Als Abschluss des Londoner Intakt-Festivals gab es dieses Wochenende noch zwei Abende in Zürich. Gestern spielten Irène Schweizer & Louis Moholo (anscheinend viel entspannter als in London), danach Evan Parker im Duo mit dem lokalen Gitarristen Flo Stoffner (hätte ich wie schon erwähnt enorm gerne gehört) und zum Abschluss war einmal mehr das Trio Omri Ziegele/John Edwards/Mark Sanders zu hören. Heute Abend bin ich hin, leider war es im Gegensatz zu gestern nicht ausverkauft sondern höchstens halbvoll (wohl eher nur ein Drittel, und nach dem ersten Set gingen auch ein paar Leute, die wohl für Barry Guy gekommen waren), die Stimmung im Theatersaal mit der riesigen Bühne sowieso völlig anders als im Vortex … aber gut, den Auftakt machte eine knappe Stunde mit Evan Parker & Barry Guy (*****) und die andere Atmosphäre stellte nicht im geringsten ein Problem dar. Das Duo war von Beginn an mit höchster Konzentration bei der Sache, Parker spielte wieder ausschliesslich Tenor, praktizierte aber mehrmals seine sonst vor allem vom Sopran her bekannte Zirkuläratmung, auch im zweiten Segment, das er solo spielte. Guy war dann seinerseits im vierten Teil solo an der Reihe (auf dem Photo hört Parker ihm zu), traktierte dabei seinen Bass nicht nur mit zwei verschiedenen Bögen (ein herkömmlicher und einer mit schwarzer – Plastic-? – Bespannung), Schlägeln mit Filzköpfen wie man sie vom Vibraphon kennt und verschiedenen dünnen Stäben, die er zwischen die Saiten schob und auch schon mal zwischen den Saiten und dem Griffbrett nach oben schob (John Edwards macht das auch gerne). Eine Zugabe (Teil 6 des Konzertes) gab es nach dem riesigen Applaus dann auch noch, und auch da blieb die Konzentration glücklicherweise hoch. Phantastisches Konzert, viel länger als das Set in London, völlig anders und wohl noch eine Spur toller.
In der Pause fragte ich mich, ob Ingrid Laubrock wohl dem Set von Parker gelauscht habe – nicht einfach, nach so einem fulminanten Konzert selbst auf die Bühne zu gehen, stelle ich mir vor. Das Trio Ingrid Laubrock Sleepthief feat. Liam Noble und Tom Rainey (****1/2) hörte ich bisher noch nie, Laubrock aber schon mit dem Tom Rainey Trio (mit Mary Halvorson), mit Anthony Braxtons Quartett (mit Halvorson und Taylor Ho Bynum) und ich war auch beim auf Intakt veröffentlichten, etwas zähen „Zurich Conzert“ dabei, das auf Intakt erschienen ist (zäh war es vor allem, weil der gute Mann vom SWR jedes Stück zwischendurch fürs Radiopublikum ansagte in der Manier: im folgenden Stück hat Laubrock das Augenmerk auf verschiedenen Linien gelegt, die sich übereinanderlagern, achten Sie bitte auf das Vibraphon und wie es gegen das Piano gesetzt ist und wie die Tuba und das Cembalo wiederum kontrapunktische Kommentare zu den Linien abgeben, die die Trompete der Posaune abtrotzt, obwohl das Saxophon die ganze Zeit obenausschwingt usw. usw. usw. ad nauseam). Es gab damals kein Vibraphon und keine Tuba und keine Posaune, aber ein Akkordeon und auch das Piano von Liam Noble, der aber überhaupt keinen Eindruck hinterliess. Das hat sich heute Abend nachhaltig geändert und ich war von ihm am meisten beeindruckt, weil ich ihn noch nie wirklich gehört habe, wenigstens so nicht, in diesem kleinen Rahmen, in dem auch jeder Move nachvollziehbar war. Die Musik von Sleepthief ist unglaublich präzise, vieles wirkt – obwohl mit grosser Freiheit improvisiert – sehr durchdacht und bis in feinste Details austariert. Das wird wohl auch durch Tom Raineys oft sehr transparentes Spiel möglich. Anfangs kämpfte er noch mit dem Stehtom, dessen Stützen immer wieder nachgaben und festgeschraubt werden mussten, doch einmal mehr beeindruckte seine Vielfalt und seine Genauigkeit. Er spielte mit Besen, mit Filzschlägeln, mit dünnen und normalen Sticks, aber auch mit den Fingern, Handballen oder dem Ellbogen. Noble erzeugte manchmal die Illusion, dass er zwei Melodien zugleich – und dazu Akkorde – spielen würde, was umso faszinierender war, wenn auch noch Laubrocks Saxophonlinien sich dazugesellten und der enorm kompakte Klang des Trios zu einem einzigen Strom wurde. Das kam immer wieder vor, sehr oft spielten auch alle drei, es gab relativ wenige klare Soli, wobei Laubrock diesbezüglich natürlich im Vorteil war und das auch leidlich auszunutzen vermochte. Ihr Spiel schien mir von den bisherigen Eindrücken her noch einmal gereift, sehr souverän und dennoch sehr packend – aber sie kommt dabei fast ganz ohne heulende Klänge aus. Früher schien mir das manchmal etwas emotionslos, die fast schon mit mathematischer Präzision angesteuerten Verdichtungen und daraus resultierenden Höhepunkte kamen mir aufgesetzt vor. Doch nichts davon heute, da stimmte einfach alles, obwohl die vergleichsweise kühle Delivery (die wohl aus der Braxton-Linie kommt) immer noch essentieller Teil ihres Spiels ist. Besonders gut gefiel mir heute auch ihr Spiel am Sopransaxophon, das sie mit einem runden, grossen Ton spielt, aber auch überbläst (was gar nicht so leicht ist, man hört das seit Lacys Abgang auch nicht mehr aller Tage) und wie am Tenor auch den Ton aufrauht und da und dort in Multiphonics aufbrechen lässt (was Evan Parker natürlich im ersten Set des Abends in Perfektion vorgeführt hatte, aber es ging ja zum Glück überhaupt nicht um ein technisches Schaulaufen).
Ein überaus gelungener Abschluss dieser zwei Intakt-Wochen, von denen ich leider die Hälfte verpasst habe. Aber auch so war das eine grosse Menge Musik, die ich sehr genossen habe.
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Ingrid Laubrock Oktett - Rote Fabrik, Zürich, 10 December 2011
Fabrikjazz - Sa, 10. Dezember 2011
Ingrid Laubrock Oktett
Ingrid Laubrock, tenor-/sopranosax/composition; Tom Arthurs, trumpet/flügelhorn; Ted Reichman, accordion; Liam Noble, piano; Mary Halvorson, guitar; Ben Davis, cello; Drew Gress, bass; Tom Rainey, drums/percussion
Good but not great concert. The music - all composed by Laubrock, though both set-openers were fully improvised, it seems - left me a bit puzzled. Some of it was good, some of it was a bit on the cute side, some of it just seemed to go nowhere and left me hoping for more improvisational parts. Those improvisational parts were too few, I found. There were plenty of interesting combinations of sound, that's for sure. Mary Halvorson's guitar, Ted Reichman's accordion, Liam Noble's piano (all three had fine solo spots), Ben Davis' cello and Rainey switching to what seemed to be a vibraphone but without the motor turned on (maybe it was a marimba or a large xylophone, I couldn't see it as it was back on stage) - that all made for large sonic and textural possibilities. There were parts when the music made good use of them, but other parts just seemed like lose sketches (and then one of those cutesy melodies would turn up, picked by the cello) and the whole effect was lost again. However, what was great was how different instrumental pairs emerged time and again to form duos within the band for sometimes quite lengthy bits.
Needless to say that Laubrock's tenor and soprano and Tom Arthur's trumpet as the only horns were front and center a bit more often than most others - and both did very well and had some mighty fine spots. Laubrock on tenor has a slightly shady sound - reminded me a bit of Joe Henderson (whom alas I've never heard live). Arthurs went from chopsy highnote stuff that was always lyrical and melodic to harmon mute, plunger, and just producing air sounds and whimsical noises.
And Drew Gress - he was a bit low-fi and low in the mix, too - and Tom Rainey both did a great job anchoring the music. Gress' bass and Davis' cello often merged together to form a bottom that was quite strong, and every now and then the presence of the one allowed the other to do some flageolet playing. Rainey was a bit subdued, too, but had many great moments and in the second set really came to live!
The music was presented in two gap-less sets - of roughly 50 minutes each, I guess (didn't watch the clock). Reinhard Kager from SWR2 was there to present the band and the music and talked a bit too long and explained a bit more that what I found appropriate for an audience that most likely was much more "in the know" than he thought. The concert was the final (I think) stop of this year's SWR "New Jazz Meeting 2011" tour - bits of the three concerts will be broadcast in February and a CD will be released on Intakt as well. Guess it will be interesting to revisit the music and check if the cutesy bits still sound cutesy if you listen on your hifi rather than live. Can make a big difference with music of this kind (also the other way 'round, that great concerts don't work at all on CD).
All in all, I'd have enjoyed it more if there'd been: a) more solo space for individual voices, and b) more tightly-knit (and less clumsy) ensemble parts. But it was still interesting and often pretty good. And it's always a thrill to hear Mary Halvorson, at least for me ... and Tom Rainey is great! First time I caught him live.
Ingrid Laubrock Oktett
Ingrid Laubrock, tenor-/sopranosax/composition; Tom Arthurs, trumpet/flügelhorn; Ted Reichman, accordion; Liam Noble, piano; Mary Halvorson, guitar; Ben Davis, cello; Drew Gress, bass; Tom Rainey, drums/percussion
Good but not great concert. The music - all composed by Laubrock, though both set-openers were fully improvised, it seems - left me a bit puzzled. Some of it was good, some of it was a bit on the cute side, some of it just seemed to go nowhere and left me hoping for more improvisational parts. Those improvisational parts were too few, I found. There were plenty of interesting combinations of sound, that's for sure. Mary Halvorson's guitar, Ted Reichman's accordion, Liam Noble's piano (all three had fine solo spots), Ben Davis' cello and Rainey switching to what seemed to be a vibraphone but without the motor turned on (maybe it was a marimba or a large xylophone, I couldn't see it as it was back on stage) - that all made for large sonic and textural possibilities. There were parts when the music made good use of them, but other parts just seemed like lose sketches (and then one of those cutesy melodies would turn up, picked by the cello) and the whole effect was lost again. However, what was great was how different instrumental pairs emerged time and again to form duos within the band for sometimes quite lengthy bits.
Needless to say that Laubrock's tenor and soprano and Tom Arthur's trumpet as the only horns were front and center a bit more often than most others - and both did very well and had some mighty fine spots. Laubrock on tenor has a slightly shady sound - reminded me a bit of Joe Henderson (whom alas I've never heard live). Arthurs went from chopsy highnote stuff that was always lyrical and melodic to harmon mute, plunger, and just producing air sounds and whimsical noises.
And Drew Gress - he was a bit low-fi and low in the mix, too - and Tom Rainey both did a great job anchoring the music. Gress' bass and Davis' cello often merged together to form a bottom that was quite strong, and every now and then the presence of the one allowed the other to do some flageolet playing. Rainey was a bit subdued, too, but had many great moments and in the second set really came to live!
The music was presented in two gap-less sets - of roughly 50 minutes each, I guess (didn't watch the clock). Reinhard Kager from SWR2 was there to present the band and the music and talked a bit too long and explained a bit more that what I found appropriate for an audience that most likely was much more "in the know" than he thought. The concert was the final (I think) stop of this year's SWR "New Jazz Meeting 2011" tour - bits of the three concerts will be broadcast in February and a CD will be released on Intakt as well. Guess it will be interesting to revisit the music and check if the cutesy bits still sound cutesy if you listen on your hifi rather than live. Can make a big difference with music of this kind (also the other way 'round, that great concerts don't work at all on CD).
All in all, I'd have enjoyed it more if there'd been: a) more solo space for individual voices, and b) more tightly-knit (and less clumsy) ensemble parts. But it was still interesting and often pretty good. And it's always a thrill to hear Mary Halvorson, at least for me ... and Tom Rainey is great! First time I caught him live.
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