Shabaka and the Ancestors - 20. März 2017, Moods, Zürich

Ein grandioses, ohne nennenswerten Unterbruch gespieltes, fast zweistündiges Set, das etwas verhalten anfing, aber bald schon den ersten Höhepunkt ansteuerte. Siyabonga Mthembu, der Sänger, stand in der Mitte und war eine zunächst etwas gewöhnungsbedürftige Erscheinung, seine Fellmütze und den Winterpulli zog er nach einer halben Stunde aus und darunter kam ein ausgewaschenes Bauhaus-T-Shirt zum Vorschein – womit seine enge gemusterte Hose irgendwie plötzlich Sinn ergab … aber tolle Stimme und tolle Bühnenpräsenz, keine Frage! Links von ihm stand der Altsaxophonist der Band, Mthunzi Mvubu, rechts der Gast und Leader Shabaka Hutchings am Tenor, hinter ihnen Ariel Zomonsky am Kontrabass, ganz links auf der Bühne Gontse Makhene an seinen Congas und ganz rechts Tom Skinner am Schlagzeug, der kurzfristig für den Drummer der Gruppe, Tumi Mogorosi, eingesprungen ist, der Probleme mit Visa hatte. Dass die alten Jazzheads in der ersten Reihe vorzeitig gingen, wunderte mich gar nicht; ein paar von ihnen hatte ich vor einer Woche bei Joe Lovano gehört, wo ich mir im Publikum wieder mal wie ein Fremdkörper vorkam, bei Shabaka und den Ancestors war es nun umgekehrt.

Die beiden Drummer – denn Makhene spielte mit einer Wucht, die dem Kit von Skinner ebenbürtig war! – sassen sich quasi gegenüber und hatten sich im Auge, Bassist Zomonsky hatte meist Makhene im Blick und die beiden hatten offensichtlich allergrössten Spass am energiegeladenen Zusammenspiel. Mvubu spielte ein boppiges Alt, das immer wieder in lange, flüssige Linien fiel, doch in seinen besten Momenten wurde das so intensiv, dass die Linien wieder brüchig wurden, kantig, aus den Changes ausbrachen – ein wenig wie Jackie McLean in seinen allerbesten Momenten Mitte der Sechzigerjahre. Hutchings repetierte dagegen gerne melodische Kürzel, aus denen er sich in stark rhythmische Soli hineinsteigerte, die eher an James Brown (bzw. Maceo Parker) denn an Bebop gemahnten, aber auch vom Geiste des späten John Coltrane beseelt waren. Er war alles in allem doch recht deutlich der Frontmann, zeitenweise geriet Mvubu etwas ins Hintertreffen (blieb denn auch gerne gleich mal am hinteren Bühnenrand, weit weg vom Mirko, stehen, und mischte sich über längere Phasen leider gar nicht mehr ins Geschehen ein, nur um für sein nächstes Solo oder eine Ensemblepassage wieder nach vorn zu kommen, während Hutchings eben auch gerne dabei blieb, wenn andere solierten (was ich durchaus als bereichernd und überhaupt nicht als Ego-Show empfand). Neben Hutchings zu bestehen ist aber auch enorm schwer, denn selbst wenn seine Soli im Verlauf der zwei Stunden doch von einer gewissen Gleichartigkeit waren, hat er einen phantastischen Ton, einen mitreissenden Drive und obendrein auch noch eine sehr gewinnende, offene Art.

Mthembu sang und skandierte, flüsterte, beschwor, schrie und tanzte, setzte sich aber auch einfach mal auf die Bühne, um den anderen zu lauschen. Zomonsky spielte einen tiefen, oft mehr gefühlten als gehörten (aber im Gegensatz zum Lovano-Konzert vor einer Woche doch ordentlich, vielleicht etwas zu sehr verstärkten) Bass, hatte mittendrin auch mal ein längeres Solo, in dem er allerdings etwas übersteuert klang – vermutlich so gedacht und für mein Empfinden auch durchaus passend (der Freund, der auch dabei war, empfand das aber ganz anders). Sehr toll war aber vor allem, wie die Verzahnung der Rhythmen mit den Melodien klappte, mit wieviel Punch die Saxophone auf die Beats der Drummer eingingen und wie daraus auch in den Soli immer wieder mitreissende Ensemble-Passagen entstanden. Dabei lässt die Musik der Ancestors durchaus auch Schattierungen zu, ist weniger fröhlich (aber auch weniger herzzerreissend traurig, das hängt ja beim südafrikanischen Jazz eng zusammen) als vieles, was ich aus Südafrika kenne, hat immer wieder einen melancholisch verhangenen Anstrich und schwelgt – und das kann Hutchings ganz hervorragend – auch in einfachen, eingängigen Melodien.

Nach knapp anderthalb Stunden sagte Hutchings die Musiker an und sprach über seine Begegnung mit der – etwas grösser besetzten, aber nicht alle sind mit auf der Tour – Band. Er meinte, das Album sei eigentlich als nicht viel mehr denn eine Erinnerung, als Dokumentation fürs Familienalbum der Beteiligten, gedacht gewesen – und schien fast selbst überrascht, dass im Anschluss daran eine Tour möglich wurde. Danach spielten sie noch einmal zwei Stücke, die wieder direkt aneinandergehängt wurden, und nach einem eher pro forma Abgang von der Bühne folgte direkt noch eine Zugabe, die eher nach Äthiopien in den Siebzigern denn nach Südafrika klang, und in der Mvubu seinen vielleicht besten Moment des Abends hatte und ein grossartiges Solo spielte, an das Hutchings dann – natürlich mühelos – anschloss.

Im Fazit ein ganz toller Abend, der das Album weit in den Schatten stellt. Ich hatte ja aufgrund des Albums das Gefühl, dass diese Musik live so richtig abgehen könnte – und gerade so ist es gekommen.

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