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Elina Duni/Erik Truffaz/Bugge Wesseltoft – Moods, Zürich, 5. Mai 2017

Elina Duni (voc), Erik Truffaz (t, elec), Bugge Wesseltoft (p, keys, elec) – ein Trio, das gestern zum ersten Mal gemeinsam auftrat – schlichtweg grossartig! Duni und Truffaz sassen heuer in der Jury des ZKB-Jazzpreises und fürs Jury-Konzert taten sie sich zusammen und luden den gemeinsamen Bekannten Wesseltoft ein. Letztes Jahr hörte ich David Murray mit Aki Takase – Murray war in der Jury – und im Anschluss das Trio von Jean-Paul Brodbeck, dem zweiten Jury-Musiker (klick). Dass die Musiker aus der Jury ein gemeinsames Konzert geben ist unüblich, aber das war ganz, ganz toll gestern!

Truffaz spielt eine lyrische Trompete, an Miles geschult, sehr understated, aber er bricht immer wieder in Läufe aus, die zeigen, dass er einiges drauf hat (war bei Miles ja auch nicht so anders), die Elektronik kam er mit Delays und Echos zum Einsatz, während Wesseltoft am Flügel begann und sich dann aber immer wieder zum Fender Rhodes und diversen anderen Synthesizern zuwandte, immer wieder in Echtzeit eine tolle Kulisse aufbaute, mit Loops, Basslicks und Beats (er hatte ein Tamburin und andere Oberflächen, die er mit Schlägeln und Drumsticks oder auch nur mit den Fingern bearbeitete). Er groovte aber auch am Fender Rhodes und drehte sich immer wieder zum Flügel um. Das hatte etwas sehr Verspieltes und überaus Lustvolles und die drei hatten grosse Freude daran, dass ihr Projekt so gut gelang … sie spielten ein langes Set (um 75 Minuten wohl) und dann als Zugabe „I Fall in Love Too Easily“ – Duni kann Standards phantastisch, aber dass sie das auf CD nicht macht, ist vermutlich eine gute Entscheidung. Duni glänzte aber überhaupt einmal mehr, egal ob mit spoken words (da war wohl eher Ursula Rucker als irgendwelcher Rapper_innen das Vorbild) oder mit eigenen Songs in verschiedenen Sprachen. Sehr schön war auch, dass sie mal wieder in Französisch sang. Ihre warme Altstimme ist immer wieder ein exquisiter Genuss und ihre Bühnenpräsenz beeindruckt sehr.

Das Publikum verlangte dann auch noch eine zweite Zugabe, und da mussten das Trio improvisieren – in den zwei Tagen des gemeinsamen Probens kamen natürlich nicht sehr viele Songs zusammen. Dazu holten sie dann zum zweiten Mal den jungen Altsaxer Tapiwa Svosve auf die Bühne, der in der Gruppe District 5 spielt, die den ZKB Jazzpreis dieses Jahr gewann. Aus dem Jam wurde ein toller Abschluss eines überaus gelungenen Konzertes.

Elina Duni & Jean-Paul Brodbeck - Zürich, 10. Juni 2016

Elina Dunis Gesang berührt mich seit Jahren wie keine andere aktuelle Stimme des Jazz. Bisher hörte ich sie im Konzert stets mit ihrem Quartett, in dem sie eine symbiotische Beziehung mit ihren Begleitern eingeht, darunter der Lausanner Pianist Colin Vallon, ebenfalls einer der mir wichtigsten Jazzmusiker der letzten Jahre.

Dass sie nun im Duo mit Jean-Paul Brodbeck am Klavier auftreten würde - und nicht mit Vallon - sorgte daher zunächst für Stirnrunzeln, dass "A Tribute to Billie Holiday" angekündigt war für gewisse Bedenken: Kann das denn gutgehen? Die Antwort, in Kürze: Ja, es kann!

Das Konzert fand in der Wohnung eines Freundes statt, der mit seinen Stubenkonzerten seit ein paar Jahren Grossartiges leistet (*). Auf engstem Raum drängten sich mehr Leute als je zuvor, manche von ihnen kommen immer wieder, obwohl sie nicht wissen, was sie jeweils erwartet - umso schöner, wenn der Abend sich als so wundervoll entpuppt.

Duni sass neben dem Klavier, vor sich ein Mikrophon mit einem kleinen Verstärker - nicht unpassend, denn war es nicht gerade Billie Holiday, die als erste Jazzsängerin verstand, wie das Mikrophon zu einer ganz neuen Intimität führen konnte, wenn man es richtig einsetzt? Intim war der Rahmen sowieso. Mit den Texten der Lieder, die Duni ganz wie das grosse Vorbild ernst nimmt, gepaart, fühlte es sich manchmal nahezu verboten an - als erlebe man eine Darbietung, die gar nicht für Publikum gedacht war sondern klandestin, verborgen hinter Mauern stattfinden sollte. So wurde aus dem Konzert ein rite de passage: Duni und Brodbeck führten das Publikum ein in ihre innige Kunst, deren Wirkung eine nahezu Erotische ist - eine äusserst sinnliche Erfahrung mit dem Ergebnis einer Einheit von Körper und Geist (und Seele, so man an sie zu glauben geneigt ist) - die pure Glückseligkeit, in der man aufgeht. Worte kommen abhanden, Gedanken müssen mühsam - und mehr denn widerwillig, denn das bedeutet ja, man tritt wieder in die normale Sphäre zurück - gebündelt werden.

Die Höhepunkte des Konzertes zu benennen ist müssig, Duni und Brodbeck - ein exzellenter comper, in dieser Rolle sichtlich aufging, aber auch immer wieder als feiner Solist zu hören war - legten los und spätestens beim zweiten Song hatten sie die gebannte Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Die Songs stammten zunächst alle aus dem Repertoire von Holiday. Da waren "Solitude", "I'll Be Seeing You" oder "Gloomy Sunday", der "Hungarian suicide song". "I Cover the Waterfront" erklang in einem raffinierten Arrangement, das vom 4/4 in einen 6/8 wechselte - die Liebe zu diesem Song teilte Holiday sich übrigens mit Lester Young, mit dem sie einige der schönsten Aufnahmen des Jazz machte. Mit einer berührenden Version von "I'm a Fool to Want You" kam, wie Duni danach sagte, der Punkt, an dem alles endet. Stop. Es folgte zum Abschluss eine heiterere Note mit "The Ballad of the Sad Young Men" (mit einem bemerkenswerten Text von Fran Landesman, die meinte, es gehe im Lied um "drifting through the town, drinking up the night, trying not to drown").

Als Zugabe erklang dann Shirley Horns "Here's to Life" wie passend! Aber noch passender die Ansage, in der Duni eine anscheinend auf Youtube zu findende Version erwähnte, in der Horn nach der Amputation eines Fusses nicht mehr selbst Klavier spielte - aber immer noch das Leben besingt:
I had my share
I drank my fill
And even though I'm satisfied
I'm hungry still
To see what's down another road
Beyond the hill
And do it all again
Here's to life! Here's to Elina Duni! Here's to Jean-Paul Brodbeck! Danke für diesen bezaubernden Abend. C'était vraiment sublime!

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*) mehr zu Sternstunden, denen ich im gleichen Rahmen beiwohnen durfte: Ray Anderson, Gerry Hemingway & Omri Ziegele, zuletzt Nicolas Massons "Parallels" mit Colin Vallon, ebenso ein ausgelagertes Konzert mit Flo Stoffner und Paul Lovens. Auch Christian Weber solo und ein paar weitere Konzerte hörte ich da, doch Webers Auftritt stand etwas im Schatten eines grandiosen Auftrittes vom Vorabend - mit Colin Vallon notabene.

Elina Duni im Moods, Zürich, 20. November 2012


Elina Duni Quartet Fremd, nicht verloren

von Flurin Casura 
 
Die Schäferinnen sagen sich frei von den Traditionen (den Männern!), das Mädchen wird den Kaval spielenden Fremden, den „jabandji“, ewig lieben, der Ring, den der Geliebte ihr nach einem Jahr und einem halben an den Finger steckt, verrät erst die Liebe des Mädchens, die Mimosen blühen und die Männer spüren den Frühling ... es sind archaische Bilder, die Elina Duni besingt, in traditionellen Liedern aus Albanien und dem Kosovo, Vignetten, Miniaturen, dazwischen ein vertontes Gedicht von Ismail Kadare. Auf dem dritten Album, das gerade bei ECM erschienen ist, hält sich Elina Duni an ihre Heimat, Albanien – man könnte sagen, sie nehme uns auf eine Reise mit, doch das wäre zu banal. 

„Matanë Malit“ – ennet em Berg – von hinter dem Berg kommt die Musik des Albums. Duni kam in den frühen Neunzigern zehnjährig aus Albanien in die Schweiz, nach Genf zuerst, dann nach Bern, wo sie auf den Lausanner Pianisten Colin Vallon traf. 2007 erschien das erste Album, „Baresha“, drei Jahre später wurde mit „Lume Lume“ nachgelegt (beide erscheinen bei Meta Records). Es gesellten sich Lieder von Serge Gainsbourg, Léo Ferré oder Nick Drake zu Folksongs aus Albanien, Griechenland, Bulgarien oder Rumänien. Mit dem dritten Album ist Duni angekommen – bei sich selbst, in ihrer ganz eigenen, poetischen Welt. Colin Vallon, der die Sprache des Klaviers erweitert, den offenen Flügel zum Klanglabor macht, Patrice Moret, der mit konzentriert schwebenden Fingern die Töne seines Kontrabasses noch zu beschwören sucht, nachdem sie bereits verklungen sind, und Norbert Pfammatter, der am Schlagzeug mit kraftvoller Leichtigkeit mit Rhythmen jongliert und Akzente setzt, liefern einen kongenialen Background für Dunis expressive Altstimme.

Leise, verhalten mag die Musik Elina Dunis auf CD scheinen, das Konzerterlebnis ist ein anderes. Schon im ersten Stück des Abends singt und spielt sich das Quartett in einen tranceartigen Zustand. Das Trio spielt federnd komplexe Rhythmen, treibt Duni mit eingängigen Ostinati an, begleitet äusserst einfühlsam langsame Lieder. Ein präparierter Klavierakkord hier, ein Tupfer von der Trommel da, dazwischen ein Kratzen vom Bass: Moret zieht den Bogen mit dem Holz über die Saiten. Kongenial müsste man das wohl nennen, wäre es nicht so abgedroschen – die vier finden, kaum auf der Bühne, zu einer Einheit, Duni gibt die Richtung vor, was dann folgt, ist ein kreativer Dialog auf Augenhöhe, der gerade im Konzert zum Ereignis wird.

Duni schiebt ihre Schuhe bald beiseite, stampft barfüssig im Takt, gestikuliert und tanzt, aber vor allem singt sie: Sie singt mit warmer, mal klagender, mal jubilierender Stimme in der fremden Sprache, erzählt dazwischen die Geschichten, die den Liedern zugrunde liegen – „die Geschichte ist wichtig“. Es sind die Geschichten ihrer Ahnen, ihres Landes, ihrer Landsleute in der Diaspora – einfache, berührende Geschichten, Folklore, aber in ihrer Verknappung sind sie Kunst, deren poetischer Kern darin besteht, dass sie bei aller Klarheit stets rätselhaft bleibt. Die Reise, auf die Elina Duni uns mitnimmt, ist eine ins Reich der Poesie und des Schmerzes, aber auch eine ins Reich der glücklichen Liebe – „sonst wären wir ja alle nicht da“, n’est-ce pas?

Elina Duni | Colin Vallon | Patrice Moret | Norbert Pfammatter
Matanë Malit | ECM 2277 | September 2012
Photo: Blerta Kambo (www.elinaduni.com)