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Kristian Bezuidenhout, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner: Brahms, Beethoven, Schubert - Tonhalle, Zürich, 14. November 2016

JOHANNES BRAHMS: Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
encore: BEETHOVEN: Largo, aus Sonate Op. 10 Nr. 3

FRANZ SCHUBERT: Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485

Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Kristian Bezuidenhout Hammerflügel

Bezuidenhouts Mozart-Serie auf harmonia mundi gefällt mir hervorragend, mit Orchester kannte ich bisher nur (einst wohl auf arte gesehen) einen Auftritt mit den Freiburger Barockern und Mozart-Klavierkonzerten, da hat Bezuidenhout vom Hammerflügel aus dirigiert – auch das fand ich hervorragend. Gardiner zählt hier zu den verehrteren Künstlern der Gegenwart, nicht nur mit Bachs Kantaten und Passionen, auch die Mozart-Konzerte mit Bilson, die Beethoven’sche Missa solemnis, die Opern Mozarts gefallen mir sehr gut, und die beiden bisherigen Konzerterlebnisse in der letzten Saison (Janáceks Missa glagolitica mit seinem Chor und dem Tonhalle-Orchester hier in Zürich und die Matthäus Passion mit seinem Chor und den English Baroque Soloists in Luzern) waren ebenfalls überragend.

Grosse Vorfreude also, aber auch ein paar Fragezeichen, denn mit Beethoven kannte ich – von der Messe abgesehen (und der „Leonore“ von Gardiner, die ich aber erst einmal rasch durchgehört habe) – beide noch nicht, Schubert hatte ich von Gardiner ebenfalls noch nicht gehört und Brahms liegt zwar da (mit Gardiner die Symphonien und das Requiem, die Serenaden mit Chailly), aber noch ungehört. Den Auftakt machte Brahms‘ zweite Serenade, in der die Bläser in Paaren auftreten und bei den Streichern die Violinen fehlen. Das ergibt einen besonderen Klang, den Gardiner dadurch noch verstärkte, dass er die Bläserpaare auf steilen Bühnenaufbauten hintereinander staffelte. Die Wirkung war toll, aber ich habe mich doch da und dort bei der langen Weile ertappt – das Ding von Brahms ist ganz nett, die einfachen Motive und ihre Entwicklung schön nachzuvollziehen aber da und dort zieht es sich ein wenig.

Nach einer längeren Umbaupause ging es dann mit Beethovens viertem Klavierkonzert weiter. Die Geigen waren wieder dabei, die Streicher sonst wohl ähnlich zahlreich – für Beethoven vermutlich eine Art Minimalbesetzung (vgl. erste Rezension unten), gegen die Bezuidenhout am Hammerflügel aber dennoch einen schweren Stand hatte, vor allem im ersten Satz. Es brauchte oft eine gehörige Anstrengung, im durchaus transparenten aber auch wuchtigen Gesamtklang den Flügel herauszuhören. Ich weiss nicht, ob ich zu weit vorne sass (etwas zu tief unten) und ob man in der achten oder zehnten Reihe mehr vom Hammerklavier gehört hätte – oder ob man dort erst recht gar nichts mehr hören konnte. Jedenfalls war es irgendwie imposant anzusehen, wie Bezuidenhouts Hände über die Tastatur flogen, wie er einen heroischen Kampf focht, in dem er aber immer wieder unterzugehen drohte. Nach der unfassbaren Kadenz, in der man zum ersten Mal hören konnte, wie schön Bezuidenhouts Instrument eigentlich klang (und dass es durchaus etwas Volumen besitzt, auch wenn es beim Zusammenspiel mit dem Orchester oft nahezu körperlos wirkte), hellte sich im zweiten Satz sich das Geschehen etwas auf. Der singenden Flügel verschaffte sich Gehör im Dialog mit dem drohend grollenden Orchester, zähmt dieses und bringt es schliesslich dazu, mit ihm zusammen in wohlklingenden Gesang einzustimmen. Der dritte Satz folgte direkt, explosiv, schnell … und am Ende brandete der Applaus wie eine Woge auf. Ein Wechselbad, in dem ich anfänglich durchaus den Gedanken an Beethoven hatte, wie dieser verloren an seiner Klapperkiste sass, die er fast manisch traktierte, ohne dass man was hören konnte … in der Hoffnung darauf wohl, dass dereinst ein Instrument erfunden würde, das Abhilfe schaffen würde. Bezuidenhout spielte nach mehreren Runden Applaus eine tolle Zugabe, wie ich lese das Largo aus der Sonate Op. 10 Nr. 3 (dass es Beethoven war, war mir ziemlich klar, aber ich wäre nicht drauf gekommen, was). Dann Pause, und es waren schon 90 Minuten verstrichen, die ziemlich raffiniert gemacht waren mit dem Höhepunkt Beethoven und der geradezu beruhigend wirkenden, getragenen Zugabe, in der man den durchaus schönen Klang des Instrumentes (ein neuer Graf-Nachbau) bewundern konnte.

Nach der Pause gab es dann gleich noch einen mächtigen Knall mit Schuberts fünfter Symphonie. Ausser der Celli und Bässen stand das ganze Orchester (die beiden vordersten Cellisten hatten auch den Dorn nicht ausgefahren), was – so kam es mir vor – eine rechte Ladung Energie freisetzte, die denn auch in der Musik überzeugend umgesetzt wurde. Ein Ende mit einem Knall. Was genau ich von Schuberts Symphonien (von der grossen C-Dur und der Unvollendeten mal ab) halten soll, weiss ich noch immer nicht, aber so gespielt im Konzert gerne jederzeit wieder!

Rezension der NZZ (wieder einmal Christian Wildhagen – guter Mann!):
Rezension auf Musicweb / Seen and Heard International

Tonhalle-Orchester Zürich, Christian Gerhaher, Camilla Tilling, Zürcher Sing-Akademie, Bernard Haitink: Brahms, Ein deutsches Requiem - Tonhalle, Zürich, 17. Januar 2016

JOHANNES BRAHMS: Ein deutsches Requiem, Op. 45

Camilla Tilling (Sopran), Christian Gerhaher (Bariton)

Zürcher Sing-Akademie (Tim Brown)
Tonhalle-Orchester Zürich
Bernard Haitink

Ein paar Worte nur, da ich mit solcher Musik mich nicht annähernd so vertraut fühle wie mit den Beethoven-Sonaten von neulich - soviel nur: schwer beeindruckend! Haitink dirigierte ziemlich zurückhaltend, aber die Zusammenarbeit mit dem Orchester funktionierte meist hervorragend (ich glaubte, an einigen Stellen ein paar Ungenauigkeiten zu hören, aber ich mag irren), die Gestaltung des Werkes überzeugte mich soweit ich das sagen kann (ich kenne es noch nicht sehr gut, erst drei-, viermal gehört, jüngst - wohl zum zweiten Mal - die Kempe-Einspielung mit Grümmer/DFD, die ich sehr gut finde).


Was mich zu Beginn und auch später immer wieder schwer beeindruckt hat war das Piano, das das Orchester - ohne Ausdünnung wenigstens soweit ich es sehen konnte (die Streicher nur, aber um die ging es gerade) - hinkriegte, da spielten - und manchmal: sangen - sie alle, und man hätte wohl ein Blatt auf den Boden fallen hören. Und dann die Steigerung, die förmlichen Explosionen, Momente, in denen die Musik auch heute noch ziemlich modern wirkt (schwer abzuschätzen, wie das damals wohl gewirkt haben muss, müsste ich mal ein wenig nachlesen). Der Chor war mindestens so eindrücklich wie das Orchester, und die Solisten ebenfalls überzeugend, Gerhaher wurde meinen hohen Ewartungen jedenfalls gerecht und Tilling hatte den undankbaren Part, meist tatenlos dazusitzen, aber ihre Einsätze waren ebenfalls toll. Am Schluss gab es, dünkte mich, zwar keinen wahnsinnig stürmischen, aber sehr langen Applaus.


Ein längerer Auszug aus Christian Wildhagens sehr treffender Rezension in der NZZ (18. Januar 2016):

Gerhaher ... machte mit dem ersten Ton, seinem mahnenden Ausruf «Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss», deutlich, dass die Botschaft dieses dritten Satzes mehr ist als ein kollektiv an die Gemeinde der Zuhörer gerichtetes Memento mori. Das Wissen um die Sterblichkeit bedeutet vielmehr eine existenzielle Erschütterung, es muss jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwerfen und unterläuft alle Gewissheiten. «Mein Leben ist wie nichts vor dir», singt Gerhaher, und in dem fahlen, tonlosen «nichts» scheint die Einsamkeit des Gott- und Sinnsuchers auf, der angesichts des Todes allen Glauben verliert.
Immer wieder neu fasst Gerhaher die Wendung «. . . und ich davon muss»: einmal als Aufbegehren, ein andermal als resignierendes Niedersinken, bis der visionäre Weckruf dieses predigenden Zweiflers schliesslich die Sängerinnen und Sänger der Zürcher Sing-Akademie ergreift: «Nun Herr, wes soll ich mich trösten?», fragt der Chor, doch es klingt nicht wie eine Frage, eher wie ein Schrei aus tiefster Not. Dieser emotionale Höhepunkt der Aufführung markiert den Durchbruch zu radikaler Subjektivität, er sprengt die formale Ordnung auf und stellt die dem Werk einkomponierte Leitidee einer Tröstung im Glauben umfassend infrage.
[...]
Dass Brahms hier unversehens selbst als Gläubiger wie als Zweifler erkennbar wird, ist nicht zuletzt Bernard Haitink zu verdanken, der eine selten gewordene Dirigenten-Tugend bewahrt: nämlich die Kunst des unprätentiösen Gewährenlassens. Gerade in den eng miteinander korrespondierenden Aussensätzen bringt er die Musik in grosszügiger Disposition und mit weitem Atem zum Sprechen, ohne sie aber subjektiv zu überformen. Auch der fünfte Satz mit der entschwebenden Jenseits-Verheissung des Solosoprans «Ich will euch wiedersehen» atmet eine fast unirdische Gelassenheit. Umso frappierender die Wirkung, wenn ebendiese Glaubensgewissheit jäh ins Wanken gerät.
Quelle: www.nzz.ch/feuilleton/buehne/im-zweifel-fuer-den-glauben-1.18678871(Zugriff am 30. Mai 2016)

Weitere Links:

Haitink im Interview, Tagesanzeiger, 14. Januar 2016
Der Neue Merker: Rezension des ersten Konzertes vom 15. Januar