Dieses Jahr liegt ein extensiver Unerhört-Besuch leider nicht drin (und das Programm verlangt ihn auch nicht so sehr wie letztes Jahr), aber zwei Abende und damit zwei Tenorsaxophonisten liess ich mir nicht entgehen.
23.11. – GZ Riesbach, Zürich
Es spielte das Trio Ellery Eskelin-Christian Weber-Michael Griener. Die drei hatten sich vor ein paar Jahren kennengelernt, traten 2011 in Willisau auf (es gibt Auszüge auf Youtube), später in New York ausführlicher zusammen geprobt, die gemeinsame Liebe zu alten Standards entdeckt … und das heisst in diesem Fall wirklich alt, „Moten Swing“ ist das jüngste Stück des Programms, das gerade bei Intakt erschienen ist und vorgestern gespielt wurde (die CD wurde Anfang 2016 eingespielt, ist auf 2017 datiert, war am Konzert aber bereits käuflich zu erwerben: „Sensations of Tone“, Intakt 276, 2017). Auch Stücke von Jelly Roll Morton oder Fats Waller standen auf dem Programm, sie wurden im Wechsel gespielt mit freien Stücken, die wohl teils ein wenig zurechtgelegt waren, in eine bestimmte Richtung gehen sollten.
Jedenfalls war das ein eindrückliches Set, sehr zurückhaltend und völlig unprätentiös gespielt. Zudem rein akustisch, was ja heute leider eine seltene Kunst ist. Weber hat am Kontrabass einen Ton, der tragend und voluminös genug ist, Griener spielt ein Drum-Kit mit kleiner Bass-Drum (sehr dünn, nur so 25 cm zwischen den Fellen), einer sehr flachen Snare und ähnlich flachen Toms. Das führt zu einer enormen Transparenz, was Eskelin auch in seinen Liner Notes im Booklet der neuen CD hervorhebt. Eskelin war wahnsinnig eindrücklich, spielte sowohl in den freien Stücke wie in den Standards wunderbare Soli mit grossem Sinn für die weiten Bögen, die Gesamtarchitektur, voller kleiner Verfärbungen, Mikrotönen, alternativen Griffen und sowas, aber auch hart swingend und zugleich total entspannt. Das Zusammenspiel des Trios war klasse, das war alles mit einer Nonchalance und auch mit grosser Bescheidenheit gespielt, leise und unaufgeregt, aber gleichzeitig mit höchster Dichte, grosse Konzentration bei lockerer Gelöstheit.
Danach folgte ein zweites Set mit Hans-Peter Pfammatter & Big Band der Hochschule Luzern-Musik. Nach dem bezaubernden Trio hatte ich etwas Bedenken, überhaupt dortzubleiben, doch das hat sich durchaus gelohnt. Die jungen Musikerinnen und Musiker spielten mit Engagement und manche mit beträchtlichem Können, die in kurzer Zeit einstudierten Arrangements von Pfammatter hatten es in sich, es gab auch keinen konventionell swingenden Big Band Jazz, eher eine Mischung irgendwo zwischen Sun Ra, Zappa, Don Ellis, Steve Reich, zwischen Jazz, Grooves und Space Funk. An letzterem hatte Leader Pfammatter keinen geringen Anteil, er sass mit dem Rücken zum Publikum an einem alten Analog-Synthesizer, der immer wieder in den Klang der Big Band (mit prominenter Gitarre, Kontrabass, Drums, Upright-Piano sowie den üblichen 4-4-5-Bläsern) und dirigierte die Band. Der Synthesizer kam sowohl solistisch als auch im Rahmen der Arrangements zum Einsatz, das ganze Set war abwechslungsreich, von Freiem, eher Klamaukigen bis hin zu raffiniert geschichteten und funky groovenden Sound-Collagen.
24.11. – WIM, Zürich
Der zweite und leider letzte Abend, den ich dieses Jahr am Unerhört besuchte, stellte sich ebenfalls als sehr lohnenswert heraus. Tobias Delius hatte ich vor ein paar Wochen ja bereits in Basel gehört und davor vor elf Jahren auch schon am Unerhört mit dem ICP Orchestra. Schon damals hinterliess Delius einen hervorragenden Eindruck und – aufgrund des kurzen Festivalsets – Lust auf mehr.
Dass es also endlich mal klappte, ihn in angemessenem Rahmen hören zu können, war umso schöner. Den Auftakt des Abends in der kleinen Werkstatt für improvisierte Musik machte Peter K. Frey, solo am Kontrabass. Frey gehört zu den Gründern der WIM und im Publikum sassen verschiedene vertraute Gesichter der Zürcher Szene, darunter die Pianistinnen Gabriela Friedli und Irène Schweizer, die Schlagzeuger Dieter Ulrich und Christian Wolfahrt, der Elektrobassist Jan Schlegel oder der Saxophonist Omri Ziegele, der als Mitinitiator von Unerhört auch die Ansage machte. Frey spielte ein leises Set, das auf zurückhaltende Art aber recht intensiv wurde und mich wohl nach einer Viertelstunde hereinzog.
Nach der Pause dann das Trio Booklet, das sind: Tobias Delius (ts, cl), Joe Williamson (b) und Steve Heather (d). Heather sass an demselben sehr besonderen Kit, das Michael Griener am Vorabend beim Konzert mit Eskelin und Weber schon gespielt hatte – eine sehr schmale Bass-Drum (vielleicht 20 cm zwischen den Fellen), eine ganz flache Snare (wenig mehr als 5 cm), zwei flache Toms (ich dachte zunächst sogar, das seien weitere Snares, sie haben etwa die Höhe normaler Snares), dazu ein Hi-Hat und zwei weitere Becken (keines davon ein riesiges Ride). Nach dem Konzert ergab sich die Gelegenheit zu einer kurzen Unterhaltung mit Griener, dessen Kit eben darauf angelegt ist, dass er in einer unverstärkten Situation zulangen kann, ohne permanent Angst haben zu müssen, die anderen Musiker zuzudecken, was wie er meinte gerade bei Eskelin unglaublich gut ankomme – eine solche Rhythmusgruppe, also Weber/Griener, gäbe es in New York nicht, und nachdem mal das Eis gebrochen gewesen sei, hätte das Zusammenspiel allen dreien grosses Vergnügen bereitet … hoffen wir, dass die neue Intakt-CD dem Trio etwas Auftrieb gibt und zu weiteren Auftritten führen wird, es wäre zu schade, wenn diese hervorragende Kombination nicht öfter zu hören wäre!
Aber gut, Booklet: Delius stand praktisch vor meiner Nase und es war phantastisch (wie schon bei Eskelin am Vorabend) aus der Nähe die ganzen Nuancen und tonalen Schattierungen, das Spiel mit dem Atem, den mechanischen Geräuschen zu hören, das bei Delius ja nicht alleine kommt sondern in die Töne eingebettet und integriert wird. Das Trio machte sofort Dampf, es präsentierte ein äusserst variantenreiches Set, das von freien Passagen bis nach Südafrika reichte. Aus einfachsten Grooves (einmal klöppelte Heather einen Beat fast wie auf Miles‘ „In a Silent Way“) entwickelten sich Bögen, die aber immer wieder unerwartete Haken schlugen – vom Verschwurbelt-Verspielten zum melodisch-motivischen Tenorsaxophon mit der Souveränität eines Sonny Rollins innert weniger Sekunden. Sehr toll auch, wie offen das Trio aufeinander reagiert, im permanenten Wachzustand und natürlich auch mit der Souveränität, etwas laufen zu lassen – man braucht ja nicht auf jeden Hinweis, jedes Angebot der anderen beiden einzugehen, auch im Interplay liegt die Würze oft in der Auswahl.
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Unerhört 2015: Omri Ziegele-Yves Theiler-Gerry Hemingway, Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon - Moods, Zürich, 29. November 2015
Am Abend gab es dann im Jazzclub Moods den Abschluss der grossartigen Ausgabe von Unerhört 2015 . Und wirklich, es passte diesmal alles, auch der manchmal etwas nervige Lokalmatador Omri Ziegele (der bei Favre - er gehört zu den Mitorganisatoren des Festival und machte die Ansage - so lange gelabert hatte, dass die drei irgendwann einfach zur Tür rein kamen und ihre Instrumente packten) wurde dem Anlass gerecht. Der Reihe nach gab es zuerst Omri Ziegele-Yves Theiler-Gerry Heminway, ein Trio aus Altsax (und Stimme), Klavier und Schlagzeug. Ziegele hörte ich schon öfter mal, dass er ein guter Saxophonist ist, steht ausser Frage, aber was er als "Poet" manchmal so an - stets englischen - Texten/Lyrics ins Mikro sagt, finde ich meist nicht sonderlich interessant. Doch gestern hat für einmal wirklich alles gepasst, Hemingway war wie immer ein unglaublich toller Begleiter, mit riesigen Ohren und einer enormen Reaktionsschnelligkeit, ähnlich Theiler am Klavier (die beiden muss mal jemand als Duo programmieren, bitte, ja? Und warum nicht auch mal Schweizer/Heminway?), das verzahnte sich alles aufs Schönste, Ziegele spielte darüber sein ungebändigtes Saxophon und kam auch textlich auf den einen oder anderen grünen Zweig. Mehr als bloss ein würdiger Auftakt für den - erhofften - krönenden Abschluss, ein wirklich tolles Set!
Den Abschluss - und er war durchaus krönend! - machten dann Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon. Drei alte Kämpen, die Art Konzert, bei der man manchmal vergeblich hofft und auf der Bühne gar nichts passiert ... Portal ein überaus launischer Kerl, anfangs noch merklich verstimmt heiterte sich seine Miene im Verlauf des Konzerts auf, seine launigen Ansagen waren jedoch vor allem zur Belustigung von Daniel Humair gedacht, schien mir, auch mit leidlichen Französischkenntnissen verstand man kaum ein Wort. Portal spielte grundsätzlich Bassklarinette, griff je zweimal zur Klarinette und zum Sopransaxophon und schloss das Set dann mit ein paar Nummern am Bandoneon (Daniel Humair goes Tango ... sehr schön). Auch hier war wieder klar, wie zuvor beim Trio von Favre: die drei sind gekommen, um zu spielen. Von Beginn an herrschte gespannte, konzentrierte Atmosphäre (wobei Portal sowas wie Spannung wohl nicht verkörpern kann, vermutlich lässt er die schon die ganze Zeit raus und steht dann eher in Bananenform mit seinen ausgelatschten Turnschuhen auf der Bühne herum, hat aber dennoch in jedem Augenblick die Kontrolle über das Geschehen. Chevillon spielte einen tollen, voluminösen Bass (etwas zu nah aufgenommen/abgemischt für meinen Geschmack, das war bei Dress am Vorabend schöner, aber die drei hatten ihren eigenen Soundmann dabei, es war wohl genau so, wie sie es haben wollten), Humair dahinter ein unglaubliches Schlagzeug. Mit Hemingway und ihm, zusätzlich zu den schon genannten, war das wahrlich ein Schlagzeug-Gipfel, der sich in den Tagen da abspielte. Wie die drei zwischen frei-schwingenden Grooves, zwischen schnellen, wilden Melodiefetzen, zwischen Soli und dichtem, blitzschnellen Zusammenspiel wechselten, war jedenfalls begeisternd, vor allem, was der überaus grosse Mann am Schlagzeug ablieferte (die Besonderheit bei ihm: zwei Stehtoms, linkshändig aufgestelltes Kit ... und die Snare wieder in ihrem Recht, ganz klar ein Jazzschlagzeuger, aber wenn man sich seine - bereits tollen - Anfänge mit Barney Wilen oder Humair-Urtreger-Michelot ansieht: was für ein beeindruckender Werdegang!). Portal schwankte zwischen Melomanie - die er jedoch nie auskostete oder gar ausreizte, zu brüchig sein Ton, zu vif sein Geist um sich irgendwo niederzulassen - und rasenden Fragmenten, er umschifft jedenfalls souverän die Fallgruben, in die ein Trovesi dann und wann fällt, wenn er sich der Schwelgerei hingibt. Zum Abschluss also nochmal ein grosses Highlight, das die - von mir durchaus gehegten, gar kühnen - Erwartungen gänzlich erfüllte.
Den Abschluss - und er war durchaus krönend! - machten dann Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon. Drei alte Kämpen, die Art Konzert, bei der man manchmal vergeblich hofft und auf der Bühne gar nichts passiert ... Portal ein überaus launischer Kerl, anfangs noch merklich verstimmt heiterte sich seine Miene im Verlauf des Konzerts auf, seine launigen Ansagen waren jedoch vor allem zur Belustigung von Daniel Humair gedacht, schien mir, auch mit leidlichen Französischkenntnissen verstand man kaum ein Wort. Portal spielte grundsätzlich Bassklarinette, griff je zweimal zur Klarinette und zum Sopransaxophon und schloss das Set dann mit ein paar Nummern am Bandoneon (Daniel Humair goes Tango ... sehr schön). Auch hier war wieder klar, wie zuvor beim Trio von Favre: die drei sind gekommen, um zu spielen. Von Beginn an herrschte gespannte, konzentrierte Atmosphäre (wobei Portal sowas wie Spannung wohl nicht verkörpern kann, vermutlich lässt er die schon die ganze Zeit raus und steht dann eher in Bananenform mit seinen ausgelatschten Turnschuhen auf der Bühne herum, hat aber dennoch in jedem Augenblick die Kontrolle über das Geschehen. Chevillon spielte einen tollen, voluminösen Bass (etwas zu nah aufgenommen/abgemischt für meinen Geschmack, das war bei Dress am Vorabend schöner, aber die drei hatten ihren eigenen Soundmann dabei, es war wohl genau so, wie sie es haben wollten), Humair dahinter ein unglaubliches Schlagzeug. Mit Hemingway und ihm, zusätzlich zu den schon genannten, war das wahrlich ein Schlagzeug-Gipfel, der sich in den Tagen da abspielte. Wie die drei zwischen frei-schwingenden Grooves, zwischen schnellen, wilden Melodiefetzen, zwischen Soli und dichtem, blitzschnellen Zusammenspiel wechselten, war jedenfalls begeisternd, vor allem, was der überaus grosse Mann am Schlagzeug ablieferte (die Besonderheit bei ihm: zwei Stehtoms, linkshändig aufgestelltes Kit ... und die Snare wieder in ihrem Recht, ganz klar ein Jazzschlagzeuger, aber wenn man sich seine - bereits tollen - Anfänge mit Barney Wilen oder Humair-Urtreger-Michelot ansieht: was für ein beeindruckender Werdegang!). Portal schwankte zwischen Melomanie - die er jedoch nie auskostete oder gar ausreizte, zu brüchig sein Ton, zu vif sein Geist um sich irgendwo niederzulassen - und rasenden Fragmenten, er umschifft jedenfalls souverän die Fallgruben, in die ein Trovesi dann und wann fällt, wenn er sich der Schwelgerei hingibt. Zum Abschluss also nochmal ein grosses Highlight, das die - von mir durchaus gehegten, gar kühnen - Erwartungen gänzlich erfüllte.
Unerhört 2015: Tom Rainey Trio, Craig Taborn, Loriot-Perovic Notebook Large Ensemble - Rote Fabrik, Zürich, 28. November 2015
Samstagabend ging es dann wieder in der Roten Fabrik mit einem Dreier-Ticket weiter. Den Auftakt machte das Tom Rainey Trio feat. Ingrid Laubrock & Mary Halvorson. Gemischte Gefühle im Voraus, Rainey hatte ich noch nie live gehört, Laubrock und Halvorson verschiedene Male (teils zusammen, auf der Bühne, z.B. bei Braxton am diesjährigen Taktlos) und gerade mit Laubrock bin ich nicht immer warm geworden, mit Halvorson zuletzt - das Duo mit Stephan Crump, das erst gegen Ende des kurzen Sets aufwachte - auch nicht immer so sehr wie davor. Aber gut, die drei legten los und es war von Beginn weg klar, dass das ein tolles Konzert würde. Halvorson spielte zupackend und direkt wie ich sie schon lange nicht mehr gehört habe, Laubrock solide und ebenfalls zupackender als ich sie bisher gehört habe, die beiden gaben den Tarif vor, dahinter Rainey als eine Art Hexenmeister, der manchmal wie an unsichtbaren Fäden das Geschehen zu steuern schien. Sein Spiel ziemlich direkt und hart, aber auch trocken und immer wieder beeindruckend in seiner Feinheit trotz meist hoher Lautstärke. Ein sehr tolles, überraschend intensives Konzert - und schon bis dahin ein Gipfel der aktuellen Schlagzeugkunst (wenn man noch die beiden von Guy mitzählt): Ramón López, Lucas Niggli, Joey Baron, Pierre Favre, Tom Rainey.
Dann gespannte Erwartung auf das zweite Set, den eigentlichen Grund, weshalb ich an dem Abend doch hin ging: Craig Taborn, solo am grossen Steinway-Flügel. Und verdammt, das war eine Offenbarung, definitiv das ganz grosse Highlight des Festivals! Er schien anfangs auch noch einmal die Möglichkeiten des Instruments auszuloten, und tauchte dann immer tiefer ein, rauschhaft, mit unglaublichem Sog. In den intensivsten Momenten knallte er auch mal den Unterarm auf die Tastatur, schien über dem Klavierhocker zu schweben, stapfte mit dem Fuss ... man dachte da und dort an Cecil Taylor, aber auch an Ellington und die ganze Jazzpiano-Tradition. Wirklich grossartig!
Den Abschluss des Abends machte das Loriot-Perovic Notebook Large Ensemble, ein zehnköpfiges Ensemble um den Bratschisten und Komponisten Franz Loriot sowie den Komponisten und Arrangeur Manuel Perovic. Vier Bläser (Lina Allemano-t, Silvio Cadotsch-tb, Sandra Weiss-as/bsn, Joachim Badenhorst-ts/cl/bcl) treffen auf vier (mit Perovics gelegentlicher Akustikgitarre fünf) Streicher (Loriot-vla, Deborah Walker-vc, Silvan Jeger-b, Dave Gisler-elg), dazu Schlagzeug (Yuko Oshima) und immer wieder auch etwas Gesang ... das ergab manche klanglich sehr schönen Momente, auch ein paar gute Soli (v.a. Badenhorst fand ich klasse, aber auch Weiss hatte sehr gute Momente), der Chor-Gesang schien etwas verzärtelt, aber als Idee hat mir auch das gefallen. Das Problem lag anderswo: die Schlagzeugerin hämmerte nur Rock-Rudimente, das ganze Set lang, mit heiligem Ernst, Blick hoch in den Himmel gerichtet, selbst als sie mal eine Art Solo hatte gab es nichts als die steifsten, langweiligsten Beats. Mag sein, dass das zum Konzept der Gruppe gehört, aber das ergibt für meine Ohren das Problem, dass auch Jeger am Kontrabass völlig hintansteht, dass die ganze Combo rhythmisch äusserst uninspiriert wirkt, leblos geradezu - und das Ganze wirkt dann trotz der tollen Streicher- und Bläser-Sections oft steif und platt, da nützten auch hübsche Harmonien nicht mehr viel.
Dann gespannte Erwartung auf das zweite Set, den eigentlichen Grund, weshalb ich an dem Abend doch hin ging: Craig Taborn, solo am grossen Steinway-Flügel. Und verdammt, das war eine Offenbarung, definitiv das ganz grosse Highlight des Festivals! Er schien anfangs auch noch einmal die Möglichkeiten des Instruments auszuloten, und tauchte dann immer tiefer ein, rauschhaft, mit unglaublichem Sog. In den intensivsten Momenten knallte er auch mal den Unterarm auf die Tastatur, schien über dem Klavierhocker zu schweben, stapfte mit dem Fuss ... man dachte da und dort an Cecil Taylor, aber auch an Ellington und die ganze Jazzpiano-Tradition. Wirklich grossartig!
Den Abschluss des Abends machte das Loriot-Perovic Notebook Large Ensemble, ein zehnköpfiges Ensemble um den Bratschisten und Komponisten Franz Loriot sowie den Komponisten und Arrangeur Manuel Perovic. Vier Bläser (Lina Allemano-t, Silvio Cadotsch-tb, Sandra Weiss-as/bsn, Joachim Badenhorst-ts/cl/bcl) treffen auf vier (mit Perovics gelegentlicher Akustikgitarre fünf) Streicher (Loriot-vla, Deborah Walker-vc, Silvan Jeger-b, Dave Gisler-elg), dazu Schlagzeug (Yuko Oshima) und immer wieder auch etwas Gesang ... das ergab manche klanglich sehr schönen Momente, auch ein paar gute Soli (v.a. Badenhorst fand ich klasse, aber auch Weiss hatte sehr gute Momente), der Chor-Gesang schien etwas verzärtelt, aber als Idee hat mir auch das gefallen. Das Problem lag anderswo: die Schlagzeugerin hämmerte nur Rock-Rudimente, das ganze Set lang, mit heiligem Ernst, Blick hoch in den Himmel gerichtet, selbst als sie mal eine Art Solo hatte gab es nichts als die steifsten, langweiligsten Beats. Mag sein, dass das zum Konzept der Gruppe gehört, aber das ergibt für meine Ohren das Problem, dass auch Jeger am Kontrabass völlig hintansteht, dass die ganze Combo rhythmisch äusserst uninspiriert wirkt, leblos geradezu - und das Ganze wirkt dann trotz der tollen Streicher- und Bläser-Sections oft steif und platt, da nützten auch hübsche Harmonien nicht mehr viel.
Unerhört 2015: Pierre Favre-John Surman-Mark Helias - Theater Neumarkt, Zürich, 28. November 2015
Am Samstag ging es dann schon um 15 Uhr weiter, im Theater Neumarkt mitten in der weihnachtlichen kollektiven Beklopptheit gelegen, wo Leute sich mit Glühwein und massenhaft sinnlosem Kram zudröhnen und ihr Ameisendasein dabei auch noch zu geniessen scheinen (wobei Ameisen ja eine Gerichtetheit haben, immerhin, sie sind im Vergleich zum Weihnachtsmarktgänger eine Hochkultur).
Nunja, wie wohltuend, in den schwarzen Saal zu kommen, eine schlichte, leergeräumte Bühne, darauf das ungewöhnlich bestücke Schlagzeug von Hexenmeister Pierre Favre. Dieser wünschte sich, mit John Surman und Mark Helias aufzutreten, dem englischen Saxophonisten und Klarinettisten, der sein Sopransaxophon, seine Bassklarinette und was wie ein Sopranino-Blockflöte aussah dabei hatte, einem alten Partner Favres, sowie Mark Helias am Kontrabass, einem Musiker, mit dem Favre in den letzten Jahren nach eigener Aussage wann immer möglich spielte.
Die drei legten sofort los, konzentriert und äusserst wach, mit einer grossen Palette und einem grossen Reichtum. Der Vergleich zum zögerlichen Schweizer/Baron-Set drängte sich auf, doch hier waren drei am Werk, die mit sich und der Situation, in die sie da geworfen waren, völlig im Reinen waren. Favre hatte zwei Basstrommeln und kein Hi-Hat dabei, einen "Baum" mit vier (kleineren) Becken, einen Gong, eine kleine Djembe, anstelle des einen Doppel-Toms über der kleinen der beiden Basstrommeln, und verschiedene grosse Becken, daneben die üblichen zwei, drei Toms (ein Stehtom) und eine Snare, das alles bearbeitete er mit einer Vielzahl verschiedener Sticks und es war wirklich sehr faszinierend, ihm von der Seite her zuzuschauen.
Surman stand auf der anderen Seite der Bühne, beeindruckte mit einem unglaublich weichen und vollen Ton am Sopransax aber auch mit guter Bassklarinette. Helias stand in der hinteren Mitte der Bühne, er war nicht ruhender Pol oder sowas, gar nicht, die drei brauchten kein Sicherheitsnetz, sie gaben sich ihre Ordnung selbst, veränderten sie aber konstant. So ganz wurde ich aber bei Surman den Eindruck einer gewissen Gemütlichkeit (nicht: Gemütsruhe, die war wohl auch da, zumindest schien es so, doch an der würde ich nicht kritteln wollen) nicht ganz los. Favre, der älteste der drei, war wohl auch der wachste, der aufmerksamste, und letztlich der aktivste, zupackendste, neugierigste und drängendste.
Nunja, wie wohltuend, in den schwarzen Saal zu kommen, eine schlichte, leergeräumte Bühne, darauf das ungewöhnlich bestücke Schlagzeug von Hexenmeister Pierre Favre. Dieser wünschte sich, mit John Surman und Mark Helias aufzutreten, dem englischen Saxophonisten und Klarinettisten, der sein Sopransaxophon, seine Bassklarinette und was wie ein Sopranino-Blockflöte aussah dabei hatte, einem alten Partner Favres, sowie Mark Helias am Kontrabass, einem Musiker, mit dem Favre in den letzten Jahren nach eigener Aussage wann immer möglich spielte.
Die drei legten sofort los, konzentriert und äusserst wach, mit einer grossen Palette und einem grossen Reichtum. Der Vergleich zum zögerlichen Schweizer/Baron-Set drängte sich auf, doch hier waren drei am Werk, die mit sich und der Situation, in die sie da geworfen waren, völlig im Reinen waren. Favre hatte zwei Basstrommeln und kein Hi-Hat dabei, einen "Baum" mit vier (kleineren) Becken, einen Gong, eine kleine Djembe, anstelle des einen Doppel-Toms über der kleinen der beiden Basstrommeln, und verschiedene grosse Becken, daneben die üblichen zwei, drei Toms (ein Stehtom) und eine Snare, das alles bearbeitete er mit einer Vielzahl verschiedener Sticks und es war wirklich sehr faszinierend, ihm von der Seite her zuzuschauen.
Surman stand auf der anderen Seite der Bühne, beeindruckte mit einem unglaublich weichen und vollen Ton am Sopransax aber auch mit guter Bassklarinette. Helias stand in der hinteren Mitte der Bühne, er war nicht ruhender Pol oder sowas, gar nicht, die drei brauchten kein Sicherheitsnetz, sie gaben sich ihre Ordnung selbst, veränderten sie aber konstant. So ganz wurde ich aber bei Surman den Eindruck einer gewissen Gemütlichkeit (nicht: Gemütsruhe, die war wohl auch da, zumindest schien es so, doch an der würde ich nicht kritteln wollen) nicht ganz los. Favre, der älteste der drei, war wohl auch der wachste, der aufmerksamste, und letztlich der aktivste, zupackendste, neugierigste und drängendste.
Unerhört 2015: Irène Schweizer/Joey Baron, William Parker, Marc Copland Quartet - Rote Fabrik, Zürich, 27. November 2015
Freitagabend in der Roten Fabrik gab es dann den ersten grossen Festival-Abend mit drei Formationen. Den Auftakt machte das Duo Irène Schweizer-Joey Baron. Es war Schweizers grosser Wunsch, ihre Reihe von Duos mit Drummern mit Joey Baron fortzusetzen. Die Hoffnungen waren gross, zumal ich beide sehr mag, doch wie sie zusammenfinden sollten, war mir nicht ganz klar - und das Konzert hat das letztlich auch nicht geklärt, muss ich im Rückblick sagen. Es begann zunächst zögerlich, als wolle Schweizer ihren Gast nicht zu sehr herausfordern, ihn nicht vor fertige Tatsachen stellen. Stattdessen ein Motiv da, ein paar geklimperte Töne dort, ein stark rhythmisierter Melodiefetzen, eine leicht versetzte Repetition ... wartend auf Reaktion von Baron, der dann irgendwann einfach zu spielen anfing - was natürlich schon den Besuch des Konzertes lohnte, klar, der Mann ist umwerfend. Nach wohl 15 Minuten ging es dann langsam zur Sache, das Einspielen war vorbei und das Zusammenspiel klappte leidlich gut, Baron eruptiv wie immer, wie unzähligen Einfällen, immer wieder der schiere Aberwitz. Schweizer kam dann auch in die Gänge, spielte ihre Motive und Phrasen auf insistierende, immer härtere Weise. Man spielte Time und auch nicht, und ich bin mir nicht sicher, ob da der Kern des trotz der guten Entwicklung irgendwie fortbestehenden Problems war. Ich höre Baron als einen Jazz-Drummer, der Time spielt, mit Time spielt, ausbricht, zurückfindet, mit den anderen Musikern spielt und gegen sie, sie umschmeichelt und vor den Kopf stösst, sie streichelt und ihnen dann unvermittelt eine reinknallt, um gleich wieder zum schnurrenden Kätzchen zu werden ... Schweizer kann Time spielen, aber meistens will sie wohl anderes und ihr Time ist auch nicht so flexibel, dünkt mich, wie Barons. Aber gut, mit Bennink z.B. klappt es ja ganz wunderbar, aber der ist halt im freien europäischen Jazz ebenso daheim wie Schweizer. Die erste Zugabe war dann eine bekloppte Idee, ein hüftsteifer 12-Takt-Blues, in dem die beiden komplett aneinander vorbeispielten, Baron versuchte wohl eine Art Catlett/Krupa-Hommage zu trommeln, aber das ging mit dem Klavier zusammen gar nicht. Zum Glück spielten sie noch eine zweite Zugabe und da war alles wieder im Lot - in den Zugaben quasi nochmal die Entwicklung des Sets gespiegelt, irgendwie passend.
Dann war William Parker an der Reihe - solo, Kontrabass und Gesang. Ich bin nun ja erklärtermassen kein grosser Fan von ihm, war aber gespannt und sass, so bilde ich mir das wenigstens ein, mit offenen Ohren und offenem Herzen da, auf das harrend, was kommen mochte und mich vielleicht doch noch eines Besseren belehren würde. Doch leider weit gefehlt. Parker sang einfache Verse, politisch aufgeladene Programmusik, die Stücke bestanden aus zweieinhalb Tönen (die letzten drei Stücke - seine launige Absage zum Schluss war dann der Höhepunkt des Sets - bestanden alle aus dem gleichen einen Ton). Aber gut, soweit kein Problem, WAS er spielte gefiel mir nicht schlecht, der Gesang, die Worte, das alles war durchaus stimmig (wenngleich nicht mein paar Schuhe), aber das WIE ... sein Bass hatte null Körper, keine Resonanz, klang völlig flach, da war kein Vibrieren in der Luft, nichts. Quasi die Konzertversion einer digitalen CD-Aufnahme aus den späten Achtzigern. Dann griff er auch noch öfter zum Bogen, um auf seinem Bass herumzuschaben, der alte "Fingernägel auf der Wandtafel"-Effekt ... nunja, der Tiefpunkt des Festivals, und das nach einem schon holprigen Einstieg, ich begann fast schon, vom Glauben abzufallen.
Den Abend beschloss dann eine Gruppe, die eigentlich gar nicht in den Rahmen passten, das Marc Copland Quartet mit dem Trompeter Ralph Alessi, Drew Gress am Bass und - erneut - Joey Baron am Schlagzeug. Die vier spielten eine Art abgehärtete (sie sind ja Ostküsten-Amis) Version eines Existentialistenjazz à la Rava oder Stanko, allerdings geht Alessi jede spielerische Ader völlig ab. Das war Post-Bill-Evans-Jazz, in der romantischen Ecke gefangen und irgendwie fehl am Platz am Unerhört. Sehr gut waren allerdings Drew Gress am Bass und erneut Joey Baron. Die beiden versuchten hartnäckig, das Geschehen zu beleben, aber Copland nahm sich viel zu sehr zurück, wurde quasi zum Statisten in seiner eigenen Band, während Alessi irgendwie auf keinen grünen Zweig kam. Der Kontrast von Gress' Ton und Wumms am Bass zum fahlen Parker davor war übrigens immens, schon die paar Töne, die er Griff, um zu überprüfen ob das Instrument noch gestimmt war ... wie Tag und Nacht. Aber gut, damit endete ein mittelprächtiger Abend, es blieb letztlich die zweite Hälfte bzw. die zwei letzten Drittel von Schweizer/Baron, die man mitnahm.
Dann war William Parker an der Reihe - solo, Kontrabass und Gesang. Ich bin nun ja erklärtermassen kein grosser Fan von ihm, war aber gespannt und sass, so bilde ich mir das wenigstens ein, mit offenen Ohren und offenem Herzen da, auf das harrend, was kommen mochte und mich vielleicht doch noch eines Besseren belehren würde. Doch leider weit gefehlt. Parker sang einfache Verse, politisch aufgeladene Programmusik, die Stücke bestanden aus zweieinhalb Tönen (die letzten drei Stücke - seine launige Absage zum Schluss war dann der Höhepunkt des Sets - bestanden alle aus dem gleichen einen Ton). Aber gut, soweit kein Problem, WAS er spielte gefiel mir nicht schlecht, der Gesang, die Worte, das alles war durchaus stimmig (wenngleich nicht mein paar Schuhe), aber das WIE ... sein Bass hatte null Körper, keine Resonanz, klang völlig flach, da war kein Vibrieren in der Luft, nichts. Quasi die Konzertversion einer digitalen CD-Aufnahme aus den späten Achtzigern. Dann griff er auch noch öfter zum Bogen, um auf seinem Bass herumzuschaben, der alte "Fingernägel auf der Wandtafel"-Effekt ... nunja, der Tiefpunkt des Festivals, und das nach einem schon holprigen Einstieg, ich begann fast schon, vom Glauben abzufallen.
Den Abend beschloss dann eine Gruppe, die eigentlich gar nicht in den Rahmen passten, das Marc Copland Quartet mit dem Trompeter Ralph Alessi, Drew Gress am Bass und - erneut - Joey Baron am Schlagzeug. Die vier spielten eine Art abgehärtete (sie sind ja Ostküsten-Amis) Version eines Existentialistenjazz à la Rava oder Stanko, allerdings geht Alessi jede spielerische Ader völlig ab. Das war Post-Bill-Evans-Jazz, in der romantischen Ecke gefangen und irgendwie fehl am Platz am Unerhört. Sehr gut waren allerdings Drew Gress am Bass und erneut Joey Baron. Die beiden versuchten hartnäckig, das Geschehen zu beleben, aber Copland nahm sich viel zu sehr zurück, wurde quasi zum Statisten in seiner eigenen Band, während Alessi irgendwie auf keinen grünen Zweig kam. Der Kontrast von Gress' Ton und Wumms am Bass zum fahlen Parker davor war übrigens immens, schon die paar Töne, die er Griff, um zu überprüfen ob das Instrument noch gestimmt war ... wie Tag und Nacht. Aber gut, damit endete ein mittelprächtiger Abend, es blieb letztlich die zweite Hälfte bzw. die zwei letzten Drittel von Schweizer/Baron, die man mitnahm.
Barry Guy Blue Shroud Band - Unerhört, Theater Rigiblick, 22. November 2015
Gestern Nachmittag ein phantastisches Konzert von Barry Guy und seiner Blue Shroud Band, eine grosse Hommage an Picassos "Guernica" und an die unsägliche Verhüllung des Bildes in der UNO (Resolution 1441, "We know that Iraq has at lest seven of these mobile biological agent factories [...] Just imagine trying to find 18 trucks among the thousands and thousands of trucks that travel the roads of Iraq every single day.")
Musik von Guy wird ergänzt durch Motive von Bach und Biber (die "Barock-Section" ist diesmal nicht nur Maya Homburger sondern umfasst auch noch Fanny Paccoud und Ben Dwyer an Bratsche und Gitarre), es gibt die von Guy bekannten "Massenszenen" mit Stop-and-Go, solistische Ausbrüche, die manchmal kurz und eruptiv waren, dann wieder länger aufgebaut wurden, Dialoge zwischen den "Sections" (wobei die Bass-Section diesmal sehr klein war, Tropete und Tuba/Serpent, die Saxophone waren hingegen zu viert, der Drummer gleich zwei und was für welche!), auch in den Barock-Passagen wurden schon mal Themen zwischen der Violine und dem Sopransaxophon hin- und hergereicht, die Begleitung ebenfalls zwischen Gitarre, Kontrabass und Serpent. Die einzigen, die solistisch etwas zu kurz kamen, waren Agustí Fernández am Klavier, Paccoud an der Viola (ich nehme an, freie Improvisation ist nicht so ihr Terrain, sie gehört zum Umfeld des hervorragenden Amarillis-Ensemble, das auf Barockmusik spezialisiert ist) und leider auch Per Texas Johansson, der zwar durchaus zu hören war, aber im Gegensatz v.a. zu Niesemann und Gabriel kein ausgiebiges Feature hatte.
Savina Yannatou wurde vielfältig eingesetzt (ich hörte sie 2004 schon am Unerhört, im Duo mit Barry Guy - ihr "Primavera en Salonico"-Konzert dieses Jahr ist ausverkauft, aber da würde ich wohl nicht hinpassen, auch wenn mich die Musik interessiert), als Text diente ein Poem von Kerry Hardie zum Thema. Yannatou rezitierte, sang (im Wechselspiel mit Violine und Sopransax auch über barocke Melodiebögen), schrie an gegen die gewaltige Wucht des Orchesters (es gab Leute, die sich ab und zu die Ohren zuhielten ... yours truly sass wie immer wenn das geht in der ersten Reihe, möglichst nah am Geschehen). Es gab die üblichen Disparitäten und Brüche, wie man sie von Guys orchestralen Werken kennt, doch allmählich fügte sich das alles zu einem Klangrausch zusammen, der alles mitnahm, der auch zwischenzeitlich alles wegzufegen drohte, bloss um dann vom Strom zum Rinnsal zu werden, das erst allmählich wieder anschwoll und Kraft gewann, um Treibholz mitzureissen ... ein überaus faszinierendes Konzert und vermutlich das beste von inzwischen drei solchen Orchesterkonzerten, die ich von/mit Guy bisher hörte (allerdings waren alle drei herausragend).
Die Besetzung:
Barry Guy Bass and Director (GB/CH)
Savina Yannatou Voice (GR)
Agustí Fernández Piano (ESP)
Ben Dwyer Guitar (IR)
Percy Pursglove Trumpet (GB)
Maya Homburger Violin (CH)
Fanny Paccoud Viola (FR)
Michel Godard Tuba and Serpent (FR)
Torben Snekkestad Soprano and Tenor Sax (NOR)
Michael Niesemann Alto Sax, Oboe (D)
Per Texas Johansson Tenor Sax, Clarinet (S)
Julius Gabriel Baritone and Soprano Sax (D)
Lucas Niggli Drums, Percussion (CH)
Ramón López Drums, Percussion (ESP)
Sehr schön fand ich übrigens, wie Lucas Niggli aufspielte. Ich empfand ihn früher immer als etwas gehemmt, sein Zoom Trio (mit Nils Wogram und Philipp Schaufelberger, letzteren mag ich sehr) kam mir bei einem relativ frühen Konzert (wohl auch vor etwa 10 Jahren) wie Filmmusik vor, die ganzen Intakt-CDs mochte ich dann nicht kaufen und blieb auch weiteren Konzerten fern, nachdem sich der Eindruch bei mehreren Konzerten bestätigt hatte. Gestern spielte er noch immer mit der bekannten Präzision und einem enormen Klangspektrum (er ist ja sowas wie Pierre Favres Meisterschüler, wenn ich mich nicht täusche), aber er wirkte im Vergleich mit meinen früheren Erfahrungen geradezu befreit.
Musik von Guy wird ergänzt durch Motive von Bach und Biber (die "Barock-Section" ist diesmal nicht nur Maya Homburger sondern umfasst auch noch Fanny Paccoud und Ben Dwyer an Bratsche und Gitarre), es gibt die von Guy bekannten "Massenszenen" mit Stop-and-Go, solistische Ausbrüche, die manchmal kurz und eruptiv waren, dann wieder länger aufgebaut wurden, Dialoge zwischen den "Sections" (wobei die Bass-Section diesmal sehr klein war, Tropete und Tuba/Serpent, die Saxophone waren hingegen zu viert, der Drummer gleich zwei und was für welche!), auch in den Barock-Passagen wurden schon mal Themen zwischen der Violine und dem Sopransaxophon hin- und hergereicht, die Begleitung ebenfalls zwischen Gitarre, Kontrabass und Serpent. Die einzigen, die solistisch etwas zu kurz kamen, waren Agustí Fernández am Klavier, Paccoud an der Viola (ich nehme an, freie Improvisation ist nicht so ihr Terrain, sie gehört zum Umfeld des hervorragenden Amarillis-Ensemble, das auf Barockmusik spezialisiert ist) und leider auch Per Texas Johansson, der zwar durchaus zu hören war, aber im Gegensatz v.a. zu Niesemann und Gabriel kein ausgiebiges Feature hatte.
Savina Yannatou wurde vielfältig eingesetzt (ich hörte sie 2004 schon am Unerhört, im Duo mit Barry Guy - ihr "Primavera en Salonico"-Konzert dieses Jahr ist ausverkauft, aber da würde ich wohl nicht hinpassen, auch wenn mich die Musik interessiert), als Text diente ein Poem von Kerry Hardie zum Thema. Yannatou rezitierte, sang (im Wechselspiel mit Violine und Sopransax auch über barocke Melodiebögen), schrie an gegen die gewaltige Wucht des Orchesters (es gab Leute, die sich ab und zu die Ohren zuhielten ... yours truly sass wie immer wenn das geht in der ersten Reihe, möglichst nah am Geschehen). Es gab die üblichen Disparitäten und Brüche, wie man sie von Guys orchestralen Werken kennt, doch allmählich fügte sich das alles zu einem Klangrausch zusammen, der alles mitnahm, der auch zwischenzeitlich alles wegzufegen drohte, bloss um dann vom Strom zum Rinnsal zu werden, das erst allmählich wieder anschwoll und Kraft gewann, um Treibholz mitzureissen ... ein überaus faszinierendes Konzert und vermutlich das beste von inzwischen drei solchen Orchesterkonzerten, die ich von/mit Guy bisher hörte (allerdings waren alle drei herausragend).
Die Besetzung:
Barry Guy Bass and Director (GB/CH)
Savina Yannatou Voice (GR)
Agustí Fernández Piano (ESP)
Ben Dwyer Guitar (IR)
Percy Pursglove Trumpet (GB)
Maya Homburger Violin (CH)
Fanny Paccoud Viola (FR)
Michel Godard Tuba and Serpent (FR)
Torben Snekkestad Soprano and Tenor Sax (NOR)
Michael Niesemann Alto Sax, Oboe (D)
Per Texas Johansson Tenor Sax, Clarinet (S)
Julius Gabriel Baritone and Soprano Sax (D)
Lucas Niggli Drums, Percussion (CH)
Ramón López Drums, Percussion (ESP)
Sehr schön fand ich übrigens, wie Lucas Niggli aufspielte. Ich empfand ihn früher immer als etwas gehemmt, sein Zoom Trio (mit Nils Wogram und Philipp Schaufelberger, letzteren mag ich sehr) kam mir bei einem relativ frühen Konzert (wohl auch vor etwa 10 Jahren) wie Filmmusik vor, die ganzen Intakt-CDs mochte ich dann nicht kaufen und blieb auch weiteren Konzerten fern, nachdem sich der Eindruch bei mehreren Konzerten bestätigt hatte. Gestern spielte er noch immer mit der bekannten Präzision und einem enormen Klangspektrum (er ist ja sowas wie Pierre Favres Meisterschüler, wenn ich mich nicht täusche), aber er wirkte im Vergleich mit meinen früheren Erfahrungen geradezu befreit.
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