Matana Roberts - Coin Coin Chapter Two: Mississippi Moonchile - Rote Fabrik, Zürich, 22. März 2012

In ihrem auf zwölf Kapitel angelegten Zyklus „Coin Coin“ macht die Chicagoer Saxophonistin Matana Roberts sich auf die Suche nach den Spuren ihrer Vorfahrinnen im Süden der USA, erschafft dabei eine ganz eigene Lesart ihrer eigenen Geschichte und zugleich der Geschichte der Afro-Amerikaner von der Sklaverei bis in die Gegenwart, in der mit graphischer Notation – der Quilt dient als Modell –, mit Zitaten, Kostümierungen, Tanz und Multimedia-Elementen gearbeitet wird. Chapter One, „Gens de Coleur Libres“ betitelt, handelt von den frühesten Spuren, die Roberts Vorfahrinnen im Süden der USA, genauer in Louisiana hinterliessen, und auch von Marie Thérèze „Coin Coin“ Metoyer, einer legendären Gestalt, die sich im 19. Jahrhundert von ihrem Sklavendasein befreien konnte und gleichsam zur Urfigur der Emanzipation der Afro-Amerikanerinnen wird.

Mit Chapter Two, „Mississippi Moonchile“, geht die Geschichte über ins frühe zwanzigste Jahrhundert, als viele afro-amerikanische Familien den Süden hinter sich liessen und ihr Glück anderswo suchten. Viele von ihnen strandeten in den Town Ships in Chicagos South Side, wo sich schon im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert zehntausende Afro-Amerikaner angesiedelt hatten, die vom Rassismus, den fehlenden Jobs und mangelhaften Bildungsmöglichkeiten genug hatten.

In das ohne Unterbruch gespielte, wohl fünfviertelstündige Konzert flicht Roberts Zeugnisse ein aus vergangenen Epochen, rezitiert mal flüsternd, mal in einen eindringlichen Singsang gleitend, oder auch schreiend Notate und Zitate aus unbekannter Quelle, persönliche Dokumente, Stellen aus Briefen oder Tagebüchern.

Bei Matana Roberts, die rechts vorn am Rand der Bühne steht, führen alle Fäden zusammen, sie dirigiert die Band, lenkt die Musik in Bahnen, gibt Sänger Jeremiah Abiah Einsätze, lässt ihn wieder verstummen, regt einen Dialog von Schlagzeuger Tomas Fujiwara und Trompeter Jason Palmer an oder bläst ein Motiv, das umgehend von der Pianistin Shoko Nagai aufgegriffen zur Basis der folgenden Passage wird. Ein anderes Mal summt Roberts eine einfache Melodie, die Band summt mit, plötzlich spielt Thomson Kneeland dasselbe Motiv auf dem Kontrabass und es wird zum Fundament des nächsten Abschnittes. Die Musikerinnen und Musiker stehen im Halbkreis auf der Bühne, stets im Kontakt miteinander, die Musik entfaltet, öffnet sich Schritt für Schritt in einem konstanten Fluss – M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I, Mississippi, M-I…S-S-I… S-S-I… P-P-I – so abgedroschen das klingen mag: die Musik von Matana Roberts ist wie die Geschichte, wie das Leben ein Kontinuum aus Hochs und Tiefs, sie schwing sich hoch auf und lässt sich im nächsten Augenblick unvermittelt fallen, auf jubilierende Momente folgen herzzerreissend traurige, die buchstäblich zu Tränen rühren. Mit ihrem Altsaxophon gibt sie die Richtung vor, bläst liedhafte Motive oder rasante, manchmal an Ornette Colemans bluesgetränkt-quirlige Linien gemahnend, reisst Palmer mit, während die Rhythmusgruppe einen unbändig swingenden Freebop spielt. Ein anderes Mal fällt die Band in einen satten Coltrane-Groove, Roberts spielt ihr Alt mit schwerem Ton, bläst hymnische Linien über Fujiwaras Polyrhythmen und Nagais dichte Akkorde, während Kneeland die Musik mit wenigen Tönen zusammenhält.

S-o-m-e-t-i-m-e-s, Some-Times, Sometimes I F-e-e-e-e-e-el, Some-Times I-I-I Feel Like a-a-a-a, Some-Times I F-e-e-e-e-l Like… a Motherless Child – Roberts entführt uns in die Kirche, verarbeitet neben einfachem Blues auch Spirituals, aus denen sie nahtlos in kinderliedhafte Melodien gleitet, die Albert Ayler anklingen lassen. Gesungen wird immer wieder, nicht nur von Abiah, der mit einer tief beeindruckenden Blues-Improvisation ohne Worte eines der grossen Glanzlichter des Abends setzt. Auch Nagai und Palmer singen mit Roberts und Abiah im Chor, das Publikum wird zum mitsummen animiert, die alten Call and Response-Muster werden wieder zum Leben erweckt. Den stillen und umso intensiveren Ausklang des Konzertes machen Roberts und Abiah vor karger Begleitung mit einem gesungenen Duett der alten Gospel-Hymne „In the Garden“ – And He Walks with Me and He Talks with Me, and He Tells Me I Am His Own, … and the Joy We Share as We Tarry There… and the Joy We Share… and the Joy We Share…

Am Ende sitzt man da, ergriffen, schweigend, erschlagen von der Wucht der Musik, zum tiefen Nachdenken gebracht, aber auch erfüllt von einer wunderbaren Wärme (die nicht wohlig ist, zum wohlfühlen ist diese Musik nicht gemacht!) und der Überzeugung, dass man gerade etwas Grosses erleben durfte. Roberts Musik ist komplett, sie scheut keine Grenzen, schert sich nicht um Genres – und es gelingt ihr,

Thank you so very much, Matana – that was fuckin' great!

Flurin Casura / 23. März 2012

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