciertem Jazz im Stil der mittleren Sechzigern und neueren Einflüssen, am Ende jedenfalls für mich ein rundum gelungenes Set. Die Bläser waren toll – wenn man eine so grossartige und vielseitige Rhythmusgruppe hinter sich hat, kann man wenig falsch machen, aber durchaus durchfallen. Avice spielte streckenweise simultan Trompete und Flügelhorn, Dousteyssier griff sich zwischendurch ein paar Male (oder nur einmal?) das Barisax, glänzte aber meist am Alt.
Fazit: * * * *1/2

OREN AMBARCHI / WILL GUTHRIE – Den Abschluss machte Oren Ambarchi, der hinter einem Tisch voller Utensilien sass, so dass man seine Gitarre kaum sehen konnte, im Duo mit dem Schlagzeuger Will Guthrie (noch zwei Australier übrigens). Ambarchi war sicherlich eine der Entdeckungen des Festivals, obwohl ich nicht weiss, ob ich ihm nachgehen werde, ob ich seine Aufnahmen, so sie denn mit den beiden gehörten Sets zu vergleichen sind, daheim anhören würde. Jedenfalls gab das – um Unterschied zum ersten Duo des Abends – eine tolle Mischung. Er bearbeitete seine Gitarre, loopte, nutzte Delays, hatte neben einem grossen Verstärker auch einen Leslie dabei, wie er üblicherweise für die Hammond Orgel genutzt wird, was dann eine Art Gitarren-Orgel-Sound erzeugte. Das war alles sehr experimentell, erschloss neue Räume und war irgendwie auch das pure Gegenteil zu Orcutt, mit dem der Tag begonnen hatte. Der Abend lief nach einem ähnlichen Schema ab wie der erste: in der Mitte der Free Jazz (wenngleich von völlig anderer Sorte), davor und danach zwei irgendwie vergleichbare und ähnlich besetzte Formationen.
Fazit: * * * *


VENDREDI 25 AOÛT

Jeweils um halb 12 gibt es an den vier Haupttagen des Météo auch ein kurzes Kinderkonzert im Innenhof der Bibliothek, die an der Grand’Rue direkt neben der Kapelle liegt. An diesem dritten waren wir erstmals dabei, es spielte AYMERIC AVICE, der Trompeter, den wir am Vorabend schon gehört hatten. Auch solo war er ziemlich toll, spielte erneut simultan Trompete und Flügelhorn, was einen sehr tollen, ziemlich dissonanten Effekt hatte (er spielte wohl meist unisono, aber eben: nicht wirklich), für die meisten Kinder war das eher nicht, aber die echten Kinder sind eh die seltsamen älteren Jazzfans im Asterix-Look, die sich auch nicht zu blöd waren, in die erste oder zweite Sitzreihe zu hocken, weiter vorne als ein paar der relativ wenigen Kinder. Ach so, ein Monk-Stück gab es auch noch, aber welches weiss ich nicht mehr.

LAURA CANNELL SOLO – Den eigentlichen Auftakt zum folgenden Tag machte die britische Violinistin Laura Cannell mit einem Programm, das sich zwischen alter Musik und Folklore bewegte. Wenigstens zweimal griff sie zwei Blockflöten, die sie simultan spielte. Da gehörte einiger Mut dazu – und es drängte sich auch die Vermutung auf, dass sie wohl noch nie vor so zahlreichem Publikum gespielt hat. Wir (redbeans und ich, that is) kauften jeweils eine der beiden CDs, die sie mithatte und danach draussen beim Weisswein nach dem Konzert vertickte. In die Kirche passte das perfekt und war auch wirklich schön.
Fazit: * * *1/2 (oder auch ein halber mehr)

OREN AMBARCHI SOLO – Nach dem tollen Schlusspunkt vom Vorabend war es klar, dass wir auch zum Solo-Set von Ambarchi gehen würden. Der fand um 16:00 im viel zu eng bestuhlten Entrepôt statt, wo er auf der Bühne wieder seine ganzen Utensilien auf dem Tisch ausgebreitet hatte, hinter dem er Platz nahm. Das klanglich erneut höchst inspirierende Solo-Set gefiel mir alles in allem wohl noch eine Spur besser und war von den Gittarreien wohl der Höhepunkt, auch wenn für mich das Solo-Set von Orcutt doch am schönsten war. Jedenfalls war damit die anfänglich leichte Skepsis wegen des Gitarrenschwerpunkts endgültig verflogen.
Fazit: * * * *1/2

Die Hitze und Enge im Entrepôt wurde zu unerträglich als dass wir nach der Pause nochmal reingehen mochte – so verpassten wir das Duo-Set der Elektroniker JASON KAHN / NORBERT MÖSLANG.

ONCEIM / JOHN TILBURY – Weiter ging es um 18:30 in der salle modulable des Kulturzentrums La Filature, wo sich die grosse Gruppe Onceim eingerichtet hatte, die Frédéric Blondy auf die Beine gestellt hatte und die in diesem ersten Konzert ein neues Werk von John Tilbury aufführen sollte, das um einen Beckett-Text herum gebaut war. Hinter den 29 Musikern standen Lautsprecher, aus denen verschiedene Sprecher_innen Sätze lasen, während die Musiker vorne im Pianissimo fast nicht spielten. Irgendwann begannen die gesprochenen Passagen sich zu überlagern … das ganze war nicht völlig ohne Reiz aber doch sehr zäh. Dass man z.B. nicht auf die Idee kam, die Texte – auch nur bzw. am besten nur in der französischen Fassung, die auch das Original ist (hier kann man die englische Fassung nachlesen) – hinter den Musikern an die Wand zu projizieren, war wirklich schade. So blieb das ganze gelinde gesagt sehr akademisch, auch wenn ein anwesender Bekannter fasziniert war davon, dass die grosse Gruppe genau wie Tilbury solo geklungen hätte und auch noch was von Morton Feldman erzählte.
Das Line-Up: Bertrand Denzler saxophone, Jean-Sébastien Mariage guitare, Benjamin Duboc contrebasse, John Tilbury composition, piano, Xavier Charles clarinette, Pierre-Antoine Badaroux saxophone, Antonin Gerbal batterie, Joris Rühl clarinette, Louis Laurain trompette, Giani Caserotto guitare, Benjamin Dousteyssier saxophone, Frédéric Blondy direction artistique, Félicie Bazelaire violoncelle, Sébastien Beliah contrebasse, Patricia Bosshard violon, Cyprien Busolini alto, Pierre Cussac accordéon, Jean Daufresne euphonium, Vianney Desplantes euphonium, Jean Dousteyssier clarinette, Yoann Durant saxophone, Rémi Durupt percussions, Elodie Gaudet alto, Jean-Brice Godet clarinette, Frédéric Marty contrebasse, Anaïs Moreau violoncelle, Stéphane Rives saxophone, Diemo Schwarz électronique, Alvise Sinivia piano, Deborah Walker violoncelle, Julien Loutelier batterie.
Fazit: unzugänglich (unzulänglich?) * *
Oder auch nicht, denn unzugänglich war das eigentlich überhaupt nicht, im Gegenteil, es war ja ohne und lag einfach da vor einem, aber das reichte dann auch nicht ganz. Keine Ahnung.

MUSICA ELETTRONICA VIVA – Im Noumatrouff um 21 Uhr ging es los mit den alten Meistern, einer Übung in Nostalgie, die leider erneut enttäuschend war. Links am Flügel sass Frederic Rzewski (der bei mir basierend auf jugendlichem Halbwissen einen semi-legendären Ruf geniesst) und spielte eine kitschige Melodie nach der anderen, die Richard Teitelbaum in der Mitte am Synthesizer (und Elektronik) und Alvin Curran rechts an Flügel und Synthesizer (und Elektronik) aufgriffen. Es gab wieder eine disparate Klangcollage, die ohne Plan zu entstehen schien, wie schon Currans Solo durchaus ansprechende Momente hatte, klanglich auch recht interessant war, aber am Ende – ein halber Trump-Witz hilft auch nicht viel weiter – mäandernd und erstaunlich unstrukturiert wirkte dafür, dass das alles so geniale Komponisten und Konzeptarbeiter sein sollen.
Fazit: * * * (das ist aber grosszügig, dann kriegt Cannell wohl schon vier)


THE TURBINE ! FEAT. TOSHINORI KONDO – Die zweite Gruppe des Abends blies dann aber die verbliebenen Reste der Siebziger, die noch altbacken über der Bühne schwebten, vom Platz. In der Mitte hatte Kondo seinen Stuhl, daneben die Elektronik-Kiste, die immer dabei ist, dahinter zwei Lautsprecher auf Ständern. Links kämpfte Harrison Bankhead sich auf die Bühne, wo er Kontrabass spielte, manchmal dazu sang und zwischendurch an den Flügel sass, rechts Benjamin Duboc am anderen Kontrabass, und dahinter neben Bankhead der Schlagzeuger Ramón López und zwischen ihm und Duboc Hamid Drake am zweiten Schlagzeug. Es war eine Freude, den beiden Drummern zuzusehen, die sich auf Augenhöhe begegneten (López mag man von Barry Guys Gruppen her kennen), während Bankhead manchmal etwas herumzufummeln schien und Duboc als Schwerarbeiter sehr toll war und dafür sorgte, dass alles irgendwie zusammenfand. Er war halt der ziemlich normale Franzose neben den bunten Paradiesvögeln (Bankhead und López) und den beiden Coolen Hunden (Drake und Kondo). Kondo war aber die Ingredienz, die das Set wirklich toll machte mit seinen gespentischen Klangkulissen, den Echos und Delays, den Wah-Wah-Verzerrungen etc.
Fazit: * * * *1/2

BILL ORCUTT/CHRIS CORSANO/GURO SKUMSNES MOE – Den Abschluss des durchwachsenen Abends machte dann der zweite Auftritt von Bill Orcutt. Er spielte eigentlich eine Art Duo mit Chris Corsano, bei dem die äusserst seltsame norwegische Bassistin Guro Moe als drittes Rad am Wagen ziemlich überflüssig schien. Als es losging konnte ich den Lachreiz ob ihres skurrilen Schreigesanges und des zombiehaften Verhaltens nicht unterdrücken, am Bass schrummte sie nur heftig herum, das schien mir alles mehr mit irgendeiner Form von Black oder Death Metal oder auch nur Fun Punk (aber völlig ohne Fun) zu tun zu haben als mit Improvisation – und als sie dann eine Saite wechseln musste, zog sie sie zwar irgendwie an, aber Nachstimmen war nicht, und kam bei der Spielweise auch sowieso nicht drauf an. Orcutt schien sie völlig zu ignorieren (er wirkte aber auch beim Solo-Set schon völlig unkommunikativ), guckte auch wieder auf sein Handy (verdammt, die 40 Minuten sind immer noch nicht um?) und ging relativ bald nach hinten, um seinen Verstärker doppelt so laut zu stellen (was schreit die da drüben so dämlich rum, will die mich verarschen? BÄMMMM!). Corsano fand ich einen supremen Langweiler, auch wenn sein übersauberes und hartes Spiel zu Orcutt irgendwie schon ganz gut passte. Moe scheint ja spielen zu können, aber das konnte man nach dem Set echt nicht ahnen.
Fazit: keine Ahnung, was das genau war, aber mehr als * *1/2 liegen nicht drin
Hier ist gerade das zweite Video aufgetaucht – aber wie immer geht das irgendwie nicht, wirkt alles viel zu harmlos im Miniaturformat am Rechner, da muss man so lauf aufdrehen können, dass sich die Haustiere auch zwei Stockwerke drüber noch hinter die Schränke verkriechen, sonst geht das nicht! Nach der Dreiminutenmarke ist auch der Moment, wo Orcutt zum Verstärker geht und den Soundcheck über den Haufen wirft … im Raum war er danach so laut, dass man vom, ähm, „Gesang“ für längere Zeit gar nichts mehr hören konnte, die Leute am Mischpult waren offensichtlich grad draussen rauchen oder völlig überrumpelt.


SAMEDI 26 AOÛT

Auch am letzten Tag gingen wir zum Kinderkonzert, denn da war HARRISON BANKHEAD angesagt – sein kurzes Set war super, er sang wieder, und diesmal war das nicht nur eine Marotte sondern wirklich toll. Er erzählte Geschichten und liess auch seinen Bass singen … die Kinder hatten diesmal wohl nicht viel davon, aber für die Grossen war es umso schöner.

FRANZ HAUTZINGER SOLO – In der Kapelle gehörte der letzte Auftritt dem österreichischen Trompeter Franz Hautzinger, der zwei Mikrophone aufgebaut hatte, die ganz unterschiedliche Verstärkungen seiner Geräuschkulissen boten. Etwas gewöhnungsbedürftig war es, aber das Set entwickelte – fast ohne einen konventionell gespielten Ton auskommend – einen guten Fluss und er spann auch gekonnt dramaturgische Bögen. Als Zugabe spielte er – seine Vierteltontrompete nutzend – eine kurze Fassung des Hummelsummenfluges und hatte schelmische Freude daran, wie schön das in der Kapelle klang (selbst bei ihm, der das Ding nun nicht gerade mit brillantem Ton blies, aber sich immerhin nicht in der hyperschnellen Linie verhedderte, was ihn selbst wohl am meisten freute).
Fazit: * * *1/2

ONCEIM „LAMINAIRE #7“ – Weiter ging es erneut im Filature und einmal mehr mit Onceim, diesmal mit einem Stück von Frédéric Blondy. Uns trieb es trotz der Enttäuschung vom Vortag hin, und sei es nur, um zu sehen, wie fast keine Leute mehr kommen würden … dem war nicht so und das Hingehen lohnte sich auch, denn diesmal wurde viel mehr gespielt, immer noch oft zart und karg, aber es geschah deutlich mehr und die tolle Akustik des Saales kam auch schön zur Geltung – man konnte oft die einzelnen Beiträge der Musiker zuordnen, auch wenn da fünf Klarinettisten sassen. Tilbury war auch diesmal im Saal und Blondy spielte beide Male nicht mit (was wohl der Grund war, weshalb von den 30 angekündigten Leuten nur 29 mitwirkten).
Line-Up siehe oben
Fazit: ziemlich gut, vor allem auch nach der Enttäuschung vom Vortag, * * *1/2

L’OCELLE MARE – Weiter ging es – wie letztes Jahr – zwei Stunden vor dem Schlusskonzert (das ebenfalls wie letztes Jahr nur zwei aber dafür etwas längere Sets bot) im Noumatrouff mit einem kürzeren, vornehmlich elektronischen Set. Zu hören war Thomas Bonvalet am elektrischen Banjo, Mundharmonika und diversen weiteren Utensilien und auch ihm gelangen sowohl klanglich wie auch dramaturgisch immer wieder tolle Dinge.
Fazit: eine schöne Einstimmung auf den krönenden Abschluss, * * *

THE PERE UBU MOON UNIT – Um 21 Uhr ging es dann richtig los – und wie! Pere Ubu ist bei mir eine eklatante Bildungslücke, die ich wenigstens im Hinblick auf das Frühwerk bald mal angehen will … aber was die Gruppe um Sänger David Thomas in dem Set bot, war echt grossartig. Die Songs sind super, die Musik passt perfekt, Thomas ekelt sich durchs Set, raunzt seine Musiker an, bricht – wohl alles einstudiert bzw. immer wieder so gemacht – einen Song ab, motzt, lässt wieder von vorne anfangen. Der unförmige wüste Kerl, der genau das sein will, zieht auch mal zwischendurch völlig sinnfrei einen seiner klobigen Schuhe aus, nimmt die Socke ab, zieht sie und den Schuh wieder an, derweil Gagarin, der schräg hinter ihm am Synthesizer steht, geekelt hervorguckt (der Typ sah sowieso aus, als hätte er sich mit den Security-Leuten besser verstanden als mit den Musikern). Gitarrist Keith Moline stand derweil stoisch rechts auf der Bühne und schien den ganzen Unfug zu ignorieren, während Klarinettist Darryl Boon und Drummer Steven Mehlmann ihre Parts in den Spielchen hatten. Gerade letzterer überzeugte mich im Vergleich zu Corsano am Vorabend sehr – was er spielte war zwar (meistens) weniger virtuos, aber dafür stets song- und sachdienlich und musikalisch passend. Die Show gehört am Ende aber ganz Thomas, der mit seiner unverwechselbaren Stimme wimmert und heult, raunzt und brüllt, dass der Himmel weinen muss. Das ganze war natürlich ordentlich skurril, aber das alles war diente letztlich nur der Inszenierung der Musik – und war durchaus angemessen.
Fazit: * * * * *


PETER BRÖTZMANN/HEATHER LEIGH/TOSHINORI KONDO – Auch der Schlussabend war, so stellte sich heraus, wieder perfekt programmiert. Auch die letzte Gruppe spielte ein ziemlich langes, etwa stündiges Set. Brötzmann stieg zwar heftig honkend ein, sein Ton am Tenorsaxophon mit all den Obertönen ähnlich reich wie jener von Orcutt im Solo-Set, aber ungleich ruppiger und schroffer, kantig, manchmal abgehackt, hart. Doch im Verlauf des Sets sollte er geradezu zart spielen, auch am Tarogato. Kondo war diesmal am linken Rand aufgebaut, während in der Mitte Heather Leigh sass, die schon ein wenig verblühte Siegerin der Wahl zur Mining Town Beauty Queen irgendwo in West Virginia vor schon so einigen Jahren. Der Promo-Shot mit Brötzmann ist perfekt, denn Leigh stellt in der Tat ein weiches und breites und tiefes Bett auf, in das Brötzmann sich betten kann, wie immer er will – und zur Bettmetapher passt natürlich auch seine hübsche Zeichnung. Kondos verstärkte Trompete und Leights Pedal Steel fügten sich oft so zusammen, dass sie fast zu verschmelzen schienen, das gab dann in der Tat eine grossartige Kulisse für Brötzmanns expressionistisches Spiel. Es gab aber auch Duo-Momente in allen möglichen Konstellationen und das Set entwickelte eine tolle Dramaturgie – auch indem es einem ruhigen Ende zufloss, bei dem Kondo leider länger aussetzte. Doch dann geschah tatsächlich das Unerwartete und das Trio gab noch eine heftige Zugabe, in der auch Kondo wieder aktiv dabei war.
Fazit: Das war tätsächlich das Sahnehäubchen! * * * * *


Das Ranking, gebündelt:

* * * * *
Peter Brötzmann/Heather Leigh/Toshinori Kondo – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
The Pere Ubu Moon Unit – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
Milesdavisquintet! – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.

* * * *1/2
The Turbine! feat. Toshinori Kondo – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
Incertum Principium (Edward Perraud, Ingebrigt Håker Flaten, Benjamin Dousteyssier, Aymeric Avice) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
Oren Ambarchi – Météo, L’Entrepôt, Mulhouse – 25.8.
BIC (Julien Desprez, Mette Rasmussen, Ingebrigt Haker-Flaten, Mads Försby) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.

* * * *
The Necks – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
Bill Orcutt – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 24.8.
Oren Ambarchi/Will Guthrie – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
Laura Cannell – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 25.8.

* * *1/2
Franz Hautzinger – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 26.8.
Onceim/Frédéric Blondy – Météo, La Filature, Mulhouse – 26.8.
Eve Risser – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 23.8.

* * *
L’Ocelle Mare (Thomas Bonvalet) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
Musica Elettronica Viva (Alvin Curran, Frederic Rzewski, Richard Teitelbaum) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
SPILL (Tony Buck, Magda Mayas) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.

* *1/2
Alvin Curran – Météo, Temple Saint-Etienne, Mulhouse – 23.8.
Bill Orcutt/Chris Corsano/Guro Skumsnes Moe – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.

* *
Onceim/Frédéric Blondy/John Tilbury – Météo, La Filature, Mulhouse – 25.8.
Beams (Alvin Curran Workshop) – La Kunthalle, Mulhouse – 24.8.

Dabei scheinen mir ev. die Solos von Hautzinger und Ocelle Mare etwas zu tief zu sein und dem Tilbury-Ding von Onceim könnte ich auch noch knapp einen halben mehr geben – aber das passt glaub ich schon so.

Patricia Kopatchinskaja, Jay Campbell, Polina Leschenko, Frédérique Cambreling etc.– Lucerne Festival, Erlebnistag, KKL/Kunstmuseum Luzern – 27. August 2017

Patricia Kopatchinskaja – Violine
Jay Campbell – Violoncello
Polina Leschenko – Klavier

George Enescu (1881–1955)
Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 a-Moll op. 25 Dans le caractère populaire roumain
Zoltán Kodály (1882–1967)
Duo für Violine und Violoncello op. 7
Maurice Ravel (1875–1937)
Tzigane. Konzertrhapsodie für Violine und Klavier

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/patricia-kopatchinskaja-jay-campbell-polina-leschenko/468

Gestern morgen fuhr ich direkt vom Météo Festival in Mulhouse (Bericht folgt noch) nach Luzern, wo ein „Erlebnistag“ mit diversen Konzerten stattfand, sowohl im grossen Saal des KKL als auch in zwei Räumen des – ebenfalls im KKL domizilierten – Kunstmuseums, im Foyer usw. Karten hatte ich für zwei Konzerte, beide ausverkauft, das erste davon im grössten Ausstellungssaal, der auch tatsächlich bis auf den letzten Stuhl voll war. Los ging es mit der grossartigen dritten Violinsonate von George Enesescu, die einst eins der handvoll Werke war, und unter ihnen das entscheidende, mit denen mir der Einstieg in die Klassik gelang.

Kopatchinskaja spielte von Beginn mit ihrer schier unfassbaren Präsenz, mit einer Intensität, die sich gewiss aus der Freiheit ihres Zugriffes nährt, aber an Präzision mangelt es ihrem Spiel deshalb nicht im geringsten. Ich sass perfekt, zweite Reihe direkt von Kopatchinskaja und mit Blick auf die Hände Leschenkos, die hinter ihr sass, in halbwegs klassischer Solist/Begleiter-Aufstellung, aber auf viel engerem Raum als üblich. Das Klavierspiel überzeugte mich alles in allem, da und dort schienen die Interpretation etwas zu schnell dafür, dass die Finger immer sauber mithalten konnten (das wurde aber nie mit Pedaleinsatz überspielt) was auch wichtig war bei der mittelmässigen Akustik des Raumes (ein schlichter „white cube“, doppelt so lang wie breit, aber eben: ich sass ganz vorne), denn da flossen die Töne sowieso etwas zu sehr ineinander. Die enormen Erwartungen, die ich hatte, wurden vielleicht ganz leise enttäuscht, aber das nur, weil sowohl das Werk als auch Kopatchinskaja für mich ganz weit oben stehen – ja eigentlich auf dem Gipfel.

Als zweites stand dann das Duo von Kodály auf dem Menu, das Kopatchinskaja mit dem zweiten „artist étoile“ des diesjährigen Festivals, dem jungen Cellisten Jay Campbell, präsentierte. Auch sie standen bzw. sassen so eng nebeneinander, dass sogar mal die Geigen-Noten etwas verschoben werden mussten, damit Campbell sie nicht umschubste – eine schöne Geste, denn es geht in der Kammermusik ja tatsächlich um das Verschmelzen der Stimmen, das Zusammen. Das gelang auch wunderbar, was wohl bei einem eruptiven Temperament wie jenem von Kopatchinskaja nicht immer leicht ist – Campbell guckte sehr oft ganz genau hin, aber es gab nur ein, zwei ganz kurze Passagen, wo sie eine Spur nebeneinander waren. Das Werk hatte ich im Gegensatz zu Enescu nicht im Ohr, aber wenigstens die Heifetz/Piatigorsky-Einspielung davon einst schon angehört. Es gefiel mir in der Präsentation eine Spur besser als die Sonate davor, was ja durchaus auch im Interesse der Konzertdramaturgie passt.

Der krönende Abschluss war dann aber Ravel, mit einem Werk, das natürlich mehr als bekannt ist, das als „Zigeunermusik“ nicht die Glaubwürdigkeit der Werke von Bartók und Kodály besitzt – um die herum der ganze „Erlebnistag“ geformt wurde, weshalb u.a. auch Veress oder eben auch Enescu auf dem Programm standen. Was Kopatchinskaja und Leschenko nun mit Ravels „Tzigane“ anstellten erinnerte mich sehr an die famose „Kreutzer“-Sonate von Joseph Szigeti und Béla Bartók – eine Art retrograde Ethnisierung der Musik, ein Hervorholen der (imaginären) Volksmusik, die quasi hinter dem fertigen Werk Ravels versteckt ist. Das Spiel der beiden war äusserst temperamentvoll, Kopatchinskaja – die ja immer barfuss spielt, was auch perfekt zu ihrer Art zu spielen passt – spannte sich immer wieder wie ein Bogen, der dann plötzlich in die Ausgansposition zurückschnellt. Bei Leschenko kamen die Finger manchmal nur noch mit Mühe und Not mit, aber ohne Risiken einzugehen ist eine so beeindruckende Interpration auch gar nicht möglich.
Es gab danach noch eine Zugabe im Trio mit Jay Campbell, aber leider vergass ich den Namen des Komponisten gleich wieder … etwas (relativ?) Zeitgenössisches, eine charmante kleine Petitesse.



Ensemble der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
Frédérique Cambreling
– Harfe

Béla Bartók (1881–1945)
Ausgewählte Duos für zwei Violinen
Heinz Holliger (*1939)
Partita (II) für Harfe
Uraufführung
Sándor Veress (1813–1992)
Diptychon für Bläserquintett

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/ensemble-der-lucerne-festival-academy-frederique-cambreling/493

Direkt danach ging es am anderen Ende des Kunstmuseums weiter, in einem etwas kleineren, quer eingerichteten Saal. Eine Geigerin und ein Geiger aus dem Academy-Orchester spielten als Einstieg drei kurze Duos für Violine von Bartók.

Danach folgte die pièce de résistance, die Uraufführung von Heinz Holligers zweiter Partita, komponiert für Harfe solo und präsentiert von Frédérique Cambreling (die auch im ensemble Intercontemporain spielt). Das Stück ist toll, schien mir oft hypervirtuos, es wird auch schon mal auf den Rahmen getrommelt, gegen Ende mussten sogar rasch ein paar Saiten umgestimmt werden … und es nicht so, dass ich von Harfe viel verstehen würde (ich hörte vor einigen Monaten mal Xavier de Maistre – siehe Post oben vom 7.5.), aber ich fand die Aufführung und das Werk beeindruckend. Holliger war selbst anwesend, der Applaus riesig.

Zum Ausklang gab es dann noch das Bläserquintett von Sándor Veress, einst Lehrer von Heinz Holliger. Die Darbietung war nicht in jedem Hinblick überzeugend aber alles in allem doch sehr in Ordnung – und sie machte neugierig, von Veress dereinst weiteres zu hören.

Monteverdi: L’Orfeo (Adam, Blaziková, Buratto, Zanasi; Gardiner) - Luzern, KKL, 22. August 2017

Krystian Adam – Orfeo
Hana Blažiková – La Musica, Euridice
Kangmin Justin Kim – Speranza
Anna Dennis – Ninfa
Lucile Richardot – Messaggiera
Francesca Boncompagni – Proserpina
Gianluca Buratto – Caronte, Plutone
Furio Zanasi – Apollo
und weitere Solisten

English Baroque Soloists
Monteverdi Choir
Sir John Eliot Gardine
r – Dirigent und Regie
Elsa Rooke – Regie

Eine Epiphanie, nichts geringeres, war die Aufführung von Monteverdis „L’Orfeo“ unter der Leitung von John Eliot Gardiner. Phantastisch gesungen und gespielt – „halbszenisch“ war perfekt, die Sänger bewegten sich auf der leeren Bühne vor und hinter dem Orchester sowie im Mittelgang zwischen den zwei Gruppen: links Streicher und Continuo mit zwei Theorben/Chitarronen, Cello, Cembalo/Orgel und Harfe, rechts Bläser und Continuo mit zwei Theorben/Chitarronen, Cello, Bass, Fagott. Auch die leeren Sitzreihen hinter der Bühne wurden manchmal bespielt (von den Blechbläsern, von Apoll im fünften Akt), ebenso wurde – zum Aufmarsch zu Beginn, später für die Messagiera, die die traurige Nachricht vom Tod Euridicens überbringt, ebenso wie für das Echo, der Zuschauerraum (Parkett und Galerien) miteinbezogen. Das Fehlen von Bühnenbildern in Kombination mit den dezenten Kostümen und der guten Regie hatte eine grossartige Wirkung und potenzierte für mein Empfinden noch die Wirkung, weil eben tatsächlich die Musik gewissermassen nackt ins Zentrum gestellt wird, sie aber doch nicht einfach konzertant-trocken vorexerziert wurde. Im Gegenteil, gerade in dem kargen Rahmen konnte sie sich erst völlig entfalten. Die Sängerinnen und Sänger waren allesamt gut bis super, Krystian Adam ein feiner aber überzeugender Orfeo, Hana Blaziková eine sehr zarte, ebenso überzeugende Euridice – und als Musica im Prolog begleitete sie sich natürlich gleich selbst an der Harfe (einem kleinen Instrument, das wohl die „gotische“ Harfe ist, die im deutschen Wiki-Eintrag erwähnt wird).

Der Klang im KKL – ich sass wieder oben links auf Höhe der Bühnenkante – ist wirklich grossartig, wie schon bei Holliger/Kopatchinskaja schien der seitliche Platz (diesmal sass ich noch eine Etage höher in der zweiten Galerie) weit vorn überhaupt keine Nachteile zu bringen, und im Vergleich mit der Matthäuspassion, ebenfalls mit Gardiner und im KKL letztes Jahr, wo ich in der Mitte des Parketts sass, war es in der Höhe auch ordentlich laut – so gesehen war die Platzwahl ungeplant (es ging eben auch darum, rechtzeitig ein günstiges Ticket zu ergattern, was gar nicht einfach war) perfekt.

Camerata Zürich, Thomas Demenga, Thomas Sarbacher – Lucerne Festival, Kirche MaiHof – 20. August 2017

Identities 3
Camerata Zürich | Thomas Demenga | Thomas Sarbacher

SUN, 20.08. | 16.00 | Nr. 17316
Kirchensaal MaiHof


Camerata Zürich (Igor Karsko, Musikalische Leitung)
Thomas Demenga Violoncello
Thomas Sarbacher Sprecher

Josef Suk (1874–1935)
Meditation über den altböhmischen St.-Wenzels-Choral op. 35a
Antonín Dvořák (1841–1904)
Waldesruhe op. 68 Nr. 5
Rondo g-Moll für Violoncello und Orchester op. 94
Slawischer Tanz g-Moll op. 46 Nr. 8 (bearbeitet für Violoncello und Orchester)
Leošs Janáček (1854–1928)
Auf verwachsenem Pfade
bearbeitet für Streichorchester von Daniel Rumler
Texte von Maïa Brami

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/camerata-zurich-thomas-demenga-thomas-sarbacher/451

Die Camerata Zürich mit Konzertmeister Igor Karsko öffnete das schwermütig böhmische Programm mit Suks Hymne, danach folgten drei zu einer Suite zusammengefügte Stücke Dvoráks, für die Thomas Demenga, der künstlerische Leiter der Camerata, als Solist am Cello dazustiess. Beim slawischen Tanz wippten die Köpfe und zuckten die Beide in der Reihe vor mir … das war wohl der Rock’n’Roll der 70-80jährigen Damen – so weit halt, wie Rebellion gehen mochte. Meint man, einen etwas spöttischen Unterton herauszuhören, dann ist das ganz recht, denn das war zwar alles mit Gusto gespielt, sowohl vom Solisten wie auch vom kleinen Streichorchester (Besetzung: 5-4-3-3-1), aber auch arg gefällig und glatt in seiner eher dick- als heissblütigen Sentimentalität. Danach ging es – keine Pause, immerhin – direkt mit dem Hauptwerk weiter, der Erstaufführung eines Arrangements von Janáčeks „Auf verwachsenem Pfade“ (bearbeitet für Streichorchester von Daniel Rumler, der auch mitspielte) mit Texten von Maïa Brami (wer sie ins Deutsche übertragen hat, wird überall hartnäckig verschwiegen, soviel zum Wert des Übersetzens in unserer zunehmen monolingualen Welt, ein Jammer). Die Musik war ganz in Ordnung, aber mit den Texten konnte ich leider beim besten Willen nicht sehr viel anfangen. Sie beziehen sich auf den biographischen Hintergrund, den Janáček ja selbst (nach)geliefert hatte. Doch der Vorteil der Musik ist ja gerade, dass sie absolut ist (was übrigens auch ganz klar für Holligers Violinkonzert gilt, das hebt er auch hervor in seinem Kommentar). Das Eindampfen auf biographische Episoden und der nicht gelungene Wechsel von der Metapher (er – also Janáček – findet eine Rose – die 37 Jahre jüngere Kamila Stösslová, in die er sich verliebte – die ihm Glück verspricht, solange er sie nicht pflückt … was für tolle Metaphern, n’est-ce pas?) bzw. vom Märchen zum simpel erzählten, dem ein paar Wiederholungen, von Thomas Sarbacher immerhin toll vorgetragen, auch nicht helfen, wenn es um „Poesie“ geht … das ist in meinen Augen ziemlich missglückt. Zum einen, weil es eben das Absolute, die Musik, zurückbindet an konkrete biographische Episoden (Janáček habe sich die Lungenentzündung, an der er auch starb, eingefangen, als Stössels Sohn Otto im Wald verloren ging, das löst dann Gedanken aus an seine frühverstorbene Tochter Olga, seine angeblich erste Kindheitserinnerung, wie er vor einem Brand gerettet werden musste, fehlt auch nicht). Damit wird der Blick übermässig eingeengt und es fällt im konstanten Wechsel von Text und Musik schwer, ihn für die kurzen Stücke wieder zu öffnen. Zum anderen fand ich die Texte aber auch von der literarischen Qualität her eher dürftig. Es gelang wie schon angetönt nicht, ein Märchen zu erzählen, dazu war der Ton nicht (vermeintlich) naiv, das ganze nicht lakonisch genug. Die Poesie war dann eben leider Erinnerungsalbumpoesie und keine verknappte, verklausulierte, die – statt einfach Episoden zu erzählen – neue Bezugsräume geöffnet hätte (und das wäre, so fand ich, die Herangehensweise für ein solches Projekt gewesen, die man hätte ausprobieren sollen – knappe Wortfetzen, Fragmente, vieldeutig und doch klar, die nicht vorspuren, was man danach hört sondern im Gegensatz anregen dazu, in ganz verschiedene Richtungen zu hören und zu denken).

Aber gut, den Leuten schien es sehr gut zu gefallen und vielleicht ist das die Nische, in der die Camerata sich im übersättigten Markt von Zürich eingerichtet hat, ich weiss es nicht. Die Programme des Ensembles kamen mir bisher spannender vor, aber gehört habe ich sie gestern zum ersten Mal. Betonen möchte ich nur noch einmal, dass es an der Spielqualität nun aber überhaupt nicht mangelte.

Teil 1 des Berichtes vom Lucerne Festival am 20. August 2017

Patricia Kopatchinskaja, Lucerne Festival Academy, Heinz Holliger – Lucerne Festival, KKL, Luzern – 20. August 2017

Sinfoniekonzert 9
Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY | Heinz Holliger | Patricia Kopatchinskaja

SO, 20.08. | 10.30 Uhr | Nr. 17315
KKL Luzern, Konzertsaal


Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
Heinz Holliger
Dirigent
Patricia Kopatchinskaja Violine

Claude Debussy (1862–1918)
Khamma (orchestriert von Charles Koechlin)
Charles Koechlin (1867–1950)
Les Bandar-log (Scherzo des singes) op. 176

Heinz Holliger (*1939)
Violinkonzert Hommage à Louis Soutter

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/orchester-der-lucerne-festival-academy-heinz-holliger-patricia-kopatchinskaja/417

Gestern war ich zum ersten Mal am Lucerne Festival (bisher gab es einen einzigen Besuch am Easter Festival, aber das war bloss ein Konzert, abends an einem Wochentag), so „posh“ wie befürchtet ist das gar nicht, halt einfach so, wie es an klassischen Konzerten so ist (also schon mal nur halb so übel wie in der Oper). Zum Auftakt ging es mit Heinz Holliger am Pult des Orchester der Festival Academy schon mal phantastisch los. Ein charismatischer Dirigent ist Holliger gerade nicht, aber er lässt die Musik lebendig werden – und konnte sich dabei voll auf das Orchester verlassen. Die Werke von Debussy und Koechlin waren mir bisher unvertraut, ein paar Aufnahmen Holligers mit Werken Koechlins (Hänssler, mit dem RSO Stuttgart) liegen hier aber auf dem Stapel, darunter auch „Les Bandar-log“ und Debussys „Khamma“, das ja von Koechlin orchestriert wurde – welchen Beitrag Koechlin genau leistete, scheint da nicht so klar zu sein, aber er ist wohl nicht unerheblich.

Nach der Pause folgte die Hauptattraktion. Es gab einen grossen Umbau, Harfe, Cimbalon und Vibraphon wurden nach vorn geholt und bildeten zusammen mit der Solistin Patricia Kopatchinskaja den innersten Ring des nun deutlich kleineren Orchesters, noch vor den Streichern. Ich hatte einen Platz ungefähr auf der Höhe des Dirigenten, seitlich auf der Galerie – der Klang war auch von da phantastisch und der Blick ins Orchester fasziniert mich sowieso immer. Das Violinkonzert Holligers ist ein grosser Trümmer, einem weiteren seiner lieben „beiseit“-Künstler (Scardanelli/Hölderlin, Koechlin, Walser) gewidmet, dem Violinisten und Maler Louis Soutter, der im späteren OSR spielte, von Ansermet gemäss Holliger zunächst mal ganz nach hinten plaziert und später aus dem Orchester geworfen wurde – und später eine prekäre Randexistenz führte, was ihn nicht daran hinderte, ein beeindruckendes Werk als Maler zu schaffen. Passend dazu verschwindet die Solo-Violine zum Schluss quasi im Klangstrom. Doch bis dahin ist ein weiter weg. Das Konzert bezieht sich auf die dritte Sonate für Violine Solo von Ysaÿe (bei dem der junge Soutter studiert hatte – auf der ECM-Einspielung des Konzertes mit Zehetmair gibt es diese Sonate zum Auftakt auch zu hören), führt über eine gute Dreiviertelstunde durch mehrere Etappen, die teils – wie Holliger schreibt – für seine Verhältnisse „eine äusserst bewegliche Musik“ ist, „die rhythmisch sehr komplex ist. Eine körperliche, tänzerische und motorische Musik, in der zum Teil sogar die Rhythmik meines Lehrers Sándor Veress in ganz anderer Form zum Vorschein kommt“ (Aus Holligers Liner Notes zur CD-Einspielung, ECM New Series 1890, 2004). Für mein Empfinden war diese Aufführung eine echte Sternstunde.
 

Danach ging ich nach oben ins Luzerner Kunstmuseum, das ich noch nie besucht hatte. Zu sehen ist eine Präsentation der Sammlung mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten, ganz schön präsentiert aber ohne die grossen Highlights (am ehesten noch zwei sehr schöne Bilder von Hodler), zudem eine Gegenüberstellung des Landschaftsmalers Robert Zünd (1827-1909) mit Photographien von Tobias Madörin (*1965), die in derselben Umgebung Luzerns entstanden sind. Die Gemälde fand ich insofern interessant, als sie die ländliche Schweiz darstellen auf eine Weise, wie sie mir aus meiner Kindheit in den Achtzigern noch bestens vertraut ist, als idealisiert-idyllische Heimatdarstellung, die sie bei Zünd vermutlich nicht annähernd im selben Ausmass war. Die Photographien von Madörin, analog und einem langsamen Riesenformat hergestellt, sind allerdings unglaublich faszinierend, sie wirken fast wie gemalt, man muss sehr nahe herantreten, um den Unterschied zu erkennen – und sie bieten enorm faszinierende Licht-Effekte.

In der Ausstellung gab es dann um 14 Uhr auch noch eine Performance von Strotter Inst., einem Künstler, der auch ein paar Installationen mit Plattenspielern und Kleinkram hergestellt hat, die im Entrée des Museums zu sehen sind. Diese zwei von vier „Delokationen“ bezog sich auf Koechlins zuvor im Konzertsaal gespieltes „Les Bandar-log“. Aus Versatzstücken erzeugte Strotter Inst. (Inst.rument/Inst.allation – zum Begriff „Strotter“ findet sich auf seiner Website alles Wissenswerte) eine Klangkulisse, in die Beats und alle diese Geräusche Eingang fanden, die experimentelle DJs so erzeugen können, und zu deren Beschreibung mir das Vokabular völlig abgeht. Jedenfalls war das eine ziemlich tolle, ca. 20 Minuten dauernde Intervention.

Danach ging es runter in die Cafeteria neben dem KKL für einen kleinen Imbiss. Als ich mein Tablett nach draussen trug, kam ich an Heinz Holliger vorbei, was mir die Gelegenheit gab, mich kurz für das phantastische Konzert zu bedanken. Und als ich danach weiterzog, kam auch gerade Patricia Kopatchinskaja, um mit den anderen zum Bahnhof rüberzugehen – das sind eben richtige Stars, ganz normale Leute halt, die grossartige Musik machen. Auch ihr konnte ich noch einen kurzen Dank aussprechen, bevor ich durch die Touristenhorden loszog, um einen Blick in die mir zuvor unbekannte Jesuitenkirche zu werfen, die doch ziemlich interessant ist. Zu Fuss ging es dann durch die durchaus malerische Innenstadt und auf der anderen Seite raus und weiter zum MaiHof, einem Areal mit Kirche, separatem Turm und ein paar weiteren Gebäuden. Der Kirchensaal wird auch für Konzerte benutzt, auch im Rahmen des Lucerne Festival.

Teil 2 des Berichtes vom Lucerne Festival am 20. August

Jacques Offenbach: Les Contes d’Hoffmann (Spyres, Damrau, Testé, Conners, Pudova, Brower) - Bayerische Staatsoper, München, 30. Juli 2017

Olympia: Olga Pudova
Antonia, Giulietta, Stella: Diana Damrau
Cochenille, Pitichinaccio, Frantz: Kevin Conners
Lindorf, Coppélius, Dapertutto, Miracle: Nicolas Testé
Nicklausse/Muse: Angela Brower
Stimme aus dem Grab: Okka von der Damerau
Hoffmann: Michael Spyres
Spalanzani: Ulrich Reß
Nathanaël: Dean Power
Hermann: Sean Michael Plumb
Schlémil: Christian Rieger
Wilhelm: Galeano Salas
Crespel, Luther: Peter Lobert

Chor der Bayerischen Staatsoper (Sören Eckhoff)
Bayerisches Staatsorchester
Musikalische Leitung: Constantin Trinks
Inszenierung: Richard Jones
Bühne: Giles Cadle
Kostüme: Buki Shiff
Choreographie: Lucy Burge
Licht: Mimi Jordan Sherin
Dramaturgie: Rainer Karlitschek


Ich wollte längst ein paar Zeilen zur Aufführung von Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ schreiben, die ich letzten Sonntag in München sehen konnte. Gross in die Details gehen kann ich nach fast einer Woche nicht mehr, aber soviel ist klar: die Oper ist ein phantastisches Werk – und zwar in beiden Bedeutungen dieses Wörtchens. Wie die drei Geschichten in der Geschichte sich ineinander verschachteln, wie das alles musikalisch umgesetzt ist, das überzeugt mich immer wieder – es gibt wohl keine Oper, von der ich gezielt so viele verschiedene Aufnahmen (und auch DVDs, die ich alle noch nicht angeschaut habe) zusammengetragen habe – gerade kam auch noch die von 1972 auf Westminster dazu mit Stuart Burrows, Beverly Sills, Norman Treigle etc. und dem LSO unter Julian Rudel (zwar schon mit allen Akten, aber die Giulietta- und Antonia-Geschichten verkehrt herum).

Ich sass auf Empfehlung eines mehrfachen Besuchers des Hauses in der riesigen Staatsoper zuoberst in der Galerie in der vordersten Reihe, fast in der Mitte – und der Tipp war super, denn der Klang war grossartig – ich glaube nicht, dass ich schon einmal eine Oper in so hervorragender Akustik gehört habe – ich mag ja die enge kleine Oper in Zürich (selbst wenn es bei Verdi-Opern laut wird, darf es ja auch!), aber ich war wirklich begeistert vom Raumklang in München.

Orchester und Sänger-Ensemble schienen bei dieser zweiten von zwei Aufführungen dieser 2011 eingerichteten und erstmals aufgeführten Inszenierung ziemlich gut abgestimmt, es gab nur kleine Verschiebungen und auch solche nur selten, klanglich war auch da alles astrein: keine zugedeckten Stimmen (weder von anderen Stimmen noch vom Orchester), keine Misstöne bei den Sängerinnen und Sängern. Diana Damrau sang in einer früheren Aufführung dieser gleichen Inszenierung, die ich im Fernsehen angeschaut hatte, alle vier Damenrollen, diesmal sprangen Olga Pudova und Damrau für eine erkrankte Sängerin ein, und ich fand es ganz gut, dass Damrau nicht auch noch die Olympia gab (und dadurch, dass Stella ja eh eine stumme Rolle ist, sang sie faktisch nur zwei Figuren, von denen sie mir als Antonia besser gefiel). Fast noch besser gefielen mir Angela Brower als Nicklausse und Muse sowie Michael Spyres als Hoffmann, aber auch die Bösewichte von Nicolas Testé (der ebenfalls erst kurzfristig bekanntgegeben wurde – ich weiss gar nicht, ob es für die Rollen davor eine Vakanz gegeben hatte, jedenfalls wurde nicht erwähnt, für wen er eingesprungen ist).

Alles in allem eine tolle Inszenierung (die kannte ich ja schon, hätte sie mir nicht gefallen, wäre ich auch nicht hin) und eine super Aufführung. Das Drumherum fand ich wie so oft etwas bemühend (da ist Zürich erstaunlich unkompliziert, man hat in eine paar Minuten sein kleines Bier und das kostet sogar für hiesigie Verhältnisse nicht mal so viel), aber das liegt dann wohl an der grösse des Hauses – zwei Pausen wären jedenfalls nicht notwendig gewesen (bei der langen ersten nach dem Olympia-Akt musste man allerdings den Saal verlassen, da war wohl ein Umbau nötig – aber den Rest hätte man auch Stück durchstehen können, bei Marthaler in den Kammerspielen gab’s mal wieder 2 1/4 Stunden ohne Pause, das geht schon, wenn das Gebotene gut ist).

Sehr gut ist das Programmheft, das gleich drei Aufsätze liefert zur Entstehung und Rezeption der Oper, und natürlich fehlen auch Interpretationsansätze nicht.

Tonhalle-Orchester Zürich, Giovanni Antonini, Julia Becker – Zürich, Tonhalle, Grosser Saal – 6. Juli 2017

Tonhalle-Orchester Zürich
Giovanni Antonini
Leitung
Julia Becker Violine

Joseph Haydn
Sinfonie D-Dur Hob. I:101 „Die Uhr“
Wolfgang Amadeus Mozart
Violinkonzert Nr. 3 G-Dur KV 216

Joseph Haydn
Sinfonie Es-Dur Hob. I:103 „Mit dem Paukenwirbel“

Zum Saisonabschluss spielte das Tonhalle Orchester ein allerletztes Mal im grossen Saal, bevor dieser für drei Saisons geschlossen bleibt und renoviert (umgebaut?) wird. Am Pult stand ein dem Orchester längst vertrauter Spezialist für historische Aufführungspraxis, der Mailänder Giovanni Antonini, den ich im Februar schon mit seinem eigenen Ensemble Il Giardino Armonico und Sandrine Piau gehört hatte (auch damals standen Haydn und Mozart auf dem Programm).

Das Orchester war natürlich klein besetzt, ging auf Antoninis temperamentvolles Dirigat sehr schön ein, doch im Klang fehlten mir ein wenig die Spitzen, das Temperament, dass ein Ensemble wie Il Giardino Armonico hinkriegt. Dennoch gelangen die beiden Haydn-Symphonien mehr als gut, das Zusammenspiel war auf sehr hohem Niveau. Am schönsten war aber vielleicht das Violinkonzert KV 216 von Mozart, das vor der Pause erklang, mit der ersten Konzertmeisterin des Tonhalle Orchesters, Julia Becker, als Solistin – da schien die Zeit stillzustehen, die Musik schien zu schweben … ganz wunderbar.