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Rouben Mamoulian (1897–1987) (Il Cinema Ritrovato 2023 - Nachtrag)


 Mamoulian kam am 8. Oktober 1897 in Tiflis zur Welt, Sohn einer kunstliebenden armenischen Familie, studierte oder arbeitete in Moskau, Paris, London, Rochester und New York, bevor er nach Hollywood ging. Dort verantwortete er zwischen 1929 und den mittleren Dreissigern eine Reihe von Filmen voller Experimente. „There’s a sense of euphoria an hypersensitivity in his filmmaking“ schreibt Ehsan Khoshbakht im Programmbuch zum diesjährigen Il Cinema Ritrovato in Bologna (von wo auch die folgenden Zitate stammen). Danach versuchte Mamoulian, sich ins Studio-Gefüge besser einzufügen – seine frühen Filme waren nicht mehr zu sehen, als der production code etabliert war: „too many sexual innuendos and lacy negligees“.

Mamoulian kostete die technischen Möglichkeiten aus, in seinen Worten: „[the] only worthwhile innovation is the one coming from artistic necessity“ – über sein Debut „Applause“ (1929) schreibt Khoshbakht:

Though some of the techniques used in the film are not exactly new, the impeccable execution and the way match cuts, split-screen and sound collage are integrated into the narrative give the film a whole new identity. The camera, unleashed like a butterfly, traverses jerkily through ghostly scenes in which the muffled sound of the early talkies reinforces the medium’s ghostliness. An astonishing debut.

In manchen Filmen arbeitet Mamoulian wie ein Maler. „Blood and Sand“ von 1941 über den Aufstieg und Fall eines Toreros ist das beste Beispiel dafür. Goya, Velázquez oder El Greco hat Mamoulian studiert und setzt ihre Kunst um, inszeniert Tableaux des Begehrens, der Verführung, des Todes, mit Hilfe seiner Kameramänner Ernest Palmer und Ray Rennahan, die für ihre Technicolor-Arbeit mit dem Oscar ausgezeichnet wurden. Mamoulian erzählte später in einem Interview (Sight & Sound Nr. 3, Sommer 1961), wie er gearbeitet hatte. U.a. habe er stets eine riesige Kiste mit Schals, Taschentüchern etc. in allen möglichen Farben dabeigehabt, um damit bei den Kostümen jederzeit Farbakzente setzen zu können. Und er hatte eine ganze Batterie von Sprühpistolen, mit denen er die Sets, die Kostüme oder sogar die Darsteller*innen im Bedarfsfall ansprühte. „The art director had made me a beautiful chapel; and he was very upset when I sprayed everything with green and grey paint. Then again, there’s a banquet, which was done entirely in black and white. There were flowers on the table and (naturally) the leaves were green. I think when they saw me painting them black, they went and told Mr Zanuck I’d gone out of my mind.“

Bei anderen Filmen hat Mamoulian wie ein Musiker gearbeitet (weniger als die Hälfte seiner Filme sind Musicals), besonders eindrücklich in „Love Me Tonight“ (1932): beeindruckten die erste Szene in einem erwachenden Studio-Paris, in der sich aus Geräuschen, deren Quelle im Bild zu sehen sind (Fenster werden geöffnet, Eingänge gewischt, Nägel in Schuhe gehämmert usw.) eine sich stetig verdichtende musique concrète entsteht. Später gibt es u.a. eine Szene, in der eine Jagdgesellschaft (zu Pferd) auf Zehenspitzen davonschleicht (mit schneller gefilmten und regulär abgespielten Aufnahmen – das Gegenteil gibt es natürlich auch – , weil Maurice Chevalier, der liebenswerte Schneider und halbfreiwillige Hochstapler, den müden Hirsch in die Jagdhütte zur Siesta gebeten hat). Der Film ist – oder wirkt – komplett durchchoreographiert, auch da, wo nicht gesungen wird oder nur wenige Personen grosse Räume bespielen.

Die Rolle von Gegenständen – nicht nur den immer wieder auftauchenden Spiegeln oder den Katzen, die immer wieder als kurze Einsprengsel, als Scharniere zwischen Szenen zu sehen sind – ist ebenfalls evident. Am beeindruckendsten sicherlich die post-koitale Szene in „Queen Christina“ (1933), in der Garbo den Raum abschreitet, in dem sie – „a case of mistaken gender (she’s in drag) turns seamlessly into mistaken identity“ – , die „bachelor queen“, gerade die Liebe entdeckt hat: gleichmässig (ein Metronom half beim Dreh) schreitet Greta Garbo das Zimmer ab, ihre Hand streicht über die Gegenstände, die darin herumstehen, sie prägt sich den Raum Detail für Detail ein.

Fetische (Beine, Lingerie), Spiegel und Schatten, Statuen und Gemälde, Maskeraden und Verschleierungen … Mamoulian machte bis 1942 weiter, doch verlor sein Schaffen an Schwung. Doch auch in den schwächeren Filmen gibt es wunderbare Momente, z.B. die authentischen russisch-orthodoxen Choräle in „We Live Again“ (und die Ausstattung ist auch hier bemerkenswert). Samuel Goldwyn hatte Mamoulian in diesem Fall engagiert, um aus seiner Protégée Anna Sten einen Star zu machen – klappte nicht wirklich, Cole Porter machte in „Anything Goes“ später Scherze darüber: „When Sam Goldwyn/Can with great conviction/Instruct Anna Sten in diction/Than Anna shows/Anything goes“.

Porter schrieb die Musik zum letzten Film, den Mamoulian 1957 machte, „Silk Stockings“, eine Film-Version des gleichnamigen Musicals von 1955 und zugleich eine Neuverfilmung von Lubitschs „Ninotschka“. Fred Astaire spielt darin einen US-Produzenten, der ein Musical mit dem russischen Komponisten Peter Illyich Boroff (ein Rachmaninoff-Verschnitt?) auf die Beine stellen will. Cyd Charisse glänzt als Ninotchka Yoschenko, die den Russen und die drei auf ihn angesetzten, ebenfalls der Dekadenz anheimgefallenen Agenten (darunter Peter Lorre) heim bringen soll.

Es sollte sein letzter Film bleiben. Schon davor, 1944, wurde er bei „Laura“ von Otto Preminger ersetzt. Das wiederholte sich 1959 bei „Porgy & Bess“ (den ich echt gerne mal sehen würde – scheint ein Ding der Unmöglichkeit?), bei „Cleopatra“ (1963 – Joseph Mankiewicz übernahm, flog dann aber vor der Post-Production ebenfalls raus, die Darryl F. Zanuck verantwortete) zog er dann selber von Dannen, als alles aus dem Ruder zu laufen schien.

Rouben Mamoulian starb am 4. Dezember 1987 in Woodland Hills, Los Angeles.


Applause (1929) ****
City Streets (1931) ****1/2
Love Me Tonight (1932) ****
Queen Christina (1933) ****1/2
We Live Again (1934) ***
Golden Boy (1939) ****
Blood and Sand (1941) ****1/2
Rings on Her Fingers (1942) ****
Silk Stockings (1957) ****

Verpasst habe ich leider „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1931), „The Song of Songs“ (1933 mit Marlene Dietrich) und „The Mark of Zorro“ (1940) sowie die knapp einstündige Dokumentation „Rouben Mamoulian – Lost and Found“ (André S. Labarthe, FR/UK, 2016). Letztere beruht wie es scheint hauptsächlich auf dem ausführlichen Interview, das Hubert Knapp mit Mamoulian 1965 in Hollywood in französischer Sprache führte (gefilmt von Labarthe). Eine ungeschnittene Version davon ist derzeit bei Youtube zu finden:



Il Cinema Ritrovato, Bologna, 24 June - 2 July 2023 - XXXVII edizione (2/3)

 

Dienstag 27. Juni, Tag drei, begann mit einem Highlight: BUSHMAN (David Schickele, US, 1971). Ein recht kurzer Film (73′), der gleich mit einer unsterblichen Sequenz beginnt: Gabriel, die Titelfigur, mit der wir durch den Film gehen, geht barfuss mit seinen Converse auf dem Kopf eine Strasse entlang, dreht sich hie und da um, um Autostopp zu machen. Dazu Yoruba-Trommeln, die sich mit einem Cembalo-Stück von Henry Purcell mischen. Der Film geht der Identität von Gabriel nach, dem „Bushman“, der in die USA gekommen ist, um zu unterrichten. In Flashbacks und Gegenüberstellungen wird seine Geschichte skizziert – stets in eindringlichen Bildern, die nicht vieler Worte bedürfen. „With one eye on cinéma vérité, the European new waves and early Cassavetes, and the other on African pioneers like Sembène, Ecaré and Hondo, Schickele not only condemns the reactionary and racist America which will later frame Gabriel on the slightest of pretexts, but also the liberal America of progressive intellectuals who quote McLuhan and Malraux but lapse into rhetoric and misunderstand the deeper meaning of human experience. With irony, poetry and a delicate touch, Bushman leads us into the darkness of the beginnings of an odyssey“ (Cecilia Cenciarelli im Programmheft). So ein Film um 9:15 und der Tag ist eh schon grossartig … Gabriel heisst in Wahrheit Paul Eyam Nzie Okpokam. Bei Protesten auf dem Campus (San Francisco State College) wird ihm was untergejubelt, er kommt in Ausschaffungshaft und wird nach einem Jahr oder noch länger in Haft abgeschoben – ohne dass der Film zu Ende gebracht werden konnte. Gedreht wurde er 1968, fertiggestellt 1971 mit einer Coda, in der dieses letzte „Kapitel“, das schmerzhaft real ist, auch noch erzählt wird. Die neben dem Einstieg tollste Sequenz ist irgendwo mittendrin zu finden, Paul läuft mit einem Stück Baumstamm durch die Gegend, nimmt diesen überall hin mit. Einprägsame, umwerfende Bilder, die nicht vieler Worte bedürfen. Aber das sagte ich ja schon.

CORTILE CASCINO (Robert M. Young/Michael Roemer, US, 1962) und FACES OF ISRAEL (Michael Roemer, US, 1962) gab es danach, nebst einer langen Einführung durch Goffredo Fofi, der einst als junger Aktivist selbst ein Jahr im Cortile Cascino lebte, tagsüber den Kindern, abends ihren Eltern Lesen und Schreiben beibrachte, sich auch – ohne jegliche Ausbildung – um medizinische Grundversorgung kümmerte. Fofi hat später u.a. Texte von Buñuel herausgebracht und auf dessen Frage, welchen seiner Filme er am liebsten mochte, „Los olvidados“ genannt – und nachgeschoben: aber in Palermo hätte es ein Viertel gegeben, in dem es noch viel schlimmer gewesen sei. Das war Cortile Cascino, wo Roemer/Young 1962 ihren 46′-Film drehten, im Auftrag der NBC, die dann aber so schockiert vom Ergebnis war, dass die Ausstrahlung abgesagt, die Negative vernichtet, Young gefeuert wurde. Überlebt hat der Film dank einem NBC-Mitarbeiter, der an die Verdienste des Filmes glaubte. Jedenfalls ist es unglaublich, diese Bilder zu sehen. Ein Ort im Nachkriegseuropa, an dem vom Wirtschaftswunder nichts zu sehen war. Und natürlich hatte auch hier die Mafia das Sagen: selbst bei Elendesten gibt es noch etwas zu holen, Märkte, Friseursalons oder illegale Schlachthöfe zu kontrollieren, Glücksspiel – und selbst die Konzessionen für Begräbnisse. Wenn ich das richtig erinnere, reichte die Aufregung um den wie gesagt gar nicht ausgestrahlten Film (er wurde Auszugsweise 1993 im Film Children of Fate: Life and Death in a Sicilian Family veröffentlicht) aus, um das Viertel dem Erdboden gleich zu machen und die Menschen von dort zu vertreiben. Dass Fofi dabei war – und auch die Protagonist*innen des Films teils persönlich kannte – gab dem ganzen nochmal eine völlig andere Dimension. Für den Bilderreigen von „Faces“, einem lyrischen Montage-Film, wie man ihn auch von Chris Marker kennt, und jetzt ganz ohne die bei „Cortile“ erzwungenen Voiceovers, hatte ich danach leider nicht mehr viel Aufmerksamkeit übrig – aber klar, mit Fofi im Saal wäre es auch seltsam gewesen, diesen zuerst zu zeigen. Und vielleicht war die Idee auch, dass nach dem erschütternden Elend ein paar hoffnungsvolle Bilder gut tun würden? Jedenfalls tat es mir leid, dass ich dem Film unter den Umständen schlicht nicht gerecht werden konnte.

Am Nachmittag sah ich zwei Dokumentarfilme im DAMSlab, dem erwähnten Raum, der eher einem Hör- als einem Kinosaal gleicht. DOROTHY ARZNER, UNE PIONNIÈRE À HOLLYWOOD (Clara Kuperberg, Julia Kuperberg, FR, 2023) ist der Abschluss der Filmreihe, die die Kuperberg-Schwestern über die Pionierinnen Hollywoods machten – sagten sie zumindest bei der Einführung, denn es gäbe nun keine weiteren, sie hätten über sie alle einen Film gedreht. Das war ein ansprechender Film, wie ich ihn gerne mal bei arte gucken würde … vor allem machte er mir aber grosse Lust auf die Filme von Arzner, von denen ich noch keinen einzigen kenne.

Im Anschluss folgte ANTONIA: A PORTRAIT OF THE WOMAN (Judy Collins, Jill Godmilow, US, 1974) – und der wiederum war sehr toll. Antonia Brico, die Dirigentin und ebenfalls Pionierin (u.a. als erste Frau am Pult der Berliner Philharmoniker, 1930), war mir kein Begriff. Ihre „Karriere“ ist eher die Abwesenheit einer selbigen – sie war ja schliesslich eine Frau. Ein faszinierender Einblick in das Schaffen, Denken, Fühlen einer Person, die als Künstlerin kompromisslos und wahnsinnig engagiert war – aber mit all ihrer Energie jahrzehntelang nirgendwohin konnte, weil sie eben fast keine Engagements kriegte. Der Film scheint das etwas gebessert zu haben, aber das bezog sich dann nur noch auf die letzten paar Lebensjahre.

Danach gab’s mein erstes Kinugasa-Highlight: JUJIRO (Teinosuke Kinugasa, JP, 1928), wieder mie Einführung von Alexander Jacoby und Johan Nordström, und mit Donald Sosin am leidigen digitalen Klavier (ich schreibe „Klavier“ und nicht „Synthesizer“ oder „Keyboard“, weil das Ding wie eine Art kleiner Stutzflügel aussieht). Der Film ist nach „Kurutta ichipeiji“ (s.u.) der zweite avantgardistische Film von Kinugasa – dazwischen hat er 19 Filme in 19 Monaten, meist „chanbara“ (Actionfilme) – und er beschrieb „Jujiro“ später als „chanbara without swordfights“. Das recht gradlinig erzählte Melodram über einen unglücklich in eine Kurtisane verliebten jungen Mann und seine aufopfernde Schester kommt als grosses expressionistisches Drama voller unfassbar starker Bilder, Licht- und Schatteneffekte und ungewöhnliche Kameraeinstellungen daher. Auch die Kulissen können sich sehen lassen: das Gebäude, in dem Bruder und Schwester wohnen, hätte auch in einen Film des deutschen Expressionismus gepasst (ist aber weniger kantig), die späteren Aussenszenen (die natürlich alle nicht draussen gedreht wurden) verraten, woher das seltsame Setting von „Yukinojo Henge“ kommt.

Zum Ausklang des Tages wollte ich einen einzigen Film aus der Reihe der dt. Exilkomödien sehen, Hermann Kosterlitz‘ „Peter“ aus dem Jahr 1934 – doch leider hat es an dem Abend geregnet und die Open-Air-Vorstellung von der Piazza wurde in drei Kinos statt der dort geplanten Filme gezeigt. Schlimm war das nicht, denn den Film, den ich zu sehen kriegte, hatte ich am nächsten Morgen wegen drohenden Overkills schon gestrichen – und kriegte ihn auf dem Umweg halt doch noch zu sehen: BIRUMA NO TATEGOTO (Kon Ichikawa, JP, 1956). Der Film handelt von japanischen Truppen, die 1945 in Burma stationiert sind, als das Kaiserreich kapitulierte. Die Truppe, zu der auch Mizushima gehört, ergibt sich – nach einer irren Szene, in der sie sich für belagert hält und von britischen Truppen umzingelt wird – beide Seiten singen dabei lauthals im Chor, die Japaner auch, um geplante Verteidigungsmassnahmen zu vertuschen. Mizushima, der sich in der Zeit in Burma das Spiel der Harfe beigebracht hat („Die Harfe von Burma“ ist der dt. Alternativtitel), meldet sich freiwillig, um eine andere japanische Truppe zur Kapitulation zu überreden, die in einem Berg verschanzt zum letzten Gefecht bereit ist. Er zieht los, scheitert, wird beim Sturm der Briten verletzt, von einem Mönch versorgt – und zieht dann selbst als Mönch durch das Land, sucht die Nähe vom Gefangenenlager, in dem seine Freunde aus der Truppe einsitzen, reagiert jedoch nicht, als diese ihn (zu) erkennen (glauben). Als sie nach Hause dürfen, schreibt er dem Kommandanten einen Brief, dass er im Land bleibe, um der vielen toten Japaner zu gedenken, die überall herumliegen – apokalyptische Bilder gibt es auf seinen Wanderungen immer wieder zu sehen, und so wird aus dem Film, der als spannender Kriegsfilm beginnt, ein eindringlicher Antikriegsfilm (gezeigt wurde die 116minütige Einteiler-Version in einer Restauration von 2022).

Am Mittwoch (28. Juni) bin ich dann erst auf die 11-Uhr-Vorstellung ins Kino, mit GOLDEN BOY (Rouben Mamoulian, US, 1939) zum Einstieg. Wo ich eine ganze Menge Pre-Code-Filme zu sehen kriegte (nicht nur von Mamoulian) drängt sich ein wenig die Frage auf, wie der Film wohl ausgesehen hätte, wenn er von 1932 statt von 1939 wäre. Die (verhinderte) Liebesgeschichte zwischen dem mittelmässigen Musiker, der zum Boxer wird (William Holden) und Barbara Stanwyck, die das love interest seines zynischen Managers (Adolphe Menjou) spielt, hätte wohl einiges offenherziger erzählt werden können. Doch auch so ist das ein klasse Film, den eigentlich Frank Capra hätte drehen sollen, während Mamoulian für „Mr. Smith Goes to Washington“ vorgesehen war. Doch es kam genau umgekehrt. Das Drehbuch basierte auf einem Stück des linken Autors Clifford Odets von 1937, Mamoulian überwachte selbst die Anpassung, in deren Rahmen die politischen Aspekte wegfielen bzw. weniger wichtig wurden, dafür Humor und Ironie dazukamen. Die Charaktere von Holden und Stanwyck sind beide nicht klar festgelegt: er schwankt zwischen seiner Brutalität als Boxer und der Empfindsamkeit als Musiker, sie weiss nicht, ob sie den harten Boxer oder den Musiker liebt. Am Ende – nachdem er seinen Manager durch einen Mobster eingetauscht hat – tötet er unbeabsichtigt einen Gegner im Kampf – und hört zu Boxen auf. Ob es da schon zu spät ist, lässt der Film offen. Von Holden habe ich glaub ich noch keinen so frühen Film gesehen – er überzeugt in der Rolle unbedingt, aber die Glanzlichter setzt Stanwyck mit ihrer so ambivalenten, zynischen Figur.

Der Nachmittag gehörte dann Albert Samama Chikli (1872–1933), einem tunesischen Regisseur, Photographen, Technikfreak, Abenteurer, Radrennfahrer und ganz allgemein Kino-Pionier. Geboren in eine wohlhabende jüdisch-tunesische Familie, der Vater Bankier des Bey und Gründer einer Bank, aus der später die Bank of Tunisia wurde. Der Nachlass von Chikli wurde von den Erben der Cineteca Bologna übergeben, um 15’000 Fotos und 4’000 Dokumente, und mit der Aufbereitung dieser Bestände konnte auch Filme als von oder mit Chikli identifiziert werden. Im ersten Programm wurden zunächst Dokumentarfilme und Newsreels aus den Gaumont- und Pathé-Archiven gezeigt (FR/IT/TN, 1911-1930), dann folgte [EN MARGE DU FILM ‚LES CONTES DES MILLES ET UNE NUITS‘], ein halbstündiger Spielfilm, dessen Herkunft noch nicht geklärt ist. Vermutlich entstand er als Nebenprodukt der Dreharbeiten zum genannten Film, bei dem – das haben die Forschungen in Bologna zum Vorschein gebracht – Chikli als einer von zwei Kameramännern und als Kontakt vor Ort in Tunesien mitwirkte. Mariann Lewinsky, eine der vier Leiter*innen des 2023er-Festivals und Herausgeberin des neuen Buches über Chikli, schreibt: „What might have been the purpose of this short film? Was it ever released? Or rather shot by the Ermolieff cast and crew [die „Les Contes de Milles et une Nuits“ produzierte] as an elaborate private souvenir of their stay in Tunisia? It is marvellous to see Albert Samama acting, and devastating how in this innocent little film, his destiny in the context of the 1920s is laid bare, involuntarily. Tunisia is reduced to serve as location for international productions and the Tunisian filmmaker relegated to the role of a servant.“ Stephen Horne sorgte – in einem er Säle der Cineteca mit einem richtigen Klavier – für eine hervorragende Begleitung.

Im Anschluss gab es auch LES CONTES DES MILLE ET UNE NUITS (Viatcheslav Tourjansky, FR, 1921), den 70minütigen Spielfilm, an dessen Rand der davor gezeigte Kurzfilm entstanden ist – mit Matti Bye am Klavier und Eduardo Raon an der Harfe, wobei letztere selten konventionell gespielt wurde und einige an Elektronik zum Einsatz kam. Dass Chilkli eben als Kameramann und Koordinator in Tunesien (der Film wurde als Dreiteiler produziert – eben von Ermolieff, die sich 1922 in Albatross umbenannten – , überlebte aber nur in einer verkürzten Version, wie sie in den USA distribuiert wurde) konnte erst 2022 durch den Fund eines Zeitungsausrisses von 1921 im Nachlass bestätigt werden: „Cameramen were Mr. Leclerc, a veteran camera operator for Pathé, and Mr. Samama-Chikli, who has been of great help to all of these screen artists“). Im Gegensatz zum Kurzfilm, der völlig ohne Zwischentitel auskommen und perfekt funktioniert (der Plot ist auch recht simpel), sind „Les Contes des Mille et une Nuits“ ein elaboriertes Produkt: Karawanen, Paläste, Kostüme, Reichtümer, natürlich die Geschichte in der Geschichte … die Begleitung passte sehr gut, und die Exotica haben durchaus ihren Charme.

Dann ging’s wieder rüber in den Vorlesungssaal, in dem DOWN AND OUT IN AMERICA (Lee Grant, US, 1986) gezeigt wurde. Im Lauf des Films habe ich mich mehrmals gefragt, ob ich den Film nicht bereits gesehen habe? Vermutlich nicht, aber die Szenen auf dem Land bei den protestierenden Farmern, die ihr Häuser, ihren Fuhrpark, ihr Land unter Wert verkaufen müssen, weil die Banken ihnen keinen Kredit mehr gewähren, kamen mir sehr bekannt vor. Ein deprimierender Film, in dem es zudem um die Wohnungsnot in den Grossstädten geht, wie Obdachlose in New York in „Hotels“ versorgt werden, wie sie quasi zum Produkt einer profitablen Wohlfahrtsindustrie gemacht werden, völlig entrechtet und jeglichen Handlungsspielraums beraubt. Ein Projekt in San Francisco, eine Art autonome Siedlung auf einem Parkplatz (von dessen Besitzer toleriert), wird natürlich plattgemacht, geräumt, komplett zerstört – denn dass diese Menschen sich Handlungsmacht zurückerobern, ist nicht vorgesehen. Und ich befürchte, das ist in den westlichen Ländern bis heute genau so – der letzte Skandal über grosse Profite, die private Vermieter mit Gammelliegenschaften, in denen unter unhaltbaren Zuständen im Auftrag (aber ohne Kontrolle) der Obrigkeit Randständige einquartiert werden liegt in Zürich z.B. nur wenige Jahre zurück. Heftig fand ich besonders die Schlussszene, in der eine Familie auf einem Pier in Coney Island sitzt und Grant sich einmischt: ob die Situation (die Wohnung brannte aus, sie wurden in ein Gammelhotel umquartiert, die Wohnung später renoviert und neu vermietet, aber natürlich nicht an sie, denen nach dem Brand gar nichts geblieben ist) ihre Beziehung verändert habe, will sie wissen. Und dann scheint etwas zu passieren, eine Reflektion, eine Klarheit, die einen möglichen Bruch durchaus denkbar macht – eine Reflexion, wie sie eben ohne Grants Eingreifen vielleicht nicht stattgefunden hätte. Ähnlich wie in „Cortile Cascino“, wirft das Eingreifen der Filmemacher*innen grosse ethische Fragen auf (die nur Michael Moore, der moralische Sauhund, für sich so eindeutig beantworten kann, befürchte ich – reflektiertere Menschen könnten an diesen Fragen eher zerbrechen als sie beantworten).

Dass es danach eine lange Pause gab und einen leichteren Film in der Spätvorstellung, passte dann sehr gut: CITY STREETS (Rouben Mamoulian, US, 1931) machte den Ausklang dieses Tages, ein Gangsterfilm, in dem die Hauptdarstellerin Nan einsitzt, weil sie ihren Vater nicht verraten will (der ihr die versprochene Hilfe nicht bieten kann). Der Schiessbuden-Sharpshooter The Kid verliebt sich in Nan, lässt sich während ihres Gefängnisaufenthaltes auf die Bootlegger-Geschäfte von deren Vater ein. Die Bildsprache des Filmes ist einmal mehr voller Überraschungen: Kameraarbeit (Lee Garmes) zwischen Dokumentarfilm und Expressionismus mit viel Dunkelheit und Schatten, die Erzählweise wirkt oft Fragmentarisch, Objekte und Bewegungen werden zur Metapher: vom Schaum in einem Bierglas wird zu zu einer Bierflasche geschnitten, zu einem Wasserstrom, zu Wassertropfen. Es gibt aufgeladene Close-Ups (wenn Sylvia Sidneys Nan sich an die Vergangenheit erinnert), Assoziationen, bei denen Gegenstände, die Mise-en-Scène zum zentralen Bedeutungsträger werden. Eins meiner Mamoulian-Highlights, zweifellos.


Am Donnerstag 29. Juni hatte ich dann wieder ein volles Programm. Los ging es um 9:15 mit RINGS ON HER FINGERS (Rouben Mamoulian, US, 1942), eine leichtfüssige Romanze mit Zügen einer Screwball-Komödie (was aber letztlich wegen Gene Tierney nicht recht klappen will). Tierney, die naive Lingerie-Verkäuferin im Warenhaus wird von einem paar abgebrühter Hochstapler rekrutiert. Sie fassen Henry Fonda ins Auge, dessen Figur: ein Mann mit dem gewissen „Wall Street tan“. Dieser will mit seinem ganzen Ersparten ein Schiff kaufen – das natürlich jemand anderem als den Hochstaplern gehört, die es ihm verkaufen und verliebt sich dabei blöderweise unsterblich in Tierneys Figur. Die beiden verlieben sich tatsächlich, es wird klar, dass er nur ein kleiner Angestellter ist. Der Film hat einen guten Flow, ist elegant, fröhlich und voll mit typischen Mamoulian-Motiven (Beine, Lingerie, Mannequins) und -Themen (vertauschte Identitäten, Transformationen, Role-Playing). Das Skript ist allerdings sehr wortreich, Tierney als comédienne wie gesagt eher limitiert. Fonda glänzt dafür umso mehr und auch die Nebenrollen (der skurrile Detektiv, die Betrüger) sind super.

Einmal um den Block und wieder in die Schlange gestanden für den nächsten Mamoulian: BLOOD AND SAND (Rouben Mamoulian, US, 1941), ein Jahr früher aber in Farbe gedreht, um nicht zu sagen: gemalt. Im Mamoulian-Post schrieb ich zu „Blood and Sand“ schon ein paar Zeilen, die ich jetzt einfach nochmal kopiere:

In manchen Filmen arbeitet Mamoulian wie ein Maler. „Blood and Sand“ von 1941 über den Aufstieg und Fall eines Toreros ist das beste Beispiel dafür. Goya, Velázquez oder El Greco hat Mamoulian studiert und setzt ihre Kunst um, inszeniert Tableaux des Begehrens, der Verführung, des Todes, mit Hilfe seiner Kameramänner Ernest Palmer und Ray Rennahan, die für ihre Technicolor-Arbeit mit dem Oscar ausgezeichnet wurden. Mamoulian erzählte später in einem Interview (Sight & Sound Nr. 3, Sommer 1961), wie er gearbeitet hatte. U.a. habe er stets eine riesige Kiste mit Schals, Taschentüchern etc. in allen möglichen Farben dabeigehabt, um damit bei den Kostümen jederzeit Farbakzente setzen zu können. Und er hatte eine ganze Batterie von Sprühpistolen, mit denen er die Sets, die Kostüme oder sogar die Darsteller*innen im Bedarfsfall ansprühte. „The art director had made me a beautiful chapel; and he was very upset when I sprayed everything with green and grey paint. Then again, there’s a banquet, which was done entirely in black andd white. There were flowers on the table and (naturally) the leaves were green. I think when they saw me painting them black, they went and told Mr Zanuck I’d gone out of my mind.“

Eine Geschichte um Traum und Wirklichkeit, um Aufstieg und Fall, um Mann und Frau.

Nach der Mittagspause sah ich einen ganz bezaubernden Film: MAN’S CASTLE (Frank Borzage, US, 1933). Der Film wurde gerade restauriert und lief in einer 78minütigen Version, für die soweit möglich der (Vor-)Zensur zum Opfer gefallene Szenen wiederhergestellt wurden (mehr dazu dann im dritten Post). „Man’s Castle“ erzählt die Geschichte von Bill und Trina, Spencer Tracy und Loretta Young, einem Tagedieb (und -löhner) und einer mittellosen jungen Frau. Eine zarte, sehr fragile Liebesgeschichte, in der die schönsten Aspekte des Stummfilms fortleben, Gesten und Bilder, mit denen eine unglaubliche Zärtlichkeit, eine grosse Intimität erzeugt werden. Der stattliche Mann mit Frack und Zylinder entpuppt sich als Sandwichmann, der Werbung für eine bekannte Kaffeemarke macht. Er nimmt sie mit in eine Bretterbudensiedlung, in der sie sich gemeinsam häuslich einrichten – wobei Bill stets den vorbeiratternden Zügen nachträumt (eine Bahnlinie führte mitten durch Cortile Cascino in Palermo), deren Lärm Trina wiederum kaum ertragen kann. In einer leider nur sehr kurzen (durch die Restauration minimal verlängerten) Szenen, einer der schönsten des Filmes, zieht Bill sich aus und springt nackt in ins Wasser. Trina folgt ihm Sekunden später nach, und gemeinsam schwimmen sie zum Mond. So entsteht eine Art Sicherheit, fragil und stets bedroht, auch durch die Lebemann-Seite von Bill. Trina eröffnet Bill, dass sie schwanger ist – doch statt dass Bill auf den nächsten Zug aufsteigt, tun sie das gemeinsam. Eine Art poetischer Irrealismus und ein Sieg über die kaum auszuhaltende Realität (die Brettersiedlung liess mich auch an den Film von Lee Grant denken) – ein Triumph auch des Kinos, das uns wider jede Vernunft eröffnet, dass nichts unmöglich ist.

Im Rahmen der 16mm-Reihe lief auch ein Schwerpunkt zum experimentellen Kino aus dem Québec und aus Kanada. Von den drei Programmen sah ich das zweite, „Looking Back: Focus on Joyce Wieland“, in dem es vier Kurzfilme zu entdecken gab: PEGGY’S BLUE SKYLIGHT (Joyce Wieland, CA, 1964, 12’), WATER SARK (Joyce Wieland, CA, 1965, 14’), A & B IN ONTARIO (Hollis Frampton/Joyce Wieland, , CA, 1967–1984, 16’) und RAT LIFE AND DIET IN NORTH AMERICA (Joyce Wieland, CA, 1969, 16’). Die Filme entstanden nach ihrem Umzug von Toronto nach New York, die ersten zwei in ihrem Studio, das auch Wohnraum war. Aus Körperteilen, Alltagsobjekten, und im ersten Film der Musik von Paul Bley werden poetische Kompositionen, doch im letzten der Filme „verrät“ Wieland das Credo der New Materialists: der Film über das Leben und die Nahrung der Ratten hat ein Narrativ, ist ein Anti-Vietnamkriegsfilm, voller ironischer Brüche zwar und äusserst humorvoll, aber dennoch ein Film mit einer klaren Message. Der gemeinsam mit Hollis Frampton gemachte dritte Film – erst 1984, nach dessen Tod, montiert – dokumentiert eine Künstler*innenfreundschaft und enthält Szenen, die nah am Slapstick sind. Wieland und Frampton schleppen ihre Kameras herum, verfolgen, belauern und Filmen sich gegenseitig.

Diese ganzen „kleineren“ Programme (Stummfilme, Experimentelles, Dokumentarfilme) liefen in der Regel in den drei Sälen der Cineteca. Dort folgte auch ein Programm aus der 1923-Reihe mit drei weiteren kürzeren Filmen: LA MONTAGNE INFIDÈLE (Jean Epstein, FR, 24′), SURPRISE (Dave Fleischer, US, 9’) und GOSSETTE – Ep. 2: Le Revenant (Germaine Dulac, FR, 48′). John Sweeney (p) und Frank Bockius (d) begleiteten Epsteins Aufstieg auf den Ätna wenige Tage nach dessen Ausbruch vom 22. Juni 1923. Mit den Kameramännern Paul Guichard und Léon Donnot zog er los, um den Berg einzufangen. Gezeigt wurde eine eingefärbte 28mm-Kopie mit spanischen Zwischentiteln, frisch restauriert von der Filmoteca de Cataluña. Dann übernahm Bockius allen für „Surprise“ aus dem Fleischer Animationsstudio, das zu Tonfilmzeiten berühmt wurde, aber schon davor tätig war. Ein Clown, der in vielen Filmen auftritt und irgendwann den Namen KoKo kriegte, interagiert im Film mit dem Zeichner Max Fleischer und entflieht in die reale Welt. Max beendet aus Versehen die Romanze des Clowns in der Animation, der Clown rächt sich … und Bockius begleitete das alles kongenial. Als Hauptevent gab es dann die zweite Episode des Sechsteilers „Gossette“ von Germaine Dulac (von der auch die „Souriante Madame Beudet“ – die ich schon mal gesehen habe – und drei „illustrated records“ gezeigt wurden), ein „original, visually captivating, subtly sentimental, and exhilaratingly suspenseful crime drama, with ample servings of plot twists and cliffhangers“. In verkehrten Gender-Rollen wird das Waisenkind Gossette, deren Zieheltern und Gönner in Ep. 2 ermordet werden, zur Heldin, die den fälschlicherweise beschuldigen Sohn der beiden rettet. Diese eine Episode erlaubte nur bedingt, das ganze zu erfassen, boten aber einige abenteuerliche Einstellungen, die den Avantgarde-Background Dulacs verraten, einen guten Flow und durchaus Spannung. Sweeney war als Begleiter zudem exzellent. Als Coda gab es danach noch zwei zusammenmontierte tschechoslowakische Newsreels, in denen die am 26. März 1923 verstorbene Sarah Bernhardt gewürdigt wurde.

Im Spätprogramm folgte dann das zweite Kinugasa-Highlight, KURUTTA ICHIPEIJI (Teinosuke Kinugasa, JP, 1926), gefolgt von ONI AZAMI (Teinosuke Kinugasa, JP, 1927, Fragment von 14′). Das erste sei Kinugasas berühmtester Avantgarde-Film – entstanden, nachdem er bereits mehr als dreissig kommerzielle Filme gemacht hatte. Überlebt hat dieser unglaubliche Film nur zufällig: 1971 fand Kinugasa in seinem Schuppen einen 35mm-Print. Seither wurde er v.a. in s/w-Kopien gezeigt, doch die restaurierte Fassung, die in Bologna zu sehen war, basiert auf dem Print, den Kinugasa fand, und der blau eingefärbt war. Damit war die Originalversion zu sehen – im Gegensatz zu späteren Tonversionen, bei denen die Bildratio verändert (um Platz für die Tonspur zu machen) und die blaue Einfärbung entfernt wurde. Die Retros (Kinugasa und Mamoulian, auch letztes Jahr Fregonese schon) liefen vollständig in den grossen Sälen ausserhalb der Cineteca – also gab’s auch hier wieder das seltsame digitale Klavier. Doch Meg Morley setzte als erste die Synthesizersounds ein, die das Instrument auch bietet: Cembalo, Orgel, Rhodes, aber auch typische 70er-Synthesizer-Sphärenklänge. Damit untermalte sie den irren Bilderreigen des alles andere als linear erzählten Filmes, dessen Plot es eher zu erahnen galt. Kinugasa sagte später, den Film habe er aus dem grossen Bedürfnis heraus gemacht, wenigstens einmal einen Film „free from anyone’s control“ zu machen. Er durfte dennoch die Studios von Shochiku in Kyoto nutzen und wurde von ihnen auch finanziell unterstützt. Der Film basiert auf einer Geschiche von Yasunari Kawabata (1899-1972), der 1968 den Literaturnobelpreis gewissen sollte, ind en Zwanzigern aber noch ein Nachwuchstalent war. Bilder aus der Anstalt, in der die Frau eines von Schuldgefühlen zerfressenen, dort als Hausmeister anheuernden Mannes haust, dazu nicht nur zum Einstieg ein schnell geschnittener, äusserst filmischer Reigen von abstrakten (oder konkreten, abstrakt wirkenden) bewegten Bildern. In einer zeitgenössischen Kritik stand, der Film sei „the first filmlike film made in Japan“, seine Schönheit sei „neither theatrical nor novelistic nor painterly; it is cinematic beauty.“

Nachtrag: „Oni Azami“ ging mir zunächst unter – das war nach dem genialen Hauptfilm eine seltsame, unglücklich platzierte Fussnote. 14 Minuten Fragmente (mit serbischen Zwischentiteln) aus einem der vielen verlorenen kommerziellen Filme Kinugasas, in diesem Fall besonders, weil der Film den ersten Auftritt des damals erst 19jährigen künftigen Stars Chojiro Hayashi (1908-1984) bei Kinugasa dokumentiert, der auch in „Yukinojo henge“, „Daibutus kaigen“ (s.o.) zu sehen ist, sowie im vor ein paar Jahren in Bologna gezeigten, leider nicht wiederholten und mir unbekannten, vielleicht berühmtesten Film Kinugasasas, „Jigokumon“. Sein Spiel sei von „sweetness and even vulnerability“ ebenso geprägt wie von seinen Fähigkeiten beim Umgang mit dem Schwert. Das kann ich soweit v.a. auf Basis von „Yukinojo henge“ definitiv unterschreiben!

Fortsetzung folgt… (zu Teil 1 / zu Teil 3)

Il Cinema Ritrovato, Bologna, 24 June - 2 July 2023 - XXXVII edizione (1/3)

 


Zum ersten Mal war ich dieses Jahr für die ganze Länge beim Il Cinema Ritrovato in Bologna dabei – „Cinephile’s Heaven“, wie die dritte Hauptsektion des Programmes überschrieben ist. „The Time Machine“ und „The Space Machine“ heissen die beiden anderen Sektionen, dazu gab es wieder einige Special Events, zudem auch Vorträge und ein paar Ausstellungen.

In „The Time Machine“ gab es eine Reihe zum Jahr 1903 und die Fortsetzung von „Cento anni fa“, was dieses Jahr 1923 bedeutete, zudem eine Reihe mit Filmen russischer Diven in Italien, eine Reihe mit Dokumentarfilmen und nicht zuletzt das „Samama Chikli Project“.

Unter „The Space Machine“ liefen eine Retrospektive von Teinosuke Kinugasa, die regelmässige „Cinemalibero“-Reihe, Filme von Elfi Mikesch, Leopold Lindtberg und eine Reihe mit deutschen Komödien aus dem Exil („The Very Last Laugh: German Exile Comedies, 1936-1936“).

Im „Paradiso dei cinefili“ gab es dann eine Menge restaurierter und ausgegraberner Filme („Ritrovati e ristorati“ bzw. „Recovered and Restored“), eine Reihe mit Filmen mit Anna Magnani, die Retro von Rouben Mamoulian, eine Reihe mit Filmen, bei denen Suso Cecchi d’Amicho mitgewirkt hat, „Powell before Pressburger“, eine Reihe mit 16mm-Filmen, sowie eine Reihe für Kinder.

Ein irres Programm mit über vierhundert Vorstellungen auf sechs Leinwänden, verteilt über neun Tage. Viel zu viel, um auch nur annähernd alles gucken zu können, zudem je nach Dauer der Filme auch etwas zu eng getaktet, um es in jedem der Slots rechtzeitig in einen der anderen Säle zu schaffen. Drei der Säle bzw. zwei Kinos und eine Mischung aus Kino und Vorlesungsraum (dort liefen Dokumentarfilme oder eben die Vorträge, von denen ich spontan doch noch einen erwischte) finden sich auf beim Cinema Lumiere, das zur Cineteca gehört, dazu werden drei Säle in der Stadt bespielt, abends kommen das grossen Open Air auf der Piazza Maggiore (Cinema sotto le stelle, läuft über mehrere Wochen bei freiem Eintritt) sowie ein kleineres Open Air beim Cinema Lumiere dazu.

Da die meisten Filme nur ein-, manchmal zwei- oder allerhöchsten dreimal gezeigt werden, muss eine Auswahl getroffen werden – für die kleineren Säle am besten mit Reservation im Voraus. Ich habe praktisch alles im Voraus gebucht, aber mein Programm mehrere Male revidiert, weil bereits ausverkaufte Vorstellungen wieder in den Verkauf gelangten oder mich was anderes als ursprünglich geplant doch mehr interessierte.

Das Programm ist grob so gestaltet, dass es zwei morgendliche Slots gibt, ca. um 9 und 11 Uhr. Dann geht es mit drei nachmittäglichen weiter, ca. 14:30, 16:30 und 18:30, bevor es um 21:30 herum in die letzte Runde geht. Dazu kommen aber immer auch kürzere Vorstellungen, die parallel laufen, und in einem der drei grösseren Säle lief die Abendvorstellung stets schon um 20 oder 20:30 Uhr. Das ist dann auch das Kino, in dem es um 22 oder 22:30 Uhr noch eine weitere Vorstellung zu sehen gab (wobei ja schon die ab 21 Uhr parallel zu den Open-Air-Screenings liefen).

Zum Thema „ausverkauft“ muss angemerkt werden, dass es für jede Vorstellung eine „last minute“-Schlange gab und die Leute, die sich dort anstellten in den allermeisten Fällen auch alle noch in den Saal gekommen sein dürften. Das alles (reservieren, last minute) geht nur noch mit Festivalpass, letztes Jahr konnte ich noch ohne fast die ganzen Retro von Hugo Fregonese besuchen. Das System finde ich etwas mühsam, aber das Publikumsaufkommen wie es scheint so gross wie noch nie war, ist es wohl vertretbar, auch wenn in den grossen Sälen (den Kinos Jolly und Arlecchino) gerne ein paar Dutzend Plätze frei blieben (auch, weil für die Supporter mit teuren Pässen stets Kontingente freigehalten werden, und wohl auch noch welche für diejenigen mit Festivalpass, die mit dem Online-Buchungssystem nicht klarkommen und beim Schalter in der Cineteca ihre Karten lösen).

Da ich seit inzwischen einem Dutzend Jahren fast nicht mehr ins Kino gehe, habe ich es wahnsinnig genossen – und es in den neun Tagen auf 45 Vorstellungen plus einen Vortrag gebracht. Drei bis sechs Vorstellungen pro Tag – meistens vier oder fünf, darunter oft auch kürzere Filme oder Programme mit Kurzfilmen, die nur eine Stunde dauerten. Und klar: ich hab im Lauf der Tage ein wenig ausgedünnt … aber da ich allein unterwegs war habe ich es so sehr ausgekostet, wie ich konnte (und wollte). Und kurzum: es war grossartig und ich bin nächstes Jahr wenn irgendwie möglich bestimmt wieder dabei!

Vollständiges Programm (auch als PDF) sowie den Katalog (als PDF – mit dem Festivalpass kriegt man die Printversion vor Ort, zusammen mit einer Stofftasche, alles mit dem Motiv aus „Quién sabe“ dieses Jahr) gibt es auf der Website:
https://festival.ilcinemaritrovato.it/en/

Die Zitate im folgenden stammen aus dem Programmheft („Heft“ … ca. 20 x 25 cm und fast 450 Seiten).


Los ging es am Freitag (23. Juni), vor dem eigentlichen Festivalbeginn, auf der Piazza mit LA NUIT DE VARENNES (Ettore Scola, FR/IT, 1982) – ein frei erfundenes, äusserst wortreiches Historiendrama um die frz. Revolution mit einem Staraufgebot, nicht zuletzt Marcello Mastroianni als alter Casanova. Scola meinte zum Film: „So what the characters are talking about is relevant to what is going on now: there are intellectuals, reactionaries, progressives and idiots, just like today.“ Ein sehr vergnüglicher Einstieg, wenngleich nicht ohne Längen.

Am Samstag (24. Juni) konnte ich für die offizielle Festivaleröffnung um 12 Uhr noch einen Platz ergattern – es gab nach ein paar Ansprachen einen wilden Mix aus meist sehr kurzen Stummfilmen, ich liess das Handy mitlaufen, aber war bisher zu faul, rauszuschreiben, was da gezeigt wurde. Daniele Furlati begleitete am (leider) digitalen Klavier (leider, weil das Ding anscheinend keinen differenzierten Anschlag und relativ wenig Dynamik erlaubt – auch in leiseren Passagen klang alles wie gehämmert).

Dann ging es weiter zum ersten Film, den ich aus dem so üppigen Programm gewählt hatte, YAM DAABO (Idrissa Ouédraogo, BF, 1986) – wunderbar! Die Geschichte einer Familie, die nicht einfach in die Stadt ziehen will, sondern in eine andere Gegend zieht und einen Neuanfang wagt. Beim Gang in die Stadt, um den Eselwagen zu verkaufen, wird der jüngste Sohn von einem Auto überfahren – doch es muss weitergehen. Nicht nur ein Familiendrama voller wahnsinnig schöner Bilder – Landschaften, Close-Ups von Gesichtern etc. – und mit einer Einführung von Aboubakar Sanogo (von der FEPACI, der Fédération Panafricaine des Cinéastes), die ein flammendes Plädoyer für Ouedrago war.

Es folgte die erste Mamoulian-Vorstellung, THE FLUTE OF KRISHNA (Rouben Mamoulian, US, 1926) sowie APPLAUSE (Rouben Mamoulian, US, 1929). Den ersten Gehversuch Mamoulians hinter der Kamera aus dem Mai 1926 zeigt eine Choreographie von Martha Graham und ein neues Zwei-Farben-Verfahren von Eastman, Stephen Horne begleitete den Film an der Querflöte. ZU sehen sind drei spärlich bekleidete Tänzerinnen, dann taucht eine vierte mit einem Stock auf, die anderen verschwinden, die mit dem Stock wird ohnmächtig – hat Krishna sie überwältigt? Eine Kuriosität, die nicht wirklich auf „Applause“ vorbereitete, eine Mischung aus Backstage-Musical und New York-Film (inkl. on location-Drehs, nicht zuletzt auf der Brooklyn Bridge, für Jazzköpfe natürlich für immer mit Sonny Rollins verbunden). Eine sentimentale Geschichte über – wie man heute sagt – einen toxischen Mann, Produzent, Zuhälter, eine ihm ergebene, ausgelieferte Burlesque-Tänzerin und deren Tochter, die eigentlich von dem Milieu ferngehalten wurde, ihm aber doch nicht entkommen kann. Ein furioses Debut, in dem bereits die irren und oft symbolisch aufgeladenen Schnitte zu bewundern sind, die Mamoulians Filme prägen und oft Gegensätze von hoch und tief (die Garderoben oder der Orchestergraben im Variété vs. die Spitzen von Wolkenkratzern) ins Bild setzen, ebenso wie die manchmal völlig entfesselte Kamera. Dass manchmal über weite Strecken keine Dialoge nötig sind zeigt, wie gut Mamoulian rein in Bildern erzählen kann.

Direkt im Anschluss auch gleich der Einstieg in die Retro von Kinugasa mit DAIBUTSU KAIGEN (Teinosuke Kinugasa, JP, 1952), einem etwas langen und zähen Drama über die Errichtung einer gigantischen Buddha-Statue, angesiedelt in der Nara-Periode (710-784 – Wiki-Eintrag zur echten). Alexander Jacoby und Johan Nordström waren hier zum ersten Mal mit einer exzellenten Einführung zu hören – die mir sicherlich half, den Film etwas besser zu verstehen.

Die Spätvorstellung gab’s dann – wie meistens – nicht auf der Piazza (zum kleinen Open Air habe ich es gar nie geschafft) sondern im Kino, meist im ziemlich leeren Saal (die Vorstellungen beginnen in der Regel um 21:30, das Open Air um 21:45, aber wenn man auf einem Stuhl sitzen will, sollte man deutlich früher vor Ort sein – oder man stellt sich in die Last-Minute-Schlange für Leute mit Festivalpass). A WOMAN OF PARIS (Charles Chaplin, US, 1923) hatte ich mir ausgesucht, den ersten Film, den Chaplin machte, nachdem er 1923 endlich – vier Jahre nachdem er United Artists mitgegründet hatte – einen Film nach seinen eigenen Regeln drehen konnte. Ein Melodram, das tragikomische Züge trägt, oft bezaubernd leicht ist und mit einem irrsinnig guten Timing glänzt. Besonders an der in Bologna zu sehenden Version war, dass sie neuer Musik versehen war: Chaplin hinterliess keine fertige Musik mehr für den Film, der Score von 1977, als der Film neu aufgelegt wurde, kommt mit wenig Material aus, das vermutlich von Eric James aufs Maximum zerdehnt wurde. Dass Eric Rogers bei der Orchestrierung aushalf, ohne Chaplins Musik zu kennen, half vermutlich auch nicht. Vor ein paar Jahren tauchten dann 19 Stunden Heim- und Studioaufnahmen von Chaplin am Klavier auf, die bis 1951 zurück reichen und teils an Mitarbeitende zur Transkription weitergereicht wurden. Timothy Brock bediente sich bei diesen zu weiten Teilen nie aufs Papier gebrachten Aufnahmen und stellte daraus einen wunderbaren Score für „A Woman of Paris“ zusammen, zwischen Salonmusik und leichter Klassik, mit einem prominenten Klavier, dazu Harfe, Celesta, ein paar Streicher, einige Bläser, darunter – passend zu einer Szene im Film – auch ein Saxophon.

Am Sonntagmorgen (25. Juni) verpasste ich die Chance, „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ zu sehen – fuhr stattdessen mit dem Bus raus zum MAST, wo es eine grossartige Ausstellung zu sehen gibt mit Fotos von Andreas Gursky (von ihm selbst und dem Direktor des MAST co-kuratiert). Der Kinotag ging dann erst um 14:30 los mit ELDRIDGE CLEAVER (William Klein, DZ/FR, 1971) einer Mischung aus Agit-Prop und Dokumentarfilm, entstanden am Rand des Festival Panafricain d’Alger. Das war meine erste Vorstellung aus der 16mm-Reihe, eine fragile Kopie, die aus dem Nachlass das Schauspielers Gérard Rinaldi (1943-2012) an die Cinématheque16 überging. Eine Kopie allerdings, die in ihrer Materialität – die Körnigkeit, die Farben – sehr beeindruckend anzuschauen ist, mit Ektachrome gefilmt, die Untertitel eingebrannt, französische Zwischentitel nachträglich eingefügt, und ab und zu sind auch noch handschriftliche Notizen für einen kurzen Augenblick zu sehen.

AMOK (Fëdor Ocep, FR, 1934) war mein nächster Film, ein langer Fiebertraum nach Zweigs Novelle. „Amok is a Malay word describing a paroxysmal state of fury induced by opium“ – und das stellt der Film in den ersten zehn Minuten eindrücklich dar. Der Dschungel Malaysias wurde im Studio nachgebaut – was allerdings überaus eindrücklich gelang. Der gefallene, dem Alkohol verfallene Arzt im Exil (Jean Yonnel), der den oder bei dem der Amok stoppt, kriegt Besuch von einer weissen Frau – und da zeigt der Film sein leider überaus rassistisches Gesicht: „une vraie femme … une femme blanche“, sagt der Arzt staunend – , die ihn für eine Abtreibung aufsucht, weil niemand in der Stadt davon wissen soll. Der Arzt – beleidigt von ihrem Angebot, er fühlt sich herablassend behandelt – lehnt ab, bemüht sich danach aber, den Ruf der Frau zu schützen, die den Eingriff mit tödlichen Konsequenzen bei einer illegalen lokalen „Engelmacherin“ durchführen lässt, derwiel der Ehemann fast schon von seiner langen Reise zurückgekehrt ist … ein starker Film mit einem äusserst unschönen Beigeschmack.

Weil Carlo Chatrian bei seiner Einführung für „Rio Bravo“ ins Labern gekommen war, begann mein nächster Film eine halbe Stunde verspätet, CRY, THE BELOVED COUNTRY (Zoltán Korda, GB, 1951) – doch das Warten (es gab einen Spaziergang und ein Gelato) sollte sich lohnen. Korda sei der Regisseur, der wie kein anderer Filmemacher alle Ecken des British Empire abgegrast habe. „Cry“ drehte er in Südafrika, dokumentiert dabei unbehindert von den imperialistischeren Ansichten seines Bruders Alexander (neben Zoltán und Drehbuch-Co-Autor Alan Paxton Co-Produzent) das Leben im von der Apartheid getrennten Land. Dass die beiden Hauptdarsteller aus einem Land mit einem ganz ähnlichen rassistischen System stammten, gibt dem Film zusätzliche Würze: Canada Lee und Sidney Poitier mussten als ihre Visa als „domestic servants“ von Korda beantragen, um ins Land zu gelangen und an der Seite von Korda und dem weissen Teil des Cast und der Produktionscrew arbeiten zu können. Ein Film, der unzweifelhaft eine Anklage gegen Rassismus (nicht nur in Südafrika) und gegen die Unterdrückung und das Elend, das der Kolonialismus mit sich brachte, darstellt. Dass Teile des Films on location in den Slums um Johannesburg gefilmt wurden ist natürlich besonders bemerkenswert, dass zudem manchmal Musik aus dem damaligen Südafrika erklingt ebenfalls toll (leider gibt es keine Details dazu in den Credits, Raymond Gallois-Montbrun hat den Hauptteil des Soundtracks komponiert – geboren 1918 in Saigon passt denn auch in die Kolonialzeit).

Ein überaus gelungener und sehr breiter Einstieg bis dahin, womit ich bereit war für den ersten richtig heftigen Kino-Tag, Montag 26. Juni. Um 9:15 guckte ich das Programm „Le attuatlità senegalesi“ mit vier kurzen Dok- bzw. Nachrichtenfilmen, die 2017 im verlassenen Gebäude des ehemaligen Informationsministeriums in Dakar gefunden wurden: LE SÉNÉGAL ET LE FESTIVAL MONDIAL DES ARTS NÈGRES (Paulin Soumaunou Vieyra, 1966, 28’), IFE / 3ÈME FESTIVAL DES ARTS (Vieyra, 1971, 13’), SÉNÉGAL AN XVI (Babacar Gueye, Orlando Lopez, 1976, 21’) und VOYAGE AUX ANTILLES DU PRÉSIDENT SENGHOR (Georges Caristan, 1976, 17’). In den ersten beiden Filmen wird eine neue urbane Modernität gefeiert in der Metropole, die jetzt vom Joch des Kolonialismus befreit in eine neue Zeit aufbricht – dabei wird moderne Architektur so toll ins Bild gesetzt wie die Kunst, die bei den Festivals, die als Aufhänger dienen, gezeigt und hergestellt wird. Ein Ausflug aufs Land ist auch drin, das ganze kommt im Wochenschau-Stil daher. Am Festival Mondial wirkten u.a. André Malraux, Duke Ellington, Langston Hughes, Josephine Baker oder Aimé Cesaire mit. Im zweiten Film sind u.a. Wole Soyinka und Ousmane Sembène zu sehen, von dem beim Festival „Ceddo“ und über den eine kleine Foto-Ausstellung gezeigt wurde – letztere habe ich angeschaut, den Film aber leider verpasst. Beim 16. Geburtstag unterstützte dann Nordkorea die Feierlichkeiten der senegalesischen „Demokratie“ – und dass da schon wieder etwas aus dem Lot war, konnte man sich auch angesichts der endlosen Paraden denken, die gezeigt werden. Neben dem Bericht über die Jubiläumsfeierlichkeiten (Sportanlässe, Militärparade, Abschlussevent im Präsidentenpalast) wurden dann auch noch Nachrichten gezeigt: der Besuch des ivorischen Präsidenten Félix Houphouët-Boigny im Elysée-Palast, um die Rolle Europas im postkolonialen Afrika zu besprechen, die Einflussnahmen der USA wie der Sowjetunion, ein Treffen mit Jacques Chirac. Dann folgte noch ein Bericht über ein französisches Patent für einen Impfstoff, mit dem bei einem Meningitis-Ausbruch in Brasilien rasch geholfen werden konnte (da stehen die Menschen dankbar in langen Schlangen an). Im letzten Film reisten wir dann mit Senghor durch die Antillen und feiern irgendwelche Völkerfreundschaften, besuchen das Set von Sembènes „Ceddo“ und die Eröffnung von „Ramsès le Grand“ im Pariser Grand Palais. Klar wird auch aus dieser Zusammenfassung, wie zentral Frankreich auch im Jahr XVI noch war.

Mit PROCESSO ALLA CITTÀ (Luigi Zampa, IT, 1952) sah ich danach einen (einzigen) Film aus der Reihe, die Suso Cecchi d’Amico gewidmet war. Ein früher, eindrücklicher und eindringlicher Spielfilm über die Mafia. Es war 1952 noch nicht denkbar, ihn über die Camorra der Gegenwart zu drehen, also wurde er im Neapel von einigen Jahrzehnten davor angesiedelt. Die Mafia ist eine parasitäre Bürgersgesellschaft, die ausbeutet und mordet, deren Netz durch die ganze Gesellschaft geht und auch die Polizei beinhaltet, die gemeinsam mit der Hauptfigur, einem unerschrockenen Richter, der am Ende völlig allein da steht, zu ermitteln vorgibt, aber in Wahrheit nichts anderes als zu vertuschen sucht, Sündenböcke organisiert – und dabei in den Logen in der Oper sitzt, wo sich die jüngsten Neuigkeiten natürlich blitzschnell verbreiten. „Perhaps the best screenplay I ever wrote is the one for Processo alla città. It is a really beautiful screenplay … Zampa is an underrated director. I think he played an important role. I have always admired his ability to make our stories relevant, all the while often placing them within the context of entertaining comedies. He was a director whose style was less artistic than some of those who followed, but his strengths are indisputable“ (Suso Cecchi d’Amico).

Weiter ging es am Nachmittag mit PROSOPO ME PROSOPO (Roviros Manthoulis, GR, 1967), für den die angekündigte Einführung leider entfiel. Ich habe von Manthoulis noch nie gehört, fand den Film enorm beeindruckend. Sehr Sixties, in bestechenden s/w-Bilden fotografiert, oft sehr cool – und zugleich zeigt der Film wiederum eine skrupellose, amoralische Elite in Form einer Familie, die sich selbst permanent überwacht und in die quasi als Vertreter des Publikums ein Aussenseiter als Englischlehrer der Tochter eindringt … oder eher, so scheint es die Familie zu planen: sich einnistet und kleben bleibt in der Falle. Kafkaeske Momente also immer wieder, am Ende eine Befreiung, wenn der Protagonist sich heroisch losreisst und seine Arbeiterklassen-Maskulinität zurückerobert, die ihm von den neuen Barbaren (die Tochter heisst Barbara) davor genommen wurde. Der Film gewann 1966 ein paar Preise, wurde natürlich nach Beginn der Militärdiktatur verboten. Was mögliche Lesarten angeht bin ich mir überhaupt nicht sicher (auch die Sache mit der Maskulinität – heute in der Form zum Glück aus der Zeit gefallen … eben: schade entfiel die Einführung, die Maria Komninos vom griech. Filmarchiv hätte halten sollen).

Der nächste Film war laut. Irre. Und irre laut! THE PLOT AGAINST HARRY (Michael Roemer, US, 1971/1989). Roemer war im Rahmen der „Ritrovati e Restaurati“-Reihe ein kleiner Schwerpunkt gewidmet, nebst den Filmen, die ich hier erwähne, lief auch noch „Nothing But a Man“ von 1964 mit Abbey Lincoln, den ich schon kannte, wenngleich nicht aus dem Kino … aber solche Überlegungen spielten halt bei der persönlichen Programmgestaltung eine Rolle, angesichts des unglaublichen Reichtums des Gebotenen). Harry Plotnick ist ein wahnhafter jüdischer Mobster, der am Anfang des Filmes aus dem Gefängnis kommt und sich darum bemüht, wieder Anschluss zu finden. Der Film, „animated by documentary flair that captures both New York’s simmering multi-ethnic melting post as well as remarkable images of a now lost world“, präsentiert eine Reihe grossartiger Szenen, nicht zuletzt aus einem Catering-Unternehmen, einem Golfclub direkt neben einem mehrspurigen Highway (der Film ist LAUT! Mir pfiffen wirklich die Ohren nach den 80 Minuten), jüdische Familienfeste, Lingerie-Modeschauen etc. Roemer hat dafür lange recherchiert und gleich ein Jahr bei einem jüdischen Catering in Long Island gearbeitet. Das Ensemble besteht zum allergrössten Teil aus Laien-Darsteller*innen. Und der ganze Film ist so komisch wie er laut ist (also irre komisch) – und klar, Harry geht einer grossen Verschwörung auf den Leim, aber das spielt eigentlich am Ende gar keine so grosse Rolle mehr. Ein irres Vergnügen!

Und danach war’s noch nicht mal Zeit für die kurze Abendessen-Pause. Es ging mit YUKINOJO HENGE (Teinosuke Kinugasa, JP, 1935) weiter, in dem ein Kabuki-Schauspieler, der (wie früher Kinugasa) auf Frauenrollen spezialisiert ist („onnagata“), sich an den beiden Bösewichten rächt, die einst seine Eltern in den Ruin und in den Selbstmord getrieben haben. Der Film blieb für mich streckenweise undurchdringlich und rätselhaft, auch über die langen Szenen aus dem Theater hinaus – wo der Hauptdarsteller ein gefeierter Star ist, der nach langer Zeit wieder in seine Heimatstadt zurückkehrt, dem Ort des einstigen Geschehens – wirkte das zu Sehende oft äusserst theatralisch und ja: manchmal wie abgefilmtes Theater. Das ist um so erstaunlicher angesichts der Stummfilme Kinugasas (s.u.), aber natürlich auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass das genau so sein sollte. Dass das ganze auch noch ein das steife Korsett einer Rahmenhandlung gepackt wurde, machte die Sache nicht besser. Dafür gab es wunderbar poetische Szenen und einige tolle Martial-Arts-Einlagen. Eine der besten kombinierte beides, eine der grossen Racheszenen gegen Ende, ein Schwertkampf des Helden mit zwei Kontrahenten in einer leeren Nebel-Studiolandschaft, die gar nicht erst versucht, wie eine realistische Landschaft auszuschauen. Da überwindet der Film dann doch wieder alles, was ihn sonst schwerfällig und steif macht.

An dem Abend musste ich dann wieder auf die Piazza (und verpasste deswegen Peckinpahs „Cross of Iron“, den ich schon sehr gerne mal noch sehen würde): da gab es STELLA DALLAS (Henry King, US, 1925) mit Live-Begleitung durch das Orchestra del Teatro Comunale unter der Leitung von Timothy Brock (er ist in dieser Rolle wohl seit Jahren dabei, ich war 2016 schon auf der Piazza, als das TCB-Orchester und Brock einen Chaplin-Klassiker begleiteten). Die neue Musik von Stephen Horne fand ich leider eher belanglos – durchaus nett anzuhören, aber das plätscherte halt so dahin (nach dem tollen Chaplin-Soundtrack von Brock davor war halt der Kontrast auch gross). Den Film fand ich jedoch umwerfend – ein Drama um eine eigenwillige, unabhängige und doch irgendwie gefangene Frau, die irgendwann merkt, dass sie sich zurückziehen muss, damit ihre Tochter ein eigenes Leben leben kann. Lustig, tragisch, voller wunderbar zarter Bilder und Szenen, mit einem grandiosen Highlight gegen Schluss, wo Stella im Regen am Zaun steht und von draussen die Hochzeit ihrer Tochter beobachtet – bis ein Polizist sie unsanft wegschubst und zum Weitergehen auffordert. „We are stirred into sympathy with all these people because we cannot help identifying with them“, zitiert das Programm eine zeitgenössische Kritik: „the whole picture is so full of the half-tones of which ordinary life is composed.“

Fortsetzung folgt … zu Teil 2