Das Festival geht zwar erst heute Abend zu Ende, doch ich gehe an ein anderes Konzert. Gestern und am Donnerstag war ich dabei, hörte fünf Bands und wie immer war es eine spannende Sache mit völlig unterschiedlichen Resultaten.
Los ging das Festival am Donnerstag dem Kaja Draksler Octet (****). Die Musik der slowenischen Pianist bewegt sich irgendwo zwischen neuer (und - sehr - alter) und Jazz, zwischen Komposition, Text und Improvisation. Es wird rezitiert, gesungen, dirigiert, reagiert und spontan agiert, um nicht zu sagen agitiert. Ein Renaissance-Choral findet Platz ebenso wie ein Gedichte von Pablo Neruda und weitere Vorlagen, die Draksler und ihre Mitmusiker_innen vertonen. Die Band besteht neben der Leaderin am Klavier aus Björk Níelsdóttir und Laura Polence (Stimme), Ada Rave und Ab Baars (Tenorsaxophon und Klarinette), George Dumitriu (Viola), Lennart Heyndels (Bass) und Onno Govaert (Drums, Percussion, Piano). Auf der CD spielt Baars auch die Shakuhachi und Dumitriu die Violine (er hatte sie mit dabei, aber sie kam nicht zum Einsatz), Govaert wechselt ans Klavier, wenn Draksler die Band dirigiert, im Konzert wie auf der CD. Als Auftakt für ein Festival war das wohl nicht ideal gewählt, denn es musste doch etwas Zeit vergehen, bis man von der ruhigen, teils fast schon meditativen Musik Drakslers gepackt wird - bis man aus dem Alltagstrott gerissen wird und sich entführen und verzaubern lässt. Dies geschah mit mir in der Tat, die Mischung gefiel mir sehr gut, auch wenn ich gerade von Draksler der Pianistin gerne etwas mehr gehört hätte. Sehr schön war der Moment, in dem es heftig zu regnen begann, so laut, dass man das Prasseln auf dem Dach über der Aktionshalle der Roten Fabrik hören konnte, es sich zur gerade sehr stillen und schönen Musik gesellte. Ich schrieb im Hörthread flapsig von Kunststudentenmusik (mit Fragezeichen dahinter) - das wäre wohl, was böse Zungen sagen könnten. Nicht ganz zu unrecht, denn das war schon alles sehr ambitioniert und stand sich manchmal auch selbst ein wenig im Wege, aber es gab auch Raum für wilde Ausbrüche, nicht nur von Ab Baars, bei dem man das ja eh erwartete. Vielleicht eine Spur zu kontrolliert, etwas mehr Flow hätte gerade im Konzert gut getan.
Die zweite und letzte Band des Eröffnungsabends war Amok Amor (***) - drei präpotente ADHS-Jungs mit einem Supernerd, der aber auch wirklich alles kann - doch warum denn ausgerechnet Circus? Dies mein spitzüngiger Kurzkommentar von vorgestern. Im Festivalprogramm seht: "Die Musik von Amok Amor ist fiebrig und rasant, furios und virtuos" - das ist wohl so, und das ist wohl auch das Problem, denn aus dem Fieber wird eine Art Selbstläufer, eine schnelle aber nicht sehr dichte, laute aber nicht sehr energetische Musik, die eher nervös denn fesselnd ist - und irgendwie immer wieder ins Leere läuft, nicht zu wissen scheint, was sie will, ausser rasende Läufe, schnelle (aber irgendwie wenig dichte und wenig verquere) Beats. Dabei kommt halt Langeweile auf, auch wenn Peter Evans, der Neuzugang an der Trompete, immer wieder zu faszinieren vermag, auch wenn durchaus klar wird, dass die Jungs was draufhaben. Die Frage drängte sich halt auf, ob sie zu gut wissen, dass sie was drauf haben. In der Zugabe kam dann die Verwurzelung im Ornette Coleman Quartet der frühen Sechziger zum Vorschein - etwas mehr Melodie, etwas mehr Luft. Das hätte auch davor gutgetan. Ich empfand die Musik als unernst (aber bierernst vorgetragen), ja nachgerade als uneigentlich, als postmodernes Spiel. Und die Zeit dafür ist endgültig abgelaufen. Die Coolness bleibt leere Pose, um nicht zu sagen: Posse. Und damit sind wir wieder beim Circus, bei den Schaustücklein, den Mätzchen. Slapstick sollte wohl der eine oder andere Einwurf Lillingers sein, aber das fiel dann wirklich nur auf die Nase. Schade, denn am Können scheitert die Band gewiss nicht, aber an den Ideen, und ich befürchte: an der Haltung.
Am zweiten Abend spielte zum Auftakt Samuel Blaser im Trio mit Marc Ducret und Peter Bruun (aus Dänemark), danach zwei skandinavische Bands: das Lisa Ullén Quartet aus Schweden und das Hedvig Mollestad Trio aus Norwegen. Der Skandinavien-Schwerpunkt ist damit angezeigt, ich hätte vor allem Blaser gerne mal live gehört, aber entschied mich dafür, ins Moods zu gehen - wo Skandinavien mit dem norwegischen Keyboarder und Elektroniker Bugge Wesseltoft ja auch stark vertreten war. Auch am Samstag gab es am Taktlos wieder Musikerinnen aus Skandinavien. Den Aufakt machte Julie Kjaer 3 (****), das Trio der Altsaxophonistin und Flötistin mit John Edwards am Bass und Steve Noble am Schlagzeug. Obwohl ich Edwards inzwischen auch zweimal mit dem unglaublich beeindruckenden Mark Sanders am Schlagzeug gehört habe, bleibt Edwards/Noble für mich eine nahezu perfekte Rhythmusgruppe. Die beiden agieren schlafwandlerisch sicher zusammen, finden genau die richtige Balance. Mal gehen sie in höchster Verdichtung aufeinander ein, dann lassen sie dem anderen wieder den nötigen Raum. Noble ist dabei äusserst understated, very British eben. Sein Spiel ist zugleich transparenter, härter und deutlich stärker in der Jazztradition verwurzelt als jenes von Sanders, und je nach Rahmen kommt das eben verdammt gut. So auch gestern mit Kjaer, deren Musik von der Rhythmusgruppe getragen wird, die ihr den Rücken freihält, aber auch auf sie eingeht, sie ins recht enge Geflecht einbezieht. Ein starker Auftakt.
Schon als es losging, roch es in der Aktionshalle nach Knoblauch. Das lag am Carate Urio Orchestra (*****), dessen aktuelles Programm "Garlic & Jazz" heisst. Mit dabei auf der gestern beendeten Tour war auch eine Köchin, die Knoblauchsnacks zubereitete. Unkonventionell ging es auch in musikalischer Hinsicht los: die acht Musiker der Gruppe verteilten sich im ganzen Zuschauerraum und im Eingangsbereich und begannen, frei zu improvisieren, sich dabei zunächst im Raum und allmählich auf die Bühne zu bewegen (der Weg führte für den Posaunisten Sam Kulik gar unter der Bühne hindurch). Mastermind der Gruppe ist Joachim Badenhorst, der gestern vor allem Tenorsaxophon spielte, aber auch mal zur Klarinette und ganz zum Schluss zur Bassklarinette griff. Weiter dabei: an der Trompete Jacob Wick, Frantz Loriot an der Bratsche, Pascal Niggenkemper und Brice Soniano (Kontrabässe), Nico Roig (Gitarre) und Seán Carpio (Drums). Kulik griff auch zur Gitarre, Niggenkemper und Loriot spielten mit Effekten und verschiedenen zwischen die Saiten gesteckten Objekten, und fast alle setzten auch ihre Stimme ein, mal summend, mal Texte singend. Als es nach wohl zehn oder fünfzehn Minuten auf der Bühne losgehen konnte (der Soundcheck war noch im Gang, als die Band bereits im ganzen Raum zu spielen anfing), entwickelte sich gleich ein starker Sog, aus dem ein magisches Set entstand. Die Klangpalette der Band ist immens, der Zugriff - im eklatanten Gegensatz zu Amok Amor - verspielt und humorvoll, locker, aber dennoch von grosser Ernsthaftigkeit. Aus freien Passagen entwickelten sich Grooves, die irgendwo zwischen Sun Ra und Fela Kuti anzusiedeln sind. Die Mischung aus Songs und Improvisationen, aus magischen Momenten und lärmenden Grooves passte schlichtweg perfekt und erzeugte wenigstens bei mir eine Art Trance.
Danach hätte man heimgehen können, sollen - ich weiss es nicht. Ich blieb, denn ich war auf die Anna Högberg Attack (***) aus Schweden doch ordentlich gespannt. Als Ausklang war das Set auch ganz schön, aber ich hatte wieder einige Mühe damit, und das in ähnlicher Hinsicht wie mit dem Ausklang des ersten Abends. Was da an Post-Coltrane Hard Bop - mit einer Prise Ayler Brüder da, einer Prise Cecil Taylor dort ... und ein Tune, das von einer späten Lee Morgen-Platte sein könnte, gab es auch noch - zusammengemischt wurde, schien mir einmal mehr recht oberflächlich, ja fast schon uneigentlich zu sein. Da half es am Ende nicht, dass es immer wieder musikalisch bezaubernde Momente gab, besonders im Zusammenspiel der Frontline, die aus Niklas Barnö (Trompete, der einzige Mann im Bunde), Anna Högberg (Altsax) und Malin Wättring (Tenorsax) besteht. Die Rhythmusgruppe - Lisa Ullén (p), Elsa Bergman (b), Anna Lund (d) - fand ich insgesamt etwas schwächer, wobei Bergman am Bass doch ziemlich gut war. Piano und Schlagzeug nervten manchmal, aber was mir wohl insgesamt ein wenig in den falschen Hals kam, war der "Fun"-Aspekt, den man durchaus auch Vorbildern (vermute ich) wie Atomic oder The Thing da und dort ein wenig ankreiden könnte (und der schien mir bei Piano und Drums einzeln betrachtet am grössten auszufallen, betraf aber auch den Sound der Combo als ganzer). In sich war das Set gewiss stimmig, aber für mich war die Ausbeute einfach nicht gross genug.
Alles in allem zwei lohnende Abende, besonders wegen der etwas grösseren und nicht konventionell besetzten Formationen. Da scheint im jüngeren kreativen europäischen Jazz fast schon so etwas wie ein Trend auszumachen zu sein: junge Musiker, die nicht nur ihre eigenen Kleinformationen oder Soloprojekte machen wollen, sondern Wert auf Zusammenspiel und klanglich überraschende Gruppenmusik legen, die zudem nicht von der brachialen Sorte ist, wie man sie aus europäischen Jazz der älteren Generation kennt, sondern sich verschiedensten Einflüssen - von neuer Musik bis hin zu Sun Ra - öffnet und Wege beschreitet, die ich oft ziemlich spannend finde. Ich denke da natürlich auch wieder an Eve Risser, deren Abschlusskonzert am letztjährigen Jazzfest Berlin mich beeindruckt hat.
(Die Photos sind vom zweiten Abend, der Reihe nach Kjaer 3, dann zweimal CUO und schliesslich Högberg.)
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Jazz gegen Apartheid Frankfurt «Celebrating the music of Johnny Dyani» - Basel, 27. Oktober 2016
Claude Deppa: trumpet
Tobias Delius: tenor sax, clarinet
Daniel Guggenheim: tenor sax, soprano sax
Allen Jacobson: trombone, euphonium
Christopher Dell: vibraphone
John Edwards: bass
Makaya Ntshoko: drums
Tolles Konzert gestern abend im Bird's Eye in Basel. Makaya Ntshoko machte anfangs einen etwas unsicheren Eindruck, aber nach ein, zwei Stücken war das vergessen. Das Material stammte (bei der Zugabe war ich nicht sicher, glaub das war ein Brotherhood-Klassiker) vollständig aus der Feder von Johnny Dyani, mit dem dieses Frankfurter Festival, das heuer in Basel zu Gast war, einst konzipiert wurde. Dyani verstarb jedoch kurz vor der ersten Ausgabe.
Claude Deppa, der andere Südafrikaner in der Gruppe, war klasse, zugleich sehr melodisch und lyrisch aber auch frech und geistreich – voll von der „badness“, die den Hard Bop so attraktiv macht, wenn man genauer hinhört. Jacobson (ein Kanadier, den ich zuvor nicht einmal dem Namen nach kannte) war ebenfalls beeindruckend, an der Posaune mit einer beeindruckend sicheren Höhe, am Euphonium unglaublich virtuos – doch wie beim besten Hard Bop gab es den ganzen Abend über kein leeres Schaulaufen. Auch die zwei Saxophonisten waren toll, vor allem Tobias Delius, bekloppt wie immer, Honks, Schreie, Growls (die gab’s bei Deppa auch – Ellington-Anklänge), insistieren auf einem Ton, einem kleinsten Motiv, aber auch virtuose Ausbrüche. Ein paar Male griff er zur Klarinette, die er natürlich ebenfalls komplett beherrscht, und auf der er eine beeindruckende Lautstärke erreicht. Guggenheim war neben Jacobson der andere mir unbekannte Musiker, am Tenor ebenfalls stark aber etwas konventioneller, sehr gut war er am Sopran, das er in manchen Stücken in längeren Passagen unisono mit Deppa spielte – die beiden kommen offensichtlich sehr gut miteinander zurecht. Dell am Vibraphon war unglaublich, schon im zweiten oder dritten Stück spielte er ein atemberaubendes Solo – unfassbar, wie die vier Schlegel nur noch durch die Luft flogen. In die Ensembles brachte er eine schöne Farbe rein, als einziges Harmonieinstrument der Gruppe, setzte aber auch immer wieder mal aus. Edwards am Bass war Herz und Bauch der Gruppe, Fels in der Brandung, der alles auffing, die anderen antrieb (auch vokal – Mingus lässt grüssen, in der Tat dachte ich auch öfter an Aufnahmen des Mingus Workshops, ca. 1961/62, die Birdland-Broadcasts etwa). Ntshoko war ziemlich gut, ohne dass er je gross im Zentrum stand, zurückhaltend, manchmal fast schon karg, ziemlich ruppig und sehr direkt – seine Hipness ist wohl, dass er gar nicht erst versuchen muss, hippen Shit zu spielen.
Das beste war aber, wie gut die sieben als Band funktionierten, zugleich spontan und frei, aber im Zusammenspiel enorm präzise – was nicht heisst, dass Delius nicht einen Wimpernschlag neben den anderen spielen konnte, dass Edwards oder auch Ntshoko mal den Beat auf den Kopf stellten. Da es sich um ein Dyani-Memorial handelte, war es natürlich toll, Edwards am Bass zu haben, der wohl insgesamt zupackender und konventioneller spielte als üblich, aber den Abend offensichtlich genoss. Sehr schön finde ich auch, dass die Verstärkung im Bird’s Eye auf ein Minimum beschränkt ist, nur Bass und Vibraphon hatten Mikrophone, der Rest war rein akustisch – und auch das klappte wunderbar. Die typisch südafrikanische Manier, leicht nebeneinander zu spielen und durch die entstehenden Unreinheiten und Reibungen, manchmal auch Dissonanzen, Spannung zu erzeugen, ist ja etwas, war mir enorm gefällt – eine Gruppe live zu erleben, die das so gut beherrscht, finde ich erst recht toll.
Im Publikum sass übrigens auch Irène Schweizer, die öfter mit Ntshoko gespielt hat – finde ich sehr schön, dass sie immer wieder auftaucht, sowohl bei alten Weggefährten wie auch bei jungen Talenten.
Tobias Delius: tenor sax, clarinet
Daniel Guggenheim: tenor sax, soprano sax
Allen Jacobson: trombone, euphonium
Christopher Dell: vibraphone
John Edwards: bass
Makaya Ntshoko: drums
Tolles Konzert gestern abend im Bird's Eye in Basel. Makaya Ntshoko machte anfangs einen etwas unsicheren Eindruck, aber nach ein, zwei Stücken war das vergessen. Das Material stammte (bei der Zugabe war ich nicht sicher, glaub das war ein Brotherhood-Klassiker) vollständig aus der Feder von Johnny Dyani, mit dem dieses Frankfurter Festival, das heuer in Basel zu Gast war, einst konzipiert wurde. Dyani verstarb jedoch kurz vor der ersten Ausgabe.
Claude Deppa, der andere Südafrikaner in der Gruppe, war klasse, zugleich sehr melodisch und lyrisch aber auch frech und geistreich – voll von der „badness“, die den Hard Bop so attraktiv macht, wenn man genauer hinhört. Jacobson (ein Kanadier, den ich zuvor nicht einmal dem Namen nach kannte) war ebenfalls beeindruckend, an der Posaune mit einer beeindruckend sicheren Höhe, am Euphonium unglaublich virtuos – doch wie beim besten Hard Bop gab es den ganzen Abend über kein leeres Schaulaufen. Auch die zwei Saxophonisten waren toll, vor allem Tobias Delius, bekloppt wie immer, Honks, Schreie, Growls (die gab’s bei Deppa auch – Ellington-Anklänge), insistieren auf einem Ton, einem kleinsten Motiv, aber auch virtuose Ausbrüche. Ein paar Male griff er zur Klarinette, die er natürlich ebenfalls komplett beherrscht, und auf der er eine beeindruckende Lautstärke erreicht. Guggenheim war neben Jacobson der andere mir unbekannte Musiker, am Tenor ebenfalls stark aber etwas konventioneller, sehr gut war er am Sopran, das er in manchen Stücken in längeren Passagen unisono mit Deppa spielte – die beiden kommen offensichtlich sehr gut miteinander zurecht. Dell am Vibraphon war unglaublich, schon im zweiten oder dritten Stück spielte er ein atemberaubendes Solo – unfassbar, wie die vier Schlegel nur noch durch die Luft flogen. In die Ensembles brachte er eine schöne Farbe rein, als einziges Harmonieinstrument der Gruppe, setzte aber auch immer wieder mal aus. Edwards am Bass war Herz und Bauch der Gruppe, Fels in der Brandung, der alles auffing, die anderen antrieb (auch vokal – Mingus lässt grüssen, in der Tat dachte ich auch öfter an Aufnahmen des Mingus Workshops, ca. 1961/62, die Birdland-Broadcasts etwa). Ntshoko war ziemlich gut, ohne dass er je gross im Zentrum stand, zurückhaltend, manchmal fast schon karg, ziemlich ruppig und sehr direkt – seine Hipness ist wohl, dass er gar nicht erst versuchen muss, hippen Shit zu spielen.
Das beste war aber, wie gut die sieben als Band funktionierten, zugleich spontan und frei, aber im Zusammenspiel enorm präzise – was nicht heisst, dass Delius nicht einen Wimpernschlag neben den anderen spielen konnte, dass Edwards oder auch Ntshoko mal den Beat auf den Kopf stellten. Da es sich um ein Dyani-Memorial handelte, war es natürlich toll, Edwards am Bass zu haben, der wohl insgesamt zupackender und konventioneller spielte als üblich, aber den Abend offensichtlich genoss. Sehr schön finde ich auch, dass die Verstärkung im Bird’s Eye auf ein Minimum beschränkt ist, nur Bass und Vibraphon hatten Mikrophone, der Rest war rein akustisch – und auch das klappte wunderbar. Die typisch südafrikanische Manier, leicht nebeneinander zu spielen und durch die entstehenden Unreinheiten und Reibungen, manchmal auch Dissonanzen, Spannung zu erzeugen, ist ja etwas, war mir enorm gefällt – eine Gruppe live zu erleben, die das so gut beherrscht, finde ich erst recht toll.
Im Publikum sass übrigens auch Irène Schweizer, die öfter mit Ntshoko gespielt hat – finde ich sehr schön, dass sie immer wieder auftaucht, sowohl bei alten Weggefährten wie auch bei jungen Talenten.
Jazzfestival Willisau 2016 - John Edwards, John Zorn, Cyro Baptista, Marc Ribot, John Medeski, Mat Maneri/Randy Peterson, Joachim Kühn, Tobias Meier etc.

Jazzfestival Willisau, Samstag 3. September
In Mülhausen schaute ein enger Freund des einen Bekannten vorbei, den ich ebenfalls seit einigen Jahren kenne und mit dem ich einige tolle Konzerterlebnisse teile (die anderen beiden gehen bis in die Siebzigerjahre zurück). Der fragte mich (das war vor dem Solokonzert von Clayton Thomas), ob ich denn am darauffolgenden Samstag nach Willisau ginge, da gäbe es einen John Zorn-Marathon ... ich sah zunächst nur den Konzertblock um 14 Uhr und war noch viel zu absorbiert vom Météo (das ja noch nicht einmal zu Ende war). Auf dem Zug heim, am Sonntagmittag, buchte ich dann ein Zimmer und kaufte Tickets für die beiden Hauptkonzerte am Samstag, das Schlusskonzert am Sonntagnachmittag und für John Edwards, der am Samstag um 11 Uhr im Rathaus solo spielen würde. Letzteres war sehr passend, denn Edwards ist nicht nur zweifelsfrei jener Musiker, den ich dieses Jahr am häufigsten gehört habe, er ist wohl auch mein derzeitiger Lieblingsbassist (nicht dass ich sowas wirklich habe, aber ...) - und wir unterhielten uns in Mülhausen nach den Solo-Sets von Majkowski und Thomas (und Parker, der ja solo kaum Bass spielte) darüber, dass es doch toll wäre, nun auch noch John Edwards solo zu hören.
Es galt also, früh aufzustehen, um acht Uhr einen von Wandergruppen, Rotwein saufenden Senioren eines Männerturnvereins auf Wochenendausflug etc. völlig überfüllten Zug zu besteigen, in Luzern am Bahnhof mich durch die alle diese in Funktionskleidung gehüllten Stadtflüchtlinge und Landverklärer zu kämpfen und den Bummelzug ins Hinterland nach Willisau zu nehmen. Dort rein ins hübsche alte Städtchen (eine breite Gasse, Samstagmorgen mit Bauernmarkt ... und Strassencafés, bei denen die örtlichen Rentner ihren Frühschoppen tranken ... ich lief direkt in John Edwards rein, der mit einer roten Plastic-Sonnenbrille aus dem Rathaus kam und mich erkannte, wir quatschen ein wenig, er ging dann in ein anderes Café, wo die vom Festival sassen, ich trank einen doppelten Espresso ...
Erst kurz vor 11 füllte sich der Theatersaal im Dachstock des Rathauses - drei Treppen hoch (für den Kontrabass gibt es einen Lift), ein witziger Saal mit naiven Trompe-l'oeil-Malereien (die natürlich kein Auge zu täuschen vermögen), Helvetia in Stein aufs Holz gemalt. Edwards spielte ein Solo-Set, das so ziemlich alles in den Schatten stellte, was ich an Bass-Solo bisher gehört habe (die Ausnahme ist Christian Weber) - und das frühe Aufstehen und leiden im Zug hatte sich schon einmal gelohnt. Unter den anderen frühankömmlingen fand sich auch der Herr, der die Fabrikjazz-Konzerte und das Taktlos organisiert sowie seine Frau (Partnerin, das weiss ich so genau nicht, aber Frau an seiner Seite jedenfalls, das ist es ja worum es geht) und als wir herausfanden, dass ich im selben "B&B" ein Zimmer hätte, erzählten sie mir belustigt vom Weg dahin ... ca. ein Kilometer aus dem Dorf heraus, der Landstrasse entlang (zum Glück heute mit Fahradweg auf beiden Seiten - in der Gegend ging ich auch schon mitten in der Nacht direkt am Strassenrand, wo die Autos 80 fahren dürfen, aber wenn es gerade aus geht auch gerne etwas tiefer drücken - selbstmörderisch, aber als Soldat nach einigen Bieren und einem guten Abend mit Kollegen, was tut man da nicht alles für besagte Helvetia? In der Wiese gehen? Bestimmt nicht, dann müsste man die Schuhe putzen ...). Also: Supermarkt rechts, Bahnübergang, Solarium links, Aldi links, nächster Supermarkt links, dann nichts und schliesslich rechts ein Komplex in dem gerade irgendwelche "ladies" angefeuert werden, die vor dem Fitness-Studio einer tumben Samstagnachmittagsbeschäftigung nachgehen ... dahinter ein Laden für Biker, darüber das Hotel, und noch weiter hinten, wie könnte es anders sein, nicht nur ein Bauernhof sondern gut Schweizerisch auch das Schützenhaus. (Zimmer war aber völlig okay, Service nett, Sonntagsbrunch spitze, Preis insgesamt völlig im Rahmen.)
Gut, dann wieder an der prallen Sonne (dafür hatte ich ja in Mulhouse schon geübt) zurück zum Festivalgelände gehetzt, das etwas ausserhalb des Dorfzentrums, natürlich auf der anderen Seite, liegt. Auf den Tickets stand schliesslich was von Türöffnung 12:30. Konzertbeginn war auf 14 Uhr angesetzt, bald klebten da Zettel, dass Türöffnung um 13:30 sei, man sich für den Fehler auf den Print-at-home-Tickets entschuldige. Ebenfalls hingen da Zettel, auf denen im Namen von John Zorn jegliches Photographieren und Mitschneiden untersagt wurde: man sei schliesslich hier, genau um zusammen hier zu sein, jetzt, und zu erleben, was man erlebt. Gut. Das hat dann auch geklappt, nicht einmal die Pressephotographen durften tätig werden, bloss einer vom Festival schlich am Bühnenrand herum und auch mal kurz vor dem Publikum. Wäre schön, wenn das immer so zurückhaltend wäre und v.a. wenn die Leute ihr zwanghaften Handy-Filmen ausschalten könnten (klar, ich habe oben auch ein paar Photos eingestellt, ich nerve mich wenn ich welche mache und ich nerve mich wenn ich keine mache, im Normalfall zücke ich das Ding, drücke fünfmal, stecke es wieder ein, eine Sache von 10 Sekunden, redbeans hatte z.B. nicht mal mitgekriegt als ich neulich in Brüssel bei Rhoda Scott ein paar Photos machte - geht also).
Beide Konzertblöcke dauerten ca. zwei Stunden, es gab je drei etwa 40minütige Sets, die Instrumente waren allesamt nebeneinander aufgestellt (was beim ersten Block mit zwei Drum-Kits und Cyro Baptistas riesigem Percussion-Arsenal ziemlich eindrücklich war, auch die B3 stand schon da und der Leslie drehte, obwohl sie erst am Abend zum Einsatz kam).
Masada Quartet
John Zorn (as), Dave Douglas (t), Greg Cohen (b), Joey Baron (d)
Den Auftakt machte die Kernformation des Zorn'schen Universums, Masada. Diese Gruppe spielte in den späten Neunzigern in Willisau ein etwa doppelt so langes Set, das meine erste Begegnung mit Zorn und seiner "Radical Jewish Culture" war - und nachhaltig einschlug. Dave Douglas hörte ich wenige Jahre später im Konzert mit seinem elektrischen Projekt mit Craig Taborn und Jamie Saft an Fender bzw. Wurlitzer, Chris Speed, Ikue Mori etc., später auch mit seinem eher langweiligen Quintett mit Donny McCaslin und Uri Caine. Aber mit Zorn hat es tatsächlich erst jetzt geklappt. Ebenfalls mit Greg Cohen, der ja wohl, so gefragt wie er ist, kaum je auf Tour gehen dürfte. Joey Baron hingegen war neulich ja etwas enttäuschend, im Duo mit Irène Schweizer eigentlich eine Fehlbesetzung (auch wenn das wohl beide nicht so sehen würden) und im Quartett mit Copland, Alessi und Gress zwar mit letzterem eine tolle Rhythmusgruppe bildend, aber insgesamt klappte auch das nur halb. Aber mit Masada war nun alles so perfekt wie erhofft. Das Quartett spielte druckvoll und präzise, gerade so, wie man es von den Aufnahmen her kennt. Dabei gab es genügend Raum für Soli von allen vieren und keiner gab sich eine Blösse. Da passte einfach alles. Etwas schade nur, dass es so kurz war, dass es auch diesen Höhepunkt gleich zum Auftakt gab.
Banquet of the Spirits plays Masada — The Book Beriah
Shanir Blumenkranz (b) Tim Keiper (d) Brian Marsella (keys) Cyro Baptista (perc)
Doch auch das zweite Set war toll. Blumenkranz am Bass war das eigentliche Zentrum der Musik, der jugendliche Keiper spielte ausgespaarte aber druckvolle Beats, die sich sehr schön mit Baptistas Spiel - das von Glockenklängen über Berimbau bis hin zu heftigen Timbales-Passagen alles zu bot, was die Latin Percussion hergibt - verzahnte. Marsella (der primär den grossen Flügel spielte, der links auf der Bühne stand und im ganzen Zorn-Teil nur hier zum Einsatz kam) glänzte mit Soli, die haarscharf an den üblichen Latin-Klischees vorbeidonnerten, ohne je in die Falle zu tappen. Im Gegenteil, er brach immer wieder aus, spielte dichte Cluster, schichtete Arpeggios übereinander. Eine durchaus melodieselige Musik, die aber sehr überzeugend dargeboten wurde, in der sich Melancholie und Freiheitswille gewissermassen ausglichen.
Cleric plays Masada - The Book Beriah
Matt Hollenberg (g) Nick Shellenberger (keys, voc) Dan Kennedy (b) Larry Kwartowitz (d)
Alles andere als melodieselig war dann das letzte Set des Nachmittags. Zorn scheint an der Metal-Band Cleric einen Narren gefressen zu haben. So ganz begreife ich nicht, warum. Hollenberg ist als Gitarrist zwar durchaus ordentlich, aber sein Spiel war eben auch wieder von solcher Harmlosigkeit, dass ich nicht umhinkam, mir vorzustellen, wie lustig es wäre, wenn ihm jemand den Strom abdrehen würde ... der Widerspruch, der sich bei mir so oft einstellt, wenn "harte" Musik gespielt wird: das ist Kinderkram, Sandkastenspielen für grosse Jungs. Shellenberger schrie und brüllte und grochste sich, hinter seinem Plastic-Clavier stehend, die Seele aus dem Leib, schwang die langen Haare, während Kennedys Bass in den Magen ging und Kwartowitz für starre Beats sorgte. Zorn sass derweil die ganze Zeit links am Bühnenrand (versteckt, aber im ersten Teil sass ich in der Mitte und konnte ihn gerade noch sehen) und grinste sich einen ab. Es gab dann die, nennen wir sie mal "Masada-Momente", in denen das Plastic-Metall-Strom-Gewitter kurz aufhellte und Hollenberg eine dieser auf leicht fremd klingenden Skalen beruhende Zorn-Melodie spielte ... aber das fiel völlig aus den Stücken heraus, die so gesehen in meinen Augen nicht erfolgreich waren.
Das "Book Beriah" ist übrigens wie es scheint das dritte Buch Masada. Das zweite, das "Book of Angels", scheint demnächst mit der dreissigsten Veröffentlichung abgeschlossen zu sein. Auch bei Baptista sass Zorn am Bühnenrand (und am Abend wohl auch wieder, aber da sass ich etwas weit auf der linken Seite und konnte ihn nicht sehen), aber er schien nur zuzuhören, wie die Musiker sein Material umsetzten, ohne einzugreifen.
Ich unterhielt mich nach dem Konzert noch eine Weile mit meinem Sitznachbarn, einem Zorn-Fan aus Freiburg, der davor auch schon am Festival in Saalfelden gewesen ist und zu Zorn (und wohl dem Jazz) eher vom Rock her gekommen ist. War aber sehr interessant, sich ein wenig auszutauschen (wir sassen am Abend erneut nebeneinander in der vordersten Reihe, waren aber im Gegensatz zu vielen anderen nicht so frech, nach 16 Uhr was auf den Stühlen liegen zu lassen, so waren die Plätze in der Mitte denn bis dahin vergeben. Typisch schweizerisch das (aber in Mulhouse sass auch mal eine impertinente Dame - "je m'en fous, je m'en fous, je m'en fous" auf einem Platz, den wir sogar noch mit Wasserflasche und anderem Kram besetzt hatten, da gab es ja auch nur kurze Pausen zwischen den Konzerten ... Höflichkeit ist kein alemannisch Ding und anstellen können die Schweizer sich nun gar nicht, pöbelhaftes Bauernvolk).
Asmodeus plays The Bagatelles
Marc Ribot (g) Trevor Dunn (b) Tyshawn Sorey (d) John Zorn (cond)
Beim zweiten Block gab es eine Umstellung, bei deren Ansage Zorn einen Blödsinn erzählte (er hätte gehört, viele wollten Simulacrum nicht hören, daher spielten die jetzt am Schluss und alle müssten sie hören, hä hä hä ... ich weiss nicht, ob er Asmodeus meinte, denn dazu sassen nun alle drin, sie spielten statt Simulacrum das erste Set, doch mit Ribot und Sorey, wer wollte sie Gruppe denn nicht hören, sie versprach doch - wenn man nicht dank redbeans um Julian Lage gewusst hätte - am meisten). Egal, es ging also gleich wieder verdammt laut und intensiv los. Leider stand die Orgel zwischen mir und Sorey, doch dieser entpuppte sich als echte Naturgewalt, dabei all den Sinn für Differenzierung mitbringend, der den Drummern der anderen beiden "lauten" Gruppen etwas abging. Wahnsinn! Zorn sass rechts vorn, auf einem Stuhl direkt neben Ribot, hatte ein Notenpult vor sich, gab Einsätze und Anweisungen - manchmal sagte er was, manchmal fuchtelte er herum, ein paar Male zupfte er Ribot am Ärmel, wenn dieser völlig versunken solierte und Zorn die Musik wieder in eine andere Richtung lenken wollte. Das klappte alles erstaunlich gut, Zorn griff zwar dosierend ein, aber er tat das so, dass am Ende alles passte, dass die Ribot zwar viel solistischen Raum kriegte, dass das Set aber nie ausuferte. Dunn gelang dabei das Kunststück, direkt in der Magengrube zu landen, völlig verzerrte dröhnende Klänge zu produzieren und dabei doch immer auch melodisch ins Geschehen einzugreifen.
Gyan Riley and Julian Lage play The Bagatelles
Gyan Riley (g) Julian Lage (g)
Der Höhepunkt des zweiten Teiles war dann aber das zweite Set - zwei Jungs mit akustischen Gitarren, zwei Stühle, zwei Mikrophone (die Gitarren selbst unverstärkt - der Sound in der Halle war übrigens hervorragend, bei allen Sets, auch da wo es mächtig laut wurde). Gemäss Programmheft spielt Riley (Sohn von Terry Riley) auf Nylon-, Lage auf Metallsaiten. Die beiden hatten sichtlich Freude am gemeinsamen Spiel, spornten sich an, wechselten sich ab, traten in einen dichten Dialog, gewährten einander aber auch immer wieder Freiräume zur eigenen Gestaltung. Das Repertoire stammt dabei wie bei Asmodeus aus "The Bagatelles", einer Gruppe von Miniaturen, die Zorn gemäss dem Zorn-Fan aus Freiburg nicht aufgenommen haben will. Sowohl Riley als auch Lage sind phantastische Gitarristen, es wäre schon ein Ereignis gewesen, einen von ihnen zu erleben, aber sie beide zusammen zu hören - und dann auch noch zu sehen, wie perfekt sie aufeinander abgestimmt sind - war wirklich phantastisch. Am Ende für mich noch vor dem Masada-Set das Highlight des Zorn-Programmes.
Simulacrum John Medeski (org) Matt Hollenberg (g) Kenny Grohowski (d)
Den Abschluss machte dann das Orgeltrio Simulacrum mit John Medeski, erneut Matt Hollenberg an der Gitarre und Kenny Gohowski am Schlagzeug. Da ging es einmal mehr ordentlich zur Sache, Gohowski war aber ordentlich nuanciert bei aller rohen Kraft, Hollenberg entpuppte sich jetzt als durchaus hörenswerter Musiker und Improvisator, auch wenn er natürlich nicht ohne einige der üblichen Stromgitarren-Rock-Klischees auskam. Medeski jedoch war eine echte Überraschung. Ich fand Medeski-Martin-Wood immer todlangweilig, auch wegen des Basses (ein Organist mit Selbstachtung braucht keinen Bass, verdammt! - gut, es gibt wenige Ausnahmen wie Freddie Roach, oft aber nicht immer Shirley Scott ... aber andere mag ich kaum gelten lassen). Einen Bass statt einer Gitarre in ein Orgeltrio zu packen halte ich für keine gute Idee, aber der Erfolg mag ihnen Recht geben. Entsprechend war mir Medeski nur schlecht vertraut und so war ich aus schönste überrascht davon, wie toll Medeski seine unförmige Kommode zu bedienen wusste und wie toll das Trio insgesamt funktionierte. Das Set war allerdings kurz (eher 30 Minuten, das Gitarrenduo hatte wohl etwas länger gedauert) - und es entpuppte sich auch als sehr gute Idee von Zorn, die Sets ohne Unterbruch zu programmieren und kurz zu halten. Denn nach sechs Gruppen in vier Stunden war man doch ganz ordentlich mit Musik gefüllt (mit knapp vier Stunden Pause dazwischen, die "ladies" waren mit den Hanteln und dem anderem Foltergerät durch als ich mich nachmittags eine Stunden hinlegen ging).
Ich blieb dann noch zum "Late Spot", der im ersten Stock der Festhalle stattfindet, in einem kleinen Saal mit Bar. Da spielte das Duo Qoniak (aka Cognac), zwei Romands, von denen ich schon als sie beim Soundcheck waren ein Ohr voll nahm. Vincent Membrez machte sich an Synthesizern zu schaffen während der phantastische Drummer Lionel Friedli für tolle Beats sorgte. Das ganze war einigermassen tanzbar und ziemlich gut. Als sie dann den finalen Rausschmeisser anstimmten, machte ich mich auf den Heimweg, vorbei an Aldi und dem Solarium, in der Hoffnung die Biker würde in der Nacht und die Schützen am Sonntagmorgen ruhen - so war es denn zum Glück auch. (John Edwards hatte übrigens am Vorabend beim Spätkonzert mit Phall Fatale gespielt, einer Band, die ich nicht wirklich verstehe, habe sie mal in Zürich gehört vor ein paar Jahren - andernfalls hätte sich seine Anreise für das Solo-Konzert kaum gelohnt.)
Jazzfestival Willisau, Sonntag 4. September
Am nächsten Morgen war ich früh genug auf, als dass ich auch wieder zum Konzert um 11 Uhr ging, es spielte Im Wald, die Gruppe um den Altsaxophonisten Tobias Meier, die ich vor einigen Monaten bei einem Stubenkonzert eines Freundes gehört hatte. In der Rathausbühne in Willisau - trotz merklicher Abkühlung draussen unter dem Dach noch unerträglich heiss - spielte das Quintett allerdings vergleichsweise befreit auf, warf die Kontrolle, die mir bei Meier manchmal etwas zu stark schien, über Bord. Es gab eine Art zeitgenössische, improvisierte Kammermusik mit Meier, dem Trompeter Matthias Spillmann, Frantz Loriot an der Bratsche, Nicola Romanò am Cello und Raffaele Bossard am Kontrabass - im Halbkreis links das Saxophon, rechts die Trompete, dazwischen die drei Streicher. Ein sehr schönes, ziemlich langes Konzert. Gut, dass ich hin bin (hätte eh um 11 oder 12 auschecken müssen, aber wach war ich dann sowieso schon längst, obwohl keine Schützen zugange waren).
Auf dem Festivalgelände gibt es auch in Willisau Stände mit Essen und Getränken (richtiges Bier und sogar von einer unabhängigen kleinen Brauerei aus der Schweiz - so macht man das) und in einem Zelt auch Bands, die zwischen den Haupt-Sets aufspielen. Am Samstagmittag war das Gabriela Krapf & Horns, die Pianistin/Sängerin Krapf mit drei Bläsern (t, tb, ts) - das war mir etwas zu harmlos-hübsch, aber es hat wohl seinen Zweck erfüllt ... musique d'ameublement, wie man mit der Formulierung eines anderen Jubilars sagen könnte. Am Samstagabend gab es (vor dem zweiten Zorn-Konzert) dann einen jungen Singer/Songwriter, der sich Long Tall Jefferson nennt - nicht für mich, pardon. Sonntag spielte dann eine Gypsy Jazz-Kapelle auf, Vendredi Soir Swing (mit Gitarre/Gesang, Gitarre, Kontrabass, Tenorsax/Klarinette) - das war zwar kompetent gemacht, der Frontmann hat eine gute Stimme, aber rhythmisch passte für mich so einiges nicht (sowohl beim Spiel wie auch beim Gesang) - irgendwie für mein Empfinden falsch phrasiert, keine Ahnung - kam mir jedenfalls leider ziemlich swingfrei vor, obwohl die Jungs einen sympathischen Eindruck hinterliessen und fraglos was konnten.
Das Hauptkonzert begann dann um 14 Uhr, ich schaffte es wieder in die erste Reihe. Von aufgeschnappten Gesprächsfetzen wurde klar, dass die meisten wegen Joachim Kühn da waren - ich nicht. Ich wollte mir, wenn ich schon in Willisau war, die Chance nicht entgehen lassen, das Duo Mat Maneri/Randy Peterson zu hören. Maneri kenne ich - ab CD - schon sehr lange, es gibt ja einige Hat-Veröffentlichungen von und mit ihm und denen steige ich schon seit dem Ende meiner Gymnasiastenjahre hinterher (von "The Long March" habe ich sogar noch die alten harART-CD-Ausgaben, nie durch irgendein Remaster ersetzt). Maneri sass mit seiner elektrischen Geige auf einem Stuhl, schräg rechts hinter ihm Randy Peterson am Schlagzeug (am Vortag gab es ein Rock- und ein Jazz-Kit für die Zorn-Gruppen, Peterson spielte glaube ich einen Hybrid von beiden, wohl mit weiteren Teilen ergänzt, Eric Schaefer spielte dann ein eigenes, das auf einem separaten Bühnenelement stand, er war also leicht erhöht neben dem Bass). Peterson langte heftig zu, doch die Musik des Duos hatte etwas Impressionistisches, etwas Verspielt-Introvertiertes. Einmal intonierte Maneri - wie durch Zufall im freien Ideenfluss dahin gelangt - die Melodie eines Standards (ich hatte gedacht, es sei "Body and Soul", aber in der Zeitung stand es sei "Ain't Misbehavin'" gewesen, bin mir nicht mehr sicher, das Flüchtige des Augenblickes in der Improvisation lässt sich ja schwer festhalten). Jedenfalls war das ein intimes Set, schnörkellos, direkt, aber auch nebelverhangen - dass es draussen grau und regnerisch wurde, passte sehr gut.
Danach folgte eine längere Umbaupause, der grosse Flügel musste in die Mitte, das andere Schlagzeug aufgebaut oder hingeschoben werden, ein grosser Bass-Verstärker ... und wie es dann weiterging (oder auch nicht) steht ja bereits ein paar Posts weiter oben. Schlecht war das Kühn-Set nicht gerade, aber nach all der feinen Musik, auch am Sonntag mit "Im Wald" und Maneri/Peterson war es halt doch ein Antiklimax zum Ausklang - und das ist natürlich sehr, sehr schade.

Die nicht ganz ernstgemeinte Doppel-Rezension von Joachim Kühns Trio-Set hänge ich zuletzt auch noch an:
Joachim Kühn Trio „Beauty & Truth“ – Jazzfestival Willisau, 4.9., 14:00 * * * * *
Mit zwei jungen Mitstreitern an Kontrabass und Schlagzeug beendete Joachim Kühn das diesjährige Jazzfestival Willisau mit einem fulminanten Set. Ekstatische Musik, die aber auch Raum für das elegische liess. Kühn entlockte dem grossen Konzerflügel singende, schwebende Töne, griff aber auch mächtig in die Tasten, wurde stürmisch wie man es von Cecil Taylor kennt. Chris Jennings glänzte am Kontrabass mit einem riesigen Ton und vielen Ideen, während Eric Schaefer am Schlagzeug für zupackende Beats sorgte. Auf dem Programm standen Stücke von Kühn selbst, das Titelgebende Stück von Ornette Coleman wurde als bezaubernder Opener für „The End“ von The Doors verwendet, von Ornette stand auch noch „Researching Has No Limits“ auf dem Programm, als zweite und letzte Zugabe hörte das begeisterte Publikum Kühns Arrangement von Gil Evans‘ „Blues for Pablo“, nach Evans‘ Arrangement, das auf dem ersten Columbia-Album mit Miles Davis zu finden ist. So wurde der erste Besuch Kühns in Willisau seit 1973 zu einer Sternstunde!
Joachim Kühn Trio „Beauty & Truth“ – Jazzfestival Willisau, 4.9., 14:00 *
Joachim Kühn trat zuletzt 1973 in Willisau auf. Bei seinem neuerlichen Besuch wurde er vom Publikum abgefeiert – für eine Musik, die ziemlich ausgeleiert klang, um nicht zu sagen: abgedroschen. Der Titel des Konzertes, zugleich der Titel der aktuellen CD des Trios, stammt von Ornette Coleman – das Stück erklang früh im Konzert, als angepappter, elegischer Auftakt zu einer Version von The Doors‘ „The End“. Dieses mag als Beispiel gelten, warum Kühn goes EST keine gute Idee ist. Eric Schaefer (der mit dem bejubelten Trio [em] bereits ähnliche Pfade beschritt) hämmerte plumpe binäre Beats, wenn es mal swingen sollte, war das nach Lehrbuch sicherlich korrekt ausgeführt, aber weder von Groove noch von Swing gab es in dem langen Set auch nur die geringste Spur. Überzeugender war Chris Jennings, der Mann am Kontrabass, mit singendem, voluminösen Ton und auch solistisch mit recht guten Ideen. Kühn selbst spielte manchmal nur zusammenhanglose Fragmente, aufgereiht an dem Faden der Pop-Beats – und vom Publikum intensiv beklatscht. Anderswo begann er verhalten, steigerte sich aber rasch zu dichten Arpeggi und hingehämmerten Clustern – es wurde ihm mit lauten Rufen und Pfiffen verdankt. Die Begeisterung, die in der Festhalle herrschte, konnte ich nun leider absolut nicht nachvollziehen – das war zum zweiten, dritten Mal aufgekochter Kaffee, alter Wein in alten Schläuchen, rhythmisch eindimensional, melodisch anspruchslos, das Verarbeiten von Pop-Material hat sich längst auch in Kühns eigenes kompositorisches Schaffen eingeschlichen – was dieses nicht besser macht. Schade, dass ich nicht nach dem tollen Duo-Set von Mat Maneri und Randy Peterson gegangen bin.
5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 2)
Fortsetzung von Teil 1
Mittwoch 9.3.
Am dritten Tag verbrachte ich über drei Stunden im Muzeum Historii Żydów Polskich, dem Museum der Geschichte der polnischen Juden. Ein moderner Bau noch etwas weiter draussen als unser Hotel, alles im - grossen - Bereich des einstigen Warschauer Ghettos. Oben ein Schnappschuss von einem kleinen Überrest der einstigen Ghetto-Mauer, in unmittelbarer Nähe des Kulturpalastes und des Zentrums der heutigen Finanz- und Geschäftsmetropole. Vom Museum ging's hinüber in die Nowe Miasto, die "Neustadt", die im 15. Jahrhundert direkt neben den einstigen Stadtmauern entstand und nach dem Krieg ebenfalls zu weiten Teilen wieder aufgebaut wurde. Im Restaurant, wo ich zufällig auf den einen Konzertreisegenossen traf, ass ich Ente - und war mir plötzlich ziemlich sicher, dass es dasselbe Restaurant war, in dem ich vor 15 Jahren beim ersten Besuch wohl schon gesessen hatte und ebenfalls Ente ass (damals zum ersten Mal überhaupt, wenigstens soweit ich das wusste). Danach ging ich zur Weichsel, den historischen Stadträndern entlang und danach nochmal ein wenige auf den Spuren des Ghettos, zum Keret-Haus, das neben der Stelle an der Chlodna liegt, wo einst der Übergang vom "Kleinen Ghetto" ins "Grosse Ghetto" stand, den heute Metallpfeiler markieren, in der Höhe des Holzsteiges, über den damals täglich Zehntausende Juden gingen.
Am dritten Abend gab es etwas weniger Musik, zwei Quartette, beide spielten sie eine knappe Dreiviertelstunde. Beim Soundcheck, den wir wie immer draussen vor dem Eingang wartend verfolgten, war Leigh enorm laut und es kam die Hoffnung auf, sie würde mit mehr Verve in den Konzertabend gehen, mit Klangwällen und Attacken auf das Publikum. Das erste von zwei Quartetten (das hatten wir am Vorabend schon mitgekriegt) war:
Jason Adasiewicz/Heather Leigh/John Edwards/Steve Noble
Es gab da quasi drei Klangzellen: Adasiewicz, Edwards/Noble, Leigh. Die schoben sich übereinander, rannten gegeneinander an oder spielten sich die Bälle zu (was Edwards und Noble ja eh pausenlos tun - im Film von Sempel sagt Noble mal: ihn interessiere nicht, wenn Edwards in seinen Groove falle, das wäre dann ja eine Jam-Session ... stattdessen wolle er hören, auf welche Einfälle Edwards käme, angeregt durch sein Schlagzeug, und er lasse sich von Edwards Reaktion dann wieder weitertreiben - dieser pausenlose Dialog ist es wohl, der mich an den beiden so sehr fasziniert). Adasiewicz bot wieder alles auf, man ist da echt froh zu wissen, dass Vibraphone grossteils aus Metallteilen bestehen, sonst hätte man Angst, das Instrument zerfällt gleich in seine Einzelteile. Leigh war dann weniger laut und weniger angriffig als der Soundcheck hoffen liess, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich - auch wegen des wirklich grossartigen Duo-Sets mit Brötzmann am Vorabend - mit ihr und ihrem Instrument einigermassen ausgesöhnt.
Angekündigt war für diesen Abend ein Trio mit Brötzmann, Schlippenbach und Bennink - eine Reunion der drei, die schon vor langer Zeit gemeinsam auftraten. Doch es wurde noch besser, denn Toshinori Kondo stiess dazu, es war ja der Abend der zwei Quartette. Und dieses Set toppte das erste dann doch mit einiger Deutlichkeit. Doch: es gab an den vier Abenden keinen Ausfall, in Sternen gesprochen bewegte sich das Set für Set zwischen vier und fünf - von fünf, versteht sich!
Peter Brötzmann/Toshinori Kondo/Alexander von Schlippenbach/Han Bennink
lieferten grossartige Musik, von nahezu der Intensität des Quintetts mit Drake am ersten Abend. Die Chemie stimmte zwischen allen vieren, Kondo und Brötzmann traten immer wieder in den Dialog, was sich auch darin äusserte, dass Kondo von seinem Stuhl aufstand (ich sass immer direkt unter ihm, wenn er auf der Bühne war, etwas links der Mitte, wo das Schlagzeug plaziert war) und sich in Brötzmanns Richtung wandte. Phasenweise flogen die musikalischen Ideen fast wie Geschosse durch den Raum. Schlippenbach sass hinter dem kleinen Flügel am linken Rand (und fehlt daher auf meinen Photos, er war an dem Abend so hell beleuchtet, dass kein halbwegs vernünftiges Bild zu machen war), aber das hielt ihn ganz und gar nicht davon ab, ins musikalische Geschehen einzugreifen und wieder wirkte er am Klavier frisch und überraschend. Kondo entlockte seinem Equipment (am Vorabend hatte ein Störung den Beginn lange verzögert, diesmal hatte er mittendrin eine Panne, die aber innert weniger Minuten behoben werden konnte) erneut faszinierende Klänge, von Wah Wah-Trompete à la electric Miles bis hin zu sphärischen oder auch beissend scharfen, schneidenden und gellend lauten Tönen. Da ich stets direkt vor ihm sass, konnte ich oft auch den natürlichen Trompetenton hören, der viel leiser auch noch erzeugt wurde - was die Faszination noch mal deutlich steigerte, es erlaubte, ein Gefühl für die ganze Technik zu kriegen, die Verfremdungseffekte.
Donnerstag 10.3.
Der letzte Tag begann mit einem Besuch im Chopin-Museum (dieser hatte in Marseille sichtlich keine gute Laune, gesehen von Maurice Sand). Dann zog ich nochmal kurz an den Plattenläden vorbei, um ein paar Photos zu knipsen, ging in den einen (den neben den AA) auch nochmal herein, ass eine andere - diesmal vegetarische - Version der Piroggen in der ebenfalls grad um die Ecke gelegenen Familijny Bar Mleczny, suchte Reste der Ghettomauer (Bild ganz oben) und drehte dann in der Gegend unseres Hotels noch eine längere Runde.
Den Auftakt des letzten Abends machte ein Duo-Set, das ich schon kurz erwähnt hatte:
Alexander von Schlippenbach/Han Bennink
spielten ein phantastisches Set, das soweit ich es erkennen konnte komplett aus Stücken von Thelonious Monk bestand. Schlippenbach steuerte freie, aber sehr passende Überleitungen bei, so dass sich das alles ohne Unterbrüche abspielte. Bennink sass direkt vor meiner Nase und spielte nur die Snare-Drum, die er mit verschiedenen Sticks bearbeitete (einer ging dabei auch noch zu Bruch, aber kein Wunder, die sahen alle arg ramponiert aus, gut hatte er einen Vorrat davon in seiner Jeans-Tasche, die auf den Photos zu sehen ist, er hängte sie kurzerhand an den Ständer eines der Klavier-Mikrophone). Schlippenbach wuchs in diesem Set förmlich über sich hinaus, spielte in seiner üblichen, nahezu stoischen Art die komplexen Linien von Monk, wandelte sie ab, ergänzte sie improvisierend, von Bennink bestens begleitet, der die Musik von Monk ebenfalls im Schlaf kennen dürfte - so wirkte das jedenfalls, sehr spontan zwar, aber es zeigte sich eben auch die jahrzehntelange Vertrautheit mit der Materie. Das Ganze kann man sich wohl als eine Art Einverleibung vorstellen, bei der aus Monks Musik etwas Eigenes entstand, das zugleich Monk wie auch Schlippenbach/Bennink war - und einzigartig obendrein!
Das angekündigte Oktett des Abends fand dann nicht statt bzw. es ergab sich anders als geplant. Ein zweiter Kontrabass stand auf der Bühne, ein junger leicht nervöser Mann schlich herum und entpuppte sich als Mateusz Rybicki (cl, bcl), der sich ebenso wie Bassist Zbigniew Kozera als Gast für den Abschlussabend dazugesellen sollte. Die Mikrophone des Pianos wurden zum Vibraphon verschoben, ein Septett war geplant, doch nach wenigen Minuten Musik erklomm Schlippenbach die Bühne, setzte sich ans Klavier, und eilends wurde ein neues Mikrophon aufgebaut. Zu hören gab es also:
Peter Brötzmann/Mateusz Rybicki/Toshinori Kondo/Jason Adasiewicz/
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Zbigniew Kozera/Steve Noble
- eine weitere hoch-energetische Sache, manchmal hart an der Schmerzgrenze was die Lautstärke betraf, aber erneut beeindruckend im Variantenreichtum (den Brötzmann ja auch schon mit dem ebenfalls ohrenbetäubenden Chicago Tentet zelebriert hatte). Rybicki, so meinte einer meiner altgedienten Mitstreiter, erinnere ihn an John Carter. Mir war das alles zu dicht, als dass ich einzelne Beiträge durchs Set hindurch verfolgen konnte, aber die immer wieder neuen Kombinationen mit den beiden Bässen, dem Vibraphon und dem Klavier allein waren schon grossartig. Adasiewicz und Schlippenbach, der in diesem Rahmen anfangs etwas unterzugehen drohte, hatten gegen Ende eine umwerfende gemeinsame Passage, die drei Bläser spielten alle exzellent, ebenso der junge Pole an der Klarinette und der Bassklarinette (ob es sein Instrument war, das Brötzmann die Tage davor spielte?). Das war wieder Musik, die alle Schleusen öffnet; music to end all music.
Doch damit war es - unerwarteterweise - noch nicht ganz getan, es gab an diesem Abend auch wieder ein drittes Set, Brötzmann und Kondo waren erneut mit dabei, zu ihnen stiessen die beiden in der grossen Besetzung Abwesenden, es gab also ein weiteres Quartett in der Besetzung
Peter Brötzmann/Toshinori Kondo/Heather Leigh/Han Bennink
Leigh spielte wieder ähnlich wie am dritten Abend, aber das Versprechen mit den ohrenbetäubenden Klangattacken aus dem Soundcheck des Vorabends blieb sie leider schuldig. Sehr schön war es, die Affinität zwischen Brötzmann und Kondo erneut zu sehen - Kondo scheint ja kaum noch ausserhalb Japans aufzutreten, dass ich ihn an vier Abenden hören konnte, zählte gewiss zu den schönsten Erfahrung dieser vier buchstäblich tollen Tage!
Coda:
Freitag 11.3.
In der Nähe des Hotels liegen die grossen Friedhöfe Warschaus. Ich hatte zwei Stunden, bevor ich das Zimmer auschecken und dann langsam zum Flughafen musste, nahm die Bahn und fuhr zum Powązki-Friedhof, der relativ übersichtlich gestaltet ist; beim Eingang gibt es lange Listen mit Namen und Sektoren, in denen die Gräber zu finden sind. Komeda, Wieniawski, Lutosławski oder Rowicki schafften es nicht in die Gasse mit den Ehrengräbern (die letzten beiden liegen direkt nebeneinander, Wieniawski an prominenter Stelle mit grossem Gedenkstein). Natürlich suchte ich als allererstes nach Komedas Grab. In den Ohren hatte ich Chopins Balladen, gespielt von Witold Małcużyński, dessen Grab wie auch jenes von Jan Kiepura* an der besagten Ehrengalerie zu finden ist. Es passte, dass es an diesem Tag nicht nur feucht war und nach Regen aussah sondern tatsächlich ohne Unterbruch nieselte.
Danach reichte die Zeit leider nur noch für einen kurzen Gang durch den anliegenden jüdischen Friedhof (man fährt aber immerhin zwei Stationen mit der Strassenbahn), wo ich die direkt nebeneinander liegenden Gräber von Ludwik Lejzer Zamenhof (an der in der Nähe gelegenen ul. Esperanto war ich beim ersten Besuch in Polen auch mal noch, die verläuft parallel zu den Friedhofsmauern) und Adam Cerniaków fand, aber vergebens nach dem Grab von Marek Edelman suchte.
Über den Wolken - da gab es Sonne, die einzige, die ich seit 10 Tagen sah, so hatte das Fliegen in der noch engeren Kiste doch noch was Gutes - ging es dann wieder zurück. Doch am Flughafen tauchte plötzlich Kondo vor meiner Nase auf und als ich weiterging fand ich ihn und Noble beim Kaffee, bedankte mich noch einmal bei ihnen für die phantastischen Tage und ging dann meiner Wege (hätte mich dazusetzen können, aber wollte nicht aufdringlich sein).
*) bei meiner ersten Reise nach Warschau fuhr ich mit dem Nachtzug, der nach Kiepura benannt war - ein paar Souvenirs von damals stehen hier immer noch ...
5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 1)
Sonntag 6.3.
Sonntagmittag flog ich also wie geplant nach Warschau - was man nicht alles auf sich nimmt, um den guten Herrn Brötzmann zu hören (was für eine bekloppte Art zu reisen, das mit diesen Blechkisten, wo man Angst um seine Kniescheiben haben muss und auf Gedeih und Verderb seinem Sitznachbar ausgeliefert ist).
Erstmal da ging's am Kulturpalast - in der dortigen Touristeninfo wurde übrigens für die Brötzmann-Konzerte geworben! - vorbei (ich wählte natürlich sofort wieder Bahn und Tram und Bus, wo ich die Wahl hatte, sicher nicht mit dem Taxi direkt von der Ausfallstrasse vors Hotel). Für einen Gang zum Umschlagplatz (von dem aus 1942/43 über 300'000 Juden zur Vernichtung abgekarrt wurden, die meisten endeten in den Gaskammern von Treblinka) reichte die Zeit noch (man lese Jarosław Marek Rymkiewicz' "Umschlagplatz").
Danach machte ich mich auf zum Club, in dem Brötzmann seinen 75. feiern sollte, das Pardon, To Tu.
Der Club entpuppte sich als ziemlich klein, sechs oder sieben Stuhlreihen, vorn ein paar Fragmente aller Klappsesselreihen aus einem Kinosaal, dahinter Plasticstühle und Klappstühle aller Art, die jeweils nach den Anlässen blitzschnell um Tische gruppiert wurden (die während der Konzerte draussen im Gang verstaut waren). An der Bar gibt es nicht nur diverse Sorten Bier (ich fand rasch heraus, dass von den drei dunklen jenes im Offenausschank das Bier meiner Wahl sein würde) sondern auch Kleinigkeiten zu Essen: Focaccia, Hummus, Schupfnudeln etc., die man auch nach den Konzerten noch bestellen konnte.
Pardon To Tu, so fand ich später heraus, heisst so viel wie: Entschuldigung, dass es uns gibt. Ein paar heftige Kommentare zur aktuellen politischen Situation in Polen kriegten wir dann auch noch mit, aber auch abwiegelnde Kommentare, die mich ziemlich ratlos zurückliessen (das sei nicht so schlimm, wirklich bösartig sei die Regierung nicht). Aber dass das ein Laden war, dem man hier das Prädikat "alternativ" anhängt, war sofort klar, und das Publikum war entsprechend sehr gemischt, es gab ein paar Anzugsträger, typische halb-autistische Jazz-Nerds und viel junges Publikum.
Den Auftakt machte der Peter Sempels Film Rohschnitt Peter Brötzmann (DE, 2014), vom Regisseur selbst vorbeigebracht. Eine nervöse, wenig kohärente Sache, Handkamera, Dauerpräsenz (als Fragesteller, Kameraschüttler und - manchmal - Lachnummer) des Regisseurs. Es gibt Konzertausschnitte von diversen Spielorten (auch aus dem Parton), diverse Gruppen und Kollegen tauchen auf: Full Blast mit Marino Pliakas und Michael Wertmüller, Die dicken Finger, Hamid Drake, Jason Adasiewicz, John Edwards, Steve Noble, Paal Nilssen-Love, Steve Swell u.a.. Brötzmann spricht in seinem Heim in Wuppertal über seine Kunst und seine Musik - viele interessante Einblicke, aber für jemanden, der Brötzmann in seiner Bedeutung nicht bereits einigermassen einschätzen kann, entsteht kein Bild, das den Menschen und sein Werk als Ganzes zu fassen in der Lage wäre.
Mit Sempel und Steve Noble - die Musiker tauchten auch auf, allerdings nicht alle und die meisten erst nach dem Film - unterhielt ich mich später kurz. Draussen ergab sich auch ein längeres Gespräch mit Brötzmann - über die Probleme wegen mangelnder Auftrittsmöglichkeiten, die zusätzlich dadurch verschärft würden, dass Topleute zu Dumpingpreisen auftreten, was er wiederum nicht mehr tun müsse - aber auch über die Bedeutung von Auftrittsmöglichkeiten, denn: Wie kann die Musik sich weiterentwickeln, wenn die Musiker nicht vor Publikum spielen können? Zu dem Zeitpunkt war mir noch überhaupt nicht klar, wie toll das Publikum im Pardon sein würde, welche Begeisterung da aufflammt. Im übersättigten Westen gibt es das kaum noch, Musik ist, zumal in der öffentlichen Darbietung - selten existentiell, eher nice to have, man ist ja so souverän und überlegen und gibt sich sowas von keine Blösse, indem man etwa ehrliche Emotionen zeigt, wenn einen wer sehen könnte.
Später, inzwischen waren meine beiden (deutschen) Kameraden auf diesem Brötzmann-Trip eingetroffen, gab es dann auch noch für alle Anwesenden ein Stück der Geburtstagstorte. Voller Vorfreude auf Folgendes ging es dann ins Hotel zurück.
Montag 7.3.
Am nächsten Morgen machte ich mich alleine auf, fuhr zur Altstadt, flanierte von dort durch den Ogród Saski und den Königsweg (Trakt Królewski) entlang bis zum Beginn der Nowy Świat, von der aus dann meine kleine Plattenladentour beginnen sollte (dazu demnächst anderswo mehr). Ich deckte mich da v.a. mit neueren Veröffentlichungen aus der "Polish Radio Jazz Archives"-Reihe ein. Das schönste Detail oben: direkt neben einem der Läden die Tür, die sich der polnische Ableger der Anonymen Alkoholiker mit der polnischen Jazz Society teilt - wie passend!
Da ich danach praktisch mein ganzes Bargeld aufgebraucht hatte, ging ich munter zum nächsten Geldautomaten - doch der wollte nicht. Ich irrte dann etwas angespannt mit 60 Zloty in der Tasche herum, ging dann zum Hotel (WLAN) und kriegte heraus, wie ich das verdächtige Polen, das bei meiner Bank wie fast alle osteuropäischen Länder als Standard gesperrt ist, freischalten konnte. Direkt um die Ecke gab es einen Geldautomaten, und fünf Minuten später war das Problem tatsächlich gelöst (ich hätte nicht mal Bargeld mitgehabt, wer reist heute in der Zivilisation noch mit grösseren Geldbeträgen herum ...)
Dann, wieder ganz entspannt und mit nervöser Vorfreude, stand der erste der vier Konzertabende an. Um 19 Uhr waren wir dort, die Konzerte waren für 20:30 angekündigt, meist begannen sie so gegen 21 Uhr. Angekündigt waren für jeden Abend drei Sets à 30 Minuten, eines wurde jeweils im Voraus mit Line-Up angegeben, doch Steve Noble meinte schon am Sonntagabend, das sei nur, damit man dem Publikum mal eine Info rausrücken könne, ob das auch wirklich so käme, bleibe abzuwarten - und so war es denn auch, denn es kam alles noch besser!
Den Auftakt machten
Toshinori Kondo/Heather Leigh
- die sehr amerikanische, inzwischen in Schottland lebende Dame an der Pedal Steel-Gitarre war für mich die grosse Unbekannte des Festivals (das keins sein wollte aber trotzdem eins war), Kondo wohl der Musiker, auf den ich mich am meisten freute (die andere hatte ich alle schon live erlebt, aber Kondo kriegt man ja kaum noch zu hören). Kondo spielte stets eine an einen Verstärker angeschlossene Trompete, deren Trichter schwarz legiert ist. Am Boden standen mehrere Pedale, neben ihm eine Kiste, in der weitere Effektgeräte verbaut hatte, an denen er öfter herumdrückte. Von Leigh gingen, so empfand ich, wenige Impulse aus, sie spielte an den ganzen Konzerten keine einzige Linie, keinen einzigen melodischen Bogen, zupfte immer einfache rhythmisch-harmonische Motive, die später bei intensiveren Sets durchaus auch mal eine Art Drone-Effekt erzeugen konnten, aber doch auch den Eindruck hinterliessen, dass ihre Möglichkeiten auf diesem seltsamen Instrument etwas limitiert sind. Ob das nun bewusst gewählt ist oder nicht mag ich nicht beurteilen, es spielt auch keine Rolle, sie war da, hat mitgespielt und entpuppte sich durchaus, bei aller Skepsis, auch immer wieder als Faktor, auf den die anderen Musiker reagierten, von dem aus sie ihre Ideen formten. So war das schon mit Kondo in diesem ersten Set, das einen sphärischen Auftakt bot, der durchaus einiges versprach.
Als fixes Set für diesen Abend war das aktuelle Quartett Brötzmanns angekündigt:
Peter Brötzmann/Jason Adasiewicz/John Edwards/Steve Noble
- doch schon vorher war plötzlich ein weiterer Gast aufgekreuzt: Hamid Drake wurde eingeladen, ohne dass Brötzmann davon wusste, und anscheinend war auch erst Tage im Voraus klar, ob das klappen würde oder nicht. Es gab also nicht das Quartett sondern ein völlig einmaliges Quintett mit zwei Schlagzeugen in der Mitte der Bühne, Adasiewicz' Vibraphon links daneben und rechts Edwards am Bass sowie ganz aussen Brötzmann, der auf einem Tisch seine Instrumente lagerte. Er spielte an diesem Abend nicht nur Tenorsaxophon sondern packte auch seine versilberte Klarinette und sein Tárogató aus, zudem griff er erfreulicherweise auch noch zur Bassklarinette. Dieses Set dauerte deutlich länger und war von einer unglaublichen Wucht. Die beiden Trommler hatten sichtlich Freude, zusammen zu spielen, sehr schön war auch der Moment zu Beginn - Noble, Edwards und Brötzmann spielten bereits - als Adasiewicz und Drake sich mit Blicken koordinierten und dann zur Attacke auf die anderen drei bliesen. Adasiewicz traktierte sein Vibraphon nicht nur mit zwei, drei oder vier Schlägeln (drei gab es, wenn einer davonflog, was in der Hitze mehrmals vorkam) sondern auch mit Bögen wie man sie für Streichinstrumente verwendet, aber auch mit einem präparierten Stab, mit dem er waagrecht auf die Tasten hämmerte. Sein Spiel wechselt zwischen heftigen Klangattacken und Linien, was ihm grosse Möglichkeiten bietet, auf die Musik ganz unterschiedlich Einfluss zu nehmen, eine breite Palette an Möglichkeiten bietet (was mir bei Leigh wie oben schon durchscheint etwas fehlte). Über John Edwards braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren, er ist seit vielen Jahren fast schon hyperaktiv und mit Sicherheit einer der besten Bassisten unserer Zeit. Der Mann am Saxophon gab sich an den vier Abenden keinen Moment der Blösse, schon bei diesem ersten Auftritt beeindruckte er mit seiner Kraft und seinem riesigen Sound. Irgendwann schnappte ich draussen auf, wie er zu jemandem sagte: klar, Coleman Hawkins - und so war es, es gab einen Moment, wo er mit dem Motiv aus "Driva Man" aufwärmte, und einen Abend später griff er dieses Motiv in abgewandelter Form in einer längeren Passage wieder auf.
Das war an sich ein Set to end all music, ich hätte direkt nachher den Flieger nehmen (oder sterben) können und wäre glücklich gewesen. Doch das war's noch nicht. Han Bennink kam auf die Bühne, schlaksig und mit den üblichen zu kurzen Hosen, schnappte sich den Tritthocker, der an sich den Musikern dazu dienen sollte, auf die Bühne zu kommen, und spielte fortan nur noch auf diesem (auf ihm sitzend und einmal auch auf ihm trommelnd). Alle dachten, er mache noch einen kurzen Soundcheck, doch wenn Bennink beschliesst, das sei bereits das Konzert, dann ist dem auch so. Es gab dann ein kurzes Duo
Jason Adasiewicz/Han Bennink
als Adasiewicz nochmal auf die Bühne kletterte (Respekt, nach dem unglaublichen Set davor überhaupt nochmal zu spielen - Bennink scherte sich keinen Deut darum, dem ist sowas wohl komplett egal oder er transportiert wenigstens äusserst erfolgreich dieses Bild). So waren bis dahin alle mal zu hören gewesen bis auf Alexander von Schlippenbach, der erst am nächsten Tag anreisen sollte.
Dienstag 8.3.
Am Morgen des zweiten Tages ging es auf die andere Seite der Weichsel, nach Praga. Man glaubt da, in einer anderen Stadt zu sein, oder auch: da sieht Warschau noch so aus, wie ich es in Erinnerung hatte vom letzten Besuch vor etwa 15 Jahren. Wir gingen hinaus zum Neon-Museum (das geschlossen war, aber das hatten wir schon im Voraus rausgekriegt), das in einem ehemaligen Fabrikgelände liegt, "Soho Factory" nennt sich das, da gibt es teure Läden, Büros, Neubauten, ein Restaurant - das ganze Programm irgendwo zwischen Hipness und dem im Norden längst globalisierten Gentrifizierungs-Elend, das wiederum im grossen Kontrast zur Umgebung steht. Mit der Strassenbahn und dann der U-Bahn ging es zurück, an der Nowy Świat in die Familijny Bar Mleczny, eine traditionelle Milchbar, Pierogy essen (mehr zum Thema Milchbar - Polnischkenntnisse wären eindeutig von Vorteil).
Um 18:30 brachen wir wieder auf in Richtung Pardon To Tu. Das erste Set des Abends präsentierte erneut Kondo, diesmal mit einer Rhythmusgruppe:
Toshinori Kondo/John Edwards/Han Bennink
Kondo schaltete, angetrieben von Bennink, ein paar Gänge höher als am ersten Abend, und es war natürlich toll, Edwards' Bass einmal nicht mit Noble zu hören (die beiden bilden für mein Empfinden derzeit wie ich ja schon sagte eins der allerbesten Bass/Drum-Gespanne) sondern mit dem unberechenbaren Berserker Bennink am Schlagzeug. (Hamid Drake war inzwischen wie ich später am Abend erfuhr schon wieder abgereist.)
Das zweite Set war dann das im Voraus angekündigte:
Peter Brötzmann/Heather Leigh
Deutlicher noch als im Duo mit Kondo wurde deutlich, wie Brötzmann sich von Leighs ähnlich gearteter Begleitung Anstösse holte, zuhörte und im Verlauf des längeren Sets zu ganz grosser Form auflief. Er spielte in diesem Set alle vier Instrumente, die er im Verlauf der vier Abende spielte: Tenorsaxophon, seine versilberte Metallklarinette, das Tárogató und die Bassklarinette. Mit Leigh fand ich mich inzwischen etwas besser zurecht, aber auch in diesem Set bot sie eine sehr beschränkte Anzahl von Klängen. Doch das Resultat mag in diesem Fall noch mehr als im Set mit Kondo alles rechtfertigen: wenn Brötzmann mit dieser Begleitung zu solcher Form aufläuft, vom feinen Säuseln bis zur schnaubenden Dampflok am wuchtigen Tenor alles bietet, sich dabei bewegt wie eine Art Mischung aus Albert Ayler und sich wiegendem Rabbiner - dann ist das doch alles in bester Ordnung!
Zum Abschluss des Abends trat dann ein erstes Mal Schlippenbach auf, es gab ein Trio zu hören:
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Steve Noble
Auch das ging mächtig ab. Zunächst dachte ich, das Power-Duo Edwards/Noble könnte Schlippenbach etwas zu hart angehen, doch der Eindruck verflüchtigte sich schnell, er stieg zwar wie ein alter Mann (der er ja ist) auf die Bühne (Bennink hatte den Tritt zum Glück wieder freigegeben), doch es trat wieder einmal der Fall ein: beginnt erst mal die Musik, ist alles wie vergessen! Schlippenbach spielte kraftvoll, auch dieses Set war wieder verdammt laut (aber nichts im Vergleich mit dem Quintett mit Drake, da hatte ich - wie immer in der ersten Reihe sitzend - manchmal schon etwas Angst um meine Ohren). Das Klavierspiel erinnerte mich mehr an Herbie Nichols denn an Monk, doch griff Schlippenbach immer wieder wild in die Tasten, hämmerte Akkorde, verzahnte sich in kleinen Motiven und liess sich wie es schein von Edwards/Noble noch so gerne antreiben. Ein toller Abschluss des zweiten Abends, der insgesamt entgegen den Befürchtungen durchaus an den ersten anknüpfen konnte.
Zwischen bzw. nach den Sets hatte ich auch Gelegenheit, ein wenig mit Edwards und später mit Schlippenbach zu sprechen - und ein paar CDs zu kaufen: das Trost-Reissue von Brötzmann/Hopkins/Ali "Songlines" und Parker/Schlippenbach/Lytton "america 2003".
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