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Takács Quartet: Haydn, Ravel, Beethoven - Conservatorio di Milano, 31. Januar 2017

HAYDN: Quartetto in fa maggiore op. 77 n. 2 Hob.III.82
RAVEL: Quartetto in fa

BEETHOVEN: Quartetto n. 14 in do diesis minore op. 131

TAKÁCS QUARTET
Edward Dusinberre, Violine
Károly Schranz, Violine
Geraldine Walther, Viola
András Fejér, Violoncello

Und das war nun the real deal, keine Frage! Haydn war ein etwas verhaltener Auftakt – der Gedanke, den mein Bekannter nach dem Konzert äusserte, war mir auch durch den Kopf gegangen: Haydn sollte man am besten in ganz seinen Quartetten gewidmeten Konzerten aufführen. Aber schon da war das äusserst lebendige Spiel des Takács Quartetts zu bewundern, das in Ravels Quartett dann richtig schön zur Geltung kam. Da ist kein elegant geschliffener Gleichklang sondern ein bebender, vibrierender Körper, an dem alle vier ihren Anteil hatten, den sie gemeinsam im Spiel erschaffen.

Ravels Musik flimmerte in allen Farben und summte, wie ein Bienenstock, der Blick schien durch ein Prisma zu gehen, aber – zugleich, und das war enorm faszinierend – auch durch ein Vergrösserungsglas, das erst offenbarte, was in Ravels Stück alles steckt. Besonders toll war der Pizzicato-Teil im zweiten (?) Satz.

Nach der Pause folgte dann die Krönung mit Beethoven – ich habe ja bekanntlich seine Streichquartette noch nicht angepackt und es war ein beeindruckendes Erlebnis, dieses späte Quartett in so fähigen Händen zum ersten Mal überhaupt bewusst zu hören. Jedenfalls funktionierte der Zugriff des Quartetts perfekt, das Nervöse Flirren sorgte für eine ungeheure Lebendigkeit, einmal mehr schien die Musik fast körperlich greifbar zu werden, so plastisch die Darbietung.
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Zum vorangehenden Kapitel der Woche in Italian im Januar/Februar 2017:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/studentinnen-des-conservatorio-di.html
Zum nächsten Kapitel:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/giuseppe-verdi-don-carlo-1-februar-2017.html

András Schiff, Tonhalle-Orchester Zürich, Bernard Haitink: Beethoven, Bruckner - Tonhalle, Zürich, 9. Dezember 2016

Tonhalle-Orchester Zürich
Bernard Haitink Leitung
Sir András Schiff Klavier

Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Gestern also meine Entbrucknerung – einen besseren als Haitink hätte ich mir dafür wohl nicht wünschen können. Wahnsinn! Aber von Anfang an: mit Schiff bin ich bisher nicht weit, die Doppel-CD mit den Diabelli-Variationen und den anderen letzten Klavierwerken Beethovens liegt ja schon hier und gefällt, gerade erst diese Woche kam auch die neue Box, die seinen Beethoven Sonatenzyklus vereint (zum grössten Teil 2004-206 in der Tonhalle eingespielt, die Zugaben von diesen Konzerten findet man auf einer separaten CD ebenfalls, die drei letzten Sonaten wurden in Österreich eingespielt, davon ist keine Zugabe zu finden, Schiff windet dem Publikum in Zürich ein Kränzchen und meint eben auch, dass die Zugaben quasi in Zusammenarbeit mit dem Publikum entstünden, aber vielleicht war auch einfach kein Platz für die österreichischen Zugaben, wer weiss). Aus der Box hörte ich dann am Donnerstagabend die erste CD (bzw. das erste Volumen, auf zwei CDs verteilt die Sonaten 1-4) und war ziemlich angetan davon. Im Konzert (gestern war die dritte und letzte Aufführung des Programmes, das am Mittwoch erstmals erklang) spielte Schiff einen in der Höhe etwas schrillen Bösendorfer, der in der Tiefe etwas dumpf klang. Im Kopfsatz führte das zu einem etwas gewöhnungsbedürftigen Klang, doch setzte sich am Ende alles aufs Schönste zusammen. Schiffs Umgang mit dem Klavierpart war ziemlich frei, in den Ecksätzen fächerte er Läufe und Akkorde immer wieder auf, liess die Töne in kleinsten Versetzungen nebeneinander statt miteinander erklingen. Den langsamen Mittelsatz spielte er – das wohl wenn man so will die Kempff-Linie – in einer Weise, dass er fast wie eine Improvisation klang. Eine Improvisation von einer beiläufigen und völlig lockeren Brillanz. Im dritten Satz fügte sich für mich dann alles zusammen und das zuvor teils Überraschende oder auch etwas Unverständlich klingende ergab plötzlich Sinn.

Dann war erstmal Pause, das Orchester musste sich ja noch rasch nahezu verdoppeln, ein grösserer Bühnenumbau war angesagt. Bruckners Musik brachte die Akustik des Tonhalle-Saals an ihre Grenzen, aber Haitink gelang es, den Klang auszureizen ohne den Saal zu fluten (was neulich bei den Wagner-Stücklein unter Runnicles nicht so gut klappte). Seine Meisterschaft liegt wohl darin, stets die Kontrolle zu haben, die Musik zwar atmen aber nie ausufern zu lassen. Sein Dirigat beeindruckte mich (nach dem Brahms-Requiem vor etwa einem Jahr) erneut sehr – die Rechte gibt mehr oder weniger den Takt, manchmal mit etwas weiteren Gesten, die Linke wird manchmal gar nicht gebraucht, dann gibt sie mit ganz kleinen Gesten Anweisungen, die aber mit einer Präzision und Wirksamkeit umgesetzt werden, dass man fast schon an Zauberei denken muss. Mich blies die Musik der ersten zwei Sätze nahezu weg, da brach soviel auf mich herein, dass ich kaum noch wusste, wo oben und unten ist. Darauf war ich ja gefasst, aber das Konzerterlebnis ist halt schon unersetzbar in der direkten Intensität und auch darin, die Materialität der Musik zu erfassen – das Knarzen der Bässe, das Surren der Saiten im Moment bevor der Bogen wieder angesetzt wird … und natürlich ist auch die räumliche Wahrnehmung der Musik eine völlig andere als daheim. Ich wartete dann immer gespannter auf den dritten Satz, das gigantische Adagio. Und wie davor bei Beethoven setzte sich nun alles zusammen, ich hatte das Gefühl, zu verstehen (ohne dass ich irgendwas davon in Worte fassen könnte).

Ich wollte daheim dann an sich gleich die ganzen Bruckner-Symphonien am Stück durchhören, am besten sofort und ohne diese mühsamen und störenden Schlafpausen, die ja kein Tier ausser dem Menschen braucht. Aber ich griff stattdessen dann doch zu vertrautem …

PS: Sehr interessant natürlich der Kontrast zu Gardiner/Bezuidenhout – ich kann nicht sagen, dass mir das eine Zugriff besser gefällt, ich lasse sehr gerne beide nebeneinander als ebenso gültige Herangehensweisen stehen (Schiff schreibt im Vorwort zur Box mit dem Sonaten-Zyklus, dass er zur Hälfte einen Steinway, zur Hälfte einen Bösendorfer gespielt habe, dass er am liebsten – um der Vielfalt an Klangfarben halbwegs gerecht zu werden – den ganzen Zyklus noch einmal an einem historischen Instrument einspielen würde … immer munter los damit, bitte!)

Und hier noch der NZZ-Bericht, gestern schon in der Zeitung, also wohl über den ersten Abend am Mittwoch:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/bernard-haitink-und-andras-schiff-in-zuerich-balance-auf-der-baustelle-ld.133766

Kristian Bezuidenhout, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner: Brahms, Beethoven, Schubert - Tonhalle, Zürich, 14. November 2016

JOHANNES BRAHMS: Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
encore: BEETHOVEN: Largo, aus Sonate Op. 10 Nr. 3

FRANZ SCHUBERT: Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485

Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Kristian Bezuidenhout Hammerflügel

Bezuidenhouts Mozart-Serie auf harmonia mundi gefällt mir hervorragend, mit Orchester kannte ich bisher nur (einst wohl auf arte gesehen) einen Auftritt mit den Freiburger Barockern und Mozart-Klavierkonzerten, da hat Bezuidenhout vom Hammerflügel aus dirigiert – auch das fand ich hervorragend. Gardiner zählt hier zu den verehrteren Künstlern der Gegenwart, nicht nur mit Bachs Kantaten und Passionen, auch die Mozart-Konzerte mit Bilson, die Beethoven’sche Missa solemnis, die Opern Mozarts gefallen mir sehr gut, und die beiden bisherigen Konzerterlebnisse in der letzten Saison (Janáceks Missa glagolitica mit seinem Chor und dem Tonhalle-Orchester hier in Zürich und die Matthäus Passion mit seinem Chor und den English Baroque Soloists in Luzern) waren ebenfalls überragend.

Grosse Vorfreude also, aber auch ein paar Fragezeichen, denn mit Beethoven kannte ich – von der Messe abgesehen (und der „Leonore“ von Gardiner, die ich aber erst einmal rasch durchgehört habe) – beide noch nicht, Schubert hatte ich von Gardiner ebenfalls noch nicht gehört und Brahms liegt zwar da (mit Gardiner die Symphonien und das Requiem, die Serenaden mit Chailly), aber noch ungehört. Den Auftakt machte Brahms‘ zweite Serenade, in der die Bläser in Paaren auftreten und bei den Streichern die Violinen fehlen. Das ergibt einen besonderen Klang, den Gardiner dadurch noch verstärkte, dass er die Bläserpaare auf steilen Bühnenaufbauten hintereinander staffelte. Die Wirkung war toll, aber ich habe mich doch da und dort bei der langen Weile ertappt – das Ding von Brahms ist ganz nett, die einfachen Motive und ihre Entwicklung schön nachzuvollziehen aber da und dort zieht es sich ein wenig.

Nach einer längeren Umbaupause ging es dann mit Beethovens viertem Klavierkonzert weiter. Die Geigen waren wieder dabei, die Streicher sonst wohl ähnlich zahlreich – für Beethoven vermutlich eine Art Minimalbesetzung (vgl. erste Rezension unten), gegen die Bezuidenhout am Hammerflügel aber dennoch einen schweren Stand hatte, vor allem im ersten Satz. Es brauchte oft eine gehörige Anstrengung, im durchaus transparenten aber auch wuchtigen Gesamtklang den Flügel herauszuhören. Ich weiss nicht, ob ich zu weit vorne sass (etwas zu tief unten) und ob man in der achten oder zehnten Reihe mehr vom Hammerklavier gehört hätte – oder ob man dort erst recht gar nichts mehr hören konnte. Jedenfalls war es irgendwie imposant anzusehen, wie Bezuidenhouts Hände über die Tastatur flogen, wie er einen heroischen Kampf focht, in dem er aber immer wieder unterzugehen drohte. Nach der unfassbaren Kadenz, in der man zum ersten Mal hören konnte, wie schön Bezuidenhouts Instrument eigentlich klang (und dass es durchaus etwas Volumen besitzt, auch wenn es beim Zusammenspiel mit dem Orchester oft nahezu körperlos wirkte), hellte sich im zweiten Satz sich das Geschehen etwas auf. Der singenden Flügel verschaffte sich Gehör im Dialog mit dem drohend grollenden Orchester, zähmt dieses und bringt es schliesslich dazu, mit ihm zusammen in wohlklingenden Gesang einzustimmen. Der dritte Satz folgte direkt, explosiv, schnell … und am Ende brandete der Applaus wie eine Woge auf. Ein Wechselbad, in dem ich anfänglich durchaus den Gedanken an Beethoven hatte, wie dieser verloren an seiner Klapperkiste sass, die er fast manisch traktierte, ohne dass man was hören konnte … in der Hoffnung darauf wohl, dass dereinst ein Instrument erfunden würde, das Abhilfe schaffen würde. Bezuidenhout spielte nach mehreren Runden Applaus eine tolle Zugabe, wie ich lese das Largo aus der Sonate Op. 10 Nr. 3 (dass es Beethoven war, war mir ziemlich klar, aber ich wäre nicht drauf gekommen, was). Dann Pause, und es waren schon 90 Minuten verstrichen, die ziemlich raffiniert gemacht waren mit dem Höhepunkt Beethoven und der geradezu beruhigend wirkenden, getragenen Zugabe, in der man den durchaus schönen Klang des Instrumentes (ein neuer Graf-Nachbau) bewundern konnte.

Nach der Pause gab es dann gleich noch einen mächtigen Knall mit Schuberts fünfter Symphonie. Ausser der Celli und Bässen stand das ganze Orchester (die beiden vordersten Cellisten hatten auch den Dorn nicht ausgefahren), was – so kam es mir vor – eine rechte Ladung Energie freisetzte, die denn auch in der Musik überzeugend umgesetzt wurde. Ein Ende mit einem Knall. Was genau ich von Schuberts Symphonien (von der grossen C-Dur und der Unvollendeten mal ab) halten soll, weiss ich noch immer nicht, aber so gespielt im Konzert gerne jederzeit wieder!

Rezension der NZZ (wieder einmal Christian Wildhagen – guter Mann!):
Rezension auf Musicweb / Seen and Heard International

Patricia Kopatchinskaja, Chamber Orchestra of Europe, Thierry Fischer: Weinberg, Prokofiev, Beethoven - Tonhalle, Zürich, 9. Mai 2016

MIECZYSLAW WEINBERG: Sinfonie Nr. 10 a-Moll op. 98 "Transcendence" für Streicher
SERGEJ PROKOFJEW: Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63

LUDWIG VAN BEETHOVEN: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Patricia Kopatchinskaja Violine
Chamber Orchestra of Europe
Thierry Fischer


2016 schaffte ich endlich, Patrcia Kopatchinskaja im Konzert zu hören, als Teil der "Neuen Konzertreihe Zürich". Der Romand Thierry Fischer übernahm kurzfristig die komplette Tour (inklusive Repertoire), denn Vladimir Jurowski musste, wie es hiess, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Das war nun gar kein Verlust (obwohl ich Jurowski gelegentlich auch gerne mal in Aktion sehen würde).

Ich sass wieder mal hinter der Bühne, klanglich nicht perfekt für Prokofiev und Beethoven, aber ich mag es dennoch, dort zu sitzen, weil man viel vom Orchester mitkriegt (und die Plätze im Parkett wären mir schlichtweg zu teuer).

Auf die Weinberg-Symphonie war ich überhaupt nicht vorbereitet, kenne von ihm zwar einzelnes aber bisher keine Symphonien. Sie ist nur für Streicher komponiert, es spielten glaube ich 16 Musiker (je vier erste und zweite Geigen, je drei Bratschen und Celli sowie zwei Bässe). Das Stück ist phantastisch, viel solistische Passagen (für Violine, Viola, Cello und Kontrabass gleichermassen), sehr intensiv, reich an Farben und mit einigem Humor, aber als Ganzes doch nachdenklich, melancholisch, brütend. Das Publikum war wie zu erwarten unruhig, Gehuste, scharrende Füsse etc. Aber die meisten waren auch schondabei, als Beethoven noch selbst seine Symphonien dirigierte, im 20. Jahrhundert (vom 21. zu schweigen) kommen die Silberrücken nicht mehr an (aber was mit den Klassik-Sälen geschieht wenn die mal ausgestorben sind, ist die nächste Frage - trotzdem könnten sie mal noch einen Versuch wagen, die Stöcke aus dem A... zu ziehen, bitte).

Dann gab es einen kleinen Umbau für Prokofievs zweites Konzert, hinter den vergrösserten Streichern baute sich eine ganze Reihe Bläser auf, zudem zwei Schlagzeuger. Das Konzert mag ich einigermassen gerne (hatte in den Tagen davor öfter die Einspielung unter Jurowski auf naïve angehört), ging auch v.a. deshalb in die Tonhalle, um endlich Patricia Kopatchinskaja live zu hören. Sie nahm die Bühne im Sturm, spielte vom Solo-Einstieg an höchst konzentriert, stampfte, tanzte wenn sie nicht spielte, drehte sich immer wieder zu den Musikern oder Registern um, mit denen sie gerade in Dialog trat ... eine brennende, intensive Interpretation, aber musikalisch nach dem grossartigen Werk Weinbergs für mich etwas weniger toll, einfach von der Komposition her, da konnte Kopatchinskaja gar nichts dafür. Bei den lauten Passagen war von meinem Platz aus die Solo-Violine oft kaum noch zu hören, aber damit hätte ich rechnen müssen.

Als Zugabe spielte sie dann den zweiten Satz aus Ravels Sonate für Violine und Cello, gemeinsam mit dem Solo-Cellisten, den man davor in Weinbergs Zehnter ausgiebig zu hören bekam. Auch das mit viel Engagement und Verve gespielt. Kenne das Stück bisher nicht, aber irgendwo steht die Decca-Box mit Ravels kompletten Werken herum ...

Nach der Pause gab es eine mitreissende Aufführung von Beethovens siebter Symphonie: ein rauschhafter Tanz, sehr beeindruckend, das Orchester nochmal etwas angewachsen und umgestellt (die ersten und zweiten Geigen am Bühnenrand, Bratschen und Celli dazwischen). Das Stück entwickelte eine ungeheure Dynamik, stellenweise hätte man eine Nadel fallen hören, und wenige Schläge später erklang ein sattes fff. Leider sassen nun die sehr aktiven (und verdammt guten!) beiden Hornisten vor bzw. unter mir, was den Gesamtklang stellenweise doch etwas aus den Fugen geraten liess.

Jedenfalls ein hervorragendes Konzert und ein tolles Erlebnis, ein so gutes und quicklebendiges Orchester live zu erleben!


Der Rezensent der NZZ war fast noch begeisterter:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/patricia-kopatchinskaja-in-der-tonhalle-zuerich-mit-haut-und-haar-ld.81773

Fazil Say: Mozart, Chopin, Say - Tonhalle, Zürich, 19. April 2016

WOLFGANG AMADEUS MOZART
Klaviersonate Nr. 12 F-Dur KV 332
Klaviersonate Nr. 18 D-Dur KV 576
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FRÉDÉRIC CHOPIN
Nocturne b-Moll op. 9 Nr. 1
Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2
Nocturne H-Dur op. 9 Nr. 3
Nocturne Nr. 20 cis-Moll op. posthum
Nocturne fis-Moll op. 48 Nr. 2
Nocturne g-Moll op. 37 Nr. 1
Nocturne H-Dur op. 32 Nr. 1

Zugaben: FAZIL SAY

Fazil Say Klavier

Nur ein paar lose Gedanken: KV 332 begann zunächst ziemlich trocken - so auch Says Auftreten am ganzen Abend: zügig zum Flügel, kurzer Knicks, hinsetzen und losspielen noch bevor der letzte Applaus ganz verhallt ist. Doch bald begann die Musik lebendig zu werden, Say spielte mit dem Tempo, mit der Dynamik - und das steuerte unweigerlich auf den Moment zu, wo man sich fragt: ist das jetzt Mozart oder Say? Nicht dass mir an der Klärung dieser Frage viel gelegen wäre, aber der Zugriff schien mir sehr persönlich und letzten Endes wohl nicht immer gänzlich nachvollziehbar. Ähnlich ging es weiter mit KV 576, diesmal ohne trockenen Beginn sondern gleich in medias res.

Nach der Pause dann Chopin, und da gelangen Say, so fand ich, immer wieder bezaubernde, ja berückende Momente. Ob er dem Programm genau folgte, vermag ich nicht zu sagen, ich kenne die Nocturnes nicht einzeln, auch wenn sie mir als Werkkorpus ziemlich vertraut sind. Das war alles ziemlich kompakt (zweimal 35 Minuten, der zweite Block ev. etwas länger?) und man wunderte sich mal wieder über die Notwendigkeit der Pause (die hat wohl rein ökonomische und ev. geriatrische Gründe). Anyway, es folgte ein dritter, kürzerer Block mit Zugaben, Eigenkompositionen von Say wohl, von denen wenigstens die mittlere mit ihren simplen süffigen Changes (die vage an die Melodie von "M.A.S.H.", aka "Suicide Is Painless" erinnern) mir vertraut vorkam, wohl einst am Radio gehört bei einem anderen Say-Konzert. Das Publikum war sehr gemischt, es schienen auch ziemlich viele türkischstämmige Leute anwesend zu sein, nach der ersten Zugabe erhoben sich manche, nach der zweiten etwas mehr, bei der dritten Griff Say dann ins innere des Flügels (hübsch, aber pardon, aus dem Jazz kennt man da so viel mehr und Interessanteres) - und damit hatte er dann seine Standing Ovation ... eine letzte Verbeugung und exit.

Fällt mir schwer ein Fazit zu ziehen, ich war auch zu müde an dem Abend, um an ein Konzert zu gehen, hatte aber eine ordentlich teure Karte (auf dem Podium in der linken Ecke, konnte halbwegs auf die Hände sehen, der Klang war erstaunlich gut und die Nähe zum Geschehen ist schon etwas, was ich schätze) und wollte auch hingehen ... aber insgesamt war das etwas zwiespältig, Chopin das Highlight, die Zugaben für mich dann eher etwas überflüssig, aber es sei ihm unbenommen, seine eigenen Sachen zu spielen, an sich finde ich das ja durchaus unterstützenswert, bloss waren die drei Stücke nicht wirklich mein Fall.

Julia Fischer & Igor Levit - Beethoven: Violinsonaten No. 9 & 10 - Tonhalle, Zürich, 10. Januar 2016

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47 "Kreutzersonate"
Sonate Nr. 10 G-Dur op. 96

Julia Fischer, Violine
Igor Levit, Klavier

Julia hatte die Haare schön, Igor die Schuhe poliert ... ne, ich sass so weit hinten, dass ich solche Dinge nur erahnen konnte, aber die beiden gaben schon ein hübsches Paar ab, zweifellos. Doch darum ging es ja zum Glück nicht und das wurde schon bei Fischers Auftakt zur "Kreutzer" klar: da ging es um nicht wenig, nein, um Alles! Der Saal war beim dritten Konzert eines kompletten Zyklus der Beethoven'schen Violinsonaten jedenfalls auf den letzten Platz gefüllt (gestern abend spielten sie Nr. 1-4, heute in der Matinée Nr. 5-8, aber ich ging nur am Abend in den dritten Teil).

Ich kenne von Fischer bisher auf CD nur die Mozart-Konzerte und finde diese sehr schön, etwas gepflegt vielleicht, aber dies auf eine Art, die zu den Werken gut passt - und auch überaus direkt, gradlinig und schnörkellos. Über eine Live-Aufführung der "Kreutzer" von ihr hatte ich einst euphorische Worte gelesen (ich weiss nicht mehr, wer damals der Pianist war, aber wohl eher nicht Levit), daher waren meine Erwartungen hoch - skeptisch hoch, denn ich konnte mir aufgrund dessen, was mir von Fischer vertraut ist, nicht so richtig vorstellen, wie sie mit der "Kreutzer" klarkommen würde, die ich am liebsten in zupackenden Versionen mag wie jener von Szigeti/Bartók oder in jüngerer Zeit Kopatschinskaja/Say. Ich wurde so gesehen positiv überrascht, Fischer hatte durchaus den Mut zum Hässlichen und den Willen, die Musik krachen zu lassen, zupackend aber nie auf den Effekt aus, dann wieder unfassbar zart und feinziseliert (ist Ornament wirklich immer Verbrechen?) - Levit (der Noten vor sich hatte, zum Glück keine Pannen beim Umblättern; Fischer spielte frei) entpuppte sich rasch als sehr aufmerksamer Partner, der sich auch auf Augenhöhe bewegte, was in der "Kreutzer" auf andere Weise zum Zug kommt als in der, wie soll ich sagen, integrierteren Sonate Nr. 10 Op. 96, meiner innig geliebten. In der "Kreutzer" wurde immer wieder extrem entschleunigt, das wirkte auf mich beim ersten Mal etwas unorganisch, doch der Eindruck verflog später, es schien eher so, als würde die Maschinerie der Beethoven'schen Musik jeweils zu einem kurzen Ruhepunkt finden, bevor sie sich wieder in immer irreren Figuren und mit immer wilderen Schlenkern zu drehen begann.

Nach der Pause ... warum braucht es denn Pausen? Pausen sind die überflüssigste Erfindung des Konzertbetriebes, ein Jammer was da abgeht. Klar, die Musiker brauchen sie vielleicht, der grössere Teil des Publikums noch mehr, und der eh schon übersubventionierte Veranstalter braucht die Kohle der Cüplischlürferinnen - aber der Musik wird mit der Art von Pausen nicht gedient, es müsste eher - das wäre doch eine Frage des Respekts, nicht? - ehrfürchtige Stille (oder meinetwegen aufbrausende Wut) über das Gehörte vorherrschen, aber nicht die Banalität der Konversation, der leeren Floskeln, das Schaulaufen überparfümierter verblühter Damen und getunter Trophäenweibchen. Da sind mir die gebückten Alten mit ihren seltsam gemusterten Anzügen aus den Siebzigern und Achtzigern, ihren schiefen übergrossen Brillen doch tausendmal lieber und näher. Gut, soviel zur Pause.

Nach der Pause ging es dann mit Op. 96 weiter und mir schien, die beiden wären von der "Kreutzer" fast noch etwas zu sehr im Schwung, ich mag die Sonate jedenfalls gerne etwas weniger treibend (und sei es nur gefühlt, Tempo hat ja nur bedingt mit dem zu tun, was das Metronom sagt), etwas mehr nach innen als nach aussen strahlend, gewissermassen. Was aber auch bei der engen Verzahnung der Stimmen in Op. 96 wieder klar wurde ist, was für ein unheimlich präziser, genauer Pianist Levit ist - es gab zwar manchmal Momente, wo die beiden nicht so ganz zusammen zu sein schienen, aber die Feinheit und Differenziertheit in beider Spiel war immer wieder beeindruckend, und bei Levit noch mehr als bei Fischer, fand ich.

Nichtsdestotrotz ein toller Konzertauftakt im neuen Jahr, als Fazit würde ich sagen: die "Kreutzer" zupackender als erhofft (aber nicht ganz zupackend genug für meinen Geschmack), Op. 96 dann etwas zu zupackend. Ich möchte aber keineswegs suggerieren, die beiden hätten die Sonaten nicht angemessen unterschiedlich interpretiert, das war durchaus der Fall, ich bin einfach bei beiden wohl etwas wählerisch, aber die heutige Live-Darbietung fügt sich bestens in eine ganze Reihe geschätzter Aufnahmen ein, für die z.B. bei der "Kreutzer" auch gilt, dass sie mir nicht hemdsärmlig genug sind (z.B. Grumiaux/Haskil oder Francescatti/Casadesus).

Klassik - 2014

25. Februar - Tonhalle, Zürich

JOHANN SEBASTIAN BACH: Goldberg-Variationen (BWV 988)
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klaviersonate Nr. 32 c-Moll, Op. 111

Lars Vogt, Klavier

Die Goldberg-Variationen fein gespielt, mit wundervollem Touch, mit farbenreicher Klangpalette - Dauer etwa 75 Minuten. Nach der Pause gab es Beethovens Sonate Op. 111 - ein erstaunliches Werk, aufregend, es live zu hören! Eine Zugabe brauchte es danach nicht mehr.

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27. März - Tonhalle, Zürich

LUDWIG VAN BEETHOVEN: Missa solemnis D-Dur, Op. 123

Ricarda Merbeth, Sopran
Bernarda Fink, Mezzosopran
Werner Güra, Tenor
Christof Fischesser, Bass

Zürcher Sing-Akademie mit Ars Canora (Dir. Stephan Fuchs)
Tim Brown, Einstudierung, Andreas Felber, Assistenz
Tonhalle-Orchester Zürich
Bernard Haitink, Leitung

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4. April - Tonhalle, Zürich

JOHANN SEBASTIAN BACH 
Passio Secundum Johannem (Johannes-Passion, BWV 245)

Hana Blažíková, Sopran
Maarten Engeltjes, Altus
Tilman Lichdi, Tenor
Klaus Mertens, Bass

Zürcher Sing-Akademie (Tim Brown Einstudierung)
Tonhalle-Orchester Zürich
Emanuele Forni, Laute
Hille Perl, Viola da gamba
Ton Koopman

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18. November - KKL, Luzern

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
Auszüge aus "Giulio Cesare in Egitto" (HWV 17) und Suite Nr. 3 G-Dur (HWV 350) aus "Water Musicke"
Zugabe: Auszüge aus "Ode for the Birthday of Queen Anne" (HWV 74)

Natalie Dessay Sopran (Cleopatra)
Christophe Dumiaux Countertenor (Giulio Cesare)

Le Concert d'Astrée
Emmanuelle Haïm


Sehr tolles Konzert, der Saal (der tolle grosse Konzertsaal des Luzerner KKL) war für Dumiaux' Stimme eine Spur zu gross, wenn die Band mal richtig in Schwung war, drohte teils auch Dessay etwas unterzugehen - allerdings war das wiederum auch klasse gestaltet, wie die Stimmen mit der Musik verschmolzen, um sich dann wieder aus ihr zu erheben. Dessay klang warm, überhaupt nicht scharf - wenn man so sagen darf, scheint ihre Stimme gut zu altern bzw. zu reifen. Und Händel, verdammt, ich muss mich unbedingt mehr mit seinen Opern (und Kantaten) befassen - wahnsinnig schöne Musik, geniale Melodien am laufenden Meter!

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9. Dezember - MASSENET: Werther - Deutsche Oper am Rhein (Duisburg)

Mehr dazu hier auf S. 31:
https://issuu.com/deutscheoperamrhein/docs/spielzeit_2014-15