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Nils Wogram "Root 70" – Zürich, Rote Fabrik, 19. Mai 2017

Freitagabend gab es wieder einmal ein Jazzkonzert in der Roten Fabrik – leider hat die Kadenz in den letzten Jahren ziemlich abgenommen. Eine schöne Überraschung gab es schon beim Eintreten in den Clubraum: vor der eigentlichen Bühne war mit niedrigen Podesten eine improvisierte Bühne aufgebaut worden, von einem kleinen Bass-Verstärker abgesehen weit und breit keine Elektronik. Wogram meinte denn später auch, dass er in kleineren Räumen am liebsten unverstärkt spielt.

Das Line-Up der Band, die schon seit vielen Jahren zusammenspielt, ist: Nils Wogram, tb, melodica; Hayden Chisholm, as; Matt Penman, b; Jochen Rückert, d. Das Material stammte vornehmlich vom neusten Tonträger des Quartetts, „Luxury Habits“, den es danach neben anderen älteren CDs der Gruppe auch käuflich zu erwerben gab (ich kaufte noch zwei weitere Alben und erhielt – eine Art Abschiedsgeschenk für einen Stammkunden wohl – ein Exemplar der Matthew Shipp-Solo-CD auf hatOLOGY geschenkt, die letztes Jahr am Taktlos aufgenommen wurde – auf das Wiederhören bin ich gespannt).

Wogram hatte ich schon ein paar Male – zu selten, aber dennoch – im Konzert gesehen und wusste in etwa, was mich erwarten würde, doch Chisholm erlebte ich zum ersten Mal und war nach der Vorarbeit eines Freundes, der mir seine Musik schon seit längerem ans Herz legt, enorm gespannt. Wahnsinn, sein Ton! Ein Paul-Desmond-Mann, aber natürlich ganz ohne dessen stilistische Scheuklappen, völlig offen, manchmal dachte ich auch rasch an Lee Konitz (wenn Chisholm den Ton mal etwas spröder werden liess) oder an Michael Moore, den anderen jüngeren Altsaxer, der einen ähnlichen, ebenso sehr eigenständigen und sehr lyrischen Stil geschaffen hat. Die Musik des Quartetts schien mir zunächst etwas überkomplex, die Jungs hatten Notenständer dabei und brauchten die Noten auch wirklich, um ihre vertrackten Musik mit sprunghaften Linien und zickigen Rhythmen spielen zu können. Doch nach ein, zwei Stücken wich die Spannung und es wurde klar, wie vertraut die vier miteinander sind, wie blind sie sich aufeinander verlassen können, auch in den schwierigsten Momenten. Nach einem erfolgreich zu Ende gebrachten Stück im schnellen 7/8 atmeten die vier allerdings hörbar auf – sie hatten wohl Angst, die Themenreprise könnte am Ende doch noch in die Hose gehen.

Die Soli waren so konzis wie die Stücke selbst, oft kurz gehalten, durchaus anspruchsvoll, aber besonders von Chisholm mit einer beeindruckenden Nonchalance abgeliefert. Der Mann spielte mit dem betörendsten Ton die unglaublichsten Linien – und wirkte dabei fast ein wenig desinteressiert. Wogram sang in seine Posaune, spielte auch einmal ein langes Solo-Intro, das Albert Mangelsdorff zur Ehre gereicht hätte, es gab Vierteltöne, feine Dissonanzen, die aber stets aufgefangen und eingebunden wurden in das dichte Geflecht. Matt Penman am Bass war wohl eher noch der Anker als Rückert, der zwar nie laut wurde, aber kein Problem damit hatte, auch im unverstärkten Rahmen sehr abwechslungsreich zu spielen – ohne dass man je das Gefühl hatte, er müsse sich im Zaum halten. Vor dem letzten Stück des zweiten Sets las Chisholm die drei letzten der Sonnette aus dem Booklet der aktuellen CD (Ahmad Shabo hat für jedes der neun Stücke eines geschrieben). Das Publikum – in dem wohl einige Freunde Wograms sassen, er lebt ja schon länger in der Gegend – liess die vier nicht ohne eine Zugabe gehen, und so spielten sie den launigen „Rusty Bagpipe Boogie“ (zu finden auf der Blues-CD „Listen to Your Woman“, die ich ebenfalls gekauft habe, als dritte gab es noch „Wise Men Can Be Wrong“, ein Standards-Programm).

Taktlos 17: Kaja Draksler Octet, Amok Amor, Julie Kjaer 3, Carate Urio Orchestra, Anna Högberg Attack - Rote Fabrik, Zürich, 4. & 6. Mai 2017

Das Festival geht zwar erst heute Abend zu Ende, doch ich gehe an ein anderes Konzert. Gestern und am Donnerstag war ich dabei, hörte fünf Bands und wie immer war es eine spannende Sache mit völlig unterschiedlichen Resultaten.

Los ging das Festival am Donnerstag dem Kaja Draksler Octet (****). Die Musik der slowenischen Pianist bewegt sich irgendwo zwischen neuer (und - sehr - alter) und Jazz, zwischen Komposition, Text und Improvisation. Es wird rezitiert, gesungen, dirigiert, reagiert und spontan agiert, um nicht zu sagen agitiert. Ein Renaissance-Choral findet Platz ebenso wie ein Gedichte von Pablo Neruda und weitere Vorlagen, die Draksler und ihre Mitmusiker_innen vertonen. Die Band besteht neben der Leaderin am Klavier aus Björk Níelsdóttir und Laura Polence (Stimme), Ada Rave und Ab Baars (Tenorsaxophon und Klarinette), George Dumitriu (Viola), Lennart Heyndels (Bass) und Onno Govaert (Drums, Percussion, Piano). Auf der CD spielt Baars auch die Shakuhachi und Dumitriu die Violine (er hatte sie mit dabei, aber sie kam nicht zum Einsatz), Govaert wechselt ans Klavier, wenn Draksler die Band dirigiert, im Konzert wie auf der CD. Als Auftakt für ein Festival war das wohl nicht ideal gewählt, denn es musste doch etwas Zeit vergehen, bis man von der ruhigen, teils fast schon meditativen Musik Drakslers gepackt wird - bis man aus dem Alltagstrott gerissen wird und sich entführen und verzaubern lässt. Dies geschah mit mir in der Tat, die Mischung gefiel mir sehr gut, auch wenn ich gerade von Draksler der Pianistin gerne etwas mehr gehört hätte. Sehr schön war der Moment, in dem es heftig zu regnen begann, so laut, dass man das Prasseln auf dem Dach über der Aktionshalle der Roten Fabrik hören konnte, es sich zur gerade sehr stillen und schönen Musik gesellte. Ich schrieb im Hörthread flapsig von Kunststudentenmusik (mit Fragezeichen dahinter) - das wäre wohl, was böse Zungen sagen könnten. Nicht ganz zu unrecht, denn das war schon alles sehr ambitioniert und stand sich manchmal auch selbst ein wenig im Wege, aber es gab auch Raum für wilde Ausbrüche, nicht nur von Ab Baars, bei dem man das ja eh erwartete. Vielleicht eine Spur zu kontrolliert, etwas mehr Flow hätte gerade im Konzert gut getan.

Die zweite und letzte Band des Eröffnungsabends war Amok Amor (***) - drei präpotente ADHS-Jungs mit einem Supernerd, der aber auch wirklich alles kann - doch warum denn ausgerechnet Circus? Dies mein spitzüngiger Kurzkommentar von vorgestern. Im Festivalprogramm seht: "Die Musik von Amok Amor ist fiebrig und rasant, furios und virtuos" - das ist wohl so, und das ist wohl auch das Problem, denn aus dem Fieber wird eine Art Selbstläufer, eine schnelle aber nicht sehr dichte, laute aber nicht sehr energetische Musik, die eher nervös denn fesselnd ist - und irgendwie immer wieder ins Leere läuft, nicht zu wissen scheint, was sie will, ausser rasende Läufe, schnelle (aber irgendwie wenig dichte und wenig verquere) Beats. Dabei kommt halt Langeweile auf, auch wenn Peter Evans, der Neuzugang an der Trompete, immer wieder zu faszinieren vermag, auch wenn durchaus klar wird, dass die Jungs was draufhaben. Die Frage drängte sich halt auf, ob sie zu gut wissen, dass sie was drauf haben. In der Zugabe kam dann die Verwurzelung im Ornette Coleman Quartet der frühen Sechziger zum Vorschein - etwas mehr Melodie, etwas mehr Luft. Das hätte auch davor gutgetan. Ich empfand die Musik als unernst (aber bierernst vorgetragen), ja nachgerade als uneigentlich, als postmodernes Spiel. Und die Zeit dafür ist endgültig abgelaufen. Die Coolness bleibt leere Pose, um nicht zu sagen: Posse. Und damit sind wir wieder beim Circus, bei den Schaustücklein, den Mätzchen. Slapstick sollte wohl der eine oder andere Einwurf Lillingers sein, aber das fiel dann wirklich nur auf die Nase. Schade, denn am Können scheitert die Band gewiss nicht, aber an den Ideen, und ich befürchte: an der Haltung.


Am zweiten Abend spielte zum Auftakt Samuel Blaser im Trio mit Marc Ducret und Peter Bruun (aus Dänemark), danach zwei skandinavische Bands: das Lisa Ullén Quartet aus Schweden und das Hedvig Mollestad Trio aus Norwegen. Der Skandinavien-Schwerpunkt ist damit angezeigt, ich hätte vor allem Blaser gerne mal live gehört, aber entschied mich dafür, ins Moods zu gehen - wo Skandinavien mit dem norwegischen Keyboarder und Elektroniker Bugge Wesseltoft ja auch stark vertreten war. Auch am Samstag gab es am Taktlos wieder Musikerinnen aus Skandinavien. Den Aufakt machte Julie Kjaer 3 (****), das Trio der Altsaxophonistin und Flötistin mit John Edwards am Bass und Steve Noble am Schlagzeug. Obwohl ich Edwards inzwischen auch zweimal mit dem unglaublich beeindruckenden Mark Sanders am Schlagzeug gehört habe, bleibt Edwards/Noble für mich eine nahezu perfekte Rhythmusgruppe. Die beiden agieren schlafwandlerisch sicher zusammen, finden genau die richtige Balance. Mal gehen sie in höchster Verdichtung aufeinander ein, dann lassen sie dem anderen wieder den nötigen Raum. Noble ist dabei äusserst understated, very British eben. Sein Spiel ist zugleich transparenter, härter und deutlich stärker in der Jazztradition verwurzelt als jenes von Sanders, und je nach Rahmen kommt das eben verdammt gut. So auch gestern mit Kjaer, deren Musik von der Rhythmusgruppe getragen wird, die ihr den Rücken freihält, aber auch auf sie eingeht, sie ins recht enge Geflecht einbezieht. Ein starker Auftakt.


Schon als es losging, roch es in der Aktionshalle nach Knoblauch. Das lag am Carate Urio Orchestra (*****), dessen aktuelles Programm "Garlic & Jazz" heisst. Mit dabei auf der gestern beendeten Tour war auch eine Köchin, die Knoblauchsnacks zubereitete. Unkonventionell ging es auch in musikalischer Hinsicht los: die acht Musiker der Gruppe verteilten sich im ganzen Zuschauerraum und im Eingangsbereich und begannen, frei zu improvisieren, sich dabei zunächst im Raum und allmählich auf die Bühne zu bewegen (der Weg führte für den Posaunisten Sam Kulik gar unter der Bühne hindurch). Mastermind der Gruppe ist Joachim Badenhorst, der gestern vor allem Tenorsaxophon spielte, aber auch mal zur Klarinette und ganz zum Schluss zur Bassklarinette griff. Weiter dabei: an der Trompete Jacob Wick, Frantz Loriot an der Bratsche, Pascal Niggenkemper und Brice Soniano (Kontrabässe), Nico Roig (Gitarre) und Seán Carpio (Drums). Kulik griff auch zur Gitarre, Niggenkemper und Loriot spielten mit Effekten und verschiedenen zwischen die Saiten gesteckten Objekten, und fast alle setzten auch ihre Stimme ein, mal summend, mal Texte singend. Als es nach wohl zehn oder fünfzehn Minuten auf der Bühne losgehen konnte (der Soundcheck war noch im Gang, als die Band bereits im ganzen Raum zu spielen anfing), entwickelte sich gleich ein starker Sog, aus dem ein magisches Set entstand. Die Klangpalette der Band ist immens,  der Zugriff - im eklatanten Gegensatz zu Amok Amor - verspielt und humorvoll, locker, aber dennoch von grosser Ernsthaftigkeit. Aus freien Passagen entwickelten sich Grooves, die irgendwo zwischen Sun Ra und Fela Kuti anzusiedeln sind. Die Mischung aus Songs und Improvisationen, aus magischen Momenten und lärmenden Grooves passte schlichtweg perfekt und erzeugte wenigstens bei mir eine Art Trance.


Danach hätte man heimgehen können, sollen - ich weiss es nicht. Ich blieb, denn ich war auf die Anna Högberg Attack (***) aus Schweden doch ordentlich gespannt. Als Ausklang war das Set auch ganz schön, aber ich hatte wieder einige Mühe damit, und das in ähnlicher Hinsicht wie mit dem Ausklang des ersten Abends. Was da an Post-Coltrane Hard Bop - mit einer Prise Ayler Brüder da, einer Prise Cecil Taylor dort ... und ein Tune, das von einer späten Lee Morgen-Platte sein könnte, gab es auch noch - zusammengemischt wurde, schien mir einmal mehr recht oberflächlich, ja fast schon uneigentlich zu sein. Da half es am Ende nicht, dass es immer wieder musikalisch bezaubernde Momente gab, besonders im Zusammenspiel der Frontline, die aus Niklas Barnö (Trompete, der einzige Mann im Bunde), Anna Högberg (Altsax) und Malin Wättring (Tenorsax) besteht. Die Rhythmusgruppe - Lisa Ullén (p), Elsa Bergman (b), Anna Lund (d) - fand ich insgesamt etwas schwächer, wobei Bergman am Bass doch ziemlich gut war. Piano und Schlagzeug nervten manchmal, aber was mir wohl insgesamt ein wenig in den falschen Hals kam, war der "Fun"-Aspekt, den man durchaus auch Vorbildern (vermute ich) wie Atomic oder The Thing da und dort ein wenig ankreiden könnte (und der schien mir bei Piano und Drums einzeln betrachtet am grössten auszufallen, betraf aber auch den Sound der Combo als ganzer). In sich war das Set gewiss stimmig, aber für mich war die Ausbeute einfach nicht gross genug.


Alles in allem zwei lohnende Abende, besonders wegen der etwas grösseren und nicht konventionell besetzten Formationen. Da scheint im jüngeren kreativen europäischen Jazz fast schon so etwas wie ein Trend auszumachen zu sein: junge Musiker, die nicht nur ihre eigenen Kleinformationen oder Soloprojekte machen wollen, sondern Wert auf Zusammenspiel und klanglich überraschende Gruppenmusik legen, die zudem nicht von der brachialen Sorte ist, wie man sie aus europäischen Jazz der älteren Generation kennt, sondern sich verschiedensten Einflüssen - von neuer Musik bis hin zu Sun Ra - öffnet und Wege beschreitet, die ich oft ziemlich spannend finde. Ich denke da natürlich auch wieder an Eve Risser, deren Abschlusskonzert am letztjährigen Jazzfest Berlin mich beeindruckt hat.

(Die Photos sind vom zweiten Abend, der Reihe nach Kjaer 3, dann zweimal CUO und schliesslich Högberg.)

Taktlos.16: Ephrem Lüchinger, Poing + Maja S. K. Ratkje, Ken Vandermark & Nate Wooley - Rote Fabrik, Zürich, 20. Mai 2016

Taktlos.16 (33. Ausgabe)
Aktionshalle, Rote Fabrik, Zürich

"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche."

Ephrem Lüchinger - "Are You Prepared" | Wie sich die Musik von Lüchingers tollem Tripel-Album "Are You Prepared" auf die Bühne übertragen liess, war mir ein grosses Rätsel - und ihm selbst anfänglich auch, wie er in einer sympathischen längeren Ansage, der ersten, nach wohl zwei Dritteln des Sets, meinte: er hätte zwar zunächst mal zwei Tage im Studio am Flügel aufgenommen (2008 war das), das Material aber Jahre später für die Veröffentlichung massiv bearbeitet. Als man ihn angefragt hätte, ob er das auch live aufführe, habe er schon beim Gedanken daran beinah in die Hose gemacht. Um die Musik auf die Bühne zu bringen musste er quasi den umgekehrten Weg nehmen. Dazu dienten zwei Flügel, zwischen denen Lüchinger sass und hin- und herwechselte, der eine von ihnen massiv präpariert (er wurde auch mal mit Schlägeln im Innern bespielt), ein Akai-Synthesizer auf dem unpräparierten anderen Flügel und hinter dem Klavierhocker ein Laptop. Das Set entwickelte einen tollen Flow, Lüchinger bewegte sich behende zwischen den Instrumenten und stapelte Klänge übereinander (das Live-Sampling war wohl der Beitrag von Florian Liechti, der im Hintergrund tätig war, vermute ich mal) und entwickelte immer neue Ideen, griff aber auch bereits gehörte Motive wieder auf, was durchaus für eine Kohärenz in der ansonsten fliessenden Entwicklung führte. Nach der erwähnten Ansage gab es dann eher kürzere Stücke, Segmente aus der Tripel-CD, die wirklich lohnt. Ein Portrait, das vor etwas über einem Jahr aus Anlass der Veröffentlichung des Albums in der NZZ erschien, machte mich erstmals auf die Musik von Lüchinger neugierig.

Poing + Maja S. K. Ratkje - "Kapital & Moral" | Das Trio Poing und die überragende Vokalistin Maja Solveig Kjelstrup Ratkje führen am Vorabend zum 1. Mai in Oslo traditionellerweise ein Programm mit Arbeiterliedern, Songs von Brecht/Weill, Eisler etc. auf. Die Rote Fabrik führt "rot" nicht nur wegen der Farbe des Backsteinbaus im Namen, vermute ich ... man lud das norwegische Quartett ein, sein Programm am Taktlos aufzuführen. Frode Haltli am Akkordeon war quasi Herz und Motor der Combo, während Rolf-Erik Nystrom am Alt (und gelegentlich Sopranino, auch ein paar Male simultan) und Hakon Thelin für Solistisches und ein tolles Fundament ("we try to be as taktlos as we can") sorgten und Ratkje in der Mitte stand und ihre beeindruckenden Sangeskünste darbot. Was für eine Stimme, was für ein Präsenz! Ich hatte sie noch nie live gehört, kenne auch nur wenige Aufnahmen, aber sie ist eine der ganz wenigen, die mir mit keinerlei Vokalakrobatik auf die Nerven gehen - sie darf alles, denn alles wirkt völlig echt, nichts aufgesetzt, alles völlig geerdet. Ratjke griff zum Megaphon, hielt ihr Mikro an ein altes Transistorradio (an dem sie mehr oder weniger ziellos rumzuschrauben schien, irgendwann hörte man schweizerdeutsche Stimmen rauskommen), spielte auch ein paar Male Violine. Los ging es mit einer tollen Version von John Lennons "Working Class Hero", es folgten Stücke aus der "Dreigroschenoper" ("Die Ballade vom angenehmen Leben", "Seeräuberjenny"), Hanns Eislers "Solidaritätslied", gesungen auf Deutsch (das wird wohl je nach Gegend, wo die Formation spielt, angepasst, man soll ja durchaus was verstehen), später auch eine berührende Version von David Bowies "Rock'n'Roll Suicide", dazwischen auch Lieder von Rudolf Nielsen, einer Schlüsselfigur der norwegischen Sozialdemokratie. Was mir bei der Performance übrigens auch sehr positiv auffiel war, wie entspannt und zugleich professionell alle vier zugange waren - im Gegensatz dazu wirkten die Tiptons nun erst recht wie eine Gymnasiastengruppe, denen die Eltern pausenlos zuflüstern, wie besonders und toll sie doch seien ... harsche Worte, ich weiss, aber das beschreibt haargenau meine Eindrücke. Der einzige Wehmutstropfen: weil mal wie die übliche Verspätung herrschte und Poing/Ratkje sogar auf die Uhr guckten und in etwa pünktlich aufhörten, fiel ihr Set etwas kurz aus (eine gute Dreiviertelstunde wohl - ich hätte problemlos nochmal eine Stunde gelauscht).

Ken Vandermark & Nate Wooley - "All Directions Home" | Den Abschluss des Abends machte dann das Duo von Ken Vandermark und Nate Wooley - und soviel vorweg: sie spielten ein klasse Set! An sich konnten sie nach dem bisherigen Programm nur noch verlieren, sie waren zudem der einzige eigentliche Jazz-Act des Abends und das Publikum wohl vor allem wegen Lüchinger deutlich zahlreicher in die Fabrik geströmt als am Abend davor (allerdings nach Lüchingers Set auch schon allmählich ausgedünnt, dünkte mich). Die Blaupause für dieses Duo, in dem Vandermark erfreulicherweise etwa die Hälfte der Zeit Klarinette spielte, ist das Duo von John Carter mit Bobby Bradford, so erklang schon zum Auftakt ein Stück von Carter, später ein weiteres (bei dem VDMK dann aber Tenorsaxophon spielte). Es gab dissonante Momente, komplexe Linien, ohne Rhythmusgruppe gewiss keine ganz einfache Sache für das Publikum, aber die beiden spielten entspannt auf. Wooley kam bis auf eine Passage in einem Stück auch ohne Zirkuläratmung aus, seine Ansagen waren relativ locker. Aber er war als Solist für meinen Geschmack etwas zu eklektizistisch - irgendwie nicht völlig unpassend, dass er auf die perverse Idee kam, eine Hommage an den Komponisten Wynton M. einzuspielen ... und nicht unpassend, aber das dann wohl die grösste Schwäche, falls es denn eine geben muss (eine andere war das stellenweise etwas mäandernde Trompetenspiel, aber die meiste Zeit waren beide sehr fokussiert). Vandermark hat tatsächlich die Aura eines Gebrauchtwagenhändlers, aber ihn kannte ich ja schon. Was mir - nach Rolf-Erik Nystrom mit Poing - bei seinem Spiel nochmal sehr stark auffiel war, wie solide das alles war, auf wie sicherem Fundament und wie locker er auf allen drei Instrumenten auf ein grosses Vokabular zurückgreifen konnte und dennoch stets mit eigenem Charakter spielte - auch da drängte sich der Vergleich mit dem Tiefpunkt des Vorabends wieder auf: sich im Probekeller einschliessen und ein paar Monate üben, zunächst allein, danach in der Gruppe, wäre auch noch ein Rat, aber den mag man einer Combo mit zwanzigjähriger Geschichte ja nicht ernsthaft geben). Den Abschluss machte eine berückend schöne Version eines Stückes von Ornette Coleman (ich glaube "I Heard It on the Radio", ein Outtake von der ersten Session zu "This Is Our Music", das erst in der Box "Beauty Is a Rare Thing" erschien - das würde passen, denn in der Ansage wurde erwähnt, dass es sich um ein unveröffentlichtes Stück handle).

Den Schlussabend heute werde ich weglassen, was aber nicht primär an der Konkurrenzveranstaltung liegt, zu der ich gehen werde (dazu später vielleicht ein paar Zeilen - es gäbe als zweites auch noch Sheila Jordan zu hören ... wie man diese Überbuchung an einem einzigen Wochenende hinkriegt, ist mir ein Rätsel, sowas kann man doch etwas besser koordinieren, erst recht wenn danach bis zur Sommerpause auch nur noch wenige interessante Jazzkonzerte stattfinden). Aber gut, das Wiener Programm (Maja Osojnik "All. The. Terms. We. Are"; Blueblut "Hurts so gut"; Madame Baheux), das im Zusammenhang mit einem grösseren Jelinek-Projekt des Schauspielhauses über die Bühne geht, spricht mich nicht sehr an und zwei Festivalabende am Stück sind, zumal wenn man mitten im Alltagstrott steht, auch genug. Aber soweit ein sehr schönes Festival dieses Jahr, bei dem wie schon am Unerhört der eher mit gemischten Gefühlen (klar, ich wusste, dass ich Maja Ratkje verfallen würde, aber sonst ...) Abend zum durchschlagenden Erfolg wurde, während der erwartungsfroh angegangene Eröffnungsabend am Ende nicht ganz so toll war wie erhofft.

Meine Notizen zum ersten Abend

Taktlos.16: Matthew Shipp Solo, The Tiptons Sax Quartet & Drums, Vallon-Michel-Götte-Chansorn - Rote Fabrik, Zürich, 19. Mai 2016

Taktlos.16 (33. Ausgabe)
Aktionshalle, Rote Fabrik, Zürich

"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche."

Matthew Shipp - "I've Been to Many Places" | Den Auftakt des diesjährigen Taktlos-Festivals machte Matthew Shipp, allein am Flügel. Ein etwas schwieriges, nachdenkliches, manchmal brütendes Set, das aber in seiner ganzen Länge letztendlich doch fesselnd war und die tiefe Verwurzelung des Pianisten in der Jazzgeschichte - von Ellington über Tristano zu Cecil Taylor - verdeutlichte. Der Freund, mit dem ich an beiden Abenden da war, meinte, er sei immer wieder rausgefallen und hätte sich wieder um Anschluss an die Musik bemühen müssen. Kann ich nachvollziehen, aber mich fesselte das Set doch über die ganze Länge, ohne mich allerdings umzuhauen. Also eine leise Enttäuschung, aber zugleich auch Futter für die durchaus vorhandene Faszination für Shipps Musik - und Ansporn, dranzubleiben.

The Tiptons Sax Quartet & Drums | Es folgte der Tiefpunkt, leider. Ein US-Saxophonquartett mit Schlagzeuger, bestehend aus: Amy Denio an Alt und Klarinette, Jessica Lurie an Alt, Tenor und Sopran, Sue Orfield am Tenor und Tina Richardson am Bari sowie Drummer Robert Kainar aus Österreich. Dieser war zwar sehr gut, aber für mein Empfinden zu sehr damit beschäftigt, zu begleiten, wo er doch den Damen durchaus mal eine vor die Fresse hätte knallen sollen, denn die waren mit so viel Mediokrität unterwegs, dass es einigermassen weh tat. Vor allem Orfield mit ihren plumpen Soli voller machistischer Tenorsax-Klischees (und auch noch in entsprechender Pose vorgetragen) hat mich nur genervt (und klar, das mag Persiflage sein, aber über eine ganze Stunde war es - gepaart mit dem überaus mittelmässigen Spiel - nichts als eine Qual). Sehr gut fand ich einzig Jessica Lurie, die am Alt wie am Tenor völlig überzeugend war. Amy Denio war ebenfalls toll, auch mit einer irren Klezmer-Einlage an der Klarinette (bei der Lurie am Alt auf dem Fuss folgte). Die vier zusammen klangen gut, spielten aber relativ wenig Ausgereiftes, oft wurde gesungen (mit und ohne Worte, aber man verstand nicht grad viel) oder mit Stimmgeräuschen gearbeitet, Kainar durfte auch mal ans Cajón wechseln und hatte offensichtlich Spass. Doch genau das, dass die fünf Spass hatten, war vielleicht das Problem, aber nach anscheinend 20 Jahren der Zusammenarbeit ist es vermutlich schwierig, aus den eingefahrenen Bahnen zu entkommen. Na ja. Ich habe dann einfach auf das nächste Solo von Lurie gewartet, das immer wieder kam und jedes Mal gut war.

Vallon-Michel-Götte-Chansorn | Mit einer Hommage an den electric Miles schloss der erste Abend, mit Colin Vallon am Fender Rhodes, Matthieu Michel an Trompete und Flügelhorn mit unendlichem Delay, Götte am E-Bass und Chansorn am Schlagzeug. Es gab hingeknallte, brachiale und sparsame Beats, harte Bass-Riffs, darüber sphärische Klänge von Flügelhorn und Keys, das ganze wuchs zu einem ziemlich tollen Gruppensound zusammen - was sehr toll war (aber da ich Michel sehr lange nicht mehr gehört hatte auch ein wenig schade, denn ich hätte gerne etwas mehr von ihm gehört). Drummer Domi Chansorn hat mich anfangs etwas irritiert, seine Beats hatten etwa die Raffinesse der Beats der übelsten Euro-Dance-Kommerzkacke aus den Neunzigern, aber mit der Zeit fing mir der Mix zu gefallen an, es gab ja gewiss einen (oder mehrere) Gründe, warum er am Schlagzeug sass und warum er so spielte (ich kenne ihn nicht, weiss nicht, ob er stilistisch auch anderes macht). Jedenfalls entwickelte die Musik des Quartetts einen düsteren Sog, in dem aber auch das Lyrische und das Verspielte keinesfalls zu kurz kam. (Weil ich eh hundemüde war und der Abend kalt und das Taxi teuer sind wir nach einer knappen Stunde raus, so lange noch ein Bus fuhr ... die ewigen Verspätungen sind etwas nervig, gerade wenn man zum Lohnsklaventeil der Bevölkerung gehört - aber bon, selber schuld).

Meine Notizen zum zweiten Abend

Unerhört 2015: Tom Rainey Trio, Craig Taborn, Loriot-Perovic Notebook Large Ensemble - Rote Fabrik, Zürich, 28. November 2015

Samstagabend ging es dann wieder in der Roten Fabrik mit einem Dreier-Ticket weiter. Den Auftakt machte das Tom Rainey Trio feat. Ingrid Laubrock & Mary Halvorson. Gemischte Gefühle im Voraus, Rainey hatte ich noch nie live gehört, Laubrock und Halvorson verschiedene Male (teils zusammen, auf der Bühne, z.B. bei Braxton am diesjährigen Taktlos) und gerade mit Laubrock bin ich nicht immer warm geworden, mit Halvorson zuletzt - das Duo mit Stephan Crump, das erst gegen Ende des kurzen Sets aufwachte - auch nicht immer so sehr wie davor. Aber gut, die drei legten los und es war von Beginn weg klar, dass das ein tolles Konzert würde. Halvorson spielte zupackend und direkt wie ich sie schon lange nicht mehr gehört habe, Laubrock solide und ebenfalls zupackender als ich sie bisher gehört habe, die beiden gaben den Tarif vor, dahinter Rainey als eine Art Hexenmeister, der manchmal wie an unsichtbaren Fäden das Geschehen zu steuern schien. Sein Spiel ziemlich direkt und hart, aber auch trocken und immer wieder beeindruckend in seiner Feinheit trotz meist hoher Lautstärke. Ein sehr tolles, überraschend intensives Konzert - und schon bis dahin ein Gipfel der aktuellen Schlagzeugkunst (wenn man noch die beiden von Guy mitzählt): Ramón López, Lucas Niggli, Joey Baron, Pierre Favre, Tom Rainey.

Dann gespannte Erwartung auf das zweite Set, den eigentlichen Grund, weshalb ich an dem Abend doch hin ging: Craig Taborn, solo am grossen Steinway-Flügel. Und verdammt, das war eine Offenbarung, definitiv das ganz grosse Highlight des Festivals! Er schien anfangs auch noch einmal die Möglichkeiten des Instruments auszuloten, und tauchte dann immer tiefer ein, rauschhaft, mit unglaublichem Sog. In den intensivsten Momenten knallte er auch mal den Unterarm auf die Tastatur, schien über dem Klavierhocker zu schweben, stapfte mit dem Fuss ... man dachte da und dort an Cecil Taylor, aber auch an Ellington und die ganze Jazzpiano-Tradition. Wirklich grossartig!

Den Abschluss des Abends machte das Loriot-Perovic Notebook Large Ensemble, ein zehnköpfiges Ensemble um den Bratschisten und Komponisten Franz Loriot sowie den Komponisten und Arrangeur Manuel Perovic. Vier Bläser (Lina Allemano-t, Silvio Cadotsch-tb, Sandra Weiss-as/bsn, Joachim Badenhorst-ts/cl/bcl) treffen auf vier (mit Perovics gelegentlicher Akustikgitarre fünf) Streicher (Loriot-vla, Deborah Walker-vc, Silvan Jeger-b, Dave Gisler-elg), dazu Schlagzeug (Yuko Oshima) und immer wieder auch etwas Gesang ... das ergab manche klanglich sehr schönen Momente, auch ein paar gute Soli (v.a. Badenhorst fand ich klasse, aber auch Weiss hatte sehr gute Momente), der Chor-Gesang schien etwas verzärtelt, aber als Idee hat mir auch das gefallen. Das Problem lag anderswo: die Schlagzeugerin hämmerte nur Rock-Rudimente, das ganze Set lang, mit heiligem Ernst, Blick hoch in den Himmel gerichtet, selbst als sie mal eine Art Solo hatte gab es nichts als die steifsten, langweiligsten Beats. Mag sein, dass das zum Konzept der Gruppe gehört, aber das ergibt für meine Ohren das Problem, dass auch Jeger am Kontrabass völlig hintansteht, dass die ganze Combo rhythmisch äusserst uninspiriert wirkt, leblos geradezu - und das Ganze wirkt dann trotz der tollen Streicher- und Bläser-Sections oft steif und platt, da nützten auch hübsche Harmonien nicht mehr viel.

Unerhört 2015: Irène Schweizer/Joey Baron, William Parker, Marc Copland Quartet - Rote Fabrik, Zürich, 27. November 2015

Freitagabend in der Roten Fabrik gab es dann den ersten grossen Festival-Abend mit drei Formationen. Den Auftakt machte das Duo Irène Schweizer-Joey Baron. Es war Schweizers grosser Wunsch, ihre Reihe von Duos mit Drummern mit Joey Baron fortzusetzen. Die Hoffnungen waren gross, zumal ich beide sehr mag, doch wie sie zusammenfinden sollten, war mir nicht ganz klar - und das Konzert hat das letztlich auch nicht geklärt, muss ich im Rückblick sagen. Es begann zunächst zögerlich, als wolle Schweizer ihren Gast nicht zu sehr herausfordern, ihn nicht vor fertige Tatsachen stellen. Stattdessen ein Motiv da, ein paar geklimperte Töne dort, ein stark rhythmisierter Melodiefetzen, eine leicht versetzte Repetition ... wartend auf Reaktion von Baron, der dann irgendwann einfach zu spielen anfing - was natürlich schon den Besuch des Konzertes lohnte, klar, der Mann ist umwerfend. Nach wohl 15 Minuten ging es dann langsam zur Sache, das Einspielen war vorbei und das Zusammenspiel klappte leidlich gut, Baron eruptiv wie immer, wie unzähligen Einfällen, immer wieder der schiere Aberwitz. Schweizer kam dann auch in die Gänge, spielte ihre Motive und Phrasen auf insistierende, immer härtere Weise. Man spielte Time und auch nicht, und ich bin mir nicht sicher, ob da der Kern des trotz der guten Entwicklung irgendwie fortbestehenden Problems war. Ich höre Baron als einen Jazz-Drummer, der Time spielt, mit Time spielt, ausbricht, zurückfindet, mit den anderen Musikern spielt und gegen sie, sie umschmeichelt und vor den Kopf stösst, sie streichelt und ihnen dann unvermittelt eine reinknallt, um gleich wieder zum schnurrenden Kätzchen zu werden ... Schweizer kann Time spielen, aber meistens will sie wohl anderes und ihr Time ist auch nicht so flexibel, dünkt mich, wie Barons. Aber gut, mit Bennink z.B. klappt es ja ganz wunderbar, aber der ist halt im freien europäischen Jazz ebenso daheim wie Schweizer. Die erste Zugabe war dann eine bekloppte Idee, ein hüftsteifer 12-Takt-Blues, in dem die beiden komplett aneinander vorbeispielten, Baron versuchte wohl eine Art Catlett/Krupa-Hommage zu trommeln, aber das ging mit dem Klavier zusammen gar nicht. Zum Glück spielten sie noch eine zweite Zugabe und da war alles wieder im Lot - in den Zugaben quasi nochmal die Entwicklung des Sets gespiegelt, irgendwie passend.

Dann war William Parker an der Reihe - solo, Kontrabass und Gesang. Ich bin nun ja erklärtermassen kein grosser Fan von ihm, war aber gespannt und sass, so bilde ich mir das wenigstens ein, mit offenen Ohren und offenem Herzen da, auf das harrend, was kommen mochte und mich vielleicht doch noch eines Besseren belehren würde. Doch leider weit gefehlt. Parker sang einfache Verse, politisch aufgeladene Programmusik, die Stücke bestanden aus zweieinhalb Tönen (die letzten drei Stücke - seine launige Absage zum Schluss war dann der Höhepunkt des Sets - bestanden alle aus dem gleichen einen Ton). Aber gut, soweit kein Problem, WAS er spielte gefiel mir nicht schlecht, der Gesang, die Worte, das alles war durchaus stimmig (wenngleich nicht mein paar Schuhe), aber das WIE ... sein Bass hatte null Körper, keine Resonanz, klang völlig flach, da war kein Vibrieren in der Luft, nichts. Quasi die Konzertversion einer digitalen CD-Aufnahme aus den späten Achtzigern. Dann griff er auch noch öfter zum Bogen, um auf seinem Bass herumzuschaben, der alte "Fingernägel auf der Wandtafel"-Effekt ... nunja, der Tiefpunkt des Festivals, und das nach einem schon holprigen Einstieg, ich begann fast schon, vom Glauben abzufallen.

Den Abend beschloss dann eine Gruppe, die eigentlich gar nicht in den Rahmen passten, das Marc Copland Quartet mit dem Trompeter Ralph Alessi, Drew Gress am Bass und - erneut - Joey Baron am Schlagzeug. Die vier spielten eine Art abgehärtete (sie sind ja Ostküsten-Amis) Version eines Existentialistenjazz à la Rava oder Stanko, allerdings geht Alessi jede spielerische Ader völlig ab. Das war Post-Bill-Evans-Jazz, in der romantischen Ecke gefangen und irgendwie fehl am Platz am Unerhört. Sehr gut waren allerdings Drew Gress am Bass und erneut Joey Baron. Die beiden versuchten hartnäckig, das Geschehen zu beleben, aber Copland nahm sich viel zu sehr zurück, wurde quasi zum Statisten in seiner eigenen Band, während Alessi irgendwie auf keinen grünen Zweig kam. Der Kontrast von Gress' Ton und Wumms am Bass zum fahlen Parker davor war übrigens immens, schon die paar Töne, die er Griff, um zu überprüfen ob das Instrument noch gestimmt war ... wie Tag und Nacht. Aber gut, damit endete ein mittelprächtiger Abend, es blieb letztlich die zweite Hälfte bzw. die zwei letzten Drittel von Schweizer/Baron, die man mitnahm.

Barry Guy New Orchestra & New Orchestra Small Formations - Taktlos, Rote Fabrik, Zurich, 23 May 2014

Second night of the 30th edition of the great Taktlos festival was dedicated entirely to Barry Guy and the members of his New Orchestra.

Trevor Watts bailed out on rather short notice. His replacement, Zurich-based Jürg Wickihalder did a terrific job tonight, playing some "lead alto" stuff several times that would have made the best big band proud!

As for Mats Gustafsson, another charter member of the New Orchestra, seems he opted out long ago, in the printed programme for tonight, sent out at least a month ago, it says Per Texas Johansson was on baritone - as was the case, but alas his baritone was rarely heard, but he played some amazing clarinet!

But from the beginning: hellyeah embrace that music I did and do! Ten years ago, I heard the band do "Oort-Entropy" (a few days before they went into the studio to record) - 50 minutes of extremely dense and intense sounds, most impressive ... in a way that neither the radio broadcast of the very same concert nor the CD could ever be - the physical dimension of it was such an integral part of the whole and is not reproducable on tape.

Tonight, we got the whole BGNO revue (no dwarfs, three-armed guys and bearded women and knife-throwers though ... guess the demons from Saturn last night did that part, and the horrific singer added hers) ... the schedule, roughly:


SET 1:


Paul Lytton (d) & Agustí Fernández (p)

Agustí Fernández (p) & Evan Parker (ss)

Evan Parker (ss) & Hans Koch (bcl)

these three were kinda morphing into each other, the new guy would show up a bit early making it a trio for a few moments ... took them a while to build momentum, but the Parker/Koch duo was great

Celebration - Maya Homburger (v) & Barry Guy (b)

she had sheet music while he was improvising around her parts ... good

Jürg Wickihalder (ss) & Per Texas Johansson (cl)

this was easily the most beautiful part of the first set ... amazing playing by Johansson and more than solid, Lacy-influenced soprano by Wickihalder ... the sonics they created weren't that different from Parker/Koch, but the whole thing felt very different ... more varied yet more rooted, very lyrical yet extremely vivid.

Herb Robertson (t), Johannes Bauer (tb), Per-Ake Holmlander (tuba), Raymond Strid (d)

a study in contrasts regarding the drums ... and actually the only time Strid really laid it on for more than just a few seconds ... but this wasn't exactly ma favourite part, Robertson always must got that loud way eventually, killing all the whimsical stuff he's just done, with mutes and all ... I love when he does that puck-ish stuff, but when he opens up and blows hard, he's like Randy Brecker's weirdo brother, both hide a compressor under their jackets, I'm sure.

Evan Parker (ts), Barry Guy (b), Paul Lytton (d)

WHAM! They got into it as if they just had to pull a switch, very intense from the beginning ... a lengthy set, and pretty effin' great! Evan on tenor ... he's the man! His sound is wonderful, his lines of endless imagination, and his execution is amazing (I guess John Butcher is the other guy I found similarly impressive, all things considered). And hey, they might lack blues, but they swing like hell (that is if you're not as narrow-minded as some of those jazz police f*scists)

This most varied first set was close probably around 75-80 minutes long.



SET 2


Barry Guy New Orchestra: all of the above, Wickihalder on alto, Parker on soprano and tenor, Johansson on baritone and clarinet, Koch sticking to bass clarinet (he didn't have any other horns with him)

Amphi - feat. Maya Homburger

very interesting music, rather spare, the orchestra actually framing Homburger's violin in varying textures ... I felt it was a bit, subdued though.

Radio Rondo - feat. Agustí Fernádez
(Homburger laying out on this, she's not really a part of the New Orchestra anyway, I understand)

This now, this was IT! da shiznits and all that ... wow! A wall of sound, half an hour or so of most intense music, revolving around the piano part of Fernández, expertly played, Lisztian maybe? Both here and in "Amphi", Wickihalder did an excellent job (he must have had his parts to rehearse a few days in advance, I guess? ... amazing how he pulled it off!) .... and here, the music was really on fire, a physical assault really that went way beyond the ears, it had me literally on the edge of the chair. Yet in all its density, you could detect each and every single voice - surely no small feat on the side of the sound engineers either, but I assume to get there, you need musicians who can pull this off - play like madmen in hell under fire from the red baron, yet still musical to the last fibre.

Great night!



Addenda

Btw, one result of tonight: I made peace with the "wrong" Bauer, finally ... last time with the New Orchestra, considered him the weakest link (I now think unfairly, maybe), when I saw him with some rough free jazz quartet I thought he was mad and his erratic behaviour put me off ... but tonight, while behaving as odd as always, he played some wonderful stuff - beautiful sound! Not like his brother (whom I've always loved, saw them on stage together once, a great set by Doppelmoppel, so far the best J. Bauer I'd heard) with all that richness, J. Bauer still remains rough by comparison (and rhythmically limited in an odd way, almost as if he's playing some marching band stuff or something), but he had several parts and moments tonight were his tone softened and got a velvety beauty and smoothness at very low volume ... loved that!

Could have done with more Barry Guy bass playing though ... that was the one thing I really missed a bit.


And more Johansson clarinet, just because that guy seems to be amazing on the instrument - anybody knows of any worthwhile recorded examples of that?


PS (May 2016): No matter my sometime difficulty to "get" Johannes Bauer, news of his death struck hard. I have seen him several times, not just with with Doppelmoppel and Barry Guy, but also with Brötzmann's Chicago Tentet and in at least one other group (that I didn't like much).


Zum ersten Abend von Taktlos.14

Sun Ra Arkestra (dir. Marshall Allen) - Taktlos, Rote Fabrik, Zürich, 22. Mai 2014


Der Sun Ra-Abend zum doppelten, dreifachen Jubiläum (Sun Ra wäre am 22. Mai 2014 hundert Jahre alt geworden, Marshall Allen feierte am 25. Mai seinen 90., Taktlos ging zum 30 Mal über die Bühne) war an sich klasse, fast dreieinhalb Stunden Musik, Marshall Allen stand wie üblich die ganze Zeit in der Mitte, dirigierte das Geschehen, gab Anweisungen, wählte die Stücke aus ... während die einen Musiker bereits loslegten, wühlten andere manchmal länger in centimeterdicken Stapeln loser Blätter - Sie haben wohl das ganze Material aus all den Jahren dabei.

Allen war auch als Solist klasse, sofort erkennbar natürlich. Daneben u.a. Knoel Scott (Altsax und Tanzeinlage als Dämon in "Angels and Demons", manchmal Gesang), Vincent Chauncey (Horn), James Stuart (ein exzellenter Solist am Tenorsaxophon, der aber im Getümmel manchmal etwas unterging bzw. dessen Mikrophon nicht genug aufgedreht war), Danny Ray Thompson am Barisax ... in der zweiten Reihe hinter den Saxophonen sassen neben Chancey ein Trompeter, Posaunist und Gitarrist - gemäss Programm Cecil Brooks, Dave Davis und Dave Hotep, am Piano sass Farid Barron (er hatte noch ein Keyboard dabei, das aber eher selten zum Einsatz kam), gemäss Programm dann Tyler Mitchell (b), Wayne Anthony Smith (d, perc), Elson Nascimento (perc) und Stanley Morgan (perc), sowie - das grosse Problem des Abends - Tara Middleton. Die Dame sang mit solcher Überzeugung falsch, dass man wirklich an sich und der Welt und der Gesundheit der anderen auf der Bühne zu zweifeln begann ... kaum ein Ton sass, ihr kratziges Fiedeln war allerdings manchmal ganz hübsch ... und anderswo bedauerte man, dass in Europa nicht akuter Mangel an Schlaghölzern bestand, denn auch mit denen war sie komplett arhythmisch. Autsch. Als sie dann ein vom Barisax wundervoll präsentiertes "Smile" zu zersingen begann, in der Mitte des zweiten Sets, war endgültig Schluss mit lustig. Sehr schade. Sie war leider so präsent, dass das für mich auf das ganze Erlebnis deutlich abfärbte. Keine Ahnung, was der wahre Grund für ihre Anwesenheit ist, aber ihr Mangel an Sangeskünsten kann es nicht sein.

Zum zweiten Abend von Taktlos.14


Mike Reed’s Living by Lanterns - Rote Fabrik, Zürich, 23 February 2013

Taylor Ho Bynum cornet, Greg Ward alto sax, Matt Bauder tenor sax, Jason Adasiewicz vibraphone, Mary Halvorson guitar, Tomeka Reid cello, Joshua Abrams bass, Tomas Fujiwara drums, Mike Reed drums

Some loose impressions (resurrected in May 2016):

Terrific concert! They skipped the quintet set (a first set by Loose Assembly was announced) and played two long sets in the large formation. Nick Butcher wasn't there, no electronics from Reed either, as far as I could tell ... Jason Adasiewicz was laying out the night before at the Bimhuis, not feeling well, I heard. He was very much a presence tonight*. I loved the twin-drums of Reed and Fujiwara, infectious to boot! ... I loved Mary Halvorson's guitar, at times melodic and playful, at times probing and noisy ... I loved the three-horn frontline, muscular tenor from Bauder, whimsical, at time enormously lyrical alto from Ward (what a sound!), and truly Puck-like cornet from Taylor Ho Bynum, running the gamut from didjeridoo-sounds to punching highnote runs ... I loved Tomeka Reid's cello (low in the mix, alas, but in the second set she had a lengthy feature ... I loved the boomy bass of Josh Abrams (who also had a few fine solo spots) ... and I loved the music! Based on some Sun Ra stuff they got on tape or some such ... not that it really matters, but indeed this is Chicago music, funky, earthy, aware, wild, lyrical, hilarious, sublime, stomping, preaching, swinging, singing, whispering, crying, rhapsodizing ...

This band combines the exuberance and joy of Sun Ra and of Chicago/AACM Jazz in general (sure, there's grief and sorrow, too, and laments) with a way of dealing with composed material that reminded me more of Mingus than of the somewhat over-controlled work of Laubrock - who plays tenor on the LP instead of Matt Bauder, btw. That same Bauder was one of the biggest surprises for me in the concert, as I'd seen him before once (I think with Taylor Ho Bynum's sextet w/Halvorson, too), and he left a somewhat too controlled impression on me back then, as well ... none of that last night! He was raunchy, bold, and he played the largest part in a tune that really reminded me of Mingus, "Blues & Roots"/"Ah Um" period, at its finest.

What I also enjoyed very much (though I overheard Irene Schweizer in the break saying that two drummers were never really needed) was the twin-drumming of Reed and Fujiwara. The later may be the more sophisticated player, breaking up the beat in a more complex way, but Reed just feels great. Together, they stirred up an amazing swing that made me think of Klook doing his stomping thing during the heyday of the Clarke-Boland Big Band with Kenny Clare. Obviously, the style of Reed and Fujiwara is somewhat different, but that infectiously grooving and stomping beat was there just as it was with Klook/Clare (whom I only know, alas, from records and some videos).

Anyway, one point of distinction may be Chicago vs. New York ... controlled exuberance vs. occasionally exaggerated control, maybe? I really wish I could see Chicago musicians more often, Ernest Dawkins, Kahil El'Zabar etc ... no matter if they "in" or "out" (actually, what I love so much about Chicago's jazz is that often it's both at the same time), they just convey a deep love for tradition that allows them to somehow dig deeper into music.

A truly wonderful concert - outstanding in fact, even more so looking back on it, three years later!

*) when I mentioned this to Adasiewicz, in March 2016 in Warsaw, he was amazed to hear this - he said he remembered that night, or rather not-remembered it, as he was under heavy medication and playing on auto-pilot ...

Taktlos.12 - Tony Malaby "Paloma Recio", Matthew Shipp-Sabir Mateen, Phall Fatale - Rote Fabrik, Zürich, 12 May 2012

Okay, so how was it... Taktlos is held the 29th time these days, it's long grown to be an institution, presenting the avantgarde of jazz and other related musics. Fire police have allowed them - on very short notice, it seems, since they did minimal five-minute sound checks ahead of each set - to use my favorite stage there, at the Rote Fabrik, the Clubraum, which is smaller than the regular venue for jazz concerts (the Aktionshalle) and hence looks half full, rather than three quarters empty. Anyway, I got there early, met a friend who showed me pictures from last week's Le Mans festival, where he heard plenty of amazing music (wish I'd been there!).

Tony Malaby, then... his quartet is named Paloma Recio and consists of Ben Monder on guitar, Drew Gress on bass and Flin Van Hemmen on drums. Never heard of Van Hemmen before, but he was great, with a lose yet controlled, swinging and fun style that could push the band quite some, if called for! Gress was way too low in the mix, alas, while Monder was often over-bearing, even more so when he started using distortion and other sound pedal effects. I'm afraid I didn't quite get how this group's music worked, though... they all had music stands in front of them but never changed pages (only once did Gress change something towards the end)... the dramaturgy of it lay in the dark to me, anyhow. They started playing rather quietly, until Monder for the first time fell out of his "jazz" style and started getting real loud. He and Malaby played complex lines in unison, while the rhythms kept changing underneath, solos would emerge - some great playing by Malaby, for sure! Wonderful sound, big at the bottom, but still rather slim... thin but beautiful in the high range - and he got pretty intense and wild doing plenty of falsetto stuff as the set unrolled. Monder fit in well mostly, but kept being somewhat overbearing throughout the concert. They reached a climax after some forty minutes of continuous playing, then took a break, but after Malaby announced the band he asked if there was time for one more, and off they went onto an amazingly powerful, exhilarating flight. At the end I was pretty pleased by it all, but it took a while for the band to catch flight and for me to get into this rather complex and coolish sound.

Then break, changing the setup, dragging the baby grand to the center, setting up new mics... and a short sound check (Mateen in orange t-shirt). On it went with Matthew Shipp and Sabir Mateen - first on clarinet, then on tenor, and back to clarinet for the encore. A most powerful set, digging right into the music from the very first tones. All music, so to speak. Mateen has a wonderful tone on clarinet and even more so on tenor, very big, deep, rough. Both of them had a few unacccompanied passages, and Mateen's tenor one was the highlight of the night for me. Shipp was both quick and sparse, both dense and pointed - never heard him live and have been kind of an on and off fan of his... but this concert easily convinced me! At the end, all was said and done, no need for any more music, really! Amazing set!

Third band was a Swiss one called Phall Fatale, featuring two singers (Joy Frempong and Joana Aderi), both also using samplers and electronics, John Edwards and Daniel Sailer on double basses, and drummer Fredy Studer (of OM-fame). Good beats and grooves from the basses (Edwards is wonderful, needless to say), but I found the whole thing pretty boring and the singers not too convincing (and the lyrics pretty ... uhm, uninspired and flat). Anyway, I should have left after Shipp/Mateen anyway, so maybe I'm being somewhat unfair.


Trivia: spotted in the audience: Irène Schweizer and Gerry Hemingway - the later came to chat with Ben Monder and seemed to have a good time.

Matana Roberts - Coin Coin Chapter Two: Mississippi Moonchile - Rote Fabrik, Zürich, 22. März 2012

In ihrem auf zwölf Kapitel angelegten Zyklus „Coin Coin“ macht die Chicagoer Saxophonistin Matana Roberts sich auf die Suche nach den Spuren ihrer Vorfahrinnen im Süden der USA, erschafft dabei eine ganz eigene Lesart ihrer eigenen Geschichte und zugleich der Geschichte der Afro-Amerikaner von der Sklaverei bis in die Gegenwart, in der mit graphischer Notation – der Quilt dient als Modell –, mit Zitaten, Kostümierungen, Tanz und Multimedia-Elementen gearbeitet wird. Chapter One, „Gens de Coleur Libres“ betitelt, handelt von den frühesten Spuren, die Roberts Vorfahrinnen im Süden der USA, genauer in Louisiana hinterliessen, und auch von Marie Thérèze „Coin Coin“ Metoyer, einer legendären Gestalt, die sich im 19. Jahrhundert von ihrem Sklavendasein befreien konnte und gleichsam zur Urfigur der Emanzipation der Afro-Amerikanerinnen wird.

Mit Chapter Two, „Mississippi Moonchile“, geht die Geschichte über ins frühe zwanzigste Jahrhundert, als viele afro-amerikanische Familien den Süden hinter sich liessen und ihr Glück anderswo suchten. Viele von ihnen strandeten in den Town Ships in Chicagos South Side, wo sich schon im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert zehntausende Afro-Amerikaner angesiedelt hatten, die vom Rassismus, den fehlenden Jobs und mangelhaften Bildungsmöglichkeiten genug hatten.

In das ohne Unterbruch gespielte, wohl fünfviertelstündige Konzert flicht Roberts Zeugnisse ein aus vergangenen Epochen, rezitiert mal flüsternd, mal in einen eindringlichen Singsang gleitend, oder auch schreiend Notate und Zitate aus unbekannter Quelle, persönliche Dokumente, Stellen aus Briefen oder Tagebüchern.

Bei Matana Roberts, die rechts vorn am Rand der Bühne steht, führen alle Fäden zusammen, sie dirigiert die Band, lenkt die Musik in Bahnen, gibt Sänger Jeremiah Abiah Einsätze, lässt ihn wieder verstummen, regt einen Dialog von Schlagzeuger Tomas Fujiwara und Trompeter Jason Palmer an oder bläst ein Motiv, das umgehend von der Pianistin Shoko Nagai aufgegriffen zur Basis der folgenden Passage wird. Ein anderes Mal summt Roberts eine einfache Melodie, die Band summt mit, plötzlich spielt Thomson Kneeland dasselbe Motiv auf dem Kontrabass und es wird zum Fundament des nächsten Abschnittes. Die Musikerinnen und Musiker stehen im Halbkreis auf der Bühne, stets im Kontakt miteinander, die Musik entfaltet, öffnet sich Schritt für Schritt in einem konstanten Fluss – M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, Mississippi, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I – so abgedroschen das klingen mag: die Musik von Matana Roberts ist wie die Geschichte, wie das Leben ein Kontinuum aus Hochs und Tiefs, sie schwing sich hoch auf und lässt sich im nächsten Augenblick unvermittelt fallen, auf jubilierende Momente folgen herzzerreissend traurige, die buchstäblich zu Tränen rühren. Mit ihrem Altsaxophon gibt sie die Richtung vor, bläst liedhafte Motive oder rasante, manchmal an Ornette Colemans bluesgetränkt-quirlige Linien gemahnend, reisst Palmer mit, während die Rhythmusgruppe einen unbändig swingenden Freebop spielt. Ein anderes Mal fällt die Band in einen satten Coltrane-Groove, Roberts spielt ihr Alt mit schwerem Ton, bläst hymnische Linien über Fujiwaras Polyrhythmen und Nagais dichte Akkorde, während Kneeland die Musik mit wenigen Tönen zusammenhält.

S-o-m-e-t-i-m-e-s, Some-Times, Sometimes I F-e-e-e-e-e-el, Some-Times I-I-I Feel Like a-a-a-a, Some-Times I F-e-e-e-e-l Like… a Motherless Child – Roberts entführt uns in die Kirche, verarbeitet neben einfachem Blues auch Spirituals, aus denen sie nahtlos in kinderliedhafte Melodien gleitet, die Albert Ayler anklingen lassen. Gesungen wird immer wieder, nicht nur von Abiah, der mit einer tief beeindruckenden Blues-Improvisation ohne Worte eines der grossen Glanzlichter des Abends setzt. Auch Nagai und Palmer singen mit Roberts und Abiah im Chor, das Publikum wird zum mitsummen animiert, die alten Call and Response-Muster werden wieder zum Leben erweckt. Den stillen und umso intensiveren Ausklang des Konzertes machen Roberts und Abiah vor karger Begleitung mit einem gesungenen Duett der alten Gospel-Hymne „In the Garden“ – And He Walks with Me and He Talks with Me, and He Tells Me I Am His Own, … and the Joy We Share as We Tarry There… and the Joy We Share… and the Joy We Share…

Am Ende sitzt man da, ergriffen, schweigend, erschlagen von der Wucht der Musik, zum tiefen Nachdenken gebracht, aber auch erfüllt von einer wunderbaren Wärme (die nicht wohlig ist, zum wohlfühlen ist diese Musik nicht gemacht!) und der Überzeugung, dass man gerade etwas Grosses erleben durfte. Roberts Musik ist komplett, sie scheut keine Grenzen, schert sich nicht um Genres – und es gelingt ihr,

Thank you so very much, Matana – that was fuckin' great!

Flurin Casura / 23. März 2012

Ingrid Laubrock Oktett - Rote Fabrik, Zürich, 10 December 2011

Fabrikjazz - Sa, 10. Dezember 2011

Ingrid Laubrock Oktett

Ingrid Laubrock, tenor-/sopranosax/composition; Tom Arthurs, trumpet/flügelhorn; Ted Reichman, accordion; Liam Noble, piano; Mary Halvorson, guitar; Ben Davis, cello; Drew Gress, bass; Tom Rainey, drums/percussion


Good but not great concert. The music - all composed by Laubrock, though both set-openers were fully improvised, it seems - left me a bit puzzled. Some of it was good, some of it was a bit on the cute side, some of it just seemed to go nowhere and left me hoping for more improvisational parts. Those improvisational parts were too few, I found. There were plenty of interesting combinations of sound, that's for sure. Mary Halvorson's guitar, Ted Reichman's accordion, Liam Noble's piano (all three had fine solo spots), Ben Davis' cello and Rainey switching to what seemed to be a vibraphone but without the motor turned on (maybe it was a marimba or a large xylophone, I couldn't see it as it was back on stage) - that all made for large sonic and textural possibilities. There were parts when the music made good use of them, but other parts just seemed like lose sketches (and then one of those cutesy melodies would turn up, picked by the cello) and the whole effect was lost again. However, what was great was how different instrumental pairs emerged time and again to form duos within the band for sometimes quite lengthy bits.

Needless to say that Laubrock's tenor and soprano and Tom Arthur's trumpet as the only horns were front and center a bit more often than most others - and both did very well and had some mighty fine spots. Laubrock on tenor has a slightly shady sound - reminded me a bit of Joe Henderson (whom alas I've never heard live). Arthurs went from chopsy highnote stuff that was always lyrical and melodic to harmon mute, plunger, and just producing air sounds and whimsical noises.

And Drew Gress - he was a bit low-fi and low in the mix, too - and Tom Rainey both did a great job anchoring the music. Gress' bass and Davis' cello often merged together to form a bottom that was quite strong, and every now and then the presence of the one allowed the other to do some flageolet playing. Rainey was a bit subdued, too, but had many great moments and in the second set really came to live!

The music was presented in two gap-less sets - of roughly 50 minutes each, I guess (didn't watch the clock). Reinhard Kager from SWR2 was there to present the band and the music and talked a bit too long and explained a bit more that what I found appropriate for an audience that most likely was much more "in the know" than he thought. The concert was the final (I think) stop of this year's SWR "New Jazz Meeting 2011" tour - bits of the three concerts will be broadcast in February and a CD will be released on Intakt as well. Guess it will be interesting to revisit the music and check if the cutesy bits still sound cutesy if you listen on your hifi rather than live. Can make a big difference with music of this kind (also the other way 'round, that great concerts don't work at all on CD).

All in all, I'd have enjoyed it more if there'd been: a) more solo space for individual voices, and b) more tightly-knit (and less clumsy) ensemble parts. But it was still interesting and often pretty good. And it's always a thrill to hear Mary Halvorson, at least for me ... and Tom Rainey is great! First time I caught him live.

Matana Roberts, Coin Coin Chapter 1 "Gens de Couleur Libre" - Rote Fabrik, Zürich, 24. Februar 2011



Heute abend hat Matana Roberts mit dem ersten Teil ihres Projektes Coin Coin, das den Titel "Gens de Couleur Libre" trägt, in der Roten Fabrik in Zürich gespielt. Barfuss, das Gesicht mit weisser Kreide bestrichen und im langen weissen Kleid steht Roberts vorne rechts auf der Bühne, die Musiker im Halbreis, in der Mitte der Drummer Tomas Fujiwara, links vorne Cellistin Audrey Chen, dazwischen Bassist Jason Ajemian. Auf der anderen Seite, zwischen Fujiwara und Roberts, die Bratschistin Jessica Pavone und die Violinistin Mazz Swift. Also auch ein Streichquartett (in etwas ungewöhnlicher Besetzung) mit Drums und Altsax (sowie Klarinette und Stimme).

Zum Auftakt lässt Roberts einen Sack mit Kieselsteinen herumgehen, jede schüttelt den Sack, greift hinein, nimmt sich ein paar Steine heraus, reicht ihn weiter, im Halbkreis herum, derweil die anderen zupfen, leise fiedeln und trommeln... bis Roberts mit einem Schrei auf dem Altsax ins Geschehen eingreift und man merkt, dass man schon mitten drin ist. Im Hintergrund laufen auf einer riesigen Leinwand Bilder durch - die Familiengeschichte von Roberts, ihre weibliche Ahnenlinie, die Wurzeln im Süden in Louisiana, die auch in der Musik verarbeitet werden.

Die Musikerinnen haben auf ihren Notenständern eine grossformatige, zum Ringheft gebundene Partitur (alle dieselbe? Jede eine eigene? Ich weiss es nicht, jedenfalls sind auch Fotos drin, Notenlinien), das ca. 70 minütige Werk wird ohne Unterbrüche präsentiert, besteht aus freien Passagen, aus boppigen Kürzeln, aus Work Song, aus einem Walzer und immer wieder aus mitreissend swingenden Passagen, in denen Fujiwara und vor allem Ajemian mit grossem Drive überzeugen - streckenweise erinnert das etwa an die Musik Mingus', aber auch an die grosse Tradition aus Chicago: das Art Ensemble und die AACM (der Matana Roberts angehört) sind wohl die wichtigsten Referenzpunkte.

Roberts' Suite bringt zusammen, was zusammengehört aber selten zusammenfindet: die ganze Tradition der "great black music" aber auch die europäischen Einflüsse aus Louisiana, alle Arten von Jazz, von bis New Orleans (Louisiana eben). Darein verwoben werden Textfragmente und längere Rezitationen von Roberts, streckenweise von der Band als Echo nachgeflüstert, auf halbem Weg auch ein langer Work Song über die Versteigerung einer Sklavin, in der Roberts (gegen Ende kurz im Wechsel mit Ajemian) den Lead singt und die anderen fünf einen polyphonen, leise brodelnden Chor bilden - in den intensivsten Passagen fiel mir nur etwas vergleichbares ein: die Urlaute, die Abbey Lincoln im Duo mit Max Roach 1960 für die "Freedom Now Suite" aufgenommen hat. Mit derselben Wucht spielt Roberts auch ihr Altsax, streut hier und da auch mal boppige Kürzel ein, kann charmant Säuseln, bricht aber immer wieder aus, mit enorm schwerem Sound, der im tiefen Register am schönsten zur Geltung kommt und manchmal das Gehör fast platzen lässt...

Bassist Ajemian ist wohl insgesamt neben Roberts die gewichtigste individuelle Stimme, auch manchmal im Dialog mit ihr zu hören, während die anderen Streicherinnen zurückhaltend begleiten. Am schönsten ist aber das Zusammenspiel aller, das changiert zwischen beinahe klassischen Passagen, wilden Ausbrüchen, verspielten Pizzicatos - das alles wird aber nie nach europäischem Mass rein intoniert, immer ist eine polyphone Vielfalt zu hören, auch in den kurzen Soli von Chen und Pavone, und ganz besonders im einen wunderbaren längeren Solo von Mazz Swift (die ich zuvor im Gegensatz zu allen anderen überhaupt nicht kannte, nicht mal dem Namen nach).

Roberts spielt manchmal Klarinette, auch kurz in zwei New Orleans-artigen Passagen (die natürlich immer gebrochen werden, ins Gesamtgeschehen eingefügt, durch Roberts' Linse betrachtet und verarbeitet). Auch eine Passage mit simultanem Altsax- und Klarinettenspiel gab es gegen Ende - aber sehr verhalten, auch als eine Art polyphoner Begleitchor anderer Stimmen.

Was bleibt ist ein sehr starkes, musikalisches Erlebnis, ein gelungener Versuch, Familiengeschichte auf persönliche Art und Weise zu betreiben und musikalisch zu verarbeiten und dabei auch die Unterdrückung und den Kampf der Afro-Amerikanerinnen zu thematisieren und auf sehr betroffen machende Weise umzusetzen. Ein sehr starkes Konzert, das sehr von der wuchtigen musikalischen Präsenz und Persönlichkeit von Matana Roberts geprägt war aber dem Kollektiv auch immer wieder Raum für klangliche Explorationen und Zusammenspiel in verschiedenen Kombinationen liess.

Susie Ibarra Trio, Co Streiff Sextett - Rote Fabrik, Zurich, 28 March 2007

Saw a great and a lousy concert last night (double bill):

Susie Ibarra Trio w/Craig Taborn & Jennifer Choi - everybody by now knows uub's got a crush on her, I assume, and indeed she was terrific, very sophisticated approach, great groove, and a beautifully tuned set of drums, really a sound of her own ... but, BUT ... the other two were just so talkative, fake, boring - bullshitting all the way, nothing felt in there, all just made up facade ... really annoying, and mostly pretty ridiculous, pathetic, Taborn doing boring neo-/pseudo-romantic stuff, and Choi helping him making sure the music didn't breathe once in a 45 minute set ... no space, no sense for pacing, a totally misled concept. The tunes all sweet and often almost like what's called "Salon-Musik" over here, muzak of the worst kind, all beautiful surface and nothing below that - and no, irony was NOT involved.
Misguided in the sense that they don't know what they actually do there - bullshitting in what I assume is more or less the Harry Frankfurt way of defining it...

Second was the Co Streiff Sextett - she's a local alto/soprano sax player and the Sextett has its second CD "Loops, Holes and Angels" just out on Intakt. The band includes another reeds player, Tommy Meier (tenor sax & bass clarinet), Russ Johnson on trumpet, a local bass/drums team (Christian Weber & Fredi Flükiger), plus Ben Jeger on piano, accordion, farfisa and some other old synthesizers. They played a superb set, lots of the music being really group-music, not about egos and solos, but more about creating colours and grooves, doing a tune from Mali, some almost highlife like material, and lots of other great things, you can hear much of jazz history in there, from basic blues to Sun Ra and Roscoe (both of whom were covered on their first disc, "Qattara", also on Intakt) and Fela Kuti (nothing of his on disc, but they do some in live shows, not last night, though). Anyway, this more than made up for the pastiche banality of the Ibarra trio...

Again let me stress that Susie Ibarra is a master percussionist, no doubt about that, just she ought to do different stuff... and Taborn is quite interesting and good when playing with Tim Berne... but then again his own disc "Junk" (?) on Matt Shipp's pretentious label is pretty boring, too ...

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PS (May 2016): I don't consider "Junk Magic" on Thirsty Ear "pretty boring" any longer - hope one is allowed to fix ones own mistakes or correct old misjudgements as time passes! The Ibarra Trio didn't get any better in hindsight though - was it deceived love? ;-)
Also, of course Thirsty Ear was never "Matt Shipp's label" in a sense that he owned it. Yet with the "Blue Series" he curated, he had a major impact on the label when I got into avantgarde jazz initially.