Wie letztes Jahr zog es mich Ende August ins Elsass, ans Météo Festival in Mulhouse. Das Fazit einmal mehr: grossartig! Gut möglich, dass ich diese Edition noch einmal eine Spur besser fand als die von 2016. Ich reiste wieder erst am zweiten Tag an (dem ersten mit vollem Programm), verpasste daher den Eröffnungsabend (auf dem Programm im Théâtre de la Sinne standen: MATTHEW SHIPP / EVAN PARKER „HOMMAGE À JOHN COLTRANE“ und MARC RIBOT’S CERAMIC DOG mit Shahzad Ismaily und Ches Smith). Stattdessen besuchte ich in Luzern die grossartige Aufführung von Monteverdis "L'Orfeo" unter der Leitung von John Eliot Gardiner.
MERCREDI 23 AOÛT
EVE RISSER SOLO – Los ging es um halb eins, wie immer mit einem Solo-Konzert in der Chapelle Saint-Jean, das erste der vier Konzerte bestritt Eve Risser, meine Erwartungen waren hoch, wurden aber ein wenig enttäuscht, gerade auch im Licht der Solo-Konzerte der folgenden Tage. Sie mühte sich am präparierten Flügel ab, erst nach zehn oder fünfzehn Minuten gelang es, Bögen zu spannen, die halbwegs zu fesseln vermochten.
Fazit: schön aber etwas zerfahren, etwas harmlos, * * *1/2
Der Preis für die beste Arbeit am präparierten Klavier geht dennoch an Risser (vgl. Milesdavisquintet und Tony Buck/Magda Mayas).
ALVIN CURRAN SOLO – Die Elektro-Performance im Park (mit Kopfhörern im Liegestuhl sitzen und Musik von Kristoff K. Roll hören) liessen wir aus, weiter ging es um 17:30 im Temple Saint-Etienne, der grössten Kirche am zentralen Platz der Stadt mit Alvin Curran an der (dem?) Shofar sowie dem Synthesizer und diversen anderen Utensilien. Leider war das kein so richtig gutes Konzert. Manches sollte wohl witzig sein, Weniges war es auch, aber vieles war eher etwas abgedroschen und wirkte einmal mehr zerfahren. Bögen gab es keine, aber immerhin fand er zu einem überzeugenden Schluss – was ja gerade bei einer solchen Performance durchaus nicht leicht ist. Die Hoffnung ging als in Richtung MEV, doch auch sie sollte enttäuscht werden.
Fazit: Irritation und Langeweile. * *1/2
YANN GOURDON SOLO – Nach einer kleinen Umbaupause folgte Yann Gourdon an der Drehleier (vielle à roue). Nach einer guten Viertelstunde hatten wir das gehört (darum kein Fazit, keine Sterne – aber es hätte eher noch einen halben weniger als bei Curran gegeben, denke ich) und zogen los in Richtung Noumatrouff, wo wie immer die Abendkonzerte stattfanden, wo man an zwei Ständen was zu Essen kriegt und an diversen Ständen richtig viele CDs kaufen kann …
MILESDAVISQUINTET ! – Um 21 Uhr legte die erste Band des Abends los … was soll man erwarten von einem Klaviertrio, das sich Milesdavisquintet inklusive Ausrufezeichen nennt? Jedenfalls ist das schon mal eine klare Ansage und der Sound, den das Trio – Valentin Ceccaldi (vc), Sylvain Darrifourcq (d, perc), Xavier Camarasa (p) – zum besten gab, passte denn auch dazu. Das Set war grossartig, die ersten drei Viertel eine Art minimaler Techno, bei dem alle drei nur einzelne Töne spielten, die sich in verschiedenen Metren überlagerten, mal zusammenfanden um dann wieder auseinanderzudriften Camarasa beschränkte sich dabei auf präparierte Töne, es gab keinen Melodiefetzen, keinen Akkord, weder vom Cello noch vom Klavier. Das alles ergab einen hypnotischen Effekt, der schliesslich von einem banalen kleinen Klaviermotiv in der hohen Lage durchbrochen wurde. Mein erster Gedanke: oh nein, was soll das jetzt, warum brechen sie jetzt diese Strenge auf? Doch das bedauerte ich bald nicht mehr, denn das Trio legte einen Steigerungslauf hin, der atemberaubend war und über wohl eine knappe Viertelstunde bis zum äussersten getrieben wurde. Dann Schluss … doch Moment, das Cello spielt einfach weiter, wieder einen einzelnen Ton. Und dann steigen die anderen wieder ein, quasi eine eingebaute Zugabe zum Set, die zum Schluss noch einmal vorführt, wo die Reise angefangen hatte und verdeutlicht, wie das Trio vorging. Faszinierend und nach den Nachmittagskonzerten ein Start nach Mass.
Fazit: * * * * *
BIC – Die zweite Gruppe des Abends hielt erfreulicherweise das Niveau, sowohl in energetischer als auch in musikalischer Hinsicht. Gitarrist Julien Desprez hatte eine carte blanche erhalten und holte sich Ingebrigt Håker Flaten (elb), Mette Rasmussen (as) und Mads Forsby (d). Letzteren kannte ich überhaupt nicht, von Rasmussen hatte ich zu meiner Schande von ein paar Youtube-Schnipseln abgesehen noch nichts gehört. Die Musik war düster und laut, es gab eine eigene Strobo-Lichtshow auf der Bühne, Haker-Flaten (der mit Kontrabass angekündigt war) beeindruckte mit unglaublich tollem Spiel, während der eigentliche Leader der Band ein wenig unterging. Rasmussen meisterte die Herausforderung, als Bläserin in die brachiale Musik hinein und dort Wege zu finden, mit denen sie etwas Wesentliches beitragen konnte, sehr gut. Raum hatte sie dennoch etwas wenig, immerhin gab es gegen Ende eine kürzere unbegleitete Passage.
Fazit: * * * *1/2
Ein 20minütiges Segment aus dem Konzert tauchte gerade auf Youtube auf – das ist ein mässiges Aud-Video, ich hoffe, es wird auch diesmal wieder offizielle Mitschnitte in der Tube geben, aber das dauert wohl noch ein wenig.
THE NECKS – Den Abschluss des Abends machten dann The Necks, und natürlich ergab auch die Programmierung der drei Sets perfekten Sinn. Die Spielanordnung der drei australischen Musiker ist schon krass, Tony Buck (d) sitzt links im rechten Winkel zum Publikum mit Blick auf den Rücken von Chris Abrahams (p), der in dieselbe Richtung blickt aber rechts auf der Bühne sitzt und ziemlich autistisch rüberkommt. Bloss Bassist Lloyd Swanton scheint so halbwegs am Publikum interessiert zu sein – und mich dünkte bei dem guten aber nicht überragenden Set war auch er es, der die Impulse gab (aufgriff und an die anderen weiterleitete?), die zu den allmählichen – manchmal aber überraschend plötzlichen – Veränderungen der wie erwartet hypnotischen, aber im Vergleich mit den zwei Sets davor doch auch ziemlich stillen Musik führte.
Fazit: * * * * bis * * * *1/2
JEUDI 24 AOÛT
BILL ORCUTT SOLO – Das diesjährige Festival kam mit einen Gitarrenschwerpunkt daher, bis dahin waren es Marc Ribot und Julien Desprez. Im zweiten Solokonzert in der Kapelle stand nun Bill Orcutt auf dem Programm. Er hatte in der Mitte der Bühne seinen Verstärker aufgebaut und sass grummelig und vollbärtig links daneben, man konnte ihn an den Köpfen des Publikums vorbei nur schlecht sehen. Aber hören dafür umso besser. Mich beeindruckte das völlig unprätentiöse Spiel sehr, es war unglaublich reich an Obertönen und an Klangfarben, eine Art gitarristisches Pendant zum Sound von Albert Ayler vielleicht? Im Publikum hielten manche sich die Ohren zu, denn die kahlen Steinwände spiegelten die Klänge in alle Richtungen (ohne zu hallen allerdings, dafür sorgt das stets zahlreich erscheinende Publikum) und es wurde tatsächlich ziemlich laut. Irgendwann brummelte er, er würde jetzt „White Christmas“ spielen und tat das dann auch, es folgte „Star-Spangled Banner“, die Hendrix-Referenzen verschwammen aber bald und er schaffte seine eigene Version. Dann noch ein kürzeres Stück und schliesslich mit einer seltsamen Ansage (ich glaube sowas wie: er wolle an sich nicht mehr, aber wenn wir noch wollen, spiele er halt nochmal, er hatte davor schon aufs Handy geschaut) auch noch eine kurze Zugabe.
Fazit: sperrig aber doch wunderschön, * * * *
BEAMS – Nach dem Mittagessen ging es in die Kunsthalle, die eine kleine Ecke unter dem Dach des absurd grossen Gebäudes namens La Fondérie einnimmt und eine überraschend tolle Ausstellung zur Flüchtlingskrise bot. Darin fand um 17:30 dann eine Performance statt, die Alvin Curran mit seinem Workshop gab (es gibt beim Météo stets auch ein paar Workshops, zu denen man sich anmelden kann, einen leitete dieses Jahr Curran). Das war alles irgendwie okay, aber auch etwas nervig und langfädig und ja, langweilig – Reduktion fand ich das, Minimalismus nicht, aber das hätte es wohl sein sollen, obwohl es auch noch einen kurzen Free-Jazz-Moment gab, der dann aber auch unpassend war … keine Ahnung, überzeugte einmal mehr nicht.
Fazit: * *
Das zweite Set in der Fondérie liessen wir weg, wir hatten das endlose Warm-Up gehört und es versprach nicht unbedingt, nach unserem Geschmack zu werden. Zudem gibt es beim Météo so viel Musik zu hören, dass es ganz gut ist, das eine oder andere Set auszulassen. Es spielten jedenfalls unten im Erdgeschoss ISABELLE DUTHOIT (voc, cl) / HILD SOFIE TAFJORD (frh, elec).
SPILL – Im Noumatrouff ging es an diesem zweiten Abend (dem dritten insgesamt, aber der Eröffnungsabend findet traditionell im Stadttheater statt) mit einem Duo los, das eigentlich ein begleitetes Schlagzeugsolo war. Tony Buck entpuppte sich nach seinem ebenfalls semi-autistischen Auftritt vom Vorabend als ganz netter Kerl, der sich von der Pianistin Magda Mayas begleiten liess. Neben Risser und Camarasa kommt sie in Sachen präpariertes Klavier aber nicht sehr gut weg, eben: das war gar kein Duo sondern ein Schlagzeugsolo mit hübscher Begleitung – dafür, dass die beiden gemäss Programm schon fünfzehn Jahre zusammenspielen eine seltsame und für mich letztlich zu wenig stringente Sache, aber nett anzuhören.
Fazit: * * *
INCERTUM PRINCIPIUM – Beim nächsten Set stand Chris Abrahams auf der Galerie des Noumatrouff und wir wunderten und schon, ob er den Nachfolger für Buck rekrutierte, der sich eindeutig zu freundlich gezeigt hatte … am Schlagzeug in dieser französischen Gruppe mit norwegischem Gast sass nämlich der grossartige Edward Perraud, der auch eindeutig den Preis des bestangezogenen Mannes (Frauen sind tatsächlich mitgemeint) des Festivals gewinnt. Ingebrigt Håker Flaten war diesmal am Kontrabass zu hören, dazu stiessen die beiden jungen Bläser Benjamin Dousteyssier (as, bari) und Aymeric Avice (t, flh). Das gab eine tolle Mischung aus avanciertem Jazz im Stil der mittleren Sechzigern und neueren Einflüssen, am Ende jedenfalls für mich ein rundum gelungenes Set. Die Bläser waren toll – wenn man eine so grossartige und vielseitige Rhythmusgruppe hinter sich hat, kann man wenig falsch machen, aber durchaus durchfallen. Avice spielte streckenweise simultan Trompete und Flügelhorn, Dousteyssier griff sich zwischendurch ein paar Male (oder nur einmal?) das Barisax, glänzte aber meist am Alt.
Fazit: * * * *1/2
OREN AMBARCHI / WILL GUTHRIE – Den Abschluss machte Oren Ambarchi, der hinter einem Tisch voller Utensilien sass, so dass man seine Gitarre kaum sehen konnte, im Duo mit dem Schlagzeuger Will Guthrie (noch zwei Australier übrigens). Ambarchi war sicherlich eine der Entdeckungen des Festivals, obwohl ich nicht weiss, ob ich ihm nachgehen werde, ob ich seine Aufnahmen, so sie denn mit den beiden gehörten Sets zu vergleichen sind, daheim anhören würde. Jedenfalls gab das – um Unterschied zum ersten Duo des Abends – eine tolle Mischung. Er bearbeitete seine Gitarre, loopte, nutzte Delays, hatte neben einem grossen Verstärker auch einen Leslie dabei, wie er üblicherweise für die Hammond Orgel genutzt wird, was dann eine Art Gitarren-Orgel-Sound erzeugte. Das war alles sehr experimentell, erschloss neue Räume und war irgendwie auch das pure Gegenteil zu Orcutt, mit dem der Tag begonnen hatte. Der Abend lief nach einem ähnlichen Schema ab wie der erste: in der Mitte der Free Jazz (wenngleich von völlig anderer Sorte), davor und danach zwei irgendwie vergleichbare und ähnlich besetzte Formationen.
Fazit: * * * *
VENDREDI 25 AOÛT
Jeweils um halb 12 gibt es an den vier Haupttagen des Météo auch ein kurzes Kinderkonzert im Innenhof der Bibliothek, die an der Grand’Rue direkt neben der Kapelle liegt. An diesem dritten waren wir erstmals dabei, es spielte AYMERIC AVICE, der Trompeter, den wir am Vorabend schon gehört hatten. Auch solo war er ziemlich toll, spielte erneut simultan Trompete und Flügelhorn, was einen sehr tollen, ziemlich dissonanten Effekt hatte (er spielte wohl meist unisono, aber eben: nicht wirklich), für die meisten Kinder war das eher nicht, aber die echten Kinder sind eh die seltsamen älteren Jazzfans im Asterix-Look, die sich auch nicht zu blöd waren, in die erste oder zweite Sitzreihe zu hocken, weiter vorne als ein paar der relativ wenigen Kinder. Ach so, ein Monk-Stück gab es auch noch, aber welches weiss ich nicht mehr.
LAURA CANNELL SOLO – Den eigentlichen Auftakt zum folgenden Tag machte die britische Violinistin Laura Cannell mit einem Programm, das sich zwischen alter Musik und Folklore bewegte. Wenigstens zweimal griff sie zwei Blockflöten, die sie simultan spielte. Da gehörte einiger Mut dazu – und es drängte sich auch die Vermutung auf, dass sie wohl noch nie vor so zahlreichem Publikum gespielt hat. Wir (redbeans und ich, that is) kauften jeweils eine der beiden CDs, die sie mithatte und danach draussen beim Weisswein nach dem Konzert vertickte. In die Kirche passte das perfekt und war auch wirklich schön.
Fazit: * * *1/2 (oder auch ein halber mehr)
OREN AMBARCHI SOLO – Nach dem tollen Schlusspunkt vom Vorabend war es klar, dass wir auch zum Solo-Set von Ambarchi gehen würden. Der fand um 16:00 im viel zu eng bestuhlten Entrepôt statt, wo er auf der Bühne wieder seine ganzen Utensilien auf dem Tisch ausgebreitet hatte, hinter dem er Platz nahm. Das klanglich erneut höchst inspirierende Solo-Set gefiel mir alles in allem wohl noch eine Spur besser und war von den Gittarreien wohl der Höhepunkt, auch wenn für mich das Solo-Set von Orcutt doch am schönsten war. Jedenfalls war damit die anfänglich leichte Skepsis wegen des Gitarrenschwerpunkts endgültig verflogen.
Fazit: * * * *1/2
Die Hitze und Enge im Entrepôt wurde zu unerträglich als dass wir nach der Pause nochmal reingehen mochte – so verpassten wir das Duo-Set der Elektroniker JASON KAHN / NORBERT MÖSLANG.
ONCEIM / JOHN TILBURY – Weiter ging es um 18:30 in der salle modulable des Kulturzentrums La Filature, wo sich die grosse Gruppe Onceim eingerichtet hatte, die Frédéric Blondy auf die Beine gestellt hatte und die in diesem ersten Konzert ein neues Werk von John Tilbury aufführen sollte, das um einen Beckett-Text herum gebaut war. Hinter den 29 Musikern standen Lautsprecher, aus denen verschiedene Sprecher_innen Sätze lasen, während die Musiker vorne im Pianissimo fast nicht spielten. Irgendwann begannen die gesprochenen Passagen sich zu überlagern … das ganze war nicht völlig ohne Reiz aber doch sehr zäh. Dass man z.B. nicht auf die Idee kam, die Texte – auch nur bzw. am besten nur in der französischen Fassung, die auch das Original ist (hier kann man die englische Fassung nachlesen) – hinter den Musikern an die Wand zu projizieren, war wirklich schade. So blieb das ganze gelinde gesagt sehr akademisch, auch wenn ein anwesender Bekannter fasziniert war davon, dass die grosse Gruppe genau wie Tilbury solo geklungen hätte und auch noch was von Morton Feldman erzählte.
Das Line-Up: Bertrand Denzler saxophone, Jean-Sébastien Mariage guitare, Benjamin Duboc contrebasse, John Tilbury composition, piano, Xavier Charles clarinette, Pierre-Antoine Badaroux saxophone, Antonin Gerbal batterie, Joris Rühl clarinette, Louis Laurain trompette, Giani Caserotto guitare, Benjamin Dousteyssier saxophone, Frédéric Blondy direction artistique, Félicie Bazelaire violoncelle, Sébastien Beliah contrebasse, Patricia Bosshard violon, Cyprien Busolini alto, Pierre Cussac accordéon, Jean Daufresne euphonium, Vianney Desplantes euphonium, Jean Dousteyssier clarinette, Yoann Durant saxophone, Rémi Durupt percussions, Elodie Gaudet alto, Jean-Brice Godet clarinette, Frédéric Marty contrebasse, Anaïs Moreau violoncelle, Stéphane Rives saxophone, Diemo Schwarz électronique, Alvise Sinivia piano, Deborah Walker violoncelle, Julien Loutelier batterie.
Fazit: unzugänglich (unzulänglich?) * *
Oder auch nicht, denn unzugänglich war das eigentlich überhaupt nicht, im Gegenteil, es war ja ohne und lag einfach da vor einem, aber das reichte dann auch nicht ganz. Keine Ahnung.
MUSICA ELETTRONICA VIVA – Im Noumatrouff um 21 Uhr ging es los mit den alten Meistern, einer Übung in Nostalgie, die leider erneut enttäuschend war. Links am Flügel sass Frederic Rzewski (der bei mir basierend auf jugendlichem Halbwissen einen semi-legendären Ruf geniesst) und spielte eine kitschige Melodie nach der anderen, die Richard Teitelbaum in der Mitte am Synthesizer (und Elektronik) und Alvin Curran rechts an Flügel und Synthesizer (und Elektronik) aufgriffen. Es gab wieder eine disparate Klangcollage, die ohne Plan zu entstehen schien, wie schon Currans Solo durchaus ansprechende Momente hatte, klanglich auch recht interessant war, aber am Ende – ein halber Trump-Witz hilft auch nicht viel weiter – mäandernd und erstaunlich unstrukturiert wirkte dafür, dass das alles so geniale Komponisten und Konzeptarbeiter sein sollen.
Fazit: * * * (das ist aber grosszügig, dann kriegt Cannell wohl schon vier)
THE TURBINE ! FEAT. TOSHINORI KONDO – Die zweite Gruppe des Abends blies dann aber die verbliebenen Reste der Siebziger, die noch altbacken über der Bühne schwebten, vom Platz. In der Mitte hatte Kondo seinen Stuhl, daneben die Elektronik-Kiste, die immer dabei ist, dahinter zwei Lautsprecher auf Ständern. Links kämpfte Harrison Bankhead sich auf die Bühne, wo er Kontrabass spielte, manchmal dazu sang und zwischendurch an den Flügel sass, rechts Benjamin Duboc am anderen Kontrabass, und dahinter neben Bankhead der Schlagzeuger Ramón López und zwischen ihm und Duboc Hamid Drake am zweiten Schlagzeug. Es war eine Freude, den beiden Drummern zuzusehen, die sich auf Augenhöhe begegneten (López mag man von Barry Guys Gruppen her kennen), während Bankhead manchmal etwas herumzufummeln schien und Duboc als Schwerarbeiter sehr toll war und dafür sorgte, dass alles irgendwie zusammenfand. Er war halt der ziemlich normale Franzose neben den bunten Paradiesvögeln (Bankhead und López) und den beiden Coolen Hunden (Drake und Kondo). Kondo war aber die Ingredienz, die das Set wirklich toll machte mit seinen gespentischen Klangkulissen, den Echos und Delays, den Wah-Wah-Verzerrungen etc.
Fazit: * * * *1/2
BILL ORCUTT/CHRIS CORSANO/GURO SKUMSNES MOE – Den Abschluss des durchwachsenen Abends machte dann der zweite Auftritt von Bill Orcutt. Er spielte eigentlich eine Art Duo mit Chris Corsano, bei dem die äusserst seltsame norwegische Bassistin Guro Moe als drittes Rad am Wagen ziemlich überflüssig schien. Als es losging konnte ich den Lachreiz ob ihres skurrilen Schreigesanges und des zombiehaften Verhaltens nicht unterdrücken, am Bass schrummte sie nur heftig herum, das schien mir alles mehr mit irgendeiner Form von Black oder Death Metal oder auch nur Fun Punk (aber völlig ohne Fun) zu tun zu haben als mit Improvisation – und als sie dann eine Saite wechseln musste, zog sie sie zwar irgendwie an, aber Nachstimmen war nicht, und kam bei der Spielweise auch sowieso nicht drauf an. Orcutt schien sie völlig zu ignorieren (er wirkte aber auch beim Solo-Set schon völlig unkommunikativ), guckte auch wieder auf sein Handy (verdammt, die 40 Minuten sind immer noch nicht um?) und ging relativ bald nach hinten, um seinen Verstärker doppelt so laut zu stellen (was schreit die da drüben so dämlich rum, will die mich verarschen? BÄMMMM!). Corsano fand ich einen supremen Langweiler, auch wenn sein übersauberes und hartes Spiel zu Orcutt irgendwie schon ganz gut passte. Moe scheint ja spielen zu können, aber das konnte man nach dem Set echt nicht ahnen.
Fazit: keine Ahnung, was das genau war, aber mehr als * *1/2 liegen nicht drin
Hier ist gerade das zweite Video aufgetaucht – aber wie immer geht das irgendwie nicht, wirkt alles viel zu harmlos im Miniaturformat am Rechner, da muss man so lauf aufdrehen können, dass sich die Haustiere auch zwei Stockwerke drüber noch hinter die Schränke verkriechen, sonst geht das nicht! Nach der Dreiminutenmarke ist auch der Moment, wo Orcutt zum Verstärker geht und den Soundcheck über den Haufen wirft … im Raum war er danach so laut, dass man vom, ähm, „Gesang“ für längere Zeit gar nichts mehr hören konnte, die Leute am Mischpult waren offensichtlich grad draussen rauchen oder völlig überrumpelt.
SAMEDI 26 AOÛT
Auch am letzten Tag gingen wir zum Kinderkonzert, denn da war HARRISON BANKHEAD angesagt – sein kurzes Set war super, er sang wieder, und diesmal war das nicht nur eine Marotte sondern wirklich toll. Er erzählte Geschichten und liess auch seinen Bass singen … die Kinder hatten diesmal wohl nicht viel davon, aber für die Grossen war es umso schöner.
FRANZ HAUTZINGER SOLO – In der Kapelle gehörte der letzte Auftritt dem österreichischen Trompeter Franz Hautzinger, der zwei Mikrophone aufgebaut hatte, die ganz unterschiedliche Verstärkungen seiner Geräuschkulissen boten. Etwas gewöhnungsbedürftig war es, aber das Set entwickelte – fast ohne einen konventionell gespielten Ton auskommend – einen guten Fluss und er spann auch gekonnt dramaturgische Bögen. Als Zugabe spielte er – seine Vierteltontrompete nutzend – eine kurze Fassung des Hummelsummenfluges und hatte schelmische Freude daran, wie schön das in der Kapelle klang (selbst bei ihm, der das Ding nun nicht gerade mit brillantem Ton blies, aber sich immerhin nicht in der hyperschnellen Linie verhedderte, was ihn selbst wohl am meisten freute).
Fazit: * * *1/2
ONCEIM „LAMINAIRE #7“ – Weiter ging es erneut im Filature und einmal mehr mit Onceim, diesmal mit einem Stück von Frédéric Blondy. Uns trieb es trotz der Enttäuschung vom Vortag hin, und sei es nur, um zu sehen, wie fast keine Leute mehr kommen würden … dem war nicht so und das Hingehen lohnte sich auch, denn diesmal wurde viel mehr gespielt, immer noch oft zart und karg, aber es geschah deutlich mehr und die tolle Akustik des Saales kam auch schön zur Geltung – man konnte oft die einzelnen Beiträge der Musiker zuordnen, auch wenn da fünf Klarinettisten sassen. Tilbury war auch diesmal im Saal und Blondy spielte beide Male nicht mit (was wohl der Grund war, weshalb von den 30 angekündigten Leuten nur 29 mitwirkten).
Line-Up siehe oben
Fazit: ziemlich gut, vor allem auch nach der Enttäuschung vom Vortag, * * *1/2
L’OCELLE MARE – Weiter ging es – wie letztes Jahr – zwei Stunden vor dem Schlusskonzert (das ebenfalls wie letztes Jahr nur zwei aber dafür etwas längere Sets bot) im Noumatrouff mit einem kürzeren, vornehmlich elektronischen Set. Zu hören war Thomas Bonvalet am elektrischen Banjo, Mundharmonika und diversen weiteren Utensilien und auch ihm gelangen sowohl klanglich wie auch dramaturgisch immer wieder tolle Dinge.
Fazit: eine schöne Einstimmung auf den krönenden Abschluss, * * *
THE PERE UBU MOON UNIT – Um 21 Uhr ging es dann richtig los – und wie! Pere Ubu ist bei mir eine eklatante Bildungslücke, die ich wenigstens im Hinblick auf das Frühwerk bald mal angehen will … aber was die Gruppe um Sänger David Thomas in dem Set bot, war echt grossartig. Die Songs sind super, die Musik passt perfekt, Thomas ekelt sich durchs Set, raunzt seine Musiker an, bricht – wohl alles einstudiert bzw. immer wieder so gemacht – einen Song ab, motzt, lässt wieder von vorne anfangen. Der unförmige wüste Kerl, der genau das sein will, zieht auch mal zwischendurch völlig sinnfrei einen seiner klobigen Schuhe aus, nimmt die Socke ab, zieht sie und den Schuh wieder an, derweil Gagarin, der schräg hinter ihm am Synthesizer steht, geekelt hervorguckt (der Typ sah sowieso aus, als hätte er sich mit den Security-Leuten besser verstanden als mit den Musikern). Gitarrist Keith Moline stand derweil stoisch rechts auf der Bühne und schien den ganzen Unfug zu ignorieren, während Klarinettist Darryl Boon und Drummer Steven Mehlmann ihre Parts in den Spielchen hatten. Gerade letzterer überzeugte mich im Vergleich zu Corsano am Vorabend sehr – was er spielte war zwar (meistens) weniger virtuos, aber dafür stets song- und sachdienlich und musikalisch passend. Die Show gehört am Ende aber ganz Thomas, der mit seiner unverwechselbaren Stimme wimmert und heult, raunzt und brüllt, dass der Himmel weinen muss. Das ganze war natürlich ordentlich skurril, aber das alles war diente letztlich nur der Inszenierung der Musik – und war durchaus angemessen.
Fazit: * * * * *
PETER BRÖTZMANN/HEATHER LEIGH/TOSHINORI KONDO – Auch der Schlussabend war, so stellte sich heraus, wieder perfekt programmiert. Auch die letzte Gruppe spielte ein ziemlich langes, etwa stündiges Set. Brötzmann stieg zwar heftig honkend ein, sein Ton am Tenorsaxophon mit all den Obertönen ähnlich reich wie jener von Orcutt im Solo-Set, aber ungleich ruppiger und schroffer, kantig, manchmal abgehackt, hart. Doch im Verlauf des Sets sollte er geradezu zart spielen, auch am Tarogato. Kondo war diesmal am linken Rand aufgebaut, während in der Mitte Heather Leigh sass, die schon ein wenig verblühte Siegerin der Wahl zur Mining Town Beauty Queen irgendwo in West Virginia vor schon so einigen Jahren. Der Promo-Shot mit Brötzmann ist perfekt, denn Leigh stellt in der Tat ein weiches und breites und tiefes Bett auf, in das Brötzmann sich betten kann, wie immer er will – und zur Bettmetapher passt natürlich auch seine hübsche Zeichnung. Kondos verstärkte Trompete und Leights Pedal Steel fügten sich oft so zusammen, dass sie fast zu verschmelzen schienen, das gab dann in der Tat eine grossartige Kulisse für Brötzmanns expressionistisches Spiel. Es gab aber auch Duo-Momente in allen möglichen Konstellationen und das Set entwickelte eine tolle Dramaturgie – auch indem es einem ruhigen Ende zufloss, bei dem Kondo leider länger aussetzte. Doch dann geschah tatsächlich das Unerwartete und das Trio gab noch eine heftige Zugabe, in der auch Kondo wieder aktiv dabei war.
Fazit: Das war tätsächlich das Sahnehäubchen! * * * * *
Das Ranking, gebündelt:
* * * * *
Peter Brötzmann/Heather Leigh/Toshinori Kondo – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
The Pere Ubu Moon Unit – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
Milesdavisquintet! – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
* * * *1/2
The Turbine! feat. Toshinori Kondo – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
Incertum Principium (Edward Perraud, Ingebrigt Håker Flaten, Benjamin Dousteyssier, Aymeric Avice) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
Oren Ambarchi – Météo, L’Entrepôt, Mulhouse – 25.8.
BIC (Julien Desprez, Mette Rasmussen, Ingebrigt Haker-Flaten, Mads Försby) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
* * * *
The Necks – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
Bill Orcutt – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 24.8.
Oren Ambarchi/Will Guthrie – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
Laura Cannell – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 25.8.
* * *1/2
Franz Hautzinger – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 26.8.
Onceim/Frédéric Blondy – Météo, La Filature, Mulhouse – 26.8.
Eve Risser – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 23.8.
* * *
L’Ocelle Mare (Thomas Bonvalet) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
Musica Elettronica Viva (Alvin Curran, Frederic Rzewski, Richard Teitelbaum) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
SPILL (Tony Buck, Magda Mayas) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
* *1/2
Alvin Curran – Météo, Temple Saint-Etienne, Mulhouse – 23.8.
Bill Orcutt/Chris Corsano/Guro Skumsnes Moe – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
* *
Onceim/Frédéric Blondy/John Tilbury – Météo, La Filature, Mulhouse – 25.8.
Beams (Alvin Curran Workshop) – La Kunthalle, Mulhouse – 24.8.
Dabei scheinen mir ev. die Solos von Hautzinger und Ocelle Mare etwas zu tief zu sein und dem Tilbury-Ding von Onceim könnte ich auch noch knapp einen halben mehr geben – aber das passt glaub ich schon so.
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5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 2)
Fortsetzung von Teil 1
Mittwoch 9.3.
Am dritten Tag verbrachte ich über drei Stunden im Muzeum Historii Żydów Polskich, dem Museum der Geschichte der polnischen Juden. Ein moderner Bau noch etwas weiter draussen als unser Hotel, alles im - grossen - Bereich des einstigen Warschauer Ghettos. Oben ein Schnappschuss von einem kleinen Überrest der einstigen Ghetto-Mauer, in unmittelbarer Nähe des Kulturpalastes und des Zentrums der heutigen Finanz- und Geschäftsmetropole. Vom Museum ging's hinüber in die Nowe Miasto, die "Neustadt", die im 15. Jahrhundert direkt neben den einstigen Stadtmauern entstand und nach dem Krieg ebenfalls zu weiten Teilen wieder aufgebaut wurde. Im Restaurant, wo ich zufällig auf den einen Konzertreisegenossen traf, ass ich Ente - und war mir plötzlich ziemlich sicher, dass es dasselbe Restaurant war, in dem ich vor 15 Jahren beim ersten Besuch wohl schon gesessen hatte und ebenfalls Ente ass (damals zum ersten Mal überhaupt, wenigstens soweit ich das wusste). Danach ging ich zur Weichsel, den historischen Stadträndern entlang und danach nochmal ein wenige auf den Spuren des Ghettos, zum Keret-Haus, das neben der Stelle an der Chlodna liegt, wo einst der Übergang vom "Kleinen Ghetto" ins "Grosse Ghetto" stand, den heute Metallpfeiler markieren, in der Höhe des Holzsteiges, über den damals täglich Zehntausende Juden gingen.
Am dritten Abend gab es etwas weniger Musik, zwei Quartette, beide spielten sie eine knappe Dreiviertelstunde. Beim Soundcheck, den wir wie immer draussen vor dem Eingang wartend verfolgten, war Leigh enorm laut und es kam die Hoffnung auf, sie würde mit mehr Verve in den Konzertabend gehen, mit Klangwällen und Attacken auf das Publikum. Das erste von zwei Quartetten (das hatten wir am Vorabend schon mitgekriegt) war:
Jason Adasiewicz/Heather Leigh/John Edwards/Steve Noble
Es gab da quasi drei Klangzellen: Adasiewicz, Edwards/Noble, Leigh. Die schoben sich übereinander, rannten gegeneinander an oder spielten sich die Bälle zu (was Edwards und Noble ja eh pausenlos tun - im Film von Sempel sagt Noble mal: ihn interessiere nicht, wenn Edwards in seinen Groove falle, das wäre dann ja eine Jam-Session ... stattdessen wolle er hören, auf welche Einfälle Edwards käme, angeregt durch sein Schlagzeug, und er lasse sich von Edwards Reaktion dann wieder weitertreiben - dieser pausenlose Dialog ist es wohl, der mich an den beiden so sehr fasziniert). Adasiewicz bot wieder alles auf, man ist da echt froh zu wissen, dass Vibraphone grossteils aus Metallteilen bestehen, sonst hätte man Angst, das Instrument zerfällt gleich in seine Einzelteile. Leigh war dann weniger laut und weniger angriffig als der Soundcheck hoffen liess, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich - auch wegen des wirklich grossartigen Duo-Sets mit Brötzmann am Vorabend - mit ihr und ihrem Instrument einigermassen ausgesöhnt.
Angekündigt war für diesen Abend ein Trio mit Brötzmann, Schlippenbach und Bennink - eine Reunion der drei, die schon vor langer Zeit gemeinsam auftraten. Doch es wurde noch besser, denn Toshinori Kondo stiess dazu, es war ja der Abend der zwei Quartette. Und dieses Set toppte das erste dann doch mit einiger Deutlichkeit. Doch: es gab an den vier Abenden keinen Ausfall, in Sternen gesprochen bewegte sich das Set für Set zwischen vier und fünf - von fünf, versteht sich!
Peter Brötzmann/Toshinori Kondo/Alexander von Schlippenbach/Han Bennink
lieferten grossartige Musik, von nahezu der Intensität des Quintetts mit Drake am ersten Abend. Die Chemie stimmte zwischen allen vieren, Kondo und Brötzmann traten immer wieder in den Dialog, was sich auch darin äusserte, dass Kondo von seinem Stuhl aufstand (ich sass immer direkt unter ihm, wenn er auf der Bühne war, etwas links der Mitte, wo das Schlagzeug plaziert war) und sich in Brötzmanns Richtung wandte. Phasenweise flogen die musikalischen Ideen fast wie Geschosse durch den Raum. Schlippenbach sass hinter dem kleinen Flügel am linken Rand (und fehlt daher auf meinen Photos, er war an dem Abend so hell beleuchtet, dass kein halbwegs vernünftiges Bild zu machen war), aber das hielt ihn ganz und gar nicht davon ab, ins musikalische Geschehen einzugreifen und wieder wirkte er am Klavier frisch und überraschend. Kondo entlockte seinem Equipment (am Vorabend hatte ein Störung den Beginn lange verzögert, diesmal hatte er mittendrin eine Panne, die aber innert weniger Minuten behoben werden konnte) erneut faszinierende Klänge, von Wah Wah-Trompete à la electric Miles bis hin zu sphärischen oder auch beissend scharfen, schneidenden und gellend lauten Tönen. Da ich stets direkt vor ihm sass, konnte ich oft auch den natürlichen Trompetenton hören, der viel leiser auch noch erzeugt wurde - was die Faszination noch mal deutlich steigerte, es erlaubte, ein Gefühl für die ganze Technik zu kriegen, die Verfremdungseffekte.
Donnerstag 10.3.
Der letzte Tag begann mit einem Besuch im Chopin-Museum (dieser hatte in Marseille sichtlich keine gute Laune, gesehen von Maurice Sand). Dann zog ich nochmal kurz an den Plattenläden vorbei, um ein paar Photos zu knipsen, ging in den einen (den neben den AA) auch nochmal herein, ass eine andere - diesmal vegetarische - Version der Piroggen in der ebenfalls grad um die Ecke gelegenen Familijny Bar Mleczny, suchte Reste der Ghettomauer (Bild ganz oben) und drehte dann in der Gegend unseres Hotels noch eine längere Runde.
Den Auftakt des letzten Abends machte ein Duo-Set, das ich schon kurz erwähnt hatte:
Alexander von Schlippenbach/Han Bennink
spielten ein phantastisches Set, das soweit ich es erkennen konnte komplett aus Stücken von Thelonious Monk bestand. Schlippenbach steuerte freie, aber sehr passende Überleitungen bei, so dass sich das alles ohne Unterbrüche abspielte. Bennink sass direkt vor meiner Nase und spielte nur die Snare-Drum, die er mit verschiedenen Sticks bearbeitete (einer ging dabei auch noch zu Bruch, aber kein Wunder, die sahen alle arg ramponiert aus, gut hatte er einen Vorrat davon in seiner Jeans-Tasche, die auf den Photos zu sehen ist, er hängte sie kurzerhand an den Ständer eines der Klavier-Mikrophone). Schlippenbach wuchs in diesem Set förmlich über sich hinaus, spielte in seiner üblichen, nahezu stoischen Art die komplexen Linien von Monk, wandelte sie ab, ergänzte sie improvisierend, von Bennink bestens begleitet, der die Musik von Monk ebenfalls im Schlaf kennen dürfte - so wirkte das jedenfalls, sehr spontan zwar, aber es zeigte sich eben auch die jahrzehntelange Vertrautheit mit der Materie. Das Ganze kann man sich wohl als eine Art Einverleibung vorstellen, bei der aus Monks Musik etwas Eigenes entstand, das zugleich Monk wie auch Schlippenbach/Bennink war - und einzigartig obendrein!
Das angekündigte Oktett des Abends fand dann nicht statt bzw. es ergab sich anders als geplant. Ein zweiter Kontrabass stand auf der Bühne, ein junger leicht nervöser Mann schlich herum und entpuppte sich als Mateusz Rybicki (cl, bcl), der sich ebenso wie Bassist Zbigniew Kozera als Gast für den Abschlussabend dazugesellen sollte. Die Mikrophone des Pianos wurden zum Vibraphon verschoben, ein Septett war geplant, doch nach wenigen Minuten Musik erklomm Schlippenbach die Bühne, setzte sich ans Klavier, und eilends wurde ein neues Mikrophon aufgebaut. Zu hören gab es also:
Peter Brötzmann/Mateusz Rybicki/Toshinori Kondo/Jason Adasiewicz/
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Zbigniew Kozera/Steve Noble
- eine weitere hoch-energetische Sache, manchmal hart an der Schmerzgrenze was die Lautstärke betraf, aber erneut beeindruckend im Variantenreichtum (den Brötzmann ja auch schon mit dem ebenfalls ohrenbetäubenden Chicago Tentet zelebriert hatte). Rybicki, so meinte einer meiner altgedienten Mitstreiter, erinnere ihn an John Carter. Mir war das alles zu dicht, als dass ich einzelne Beiträge durchs Set hindurch verfolgen konnte, aber die immer wieder neuen Kombinationen mit den beiden Bässen, dem Vibraphon und dem Klavier allein waren schon grossartig. Adasiewicz und Schlippenbach, der in diesem Rahmen anfangs etwas unterzugehen drohte, hatten gegen Ende eine umwerfende gemeinsame Passage, die drei Bläser spielten alle exzellent, ebenso der junge Pole an der Klarinette und der Bassklarinette (ob es sein Instrument war, das Brötzmann die Tage davor spielte?). Das war wieder Musik, die alle Schleusen öffnet; music to end all music.
Doch damit war es - unerwarteterweise - noch nicht ganz getan, es gab an diesem Abend auch wieder ein drittes Set, Brötzmann und Kondo waren erneut mit dabei, zu ihnen stiessen die beiden in der grossen Besetzung Abwesenden, es gab also ein weiteres Quartett in der Besetzung
Peter Brötzmann/Toshinori Kondo/Heather Leigh/Han Bennink
Leigh spielte wieder ähnlich wie am dritten Abend, aber das Versprechen mit den ohrenbetäubenden Klangattacken aus dem Soundcheck des Vorabends blieb sie leider schuldig. Sehr schön war es, die Affinität zwischen Brötzmann und Kondo erneut zu sehen - Kondo scheint ja kaum noch ausserhalb Japans aufzutreten, dass ich ihn an vier Abenden hören konnte, zählte gewiss zu den schönsten Erfahrung dieser vier buchstäblich tollen Tage!
Coda:
Freitag 11.3.
In der Nähe des Hotels liegen die grossen Friedhöfe Warschaus. Ich hatte zwei Stunden, bevor ich das Zimmer auschecken und dann langsam zum Flughafen musste, nahm die Bahn und fuhr zum Powązki-Friedhof, der relativ übersichtlich gestaltet ist; beim Eingang gibt es lange Listen mit Namen und Sektoren, in denen die Gräber zu finden sind. Komeda, Wieniawski, Lutosławski oder Rowicki schafften es nicht in die Gasse mit den Ehrengräbern (die letzten beiden liegen direkt nebeneinander, Wieniawski an prominenter Stelle mit grossem Gedenkstein). Natürlich suchte ich als allererstes nach Komedas Grab. In den Ohren hatte ich Chopins Balladen, gespielt von Witold Małcużyński, dessen Grab wie auch jenes von Jan Kiepura* an der besagten Ehrengalerie zu finden ist. Es passte, dass es an diesem Tag nicht nur feucht war und nach Regen aussah sondern tatsächlich ohne Unterbruch nieselte.
Danach reichte die Zeit leider nur noch für einen kurzen Gang durch den anliegenden jüdischen Friedhof (man fährt aber immerhin zwei Stationen mit der Strassenbahn), wo ich die direkt nebeneinander liegenden Gräber von Ludwik Lejzer Zamenhof (an der in der Nähe gelegenen ul. Esperanto war ich beim ersten Besuch in Polen auch mal noch, die verläuft parallel zu den Friedhofsmauern) und Adam Cerniaków fand, aber vergebens nach dem Grab von Marek Edelman suchte.
Über den Wolken - da gab es Sonne, die einzige, die ich seit 10 Tagen sah, so hatte das Fliegen in der noch engeren Kiste doch noch was Gutes - ging es dann wieder zurück. Doch am Flughafen tauchte plötzlich Kondo vor meiner Nase auf und als ich weiterging fand ich ihn und Noble beim Kaffee, bedankte mich noch einmal bei ihnen für die phantastischen Tage und ging dann meiner Wege (hätte mich dazusetzen können, aber wollte nicht aufdringlich sein).
*) bei meiner ersten Reise nach Warschau fuhr ich mit dem Nachtzug, der nach Kiepura benannt war - ein paar Souvenirs von damals stehen hier immer noch ...
5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 1)
Sonntag 6.3.
Sonntagmittag flog ich also wie geplant nach Warschau - was man nicht alles auf sich nimmt, um den guten Herrn Brötzmann zu hören (was für eine bekloppte Art zu reisen, das mit diesen Blechkisten, wo man Angst um seine Kniescheiben haben muss und auf Gedeih und Verderb seinem Sitznachbar ausgeliefert ist).
Erstmal da ging's am Kulturpalast - in der dortigen Touristeninfo wurde übrigens für die Brötzmann-Konzerte geworben! - vorbei (ich wählte natürlich sofort wieder Bahn und Tram und Bus, wo ich die Wahl hatte, sicher nicht mit dem Taxi direkt von der Ausfallstrasse vors Hotel). Für einen Gang zum Umschlagplatz (von dem aus 1942/43 über 300'000 Juden zur Vernichtung abgekarrt wurden, die meisten endeten in den Gaskammern von Treblinka) reichte die Zeit noch (man lese Jarosław Marek Rymkiewicz' "Umschlagplatz").
Danach machte ich mich auf zum Club, in dem Brötzmann seinen 75. feiern sollte, das Pardon, To Tu.
Der Club entpuppte sich als ziemlich klein, sechs oder sieben Stuhlreihen, vorn ein paar Fragmente aller Klappsesselreihen aus einem Kinosaal, dahinter Plasticstühle und Klappstühle aller Art, die jeweils nach den Anlässen blitzschnell um Tische gruppiert wurden (die während der Konzerte draussen im Gang verstaut waren). An der Bar gibt es nicht nur diverse Sorten Bier (ich fand rasch heraus, dass von den drei dunklen jenes im Offenausschank das Bier meiner Wahl sein würde) sondern auch Kleinigkeiten zu Essen: Focaccia, Hummus, Schupfnudeln etc., die man auch nach den Konzerten noch bestellen konnte.
Pardon To Tu, so fand ich später heraus, heisst so viel wie: Entschuldigung, dass es uns gibt. Ein paar heftige Kommentare zur aktuellen politischen Situation in Polen kriegten wir dann auch noch mit, aber auch abwiegelnde Kommentare, die mich ziemlich ratlos zurückliessen (das sei nicht so schlimm, wirklich bösartig sei die Regierung nicht). Aber dass das ein Laden war, dem man hier das Prädikat "alternativ" anhängt, war sofort klar, und das Publikum war entsprechend sehr gemischt, es gab ein paar Anzugsträger, typische halb-autistische Jazz-Nerds und viel junges Publikum.
Den Auftakt machte der Peter Sempels Film Rohschnitt Peter Brötzmann (DE, 2014), vom Regisseur selbst vorbeigebracht. Eine nervöse, wenig kohärente Sache, Handkamera, Dauerpräsenz (als Fragesteller, Kameraschüttler und - manchmal - Lachnummer) des Regisseurs. Es gibt Konzertausschnitte von diversen Spielorten (auch aus dem Parton), diverse Gruppen und Kollegen tauchen auf: Full Blast mit Marino Pliakas und Michael Wertmüller, Die dicken Finger, Hamid Drake, Jason Adasiewicz, John Edwards, Steve Noble, Paal Nilssen-Love, Steve Swell u.a.. Brötzmann spricht in seinem Heim in Wuppertal über seine Kunst und seine Musik - viele interessante Einblicke, aber für jemanden, der Brötzmann in seiner Bedeutung nicht bereits einigermassen einschätzen kann, entsteht kein Bild, das den Menschen und sein Werk als Ganzes zu fassen in der Lage wäre.
Mit Sempel und Steve Noble - die Musiker tauchten auch auf, allerdings nicht alle und die meisten erst nach dem Film - unterhielt ich mich später kurz. Draussen ergab sich auch ein längeres Gespräch mit Brötzmann - über die Probleme wegen mangelnder Auftrittsmöglichkeiten, die zusätzlich dadurch verschärft würden, dass Topleute zu Dumpingpreisen auftreten, was er wiederum nicht mehr tun müsse - aber auch über die Bedeutung von Auftrittsmöglichkeiten, denn: Wie kann die Musik sich weiterentwickeln, wenn die Musiker nicht vor Publikum spielen können? Zu dem Zeitpunkt war mir noch überhaupt nicht klar, wie toll das Publikum im Pardon sein würde, welche Begeisterung da aufflammt. Im übersättigten Westen gibt es das kaum noch, Musik ist, zumal in der öffentlichen Darbietung - selten existentiell, eher nice to have, man ist ja so souverän und überlegen und gibt sich sowas von keine Blösse, indem man etwa ehrliche Emotionen zeigt, wenn einen wer sehen könnte.
Später, inzwischen waren meine beiden (deutschen) Kameraden auf diesem Brötzmann-Trip eingetroffen, gab es dann auch noch für alle Anwesenden ein Stück der Geburtstagstorte. Voller Vorfreude auf Folgendes ging es dann ins Hotel zurück.
Montag 7.3.
Am nächsten Morgen machte ich mich alleine auf, fuhr zur Altstadt, flanierte von dort durch den Ogród Saski und den Königsweg (Trakt Królewski) entlang bis zum Beginn der Nowy Świat, von der aus dann meine kleine Plattenladentour beginnen sollte (dazu demnächst anderswo mehr). Ich deckte mich da v.a. mit neueren Veröffentlichungen aus der "Polish Radio Jazz Archives"-Reihe ein. Das schönste Detail oben: direkt neben einem der Läden die Tür, die sich der polnische Ableger der Anonymen Alkoholiker mit der polnischen Jazz Society teilt - wie passend!
Da ich danach praktisch mein ganzes Bargeld aufgebraucht hatte, ging ich munter zum nächsten Geldautomaten - doch der wollte nicht. Ich irrte dann etwas angespannt mit 60 Zloty in der Tasche herum, ging dann zum Hotel (WLAN) und kriegte heraus, wie ich das verdächtige Polen, das bei meiner Bank wie fast alle osteuropäischen Länder als Standard gesperrt ist, freischalten konnte. Direkt um die Ecke gab es einen Geldautomaten, und fünf Minuten später war das Problem tatsächlich gelöst (ich hätte nicht mal Bargeld mitgehabt, wer reist heute in der Zivilisation noch mit grösseren Geldbeträgen herum ...)
Dann, wieder ganz entspannt und mit nervöser Vorfreude, stand der erste der vier Konzertabende an. Um 19 Uhr waren wir dort, die Konzerte waren für 20:30 angekündigt, meist begannen sie so gegen 21 Uhr. Angekündigt waren für jeden Abend drei Sets à 30 Minuten, eines wurde jeweils im Voraus mit Line-Up angegeben, doch Steve Noble meinte schon am Sonntagabend, das sei nur, damit man dem Publikum mal eine Info rausrücken könne, ob das auch wirklich so käme, bleibe abzuwarten - und so war es denn auch, denn es kam alles noch besser!
Den Auftakt machten
Toshinori Kondo/Heather Leigh
- die sehr amerikanische, inzwischen in Schottland lebende Dame an der Pedal Steel-Gitarre war für mich die grosse Unbekannte des Festivals (das keins sein wollte aber trotzdem eins war), Kondo wohl der Musiker, auf den ich mich am meisten freute (die andere hatte ich alle schon live erlebt, aber Kondo kriegt man ja kaum noch zu hören). Kondo spielte stets eine an einen Verstärker angeschlossene Trompete, deren Trichter schwarz legiert ist. Am Boden standen mehrere Pedale, neben ihm eine Kiste, in der weitere Effektgeräte verbaut hatte, an denen er öfter herumdrückte. Von Leigh gingen, so empfand ich, wenige Impulse aus, sie spielte an den ganzen Konzerten keine einzige Linie, keinen einzigen melodischen Bogen, zupfte immer einfache rhythmisch-harmonische Motive, die später bei intensiveren Sets durchaus auch mal eine Art Drone-Effekt erzeugen konnten, aber doch auch den Eindruck hinterliessen, dass ihre Möglichkeiten auf diesem seltsamen Instrument etwas limitiert sind. Ob das nun bewusst gewählt ist oder nicht mag ich nicht beurteilen, es spielt auch keine Rolle, sie war da, hat mitgespielt und entpuppte sich durchaus, bei aller Skepsis, auch immer wieder als Faktor, auf den die anderen Musiker reagierten, von dem aus sie ihre Ideen formten. So war das schon mit Kondo in diesem ersten Set, das einen sphärischen Auftakt bot, der durchaus einiges versprach.
Als fixes Set für diesen Abend war das aktuelle Quartett Brötzmanns angekündigt:
Peter Brötzmann/Jason Adasiewicz/John Edwards/Steve Noble
- doch schon vorher war plötzlich ein weiterer Gast aufgekreuzt: Hamid Drake wurde eingeladen, ohne dass Brötzmann davon wusste, und anscheinend war auch erst Tage im Voraus klar, ob das klappen würde oder nicht. Es gab also nicht das Quartett sondern ein völlig einmaliges Quintett mit zwei Schlagzeugen in der Mitte der Bühne, Adasiewicz' Vibraphon links daneben und rechts Edwards am Bass sowie ganz aussen Brötzmann, der auf einem Tisch seine Instrumente lagerte. Er spielte an diesem Abend nicht nur Tenorsaxophon sondern packte auch seine versilberte Klarinette und sein Tárogató aus, zudem griff er erfreulicherweise auch noch zur Bassklarinette. Dieses Set dauerte deutlich länger und war von einer unglaublichen Wucht. Die beiden Trommler hatten sichtlich Freude, zusammen zu spielen, sehr schön war auch der Moment zu Beginn - Noble, Edwards und Brötzmann spielten bereits - als Adasiewicz und Drake sich mit Blicken koordinierten und dann zur Attacke auf die anderen drei bliesen. Adasiewicz traktierte sein Vibraphon nicht nur mit zwei, drei oder vier Schlägeln (drei gab es, wenn einer davonflog, was in der Hitze mehrmals vorkam) sondern auch mit Bögen wie man sie für Streichinstrumente verwendet, aber auch mit einem präparierten Stab, mit dem er waagrecht auf die Tasten hämmerte. Sein Spiel wechselt zwischen heftigen Klangattacken und Linien, was ihm grosse Möglichkeiten bietet, auf die Musik ganz unterschiedlich Einfluss zu nehmen, eine breite Palette an Möglichkeiten bietet (was mir bei Leigh wie oben schon durchscheint etwas fehlte). Über John Edwards braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren, er ist seit vielen Jahren fast schon hyperaktiv und mit Sicherheit einer der besten Bassisten unserer Zeit. Der Mann am Saxophon gab sich an den vier Abenden keinen Moment der Blösse, schon bei diesem ersten Auftritt beeindruckte er mit seiner Kraft und seinem riesigen Sound. Irgendwann schnappte ich draussen auf, wie er zu jemandem sagte: klar, Coleman Hawkins - und so war es, es gab einen Moment, wo er mit dem Motiv aus "Driva Man" aufwärmte, und einen Abend später griff er dieses Motiv in abgewandelter Form in einer längeren Passage wieder auf.
Das war an sich ein Set to end all music, ich hätte direkt nachher den Flieger nehmen (oder sterben) können und wäre glücklich gewesen. Doch das war's noch nicht. Han Bennink kam auf die Bühne, schlaksig und mit den üblichen zu kurzen Hosen, schnappte sich den Tritthocker, der an sich den Musikern dazu dienen sollte, auf die Bühne zu kommen, und spielte fortan nur noch auf diesem (auf ihm sitzend und einmal auch auf ihm trommelnd). Alle dachten, er mache noch einen kurzen Soundcheck, doch wenn Bennink beschliesst, das sei bereits das Konzert, dann ist dem auch so. Es gab dann ein kurzes Duo
Jason Adasiewicz/Han Bennink
als Adasiewicz nochmal auf die Bühne kletterte (Respekt, nach dem unglaublichen Set davor überhaupt nochmal zu spielen - Bennink scherte sich keinen Deut darum, dem ist sowas wohl komplett egal oder er transportiert wenigstens äusserst erfolgreich dieses Bild). So waren bis dahin alle mal zu hören gewesen bis auf Alexander von Schlippenbach, der erst am nächsten Tag anreisen sollte.
Dienstag 8.3.
Am Morgen des zweiten Tages ging es auf die andere Seite der Weichsel, nach Praga. Man glaubt da, in einer anderen Stadt zu sein, oder auch: da sieht Warschau noch so aus, wie ich es in Erinnerung hatte vom letzten Besuch vor etwa 15 Jahren. Wir gingen hinaus zum Neon-Museum (das geschlossen war, aber das hatten wir schon im Voraus rausgekriegt), das in einem ehemaligen Fabrikgelände liegt, "Soho Factory" nennt sich das, da gibt es teure Läden, Büros, Neubauten, ein Restaurant - das ganze Programm irgendwo zwischen Hipness und dem im Norden längst globalisierten Gentrifizierungs-Elend, das wiederum im grossen Kontrast zur Umgebung steht. Mit der Strassenbahn und dann der U-Bahn ging es zurück, an der Nowy Świat in die Familijny Bar Mleczny, eine traditionelle Milchbar, Pierogy essen (mehr zum Thema Milchbar - Polnischkenntnisse wären eindeutig von Vorteil).
Um 18:30 brachen wir wieder auf in Richtung Pardon To Tu. Das erste Set des Abends präsentierte erneut Kondo, diesmal mit einer Rhythmusgruppe:
Toshinori Kondo/John Edwards/Han Bennink
Kondo schaltete, angetrieben von Bennink, ein paar Gänge höher als am ersten Abend, und es war natürlich toll, Edwards' Bass einmal nicht mit Noble zu hören (die beiden bilden für mein Empfinden derzeit wie ich ja schon sagte eins der allerbesten Bass/Drum-Gespanne) sondern mit dem unberechenbaren Berserker Bennink am Schlagzeug. (Hamid Drake war inzwischen wie ich später am Abend erfuhr schon wieder abgereist.)
Das zweite Set war dann das im Voraus angekündigte:
Peter Brötzmann/Heather Leigh
Deutlicher noch als im Duo mit Kondo wurde deutlich, wie Brötzmann sich von Leighs ähnlich gearteter Begleitung Anstösse holte, zuhörte und im Verlauf des längeren Sets zu ganz grosser Form auflief. Er spielte in diesem Set alle vier Instrumente, die er im Verlauf der vier Abende spielte: Tenorsaxophon, seine versilberte Metallklarinette, das Tárogató und die Bassklarinette. Mit Leigh fand ich mich inzwischen etwas besser zurecht, aber auch in diesem Set bot sie eine sehr beschränkte Anzahl von Klängen. Doch das Resultat mag in diesem Fall noch mehr als im Set mit Kondo alles rechtfertigen: wenn Brötzmann mit dieser Begleitung zu solcher Form aufläuft, vom feinen Säuseln bis zur schnaubenden Dampflok am wuchtigen Tenor alles bietet, sich dabei bewegt wie eine Art Mischung aus Albert Ayler und sich wiegendem Rabbiner - dann ist das doch alles in bester Ordnung!
Zum Abschluss des Abends trat dann ein erstes Mal Schlippenbach auf, es gab ein Trio zu hören:
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Steve Noble
Auch das ging mächtig ab. Zunächst dachte ich, das Power-Duo Edwards/Noble könnte Schlippenbach etwas zu hart angehen, doch der Eindruck verflüchtigte sich schnell, er stieg zwar wie ein alter Mann (der er ja ist) auf die Bühne (Bennink hatte den Tritt zum Glück wieder freigegeben), doch es trat wieder einmal der Fall ein: beginnt erst mal die Musik, ist alles wie vergessen! Schlippenbach spielte kraftvoll, auch dieses Set war wieder verdammt laut (aber nichts im Vergleich mit dem Quintett mit Drake, da hatte ich - wie immer in der ersten Reihe sitzend - manchmal schon etwas Angst um meine Ohren). Das Klavierspiel erinnerte mich mehr an Herbie Nichols denn an Monk, doch griff Schlippenbach immer wieder wild in die Tasten, hämmerte Akkorde, verzahnte sich in kleinen Motiven und liess sich wie es schein von Edwards/Noble noch so gerne antreiben. Ein toller Abschluss des zweiten Abends, der insgesamt entgegen den Befürchtungen durchaus an den ersten anknüpfen konnte.
Zwischen bzw. nach den Sets hatte ich auch Gelegenheit, ein wenig mit Edwards und später mit Schlippenbach zu sprechen - und ein paar CDs zu kaufen: das Trost-Reissue von Brötzmann/Hopkins/Ali "Songlines" und Parker/Schlippenbach/Lytton "america 2003".
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