Julia Fischer & Igor Levit - Beethoven: Violinsonaten No. 9 & 10 - Tonhalle, Zürich, 10. Januar 2016

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47 "Kreutzersonate"
Sonate Nr. 10 G-Dur op. 96

Julia Fischer, Violine
Igor Levit, Klavier

Julia hatte die Haare schön, Igor die Schuhe poliert ... ne, ich sass so weit hinten, dass ich solche Dinge nur erahnen konnte, aber die beiden gaben schon ein hübsches Paar ab, zweifellos. Doch darum ging es ja zum Glück nicht und das wurde schon bei Fischers Auftakt zur "Kreutzer" klar: da ging es um nicht wenig, nein, um Alles! Der Saal war beim dritten Konzert eines kompletten Zyklus der Beethoven'schen Violinsonaten jedenfalls auf den letzten Platz gefüllt (gestern abend spielten sie Nr. 1-4, heute in der Matinée Nr. 5-8, aber ich ging nur am Abend in den dritten Teil).

Ich kenne von Fischer bisher auf CD nur die Mozart-Konzerte und finde diese sehr schön, etwas gepflegt vielleicht, aber dies auf eine Art, die zu den Werken gut passt - und auch überaus direkt, gradlinig und schnörkellos. Über eine Live-Aufführung der "Kreutzer" von ihr hatte ich einst euphorische Worte gelesen (ich weiss nicht mehr, wer damals der Pianist war, aber wohl eher nicht Levit), daher waren meine Erwartungen hoch - skeptisch hoch, denn ich konnte mir aufgrund dessen, was mir von Fischer vertraut ist, nicht so richtig vorstellen, wie sie mit der "Kreutzer" klarkommen würde, die ich am liebsten in zupackenden Versionen mag wie jener von Szigeti/Bartók oder in jüngerer Zeit Kopatschinskaja/Say. Ich wurde so gesehen positiv überrascht, Fischer hatte durchaus den Mut zum Hässlichen und den Willen, die Musik krachen zu lassen, zupackend aber nie auf den Effekt aus, dann wieder unfassbar zart und feinziseliert (ist Ornament wirklich immer Verbrechen?) - Levit (der Noten vor sich hatte, zum Glück keine Pannen beim Umblättern; Fischer spielte frei) entpuppte sich rasch als sehr aufmerksamer Partner, der sich auch auf Augenhöhe bewegte, was in der "Kreutzer" auf andere Weise zum Zug kommt als in der, wie soll ich sagen, integrierteren Sonate Nr. 10 Op. 96, meiner innig geliebten. In der "Kreutzer" wurde immer wieder extrem entschleunigt, das wirkte auf mich beim ersten Mal etwas unorganisch, doch der Eindruck verflog später, es schien eher so, als würde die Maschinerie der Beethoven'schen Musik jeweils zu einem kurzen Ruhepunkt finden, bevor sie sich wieder in immer irreren Figuren und mit immer wilderen Schlenkern zu drehen begann.

Nach der Pause ... warum braucht es denn Pausen? Pausen sind die überflüssigste Erfindung des Konzertbetriebes, ein Jammer was da abgeht. Klar, die Musiker brauchen sie vielleicht, der grössere Teil des Publikums noch mehr, und der eh schon übersubventionierte Veranstalter braucht die Kohle der Cüplischlürferinnen - aber der Musik wird mit der Art von Pausen nicht gedient, es müsste eher - das wäre doch eine Frage des Respekts, nicht? - ehrfürchtige Stille (oder meinetwegen aufbrausende Wut) über das Gehörte vorherrschen, aber nicht die Banalität der Konversation, der leeren Floskeln, das Schaulaufen überparfümierter verblühter Damen und getunter Trophäenweibchen. Da sind mir die gebückten Alten mit ihren seltsam gemusterten Anzügen aus den Siebzigern und Achtzigern, ihren schiefen übergrossen Brillen doch tausendmal lieber und näher. Gut, soviel zur Pause.

Nach der Pause ging es dann mit Op. 96 weiter und mir schien, die beiden wären von der "Kreutzer" fast noch etwas zu sehr im Schwung, ich mag die Sonate jedenfalls gerne etwas weniger treibend (und sei es nur gefühlt, Tempo hat ja nur bedingt mit dem zu tun, was das Metronom sagt), etwas mehr nach innen als nach aussen strahlend, gewissermassen. Was aber auch bei der engen Verzahnung der Stimmen in Op. 96 wieder klar wurde ist, was für ein unheimlich präziser, genauer Pianist Levit ist - es gab zwar manchmal Momente, wo die beiden nicht so ganz zusammen zu sein schienen, aber die Feinheit und Differenziertheit in beider Spiel war immer wieder beeindruckend, und bei Levit noch mehr als bei Fischer, fand ich.

Nichtsdestotrotz ein toller Konzertauftakt im neuen Jahr, als Fazit würde ich sagen: die "Kreutzer" zupackender als erhofft (aber nicht ganz zupackend genug für meinen Geschmack), Op. 96 dann etwas zu zupackend. Ich möchte aber keineswegs suggerieren, die beiden hätten die Sonaten nicht angemessen unterschiedlich interpretiert, das war durchaus der Fall, ich bin einfach bei beiden wohl etwas wählerisch, aber die heutige Live-Darbietung fügt sich bestens in eine ganze Reihe geschätzter Aufnahmen ein, für die z.B. bei der "Kreutzer" auch gilt, dass sie mir nicht hemdsärmlig genug sind (z.B. Grumiaux/Haskil oder Francescatti/Casadesus).

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