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LONDON–ZÜRICH FESTIVAL: Zürich, Theater Neumarkt, 30. April 2017

Als Abschluss des Londoner Intakt-Festivals gab es dieses Wochenende noch zwei Abende in Zürich. Gestern spielten Irène Schweizer & Louis Moholo (anscheinend viel entspannter als in London), danach Evan Parker im Duo mit dem lokalen Gitarristen Flo Stoffner (hätte ich wie schon erwähnt enorm gerne gehört) und zum Abschluss war einmal mehr das Trio Omri Ziegele/John Edwards/Mark Sanders zu hören. Heute Abend bin ich hin, leider war es im Gegensatz zu gestern nicht ausverkauft sondern höchstens halbvoll (wohl eher nur ein Drittel, und nach dem ersten Set gingen auch ein paar Leute, die wohl für Barry Guy gekommen waren), die Stimmung im Theatersaal mit der riesigen Bühne sowieso völlig anders als im Vortex … aber gut, den Auftakt machte eine knappe Stunde mit Evan Parker & Barry Guy (*****) und die andere Atmosphäre stellte nicht im geringsten ein Problem dar. Das Duo war von Beginn an mit höchster Konzentration bei der Sache, Parker spielte wieder ausschliesslich Tenor, praktizierte aber mehrmals seine sonst vor allem vom Sopran her bekannte Zirkuläratmung, auch im zweiten Segment, das er solo spielte. Guy war dann seinerseits im vierten Teil solo an der Reihe (auf dem Photo hört Parker ihm zu), traktierte dabei seinen Bass nicht nur mit zwei verschiedenen Bögen (ein herkömmlicher und einer mit schwarzer – Plastic-? – Bespannung), Schlägeln mit Filzköpfen wie man sie vom Vibraphon kennt und verschiedenen dünnen Stäben, die er zwischen die Saiten schob und auch schon mal zwischen den Saiten und dem Griffbrett nach oben schob (John Edwards macht das auch gerne). Eine Zugabe (Teil 6 des Konzertes) gab es nach dem riesigen Applaus dann auch noch, und auch da blieb die Konzentration glücklicherweise hoch. Phantastisches Konzert, viel länger als das Set in London, völlig anders und wohl noch eine Spur toller.

In der Pause fragte ich mich, ob Ingrid Laubrock wohl dem Set von Parker gelauscht habe – nicht einfach, nach so einem fulminanten Konzert selbst auf die Bühne zu gehen, stelle ich mir vor. Das Trio Ingrid Laubrock Sleepthief feat. Liam Noble und Tom Rainey (****1/2) hörte ich bisher noch nie, Laubrock aber schon mit dem Tom Rainey Trio (mit Mary Halvorson), mit Anthony Braxtons Quartett (mit Halvorson und Taylor Ho Bynum) und ich war auch beim auf Intakt veröffentlichten, etwas zähen „Zurich Conzert“ dabei, das auf Intakt erschienen ist (zäh war es vor allem, weil der gute Mann vom SWR jedes Stück zwischendurch fürs Radiopublikum ansagte in der Manier: im folgenden Stück hat Laubrock das Augenmerk auf verschiedenen Linien gelegt, die sich übereinanderlagern, achten Sie bitte auf das Vibraphon und wie es gegen das Piano gesetzt ist und wie die Tuba und das Cembalo wiederum kontrapunktische Kommentare zu den Linien abgeben, die die Trompete der Posaune abtrotzt, obwohl das Saxophon die ganze Zeit obenausschwingt usw. usw. usw. ad nauseam). Es gab damals kein Vibraphon und keine Tuba und keine Posaune, aber ein Akkordeon und auch das Piano von Liam Noble, der aber überhaupt keinen Eindruck hinterliess. Das hat sich heute Abend nachhaltig geändert und ich war von ihm am meisten beeindruckt, weil ich ihn noch nie wirklich gehört habe, wenigstens so nicht, in diesem kleinen Rahmen, in dem auch jeder Move nachvollziehbar war. Die Musik von Sleepthief ist unglaublich präzise, vieles wirkt – obwohl mit grosser Freiheit improvisiert – sehr durchdacht und bis in feinste Details austariert. Das wird wohl auch durch Tom Raineys oft sehr transparentes Spiel möglich. Anfangs kämpfte er noch mit dem Stehtom, dessen Stützen immer wieder nachgaben und festgeschraubt werden mussten, doch einmal mehr beeindruckte seine Vielfalt und seine Genauigkeit. Er spielte mit Besen, mit Filzschlägeln, mit dünnen und normalen Sticks, aber auch mit den Fingern, Handballen oder dem Ellbogen. Noble erzeugte manchmal die Illusion, dass er zwei Melodien zugleich – und dazu Akkorde – spielen würde, was umso faszinierender war, wenn auch noch Laubrocks Saxophonlinien sich dazugesellten und der enorm kompakte Klang des Trios zu einem einzigen Strom wurde. Das kam immer wieder vor, sehr oft spielten auch alle drei, es gab relativ wenige klare Soli, wobei Laubrock diesbezüglich natürlich im Vorteil war und das auch leidlich auszunutzen vermochte. Ihr Spiel schien mir von den bisherigen Eindrücken her noch einmal gereift, sehr souverän und dennoch sehr packend – aber sie kommt dabei fast ganz ohne heulende Klänge aus. Früher schien mir das manchmal etwas emotionslos, die fast schon mit mathematischer Präzision angesteuerten Verdichtungen und daraus resultierenden Höhepunkte kamen mir aufgesetzt vor. Doch nichts davon heute, da stimmte einfach alles, obwohl die vergleichsweise kühle Delivery (die wohl aus der Braxton-Linie kommt) immer noch essentieller Teil ihres Spiels ist. Besonders gut gefiel mir heute auch ihr Spiel am Sopransaxophon, das sie mit einem runden, grossen Ton spielt, aber auch überbläst (was gar nicht so leicht ist, man hört das seit Lacys Abgang auch nicht mehr aller Tage) und wie am Tenor auch den Ton aufrauht und da und dort in Multiphonics aufbrechen lässt (was Evan Parker natürlich im ersten Set des Abends in Perfektion vorgeführt hatte, aber es ging ja zum Glück überhaupt nicht um ein technisches Schaulaufen).

Ein überaus gelungener Abschluss dieser zwei Intakt-Wochen, von denen ich leider die Hälfte verpasst habe. Aber auch so war das eine grosse Menge Musik, die ich sehr genossen habe.

Unerhört 2015: Pierre Favre-John Surman-Mark Helias - Theater Neumarkt, Zürich, 28. November 2015

Am Samstag ging es dann schon um 15 Uhr weiter, im Theater Neumarkt mitten in der weihnachtlichen kollektiven Beklopptheit gelegen, wo Leute sich mit Glühwein und massenhaft sinnlosem Kram zudröhnen und ihr Ameisendasein dabei auch noch zu geniessen scheinen (wobei Ameisen ja eine Gerichtetheit haben, immerhin, sie sind im Vergleich zum Weihnachtsmarktgänger eine Hochkultur).

Nunja, wie wohltuend, in den schwarzen Saal zu kommen, eine schlichte, leergeräumte Bühne, darauf das ungewöhnlich bestücke Schlagzeug von Hexenmeister Pierre Favre. Dieser wünschte sich, mit John Surman und Mark Helias aufzutreten, dem englischen Saxophonisten und Klarinettisten, der sein Sopransaxophon, seine Bassklarinette und was wie ein Sopranino-Blockflöte aussah dabei hatte, einem alten Partner Favres, sowie Mark Helias am Kontrabass, einem Musiker, mit dem Favre in den letzten Jahren nach eigener Aussage wann immer möglich spielte.

Die drei legten sofort los, konzentriert und äusserst wach, mit einer grossen Palette und einem grossen Reichtum. Der Vergleich zum zögerlichen Schweizer/Baron-Set drängte sich auf, doch hier waren drei am Werk, die mit sich und der Situation, in die sie da geworfen waren, völlig im Reinen waren. Favre hatte zwei Basstrommeln und kein Hi-Hat dabei, einen "Baum" mit vier (kleineren) Becken, einen Gong, eine kleine Djembe, anstelle des einen Doppel-Toms über der kleinen der beiden Basstrommeln, und verschiedene grosse Becken, daneben die üblichen zwei, drei Toms (ein Stehtom) und eine Snare, das alles bearbeitete er mit einer Vielzahl verschiedener Sticks und es war wirklich sehr faszinierend, ihm von der Seite her zuzuschauen.

Surman stand auf der anderen Seite der Bühne, beeindruckte mit einem unglaublich weichen und vollen Ton am Sopransax aber auch mit guter Bassklarinette. Helias stand in der hinteren Mitte der Bühne, er war nicht ruhender Pol oder sowas, gar nicht, die drei brauchten kein Sicherheitsnetz, sie gaben sich ihre Ordnung selbst, veränderten sie aber konstant. So ganz wurde ich aber bei Surman den Eindruck einer gewissen Gemütlichkeit (nicht: Gemütsruhe, die war wohl auch da, zumindest schien es so, doch an der würde ich nicht kritteln wollen) nicht ganz los. Favre, der älteste der drei, war wohl auch der wachste, der aufmerksamste, und letztlich der aktivste, zupackendste, neugierigste und drängendste.