Patricia Kopatchinskaja – Violine
Jay Campbell – Violoncello
Polina Leschenko – Klavier
George Enescu (1881–1955)
Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 a-Moll op. 25 Dans le caractère populaire roumain
Zoltán Kodály (1882–1967)
Duo für Violine und Violoncello op. 7
Maurice Ravel (1875–1937)
Tzigane. Konzertrhapsodie für Violine und Klavier
https://www.lucernefestival.ch/de/programm/patricia-kopatchinskaja-jay-campbell-polina-leschenko/468
Gestern morgen fuhr ich direkt vom Météo Festival in Mulhouse (Bericht
folgt noch) nach Luzern, wo ein „Erlebnistag“ mit diversen Konzerten
stattfand, sowohl im grossen Saal des KKL als auch in zwei Räumen des –
ebenfalls im KKL domizilierten – Kunstmuseums, im Foyer usw. Karten
hatte ich für zwei Konzerte, beide ausverkauft, das erste davon im
grössten Ausstellungssaal, der auch tatsächlich bis auf den letzten
Stuhl voll war. Los ging es mit der grossartigen dritten Violinsonate
von George Enesescu, die einst eins der handvoll Werke war, und unter ihnen das entscheidende, mit denen mir der Einstieg in die Klassik gelang.
Kopatchinskaja spielte von Beginn mit ihrer schier unfassbaren
Präsenz, mit einer Intensität, die sich gewiss aus der Freiheit ihres
Zugriffes nährt, aber an Präzision mangelt es ihrem Spiel deshalb nicht
im geringsten. Ich sass perfekt, zweite Reihe direkt von Kopatchinskaja
und mit Blick auf die Hände Leschenkos, die hinter ihr sass, in halbwegs
klassischer Solist/Begleiter-Aufstellung, aber auf viel engerem Raum
als üblich. Das Klavierspiel überzeugte mich alles in allem, da und dort
schienen die Interpretation etwas zu schnell dafür, dass die Finger
immer sauber mithalten konnten (das wurde aber nie mit Pedaleinsatz
überspielt) was auch wichtig war bei der mittelmässigen Akustik des
Raumes (ein schlichter „white cube“, doppelt so lang wie breit, aber
eben: ich sass ganz vorne), denn da flossen die Töne sowieso etwas zu
sehr ineinander. Die enormen Erwartungen, die ich hatte, wurden
vielleicht ganz leise enttäuscht, aber das nur, weil sowohl das Werk als
auch Kopatchinskaja für mich ganz weit oben stehen – ja eigentlich auf
dem Gipfel.
Als zweites stand dann das Duo von Kodály auf dem Menu, das
Kopatchinskaja mit dem zweiten „artist étoile“ des diesjährigen
Festivals, dem jungen Cellisten Jay Campbell, präsentierte. Auch sie
standen bzw. sassen so eng nebeneinander, dass sogar mal die
Geigen-Noten etwas verschoben werden mussten, damit Campbell sie nicht
umschubste – eine schöne Geste, denn es geht in der Kammermusik ja
tatsächlich um das Verschmelzen der Stimmen, das Zusammen. Das gelang
auch wunderbar, was wohl bei einem eruptiven Temperament wie jenem von
Kopatchinskaja nicht immer leicht ist – Campbell guckte sehr oft ganz
genau hin, aber es gab nur ein, zwei ganz kurze Passagen, wo sie eine
Spur nebeneinander waren. Das Werk hatte ich im Gegensatz zu Enescu
nicht im Ohr, aber wenigstens die Heifetz/Piatigorsky-Einspielung davon
einst schon angehört. Es gefiel mir in der Präsentation eine Spur besser
als die Sonate davor, was ja durchaus auch im Interesse der
Konzertdramaturgie passt.
Der krönende Abschluss war dann aber Ravel, mit einem Werk, das
natürlich mehr als bekannt ist, das als „Zigeunermusik“ nicht die
Glaubwürdigkeit der Werke von Bartók und Kodály besitzt – um die herum
der ganze „Erlebnistag“ geformt wurde, weshalb u.a. auch Veress oder
eben auch Enescu auf dem Programm standen. Was Kopatchinskaja und
Leschenko nun mit Ravels „Tzigane“ anstellten erinnerte mich sehr an die
famose „Kreutzer“-Sonate von Joseph Szigeti und Béla Bartók – eine Art
retrograde Ethnisierung der Musik, ein Hervorholen der (imaginären)
Volksmusik, die quasi hinter dem fertigen Werk Ravels versteckt ist. Das
Spiel der beiden war äusserst temperamentvoll, Kopatchinskaja – die ja
immer barfuss spielt, was auch perfekt zu ihrer Art zu spielen passt –
spannte sich immer wieder wie ein Bogen, der dann plötzlich in die
Ausgansposition zurückschnellt. Bei Leschenko kamen die Finger manchmal
nur noch mit Mühe und Not mit, aber ohne Risiken einzugehen ist eine so
beeindruckende Interpration auch gar nicht möglich.
Es gab danach noch eine Zugabe im Trio mit Jay Campbell, aber leider
vergass ich den Namen des Komponisten gleich wieder … etwas (relativ?)
Zeitgenössisches, eine charmante kleine Petitesse.
—
Ensemble der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
Frédérique Cambreling – Harfe
Béla Bartók (1881–1945)
Ausgewählte Duos für zwei Violinen
Heinz Holliger (*1939)
Partita (II) für Harfe
Uraufführung
Sándor Veress (1813–1992)
Diptychon für Bläserquintett
https://www.lucernefestival.ch/de/programm/ensemble-der-lucerne-festival-academy-frederique-cambreling/493
Direkt danach ging es am anderen Ende des Kunstmuseums weiter, in einem
etwas kleineren, quer eingerichteten Saal. Eine Geigerin und ein Geiger
aus dem Academy-Orchester spielten als Einstieg drei kurze Duos für
Violine von Bartók.
Danach folgte die pièce de résistance, die Uraufführung von Heinz
Holligers zweiter Partita, komponiert für Harfe solo und präsentiert von
Frédérique Cambreling (die auch im ensemble Intercontemporain spielt).
Das Stück ist toll, schien mir oft hypervirtuos, es wird auch schon mal
auf den Rahmen getrommelt, gegen Ende mussten sogar rasch ein paar
Saiten umgestimmt werden … und es nicht so, dass ich von Harfe viel
verstehen würde (ich hörte vor einigen Monaten mal Xavier de Maistre –
siehe Post oben vom 7.5.), aber ich fand die Aufführung und das Werk
beeindruckend. Holliger war selbst anwesend, der Applaus riesig.
Zum Ausklang gab es dann noch das Bläserquintett von Sándor Veress,
einst Lehrer von Heinz Holliger. Die Darbietung war nicht in jedem
Hinblick überzeugend aber alles in allem doch sehr in Ordnung – und sie
machte neugierig, von Veress dereinst weiteres zu hören.
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Takács Quartet: Haydn, Ravel, Beethoven - Conservatorio di Milano, 31. Januar 2017
HAYDN: Quartetto in fa maggiore op. 77 n. 2 Hob.III.82
RAVEL: Quartetto in fa
–
BEETHOVEN: Quartetto n. 14 in do diesis minore op. 131
TAKÁCS QUARTET
Edward Dusinberre, Violine
Károly Schranz, Violine
Geraldine Walther, Viola
András Fejér, Violoncello
Und das war nun the real deal, keine Frage! Haydn war ein etwas verhaltener Auftakt – der Gedanke, den mein Bekannter nach dem Konzert äusserte, war mir auch durch den Kopf gegangen: Haydn sollte man am besten in ganz seinen Quartetten gewidmeten Konzerten aufführen. Aber schon da war das äusserst lebendige Spiel des Takács Quartetts zu bewundern, das in Ravels Quartett dann richtig schön zur Geltung kam. Da ist kein elegant geschliffener Gleichklang sondern ein bebender, vibrierender Körper, an dem alle vier ihren Anteil hatten, den sie gemeinsam im Spiel erschaffen.
Ravels Musik flimmerte in allen Farben und summte, wie ein Bienenstock, der Blick schien durch ein Prisma zu gehen, aber – zugleich, und das war enorm faszinierend – auch durch ein Vergrösserungsglas, das erst offenbarte, was in Ravels Stück alles steckt. Besonders toll war der Pizzicato-Teil im zweiten (?) Satz.
Nach der Pause folgte dann die Krönung mit Beethoven – ich habe ja bekanntlich seine Streichquartette noch nicht angepackt und es war ein beeindruckendes Erlebnis, dieses späte Quartett in so fähigen Händen zum ersten Mal überhaupt bewusst zu hören. Jedenfalls funktionierte der Zugriff des Quartetts perfekt, das Nervöse Flirren sorgte für eine ungeheure Lebendigkeit, einmal mehr schien die Musik fast körperlich greifbar zu werden, so plastisch die Darbietung.
--
Zum vorangehenden Kapitel der Woche in Italian im Januar/Februar 2017:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/studentinnen-des-conservatorio-di.html
Zum nächsten Kapitel:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/giuseppe-verdi-don-carlo-1-februar-2017.html
RAVEL: Quartetto in fa
–
BEETHOVEN: Quartetto n. 14 in do diesis minore op. 131
TAKÁCS QUARTET
Edward Dusinberre, Violine
Károly Schranz, Violine
Geraldine Walther, Viola
András Fejér, Violoncello
Und das war nun the real deal, keine Frage! Haydn war ein etwas verhaltener Auftakt – der Gedanke, den mein Bekannter nach dem Konzert äusserte, war mir auch durch den Kopf gegangen: Haydn sollte man am besten in ganz seinen Quartetten gewidmeten Konzerten aufführen. Aber schon da war das äusserst lebendige Spiel des Takács Quartetts zu bewundern, das in Ravels Quartett dann richtig schön zur Geltung kam. Da ist kein elegant geschliffener Gleichklang sondern ein bebender, vibrierender Körper, an dem alle vier ihren Anteil hatten, den sie gemeinsam im Spiel erschaffen.
Ravels Musik flimmerte in allen Farben und summte, wie ein Bienenstock, der Blick schien durch ein Prisma zu gehen, aber – zugleich, und das war enorm faszinierend – auch durch ein Vergrösserungsglas, das erst offenbarte, was in Ravels Stück alles steckt. Besonders toll war der Pizzicato-Teil im zweiten (?) Satz.
Nach der Pause folgte dann die Krönung mit Beethoven – ich habe ja bekanntlich seine Streichquartette noch nicht angepackt und es war ein beeindruckendes Erlebnis, dieses späte Quartett in so fähigen Händen zum ersten Mal überhaupt bewusst zu hören. Jedenfalls funktionierte der Zugriff des Quartetts perfekt, das Nervöse Flirren sorgte für eine ungeheure Lebendigkeit, einmal mehr schien die Musik fast körperlich greifbar zu werden, so plastisch die Darbietung.
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Zum vorangehenden Kapitel der Woche in Italian im Januar/Februar 2017:
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Lucas Debargue: Scarlatti, Ravel, Liszt - Conservatorio di Milano, 30. Januar 2017
30. Januar - Sala Verdi, Conservatorio di Milano
D. SCARLATTI: Sonaten K 208, K 24, K 132 und K 141
RAVEL: Gaspard de la nuit
–
LISZT: Sonate h-Moll S 178
Lucas Debargue, piano
Der Konzertsaal ist schon mal klasse, der Mailänder Bekannte, mit dem ich schon Samstagabend Essen und dann Montag und Dienstag im Konzert und beide Male beim Abendessen war, meinte, es sei von der Akustik her der beste Saal Mailands. Los ging es mit romantisiertem Scarlatti, viel Pedal, Rubato … nicht mein Fall, skip. Ravels Gaspard hörte ich im Vorfeld zwar einige Male, aber so ganz komme ich damit noch nicht klar. Debargue kann das, keine Frage. Seine Technik scheint insgesamt exzellent zu sein, aber in Sachen Gestaltung kann er wohl noch etwas dazulernen, wie so viele junge Musiker dieser Tage. Nach der Pause dann der main event, die grosse Sonate von Franz Liszt. Debargue packte den Stier bei den Hörnern, ging Risiken ein, wählte manchmal so horrende Tempi, dass die Finger nicht mehr ganz mithalten konnte, falsche Töne sich zu den richtigen gesellten – das ist jedenfalls schon einmal die richtige Einstellung. In den ruhigen, leisen Momenten war er sehr stark, aber auch in der wuchtigen Intensität heimisch. Die Verbindung zwischen diesen beiden Polen schien mir jedoch manchmal etwas schwierig, etwas unorganisch, ein rasches Crescendo gepaart mit einem kurzen Accelerando und so war Debargue wenig mehr als einen Wimpernschlag später im anderen Extrem; ein Dazwischen, das die Extreme wirksamer würde werden lassen, gab es nur selten. Doch der Mann ist jung und ich werde wohl aus der Distanz aber mit einiger Sympathie verfolgen, was von ihm kommen wird. Die erste Zugabe war vermutlich ein Stück von Chopin oder Liszt oder auch Schumann … ich erkannte das Stück zwar, aber kam nicht drauf (der Bekannte schloss Chopin aus, aber ich bin immer noch der Meinung, dass es am ehesten Chopin gewesen ist). Die zweite Zugabe war dann leider eine der Kapitalsünden der Klassik-Welt – auch wenn das Publikum das nicht merkte und ziemlich abging: Debargue vergriff sich an Thelonious Monks „Round Midnight“ und ratterte durch, wie es nicht einmal Oscar Peterson getan hätte (ja, double time, auch meist eine Sünde, wenn es um Balladen geht, selbst von den grossen Jazzern konnten das nur wenige). Dabei kam Monk natürlich abhanden, sein Stück wurde ein pures Mittel zum Zweck. Schade, dass das Konzert so enden sollte.
--
Der erste Bericht zum einwöchigen Italienurlaub von Januar/Februar 2017:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/01/roscoe-mitchell-plays-john-coltrane.html
Das nächste Kapitel der Klassik-Konzerte:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/studentinnen-des-conservatorio-di.html
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