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Sheila Jordan - Moods, Zürich - 19. September 2017





















Sheila Jordan (voc), Renato Chicco (p), Peter Herbert (b)

Gestern im Moods in Zürich die grosse Sheila Jordan Show … nach zehn Jahren und ein paar Wochen vor ihrem 89. Geburtstag ist sie immer noch ziemlich fit – vor allem stimmlich. Die Intonation ist schwer und sehr eigen, die Stimme tiefer geworden und oft mürbe wie jene der späten Billie Holiday, aber dann setzt sie einen Schnörkel und zieht ihn in die Höhe, auch der Wechsel in die Kopfstimme funktioniert noch leidlich gut. Aber all das spielt ob ihrer Ausstrahlung überhaupt keine Rolle, sie hat den Raum sofort im Griff, ein paar launische Ansagen, ein paar Textzeilen, die sie so ähnlich wohl immer wieder bringt, aber den Abenden, den Orten, den Räumen anpasst. Spätestens im zweiten Song ist auch der letzte Zweifel verflogen.

Die Band macht einen sehr guten Job, auch wenn Chicco gewiss kein charismatischer Pianist ist und seine Beiträge waren oft eher Atempausen für Jordan als wirklich anregende Soli, Herbert machte am Bass einen sehr guten Job und zusammen swingte das auch ohne Schlagzeug mehr als ordentlich. Bei der Art und Weise, wie Jordan phrasiert, ist es auch gewiss nicht einfach, diesen gemeinsamen Swing über den ganzen Abend aufrechtzuerhalten. Es gab Standards und alten Pop wie „It’s You or No One“, „How Deep Is the Ocean“, „All Or Nothing at All“, ein native american Intro (auf den Alben heissen diese Stücke „Child Song“, „Little Song“ oder ähnlich) führte direkt über in „The Moon Is a Harsh Mistress“, den Opener ihres Debut-Albums „Falling in Love with Love“, Abbey Lincolns „Bird Alone“, sie sang im ersten Set eine grossartige langsame Version von „Oh Lady Be Good“ als Hommage an Ella Fitzgerald, erzählte und sang ihre Stories über die Begegnungen mit Lennie Tristano und vor allem mit Charlie Parker („Confirmation“ und wenigstens noch ein eigenes Stück und auch eingestreutes in ihren improvisierten eigenen Strophen) – und natürlich fehlte weder ihre umgewandelte (weibliche) Version von „Dat Dere“ (im zweiten Set im Duo mit Herbert) noch gegen Ende des zweiten Sets „Sheila’s Blues“.

Die beiden Sets dauerten je eine gute Stunde – und am Ende des zweiten, das gebührend mit einem Single Malt begossen wurde, hatte ich tatsächlich einmal Tränen in den Augen. So grossartig war dieser Auftritt, dass tatsächlich keine Fragen offen blieben und sich das dieses unfassbare Gefühl einstellt, in dem man alles begriffen hat und eigentlich gar nichts mehr will.


„Sheila’s Blues“ von 2012 (so gut wie das Piano-Solo hier war Chicco dann aber locker auch … aber in dem Stück spielte er wohl auch sein bestes des Abends)

Elina Duni/Erik Truffaz/Bugge Wesseltoft – Moods, Zürich, 5. Mai 2017

Elina Duni (voc), Erik Truffaz (t, elec), Bugge Wesseltoft (p, keys, elec) – ein Trio, das gestern zum ersten Mal gemeinsam auftrat – schlichtweg grossartig! Duni und Truffaz sassen heuer in der Jury des ZKB-Jazzpreises und fürs Jury-Konzert taten sie sich zusammen und luden den gemeinsamen Bekannten Wesseltoft ein. Letztes Jahr hörte ich David Murray mit Aki Takase – Murray war in der Jury – und im Anschluss das Trio von Jean-Paul Brodbeck, dem zweiten Jury-Musiker (klick). Dass die Musiker aus der Jury ein gemeinsames Konzert geben ist unüblich, aber das war ganz, ganz toll gestern!

Truffaz spielt eine lyrische Trompete, an Miles geschult, sehr understated, aber er bricht immer wieder in Läufe aus, die zeigen, dass er einiges drauf hat (war bei Miles ja auch nicht so anders), die Elektronik kam er mit Delays und Echos zum Einsatz, während Wesseltoft am Flügel begann und sich dann aber immer wieder zum Fender Rhodes und diversen anderen Synthesizern zuwandte, immer wieder in Echtzeit eine tolle Kulisse aufbaute, mit Loops, Basslicks und Beats (er hatte ein Tamburin und andere Oberflächen, die er mit Schlägeln und Drumsticks oder auch nur mit den Fingern bearbeitete). Er groovte aber auch am Fender Rhodes und drehte sich immer wieder zum Flügel um. Das hatte etwas sehr Verspieltes und überaus Lustvolles und die drei hatten grosse Freude daran, dass ihr Projekt so gut gelang … sie spielten ein langes Set (um 75 Minuten wohl) und dann als Zugabe „I Fall in Love Too Easily“ – Duni kann Standards phantastisch, aber dass sie das auf CD nicht macht, ist vermutlich eine gute Entscheidung. Duni glänzte aber überhaupt einmal mehr, egal ob mit spoken words (da war wohl eher Ursula Rucker als irgendwelcher Rapper_innen das Vorbild) oder mit eigenen Songs in verschiedenen Sprachen. Sehr schön war auch, dass sie mal wieder in Französisch sang. Ihre warme Altstimme ist immer wieder ein exquisiter Genuss und ihre Bühnenpräsenz beeindruckt sehr.

Das Publikum verlangte dann auch noch eine zweite Zugabe, und da mussten das Trio improvisieren – in den zwei Tagen des gemeinsamen Probens kamen natürlich nicht sehr viele Songs zusammen. Dazu holten sie dann zum zweiten Mal den jungen Altsaxer Tapiwa Svosve auf die Bühne, der in der Gruppe District 5 spielt, die den ZKB Jazzpreis dieses Jahr gewann. Aus dem Jam wurde ein toller Abschluss eines überaus gelungenen Konzertes.

Shabaka and the Ancestors - 20. März 2017, Moods, Zürich

Ein grandioses, ohne nennenswerten Unterbruch gespieltes, fast zweistündiges Set, das etwas verhalten anfing, aber bald schon den ersten Höhepunkt ansteuerte. Siyabonga Mthembu, der Sänger, stand in der Mitte und war eine zunächst etwas gewöhnungsbedürftige Erscheinung, seine Fellmütze und den Winterpulli zog er nach einer halben Stunde aus und darunter kam ein ausgewaschenes Bauhaus-T-Shirt zum Vorschein – womit seine enge gemusterte Hose irgendwie plötzlich Sinn ergab … aber tolle Stimme und tolle Bühnenpräsenz, keine Frage! Links von ihm stand der Altsaxophonist der Band, Mthunzi Mvubu, rechts der Gast und Leader Shabaka Hutchings am Tenor, hinter ihnen Ariel Zomonsky am Kontrabass, ganz links auf der Bühne Gontse Makhene an seinen Congas und ganz rechts Tom Skinner am Schlagzeug, der kurzfristig für den Drummer der Gruppe, Tumi Mogorosi, eingesprungen ist, der Probleme mit Visa hatte. Dass die alten Jazzheads in der ersten Reihe vorzeitig gingen, wunderte mich gar nicht; ein paar von ihnen hatte ich vor einer Woche bei Joe Lovano gehört, wo ich mir im Publikum wieder mal wie ein Fremdkörper vorkam, bei Shabaka und den Ancestors war es nun umgekehrt.

Die beiden Drummer – denn Makhene spielte mit einer Wucht, die dem Kit von Skinner ebenbürtig war! – sassen sich quasi gegenüber und hatten sich im Auge, Bassist Zomonsky hatte meist Makhene im Blick und die beiden hatten offensichtlich allergrössten Spass am energiegeladenen Zusammenspiel. Mvubu spielte ein boppiges Alt, das immer wieder in lange, flüssige Linien fiel, doch in seinen besten Momenten wurde das so intensiv, dass die Linien wieder brüchig wurden, kantig, aus den Changes ausbrachen – ein wenig wie Jackie McLean in seinen allerbesten Momenten Mitte der Sechzigerjahre. Hutchings repetierte dagegen gerne melodische Kürzel, aus denen er sich in stark rhythmische Soli hineinsteigerte, die eher an James Brown (bzw. Maceo Parker) denn an Bebop gemahnten, aber auch vom Geiste des späten John Coltrane beseelt waren. Er war alles in allem doch recht deutlich der Frontmann, zeitenweise geriet Mvubu etwas ins Hintertreffen (blieb denn auch gerne gleich mal am hinteren Bühnenrand, weit weg vom Mirko, stehen, und mischte sich über längere Phasen leider gar nicht mehr ins Geschehen ein, nur um für sein nächstes Solo oder eine Ensemblepassage wieder nach vorn zu kommen, während Hutchings eben auch gerne dabei blieb, wenn andere solierten (was ich durchaus als bereichernd und überhaupt nicht als Ego-Show empfand). Neben Hutchings zu bestehen ist aber auch enorm schwer, denn selbst wenn seine Soli im Verlauf der zwei Stunden doch von einer gewissen Gleichartigkeit waren, hat er einen phantastischen Ton, einen mitreissenden Drive und obendrein auch noch eine sehr gewinnende, offene Art.

Mthembu sang und skandierte, flüsterte, beschwor, schrie und tanzte, setzte sich aber auch einfach mal auf die Bühne, um den anderen zu lauschen. Zomonsky spielte einen tiefen, oft mehr gefühlten als gehörten (aber im Gegensatz zum Lovano-Konzert vor einer Woche doch ordentlich, vielleicht etwas zu sehr verstärkten) Bass, hatte mittendrin auch mal ein längeres Solo, in dem er allerdings etwas übersteuert klang – vermutlich so gedacht und für mein Empfinden auch durchaus passend (der Freund, der auch dabei war, empfand das aber ganz anders). Sehr toll war aber vor allem, wie die Verzahnung der Rhythmen mit den Melodien klappte, mit wieviel Punch die Saxophone auf die Beats der Drummer eingingen und wie daraus auch in den Soli immer wieder mitreissende Ensemble-Passagen entstanden. Dabei lässt die Musik der Ancestors durchaus auch Schattierungen zu, ist weniger fröhlich (aber auch weniger herzzerreissend traurig, das hängt ja beim südafrikanischen Jazz eng zusammen) als vieles, was ich aus Südafrika kenne, hat immer wieder einen melancholisch verhangenen Anstrich und schwelgt – und das kann Hutchings ganz hervorragend – auch in einfachen, eingängigen Melodien.

Nach knapp anderthalb Stunden sagte Hutchings die Musiker an und sprach über seine Begegnung mit der – etwas grösser besetzten, aber nicht alle sind mit auf der Tour – Band. Er meinte, das Album sei eigentlich als nicht viel mehr denn eine Erinnerung, als Dokumentation fürs Familienalbum der Beteiligten, gedacht gewesen – und schien fast selbst überrascht, dass im Anschluss daran eine Tour möglich wurde. Danach spielten sie noch einmal zwei Stücke, die wieder direkt aneinandergehängt wurden, und nach einem eher pro forma Abgang von der Bühne folgte direkt noch eine Zugabe, die eher nach Äthiopien in den Siebzigern denn nach Südafrika klang, und in der Mvubu seinen vielleicht besten Moment des Abends hatte und ein grossartiges Solo spielte, an das Hutchings dann – natürlich mühelos – anschloss.

Im Fazit ein ganz toller Abend, der das Album weit in den Schatten stellt. Ich hatte ja aufgrund des Albums das Gefühl, dass diese Musik live so richtig abgehen könnte – und gerade so ist es gekommen.

Joe Lovano Classic Quartet - 13. März 2017, Moods, Zürich


Joe Lovano (ts, tarogato), Lawrence Fields (p), Peter Slavov (b), Carmen Castaldi (d)

Im Jahr 2000 stellte eine Kulturinstitution eine Tour mit zwei Trios und zwei Gästen zusammen, Philipp Schaufelberger stiess zum damaligen Trio von Paul Motian (mit Chris Potter und Marc Johnson) und Joe Lovano zum Trio GAS (Hans Feigenwinter, Bänz Oester, Norbert Pfammatter). Ich kriegte das damals eher zufällig mit und ging mit meiner Mutter an das Konzert, das in der Aula meines ehemaligen Gymnasiums stattfand. Von Lovano besass ich damals schon die meisten Blue Note-Alben aus den Neunzigern, doch beeindruckte mich das Konzert sehr, denn seine souveräne Spielfreude, die Gelassenheit, mit der er eine schlaue Idee an die andere reihte, live zu erleben, darauf war ich damals noch wenig vorbereitet.

Dass er in den letzten Jahren öfter im Moods gespielt hat, dem ersten Jazz-Club Zürichs, der heuer im 25. Jahr seines Bestehens ist, hatte ich dann aber nur beiläufig mitgekriegt, da sich meine Konzertbesuche eher in etwas abenteuerliche Richtungen entwickelt hatten – von den Alben, die Lovano seither herausbrachte, mochte ich vor allem jene mit Hank Jones und jene des Nonetts, das sich natürlich stark auf die Bebop-Ära und Tadd Dameron und wohl auch Dizzy Gillespie bezieht. Bei all der aussergewöhnlichen und für mich neuen Musik der letzten Monate, von Nonos „Prometeo“ über ein spätes Streichquartett von Beethoven, Symphonien von Bruckner und Mahler (allesamt Erstbegegnungen) und diversen faszinierenden Jazz-Konzerten, zuletzt mit Roscoe Mitchell und Vinnie Golia (siehe oben), hatte ich richtiggehend Lust auf ein „solides“ Jazzkonzert.

Doch so solide sollte das gar nicht werden. Gemäss den Promo-Slogans, die die Runde machen, soll Lovanos „Classic Quartet“ ja der Erforschung der „rich history of mainstream jazz through swing and bebop“ gewidmet sein – doch gestern beschränkte sich die Gruppe (am Schlagzeug war übrigens Otis Brown III angekündigt gewesen) auf Musik aus der Küche von John Coltrane und Ornette Coleman bzw. den daraus später amalgamisierten „Mainstream“ der modernen Sorte. Lovano griff auch mal zu Rasseln, Glocken und einem Gong, das Art Ensemble schaute auch noch rasch vorbei. Bebop gab es natürlich immer wieder im einzelnen, sei es von Lovano selbst, vom tollen Pianisten Lawrence Fields oder dem Bassisten Peter Slavov – aber die Musik der Combo als ganzes als Bebop zu bezeichnen wäre doch nicht passend. Als Zugabe erklang dann aber eine Ballade von Dizzy Gillespie, die ich mir gerade in einer schönen Version von Chet Baker zu Gemüte führe.

Das Publikum war ein etwas anderes, als ich es meist antreffe, aber wohl eher ein noch typischeres Jazzpublikum, also viele ältere Männer, manche allein, manche mit Begleitung, aber auch ein paar junge Leute, der Laden war jedenfalls voll. Lovanos Musik kam sehr gut an, es gab zwar die üblichen Frühverdrücker, die auf den Zug wollten oder musste und nicht bis 23 Uhr bleiben mochten, aber dennoch Anstalten zu einer Standing Ovation. Dieser mochte ich mich nicht wirklich anschliessen, ich fand Abend alles in allem gut bis sehr gut, aber nicht herausragend.

Im ersten Set – so stellte sich heraus – waren die vier eigentlich primär damit beschäftigt, sich warmzuspielen, obwohl Lovano sofort in die Vollen ging und sichtlich gut gelaunt war. Mir schien sein Spiel zu Beginn aber manchmal etwas überpotent, gar zu motiviert … die Rhythmusgruppe brauchte etwas länger, um zu Lovano aufzuschliessen, doch es kamen von allen dreien immer wieder Impulse und schliesslich fanden sie auch alle zusammen. Die Stücke wurden manchmal als Medleys präsentiert, die sich eher zufällig aneinanderreihten, dann auch in Zwiebelform ineinandergeschichtet und das erste zuletzt wiederholt … grossartige Momente gab es in der zweiten Hälfte des ersten Sets bei einer Abfolge, in der Ornette Colemans „The Turnaround“ eine prominente Rolle spielte und auch Coltranes „Spiritual“ auftauchte.

Im zweiten Set gab es dann auch noch eine tolle Version von Ornette „Lonely Woman“ (ein Lovano-Original namens „Ettenro“ gab es auch noch, aber ich glaube, das war im ersten Set – nicht das ich das gekannt hätte, er hat ziemlich viel Ami-Gelaber abgelassen, dabei aber den Namen des Drummers zwar wie alle anderen Namen zehnmal aber stets so undeutlich ausgeprochen, dass ich ihn vorhin ergoogeln musste), in der Lovano für einmal ausführlich zum Tarogato griff (auf dem Photo unten). Besonders toll fand ich immer wieder Lawrence Fields am Klavier, oft sehr zurückhaltend und klar, manchmal fast ohne linke Hand. Slavov strahlte immer wieder zu ihm herüber, der schlaksig und völlig unbeholfen nur an der Musik interessiert schien. Wenn Fields da und dort ein paar Blue Notes, eine Dissonanz einstreute, eins seiner Tremolos kurz „dreckig“ wurte, war das alles umso effektvoller. Auch längere Passgen mit „locked hands“ gab es, einmal eine lange völlig lineare, in der er aber mit – wohl – zwei Oktaben dazwischen alles simultan mit beiden Händen spielte. Doch hatte Fields keinesfalls die Ausstrahlung, dass man ihn allein anhören gehen würde … keine Ahnung, ob er das mal hinkriegt (oder schon tut und dann einfach anders drauf ist), aber als Sideman fand ich ihn grosse Klasse. Slavov gefiel mir ebenfalls gut, aber er ging leider im Soundmix da und dort etwas unter, spielte aber einen beweglichen und doch oft eher gefühlten als gehörten Bass mit schönem hölzernen Ton, sehr behutsam verstärkt für einmal. Castaldi war mir öfter eine Spur zu plump, er drosch manchmal gar sehr, ohne zwischen den heftigen Schlägen auch die nötigen Füller anzubieten, die erst die Heftigkeit, den Furor, so richtig erklärt hätten. Aber auch er war immer wieder hervorragend und im zweiten Set fand das Quartett wirklich zusammen und da passte auch Castaldi fast immer.

Wenn sich bei mir die ganz grosse Begeisterung – die leuchtenden Kinderaugen der Herren, die ich danach bei der Tramhaltestelle sah – nicht einstellen mochte, so lag das wohl am Ende auch an Lovano selbst, dessen gute Laune zwar keineswegs penetrant war und sich vom mühsamen Ami-Promogelaber abgesehen wirklich nur beim Spielen äusserte – aber ganz warm werde ich mit ihm trotz aller Wertschätzung wohl nie.

(Photos vom Konzert, (C) Flurin Casura)


Nasheet Waits Equality Quartet – Moods, Zürich, 10.1.2017

Darius Jones (as), Aruán Ortiz (p), Mark Helias (b), Nasheet Waits (d)

Ziemlich tolles Konzert gestern Abend mit dem Quartett von Nasheet Waits. Das erste Set öffnete mit einem Stück von Andrew Hill und ging dann nahtlos in drei weitere Stücke über. Waits sagte am Schluss die Stücke und die Musiker an und machte noch ein paar Minuten Standup-Comedy (er erzählte was über Blaxploitation-Filme von Sidney Poitier, frotzelte über seine Band, die als Stichwortgeber diente). Die Musik war ziemlich explosiv, immer wieder verdicht, ein Auf- und Abschwellen von Intensität bis hin zum lichterlohen Brand. Daran hatte auch Darius Jones einen grossen Anteil, desser Horn weniger als zwei Meter vor mir war, Waits zur Rechten, Ortiz am Baby Grand links, Helius hinter Jones (und hinter Jones heisst, man sieht nicht mehr viel … aber ab der Mitte des Sets stand Jones dann jeweils etwas zur Seite, wenn er nicht spielte.

Das ganze hatte durchaus altmodische Züge, ich dachte öfter – nicht nur wegen des Hill-Openers – an die Klassiker der Blue Note-Avantgarde der Sechzigerjahre (Hill eben, mit dem ja auch Freddie Waits gespielt hat, aber auch Jackie McLean). Zugleich ist das aber Musik aus dem Hier und Jetzt, und diese Verbindung funktionierte hervorragend. Was mir gestern – beim zweiten Konzert mit Waits nach Tarbaby feat. Oliver Lake vor ein paar Jahren ebenfalls im Moods – erstmals so richtig auffiel: wie viel von Max Roach in seinem Spiel steckt. Da ist das stark auf die Trommeln ausgerichtete Spiel, die Snare im Zentrum, alles irgendwie vertikal, aber niemals ein Durchmarschieren – da kommt dann die Gegenwart ins Spiel – sondern ein permanentes Spiel mit dem Puls, Be- und Entschleunigungen, Verschleppungen, Breaks, und das alles oft während der Puls doch regelmässig weiterläuft, was zu sehr tollen Effekten führt. Ähnliches passiert dann auch noch auf dem Level der ganzen Band. Und so fand ich letzten Endes auch das Trio besser als jenes von Ortiz auf dem Intakt-Album (mit Revis/Cleaver), weil viel mehr unklar blieb oder offen gelassen werden konnte, mehr Möglichkeiten entstanden. Die Intakt-Crew war natürlich vor Ort, um ihren Musiker anzuhören. Was die Roach-Connection betrifft, so bezeichnet Waits ihn auf seiner Homepage ja als „Mentor“, und es war auch Roach, der ihm mit M’Boom seinen ersten wichtig Gig gab.

Jones fand ich sehr eindrücklich, auch wenn es wohl in erster Linie seine Präsenz war, die das Quartett auch zur Post-Coltrane-Gruppe macht. Er hat einen tollen Sound am Altsax, schwer und intensiv, spielt oft mit kleinen Melodiefetzen, die er wiederholt, aufstapelt, dabei die Intensität steigert und das dann irgendwie wieder auflöst oder auch einfach stehen lässt und aussetzt. Ortiz gefiel mir alles in allem recht gut, aber auf die grosse Offenbarung warte ich weiterhin. Mag sein, dass er da und dort ein paar schöne Voicings einstreute, aber alles in allem fand ich ihn auch live recht brav. Ein einziger wilder Ausbruch kam mir etwas unmotiviert vor – und spannender wurde dadurch gar nichts. Aber in der Gruppe funktionierte er ziemlich gut. Mark Helias spielte toll, aber leider mit einem hässlichen Schmiere-Sound (es standen sowieso viel zu viele Mikrophone herum, das Schlagzeug hätte man gewiss nicht verstärken müssen, der Flügel war dann wiederum etwas zu leise, für Jones war das Mikro hilfreich, da er seinen Ton damit vielgestaltig einsetzen konnte, ohne unterzugehen sobald Waits zulangte).

Im zweiten Set gab es dann auch wieder zwei aneinandergehängte Stücke – das klappte sehr gut, ohne dass daraus Suiten oder sonstwas Prätentiöses wurde, die Spannung blieb, einer der vier machte halt jeweils quasi aus dem verklingenden Schluss weiter oder begann mit dem Riff, das ins nächste Stück überleitete. Waits meinte später in einer Ansage auch, sie hätten dieses uns jenes Stück als Ausgangspunkt benutzt (und nicht etwa: wir haben Stück 1 und Stück 2 gespielt). Das wirkte alles sehr spontan, obwohl Jones und Helias Noten dabei hatten und auch darin blätterten. Aus dem einen ergab sich das nächste und der Flow der beiden Sets war toll. Im zweiten folgte dann eine Ballade (aus Jones‘ Feder glaube ich – die Stücke waren fast alles Originals der Band), danach noch zwei aneinandergehängte Stücke, das zweite davon wieder kein Original, nämlich „KoKo“, Charlie Parkers halsbrecherische Variante über „Cherokee“.

Ohne Zugabe konnten die vier natürlich nicht gehen, und auch die war toll. Es war in der Tat faszinierend, einen ganzen Abend lang Nasheet Waits beim Spielen zuschauen und zuhören zu können. In ruhigeren Passagen schien es manchmal, als würde Waits seine Hände überhaupt nicht bewegen (die Arme sowieso nicht), auch wenn die Stöcke nur so über die Snare flogen. Sein explosives und doch so klares, durchsichtiges Spiel beeindruckte mich sehr. Auch in harten, einfachen Beats ist er zuhause, man könnte da wohl Linien ziehen und seinen Vater Freddie Waits als Bezugspunkt proklamieren; Michael Carvin kenne ich zuwenig, aber ihn nennt er ja auch als wichtige Inspiration. Darüberhinaus gibt es aber auch Beats wie auf Miles Davis‘ „Jack Johnson“ oder wie Clyde Stubblefield und Melvin Parker sie bei James Brown spielten.

Dazu passt dann auch, dass ich ev. als nächstes in zwei Wochen ans Konzert von Defunkt gehe. Der Start ins Jazzjahr ist auf jeden Fall schon einmal bestens geglückt.

Malcolm Braff Trio - Moods, Zürich, 7.1.2017

Malcolm Braff (piano, fender rhodes), Reggie Washington (electric bass), Lukas König (drums)

Phänomenaler Auftakt ins Konzertjahr, nach Händels „Alcina“ am Mittwoch gab es heute den ersten Jazz-Abend im Moods. Ich hatte keine Ahnung, was mich bei dem Trio erwarten würde, zur Vorgeschichte ist zu sagen, dass ich Braff erstmals im November 2006 live (und überhaupt) hörte, damals mit dem Trio Braff-Oester-Rohrer (Bänz Oester-b, Samuel Rohrer-d) – und das gehört zu den beglückendsten Konzerterlebnissen aller Zeiten. Die späteren Braff-Konzerte, ein weiteres mit Braff-Oester-Rohrer und ein Festivalset mit dem elektrischen Trio mit Patrice Moret und Marc Erbetta (Braff am Rhodes) reichten daran bei aller Güte niemals heran. Doch heute war Braff wieder so grossartig wie damals vor gut zehn Jahren – und ich wankte völlig geflasht hinaus in die Nacht, wo ganz fein der Schnee rieselte. Das Trio spielte zwei lange Sets. Links auf der Bühne ein kleiner Flügel und im rechten Winkel gegen das Publikum (direkt vor meiner Nase) das Rhodes, in der Mitte Washington auf einem Barhocker, rechts König, vis-à-vis von Braff plaziert und mit Blickkontakt zu diesem. Los ging es mit brachialem Funk am Rhodes und harten Ostinati am – mit Wasserflasche und Schweisstuch präparierten – Flügel, Washington spielte tief und karg, König (er stammt aus Österreich, ich habe von ihm bisher noch nie gehört – sehe auch erst gerade, dass es ein Enja-Album mit Braff, Washington und König von 2011 gibt) trommelte harte Beats, direkt in your face aber immer mit kleinen Verschiebungen, verschleppten Zwischenschlägen, aufgefächerten Attacken … Braff hämmerte auf den Instrumenten herum, Melodien ergaben sich zunächst nur, wenn man seine Riffs in der Wiederholung wirken liess. Wie das Trio zusammen in den Groove fand, war grossartig. Braff begann dann am Flügel Melodiefetzen einzustreuen, Fragmente, die immer grösser wurden, brach schliesslich in sangliche Linien aus, nur um plötzlich mit der Rechten wieder zum Fender Rhodes zu greifen und mit harten Einwürfen zu stören, ohne den Flow zu unterbrechen. Pro Set gab es wohl vier lange Tracks, die oft ganz karg begannen (bei einem Stück spielte Washington minutenlang nur auf der offenen tiefsten Saite des Basses) und sich unmerklich steigerten – der „Necks-Effekt“, bei dem man sich fragt: verdammt, was ist jetzt passiert, wie sind sie plötzlich hierhin gekommen … man kriegt das nicht mit, obwohl man wie auf Nadeln sitzt und jeden Move ganz genau beobachtet. Washington spielte meist einen gefühlten, nicht gehörten Bass. Wieviel er zum Klanggebräu beitrug merkte man erst, wenn er mal wieder kurz pausierte und die Musik ohne Boden, mit abgesägten Hosenbeinen, dastand.

Was Braffs Musik genau ist, weiss ich eigentlich nicht – jedenfalls kenne ich nichts Vergleichbares. Wie er aus kleinsten Motiven oder repetitiven Riffs in grosse melodische Bögen ausbricht, die hart am Kitsch vorbeischrammen – natürlich hämmert König dagegen an und Washington (the epitome of cool) sorgt für gegenläufige, zickig wummernde Rhythmen im Fundament. Braff ist zugleich Schlagzeuger und Melomane, Tüftler und Epiker, Derwisch und ruhender Pol in einem. Aus den Melodien findet er in einen Montuno-Groove, spielt groovende Riffs wie man sie am ehesten vom Dollar Brand der Siebziger kennt, oder einen Calypso, er verdichtet Akkorde zu Clustern, man denkt da mal rasch an McCoy Tyner, hört dort einen Fetzen Afro-Beat, einen Beat à la Dibangos Makossa, Dissonanzen wie man sie von Monk kennt, westafrikanische Musik der Siebziger und immer wieder Afro-Kubanisches (Braff wurde 1970 in Rio geboren, wuchs aber auf den Kapverden und im Senegal auf, bis er mit 13 in die Schweiz kam). Am Fender Rhodes erinnert sein Spiel stark an die Sounds, die man von Miles Davis‘ Bands der Siebziger kennt – er attackiert das Instrument mit viel Kraft, benutzt es zwar gegen Ende des Konzertes auch mal, um ein melodisches Solo zu spielen, doch bis dahin dient es vor allem dazu, die Hitze zu erhöhen, Kürzel und Riffs zu spielen, zu hämmern … irgendwann reisst er auch den Deckel weg, um auch im Rhodes mit der einen Hand das Innenleben zu beeinflussen (ich konnte leider von unten nichts sehen und habe keine Ahnung, wie es in einem Rhodes drinnen aussieht). Als das zweite Set nach knapp zweieinhalb Stunden langsam enden sollte, meinte Braff, sie hätten keine Stücke mehr und würden jetzt eins seiner ganz alten spielen, das immer Spass mache – mir schien, Washington hatte es noch nie gehört, die ersten paar Takte hörte er nur zu, dann stieg er behutsam ein, fand sich aber in der catchy Nummer bald zurecht und glänzte dann auch noch mit einem seltenen kurzen Solo. Dieses Trio spielt an sich eh keine Solos sondern baut gemeinsam etwas auf, in eng verzahntem Zusammenspiel und mit viel Freiraum für alle drei. Doch es ist schon Braff, der die Hauptrolle spielt und die anderen beiden hatten sichtlich grosses Vergnügen dabei, mit ihm zu spielen. Eine Zugabe folgte unerwarteterweise auch noch – noch ein eingängiges Stück mit Changes, die Washington wohl sofort durchschaut hatte … und das war keine Wegwerf-Nummer sondern noch ein weiteres ekstatisches Aufbäumen. So sollte Musik eigentlich immer sein – düster, gewaltig, voller offener Fragen und Zweifel, und doch drängend, mitreissend, laut und zart, zerbrechlich und hart.

David Murray & Aki Takase Duo / Jean-Paul Brodbeck Trio - Moods, Zürich, 29. April 2016

David Murray & Aki Takase Duo - David Murray und Jean-Paul Brodbeck sassen diesmal in der Jury des ZKB Jazzpreises (die Zürcher Kantonalbank sponsort seit längerem das Moods, den besten Jazzclub in der Stadt). Nach den Konzerten der teilnehmenden Bands während der ganzen Woche (die ich natürlich mal wieder vollständig verpasste) gaben gestern zum Abschluss die Juroren eine Kostprobe ihres Könnens. Die Wahl der Formation überliess man ihnen und David Murray wünschte sich, nach langen Jahren wieder einmal mit Aki Takase zu spielen. Die beiden kamen auf die Bühne, doch Takase rannte gleich wieder davon, weil sie ihre Noten vergessen hatte ... und die Noten waren anfangs etwas problematisch, fand ich: komplexe, verschachtelte Linien und Akkorde, in rasantem Tempo gespielt. Beim zweiten Stück fand ich allmählich in die Musik hinein, Murrays Ton am Tenor war sowieso ohne Fehl und Tadel, und wie immer wenn möglich in der ersten Reihe sitzend hörte ich ihn auch in echt und nicht über die Anlage im Raum. Takase fiel in ihre Rag- und Stride-Grooves, was einmal super funktionierte, ein andermal aber rhythmisch so verwischt und ungenau schien, dass ich Angst hatte, gleich würde alles auseinanderfallen - und stellenweise Murray um seine stoische Ruhe im Umgang mit der rhythmischen, sagen wir mal: Ambivalenz, bewunderte. An dritter Stelle folgte ein Stück von Monk, für das Murray zur Bassklarinette griff - leider das einzige Mal, denn diese Version von "Let's Cool One" war eines der Highlights des Konzertes! Das ganze Set wirkte danach auf mich dennoch wie ein einziger Steigerungslauf (bloss die - viel zu kurze - Zugabe war mal wieder völlig überflüssig, so im Sinn: schau, da hast Du noch ein Bonbon, bzw. wie man hier sagt: Zältli). Murrays Spiel wurde immer intensiver, er wirkte zugleich enorm entspannt und höchst konzentriert, schraubte seine Linien in die Höhe, hatte aber auch im Falsett noch alles unter Kontrolle, spielte mit Zirkuläratmung lange Linien, oft repetitive Muster, fiel dann wieder in die Tiefe, wo er sein Saxophon schnauben und keuchen liess ... und atmete danach selbst schwer, wenn er das Parkett kurz Takase überliess und sich in eine dunkle Ecke der Bühne setzte. Eine globale Heimweh-Nummer, die aber besser in die Schifferkneipe in Hamburg gepasst hätte, gab es dann gegen Ende auch noch ... play it to the people, nichts falsch daran, aber ein Highlight war das gerade nicht.

Jean-Paul Brodbeck Trio - Meine Erwartungen für nach der Pause waren ziemlich gering, obwohl ich über Brodbeck gewiss nichts Schlechtes sagen kann. Ein Klaviertrio, das sich stark beim Mainstream des Genres bedient war meine Erwartung, und so kam es denn auch: Bill Evans stand Pate, aber natürlich hatte man auch Keith Jarrett gehört, Brad Mehldau, spielte Eigenkompositionen (die teils allerdings stark an Standards angelehnt waren, den einen oder anderen Standard gab es auch), eine schöne Schumann-Bearbeitung ("Ich will meine Seele tauchen" aus der "Dichterliebe") ... das war romantisch, es swingte (Drummer Claudio Strüby machte einen sehr guten Job, für mich war er das Highlight des Sets), das Klavier langweilte manchmal, doch nach zwei, drei Stücken funktionierte das Interplay wirklich blendend, der junge Bassist Lukas Traxel streuerte gute Soli und exzellente Begleitung bei. Am Ende wurde daraus eine Runde Sache, und als Zugabe folgte dann die angekündigte Überraschung und David Murray gesellte sich zum Trio - und spielte eine phänomenale Version von "Body and Soul" zum krönenden Abschluss, demonstrierte nochmal eindrücklich, was ein Tenorsaxophon in den Händen eines Meisters hergibt.


PS: Murray und Takase sind heute - das wurde gestern erwähnt - im Studio ... demnächst bei Intakt, wenn alles gut läuft.

PPS: Den Jazzpreis gewann heuer die junge Pianistin Marie Krüttli aus der Romandie - auf der schönen CD ihres Trios, Kartapousse,  ist ebenfalls Lukas Traxel am Bass zu hören - ein äusserst vielversprechender junger Musiker, von dem ich noch zu hören hoffe!

Robert Glasper Experience - Moods, Zürich, 7. April 2016



Robert Glasper Experience: Robert Glasper (keys), Casey Benjamin (sax, vocoder, synth), Burniss Travis (elb), Mark Colenburg (d) - ein paar Photos von einem früheren Auftritt der Gruppe (bei der Travis wohl nur als Ersatz für Derrick Hodge einspringt?) findet man hier.

Rap
- Lies
_______
Hip Hop

Insgesamt ein ziemlich gutes Konzert, bei dem das Ganze weitaus besser war als die einzelnen Teile/Beiträge/Musiker, mich aber doch ziemlich kalt liess. Hervorragend auf der ganzen Länge (ein langes Set von wohl über 100 Minuten) war Drummer Mark Colenburg, der sein ganzes Spiel auf Hip Hop-Beats aufbaute, mit denen er immer wieder verdammt geile Dinge anstellte, Verschleppungen, Poly-Rhythmen, Breaks ... Travis sorgte hinten am Bass für ein fettes Fundament, während Glasper an den Keys und Benjamin selten am Sax, meist mit umgehängtem Synthesizer, Gesangsmikro und Vocoder für ein dichtes Gebräu an Klängen sorgten. Benjamin spielte im ersten Stück ein simples aber effektives schreiendes, sich überschlagendes Altsaxophon, man denke an Albert Ayler ca. 1966/67 oder Pharoah Sanders - allerdings hat Benjamin keinen auch nur annähernd so tollen Sound und es stelltes sich auch bald heraus, dass das Saxophon nur eine kleine Nebenrolle spielen sollte. Glasper hatte soweit ich erkennen konnte drei Instrumente dabei, ein wohl altes E-Piano, über dem ein Synthesizer lag (mit dem er verschiedenste Keyboard- und andere Sounds produzierte) und im rechten Winkel dazu ein sehr grosser zweiter Synthesizer, der so halbwegs wie ein Klavier klingen sollte (und darin grandios scheiterte, aber das war wohl Teil des Plans). Beim Publikum kam der Sound wohl insgesamt etwas besser an als bei mir, es gab doch immer wieder Momente der Langeweile, wenn Benjamin sang (man verstand kein Wort) Belangloses, was auch die satten Bässe und die tollen Beats nicht zu retten vermochten, auch Glasper war keinesfalls in Solier-Laune (obwohl es auch mal ein Stück gab, bei dem alle drei anderen von der Bühne verschwanden, aber da hätte man sehr viel gegeben für den Flügel, der wohl leider hinter die Bühne geschoben wurde). Es gab dann eine lange Zugabe, in der zunächst ein Duo von Glasper mit Colenburg erklang und danach ein Duo von Benjamin am Sopransax wieder mit Colenburg - und diese langen Duos waren wohl das Highlight des Abends. Glasper und Benjamin glänzten nun auch einmal solistisch und gaben zum Knochen doch noch etwas Fleisch bei, während Colenburg zu Bestform auflief. Das ganze war aber eindeutig eine Band-Angelegenheit und als solche, irgendwo zwischen dem Herbie Hancock der zweiten Hälfte der Siebziger und zeitgenössischem Hip Hop schon ziemlich toll. Im Gegensatz zu meinem Eindruck von Kamasi Washington kann ich mir durchaus vorstellen, dass Jazz heute so klingen kann, wie Robert Glasper das macht. Das ist nicht unbedingt meine Musik, aber es ist Musik, der ich gerne wieder lauschen werde.

Oum - Moods, Zürich, 1. April 2016

Sehr schönes Konzert gestern im Moods in Zürich - Beginn war für 20:30 angesetzt, wie immer im Moods, das ich seit fast 20 Jahren frequentiere. Das Moods war einst ein Jazzclub, heisst immer noch so, das Programm ist aber seit langem für vieles anderes geöffnet, im Mai verpasse ich Pat Thomas, weil ich am selben Abend schon Karten für ein anderes Konzert habe, Tony Allen hörte ich auch dort, aber die meisten der hochkarätigen afrikanischen MusikerInnen, die in letzter Zeit auftraten, verpasste ich - ist wie bei den CDs, am Ende muss man halt Prioritäten setzen.

Mit ein paar Minuten Verspätung kamen Oum und ihre Musiker auf die Bühne: zwei Kubaner an Bass und Percussion (Damian Nueva und Inor Sotolongo), Yacir Rami an der Oud (er stammt wohl wie Oum aus Marokko) sowie der französische Trompeter Robin Mansanti. Das Publikum war bunt gemischt, stimmte mehrmals arabische Gesänge an, es gab aber auch die üblichen Damen, die zum Reden gekommen waren, Gruppen von älteren Männern, die wohl auch aus dem Maghreb stammten etc. Der Laden war gut gefüllt, die Stimmung erwartungsfroh. Los ging es etwas verhalten, die meisten gespielten Stücke stammten aus dem aktuellen Album (dem vierten so scheint es, aber Nr. 1 und Nr. 2 erschienen wohl nicht in Europa, gestern war auch nur die Rede von zweien, daher ging ich gar nicht erst zum CD-Stand). Nach einer halben Stunde oder so waren die Jungs aufgewärmt und auch Oum kam etwas mehr aus sich heraus. Sie griff sich immer wieder verschiedenen Schellen oder Kastagnetten, tanzte auch mal etwas auf der Bühne herum (schade, dass man keinen angemessenen Teppich hatte, sie war natürlich barfuss).

Phänomenal fand ich den Percussionisten (ob es wirklich Sotolongo war? auf der Website steht sein Name, aber langhaarig wie die meisten Bilder im Netz nahelegen, war er nun gar nicht, aber Haare kann man ja abschneiden), der auf einem grossen Cajón sass und zwei weitere kleinere an Ständern von sich hatte, zudem anstelle einer Snare eine grosse, flache Rahmentrommel, anstelle eines Hi-Hat am Fusspedal ein Tamburin (ein Timbrel wohl, jedenfalls ohne Fell), eine Trommel, die wie eine Kreuzung aus Djembe und Conga aussah, hatte er auch noch neben sich, dazu ein paar Becken und kleinere Dinge. Er und der Bassist verstanden sich hervorragend, man hörte auch immer mal wieder kubanische Rhythmen oder Elemente, gegen Ende des Konzertes gab es gar ein Stück, das über eine Art Bossa-Beat gespielt wurde - und natürlich gab es die tolle arabische Version von "Veinte años", mit einem ausführlichen Intro von Bass und Percussion, ein Highlight, auch gegen Ende des Konzertes. Rami an der Oud war jedoch meist der zentrale Musiker der Band, spielte oft auch Bass-Licks, die vom Kontrabass dann nur ergänzt oder verdoppelt wurden, solierte auch ganz ordentlich (aber die eigene CD von ihm, die es auch noch zu kaufen gegeben hätte, mochte ich dann doch nicht mitnehmen, so toll fand ich ihn insgesamt nicht und von der CD liefen vor dem Konzert schon ein paar Kostproben). Der Trompeter stand etwas unbeteiligt hinten und hatte leider oft nicht viel zu tun, ein paar Melismen hier, eine kleine Gegenmelodie im Refrain da. Erst in der zweiten Hälfte spielte er ein paar Soli, mochte sich aber von der einfachen Harmonik der Stücke nicht recht freizuspielen (es klang dann eher so wie ein Solo von Guajira Mirabal aber mit dem Ton von Chet Baker, alles in Dur bzw. diatonisch, rhythmisch fliessend, ebenmässig). Zwischendurch gab es aber auch Trompetenlicks, die einem James Brown-Stück Ehre getan hätten und auch Oums Gesang wurde streckenweise enorm intensiv.

Wenn das jetzt Gedanken an Beliebigkeit heraufbeschwört: weit gefehlt! Das war ganz klar Oums Musik, von A bis Z. Wie auf den CDs erkennt man ihre Stimme und den Sound innert Sekunden, das Aufdröseln verschiedener Elemente wird der Musik so gesehen überhaupt nicht gerecht. Was auch immer wieder klar wurde, trotz der arabischen Elemente (v.a. die Oud): das ist Musik aus der Sahara, es gab auch Grooves und Stellen, die an Musik aus Mali erinnerten. Am Ende war das Konzert weniger Mitreissend als musikalisch enorm Reichhaltig. Es mag abgedroschen klingen, aber es ist für mich immer wieder beglückend, so gut gemachte Musik im Konzert zu hören, den Musikern zu lauschen, ihre spontanen Reaktionen, ihr Zusammenspiel zu beobachten - und wenn mittendrin auch noch eine Stimme wie jene von Oum erklingt, dann ist das wieder mal so, wie Irving Berlin einst schrieb: "Heaven, I'm in heaven ..." - und wenn dieser Himmel fast zwei Stunden (ohne Pause - mit einer sehr langen und einer kürzeren zweiten Zugabe) dauert ...

Unerhört 2015: Omri Ziegele-Yves Theiler-Gerry Hemingway, Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon - Moods, Zürich, 29. November 2015

Am Abend gab es dann im Jazzclub Moods den Abschluss der grossartigen Ausgabe von Unerhört 2015 . Und wirklich, es passte diesmal alles, auch der manchmal etwas nervige Lokalmatador Omri Ziegele (der bei Favre - er gehört zu den Mitorganisatoren des Festival und machte die Ansage - so lange gelabert hatte, dass die drei irgendwann einfach zur Tür rein kamen und ihre Instrumente packten) wurde dem Anlass gerecht. Der Reihe nach gab es zuerst Omri Ziegele-Yves Theiler-Gerry Heminway, ein Trio aus Altsax (und Stimme), Klavier und Schlagzeug. Ziegele hörte ich schon öfter mal, dass er ein guter Saxophonist ist, steht ausser Frage, aber was er als "Poet" manchmal so an - stets englischen - Texten/Lyrics ins Mikro sagt, finde ich meist nicht sonderlich interessant. Doch gestern hat für einmal wirklich alles gepasst, Hemingway war wie immer ein unglaublich toller Begleiter, mit riesigen Ohren und einer enormen Reaktionsschnelligkeit, ähnlich Theiler am Klavier (die beiden muss mal jemand als Duo programmieren, bitte, ja? Und warum nicht auch mal Schweizer/Heminway?), das verzahnte sich alles aufs Schönste, Ziegele spielte darüber sein ungebändigtes Saxophon und kam auch textlich auf den einen oder anderen grünen Zweig. Mehr als bloss ein würdiger Auftakt für den - erhofften - krönenden Abschluss, ein wirklich tolles Set!

Den Abschluss - und er war durchaus krönend! - machten dann Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon. Drei alte Kämpen, die Art Konzert, bei der man manchmal vergeblich hofft und auf der Bühne gar nichts passiert ... Portal ein überaus launischer Kerl, anfangs noch merklich verstimmt heiterte sich seine Miene im Verlauf des Konzerts auf, seine launigen Ansagen waren jedoch vor allem zur Belustigung von Daniel Humair gedacht, schien mir, auch mit leidlichen Französischkenntnissen verstand man kaum ein Wort. Portal spielte grundsätzlich Bassklarinette, griff je zweimal zur Klarinette und zum Sopransaxophon und schloss das Set dann mit ein paar Nummern am Bandoneon (Daniel Humair goes Tango ... sehr schön). Auch hier war wieder klar, wie zuvor beim Trio von Favre: die drei sind gekommen, um zu spielen. Von Beginn an herrschte gespannte, konzentrierte Atmosphäre (wobei Portal sowas wie Spannung wohl nicht verkörpern kann, vermutlich lässt er die schon die ganze Zeit raus und steht dann eher in Bananenform mit seinen ausgelatschten Turnschuhen auf der Bühne herum, hat aber dennoch in jedem Augenblick die Kontrolle über das Geschehen. Chevillon spielte einen tollen, voluminösen Bass (etwas zu nah aufgenommen/abgemischt für meinen Geschmack, das war bei Dress am Vorabend schöner, aber die drei hatten ihren eigenen Soundmann dabei, es war wohl genau so, wie sie es haben wollten), Humair dahinter ein unglaubliches Schlagzeug. Mit Hemingway und ihm, zusätzlich zu den schon genannten, war das wahrlich ein Schlagzeug-Gipfel, der sich in den Tagen da abspielte. Wie die drei zwischen frei-schwingenden Grooves, zwischen schnellen, wilden Melodiefetzen, zwischen Soli und dichtem, blitzschnellen Zusammenspiel wechselten, war jedenfalls begeisternd, vor allem, was der überaus grosse Mann am Schlagzeug ablieferte (die Besonderheit bei ihm: zwei Stehtoms, linkshändig aufgestelltes Kit ... und die Snare wieder in ihrem Recht, ganz klar ein Jazzschlagzeuger, aber wenn man sich seine - bereits tollen - Anfänge mit Barney Wilen oder Humair-Urtreger-Michelot ansieht: was für ein beeindruckender Werdegang!). Portal schwankte zwischen Melomanie - die er jedoch nie auskostete oder gar ausreizte, zu brüchig sein Ton, zu vif sein Geist um sich irgendwo niederzulassen - und rasenden Fragmenten, er umschifft jedenfalls souverän die Fallgruben, in die ein Trovesi dann und wann fällt, wenn er sich der Schwelgerei hingibt. Zum Abschluss also nochmal ein grosses Highlight, das die - von mir durchaus gehegten, gar kühnen - Erwartungen gänzlich erfüllte.

Colin Vallon Trio - Moods, Zürich, 5. März 2014

Die Genesung und Wiederauferstehung erfolgte jedoch pünktlich zum nächsten, seit Wochen erwarteten Termin: Colin Vallon, erneut, dieses Mal mit seinem regulären Trio, in dem seit kurzem ein neuer Schlagzeuger sitzt: Julian Sartorius hat Samuel Rohrer nach einigen Jahren abgelöst. Patrice Moret ist weiterhin am Bass zu hören.

Das Trio tritt im Rahmen seiner CD-Taufe-Tour im Jazzclub Moods auf, dem seit einiger Zeit wichtigsten der Stadt. Die Musik ist möglicherweise etwas schwermütiger geworden, aber auch präziser. Sie ist gewachsen, hat mehr Richtung - ich bin allerdings noch etwas unentschlossen, ob die Richtung mir gefällt.

Augenscheinlich war jedenfalls der ECM-Effekt: beim ersten Konzert dieses Vallon-Trios im Moods (2007, "Ailleurs") fanden sich drei, vier Dutzend Neugierige ein (darunter Irène Schweizer), 2011 ("Rruga", das Konzert war leider nicht besonders gut) kamen schon doppelt so viele Leute, gut besucht kann man sagen. Nun, bei der zweiten ECM-CD ("Le Vent") war der Laden zwar nicht berstend voll, aber doch sehr, sehr gut besetzt (eine Horde lärmender VIPs hatte zudem die Galerie gestürmt, keine Ahnung, was da genau abging, aber man hätte dem normal zahlenden Publikum wenigstens eine Warnung entgegenschleudern dürfen. Ich schrieb hier ein paar Zeilen über das Konzert und erste Eindrücke zur neuen CD, die mich nach vier, fünf Durchgängen doch sehr, sehr gut gefällt:
http://gethappymag.de/blog/musik/elegie-und-ekstasis

Vijay Iyer Trio - Moods, Zürich, 21. Februar 2013

Gestern spielte das Trio von Vijay Iyer im Moods in Zürich. Der Laden war erstaunlich gut besucht - das Posterboy-Aussehen dürfte geholfen haben, der Damenanteil war viel höher als sonst, die Poster ausserhalb des Clubs waren schon in der Pause zum Teil verschwunden. Auch die hippe Jungs, sehr junge, waren unterwegs, Jazzschüler wohl, die "wegen Marcus" da waren, wie sie sagten, oder wohl einfach, um Iyers anspruchsvolle, "verkopfte" (auch das sagten sie) Musik zu hören.

Dieser Marcus, 26, mit vollem Namen Marcus Gilmore, ist Enkel von Roy Haynes und hat das Trommeln wohl in die Wiege gelegt gekriegt. Im ersten Set ist er es, der die Akzente setzt, sein Spiel erreicht eine Dichte und Wucht, die etwa dem entsprechen dürfte, was ich mir von Elvin Jones mit Coltrane, ca. 1965 vorstelle - da sind die Leute ja teilweise in ekstatische Tänze verfallen, haben Tische um- und Urschreie ausgestossen. Ganz so wild geht es im gesittet-zwinglianischen Zürich natürlich nicht zu und her, was aber nicht Gilmores Fehler ist. Es liegt eher am verhaltenen Spiel Iyers, der in den ersten Nummern etwas austauschbar wirkt, wie ein beliebiger, sehr guter Jazzpianist seiner Generation eben. Kontrabassist Stephan Crump steht zwischen den beiden auf der Bühne und ist auch musikalisch der Vermittler zwischen Beat und Melodie, zwischen Rhythmus und Harmonie. Er spielt einen eigenartigen Bass mit deutlich kleinerem Resonanzkörper und leider etwas wenig Volumen und Klangfülle gerade in den tiefen Lagen. Im ersten, etwa einstündigen Set wirkt die Musik etwas kopflastig. Man hört komplexe Strukturen und komplizierte Rhythmen, Iyer spielt neben perlenden Läufen auch zerhackte Passagen, rhythmisierte Kürzel, hängt früh im ersten langen Medley einmal kurz seinen iPod an, um einen Computer-Beat einzuspeisen. Die oft eng ineinandergreifenden Beats von Gilmore und die Bass-Licks von Crump könnten ganz schön grooven, aber das will nicht richtig gelingen. Das Trio wirkt zwar eingespielt, aber die Musik hebt nicht richtig ab.

Ganz anders dann im zweiten Set. Plötzlich gibt es auch etwas Wärme in der Musik, die Grooves greifen ineinander, das Versprechen des ersten Sets wird nun eingelöst. Iyer findet immer mehr zu einem idiomatischen Spiel, das seine ganz eigene Sprache enthüllt. Die Linien perlen nicht mehr dahin, die Vergleiche zu Jason Moran und der gelegentliche Anklang an Thelonious Monk aus dem ersten Set machen Raum für Bezüge auf andere eigenwillige Pianisten des Jazz, Herbie Nichols vor allem, von dem dann, in der Mitte des Sets, auch ein Stück gespielt wird – es zählt zu den schönsten des Abends, gerade weil es Iyer gelingt, die besondere Klangwelt von Nichols mit seiner eigenen zu überlagern, das Stück auch rhythmisch in seinem eigenen Sinn zu gestalten. Die drei finden jetzt wirklich zusammen zu einer eigenen Musik, immer noch rhythmisch anspruchsvoll, eng verzahnt, harmonisch gewagt – auch wenn Crump ein Solo spielt – und von enormer Dichte, getragen auf einem Donnergrollen der Drums, das aber auch mal zu einem Flüstern werden kann, ein gemeinsames An- und Abschwellen, Be- und Entschleunigen, wie man es sehr selten zu hören kriegt. Nach wohl einer Stunde, kurz nach dem Nichols-Stück, erhält die Band einen Applaus wie am Schluss des Konzertes. Aber ans Aufhören denken sie noch lange nicht. Iyer spielt eine bezaubernde Solo-Version des alten Van Heusen/DeLange Standards "Darn That Dream", mit fein angedeuteten Strides der linken Hand und feinen, überraschenden Linien der Rechten. Dann spielt das Trio weiter, und nach wohl neunzig Minuten, ein Teil des Publikums ist bereits in der späten Nacht verschwunden, gibt es auch noch eine Zugabe, in der nichts von der Spannung verloren ging, die es davor aufgebaut hat.

Ich vergass: Drumrolls made in heaven - grossartig, wie Gilmore ein Feeling mitbringt, das am ehesten von Art Blakey zu kommen scheint, das mit seinem enorm dichten polyrhythmischen Spiel (EJ!) vereint und darüberhinaus auch die ganzen Funk- und Hip-Hop-Rhythmen der jüngeren Zeit berücksichtigt und einbaut.

Lee Konitz - Moods, Zurich, 24 October 2012

Lee Konitz is the mother. Amazing concert ... that somehow felt like a goodbye, too. The next best thing I can think of is late Pres - so darn vulnerable, so totally open ... and in the best moments: sublime. Yet at the same time he was grumpier than last time (March 2010), got on stage telling the sound guy to turn off all the mics and saying he hated that sound in here (he was unamplified, bass had some pick-up and a mic, drums and piano very few mics - it sounded nearly acoustic from where I sat, except for the double bass). Then he addressed the public, explaining that he will play some old standards like "Body and Soul" etc ... adding that some say they don't want to hear that old stuff anymore, but: "screw 'em!" - darn well we do! They played two sets, both around an hour long. In the first, he interrupted a tune (sort of, just for a second), telling the piano player (Florian Weber) "that's enough!", having him and bassist Jeff Denson stop, instead Lee went on in duet with drummer Dan Weiss (the most amazing sub for Ziv Ravitz, the trio's regular drummer). Weber was kind of put off and just comped at very low volume for the rest of set one and it took him a while to find his way into the music again in set two - not sure what Konitz' problem was, as Weber was playing beautifully for my ears.

The sets consisted entirely of standards, including a most beautiful "What's New", as well as "You Don't Know What Love Is", "You Stepped Out of a Dream", "I'll Remember April" and others. They ended set two with an encore, Lee up on the gallery, playing "Cherokee".
Lee seemed to be shorter of breath than last time, although he looked in better shape generally (and stood for long stretches, while last time he played seated most of the time, and just for one, ca. 80 minutes set, when only an hour had been announced). He came in and dropped out of the music often, playing a few bars, then leaving space for Denson/Weiss (and sometimes for Weber) who did a great job, keeping the music very alive and multi-directional (and Weber's comping was great, I found! in his short solo ventures in set two, he played lots of locked chords stuff and some very narrow harmonic things, keeping his hands very close most of the time - a most interesting player, in my book).

Anyway, the great event was of course Lee, who went into dialogue with Weber (in the first half of the first set, he was fed with ideas and took off on most of Weber's phrases and it was a joy to hear), later on with Weiss more often - and Weiss was truly great! Last time I caught him live was with Rudresh Mahanthappa's Indo-Pak Coalition (third of that group was guitar player Rez Abbasi). Lee sounded weak and dangerously close to dropping out of tune at some moments, while at others, the old magic was there, his lines flowing in this weirdly rhythmicized manner that's all his ... and in a few tunes in set two ("What's New" being one of them), he was really singing on his horn - pure, yet fragile beauty.

Anyway, after a break with no music for two hours, I need some Pres (prime Pres, 1936/37) to slowly wind down ... Lee is the true inheritor of Pres' music, the last standard bearer of a forlorn, long-forgotten world.

Tarbaby with Oliver Lake - Moods, Zurich, 14 May 2012

Oliver Lake has played in Zurich regularly over the past years... this was the fourth time I caught him, and I know of at least two concerts I've missed. Tarbaby is Orrin Evans (p), Eric Revis (b) and Nasheet Waits (d) and they're very powerful, very NYC tough - and very loud, too.

The tunes they did were pretty wild (I thought of Dolphy now and then), often rhythmically very tricky (I once thought of Monk very much, too), and left lots of space for free flights by Lake and Evans.

The biggest surprise to me was Revis, whom I've heard so far in mostly Wyntonite context... big sound, plenty of technique, lots of ideas, very good time and groove... he mixes with Waits and Evans very well. Evans was mostly in what seemed a McCoy bag... incorporating perfectly the tough, muscular, yet lyrical post-Coltrane/Tyner black music continuum.

Lake was all over the place, the first set could mostly be heard as in that Trane/McCoy tradition, I guess... but after the break they returned and shifted gears quite some, both in levels of energy and in style. They did some mean funk, with Lake overblowing his alto (no flute tonight, just alto) and going for broke each time he started to blow.

The most amazing thing though, all through the two sets, was watching and listening to Nasheet Waits... what a powerful, great drummer! Rather small set (bass drum, snare, hi-hat, one tom, the big tom standing on the floor, a ride, and one more big cymbal next to the ride, maybe a second ride, really?), sounding very good, and putting layer and layer of rhythm on top of each other... truly amazing, and all as good as I'd been expecting!

Very intense night, to say the least!

Curtis Fuller Sextet - Moods, Zurich, 12 February 2012

Curtis Fuller Sextet last night ... a band made up of Americans (Fuller, Josh Bruneau on trumpet and Rob Bargad on piano) and Europeans (Ralph Reichert on tenor, Milan Nikolic on bass and Joris Dudli on drums).

Probably the closest I ever got to witness Art Blakey's Jazz Messengers in concert ... mighty fine band playing staples from Fuller's and Blakey's repertoire (Arabia, Up Jumped Spring, Caravan as closer) and other bebop staples such as "Star Eyes". Bruneau and Reichter did a beautiful ballad medley (Blame It on My Youth and It's Easy to Remember), the trio got featured in both sets, first set was, I think, "Everything Happens to Me", then in the second set they did "I'm Old Fashioned" (which, according to Fuller, Coltrane never played again after the famous recording, and hence he wouldn't play on it either).

Bargad was very good, the rhythm section totally in the pocket, they pulled some Jamal-like tricks (of Crosby/Fournier vintage) and Bargad went into some block chords/locked hands stuff à la Red Garland a few times ... truly fine and honest music played by a powerful band. As for Fuller himself, well ... he seems to be doing pretty well but he doesn't have that much strength left (no wonder, at his age) and his tone, while still round and beautiful, wasn't projecting too well in the room (he seemed to often play next to rather than into the mic, too), and while some solos came off pretty well, there were spots where you could kind of hear what he had in mind but it wouldn't come out quite that way ... but it was still great to see him, and the concert as a whole was very good.

George Gruntz Concert Jazz Band - Moods, Zürich, 25. Oktober 2011

Gestern habe ich mal wieder die rare Chance gehabt, eine tolle Big Band live zu hören, nämlich die George Gruntz Concert Jazz Band, die nächstes Jahr ihr 40jähriges Jubiläum feiern kann (Gruntz selbst feiert heuer seinen 80.).

Zum ersten Mal trat Gruntz mit seiner grossen Band im Zürcher Jazzklub Moods auf - zuvor gab er dort schon einige Konzerte mit Franco Ambrosetti oder mit seinem Trio und auch mit einem Oktett. Gestern drängte sich die grosse Band auf der kleinen Bühne: vier Trompeter (darunter eine tolle Lead-Trompeterin namens Tanya Darby), zwei Posaunen, Tuba, fünf Saxophone, Akkordeon und die von Gruntz geleitete Rhythmusgruppe.

Die Band spielte zwei Sets, alle Musiker kamen solistisch mehrfach zum Einsatz, besonders herausragend: Gary Smulyan am Barisax, Howard Johnson an der Tuba, Neuzugang Alex Norris an der Trompete, Trompeter Jeff Stockham mit seinem Waldhorn-Feature über Horace Silvers "Nutville", Luciano Biondini und David Bargeron (die auch zusammen in Erscheinung traten), sowie eigentlich die ganze Sax-Section, die neben Smulyan aus Chris Hunter (as,ss,fl), Sal Giorganni (as,ts,fl), Larry Schneider (ts) und dem langjährigen Mitglied des Vienna Art Orchestra (r.i.p.) Andy Scherrer (ts) bestand. Gruntz selbst gläntzte besonders im Intro seines Arrangements über "My Favorite Things" mit einem tollen Solo, aber sein Spielwitz blitzte immer wieder auf. Neben ihm sass an der Bassgitarre Arie Volinez, ein israelischer Musiker von grosser Virtuosität und noch grösserer Musikalität. Am Schlagzeug sass François Laizeau, der eines Abends kurzfristig für Adam Nussbaum einspringen musste und seither in der Band spielt, auch er wusste zu überzeugen.

Die Trompeter waren mir im allegemeinen etwas zu virtuos und hochtönig in ihren Soli, aber Norris gelang es, eine Brücke zu schlagen zwischen Technik und Lyrik, während Darby in ihren Soli eher als eine Art gestählte (aber durchaus hippe) Lee Morgan-Erbin rüberkam. Joe Magnarelli und Jeff Stockham bliesen ebenfalls ein paar gute Soli, aber Stockham hat wie gesagt vor allem mit seinem Feature am Horn überzeugt. Posaunist René Mosele war der Lokalmatador und glänzte mit ein paar schönen Soli, aber neben Dave Bargeron ist es nicht ganz einfach... dessen Trichter wies genau in meine Richtung und ich konnte ihn immer raushören, mit einem unglaublich starken, knackigen Sound. Seine Soli waren von unglaublicher Leichtigkeit (die seine irdische Erscheinung Lügen straft), und besonders das erwähnte Duett mit Luciano Biondinis Akkordeon war eins der Highlights des Abends. Am äusseren Rand in der mittleren Reihe sass Howard Johnson mit seiner Tuba, einer der altgedienten Männer in Gruntz' Band. Er spielte ein tolles Soli-Intro zu "Matterhorn Matters", einer Art Gospel/Funk-Nummer, in der Gruntz auch Motive von schweizer Volksliedern eingeflochten hat. Ganz am Ende des Konzertes spielte Johnson dann mit Gary Smulyan einen tollen Blues, in dem die Tieftöner sich nochmals präsentieren konnten - was nichts als gerecht war, denn sie bilden eine wichtige Stütze der Band.

Die Saxophonisten überzeugten wie erwähnt alle. Andy Scherrer ist der Doyen des modernen Jazz in der Schweiz, er spielte mit einer grossen Gelassenheit. Und genau das war es, was manchmal etwas fehlte. Die Soli verkamen hie und da etwas zu einer Nummern-Revue, in der jeder zeigen wollte, was er alles kann. Nur die älteren Musiker - Gruntz, Scherrer, Schneider, Bargeron, Johnson und Smulyan - konnten manchmal auch einen Schritt zurücktreten und etwas weniger virtuos aber musikalisch sinnvoller blasen. Sal Giorganni war sowohl am Tenor wie am Alt zu hören, auf beiden Instrumenten mit intensiven, verwinkelten Soli. Larry Schneider spielte wie Scherrer nur Tenor und trug ebenfalls einige schöne Soli bei. Chris Hunter schliesslich, der Konzertmeister der Gruppe, war am Alt, am Sopran und an der Flöte mit schönen Soli zu hören.

Volinez und Laizeau drängten immer wieder an die Oberfläche der Musik, die beiden bilden ein sehr tolles Gespann, das die Band trägt aber auch treibt, das mit dem Beat spielt und für eine abwechslungsreiche, spannende Begleitung der Solisten besorgt war. Mittendrin sass Luciano Biondini mit seiner Lockenpracht und seinem klassischen Profil und verzerrte das Gesicht zu seinem Akkordeonspiel. Ein toller Musiker, sein Temperament schien mir oft das eines Musikanten... jedenfalls ein wahres Vergnügen, ihn live zu erleben! Gerne möchte ich ihn auch mal mit Gabriele Mirabassi oder Michel Godard erleben!

Das Repertoire bestand aus Standards, Balladen (Gruntz verfolgt seit vielen Jahren eine Art Projekt, in dem er alte Standards neu arrangiert und seinen Leuten auf den Leib schneidert), ein Original von Gruntz' altem Freund Franco Ambrosetti (der mit Vater Flavio und Drummer Daniel Humair 1972 an der Gründung von "The Band" beteiligt war, so hiess die Gruppe ursprünglich), Originals von Bandmitgliedern, besonders zwei (eins eine Ballade, das andere eine brasilianische Nummer) von Biondini, sowie natürlich Originale von Gruntz.

Jedenfalls ein grossartiges und intensives Erlebnis (ich sass in der ersten Reihe, direkt vor den bieden Altsaxophonen, zwischen denen hindurch Dave Bargeron blies). Big Bands muss man ja an sich eh live hören, und in einem so kleinen Rahmen wie dem Moods ist das natürlich perfekt, da kommt auch der nötige Druck auf, den diese Musik haben sollte. Bisher habe ich von den einigermassen konventionellen modernen Big Bands das Vienna Art Orchester und die Mingus Big Band gehört, erstere leider in einem falschen Rahmen und mit dem nicht ganz so tollen "A Centenary Journey"-Programm, letztere ebenfalls im Moods, was ebenso eindrücklich war.

Schönstes Haarband: Arie Volinez
Schönste schmale schwarze Krawatte: Sal Giorganni*
Schönster Mini-Ziegenbart: Gary Smulyan
Schönste Cowboy-Stiefel: Arie Volinez
Schönste Lackschuhe: Sal Giorganni
Bester "nutty professor": Larry Schneider
Beste desinteressierte Miene: Andy Scherrer
Enthusiastischster Kommentar zu anderen Solisten: Chris Hunter, Gary Smulyan, Sal Giorganni - ex aequo
Schönster Tuba-Tanz: Howard Johnson
Beste Kommentare zum verfehlten staatlichen Kultursponsoring: George Gruntz
Schönste Glatze: Andy Scherrer
Schönste Gel-Frisur: René Mosele

*) einzige Krawatte des Abends... aber trotzdem toll!