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Kristian Bezuidenhout, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner: Brahms, Beethoven, Schubert - Tonhalle, Zürich, 14. November 2016

JOHANNES BRAHMS: Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
encore: BEETHOVEN: Largo, aus Sonate Op. 10 Nr. 3

FRANZ SCHUBERT: Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485

Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Kristian Bezuidenhout Hammerflügel

Bezuidenhouts Mozart-Serie auf harmonia mundi gefällt mir hervorragend, mit Orchester kannte ich bisher nur (einst wohl auf arte gesehen) einen Auftritt mit den Freiburger Barockern und Mozart-Klavierkonzerten, da hat Bezuidenhout vom Hammerflügel aus dirigiert – auch das fand ich hervorragend. Gardiner zählt hier zu den verehrteren Künstlern der Gegenwart, nicht nur mit Bachs Kantaten und Passionen, auch die Mozart-Konzerte mit Bilson, die Beethoven’sche Missa solemnis, die Opern Mozarts gefallen mir sehr gut, und die beiden bisherigen Konzerterlebnisse in der letzten Saison (Janáceks Missa glagolitica mit seinem Chor und dem Tonhalle-Orchester hier in Zürich und die Matthäus Passion mit seinem Chor und den English Baroque Soloists in Luzern) waren ebenfalls überragend.

Grosse Vorfreude also, aber auch ein paar Fragezeichen, denn mit Beethoven kannte ich – von der Messe abgesehen (und der „Leonore“ von Gardiner, die ich aber erst einmal rasch durchgehört habe) – beide noch nicht, Schubert hatte ich von Gardiner ebenfalls noch nicht gehört und Brahms liegt zwar da (mit Gardiner die Symphonien und das Requiem, die Serenaden mit Chailly), aber noch ungehört. Den Auftakt machte Brahms‘ zweite Serenade, in der die Bläser in Paaren auftreten und bei den Streichern die Violinen fehlen. Das ergibt einen besonderen Klang, den Gardiner dadurch noch verstärkte, dass er die Bläserpaare auf steilen Bühnenaufbauten hintereinander staffelte. Die Wirkung war toll, aber ich habe mich doch da und dort bei der langen Weile ertappt – das Ding von Brahms ist ganz nett, die einfachen Motive und ihre Entwicklung schön nachzuvollziehen aber da und dort zieht es sich ein wenig.

Nach einer längeren Umbaupause ging es dann mit Beethovens viertem Klavierkonzert weiter. Die Geigen waren wieder dabei, die Streicher sonst wohl ähnlich zahlreich – für Beethoven vermutlich eine Art Minimalbesetzung (vgl. erste Rezension unten), gegen die Bezuidenhout am Hammerflügel aber dennoch einen schweren Stand hatte, vor allem im ersten Satz. Es brauchte oft eine gehörige Anstrengung, im durchaus transparenten aber auch wuchtigen Gesamtklang den Flügel herauszuhören. Ich weiss nicht, ob ich zu weit vorne sass (etwas zu tief unten) und ob man in der achten oder zehnten Reihe mehr vom Hammerklavier gehört hätte – oder ob man dort erst recht gar nichts mehr hören konnte. Jedenfalls war es irgendwie imposant anzusehen, wie Bezuidenhouts Hände über die Tastatur flogen, wie er einen heroischen Kampf focht, in dem er aber immer wieder unterzugehen drohte. Nach der unfassbaren Kadenz, in der man zum ersten Mal hören konnte, wie schön Bezuidenhouts Instrument eigentlich klang (und dass es durchaus etwas Volumen besitzt, auch wenn es beim Zusammenspiel mit dem Orchester oft nahezu körperlos wirkte), hellte sich im zweiten Satz sich das Geschehen etwas auf. Der singenden Flügel verschaffte sich Gehör im Dialog mit dem drohend grollenden Orchester, zähmt dieses und bringt es schliesslich dazu, mit ihm zusammen in wohlklingenden Gesang einzustimmen. Der dritte Satz folgte direkt, explosiv, schnell … und am Ende brandete der Applaus wie eine Woge auf. Ein Wechselbad, in dem ich anfänglich durchaus den Gedanken an Beethoven hatte, wie dieser verloren an seiner Klapperkiste sass, die er fast manisch traktierte, ohne dass man was hören konnte … in der Hoffnung darauf wohl, dass dereinst ein Instrument erfunden würde, das Abhilfe schaffen würde. Bezuidenhout spielte nach mehreren Runden Applaus eine tolle Zugabe, wie ich lese das Largo aus der Sonate Op. 10 Nr. 3 (dass es Beethoven war, war mir ziemlich klar, aber ich wäre nicht drauf gekommen, was). Dann Pause, und es waren schon 90 Minuten verstrichen, die ziemlich raffiniert gemacht waren mit dem Höhepunkt Beethoven und der geradezu beruhigend wirkenden, getragenen Zugabe, in der man den durchaus schönen Klang des Instrumentes (ein neuer Graf-Nachbau) bewundern konnte.

Nach der Pause gab es dann gleich noch einen mächtigen Knall mit Schuberts fünfter Symphonie. Ausser der Celli und Bässen stand das ganze Orchester (die beiden vordersten Cellisten hatten auch den Dorn nicht ausgefahren), was – so kam es mir vor – eine rechte Ladung Energie freisetzte, die denn auch in der Musik überzeugend umgesetzt wurde. Ein Ende mit einem Knall. Was genau ich von Schuberts Symphonien (von der grossen C-Dur und der Unvollendeten mal ab) halten soll, weiss ich noch immer nicht, aber so gespielt im Konzert gerne jederzeit wieder!

Rezension der NZZ (wieder einmal Christian Wildhagen – guter Mann!):
Rezension auf Musicweb / Seen and Heard International

Claude Debussy: Pelléas et Mélisande - 27. Mai 2016, Opernhaus Zürich (Altinoglu/Tcherniakov)

Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Philharmonia Zürich
Zusatzchor der Oper Zürich
SoprAlti

Arkel, König von Allemonde: Brindley Sherratt
Pelléas, Arkels Enkel: Jacques Imbrailo
Golaud, Arkels Enkel: Kyle Ketelsen
Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe: Damien Göritz (Tölzer Knabenchor)
Ein Arzt: Charles Dekeyser
Mélisande: Corinne Winters
Geneviève, Mutter von Golaud: Yvonne Naef
Pelléas' Vater: Reinhard Mayr

Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Lichtgestaltung: Gleb Filshtinsky
Video-Design: Tieni Burkhalter
Choreinstudierung: Jürg Hämmerli
Dramaturgie: Beate Breidenbach

Wie so oft - ich hörte die Oper in den letzten Wochen ein paar Male an, zuletzt noch am Morgen vor dem Besuch im Opernhaus in der Boulez/Sony-Einspielung - half es enorm, eine Aufführung zu sehen, das Orchester in echt zu hören, um einen direkten Zugang zum Werk zu finden (das ja wohl eigentlich gar keine Zugänge erlaubt, wenigstens nicht im herkömmlichen Sinn). Es ist nicht gerade so, als gäbe der verworrene Plot etwas her, als würde die Musik grosse dramatische Bögen gestalten - ich verstehe jeden nur halbwegs Interessierten, der das Werk für langweilig oder langfädig hält. Das Bühnenbild war simpel, einer modernen Villa nachempfunden, mit sündhaft teuren Liegen, einem langen Designer-Holztisch im Hintergrund, einem Nebenraum mit Schiebetür - als Grotte und Wald (als Burg sowieso) völlig ungeeignet, ich hätte wohl ein noch abstrakteres Bühnenbild bevorzugt, aber egal, die Inszenierung gefiel mir sehr gut, sehr einfach, Golaud legte Mélisande erstmal auf die Couch (und band sie danach, das gab es nur als Einspielung, stumm, auf dem Flachbildschirm der Villa, ans Krankenhausbett - Bilder aus älteren Filmen mit Szenen aus der Psychiatrie wurden wach). Das mag man überflüssig oder albern finden, aber es spielte keine Rolle, drängte sich nicht zu sehr ins Geschehen.

Altinoglu erweckte die Musik zum Leben, wie er aus dem Orchester die ganzen ungewohnten Klänge hervorkitzelte, die Debussy vorschwebten, die er aber, gemäss dem Interview mit Altinoglu im Programmheft, manchmal nur halbwegs zu notieren vermochte: "Debussys Instrumentation ist nicht so genial wie die Ravels. Ravel macht keinen einzigen Fehler, bei ihm funktioniert die Instrumentation wie eine Schweizer Uhr: Wenn man das spielt, was in Ravels Partituren steht, funktioniert es perfekt. Wenn man die Dynamiken ausführt, die Debussy geschrieben hat, ist das nicht so. Man muss als Dirigent spüren, wo die Hauptstimmen un die Nebenstimmen liegen, und wie man beides kombiniert. [...] Wenn man dann aber die richtige Balance gefunden hat, ist es wunderschön." (aus: Programmheft "Pelléas et Mélisande", Opernhaus Zürich, Spielzeit 2015/16, keine Seitenzahlen)

Das war es in der Tat: wunderschön. Aber auch düster, verhangen, rätselhaft - ganz wie der Plot, die zur Hälfte aus Auslassungen, Leerstellen bestehende Dramatis personae. Aber diese Leerstellen gehören ganz zentral zur Faszination des Werkes - und sie sind, so scheint mir, musikalisch kongenial umgesetzt. Man erkennt durchaus kleine Motive, die eine Art unterschwellige Leitmotivik andeuten, überhaupt scheint Debussy die Melodie vor allem fürs Orchester vorgesehen zu haben, der Gesang entspricht in Gestus und Sprache der alltäglichen, gesprochenen Sprache. Und das Orchester spielte denn an dem Abend eine der Hauptrollen - es glimmte, drohte zu erlöschen, brannte auf blauer Flamme, brach dann aus, überdeckte auch einmal für kurze Augenblicke die Stimmen. Da fand alles aus Schönste zusammen. Und die Stimmen fand ich allesamt hervorragend, nur der Knabensopran war manchmal etwas laut/undifferenziert (aber immer noch besser als die quäkenden Sopranistinnen in den "lustigen" Rollen in traditionellen Opern, Zerbina usw., das ist ja oft Bauerntölpelhumor, der wohl noch Molière beschämt hätte).

Dass es eine Pause gab, war eigentlich ein Skandal ... dieses so wundersam schwebende, so ungreifbare Stück, das da direkt vor meiner Nase entstand und nahezu physisch wurde, zu unterbrechen? Was für eine Grobheit! Aber gut, der vierte Akt ist wohl einer der grossen Höhepunkte dieses musikalischen Gemäldes, der fünfte dann eine Art erweiterte "funèbre" (ist das Ding eigentlich Oper oder Symphonie in fünf langen Sätzen?). Wie Musik und Gesang immer wieder aus dem Nichts entsprangen und ins Nichts zurücksanken, das war schon pure Magie. Am Ende war ich erschlagen - innerlich jauchzend aber auch bereit, die fünfzig Schritte zum See zu gehen und direkt ins Wasser. Diese Mischung der völligen Niedergeschlagenheit bei zugleich grösster Beglückung ist ja ein eher selten Ding ("Le Bonheur", anyone?), umso wertvoller, diese Erfahrung bei einem Konzert zu machen, nicht bloss auf der Leinwand oder mit den Kopfhörern. Jedenfalls eine so rauschhafte wie niederschlagende Sache.

Und das stimmte mich nachdenklich, klar. Wenn "Pelléas et Mélisande" eben keine Krone der Spätromantik ist (als die sie wohl von Wagnerianern gerne betrachtet wird, doch kickt das Ding doch die Ärsche von all denen in Bayreuth ... die Karajan-Einspielung höre ich mir trotzdem bald mal an, scheint ja allein schon wegen des Spiels der Berliner Philharmoniker zu lohnen) sondern so etwas wie der (ein?) Beginn der modernen Oper, wofür es ja mancherlei überzeugend Argument gibt, so ist es wohl die Leere, das Spiel mit den Leerstellen, die Referenzen, die allesamt ins Nichts laufen, die Feststellung, dass man zwar etwas sieht, aber nicht versteht - oder anders: versteht, dass es nicht ums Verstehen auf einer schlichten Handlungsebene geht; wobei der Twist mit der Psychoanalyse vor diesem Licht nur noch sarkastischer - und als Regie-Einfall toller - wird, denn: Es gibt hier nichts zu Psychologisieren. Nichts. Die erschlagende, alles tränkende Traurigkeit, die sich über einen legt, ist die grundsätzliche Erfahrung der Leere in der Moderne - ich denke an Robert Walser und seinen drifter Jakob von Gunten, man mag auch an Beckett denken. Ein angeklebtes "Post-" ändert an der Intensität dieser Erfahrung, und damit sind wir dann wieder beim Kern: Nichts.

Patricia Kopatchinskaja, Chamber Orchestra of Europe, Thierry Fischer: Weinberg, Prokofiev, Beethoven - Tonhalle, Zürich, 9. Mai 2016

MIECZYSLAW WEINBERG: Sinfonie Nr. 10 a-Moll op. 98 "Transcendence" für Streicher
SERGEJ PROKOFJEW: Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63

LUDWIG VAN BEETHOVEN: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Patricia Kopatchinskaja Violine
Chamber Orchestra of Europe
Thierry Fischer


2016 schaffte ich endlich, Patrcia Kopatchinskaja im Konzert zu hören, als Teil der "Neuen Konzertreihe Zürich". Der Romand Thierry Fischer übernahm kurzfristig die komplette Tour (inklusive Repertoire), denn Vladimir Jurowski musste, wie es hiess, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Das war nun gar kein Verlust (obwohl ich Jurowski gelegentlich auch gerne mal in Aktion sehen würde).

Ich sass wieder mal hinter der Bühne, klanglich nicht perfekt für Prokofiev und Beethoven, aber ich mag es dennoch, dort zu sitzen, weil man viel vom Orchester mitkriegt (und die Plätze im Parkett wären mir schlichtweg zu teuer).

Auf die Weinberg-Symphonie war ich überhaupt nicht vorbereitet, kenne von ihm zwar einzelnes aber bisher keine Symphonien. Sie ist nur für Streicher komponiert, es spielten glaube ich 16 Musiker (je vier erste und zweite Geigen, je drei Bratschen und Celli sowie zwei Bässe). Das Stück ist phantastisch, viel solistische Passagen (für Violine, Viola, Cello und Kontrabass gleichermassen), sehr intensiv, reich an Farben und mit einigem Humor, aber als Ganzes doch nachdenklich, melancholisch, brütend. Das Publikum war wie zu erwarten unruhig, Gehuste, scharrende Füsse etc. Aber die meisten waren auch schondabei, als Beethoven noch selbst seine Symphonien dirigierte, im 20. Jahrhundert (vom 21. zu schweigen) kommen die Silberrücken nicht mehr an (aber was mit den Klassik-Sälen geschieht wenn die mal ausgestorben sind, ist die nächste Frage - trotzdem könnten sie mal noch einen Versuch wagen, die Stöcke aus dem A... zu ziehen, bitte).

Dann gab es einen kleinen Umbau für Prokofievs zweites Konzert, hinter den vergrösserten Streichern baute sich eine ganze Reihe Bläser auf, zudem zwei Schlagzeuger. Das Konzert mag ich einigermassen gerne (hatte in den Tagen davor öfter die Einspielung unter Jurowski auf naïve angehört), ging auch v.a. deshalb in die Tonhalle, um endlich Patricia Kopatchinskaja live zu hören. Sie nahm die Bühne im Sturm, spielte vom Solo-Einstieg an höchst konzentriert, stampfte, tanzte wenn sie nicht spielte, drehte sich immer wieder zu den Musikern oder Registern um, mit denen sie gerade in Dialog trat ... eine brennende, intensive Interpretation, aber musikalisch nach dem grossartigen Werk Weinbergs für mich etwas weniger toll, einfach von der Komposition her, da konnte Kopatchinskaja gar nichts dafür. Bei den lauten Passagen war von meinem Platz aus die Solo-Violine oft kaum noch zu hören, aber damit hätte ich rechnen müssen.

Als Zugabe spielte sie dann den zweiten Satz aus Ravels Sonate für Violine und Cello, gemeinsam mit dem Solo-Cellisten, den man davor in Weinbergs Zehnter ausgiebig zu hören bekam. Auch das mit viel Engagement und Verve gespielt. Kenne das Stück bisher nicht, aber irgendwo steht die Decca-Box mit Ravels kompletten Werken herum ...

Nach der Pause gab es eine mitreissende Aufführung von Beethovens siebter Symphonie: ein rauschhafter Tanz, sehr beeindruckend, das Orchester nochmal etwas angewachsen und umgestellt (die ersten und zweiten Geigen am Bühnenrand, Bratschen und Celli dazwischen). Das Stück entwickelte eine ungeheure Dynamik, stellenweise hätte man eine Nadel fallen hören, und wenige Schläge später erklang ein sattes fff. Leider sassen nun die sehr aktiven (und verdammt guten!) beiden Hornisten vor bzw. unter mir, was den Gesamtklang stellenweise doch etwas aus den Fugen geraten liess.

Jedenfalls ein hervorragendes Konzert und ein tolles Erlebnis, ein so gutes und quicklebendiges Orchester live zu erleben!


Der Rezensent der NZZ war fast noch begeisterter:
http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/patricia-kopatchinskaja-in-der-tonhalle-zuerich-mit-haut-und-haar-ld.81773

Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov: Schumann, Sciarrino, Schubert - Tonhalle Zürich, 17. April 2016

17. April - Kammermusik-Soiree - Kleiner Saal, Tonhalle, Zürich

Isabelle Faust - Violine
Jean-Guihen Queyras - Violoncello
Alexander Melnikov - Klavier

ROBERT SCHUMANN: Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 63
SALVATORE SCIARRINO: Trio Nr. 2 (1987)

FRANZ SCHUBERT: Klaviertrio Nr. 1 B-Dur op. 99 D 898

Zugabe: SCHUMANN: Klaviertrio Nr. 2 F-Dur op. 80 - III. In mässiger Bewegung

Sehr schöner Abend, ganz wie erhofft - und dass es nach der Pause Schubert statt des angekündigten ersten Klaviertrios von César Franck gab war am Ende wohl eher zu begrüssen (obgleich ich schon an Francks Trio interessiert gewesen wäre, zumal ich die vier frühen Klaviertrios nicht kenne). Wie die drei gemeinsam muszierten war wunderbar anzuschauen und anzuhören - sie tun das ja nicht als zusammengewürflete "All Stars" sondern mit Plan, Absicht und Beharrlichkeit seit Jahren. Es herrschte sichtlich gelassene Stimmung auf der Bühne, Queyras machte zu Beginn eine Ansage zur Programmänderung (anscheinend lagen Zettel auf, aber bis ich aufkreuzte waren die weg), als sie in der ersten Hälfte zu Sciarrino wiederkehrten, hatte Faust irgenwelche Probleme mit der unförmigen überformatigen Partitur - Melnikov grinste im Hintergrund und hielt sein Tablet in die Höhe ... das Stück von Sciarrino kam beim Rentnerpublikum (in 10 Jahren werden noch 20 Leute da sein, um an solche Konzerte zu gehen ... aber gut, bei Orchesterkonzerten oder Klavier-Rezitalen sieht es besser aus, Kammermusik scheint was für alte bis scheintote Leute zu sein, leider) nicht gut an, es gab Getuschel, etwas Gehuste, Rumgerutsche auf den Sitzen - aber ich fand es klasse, auch mal was Zeitgenössisches (na ja, 1987, immerhin) im Konzert zu hören. Grossteils bestand es aus Obertönen der Geige und des Cellos, die allerlei Reminiszenzen an Alltagsgeräusche und Vogelgezwitscher weckten und immer wieder ganz bezaubernd zusammenfanden und -klangen.

Das romantische, intensive Schumann-Trio und danach das irgendwie heiter-abgeklärte D 898 von Schubert mit seinen üppigen Beethoven-Anklängen ergaben einen tollen Kontrast. Schumann brütend, dicht, manchmal ziemlich dissonant und komplex, Schubert daneben für einmal ziemlich heiter (klar, ich mag D 929 auch etwas lieber, aber am Ende ist es doch fast schon beruhigend, auch vom späten Schubert noch ein Werk zu haben, das nicht so düster und brütend ist, nicht?) und klar, noch nahezu klassisch, oft sehr tänzerisch und leicht - und raffiniert in der Aufteilung der Stimmen: Während Schumann eher alles zugleich aufschichtet, treten vor allem Geige und Cello bei Schubert immer wieder - manchmal abrupt und überraschend - in den Dialog.

John Eliot Gardiner - Bach: Matthäus-Passion - KKL, Luzern, 17. März 2016


JOHANN SEBASTIAN BACH
Passio Domini nostri J.C. secundum Evangelistam Matthæum (aka: Matthäus-Passion) (BWV 244)

Mark Padmore (Evangelist)
Stephan Loges (Jesus)
The English Baroque Soloists
The Monteverdi Choir
Luzerner Sängerknaben
John Eliot Gardiner

Ein harter Brocken, aber zugleich ein Werk von unglaublicher Vielschichtigkeit - das das ist ja wohl längst bekannt. Die Bühne war zweigeteilt, zwei Chöre à 14 Stimmen, dazwischen freie Stufen, auf denen sich die Sängerknaben zum Eingangschor des ersten Teiles und den Schlusschören beider Teile hinzugesellten, die aber auch den Chorsolisten als Weg nach vorn dienten, wenn sie Arien zu sinden hatten. Die zwei Orchester - etwas grösser als die Chöre, wohl 17-18 Personen je - sassen davor, Continuo war mit Fagott besetzt und relativ üppig, die Gambe (nur im zweiten Teil) übernahm den freien Stuhl Jesu' (ha! dabei gehört der doch Petrus und hätte mal in Liechtenstein sein sollen, bevor er dann zur Geldwaschmaschine der Mafia wurde), während dieser rechts am Rand neben der Orgel sass, um seine wenigen Einsätze des zeiten Teiles zu sinden. Judas, Petrus und Pilatus blieben meist hinten stehen, die Soli der Chorsängerinnen und -sänger waren von unterschiedlicher Güt: es gab einen ziemlich tollen Counter (Reginald Mobley), aber mit Eleanor Minney leider keine so beeindruckende Altistin, die Sopransoli waren auf vier Sängerinnen aufgeteilt (im Programm wird nur Hannah Morrison als Solistin angegeben), unter den weiteren Männern gab es einen, der herausstach, ich vermute es war Nicholas Mogg - kam mit einer Nonchalance nach vorne und sang seine Arie, als gäbe es nichts Leichteres in der Welt.

Mark Padmore war durchwegs herausragend, Stephan Loges schien eine halbe Stunde zu brauchen, um richtig warm zu werden, was etwas schade war, da damit die Hälfte seines Einsatzes schon vorbei war, bevor er in die Gänge kam. Im ersten Teil begann alles etwas verhalten, der öffnende Choral kam im zu grossen - aber akustisch beeindruckenden - Saal höchstens als Mezzoforte daher, doch über den ganzen ersten Teil gab es einen Bogen, einen ganz allmählichen Aufbau, der am Ende sehr eindrücklich war - und dann wurde man zweifelnd in die Pause entlassen. Zweifelnd, weil Gardiner das Werk so deutete, und zweifelnd auch ein wenig wegen des Erlebten, was nun weniger mit der Qualität des Gebotenen als mit den Umständen zu tun hatte: alles etwas zu leise, die Huster, Raschler, Sitzknarrer daher umso lauter, der Saal schlicht zu gross für das kleine Ensemble - der Fluch der Alte-Musik-Ensembles.

Der zweite Teil begann dann aber auf einem ähnlichen Level, wie der erste geendet hatte - und so ging es intensiv weiter. Insgesamt eine wie mir schien viel härtere, kargere Version als die für Archiv Produktion Ende der Achtziger eingespielte (wohl meine liebste, aber ich kenne noch nicht viele). Das faszinierende für mich war, dass die Musik zugleich düster und kalt war, wie sie auch zuversichtlich war und voller Liebe, ergo auch: Wärme. Das war ein grosses Leidenstheater, aus dem man wohl zweifelnd und durchgerüttelt herausgeht - aber ganz und gar nicht ohne Zuversicht. Der theatralische Aspekt wurde noch betont durch die Bewegung der Figuren - alle in Schwarz (keine Krawatten natürlich, die Kleidungsregel hatte das Publikum aber nicht mitgekriegt), auf der kargen Bühne, die wie der ganze Saal in hellem (und weiss gestrichenem) Holz gehalten ist.

Jedenfalls ist da eine Neueinspielung angesagt. Hoffe, die wird es auch geben, Gardiner scheint ja auf seinem SDG-Label einiges wieder einzuspielen, das er zuvor für DG/Archiv schon einmal gemacht hatte (so auch die Johannes-Passion, von der ich allerdings nur die neuere, auch schon über ein Dutzend Jahre alte Einspielung kenne).


Hier die Rezension der NZZ aus berufenerem Munde:
http://www.nzz.ch/feuilleton/o-mensch-bewein-dein-suende-gross-1.18714980


PS: Ein Nachtrag, denn es ärgerte eben doch zu sehr, um es zu ignorieren ... ein solcher Konzertsaal in Luzern funktioniert natürlich nur, wenn das Publikum aus Zürich herbeikarrt. Dass ein Abend mit der Matthäus-Passion lange dauert, erst recht wenn man die übliche mit überteuerten Häppchen und Merchandising gefüllte Pause veranstaltet, kann man sich denken, dass 19:30 ein zu später Beginn ist, wenn kurz nach 23 Uhr der letzte vernünftige Zug fährt, eigentlich auch. So war ich mir zunächst gar nicht sicher, ob das eine "standing ovation" war oder nur zahllose Leute, die sofort den Saal verliessen, auch wir gingen nach ein paar Minuten Applaus, der denn auch - wie in der NZZ ja erwähnt - etwas lauwarm ausfiel, weil der Saal halt schon halb leer war. Das ist sehr schade, und gerade bei einem, ähm Premium-Anlass mit doppelten Premium-Preisen, eigentlich total daneben. Andererseits muss das Publikum ja nach der Arbeit auch erstmal da hinfahren - aber wenn man bis über 150€ für eine Karte hinblättert, kann man an dem Tag auch mal um 16 Uhr Feierabend machen und ein Konzertbeginn um 19:00 wäre überhaupt gar kein Problem und das Ende damit völlig entspannt. Ich fand es jedenfalls sehr schade, auch aus Sicht der Musiker, die es verdient hätten, wäre man da noch eine Viertelstunde klatschend gestanden!

Julia Fischer & Igor Levit - Beethoven: Violinsonaten No. 9 & 10 - Tonhalle, Zürich, 10. Januar 2016

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47 "Kreutzersonate"
Sonate Nr. 10 G-Dur op. 96

Julia Fischer, Violine
Igor Levit, Klavier

Julia hatte die Haare schön, Igor die Schuhe poliert ... ne, ich sass so weit hinten, dass ich solche Dinge nur erahnen konnte, aber die beiden gaben schon ein hübsches Paar ab, zweifellos. Doch darum ging es ja zum Glück nicht und das wurde schon bei Fischers Auftakt zur "Kreutzer" klar: da ging es um nicht wenig, nein, um Alles! Der Saal war beim dritten Konzert eines kompletten Zyklus der Beethoven'schen Violinsonaten jedenfalls auf den letzten Platz gefüllt (gestern abend spielten sie Nr. 1-4, heute in der Matinée Nr. 5-8, aber ich ging nur am Abend in den dritten Teil).

Ich kenne von Fischer bisher auf CD nur die Mozart-Konzerte und finde diese sehr schön, etwas gepflegt vielleicht, aber dies auf eine Art, die zu den Werken gut passt - und auch überaus direkt, gradlinig und schnörkellos. Über eine Live-Aufführung der "Kreutzer" von ihr hatte ich einst euphorische Worte gelesen (ich weiss nicht mehr, wer damals der Pianist war, aber wohl eher nicht Levit), daher waren meine Erwartungen hoch - skeptisch hoch, denn ich konnte mir aufgrund dessen, was mir von Fischer vertraut ist, nicht so richtig vorstellen, wie sie mit der "Kreutzer" klarkommen würde, die ich am liebsten in zupackenden Versionen mag wie jener von Szigeti/Bartók oder in jüngerer Zeit Kopatschinskaja/Say. Ich wurde so gesehen positiv überrascht, Fischer hatte durchaus den Mut zum Hässlichen und den Willen, die Musik krachen zu lassen, zupackend aber nie auf den Effekt aus, dann wieder unfassbar zart und feinziseliert (ist Ornament wirklich immer Verbrechen?) - Levit (der Noten vor sich hatte, zum Glück keine Pannen beim Umblättern; Fischer spielte frei) entpuppte sich rasch als sehr aufmerksamer Partner, der sich auch auf Augenhöhe bewegte, was in der "Kreutzer" auf andere Weise zum Zug kommt als in der, wie soll ich sagen, integrierteren Sonate Nr. 10 Op. 96, meiner innig geliebten. In der "Kreutzer" wurde immer wieder extrem entschleunigt, das wirkte auf mich beim ersten Mal etwas unorganisch, doch der Eindruck verflog später, es schien eher so, als würde die Maschinerie der Beethoven'schen Musik jeweils zu einem kurzen Ruhepunkt finden, bevor sie sich wieder in immer irreren Figuren und mit immer wilderen Schlenkern zu drehen begann.

Nach der Pause ... warum braucht es denn Pausen? Pausen sind die überflüssigste Erfindung des Konzertbetriebes, ein Jammer was da abgeht. Klar, die Musiker brauchen sie vielleicht, der grössere Teil des Publikums noch mehr, und der eh schon übersubventionierte Veranstalter braucht die Kohle der Cüplischlürferinnen - aber der Musik wird mit der Art von Pausen nicht gedient, es müsste eher - das wäre doch eine Frage des Respekts, nicht? - ehrfürchtige Stille (oder meinetwegen aufbrausende Wut) über das Gehörte vorherrschen, aber nicht die Banalität der Konversation, der leeren Floskeln, das Schaulaufen überparfümierter verblühter Damen und getunter Trophäenweibchen. Da sind mir die gebückten Alten mit ihren seltsam gemusterten Anzügen aus den Siebzigern und Achtzigern, ihren schiefen übergrossen Brillen doch tausendmal lieber und näher. Gut, soviel zur Pause.

Nach der Pause ging es dann mit Op. 96 weiter und mir schien, die beiden wären von der "Kreutzer" fast noch etwas zu sehr im Schwung, ich mag die Sonate jedenfalls gerne etwas weniger treibend (und sei es nur gefühlt, Tempo hat ja nur bedingt mit dem zu tun, was das Metronom sagt), etwas mehr nach innen als nach aussen strahlend, gewissermassen. Was aber auch bei der engen Verzahnung der Stimmen in Op. 96 wieder klar wurde ist, was für ein unheimlich präziser, genauer Pianist Levit ist - es gab zwar manchmal Momente, wo die beiden nicht so ganz zusammen zu sein schienen, aber die Feinheit und Differenziertheit in beider Spiel war immer wieder beeindruckend, und bei Levit noch mehr als bei Fischer, fand ich.

Nichtsdestotrotz ein toller Konzertauftakt im neuen Jahr, als Fazit würde ich sagen: die "Kreutzer" zupackender als erhofft (aber nicht ganz zupackend genug für meinen Geschmack), Op. 96 dann etwas zu zupackend. Ich möchte aber keineswegs suggerieren, die beiden hätten die Sonaten nicht angemessen unterschiedlich interpretiert, das war durchaus der Fall, ich bin einfach bei beiden wohl etwas wählerisch, aber die heutige Live-Darbietung fügt sich bestens in eine ganze Reihe geschätzter Aufnahmen ein, für die z.B. bei der "Kreutzer" auch gilt, dass sie mir nicht hemdsärmlig genug sind (z.B. Grumiaux/Haskil oder Francescatti/Casadesus).

Klassik - 2014

25. Februar - Tonhalle, Zürich

JOHANN SEBASTIAN BACH: Goldberg-Variationen (BWV 988)
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klaviersonate Nr. 32 c-Moll, Op. 111

Lars Vogt, Klavier

Die Goldberg-Variationen fein gespielt, mit wundervollem Touch, mit farbenreicher Klangpalette - Dauer etwa 75 Minuten. Nach der Pause gab es Beethovens Sonate Op. 111 - ein erstaunliches Werk, aufregend, es live zu hören! Eine Zugabe brauchte es danach nicht mehr.

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27. März - Tonhalle, Zürich

LUDWIG VAN BEETHOVEN: Missa solemnis D-Dur, Op. 123

Ricarda Merbeth, Sopran
Bernarda Fink, Mezzosopran
Werner Güra, Tenor
Christof Fischesser, Bass

Zürcher Sing-Akademie mit Ars Canora (Dir. Stephan Fuchs)
Tim Brown, Einstudierung, Andreas Felber, Assistenz
Tonhalle-Orchester Zürich
Bernard Haitink, Leitung

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4. April - Tonhalle, Zürich

JOHANN SEBASTIAN BACH 
Passio Secundum Johannem (Johannes-Passion, BWV 245)

Hana Blažíková, Sopran
Maarten Engeltjes, Altus
Tilman Lichdi, Tenor
Klaus Mertens, Bass

Zürcher Sing-Akademie (Tim Brown Einstudierung)
Tonhalle-Orchester Zürich
Emanuele Forni, Laute
Hille Perl, Viola da gamba
Ton Koopman

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18. November - KKL, Luzern

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
Auszüge aus "Giulio Cesare in Egitto" (HWV 17) und Suite Nr. 3 G-Dur (HWV 350) aus "Water Musicke"
Zugabe: Auszüge aus "Ode for the Birthday of Queen Anne" (HWV 74)

Natalie Dessay Sopran (Cleopatra)
Christophe Dumiaux Countertenor (Giulio Cesare)

Le Concert d'Astrée
Emmanuelle Haïm


Sehr tolles Konzert, der Saal (der tolle grosse Konzertsaal des Luzerner KKL) war für Dumiaux' Stimme eine Spur zu gross, wenn die Band mal richtig in Schwung war, drohte teils auch Dessay etwas unterzugehen - allerdings war das wiederum auch klasse gestaltet, wie die Stimmen mit der Musik verschmolzen, um sich dann wieder aus ihr zu erheben. Dessay klang warm, überhaupt nicht scharf - wenn man so sagen darf, scheint ihre Stimme gut zu altern bzw. zu reifen. Und Händel, verdammt, ich muss mich unbedingt mehr mit seinen Opern (und Kantaten) befassen - wahnsinnig schöne Musik, geniale Melodien am laufenden Meter!

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9. Dezember - MASSENET: Werther - Deutsche Oper am Rhein (Duisburg)

Mehr dazu hier auf S. 31:
https://issuu.com/deutscheoperamrhein/docs/spielzeit_2014-15

Klassik - 2012

26. November - Grigori Sokolov - Philharmonie, Luxembourg

Grigori Sokolov in der Philharmonie Luxembourg - mit Rameau (Suite in D aus dem zweiten Buch der "pièces de clavecin"), Mozart (KV 310) und Beethoven ("Hammerklavier"), sowie einem Strauss von Zugaben. Beeindruckend!

Klassik - 2006

5. Februar - Elisabeth Leonskaja - Klavierissimo, KZO, Wetzikon

Werke von Schostakowitsch und spätes von Brahms