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Patricia Kopatchinskaja, Jay Campbell, Polina Leschenko, Frédérique Cambreling etc.– Lucerne Festival, Erlebnistag, KKL/Kunstmuseum Luzern – 27. August 2017

Patricia Kopatchinskaja – Violine
Jay Campbell – Violoncello
Polina Leschenko – Klavier

George Enescu (1881–1955)
Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 a-Moll op. 25 Dans le caractère populaire roumain
Zoltán Kodály (1882–1967)
Duo für Violine und Violoncello op. 7
Maurice Ravel (1875–1937)
Tzigane. Konzertrhapsodie für Violine und Klavier

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/patricia-kopatchinskaja-jay-campbell-polina-leschenko/468

Gestern morgen fuhr ich direkt vom Météo Festival in Mulhouse (Bericht folgt noch) nach Luzern, wo ein „Erlebnistag“ mit diversen Konzerten stattfand, sowohl im grossen Saal des KKL als auch in zwei Räumen des – ebenfalls im KKL domizilierten – Kunstmuseums, im Foyer usw. Karten hatte ich für zwei Konzerte, beide ausverkauft, das erste davon im grössten Ausstellungssaal, der auch tatsächlich bis auf den letzten Stuhl voll war. Los ging es mit der grossartigen dritten Violinsonate von George Enesescu, die einst eins der handvoll Werke war, und unter ihnen das entscheidende, mit denen mir der Einstieg in die Klassik gelang.

Kopatchinskaja spielte von Beginn mit ihrer schier unfassbaren Präsenz, mit einer Intensität, die sich gewiss aus der Freiheit ihres Zugriffes nährt, aber an Präzision mangelt es ihrem Spiel deshalb nicht im geringsten. Ich sass perfekt, zweite Reihe direkt von Kopatchinskaja und mit Blick auf die Hände Leschenkos, die hinter ihr sass, in halbwegs klassischer Solist/Begleiter-Aufstellung, aber auf viel engerem Raum als üblich. Das Klavierspiel überzeugte mich alles in allem, da und dort schienen die Interpretation etwas zu schnell dafür, dass die Finger immer sauber mithalten konnten (das wurde aber nie mit Pedaleinsatz überspielt) was auch wichtig war bei der mittelmässigen Akustik des Raumes (ein schlichter „white cube“, doppelt so lang wie breit, aber eben: ich sass ganz vorne), denn da flossen die Töne sowieso etwas zu sehr ineinander. Die enormen Erwartungen, die ich hatte, wurden vielleicht ganz leise enttäuscht, aber das nur, weil sowohl das Werk als auch Kopatchinskaja für mich ganz weit oben stehen – ja eigentlich auf dem Gipfel.

Als zweites stand dann das Duo von Kodály auf dem Menu, das Kopatchinskaja mit dem zweiten „artist étoile“ des diesjährigen Festivals, dem jungen Cellisten Jay Campbell, präsentierte. Auch sie standen bzw. sassen so eng nebeneinander, dass sogar mal die Geigen-Noten etwas verschoben werden mussten, damit Campbell sie nicht umschubste – eine schöne Geste, denn es geht in der Kammermusik ja tatsächlich um das Verschmelzen der Stimmen, das Zusammen. Das gelang auch wunderbar, was wohl bei einem eruptiven Temperament wie jenem von Kopatchinskaja nicht immer leicht ist – Campbell guckte sehr oft ganz genau hin, aber es gab nur ein, zwei ganz kurze Passagen, wo sie eine Spur nebeneinander waren. Das Werk hatte ich im Gegensatz zu Enescu nicht im Ohr, aber wenigstens die Heifetz/Piatigorsky-Einspielung davon einst schon angehört. Es gefiel mir in der Präsentation eine Spur besser als die Sonate davor, was ja durchaus auch im Interesse der Konzertdramaturgie passt.

Der krönende Abschluss war dann aber Ravel, mit einem Werk, das natürlich mehr als bekannt ist, das als „Zigeunermusik“ nicht die Glaubwürdigkeit der Werke von Bartók und Kodály besitzt – um die herum der ganze „Erlebnistag“ geformt wurde, weshalb u.a. auch Veress oder eben auch Enescu auf dem Programm standen. Was Kopatchinskaja und Leschenko nun mit Ravels „Tzigane“ anstellten erinnerte mich sehr an die famose „Kreutzer“-Sonate von Joseph Szigeti und Béla Bartók – eine Art retrograde Ethnisierung der Musik, ein Hervorholen der (imaginären) Volksmusik, die quasi hinter dem fertigen Werk Ravels versteckt ist. Das Spiel der beiden war äusserst temperamentvoll, Kopatchinskaja – die ja immer barfuss spielt, was auch perfekt zu ihrer Art zu spielen passt – spannte sich immer wieder wie ein Bogen, der dann plötzlich in die Ausgansposition zurückschnellt. Bei Leschenko kamen die Finger manchmal nur noch mit Mühe und Not mit, aber ohne Risiken einzugehen ist eine so beeindruckende Interpration auch gar nicht möglich.
Es gab danach noch eine Zugabe im Trio mit Jay Campbell, aber leider vergass ich den Namen des Komponisten gleich wieder … etwas (relativ?) Zeitgenössisches, eine charmante kleine Petitesse.



Ensemble der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
Frédérique Cambreling
– Harfe

Béla Bartók (1881–1945)
Ausgewählte Duos für zwei Violinen
Heinz Holliger (*1939)
Partita (II) für Harfe
Uraufführung
Sándor Veress (1813–1992)
Diptychon für Bläserquintett

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/ensemble-der-lucerne-festival-academy-frederique-cambreling/493

Direkt danach ging es am anderen Ende des Kunstmuseums weiter, in einem etwas kleineren, quer eingerichteten Saal. Eine Geigerin und ein Geiger aus dem Academy-Orchester spielten als Einstieg drei kurze Duos für Violine von Bartók.

Danach folgte die pièce de résistance, die Uraufführung von Heinz Holligers zweiter Partita, komponiert für Harfe solo und präsentiert von Frédérique Cambreling (die auch im ensemble Intercontemporain spielt). Das Stück ist toll, schien mir oft hypervirtuos, es wird auch schon mal auf den Rahmen getrommelt, gegen Ende mussten sogar rasch ein paar Saiten umgestimmt werden … und es nicht so, dass ich von Harfe viel verstehen würde (ich hörte vor einigen Monaten mal Xavier de Maistre – siehe Post oben vom 7.5.), aber ich fand die Aufführung und das Werk beeindruckend. Holliger war selbst anwesend, der Applaus riesig.

Zum Ausklang gab es dann noch das Bläserquintett von Sándor Veress, einst Lehrer von Heinz Holliger. Die Darbietung war nicht in jedem Hinblick überzeugend aber alles in allem doch sehr in Ordnung – und sie machte neugierig, von Veress dereinst weiteres zu hören.

Takács Quartet: Haydn, Ravel, Beethoven - Conservatorio di Milano, 31. Januar 2017

HAYDN: Quartetto in fa maggiore op. 77 n. 2 Hob.III.82
RAVEL: Quartetto in fa

BEETHOVEN: Quartetto n. 14 in do diesis minore op. 131

TAKÁCS QUARTET
Edward Dusinberre, Violine
Károly Schranz, Violine
Geraldine Walther, Viola
András Fejér, Violoncello

Und das war nun the real deal, keine Frage! Haydn war ein etwas verhaltener Auftakt – der Gedanke, den mein Bekannter nach dem Konzert äusserte, war mir auch durch den Kopf gegangen: Haydn sollte man am besten in ganz seinen Quartetten gewidmeten Konzerten aufführen. Aber schon da war das äusserst lebendige Spiel des Takács Quartetts zu bewundern, das in Ravels Quartett dann richtig schön zur Geltung kam. Da ist kein elegant geschliffener Gleichklang sondern ein bebender, vibrierender Körper, an dem alle vier ihren Anteil hatten, den sie gemeinsam im Spiel erschaffen.

Ravels Musik flimmerte in allen Farben und summte, wie ein Bienenstock, der Blick schien durch ein Prisma zu gehen, aber – zugleich, und das war enorm faszinierend – auch durch ein Vergrösserungsglas, das erst offenbarte, was in Ravels Stück alles steckt. Besonders toll war der Pizzicato-Teil im zweiten (?) Satz.

Nach der Pause folgte dann die Krönung mit Beethoven – ich habe ja bekanntlich seine Streichquartette noch nicht angepackt und es war ein beeindruckendes Erlebnis, dieses späte Quartett in so fähigen Händen zum ersten Mal überhaupt bewusst zu hören. Jedenfalls funktionierte der Zugriff des Quartetts perfekt, das Nervöse Flirren sorgte für eine ungeheure Lebendigkeit, einmal mehr schien die Musik fast körperlich greifbar zu werden, so plastisch die Darbietung.
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Zum vorangehenden Kapitel der Woche in Italian im Januar/Februar 2017:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/studentinnen-des-conservatorio-di.html
Zum nächsten Kapitel:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/giuseppe-verdi-don-carlo-1-februar-2017.html

Lucas Debargue: Scarlatti, Ravel, Liszt - Conservatorio di Milano, 30. Januar 2017


30. Januar - Sala Verdi, Conservatorio di Milano

D. SCARLATTI
: Sonaten K 208, K 24, K 132 und K 141
RAVEL: Gaspard de la nuit

LISZT: Sonate h-Moll S 178

Lucas Debargue, piano

Der Konzertsaal ist schon mal klasse, der Mailänder Bekannte, mit dem ich schon Samstagabend Essen und dann Montag und Dienstag im Konzert und beide Male beim Abendessen war, meinte, es sei von der Akustik her der beste Saal Mailands. Los ging es mit romantisiertem Scarlatti, viel Pedal, Rubato … nicht mein Fall, skip. Ravels Gaspard hörte ich im Vorfeld zwar einige Male, aber so ganz komme ich damit noch nicht klar. Debargue kann das, keine Frage. Seine Technik scheint insgesamt exzellent zu sein, aber in Sachen Gestaltung kann er wohl noch etwas dazulernen, wie so viele junge Musiker dieser Tage. Nach der Pause dann der main event, die grosse Sonate von Franz Liszt. Debargue packte den Stier bei den Hörnern, ging Risiken ein, wählte manchmal so horrende Tempi, dass die Finger nicht mehr ganz mithalten konnte, falsche Töne sich zu den richtigen gesellten – das ist jedenfalls schon einmal die richtige Einstellung. In den ruhigen, leisen Momenten war er sehr stark, aber auch in der wuchtigen Intensität heimisch. Die Verbindung zwischen diesen beiden Polen schien mir jedoch manchmal etwas schwierig, etwas unorganisch, ein rasches Crescendo gepaart mit einem kurzen Accelerando und so war Debargue wenig mehr als einen Wimpernschlag später im anderen Extrem; ein Dazwischen, das die Extreme wirksamer würde werden lassen, gab es nur selten. Doch der Mann ist jung und ich werde wohl aus der Distanz aber mit einiger Sympathie verfolgen, was von ihm kommen wird. Die erste Zugabe war vermutlich ein Stück von Chopin oder Liszt oder auch Schumann … ich erkannte das Stück zwar, aber kam nicht drauf (der Bekannte schloss Chopin aus, aber ich bin immer noch der Meinung, dass es am ehesten Chopin gewesen ist). Die zweite Zugabe war dann leider eine der Kapitalsünden der Klassik-Welt – auch wenn das Publikum das nicht merkte und ziemlich abging: Debargue vergriff sich an Thelonious Monks „Round Midnight“ und ratterte durch, wie es nicht einmal Oscar Peterson getan hätte (ja, double time, auch meist eine Sünde, wenn es um Balladen geht, selbst von den grossen Jazzern konnten das nur wenige). Dabei kam Monk natürlich abhanden, sein Stück wurde ein pures Mittel zum Zweck. Schade, dass das Konzert so enden sollte.
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Der erste Bericht zum einwöchigen Italienurlaub von Januar/Februar 2017:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/01/roscoe-mitchell-plays-john-coltrane.html
Das nächste Kapitel der Klassik-Konzerte:
http://ubus-notizen.blogspot.ch/2017/02/studentinnen-des-conservatorio-di.html