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Matana Roberts im Mullbau, Luzern, 4. Dezember 2012




Photo: eineweltaushack.com
Einsame Kriegerin

von Flurin Casura

Schmerz ist ein unabdingbarer Bestandteil des Lebens – denn ohne Schmerz gäbe es keine Freude. No pain, no joy.

Die amerikanische Saxophonistin Matana Roberts ist eine Kämpferin. Und sie erzählt Geschichten. Seit einigen Jahren erforscht sie mit ihrer „Coin Coin“-Musik die Geschichte ihrer Ahnen. Sie extrahiert Geschichten aus dieser Geschichte, die reich ist an Schmerz. Der Schmerz jedoch ist vorübergehend, meistens, glücklicherweise.

Eingebettet in Videoprojektionen – Bilder vorbeiziehender Gleise, Portraits von Afro-Amerikanern, Frauen, Männern, Kindern – spielt Matana Roberts, mit Loops und Echo, rauhe, emotionale Linien. Sie schafft repetitive Muster, setzt ihre Stimme ein, antwortet sich selbst, bricht dann mit unverkennbarem cry aus in wilde Phrasen, die ihre Herkunft aus dem Freejazz offenlegen.

Von Roberts immer wieder aufgefordert summen die Zuhörerinnen und Zuhörer einen Generalbass und als sie den Klassiker „Bid ‘em In“ von Oscar Brown Jr. anstimmt, ein aufwühlendes Lied über eine Sklavenauktion, singt das Publikum den Refrain, gibt die response auf Roberts’ call. Doch aus Schmerz wird Freude, denn: „without this I wouldn’t be here“. In Zeiten des Schmerzes hilft der Gesang, erhebt er das Gemüt.

Matana Roberts, die griot aus Chicago, eine starke, in Konzertmontur beeindruckende Frau, erzählt in ihrer Musik aus dem Süden der Vereinigten Staaten, beschwört die Zeit der Sklaverei herauf, berichtet von der Fahrt mit dem Güterzug, die in der Zeit der Great Migration für viele Afro-Amerikaner aus den Südstaaten in Chicagos South Side endete. Am Dienstag machte sie im sehr gut gefüllten Mullbau in Luzern halt, nahm ein kleines, aufmerksames und singfreudiges Publikum mit auf ihre Reise.

Das Publikum verlangt nach mehr, der Bilderfluss ist schon versiegt, Roberts erhebt sich, spielt ganz ohne Effekte und Verstärkung drei Zugaben. Ihre Musik funktioniert unabhängig vom Format, auch ganz allein mit dem Instrument. Sie singt mit ihrem Altsaxophon den Blues. Es sind schwierige Zeiten.

Vor ein paar Tagen spielte sie in New York das Material für ihr zweites „Coin Coin“-Album ein, „Chapter Two: Mississippi Moonchile“, das sie auf Tour Anfang des Jahres bereits erprobt hatte. Diese Reise geht weiter, auf die Fortsetzung dürfen wir gespannt sein.

Die jüngsten Alben von Matana Roberts:
Coin Coin Chapter One: Gens de couleur libres (Constellation Records 2011)
Live in London (Central Control 2011)
The Chicago Project (Central Control 2008)

Oscar Brown Jr.’s Aufnahme von Bid ‘em In erschien auf seinem Debut-Album „Sin & Soul ... and Then Some“ (Columbia 1960). Brown wirkte – als Texter – auch an der Musik mit, die Max Roach für sein Candid-Album „We Insist! Max Roach’s Freedom Now Suite“ (1960) schrieb, eines der bewegendsten musikalischen Statements der Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner.

Matana Roberts - Coin Coin Chapter Two: Mississippi Moonchile - Rote Fabrik, Zürich, 22. März 2012

In ihrem auf zwölf Kapitel angelegten Zyklus „Coin Coin“ macht die Chicagoer Saxophonistin Matana Roberts sich auf die Suche nach den Spuren ihrer Vorfahrinnen im Süden der USA, erschafft dabei eine ganz eigene Lesart ihrer eigenen Geschichte und zugleich der Geschichte der Afro-Amerikaner von der Sklaverei bis in die Gegenwart, in der mit graphischer Notation – der Quilt dient als Modell –, mit Zitaten, Kostümierungen, Tanz und Multimedia-Elementen gearbeitet wird. Chapter One, „Gens de Coleur Libres“ betitelt, handelt von den frühesten Spuren, die Roberts Vorfahrinnen im Süden der USA, genauer in Louisiana hinterliessen, und auch von Marie Thérèze „Coin Coin“ Metoyer, einer legendären Gestalt, die sich im 19. Jahrhundert von ihrem Sklavendasein befreien konnte und gleichsam zur Urfigur der Emanzipation der Afro-Amerikanerinnen wird.

Mit Chapter Two, „Mississippi Moonchile“, geht die Geschichte über ins frühe zwanzigste Jahrhundert, als viele afro-amerikanische Familien den Süden hinter sich liessen und ihr Glück anderswo suchten. Viele von ihnen strandeten in den Town Ships in Chicagos South Side, wo sich schon im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert zehntausende Afro-Amerikaner angesiedelt hatten, die vom Rassismus, den fehlenden Jobs und mangelhaften Bildungsmöglichkeiten genug hatten.

In das ohne Unterbruch gespielte, wohl fünfviertelstündige Konzert flicht Roberts Zeugnisse ein aus vergangenen Epochen, rezitiert mal flüsternd, mal in einen eindringlichen Singsang gleitend, oder auch schreiend Notate und Zitate aus unbekannter Quelle, persönliche Dokumente, Stellen aus Briefen oder Tagebüchern.

Bei Matana Roberts, die rechts vorn am Rand der Bühne steht, führen alle Fäden zusammen, sie dirigiert die Band, lenkt die Musik in Bahnen, gibt Sänger Jeremiah Abiah Einsätze, lässt ihn wieder verstummen, regt einen Dialog von Schlagzeuger Tomas Fujiwara und Trompeter Jason Palmer an oder bläst ein Motiv, das umgehend von der Pianistin Shoko Nagai aufgegriffen zur Basis der folgenden Passage wird. Ein anderes Mal summt Roberts eine einfache Melodie, die Band summt mit, plötzlich spielt Thomson Kneeland dasselbe Motiv auf dem Kontrabass und es wird zum Fundament des nächsten Abschnittes. Die Musikerinnen und Musiker stehen im Halbkreis auf der Bühne, stets im Kontakt miteinander, die Musik entfaltet, öffnet sich Schritt für Schritt in einem konstanten Fluss – M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, Mississippi, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I – so abgedroschen das klingen mag: die Musik von Matana Roberts ist wie die Geschichte, wie das Leben ein Kontinuum aus Hochs und Tiefs, sie schwing sich hoch auf und lässt sich im nächsten Augenblick unvermittelt fallen, auf jubilierende Momente folgen herzzerreissend traurige, die buchstäblich zu Tränen rühren. Mit ihrem Altsaxophon gibt sie die Richtung vor, bläst liedhafte Motive oder rasante, manchmal an Ornette Colemans bluesgetränkt-quirlige Linien gemahnend, reisst Palmer mit, während die Rhythmusgruppe einen unbändig swingenden Freebop spielt. Ein anderes Mal fällt die Band in einen satten Coltrane-Groove, Roberts spielt ihr Alt mit schwerem Ton, bläst hymnische Linien über Fujiwaras Polyrhythmen und Nagais dichte Akkorde, während Kneeland die Musik mit wenigen Tönen zusammenhält.

S-o-m-e-t-i-m-e-s, Some-Times, Sometimes I F-e-e-e-e-e-el, Some-Times I-I-I Feel Like a-a-a-a, Some-Times I F-e-e-e-e-l Like… a Motherless Child – Roberts entführt uns in die Kirche, verarbeitet neben einfachem Blues auch Spirituals, aus denen sie nahtlos in kinderliedhafte Melodien gleitet, die Albert Ayler anklingen lassen. Gesungen wird immer wieder, nicht nur von Abiah, der mit einer tief beeindruckenden Blues-Improvisation ohne Worte eines der grossen Glanzlichter des Abends setzt. Auch Nagai und Palmer singen mit Roberts und Abiah im Chor, das Publikum wird zum mitsummen animiert, die alten Call and Response-Muster werden wieder zum Leben erweckt. Den stillen und umso intensiveren Ausklang des Konzertes machen Roberts und Abiah vor karger Begleitung mit einem gesungenen Duett der alten Gospel-Hymne „In the Garden“ – And He Walks with Me and He Talks with Me, and He Tells Me I Am His Own, … and the Joy We Share as We Tarry There… and the Joy We Share… and the Joy We Share…

Am Ende sitzt man da, ergriffen, schweigend, erschlagen von der Wucht der Musik, zum tiefen Nachdenken gebracht, aber auch erfüllt von einer wunderbaren Wärme (die nicht wohlig ist, zum wohlfühlen ist diese Musik nicht gemacht!) und der Überzeugung, dass man gerade etwas Grosses erleben durfte. Roberts Musik ist komplett, sie scheut keine Grenzen, schert sich nicht um Genres – und es gelingt ihr,

Thank you so very much, Matana – that was fuckin' great!

Flurin Casura / 23. März 2012

Matana Roberts, Coin Coin Chapter 1 "Gens de Couleur Libre" - Rote Fabrik, Zürich, 24. Februar 2011



Heute abend hat Matana Roberts mit dem ersten Teil ihres Projektes Coin Coin, das den Titel "Gens de Couleur Libre" trägt, in der Roten Fabrik in Zürich gespielt. Barfuss, das Gesicht mit weisser Kreide bestrichen und im langen weissen Kleid steht Roberts vorne rechts auf der Bühne, die Musiker im Halbreis, in der Mitte der Drummer Tomas Fujiwara, links vorne Cellistin Audrey Chen, dazwischen Bassist Jason Ajemian. Auf der anderen Seite, zwischen Fujiwara und Roberts, die Bratschistin Jessica Pavone und die Violinistin Mazz Swift. Also auch ein Streichquartett (in etwas ungewöhnlicher Besetzung) mit Drums und Altsax (sowie Klarinette und Stimme).

Zum Auftakt lässt Roberts einen Sack mit Kieselsteinen herumgehen, jede schüttelt den Sack, greift hinein, nimmt sich ein paar Steine heraus, reicht ihn weiter, im Halbkreis herum, derweil die anderen zupfen, leise fiedeln und trommeln... bis Roberts mit einem Schrei auf dem Altsax ins Geschehen eingreift und man merkt, dass man schon mitten drin ist. Im Hintergrund laufen auf einer riesigen Leinwand Bilder durch - die Familiengeschichte von Roberts, ihre weibliche Ahnenlinie, die Wurzeln im Süden in Louisiana, die auch in der Musik verarbeitet werden.

Die Musikerinnen haben auf ihren Notenständern eine grossformatige, zum Ringheft gebundene Partitur (alle dieselbe? Jede eine eigene? Ich weiss es nicht, jedenfalls sind auch Fotos drin, Notenlinien), das ca. 70 minütige Werk wird ohne Unterbrüche präsentiert, besteht aus freien Passagen, aus boppigen Kürzeln, aus Work Song, aus einem Walzer und immer wieder aus mitreissend swingenden Passagen, in denen Fujiwara und vor allem Ajemian mit grossem Drive überzeugen - streckenweise erinnert das etwa an die Musik Mingus', aber auch an die grosse Tradition aus Chicago: das Art Ensemble und die AACM (der Matana Roberts angehört) sind wohl die wichtigsten Referenzpunkte.

Roberts' Suite bringt zusammen, was zusammengehört aber selten zusammenfindet: die ganze Tradition der "great black music" aber auch die europäischen Einflüsse aus Louisiana, alle Arten von Jazz, von bis New Orleans (Louisiana eben). Darein verwoben werden Textfragmente und längere Rezitationen von Roberts, streckenweise von der Band als Echo nachgeflüstert, auf halbem Weg auch ein langer Work Song über die Versteigerung einer Sklavin, in der Roberts (gegen Ende kurz im Wechsel mit Ajemian) den Lead singt und die anderen fünf einen polyphonen, leise brodelnden Chor bilden - in den intensivsten Passagen fiel mir nur etwas vergleichbares ein: die Urlaute, die Abbey Lincoln im Duo mit Max Roach 1960 für die "Freedom Now Suite" aufgenommen hat. Mit derselben Wucht spielt Roberts auch ihr Altsax, streut hier und da auch mal boppige Kürzel ein, kann charmant Säuseln, bricht aber immer wieder aus, mit enorm schwerem Sound, der im tiefen Register am schönsten zur Geltung kommt und manchmal das Gehör fast platzen lässt...

Bassist Ajemian ist wohl insgesamt neben Roberts die gewichtigste individuelle Stimme, auch manchmal im Dialog mit ihr zu hören, während die anderen Streicherinnen zurückhaltend begleiten. Am schönsten ist aber das Zusammenspiel aller, das changiert zwischen beinahe klassischen Passagen, wilden Ausbrüchen, verspielten Pizzicatos - das alles wird aber nie nach europäischem Mass rein intoniert, immer ist eine polyphone Vielfalt zu hören, auch in den kurzen Soli von Chen und Pavone, und ganz besonders im einen wunderbaren längeren Solo von Mazz Swift (die ich zuvor im Gegensatz zu allen anderen überhaupt nicht kannte, nicht mal dem Namen nach).

Roberts spielt manchmal Klarinette, auch kurz in zwei New Orleans-artigen Passagen (die natürlich immer gebrochen werden, ins Gesamtgeschehen eingefügt, durch Roberts' Linse betrachtet und verarbeitet). Auch eine Passage mit simultanem Altsax- und Klarinettenspiel gab es gegen Ende - aber sehr verhalten, auch als eine Art polyphoner Begleitchor anderer Stimmen.

Was bleibt ist ein sehr starkes, musikalisches Erlebnis, ein gelungener Versuch, Familiengeschichte auf persönliche Art und Weise zu betreiben und musikalisch zu verarbeiten und dabei auch die Unterdrückung und den Kampf der Afro-Amerikanerinnen zu thematisieren und auf sehr betroffen machende Weise umzusetzen. Ein sehr starkes Konzert, das sehr von der wuchtigen musikalischen Präsenz und Persönlichkeit von Matana Roberts geprägt war aber dem Kollektiv auch immer wieder Raum für klangliche Explorationen und Zusammenspiel in verschiedenen Kombinationen liess.