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Intakt Records in London – Vortex Jazz Club, 16.-21. April, 2017



: : So 16.4. : :

In Dalston in Londons Norden liegen die beiden besten Jazzclubs der Stadt für all jene, die nicht auf Mainstream stehen. Das Café Oto liegt in einer kleinen Seitenstrasse direkt hinter der Kreuzung der Dalston Lane und der Kingsland High Street, die über knapp fünf Kilometer – sie heisst der Reihe nach Shoreditch High St, Bishopsgate, Gracechurch St und zuletzt dann King William St – in fast gerader Linie zur London Bridge runter führt. Wie ein Teil der Musiker kam ich im unpersönlichen Premier Inn an der Dalston Lane, nahe der erwähnten Kreuzung unter. Etwas weiter östlich an der Dalston Lane liegt das Avo Hotel, das wohl familiärer gewesen wäre, aber als ich über die kleinen Zimmer las und mit Berücksichtigung der ebenfalls etwas höheren Preise … am Sonntagnachmittag zog ich nach etwas abenteuerlicher Anreise mit dem Bus (der Overground-Zug vom Zentrum nach Dalston fuhr über Ostern nicht – die Station Dalston Junction Station liegt praktisch gegenüber des Premier Inn direkt an der Kreuzung) erstmal ein wenig durch das Viertel, das mitten im Umschwung ist, den die Olympiade dem Londoner Norden, Hackney (wozu Dalston gehört) gebracht hat: viele neue Gebäude, auch der Overground-Anschluss wurde erst im Rahmen von Olympia (wieder) erstellt. Daneben aber auch die übliche Mischung aus Ramschläden (Handy-Zubehör, Nägel, Haare, 1£-Shops), einem Markt und vielen türkischen Restaurants. An einer Razzia mit abgesperrter Strasse und sechs oder sieben Polizeifahrzeugen kam ich auch vorbei – und einen Tag später gab es die News, dass in einem Nachtlokal in Dalston auch noch ein Säureangriff stattfand, der wie es scheint eine junge Frau ein Auge gekostet hat. Das Vortex liegt auf der anderen Seite der Kingsland High am Gillett Square, der fest in der Hand einiger junger Skater ist, auf dem sich aber auch Randständige aufhalten. Es gibt ein öffentliches und offenes Urinal auf dem Platz, viel Müll, ein paar Buden, nebenan einen Parkplatz, rundherum vermutlich Sozialwohnungen … und am Ende des Platzes das Dalston Culture House, in dem sich das Vortex nach dem Herzug aus Stoke Newington im Herbst 2004 eingerichtet hat.

Am letzten Abend hatte ich die Gelegenheit, etwas mit Oliver Weindling zu reden, dem Mann, der schon seit einigen Jahren das Vortex leitet. Er meinte, die derzeit sich vollziehende Aufwertung von Dalston führe zu einer Art Aufspaltung in zwei Welten, denn die vielen Menschen, die in Sozialwohnungen leben, sind nach wie vor dort, haben aber keinen Zugang zu der sich herausbildenden „besseren“ Welt u.a. mit teuren Restaurants. Von diesen sah ich allerdings keines, da müsste man wohl von der erwähnten zentralen Kreuzung etwas weiter weg … mag sein, dass die zahlreichen Nachtclubs, die am Freitag überall geöffnet waren, teuer sind, das hindert die Partygänger_innen aber keinesfalls dabei, überall hinzupinkeln und auf die Strasse zu kotzen – aber sowas nennt man wohl aus der gemütlichen Warte derjenigen, die die Gentrifizierung mitantreiben und zugleich bejammern, „lebendig“ und „spannend“ – ist es ja auch, aber wenn ein höchstens siebzehnjähriges Mädchen in Business-Kleidung um zwei Uhr morgens ganz alleine dahergetorkelt kommt, den drei Meter breiten Gehsteig fast gänzlich ausnutzend, ist das eben auch verdammt traurig. Der Gillett Square, ist als in den Neunzigern geplanter neuer Platz mit dem Fremdkörper Vortex, das wohl kaum einer aus der unmittelbaren Umgebung besucht, ein Beispiel für diese durchaus fragwürdige Entwicklung.

Intakt Records in London – Night 1

Los ging es am ersten Abend schon um 19 Uhr. Vier mal Barry Guy stand auf dem Programm, nachdem der ursprüngliche Plan einer Reunion des London Jazz Composers Orchestra aus finanziellen Gründen nicht umsetzbar war. Den Auftakt machte das Duo Maya Homburger–Barry Guy (****1/2) und legten gleich mal die Messlatte sehr, sehr hoch. Ein dichtes, konzentriertes Set spielten die beiden, es gab Biber (die Verkündigung und später die Kreuzigung aus den Mysteriensonaten, an denen ich derzeit sowieso einen Narren gefressen habe), aber auch Stücke von Barry Guy vom gemeinsamen ECM-Album „Ceremony“. Für ein dort zu hörendes Stück für Violine Solo stiess dann auch Lucas Niggli am Schlagzeug dazu und improvisierte völlig frei, während Guy zunächst aussetzte und sich erst gegen Ende auch dazugesellte – dabei war mir nicht klar, ob das eine angehängte Improvisation war oder ob Guy einfach seine Stimme zum Stück dazu improvisierte (wohl letzteres, denn Homburger scheint nicht im Sinne einer Jazzmusikerin zu improvisieren, wenn ich mich nicht irre). Eine Suite für Violine und Bass (ich glaube auch auf „Ceremony“ zu hören) wurde dann durch Niggli ergänzt. Dann gab es auch noch ein Guy/Niggli-Duo, weil Homburger ihre Barockvioline für die zehnte Sonate Bibers (eben die Kreuzigung) umstimmen musste. Riesiger Applaus am Schluss, und schon da war klar, dass in diesem Club eine tolle Stimmung herrscht, erst recht, wenn er so vollgepackt ist wie an diesem Abend.

Weiter ging es dann mit dem Howard Riley Trio (****) mit Howard Riley (p), Barry Guy (b), Lucas Niggli (d). Riley wirkte sehr gebrechlich, kam gebückt und am Stock auf die Bühne – ich erfuhr später, dass er an Parkinson leidet. Vermutlich das erste und auch letzte Mal, dass ich ihn live hören konnte. Ein Jammer, denn als er erst einmal am Klavier sass, spielte er zwar mit einer durscheinenden Zartheit und wenig Attacke, aber das kurze Set war wiederum grosse Klasse. Lucas Niggli erwies sich jedenfalls als würdiger Nachfolger in den grosse Fussstapfen, die er zu füllen hatte (Jon Hiseman, Alan Jackson, Tony Oxley), und die verschiedenen NoBusiness-Releases von Riley (alle solo) sind mir im Wissen um die Endlichkeit seines (Musiker-)Lebens gerade noch lieber geworden. Es gab im Set des Trios ziemlich viele freie Grooves und auch ein erstes Mal Monk, aber in einer einzigartigen, verschütteten Weise, von der sich Alexander von Schlippenbach wohl etwas abschauen könnte (natürlich muss er das nicht tun, er hat seinen eigenen Umgang mit Monk, der ist völlig in Ordnung, aber halt einfach sehr viel salopper und weniger spannend). Jedenfalls eine halbe Stunde, die mir in Erinnerung bleiben wird.

Es gab danach eine kurze Pause, der Club war längst zur Sauna geworden, lauwarmes Ale half da auch nicht weiter. Doch danach folgte das erste ganz grosse Highlight des Festivals: Evan Parker–Barry Guy (*****) – Evan Parker (ts), Barry Guy (b). Das Duo spielte ein grossartiges Set, Parker beschränkte sich auf das Tenor und sein wundervoller Ton kam im transparenten Line-Up noch toller zur Geltung als sonst. Das Set war erneut kurz, aber voller Energie, wirklich umwerfend.

Den Abschluss folgte dann mit Jürg Wickihalder Trio Beyond (****). Jürg Wickihalder (as, ss), Barry Guy (b), Lucas Niggli (d) – Wickihalder war vor ein paar Jahren mit dem New Orchestra sehr kurzfristig eingesprungen, als Trevor Watts ausfiel (die komischen Stories über Egos und zu kleine Schrift des Namens scheinen Blödsinn zu sein, aber ich habe nicht nachgebohrt; zu unwichtig). Wickihalder erzählte mir später, dass es Niggli war, der ihn damals bei Guy empfohlen hätte, und dass er in dem Rahmen zum ersten Mal überhaupt Altsax gespielt hätte, sich rasch ein Leihinstrument besorgen musste – was man aber wirklich nicht merkte, er beeindruckte mich schwer, irgendwo habe ich darüber auch ein paar Zeilen geschrieben (auf Organissimo wohl). Also: an sich ist Wickihalder ein Lacy-Mann, ein Sopransaxer mit tollem, rundem Ton (warum sind die beiden einzigen echten Lacy-Schüler – Wickihalder und Christoph Gallio – ausgerechnet aus der Schweiz? Ist das die Liebe zum Kleinen, zur kleinen Form? Robert Walser und seine Prosastückli?). Los ging es denn am Sopran, später griff Wickihalder zum Alt, spielte dann auch beide Instrumente simultan, um wieder auf dem Sopran zu schliessen. Auch dieses vierte Set war toll, eine sehr runde Sache mit viel Melodien aber auch ordentlichen Attacken. Manchmal kam mir das ein wenig wie ein westmitteleuropäischer Garbarek vor, also mit anderen melodischen Ausprägungen, einer etwas anderen Rhythmik, aber einem ähnlichen Atem (und ohne Eicher’sches Sedativum, will sagen Niggli pflegt eine breite Palette an Klängen und langt auch gerne ordentlich zu). Wobei eben die weiten Bögen – da spielt dann Lacy rein – immer wieder zerbrochen wurden durch zerklüftete, rasche Passagen, die durchaus auch zum Bebop zurückreichen (was bei Lacy ja auch der Fall ist). Es gab auch hier – wie beim Trio mit Riley – wieder diese faszinierende Verbindung aus Grooves und Freiheit.
Im Anschluss landete ich mit Guy und Homburger (die aber am anderen Ende des Tisches sassen), Niggli, Wicklihalder und meinem lieben Freund Florian Keller, der seit etwas über einem Jahr bei Intakt arbeitet, bei einem Türken etwas weiter die Kingsland High hoch. Schon zwischen den Konzerten hatte ich ein paar Male Nachrichten konsultiert, und der Chef des Ladens meinte später auch zu den Jungs am Tisch hinter uns: „My name is Erdogan!“ und grinste sein impertinentes Grinsen. Übel. 

: : Mo 17.4. : :

Für den nächsten Tag – der Overground fuhr noch immer nicht, aber die dreiviertelstündige Fahrt im Bus von oder nach Dalston wiederholte ich auch später noch einige Male über verschiedene Routen, das war viel spannender als zehn Minuten in den Zug zu sitzen – hatte ich eine Karte für die St Paul’s Cathedral. Es ging also mit Bus 242 die Kingsland High runter, in gerader Linie auf das Geschäftszentrum in City zu und dann via Bank direkt hinter die Kathedrale mit ihrer eindrücklichen Kuppel, die man dann auch besteigen kann. Die Sicht auf die Stadt war klar, obwohl der Himmel bedeckt war (der einzige Regen war gestern beim Einsteigen ins Flugzeug, 50 Meter im Nieselregen – sieben Tage London ohne einen Tropfen!). Danach gab ich mir die volle Sonntagsdröhnung und spazierte über die Millenium Bridge und danach der Themse entlang runter bis zur Westminster Bridge, was an einem solchen arbeitsfreien Tag neben Horden von Touristen auch tausende Londoner zu tun scheinen. Über die Westminster Bridge ging es danach am Parlament und der Westminster Abbey vorbei weiter zur Westminster Cathedral, in die ich kurz hineinging, als gerade eine Messe zu Ende ging, danach ging es weiter zum Buckingham Palace und – an Sonntagen ist da autofrei – durch den Green Park und weiter an Harrods vorbei (die meisten grossen Läden haben auch an Sonntagen und erst recht an solchen Bank Holidays geöffnet) zum Victoria & Albert Museum, in dem ich ein paar Stunden verbrachte, fasziniert von der unendlichen Vielfalt an Kunsthandwerk aller Arten: Möbel, Kleider, Skulptur, Objekte aller Art, bis hin zur Schmiedekunst – vieles natürlich aus den ehemaligen Kolonien zusammengeraubt und auch teils nach geographischen Kriterien präsentiert. Alles anzusehen würde wohl eine Woche beanspruchen, in Wechselausstellungen (zu denen der Eintritt bis zu 20£ kostet) bin ich grundsätzlich nicht, da ich alle besuchten Museen noch überhaupt nicht kannte (nur die Tate Modern, die ich dann leider aus Zeitgründen wegliess, kannte ich bereits von meinem letzten Besuch in London vor ca. 15 Jahren). Der Eintritt in die Sammlungen ist aber bei den staatlichen Museen generell kostenlos, d.h. da schlendern viele Leute auch einfach etwas umher, setzen sich in die teils sehr tollen Höfe und Cafés (der überdachte Innenhof von Jean Nouvel im British Museum ist wirklich toll), die Museen sind daher oft gut gefüllt, aber als wirklich stressig empfand ich es nur ab und zu bei den Highlights, die in den erhältlichen Broschüren und Plänen erwähnt werden (ganz zu recht, denn wie soll man sich sonst in solchen Parallelwelten, die man noch gar nicht kennt, überhaupt orientieren … und für diese Pläne wird man dann auch zu einer kleinen Spende aufgefordert bzw. muss sie kaufen).

Intakt Records in London – Night 2

Am Abend ging es wieder ins Vortex – und Schlangestehen war auch nicht mehr nötig, denn wie sich herausstellte, gab es stets Zettelchen mit den Namen auf den kleinen runden Tischen und man wurde beim Eingang angewiesen, wo man plaziert war. Den Auftakt des zweiten Abends machte nach Howard Riley der andere Veteran des englischen Jazz, den ich noch nie live gesehen hatte, Trevor Watts, im Duo mit einem altbekannten Trommler aus Zürich: Trevor Watts–Dieter Ulrich (****). Watts spielte Alt- und Sopransax, Ulrich wie üblich ein recht kleines Kit ohne viel Zierrat (anders als z.B. Niggli, der in der Tradition von Pierre Favre steht und jeweils ein eigenwilliges Kit aufbaut, das u.a. mit einer Art Christbaum von sich verkleinernden Becken ausgestattet ist und mit allerlei Dingen – Kabelrohren aus Gummi, Becken auf der Snare, Glocken – traktiert bzw. ergänzt wird). Ulrich erzählte später, wie seine Wiederbegegnung mit Watts nach sehr vielen Jahren verlief und wie seine Bedenken rasch verflogen waren, als die beiden am Nachmittag zusammen im Pub sassen. Das Set gelang wirklich, es war einmal mehr relativ kurz (die meisten Sets dauerten wohl so um die 40 Minuten), völlig frei improvisiert und zugleich dicht aber auch entspannt. Ulrich spielte oft recht karg und manchmal sehr leise, Watts sponn daneben lange Linien auf seinen Saxophonen. In einer kurzen Zugabe griff Ulrich dann auch noch zu seiner Signaltrompete (ein seltsames Ding mit nur einem Ventil – ich hätte ihn danach fragen sollen, wo ich schon die Gelegenheit hatte). Am nächsten Abend hörte ich draussen in der Pause, wie zwei Engländer sich über das Set unterhielten. Der eine war am Konzert, der andere erkundigte sich danach, und ersterer meinte sinngemäss, Ulrich (den er offensichtlich gar nicht kannte, der Laden war wohl wegen Watts auch am zweiten Abend brechend voll) habe manchmal etwas servil gespielt. Doch das ist nicht der Punkt, denn gerade in der oft gar zu atemlosen freien Improvisation (in der die Engländer ja ganz weit vorn mit dabei sind, man denke an Bailey, Parker, Watts, Oxley, Guy, Riley, Stevens, Rutherford etc.) ist es doch von Vorteil, wenn man auch mit Texturen, mit Verdichtung und Entspannung, mit Stille und Pausen umgehen kann, nicht jeden Augenblick auf der Zeitachse mit einem Geräusch oder einen Aktion füllen muss. Am Abend darauf landete ich mit Noisy Minority und Percy Pursglove bei einem anderen – dem angeblich besten der ganzen Gegend, aber das war ziemlich identisch mit dem impertinenten Erdogan – Türken und meinte in einem langen Gespräch, in dem Ulrich bereitwillig erzählte von seinen prägenden Erlebnissen, Begegnungen mit Lee Konitz und Don Friedman, von Vorbildern, Miles Davis-Platten usw., dass ich ihn im besten Sinn für einen „old school“-Drummer halte – und er schien das in der Tat, was natürlich meiner Absicht entsprach, als Kompliment aufzunehmen.

Das zweite Set des zweiten Abends, war der „ringer“, eine World-Music-Band, wie sie im Vortex wohl zuvor noch gar nie auf dem Programm stand. Von Seiten der Intakt-Leute war durchaus eine gewisse Nervosität zu spüren: wie würden das Publikum reagieren? Doch die Bedenken waren völlig überflüssig, denn das Trio Aly Keïta–Jan Galega Brönnimann–Lucas Niggli (*****) legte ein fulminantes Set hin und gerade Aly Keïta sprühte vor Charme – völlig entwaffnend. Die Lautstärke und die fortgeschrittene Stunde (halb 11, hallo?) führten aber wohl dazu, dass doch einige Leute den Club verliessen, was sich leider über die kommenden Nächte hinzog. Um Mitternacht ist wohl mit der Underground und auf vielen Buslinien Schluss, und wenn man auf die andere Seite der Stadt muss, dauert das auch gerne eine Stunde oder länger. Aber zur Musik: Aly Keïta (balafon), Jan Galega Brönnimann (bcl, contra bcl, ss, perc), Lucas Niggli (d) – Keïta spielt ein von seiner Familie hergestelltes spezielles Balafon, eigentlich ein doppeltes mit zwei um einen Halbton verschobenen diatonischen „Klaviaturen“, die chromatische Läufe und das Spiel von Akkorden erlauben (Aly spielte manchmal mit zwei, manchmal mit drei oder vier Schlägeln). Zudem sind die Klangstäbe bei den Keïta-Instrumenten (hergestellt von seiner Familie in Mali) nicht fest auf die Kalebassen montiert sondern schwingen über ihnen – quasi eine Luxus-Variante des Balafons. Natürlich ist das Ergebnis – zwei um einen Halbton versetzte diatonische Skalen – nicht wohltemperiert, das heisst es gibt immer wieder Reibungen, kleinen Unreinheiten, die den Sound umso spannender machen. Niggli fing an diesem zweiten Abend Feuer und trommelte wie ein Besessener, während Brönnimann, der in der Mitte stand und ein paar Fusspedale vor sich hatte, manchmal im Klanggebräu etwas unterging bzw. eher gefühlt als gehört werden konnte. An der Bassklarinette und manchmal der Kontrabassklarinette spielte er oft repetitive Basslicks, spielte mit leichter Verzerrung und Oktavierung verquere, verschrobene Riffs, brach aber auch immer wieder zu ekstatischen Solo-Flügen auf. Am Ende des wohl längsten aller Sets der sechs Abende, die ich dabei war, griff er auch noch zum Sopransaxophon. Wahnsinnig toll! Das Set dauerte wohl etwa eine Stunde und war damit das längste der sechs Abende – doch es hätte die ganze Nacht weitergehen können!

Eine Fussnote: sowohl dieses Trio mit Keïta (der in München lebt), Brönnimann und Niggli wie auch jenes mit Wickihalder, Guy und Niggli hörte ich tatsächlich in London zum ersten Mal – ich schäme mich dafür, denn beide Trios hätte ich schon öfter in Zürich oder in der näheren Umgebung hören können. Den Ausklang des Abends gab es danach in der Lobby des Hotels den vier Schweizern des Abends (Watts kam nicht mehr zurück, er wollte nur rasch sein Saxophon in sein Zimmer bringen, das er in einem Hotel ein paar Schritte die Strasse herunter hat), dabei erfuhr ich auch die Details über Alys Instrument, teils von ihm selbst, teils von Niggli. Irgendwann nach zwei Uhr verzog ich mich dann aber, denn für den nächsten Tag hatte ich ein Ticket für die Westminster Abbey und wollte bei der Öffnung um zehn dort sein.

: : Di 18.4. : :

Am nächsten Tag traf ich beim Frühstück nochmal kurz Aly Keïta. Danach ging es in die Westminster Abbey, wo ich natürlich viel zu lange brav in der Schlange stand, weil nicht angeschrieben war, dass man mit Ticket gleich rein konnte und ich keine Begleitung hatte, die schon mal vorsondieren bzw. den Platz in der Schlange halten konnte … Eindrückliche Sache, völlig überladen und unglaublich voll mit Grabstätten, Gedenkplatten usw. Da fliesst galertartig ein Pulk von Tausenden von Touristen durch, man wird schon mal angerempelt und der Lärmpegel ist der eines Hauptbahnhofes zur Rush Hour – doch immerhin wird zu jeder vollen Stunde – über Lautsprecher angekündigt – ein einminütiges Gebet durchgeführt, bei dem an still zu sein und sich nicht zu bewegen hat. Nach all den Schreinen, dem tollen Chorbereich mitten in der Kirche und dem Poet’s Corner, wo sie wirklich alle versammelt sind (für jene, die nicht dort liegen, gibt es einmal mehr Gedenksteine), von Shakespeare über die Brontës bis zu Ted Hughes, geht es raus in den einstigen Klostergarten (das Chorgestühl war einst auch den Mönchen vorbehalten). Und erst von dort kommt man ins achteckige Chapter House, wohl das tollste, was es in der Westminster Abbey zu sehen gibt, aber das weiss zum Glück keiner von den Touristen, denn da steht man plötzlich ganz alleine und ist doch nur zwanzig oder dreissig Schritte vom Pulk entfernt – irr. Vom Hof kann man dann noch eine Reihe von Gärten besichtigen, inklusive des grossen College Garden – und auch dort hat man natürlich seine Ruhe. (Der Spass kostet aber – wie auch die St Paul’s Cathedral – um die 20£, wenn man die Karten erst vor Ort kauft, noch etwas mehr.)

Von da aus spazierte ich weiter zur Tate Britain, deren Sammlung in erster Linie der britischen Malerei gewidmet ist. Die Sonderausstellung mit Werken von Hockney liess ich einmal mehr weg, aber der Rundgang, der vom mittleren sechzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart ging, war leidlich interessant (manches natürlich hervorragend, aber mit Ausnahmen stehe ich nicht besonders auf die britische Malerei … die William Turner gewidmeten Räume musste ich aber natürlich sehen, der Hauptgrund für den Besuch. Auch gab es im entsprechenden Seitenflügel des erneut sehr grossen Museums je einen den Pre-Raphelites und William Blake gewidmeten Raum. Und Zürich ist selbstverständlich auch vertreten, denn eine grossangelegte Schau der britischen Malerei kommt natürlich nicht aus ohne Henry Fuseli (aka Johann Heinrich Füssli). Die Räume mit Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts sind überdies definitiv auch einen Besuch wert, obgleich man in der Tate Modern davon natürlich sehr viel mehr zu sehen kriegt. Sehr gut gefiel mir auch die kleine Photoausstellung Stan Firm inna Inglan: Black Diaspora in London 1960-70s mit Bildern von acht Photographen, die das Leben von Zuwandern aus der Karibik und aus Westafrika dokumentieren. Auch die Ausstellung über Queer British Art besuchte ich leider nicht (ich machte so schon fast schlapp), aber mir fiel in allen Museen auf, dass sie jeweils einige Werke in der Sammlung liessen, die zu den aktuellen Wechselausstellungen „gehören“, und zur Queer-Ausstellung gibt es sogar einen Broschüre, auf der man während des Rundgangs in verschiedenen Räumen ein paar Werke gezielt anpeilen kann.
Im Anschluss ging es wieder zum Westminster, ich kriegte dann auch mit weshalb schon den ganzen Vormittag ein Helikopter über dem Viertel kreiste, denn Teresa May hatte gerade ihre Neuwahl angekündigt, mit der sie wohl eine ähnliche Machtfülle zu acquirieren hofft, wie der kleine Mann mit den vielen Schafen am Bosporus es gerade geschafft hat (zumindest behauptet er das, die Spaltung des Landes ist ja ein kleiner Preis). Ich betrat dann noch die sehenswerte St Margaret’s Cathedral direkt neben der Westminster Abbey, zog an der Gedenkstelle für den Anschlag vorbei weiter zum Trafalgar Square und warf einen Blick in St Martin in the Fields, ass irgendwo in Soho üble Fish & Chips, bevor ich in ein paar Buchläden am Charing Cross ging (u.a. natürlich Foyles), aber im grossen Stil einkaufen ging nicht, da ich ja nur mit Handgepäck unterwegs war – Fliegen ist auch so noch viel zu mühsam.

Intakt Records in London – Night 3

Am Abend standen dann Irène Schweizer–Louis Moholo-Moholo (***) auf dem Programm, zunächst im Duo und im zweiten Set mit Omri Ziegele Where’s Africa (***1/2), zu dritt mit Omri Ziegele am Altsaxophon. Der Abend, auf den ich mich wegen Moholo sehr freute, entpuppte sich leider als der schwächste der sechs – wobei ich das mit etwas mehr kritischer Distanz wohl hätte ahnen können. Schweizer und Moholo sind beide schon sehr lange unterwegs, sie kennen sich auch schon lange, haben aber über die Jahre wohl nicht allzu regelmässig zusammen gespielt und sind beide auf je eigene Art relativ schwierig, dünkt mich. Sprich: Schweizer macht ihr Ding. Moholo macht sein Ding. Schweizer ist nach wie vor eine tolle Solopianistin, daran hege ich keinerlei Zweifel, aber im Zusammenspiel klappt es nicht immer gleichermassen gut. Ihre Duo-CD, live vom Jazzfestival Zürich 1986 gehört zu den Aufnahmen, die ich während des Schreibens wiederhöre und sie ist klasse, keine Frage! Aber eben: Schweizer ist längst eine Art Solitär, eine Solistin geworden, mich überzeugte neulich auch das Duo mit Joey Baron nicht wirklich (ich bin auf die für später im Jahr geplante CD gespannt, kann ja gut sein, dass das Konzert auf CD besser funktioniert – wären die Intakt-Leute und Schweizer nicht überzeugt, würden sie das wohl kaum herausbringen). Schweizer tendierte jedenfalls im Duo-Set für meinen Geschmack etwas zu oft dazu, in kantige, an Monk orientierte Grooves zu fallen. Moholo machte daneben – halbwegs autistisch – sein Ding, trommelte wie üblich um den Beat herum und erzeugte dabei einen irrsinnigen Groove, wie es eben nur Moholo kann. Dabei starrte er aber etwas missgelaunt ins Leere und wenn Schweizer ihn aufforderte, das nächste Stück – es wurde frei improvisiert – zu starten, gab er nur zurück, sie solle anfangen. Einmal gab es dann tatsächlich auch noch den kindischen „du – nein du – nein du“-Dialog. Aber gut, in der Mitte hob das Set für eine Viertelstunde oder so tatsächlich ab, aber einen guten Schlusspunkt fanden die beiden dann wiederum nicht.

Omri Ziegele war wahrlich nicht zu beneiden, denn die Spannungen zwischen Schweizer und Moholo waren buchstäblich zu greifen. In diesem Gravitationsfeld hätte Ziegele leicht sein Gesicht verlieren können – das war denn auch seine Angst nach dem schon spannungsgeladenen Soundcheck, wie er mir am nächsten Tag beim Frühstück erzählte. Seine Strategie: hinstehen, spielen, sein Ding durchziehen. Und das tat er souverän und mit grosser Überzeugung und einigem Feuer. Gespielt wurden die alten südafrikanischen Tunes von den Blue Notes, der Brotherhood of Breath etc. Und dass Schweizer diesen lockeren und saftigen Groove im Griff hat, wurde auch einmal mehr klar. Moholo machte daneben aber weiterhin sein Ding, ohne sich gross auf die Tunes und die Grooves einzulassen, was durchaus schade war. Als das Publikum – es applaudierte stark, schien sich an den Spannungen nicht gross zu stören – eine Zugabe einforderte, warf Moholo den anderen ein schroffes „let’s play something … together“ an den Kopf, bevor es ein letztes Mal losging.

: : Mi 19.4. : :

Am nächsten Morgen traf ich Omri Ziegele beim Frühstück und unterhielt mich mit ihm über den Vorabend, über seine langjährige Zusammenarbeit mit Schweizer usw. Ich darf an diese Stelle wohl erwähnen, dass ich einige Zeit brauchte, um mich mit ihm, mit seiner Musik anzufreunden, aber seine Performance am Vorabend nötigt mir wirklich grössten Respekt ab.

Ich machte mich dann nach dem gemütlichen und langen Frühstück (am Vorabend mochte niemand mehr zum Essen mitkommen, also bediente ich mich – ebenso wie Omri – ausgiebig beim englischen Frühstücksbuffet mit seinen ganzen kulinarischen Hässlichkeiten) später als geplant auf den Weg in die Stadt. Zuerst ging es in die British Library, in der eine kleine aber sehr feine Schau mit Handschriften und besonders wertvollen Büchern zu sehen ist, Manuskripte von Tallis oder Bach werden ausgestellt, die Magna Charta, Beatles-Memorabilia, da Vinci, eine ganze Reihe religiöser Werke aus der halben Welt … obendrein gibt es aktuell eine Ecke, die der Handschriftensammlung Stefan Zweigs gewidmet ist, dabei nicht nur eine Partitur einer Oper von Richard Strauss sondern auch Manuskripte von Mozart „Veilchen“ (das Lied spielt eine Hauptrolle in Jessica Hausners Kleist-Film) und Schuberts „An die Musik“ – Zweig betrachtete diese beiden Lieder als eng miteinander verbunden und als Krönung des Liedschaffens überhaupt.
Ein Spaziergang durch Saint Pancras – auch ein im Eiltempo gentrifiziert werdendes Viertel – führte mich dann zum British Museum, das noch um ein Vielfaches irrer ist als das V&A. Mehr als zwei Stunden schaffte ich nicht und habe dabei nur einen kleinen Bruchteil gesehen, stand natürlich vor dem Parthenon-Fries und ging durch den „Enlightenment“-Room, für den alleine man einen ganzen Tag einplanen könnte. Um dieses Museum zu erfassen, müsste man wohl ein Jahr in London verbringen und sich jeden Nachmittag einen einzigen Raum vornehmen können (es gibt „nur“ 95, aber teils sind sie so gross wie eine oder auch drei Schwimmhallen). Ich musste da wieder raus, bevor mein Kopf explodierte. Unterirdisch ging es nach Camden Town, ins kleine Jewish Museum, wo ich durch die Dauerausstellung schlenderte und mir die kleine, von ihrem Bruder kommentierte Amy Winehouse-Ausstellung anschaute. Danach ging es noch einmal nach Soho, wo ich bei Soul Jazz Records den grössten Einkauf dieses Urlaubs tätigte (5 CDs vom hauseigenen Label). Danach mit Bus 38 (schon zum zweiten Mal) zurück nach Dalston, „Back to Black“ in den Ohren.

Intakt Records in London – Night 4

Den Auftakt des vierten Abends im Vortex machte einmal mehr Irène Schweizer in einem Duo: Irène Schweizer–Maggie Nicols (****1/2). Wie oft bei Vokalistinnen wie Nicols war ich zunächst etwas skeptisch, doch ich war schnell überzeugt von ihrer völlig authentischen Art. Und Schweizer war obendrein das pure Gegenteil vom Vorabend: sie liess sich auf Nicols ein, ein echter Dialog entstand, der immer wieder in ungeahnte Richtungen ausscherte und auch Raum für Humor liess. Das ganze fühlte sich über weite Strecken ziemlich intim an und war wirklich gut.

Das zweite Set speilte Omri Ziegele Noisy Minority (****1/2), die langjährige Working Band bestehend aus Omri Ziegele (as, voc), Jan Schlegel (elb), Dieter Ulrich (d), zu denen als Gast der Trompete Percy Pursglove stiess. Ich kam erst später, als ich mit den vieren beim erwähnten „besten“ Türken sass drauf, dass ich Pursglove ja schon kannte: er spielt in der Blue Shroud Band von Barry Guy, die ich bei ihren beiden Konzerten in Zürich hörte und beide Male schwer beeindruckt war – auch vom phantastischen Solo, das Pursglove in diesem Programm hat. Mit Noisy Minority betätigt sich Ziegele stets auch als Wortkünstler (bzw. nervt, je nach Standpunkt, mit peinlichen hingerotzten – oft frei improvisierten – Texten). Das stand früher meinem Genuss von Ziegeles Musik einigermassen im Weg, aber ich habe mich damit schon seit einiger Zeit ausgesöhnt und fand das auch an diesem Abend recht passend. Jan Schlegel am E-Bass und Dieter Ulrich am Schlagzeug spielten sich rasch in eine „Zone“, aus der sie bis zum Schluss nicht mehr herauskamen, da flogen die Ideen und Grooves nur so hin und her, während Ziegele und Pursglove die überaus ansprechenden Themen präsentierten, die irgendwo zwischen Bebop, Monk, Funk und vor allem der Ornette-Tradition changierten. Hektische Linien mit überraschenden Wendungen, die aber völlig überzeugend daherkamen und zur Strukturierung eines sehr tollen Sets dienten – das dann aber beim Publikum überraschenderweise nicht ganz so richtig rüberkam, obwohl es wirklich toll war. Das mag daran gelegen haben, dass weite Teile des Publikums wohl wegen der Engländer in den Club kamen: Barry Guy und Howard Riley am Sonntag, Trevor Watts am Montag, Moholo (der ja lange in London gelebt hat) am Dienstag und Maggie Nicols am Mittwoch.

Mit Ulrich sprach ich auch – zwei Tage vorher glaube ich, er hatte mit Pursglove und Schlegel dazwischen einen Gig in Birmingham – auch über das Konzert, das ich letztes Jahr mit Oliver Lake, William Parker und ihm gehört habe, und dass es mich nicht völlig überzeugt hätte bzw. im Verlauf besser geworden sei. Er meinte, so sei die ganze Tour verlaufen, also immer besser geworden – und die angekündigte CD auf Intakt sei vom Ende der Tour und werde ziemlich toll – bin gespannt!

: : Do 20.4. : :

Am nächsten Morgen liess ich es nach dem monströsen Vortag etwas geruhsamer angehen. Um 11:30 hatte ich mich auf einen Kaffee in 30 St Mary Axe (aka The Gherkin) mit einem Kollegen verabredet, und genoss von fast zuoberst erneut einen tollen Blick auf die Stadt, diesmal mit einigen willkommenen Erläuterungen. Auf dem Weg dahin spazierte ich noch über die Tower Bridge und durch den Teil der Southwark, in der The Shard steht, ging auch kurz in die ziemlich eindrückliche Southwark Cathedral rein. Danach ging es weiter ins Imperial War Museum am nördlichen Ende von Lambeth. Am ausführlichsten schaute ich mir den Teil über den Ersten Weltkrieg an, mit dem die Schau einsetzt (ich hatte mich nicht informiert und war etwas enttäuscht, dass es zur eigentlichen „imperial“ Epoche der britischen Geschichte gar nichts gab bzw. diese nur am Rande – eben in der ausführlichen Dokumentation über den Ersten Weltkrieg – hineinspielt). Aber fraglos auch dies ein tolles Museum. Danach ging es rüber zum Piccadilly Circus, durch Teile von Soho, Mayfair und Marylebone (und unterwegs auch kurz in den hmv an der Oxford Street).

Intakt Records in London – Night 5

Beim fünften Abend war ich mir über meine Erwartungen nicht im Klaren, da war irgendwie alles möglich. Den Auftakt machte Schlippenbach Plays Monk (****1/2), so zumal die Ankündigung. Doch Alexander von Schlippenbach beschränkte sich nicht auf Monk, fing etwas mäandernd an, suchend, zog dann einen Zettel aus der Gesässtasche, wohl mit ein paar Notizen zur möglichen Setlist. Nach einer Viertelstunde war das Konzert in Gang und es geriet ganz phantastisch. Schlippenbach verdichtete die Musik immer mehr, fiel dann in nahezu sangliche Linien (und er sang bzw. summte und brummte überhaupt permanent mit), fiel in verschiedene Monk-Themen, die er quasi an- und ausknipsen, ein Fragment vom einen Stück an einen Auszug aus dem nächsten hängen kann. Das war sehr gut gemacht, aber als Monk-Interpreten finde ich Schlippenbach dennoch nur halbwegs überzeugend. Eine Spur zu glatt gerät mir das oft, die Ecken und Kanten fehlen, rhythmisch scheint mir ebenfalls manches etwas zu wenig klar konturiert, auch wenn die Stücke harmonisch gesehen spannend bleiben und durch das freie Verfügen über das Material keine Langeweile aufkommt – den Schlippenbach verabschiedet sich mitten in der Phrase wieder von Monk und zieht weiter. Was mir dabei öfter durch Kopf ging war, dass sein lineares Spiel oft recht nah bei Lennie Tristano ist, bei dessen völlig gleichmässiger Phrasierung, dessen Weise, den Melodien nachzusteigen bzw. sie laufend neu zu erfinden (die Quelle von Lee Konitz und Warne Marsh) … und irgendwie führt ja bei Cecil Taylor eine halbverschüttete Linie weiter, die Brubeck aber eben auch Tristano enthält. Und in diese Linie, so kam es mir vor, reihte Schlippenbach sich an diesem Abend ein. Jedenfalls war das Pendel der Ungewissheit da schon ganz klar in die gute Richtung gekippt.

So ging es dann auch weiter, mit dritten Auftritt Ziegeles im Trio Omri Ziegele–John Edwards–Mark Sanders (*****). Das war nach Guy/Parker und Keïta/Brönnimann/Niggli für mich das nächste ganz grosse Highlight. Ein intensives Set von wohl 45 Minuten ohne Pause mit Omri Ziegele (as, wood fl, voc), John Edwards (b) und Mark Sanders (d). Ziegele hatte schon ein paar Tage davor erzählt, dass er Edwards und Sanders in Sibiu gehört habe, als sie nach den offiziellen Festivalkonzerten in einer Bar im Duo spielten und ihn dabei enorm beeindruckten. Damals setzte sich die Idee fest, dass er mit den beiden spielen wollte und in London war dies nun möglich. Das Set war eine Wucht! Im Gegensatz zum Konzert in Mulhouse, bei dem ich Edwards/Sanders hinter – buchstäblich, wie man hier auch an den Photos sehen kann! – Roscoe Mitchell hörte. Im kleinen Vortex und ohne einen bewunderten Helden vor der Nase gelang das Zusammenspiel noch deutlich lebendiger und Sanders Getrommel war schlichtweg „insane“, wie ich ihm nachher auch sagte.
Der Abend klang danach in der tristen Hotel-Lobby aus … auf dem Weg zurück begegneten wir Alexander von Schlippenbach, der auch noch etwas draussen unterwegs war und sich später zu auch noch zu uns gesellte, um ein Bier zu trinken.

: : Fr 21.4. : :

Der letzte Tag kam viel zu schnell – London ist nun gewiss keine Stadt, durch die ich besonders gerne stundenlang zu Fuss herumziehen möchte (und letzteres ist an sich das Kriterium für Städte, die ganz oben in die Liste kommen – von den grossen schafft das wohl nur Paris), aber es gibt doch unglaublich viel zu sehen und man bewegt sich mit der U-Bahn und den Bussen doch einigermassen effizient von einer Ecke in die nächste, das langsame explorieren beschränkt sich dann halt eher auf solche kleineren Ecken. Aber für Freitagmorgen stand für einmal kein Gang an sondern es ging direkt ins Museum – geplant war die National Gallery und dann später wollte ich noch hinüber zur Tate Modern – doch die National Gallery schlug mich völlig in den Bann, die Sammlung ist der reine Wahnsinn (ich verzichtete auch hier einigermassen schweren Herzens auf die Michelangelo/Sebastiano-Ausstellung) – das fängt an mit Piero della Francesca, Uccello, Jan Van Eyck (das Arnolfini-Portrait, und wenn man nur zwei Minuten Geduld hat, steht man auch davor ganz alleine), Leonardo, Rafael, Veronese, Bellini, Tizian, Holbein, Vermeer, Velázquez, Caravaggio, Van Dyck, Rubens, Rembrandt, Hals, Turner, bis hin zu Monet, Cézanne, Van Gogh, Sisley, Pissarro etc. Daneben gab es in einem etwas abgelegenen Raum, in dem man ebenfalls ganz allein sein konnte, ein Meisterwerk von Guido Cagnacci – mehr dazu hier. Das Buch, das die Frick Collection und die National Gallery gemeinsam über den mir davor völlig unbekannten Cagnacci publizierten, kaufte ich dann auch noch.
Nach über vier Stunden war ich halbwegs durch mit der Sammlung, zu manchen Bildern ging ich noch ein zweites mal. Danach war nicht mehr viel zu machen, für die Tate reichte die Zeit nicht und die Aufnahmefähigkeit war eh völlig erschöpft. Also ein letzter kurzer Gang durch Covent Garden und danach ein letztes Mal und wieder mit einer neuen Route mit dem Bus 243 zurück nach Dalston.

Intakt Records in London – Night 6

Mein letzter Abend im Vortex begann mit einer Band, auf die ich eigentlich keine Lust hatte – ohne sie zu kennen. So übel wie befürchtet war das dann allerdings nicht, aber wirklich begeistern konnten mich doch nur einzelne Momente. Kinsella–Marshall–Edwards–Buechi: Wood & Bones (***) nannte sich das Quartett, doch es handelte sich eindeutig um Sarah Buechis Projekt. Die zweite Sängerin Lauren Kinsella hatte einen Notenständer mit viel Papier vor sich, während Buechi das Material kannte. Ihre Performance schien mir eine Spur zu selbst=bewusst, eine Spur mehr Rampensau als nötig, während die feinere Simme von Lauren Kinsella daneben zweite Geige spielte und auch etwas leise im Mix war. Wenn die beiden zusammen sangen und dann auch noch vom Cello von Hannah Marshall und John Edwards‘ Bass begleitet wurden, ergaben sich allerdings immer wieder bezaubernde Passagen. Leider waren die Texte oftmals auf Poesiealbum-Niveau … und für Edwards, diese Naturgewalt am Bass, war der Rahmen etwas einengend.

Den krönenden Abschluss machte danach aber das Schlippenbach Trio (*****) und zwar in seiner Originalbesetzung mit Evan Parker (ts), Alexander von Schlippenbach (p) und Paul Lovens (d). Das Set war unglaublich dicht und dennoch nie atemlos. Das Trio agierte aufmerksam und improvisierte mit höchster Intensität. Irgendwann steuerte Schlippenbach wieder Monk-Tunes an, Fetzen aus „Skippy“ fügten sich ein, Evan Parker liess sich aber nur für ein paar Sekunden darauf ein, später erklang „Evidence“, das Parker dann – wie schon beim Konzert in Zürich mit Paul Lytton am Schlagzeug, ebenfalls mitanstimmte … und auch eine Zugabe hielt das Energielevel oben. Fantastisch, das Trio noch einmal mit Paul Lovens sehen zu können, dessen Spiel das Trio massgeblich antreibt und für eine ganz andere Energie sorgt, als wenn Paul Lytton am Schlagzeug sitzt (die Gruppe ist auch dann phantastisch, aber eine andere).

Danach ging es noch einmal zu Erdogen, es schloss ich auch Lionel Friedli an, der Drummer, der am folgenden Abend in einem zweiten Projekt mit Sarah Buechi zu hören sein würde. Nach vier kurzen Stunden im Bett ging es dann bereits wieder in Richtung Flughafen, wo es auf den fünfzig Metern vom Gebäude zur Treppe doch noch etwas Nieselregen gab – aber das vermochte den Eindruck natürlich nicht zu trüben. Ein grossartiges Festival, das die Intakt- und die Vortex-Crew auf die Beine gestellt haben. Gerne wäre ich noch sechs weitere Abende dabei gewesen und hätte auch noch Ingrid Laubrock, Pierre Favre, Sylvie Courvoisier und Mark Feldman und ein weiteres Mal Evan Parker gehört.

Nächstes Wochenende folgt in Zürich ein zweitägiges Follow-Up, das London-Zürich Festival im Theater Neumarkt, zu dem ich wohl am zweiten Abend gehen werde, dann spielen Laubrocks Sleepthief (die gestern im Vortex auftrten) und davor zum Auftakt erneut das Duo Evan Parker/Barry Guy. Am Vorabend bin ich verhindert, da würde mich vor allem das Zusammentreffen von Parker mit dem hiesigen Gitarristen Flo Stoffner (den ich auch schon mit Paul Lovens hörte), daneben gäbe es erneut Schweizer/Moholo und Ziegele/Edwards/Sanders – wundernehmen würde es mich ja schon, ob ersteres besser klappt und letzteres erneut solche Höhen erklimmt … aber gut, man kann nicht alles und am 1. Mai höre ich die Sopranistin Julia Lezhneva im Konzert, vom 4. bis am 6. Mai will ich ans Taktlos und zwei Wochen später ist auch noch das Konzert von Nils Wogram Root 70 (mit Hayden Chisholm) eingeplant (für das ich extra eine Karte für Herbert Blomstedt mit Beethoven 7 und 8 in der Tonhalle vom Freitag auf den Mittwoch eingetauscht habe, am Donnerstag dazwischen gibt es noch eine Oper von Haydn) – Langeweile kommt gewiss nicht auf.

5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 2)

Fortsetzung von Teil 1



Mittwoch 9.3.

Am dritten Tag verbrachte ich über drei Stunden im Muzeum Historii Żydów Polskich, dem Museum der Geschichte der polnischen Juden. Ein moderner Bau noch etwas weiter draussen als unser Hotel, alles im - grossen - Bereich des einstigen Warschauer Ghettos. Oben ein Schnappschuss von einem kleinen Überrest der einstigen Ghetto-Mauer, in unmittelbarer Nähe des Kulturpalastes und des Zentrums der heutigen Finanz- und Geschäftsmetropole. Vom Museum ging's hinüber in die Nowe Miasto, die "Neustadt", die im 15. Jahrhundert direkt neben den einstigen Stadtmauern entstand und nach dem Krieg ebenfalls zu weiten Teilen wieder aufgebaut wurde. Im Restaurant, wo ich zufällig auf den einen Konzertreisegenossen traf, ass ich Ente - und war mir plötzlich ziemlich sicher, dass es dasselbe Restaurant war, in dem ich vor 15 Jahren beim ersten Besuch wohl schon gesessen hatte und ebenfalls Ente ass (damals zum ersten Mal überhaupt, wenigstens soweit ich das wusste). Danach ging ich zur Weichsel, den historischen Stadträndern entlang und danach nochmal ein wenige auf den Spuren des Ghettos, zum Keret-Haus, das neben der Stelle an der Chlodna liegt, wo einst der Übergang vom "Kleinen Ghetto" ins "Grosse Ghetto" stand, den heute Metallpfeiler markieren, in der Höhe des Holzsteiges, über den damals täglich Zehntausende Juden gingen.




Am dritten Abend gab es etwas weniger Musik, zwei Quartette, beide spielten sie eine knappe Dreiviertelstunde. Beim Soundcheck, den wir wie immer draussen vor dem Eingang wartend verfolgten, war Leigh enorm laut und es kam die Hoffnung auf, sie würde mit mehr Verve in den Konzertabend gehen, mit Klangwällen und Attacken auf das Publikum. Das erste von zwei Quartetten (das hatten wir am Vorabend schon mitgekriegt) war:
Jason Adasiewicz/Heather Leigh/John Edwards/Steve Noble
Es gab da quasi drei Klangzellen: Adasiewicz, Edwards/Noble, Leigh. Die schoben sich übereinander, rannten gegeneinander an oder spielten sich die Bälle zu (was Edwards und Noble ja eh pausenlos tun - im Film von Sempel sagt Noble mal: ihn interessiere nicht, wenn Edwards in seinen Groove falle, das wäre dann ja eine Jam-Session ... stattdessen wolle er hören, auf welche Einfälle Edwards käme, angeregt durch sein Schlagzeug, und er lasse sich von Edwards Reaktion dann wieder weitertreiben - dieser pausenlose Dialog ist es wohl, der mich an den beiden so sehr fasziniert). Adasiewicz bot wieder alles auf, man ist da echt froh zu wissen, dass Vibraphone grossteils aus Metallteilen bestehen, sonst hätte man Angst, das Instrument zerfällt gleich in seine Einzelteile. Leigh war dann weniger laut und weniger angriffig als der Soundcheck hoffen liess, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich - auch wegen des wirklich grossartigen Duo-Sets mit Brötzmann am Vorabend - mit ihr und ihrem Instrument einigermassen ausgesöhnt.



Angekündigt war für diesen Abend ein Trio mit Brötzmann, Schlippenbach und Bennink - eine Reunion der drei, die schon vor langer Zeit gemeinsam auftraten. Doch es wurde noch besser, denn Toshinori Kondo stiess dazu, es war ja der Abend der zwei Quartette. Und dieses Set toppte das erste dann doch mit einiger Deutlichkeit. Doch: es gab an den vier Abenden keinen Ausfall, in Sternen gesprochen bewegte sich das Set für Set zwischen vier und fünf - von fünf, versteht sich!
Peter Brötzmann/Toshinori Kondo/Alexander von Schlippenbach/Han Bennink
lieferten grossartige Musik, von nahezu der Intensität des Quintetts mit Drake am ersten Abend. Die Chemie stimmte zwischen allen vieren, Kondo und Brötzmann traten immer wieder in den Dialog, was sich auch darin äusserte, dass Kondo von seinem Stuhl aufstand (ich sass immer direkt unter ihm, wenn er auf der Bühne war, etwas links der Mitte, wo das Schlagzeug plaziert war) und sich in Brötzmanns Richtung wandte. Phasenweise flogen die musikalischen Ideen fast wie Geschosse durch den Raum. Schlippenbach sass hinter dem kleinen Flügel am linken Rand (und fehlt daher auf meinen Photos, er war an dem Abend so hell beleuchtet, dass kein halbwegs vernünftiges Bild zu machen war), aber das hielt ihn ganz und gar nicht davon ab, ins musikalische Geschehen einzugreifen und wieder wirkte er am Klavier frisch und überraschend. Kondo entlockte seinem Equipment (am Vorabend hatte ein Störung den Beginn lange verzögert, diesmal hatte er mittendrin eine Panne, die aber innert weniger Minuten behoben werden konnte) erneut faszinierende Klänge, von Wah Wah-Trompete à la electric Miles bis hin zu sphärischen oder auch beissend scharfen, schneidenden und gellend lauten Tönen. Da ich stets direkt vor ihm sass, konnte ich oft auch den natürlichen Trompetenton hören, der viel leiser auch noch erzeugt wurde - was die Faszination noch mal deutlich steigerte, es erlaubte, ein Gefühl für die ganze Technik zu kriegen, die Verfremdungseffekte.




Donnerstag 10.3.

Der letzte Tag begann mit einem Besuch im Chopin-Museum (dieser hatte in Marseille sichtlich keine gute Laune, gesehen von Maurice Sand). Dann zog ich nochmal kurz an den Plattenläden vorbei, um ein paar Photos zu knipsen, ging in den einen (den neben den AA) auch nochmal herein, ass eine andere - diesmal vegetarische - Version der Piroggen in der ebenfalls grad um die Ecke gelegenen Familijny Bar Mleczny, suchte Reste der Ghettomauer (Bild ganz oben) und drehte dann in der Gegend unseres Hotels noch eine längere Runde.








Den Auftakt des letzten Abends machte ein Duo-Set, das ich schon kurz erwähnt hatte:
Alexander von Schlippenbach/Han Bennink
spielten ein phantastisches Set, das soweit ich es erkennen konnte komplett aus Stücken von Thelonious Monk bestand. Schlippenbach steuerte freie, aber sehr passende Überleitungen bei, so dass sich das alles ohne Unterbrüche abspielte. Bennink sass direkt vor meiner Nase und spielte nur die Snare-Drum, die er mit verschiedenen Sticks bearbeitete (einer ging dabei auch noch zu Bruch, aber kein Wunder, die sahen alle arg ramponiert aus, gut hatte er einen Vorrat davon in seiner Jeans-Tasche, die auf den Photos zu sehen ist, er hängte sie kurzerhand an den Ständer eines der Klavier-Mikrophone). Schlippenbach wuchs in diesem Set förmlich über sich hinaus, spielte in seiner üblichen, nahezu stoischen Art die komplexen Linien von Monk, wandelte sie ab, ergänzte sie improvisierend, von Bennink bestens begleitet, der die Musik von Monk ebenfalls im Schlaf kennen dürfte - so wirkte das jedenfalls, sehr spontan zwar, aber es zeigte sich eben auch die jahrzehntelange Vertrautheit mit der Materie. Das Ganze kann man sich wohl als eine Art Einverleibung vorstellen, bei der aus Monks Musik etwas Eigenes entstand, das zugleich Monk wie auch Schlippenbach/Bennink war - und einzigartig obendrein!


Das angekündigte Oktett des Abends fand dann nicht statt bzw. es ergab sich anders als geplant. Ein zweiter Kontrabass stand auf der Bühne, ein junger leicht nervöser Mann schlich herum und entpuppte sich als Mateusz Rybicki (cl, bcl), der sich ebenso wie Bassist Zbigniew Kozera als Gast für den Abschlussabend dazugesellen sollte. Die Mikrophone des Pianos wurden zum Vibraphon verschoben, ein Septett war geplant, doch nach wenigen Minuten Musik erklomm Schlippenbach die Bühne, setzte sich ans Klavier, und eilends wurde ein neues Mikrophon aufgebaut. Zu hören gab es also:
Peter Brötzmann/Mateusz Rybicki/Toshinori Kondo/Jason Adasiewicz/
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Zbigniew Kozera/Steve Noble
 - eine weitere hoch-energetische Sache, manchmal hart an der Schmerzgrenze was die Lautstärke betraf, aber erneut beeindruckend im Variantenreichtum (den Brötzmann ja auch schon mit dem ebenfalls ohrenbetäubenden Chicago Tentet zelebriert hatte). Rybicki, so meinte einer meiner altgedienten Mitstreiter, erinnere ihn an John Carter. Mir war das alles zu dicht, als dass ich einzelne Beiträge durchs Set hindurch verfolgen konnte, aber die immer wieder neuen Kombinationen mit den beiden Bässen, dem Vibraphon und dem Klavier allein waren schon grossartig. Adasiewicz und Schlippenbach, der in diesem Rahmen anfangs etwas unterzugehen drohte, hatten gegen Ende eine umwerfende gemeinsame Passage, die drei Bläser spielten alle exzellent, ebenso der junge Pole an der Klarinette und der Bassklarinette (ob es sein Instrument war, das Brötzmann die Tage davor spielte?). Das war wieder Musik, die alle Schleusen öffnet; music to end all music.



Doch damit war es - unerwarteterweise - noch nicht ganz getan, es gab an diesem Abend auch wieder ein drittes Set, Brötzmann und Kondo waren erneut mit dabei, zu ihnen stiessen die beiden in der grossen Besetzung Abwesenden, es gab also ein weiteres Quartett in der Besetzung
Peter Brötzmann/Toshinori Kondo/Heather Leigh/Han Bennink
Leigh spielte wieder ähnlich wie am dritten Abend, aber das Versprechen mit den ohrenbetäubenden Klangattacken aus dem Soundcheck des Vorabends blieb sie leider schuldig. Sehr schön war es, die Affinität zwischen Brötzmann und Kondo erneut zu sehen - Kondo scheint ja kaum noch ausserhalb Japans aufzutreten, dass ich ihn an vier Abenden hören konnte, zählte gewiss zu den schönsten Erfahrung dieser vier buchstäblich tollen Tage!





Coda:



Freitag 11.3.

In der Nähe des Hotels liegen die grossen Friedhöfe Warschaus. Ich hatte zwei Stunden, bevor ich das Zimmer auschecken und dann langsam zum Flughafen musste, nahm die Bahn und fuhr zum Powązki-Friedhof, der relativ übersichtlich gestaltet ist; beim Eingang gibt es lange Listen mit Namen und Sektoren, in denen die Gräber zu finden sind. Komeda, Wieniawski, Lutosławski oder Rowicki schafften es nicht in die Gasse mit den Ehrengräbern (die letzten beiden liegen direkt nebeneinander, Wieniawski an prominenter Stelle mit grossem Gedenkstein). Natürlich suchte ich als allererstes nach Komedas Grab. In den Ohren hatte ich Chopins Balladen, gespielt von Witold Małcużyński, dessen Grab wie auch jenes von Jan Kiepura* an der besagten Ehrengalerie zu finden ist. Es passte, dass es an diesem Tag nicht nur feucht war und nach Regen aussah sondern tatsächlich ohne Unterbruch nieselte.

Danach reichte die Zeit leider nur noch für einen kurzen Gang durch den anliegenden jüdischen Friedhof (man fährt aber immerhin zwei Stationen mit der Strassenbahn), wo ich die direkt nebeneinander liegenden Gräber von Ludwik Lejzer Zamenhof (an der in der Nähe gelegenen ul. Esperanto war ich beim ersten Besuch in Polen auch mal noch, die verläuft parallel zu den Friedhofsmauern) und Adam Cerniaków fand, aber vergebens nach dem Grab von Marek Edelman suchte.

Über den Wolken - da gab es Sonne, die einzige, die ich seit 10 Tagen sah, so hatte das Fliegen in der noch engeren Kiste doch noch was Gutes - ging es dann wieder zurück. Doch am Flughafen tauchte plötzlich Kondo vor meiner Nase auf und als ich weiterging fand ich ihn und Noble beim Kaffee, bedankte mich noch einmal bei ihnen für die phantastischen Tage und ging dann meiner Wege (hätte mich dazusetzen können, aber wollte nicht aufdringlich sein).

*) bei meiner ersten Reise nach Warschau fuhr ich mit dem Nachtzug, der nach Kiepura benannt war - ein paar Souvenirs von damals stehen hier immer noch ...

5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 1)



Sonntag 6.3.

Sonntagmittag flog ich also wie geplant nach Warschau - was man nicht alles auf sich nimmt, um den guten Herrn Brötzmann zu hören (was für eine bekloppte Art zu reisen, das mit diesen Blechkisten, wo man Angst um seine Kniescheiben haben muss und auf Gedeih und Verderb seinem Sitznachbar ausgeliefert ist).

Erstmal da ging's am Kulturpalast - in der dortigen Touristeninfo wurde übrigens für die Brötzmann-Konzerte geworben! - vorbei (ich wählte natürlich sofort wieder Bahn und Tram und Bus, wo ich die Wahl hatte, sicher nicht mit dem Taxi direkt von der Ausfallstrasse vors Hotel). Für einen Gang zum Umschlagplatz (von dem aus 1942/43 über 300'000 Juden zur Vernichtung abgekarrt wurden, die meisten endeten in den Gaskammern von Treblinka) reichte die Zeit noch (man lese Jarosław Marek Rymkiewicz' "Umschlagplatz").



Danach machte ich mich auf zum Club, in dem Brötzmann seinen 75. feiern sollte, das Pardon, To Tu.



Der Club entpuppte sich als ziemlich klein, sechs oder sieben Stuhlreihen, vorn ein paar Fragmente aller Klappsesselreihen aus einem Kinosaal, dahinter Plasticstühle und Klappstühle aller Art, die jeweils nach den Anlässen blitzschnell um Tische gruppiert wurden (die während der Konzerte draussen im Gang verstaut waren). An der Bar gibt es nicht nur diverse Sorten Bier (ich fand rasch heraus, dass von den drei dunklen jenes im Offenausschank das Bier meiner Wahl sein würde) sondern auch Kleinigkeiten zu Essen: Focaccia, Hummus, Schupfnudeln etc., die man auch nach den Konzerten noch bestellen konnte.

Pardon To Tu, so fand ich später heraus, heisst so viel wie: Entschuldigung, dass es uns gibt. Ein paar heftige Kommentare zur aktuellen politischen Situation in Polen kriegten wir dann auch noch mit, aber auch abwiegelnde Kommentare, die mich ziemlich ratlos zurückliessen (das sei nicht so schlimm, wirklich bösartig sei die Regierung nicht). Aber dass das ein Laden war, dem man hier das Prädikat "alternativ" anhängt, war sofort klar, und das Publikum war entsprechend sehr gemischt, es gab ein paar Anzugsträger, typische halb-autistische Jazz-Nerds und viel junges Publikum.



Den Auftakt machte der Peter Sempels Film Rohschnitt Peter Brötzmann (DE, 2014), vom Regisseur selbst vorbeigebracht. Eine nervöse, wenig kohärente Sache, Handkamera, Dauerpräsenz (als Fragesteller, Kameraschüttler und - manchmal - Lachnummer) des Regisseurs. Es gibt Konzertausschnitte von diversen Spielorten (auch aus dem Parton), diverse Gruppen und Kollegen tauchen auf: Full Blast mit Marino Pliakas und Michael Wertmüller, Die dicken Finger, Hamid Drake, Jason Adasiewicz, John Edwards, Steve Noble, Paal Nilssen-Love, Steve Swell u.a.. Brötzmann spricht in seinem Heim in Wuppertal über seine Kunst und seine Musik - viele interessante Einblicke, aber für jemanden, der Brötzmann in seiner Bedeutung nicht bereits einigermassen einschätzen kann, entsteht kein Bild, das den Menschen und sein Werk als Ganzes zu fassen in der Lage wäre.

Mit Sempel und Steve Noble - die Musiker tauchten auch auf, allerdings nicht alle und die meisten erst nach dem Film - unterhielt ich mich später kurz. Draussen ergab sich auch ein längeres Gespräch mit Brötzmann - über die Probleme wegen mangelnder Auftrittsmöglichkeiten, die zusätzlich dadurch verschärft würden, dass Topleute zu Dumpingpreisen auftreten, was er wiederum nicht mehr tun müsse - aber auch über die Bedeutung von Auftrittsmöglichkeiten, denn: Wie kann die Musik sich weiterentwickeln, wenn die Musiker nicht vor Publikum spielen können? Zu dem Zeitpunkt war mir noch überhaupt nicht klar, wie toll das Publikum im Pardon sein würde, welche Begeisterung da aufflammt. Im übersättigten Westen gibt es das kaum noch, Musik ist, zumal in der öffentlichen Darbietung - selten existentiell, eher nice to have, man ist ja so souverän und überlegen und gibt sich sowas von keine Blösse, indem man etwa ehrliche Emotionen zeigt, wenn einen wer sehen könnte.

Später, inzwischen waren meine beiden (deutschen) Kameraden auf diesem Brötzmann-Trip eingetroffen, gab es dann auch noch für alle Anwesenden ein Stück der Geburtstagstorte. Voller Vorfreude auf Folgendes ging es dann ins Hotel zurück.




Montag 7.3.

Am nächsten Morgen machte ich mich alleine auf, fuhr zur Altstadt, flanierte von dort durch den Ogród Saski und den Königsweg (Trakt Królewski) entlang bis zum Beginn der Nowy Świat, von der aus dann meine kleine Plattenladentour beginnen sollte (dazu demnächst anderswo mehr). Ich deckte mich da v.a. mit neueren Veröffentlichungen aus der "Polish Radio Jazz Archives"-Reihe ein. Das schönste Detail oben: direkt neben einem der Läden die Tür, die sich der polnische Ableger der Anonymen Alkoholiker mit der polnischen Jazz Society teilt - wie passend!

Da ich danach praktisch mein ganzes Bargeld aufgebraucht hatte, ging ich munter zum nächsten Geldautomaten - doch der wollte nicht. Ich irrte dann etwas angespannt mit 60 Zloty in der Tasche herum, ging dann zum Hotel (WLAN) und kriegte heraus, wie ich das verdächtige Polen, das bei meiner Bank wie fast alle osteuropäischen Länder als Standard gesperrt ist, freischalten konnte. Direkt um die Ecke gab es einen Geldautomaten, und fünf Minuten später war das Problem tatsächlich gelöst (ich hätte nicht mal Bargeld mitgehabt, wer reist heute in der Zivilisation noch mit grösseren Geldbeträgen herum ...)



Dann, wieder ganz entspannt und mit nervöser Vorfreude, stand der erste der vier Konzertabende an. Um 19 Uhr waren wir dort, die Konzerte waren für 20:30 angekündigt, meist begannen sie so gegen 21 Uhr. Angekündigt waren für jeden Abend drei Sets à 30 Minuten, eines wurde jeweils im Voraus mit Line-Up angegeben, doch Steve Noble meinte schon am Sonntagabend, das sei nur, damit man dem Publikum mal eine Info rausrücken könne, ob das auch wirklich so käme, bleibe abzuwarten - und so war es denn auch, denn es kam alles noch besser!



Den Auftakt machten
Toshinori Kondo/Heather Leigh
 - die sehr amerikanische, inzwischen in Schottland lebende Dame an der Pedal Steel-Gitarre war für mich die grosse Unbekannte des Festivals (das keins sein wollte aber trotzdem eins war), Kondo wohl der Musiker, auf den ich mich am meisten freute (die andere hatte ich alle schon live erlebt, aber Kondo kriegt man ja kaum noch zu hören). Kondo spielte stets eine an einen Verstärker angeschlossene Trompete, deren Trichter schwarz legiert ist. Am Boden standen mehrere Pedale, neben ihm eine Kiste, in der weitere Effektgeräte verbaut hatte, an denen er öfter herumdrückte. Von Leigh gingen, so empfand ich, wenige Impulse aus, sie spielte an den ganzen Konzerten keine einzige Linie, keinen einzigen melodischen Bogen, zupfte immer einfache rhythmisch-harmonische Motive, die später bei intensiveren Sets durchaus auch mal eine Art Drone-Effekt erzeugen konnten, aber doch auch den Eindruck hinterliessen, dass ihre Möglichkeiten auf diesem seltsamen Instrument etwas limitiert sind. Ob das nun bewusst gewählt ist oder nicht mag ich nicht beurteilen, es spielt auch keine Rolle, sie war da, hat mitgespielt und entpuppte sich durchaus, bei aller Skepsis, auch immer wieder als Faktor, auf den die anderen Musiker reagierten, von dem aus sie ihre Ideen formten. So war das schon mit Kondo in diesem ersten Set, das einen sphärischen Auftakt bot, der durchaus einiges versprach.





Als fixes Set für diesen Abend war das aktuelle Quartett Brötzmanns angekündigt:
Peter Brötzmann/Jason Adasiewicz/John Edwards/Steve Noble
 - doch schon vorher war plötzlich ein weiterer Gast aufgekreuzt: Hamid Drake wurde eingeladen, ohne dass Brötzmann davon wusste, und anscheinend war auch erst Tage im Voraus klar, ob das klappen würde oder nicht. Es gab also nicht das Quartett sondern ein völlig einmaliges Quintett mit zwei Schlagzeugen in der Mitte der Bühne, Adasiewicz' Vibraphon links daneben und rechts Edwards am Bass sowie ganz aussen Brötzmann, der auf einem Tisch seine Instrumente lagerte. Er spielte an diesem Abend nicht nur Tenorsaxophon sondern packte auch seine versilberte Klarinette und sein Tárogató aus, zudem griff er erfreulicherweise auch noch zur Bassklarinette. Dieses Set dauerte deutlich länger und war von einer unglaublichen Wucht. Die beiden Trommler hatten sichtlich Freude, zusammen zu spielen, sehr schön war auch der Moment zu Beginn - Noble, Edwards und Brötzmann spielten bereits - als Adasiewicz und Drake sich mit Blicken koordinierten und dann zur Attacke auf die anderen drei bliesen. Adasiewicz traktierte sein Vibraphon nicht nur mit zwei, drei oder vier Schlägeln (drei gab es, wenn einer davonflog, was in der Hitze mehrmals vorkam) sondern auch mit Bögen wie man sie für Streichinstrumente verwendet, aber auch mit einem präparierten Stab, mit dem er waagrecht auf die Tasten hämmerte. Sein Spiel wechselt zwischen heftigen Klangattacken und Linien, was ihm grosse Möglichkeiten bietet, auf die Musik ganz unterschiedlich Einfluss zu nehmen, eine breite Palette an Möglichkeiten bietet (was mir bei Leigh wie oben schon durchscheint etwas fehlte). Über John Edwards braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren, er ist seit vielen Jahren fast schon hyperaktiv und mit Sicherheit einer der besten Bassisten unserer Zeit. Der Mann am Saxophon gab sich an den vier Abenden keinen Moment der Blösse, schon bei diesem ersten Auftritt beeindruckte er mit seiner Kraft und seinem riesigen Sound. Irgendwann schnappte ich draussen auf, wie er zu jemandem sagte: klar, Coleman Hawkins - und so war es, es gab einen Moment, wo er mit dem Motiv aus "Driva Man" aufwärmte, und einen Abend später griff er dieses Motiv in abgewandelter Form in einer längeren Passage wieder auf.



Das war an sich ein Set to end all music, ich hätte direkt nachher den Flieger nehmen (oder sterben) können und wäre glücklich gewesen. Doch das war's noch nicht. Han Bennink kam auf die Bühne, schlaksig und mit den üblichen zu kurzen Hosen, schnappte sich den Tritthocker, der an sich den Musikern dazu dienen sollte, auf die Bühne zu kommen, und spielte fortan nur noch auf diesem (auf ihm sitzend und einmal auch auf ihm trommelnd). Alle dachten, er mache noch einen kurzen Soundcheck, doch wenn Bennink beschliesst, das sei bereits das Konzert, dann ist dem auch so. Es gab dann ein kurzes Duo
Jason Adasiewicz/Han Bennink
als Adasiewicz nochmal auf die Bühne kletterte (Respekt, nach dem unglaublichen Set davor überhaupt nochmal zu spielen - Bennink scherte sich keinen Deut darum, dem ist sowas wohl komplett egal oder er transportiert wenigstens äusserst erfolgreich dieses Bild). So waren bis dahin alle mal zu hören gewesen bis auf Alexander von Schlippenbach, der erst am nächsten Tag anreisen sollte.






Dienstag 8.3.

Am Morgen des zweiten Tages ging es auf die andere Seite der Weichsel, nach Praga. Man glaubt da, in einer anderen Stadt zu sein, oder auch: da sieht Warschau noch so aus, wie ich es in Erinnerung hatte vom letzten Besuch vor etwa 15 Jahren. Wir gingen hinaus zum Neon-Museum (das geschlossen war, aber das hatten wir schon im Voraus rausgekriegt), das in einem ehemaligen Fabrikgelände liegt, "Soho Factory" nennt sich das, da gibt es teure Läden, Büros, Neubauten, ein Restaurant - das ganze Programm irgendwo zwischen Hipness und dem im Norden längst globalisierten Gentrifizierungs-Elend, das wiederum im grossen Kontrast zur Umgebung steht. Mit der Strassenbahn und dann der U-Bahn ging es zurück, an der Nowy Świat in die Familijny Bar Mleczny, eine traditionelle Milchbar, Pierogy essen (mehr zum Thema Milchbar - Polnischkenntnisse wären eindeutig von Vorteil).



Um 18:30 brachen wir wieder auf in Richtung Pardon To Tu. Das erste Set des Abends präsentierte erneut Kondo, diesmal mit einer Rhythmusgruppe:
Toshinori Kondo/John Edwards/Han Bennink
Kondo schaltete, angetrieben von Bennink, ein paar Gänge höher als am ersten Abend, und es war natürlich toll, Edwards' Bass einmal nicht mit Noble zu hören (die beiden bilden für mein Empfinden derzeit wie ich ja schon sagte eins der allerbesten Bass/Drum-Gespanne) sondern mit dem unberechenbaren Berserker Bennink am Schlagzeug. (Hamid Drake war inzwischen wie ich später am Abend erfuhr schon wieder abgereist.)




Das zweite Set war dann das im Voraus angekündigte:
Peter Brötzmann/Heather Leigh
Deutlicher noch als im Duo mit Kondo wurde deutlich, wie Brötzmann sich von Leighs ähnlich gearteter Begleitung Anstösse holte, zuhörte und im Verlauf des längeren Sets zu ganz grosser Form auflief. Er spielte in diesem Set alle vier Instrumente, die er im Verlauf der vier Abende spielte: Tenorsaxophon, seine versilberte Metallklarinette, das Tárogató und die Bassklarinette. Mit Leigh fand ich mich inzwischen etwas besser zurecht, aber auch in diesem Set bot sie eine sehr beschränkte Anzahl von Klängen. Doch das Resultat mag in diesem Fall noch mehr als im Set mit Kondo alles rechtfertigen: wenn Brötzmann mit dieser Begleitung zu solcher Form aufläuft, vom feinen Säuseln bis zur schnaubenden Dampflok am wuchtigen Tenor alles bietet, sich dabei bewegt wie eine Art Mischung aus Albert Ayler und sich wiegendem Rabbiner - dann ist das doch alles in bester Ordnung!




Zum Abschluss des Abends trat dann ein erstes Mal Schlippenbach auf, es gab ein Trio zu hören:
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Steve Noble
Auch das ging mächtig ab. Zunächst dachte ich, das Power-Duo Edwards/Noble könnte Schlippenbach etwas zu hart angehen, doch der Eindruck verflüchtigte sich schnell, er stieg zwar wie ein alter Mann (der er ja ist) auf die Bühne (Bennink hatte den Tritt zum Glück wieder freigegeben), doch es trat wieder einmal der Fall ein: beginnt erst mal die Musik, ist alles wie vergessen! Schlippenbach spielte kraftvoll, auch dieses Set war wieder verdammt laut (aber nichts im Vergleich mit dem Quintett mit Drake, da hatte ich - wie immer in der ersten Reihe sitzend - manchmal schon etwas Angst um meine Ohren). Das Klavierspiel erinnerte mich mehr an Herbie Nichols denn an Monk, doch griff Schlippenbach immer wieder wild in die Tasten, hämmerte Akkorde, verzahnte sich in kleinen Motiven und liess sich wie es schein von Edwards/Noble noch so gerne antreiben. Ein toller Abschluss des zweiten Abends, der insgesamt entgegen den Befürchtungen durchaus an den ersten anknüpfen konnte.

Zwischen bzw. nach den Sets hatte ich auch Gelegenheit, ein wenig mit Edwards und später mit Schlippenbach zu sprechen - und ein paar CDs zu kaufen: das Trost-Reissue von Brötzmann/Hopkins/Ali "Songlines" und Parker/Schlippenbach/Lytton "america 2003".

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