John Eliot Gardiner - Bach: Matthäus-Passion - KKL, Luzern, 17. März 2016


JOHANN SEBASTIAN BACH
Passio Domini nostri J.C. secundum Evangelistam Matthæum (aka: Matthäus-Passion) (BWV 244)

Mark Padmore (Evangelist)
Stephan Loges (Jesus)
The English Baroque Soloists
The Monteverdi Choir
Luzerner Sängerknaben
John Eliot Gardiner

Ein harter Brocken, aber zugleich ein Werk von unglaublicher Vielschichtigkeit - das das ist ja wohl längst bekannt. Die Bühne war zweigeteilt, zwei Chöre à 14 Stimmen, dazwischen freie Stufen, auf denen sich die Sängerknaben zum Eingangschor des ersten Teiles und den Schlusschören beider Teile hinzugesellten, die aber auch den Chorsolisten als Weg nach vorn dienten, wenn sie Arien zu sinden hatten. Die zwei Orchester - etwas grösser als die Chöre, wohl 17-18 Personen je - sassen davor, Continuo war mit Fagott besetzt und relativ üppig, die Gambe (nur im zweiten Teil) übernahm den freien Stuhl Jesu' (ha! dabei gehört der doch Petrus und hätte mal in Liechtenstein sein sollen, bevor er dann zur Geldwaschmaschine der Mafia wurde), während dieser rechts am Rand neben der Orgel sass, um seine wenigen Einsätze des zeiten Teiles zu sinden. Judas, Petrus und Pilatus blieben meist hinten stehen, die Soli der Chorsängerinnen und -sänger waren von unterschiedlicher Güt: es gab einen ziemlich tollen Counter (Reginald Mobley), aber mit Eleanor Minney leider keine so beeindruckende Altistin, die Sopransoli waren auf vier Sängerinnen aufgeteilt (im Programm wird nur Hannah Morrison als Solistin angegeben), unter den weiteren Männern gab es einen, der herausstach, ich vermute es war Nicholas Mogg - kam mit einer Nonchalance nach vorne und sang seine Arie, als gäbe es nichts Leichteres in der Welt.

Mark Padmore war durchwegs herausragend, Stephan Loges schien eine halbe Stunde zu brauchen, um richtig warm zu werden, was etwas schade war, da damit die Hälfte seines Einsatzes schon vorbei war, bevor er in die Gänge kam. Im ersten Teil begann alles etwas verhalten, der öffnende Choral kam im zu grossen - aber akustisch beeindruckenden - Saal höchstens als Mezzoforte daher, doch über den ganzen ersten Teil gab es einen Bogen, einen ganz allmählichen Aufbau, der am Ende sehr eindrücklich war - und dann wurde man zweifelnd in die Pause entlassen. Zweifelnd, weil Gardiner das Werk so deutete, und zweifelnd auch ein wenig wegen des Erlebten, was nun weniger mit der Qualität des Gebotenen als mit den Umständen zu tun hatte: alles etwas zu leise, die Huster, Raschler, Sitzknarrer daher umso lauter, der Saal schlicht zu gross für das kleine Ensemble - der Fluch der Alte-Musik-Ensembles.

Der zweite Teil begann dann aber auf einem ähnlichen Level, wie der erste geendet hatte - und so ging es intensiv weiter. Insgesamt eine wie mir schien viel härtere, kargere Version als die für Archiv Produktion Ende der Achtziger eingespielte (wohl meine liebste, aber ich kenne noch nicht viele). Das faszinierende für mich war, dass die Musik zugleich düster und kalt war, wie sie auch zuversichtlich war und voller Liebe, ergo auch: Wärme. Das war ein grosses Leidenstheater, aus dem man wohl zweifelnd und durchgerüttelt herausgeht - aber ganz und gar nicht ohne Zuversicht. Der theatralische Aspekt wurde noch betont durch die Bewegung der Figuren - alle in Schwarz (keine Krawatten natürlich, die Kleidungsregel hatte das Publikum aber nicht mitgekriegt), auf der kargen Bühne, die wie der ganze Saal in hellem (und weiss gestrichenem) Holz gehalten ist.

Jedenfalls ist da eine Neueinspielung angesagt. Hoffe, die wird es auch geben, Gardiner scheint ja auf seinem SDG-Label einiges wieder einzuspielen, das er zuvor für DG/Archiv schon einmal gemacht hatte (so auch die Johannes-Passion, von der ich allerdings nur die neuere, auch schon über ein Dutzend Jahre alte Einspielung kenne).


Hier die Rezension der NZZ aus berufenerem Munde:
http://www.nzz.ch/feuilleton/o-mensch-bewein-dein-suende-gross-1.18714980


PS: Ein Nachtrag, denn es ärgerte eben doch zu sehr, um es zu ignorieren ... ein solcher Konzertsaal in Luzern funktioniert natürlich nur, wenn das Publikum aus Zürich herbeikarrt. Dass ein Abend mit der Matthäus-Passion lange dauert, erst recht wenn man die übliche mit überteuerten Häppchen und Merchandising gefüllte Pause veranstaltet, kann man sich denken, dass 19:30 ein zu später Beginn ist, wenn kurz nach 23 Uhr der letzte vernünftige Zug fährt, eigentlich auch. So war ich mir zunächst gar nicht sicher, ob das eine "standing ovation" war oder nur zahllose Leute, die sofort den Saal verliessen, auch wir gingen nach ein paar Minuten Applaus, der denn auch - wie in der NZZ ja erwähnt - etwas lauwarm ausfiel, weil der Saal halt schon halb leer war. Das ist sehr schade, und gerade bei einem, ähm Premium-Anlass mit doppelten Premium-Preisen, eigentlich total daneben. Andererseits muss das Publikum ja nach der Arbeit auch erstmal da hinfahren - aber wenn man bis über 150€ für eine Karte hinblättert, kann man an dem Tag auch mal um 16 Uhr Feierabend machen und ein Konzertbeginn um 19:00 wäre überhaupt gar kein Problem und das Ende damit völlig entspannt. Ich fand es jedenfalls sehr schade, auch aus Sicht der Musiker, die es verdient hätten, wäre man da noch eine Viertelstunde klatschend gestanden!

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