5 Nights with Peter Brötzmann - 75th Birthday Anniversary, Pardon To Tu, Plac Grzybowski 12/16, Warschau (Teil 1)



Sonntag 6.3.

Sonntagmittag flog ich also wie geplant nach Warschau - was man nicht alles auf sich nimmt, um den guten Herrn Brötzmann zu hören (was für eine bekloppte Art zu reisen, das mit diesen Blechkisten, wo man Angst um seine Kniescheiben haben muss und auf Gedeih und Verderb seinem Sitznachbar ausgeliefert ist).

Erstmal da ging's am Kulturpalast - in der dortigen Touristeninfo wurde übrigens für die Brötzmann-Konzerte geworben! - vorbei (ich wählte natürlich sofort wieder Bahn und Tram und Bus, wo ich die Wahl hatte, sicher nicht mit dem Taxi direkt von der Ausfallstrasse vors Hotel). Für einen Gang zum Umschlagplatz (von dem aus 1942/43 über 300'000 Juden zur Vernichtung abgekarrt wurden, die meisten endeten in den Gaskammern von Treblinka) reichte die Zeit noch (man lese Jarosław Marek Rymkiewicz' "Umschlagplatz").



Danach machte ich mich auf zum Club, in dem Brötzmann seinen 75. feiern sollte, das Pardon, To Tu.



Der Club entpuppte sich als ziemlich klein, sechs oder sieben Stuhlreihen, vorn ein paar Fragmente aller Klappsesselreihen aus einem Kinosaal, dahinter Plasticstühle und Klappstühle aller Art, die jeweils nach den Anlässen blitzschnell um Tische gruppiert wurden (die während der Konzerte draussen im Gang verstaut waren). An der Bar gibt es nicht nur diverse Sorten Bier (ich fand rasch heraus, dass von den drei dunklen jenes im Offenausschank das Bier meiner Wahl sein würde) sondern auch Kleinigkeiten zu Essen: Focaccia, Hummus, Schupfnudeln etc., die man auch nach den Konzerten noch bestellen konnte.

Pardon To Tu, so fand ich später heraus, heisst so viel wie: Entschuldigung, dass es uns gibt. Ein paar heftige Kommentare zur aktuellen politischen Situation in Polen kriegten wir dann auch noch mit, aber auch abwiegelnde Kommentare, die mich ziemlich ratlos zurückliessen (das sei nicht so schlimm, wirklich bösartig sei die Regierung nicht). Aber dass das ein Laden war, dem man hier das Prädikat "alternativ" anhängt, war sofort klar, und das Publikum war entsprechend sehr gemischt, es gab ein paar Anzugsträger, typische halb-autistische Jazz-Nerds und viel junges Publikum.



Den Auftakt machte der Peter Sempels Film Rohschnitt Peter Brötzmann (DE, 2014), vom Regisseur selbst vorbeigebracht. Eine nervöse, wenig kohärente Sache, Handkamera, Dauerpräsenz (als Fragesteller, Kameraschüttler und - manchmal - Lachnummer) des Regisseurs. Es gibt Konzertausschnitte von diversen Spielorten (auch aus dem Parton), diverse Gruppen und Kollegen tauchen auf: Full Blast mit Marino Pliakas und Michael Wertmüller, Die dicken Finger, Hamid Drake, Jason Adasiewicz, John Edwards, Steve Noble, Paal Nilssen-Love, Steve Swell u.a.. Brötzmann spricht in seinem Heim in Wuppertal über seine Kunst und seine Musik - viele interessante Einblicke, aber für jemanden, der Brötzmann in seiner Bedeutung nicht bereits einigermassen einschätzen kann, entsteht kein Bild, das den Menschen und sein Werk als Ganzes zu fassen in der Lage wäre.

Mit Sempel und Steve Noble - die Musiker tauchten auch auf, allerdings nicht alle und die meisten erst nach dem Film - unterhielt ich mich später kurz. Draussen ergab sich auch ein längeres Gespräch mit Brötzmann - über die Probleme wegen mangelnder Auftrittsmöglichkeiten, die zusätzlich dadurch verschärft würden, dass Topleute zu Dumpingpreisen auftreten, was er wiederum nicht mehr tun müsse - aber auch über die Bedeutung von Auftrittsmöglichkeiten, denn: Wie kann die Musik sich weiterentwickeln, wenn die Musiker nicht vor Publikum spielen können? Zu dem Zeitpunkt war mir noch überhaupt nicht klar, wie toll das Publikum im Pardon sein würde, welche Begeisterung da aufflammt. Im übersättigten Westen gibt es das kaum noch, Musik ist, zumal in der öffentlichen Darbietung - selten existentiell, eher nice to have, man ist ja so souverän und überlegen und gibt sich sowas von keine Blösse, indem man etwa ehrliche Emotionen zeigt, wenn einen wer sehen könnte.

Später, inzwischen waren meine beiden (deutschen) Kameraden auf diesem Brötzmann-Trip eingetroffen, gab es dann auch noch für alle Anwesenden ein Stück der Geburtstagstorte. Voller Vorfreude auf Folgendes ging es dann ins Hotel zurück.




Montag 7.3.

Am nächsten Morgen machte ich mich alleine auf, fuhr zur Altstadt, flanierte von dort durch den Ogród Saski und den Königsweg (Trakt Królewski) entlang bis zum Beginn der Nowy Świat, von der aus dann meine kleine Plattenladentour beginnen sollte (dazu demnächst anderswo mehr). Ich deckte mich da v.a. mit neueren Veröffentlichungen aus der "Polish Radio Jazz Archives"-Reihe ein. Das schönste Detail oben: direkt neben einem der Läden die Tür, die sich der polnische Ableger der Anonymen Alkoholiker mit der polnischen Jazz Society teilt - wie passend!

Da ich danach praktisch mein ganzes Bargeld aufgebraucht hatte, ging ich munter zum nächsten Geldautomaten - doch der wollte nicht. Ich irrte dann etwas angespannt mit 60 Zloty in der Tasche herum, ging dann zum Hotel (WLAN) und kriegte heraus, wie ich das verdächtige Polen, das bei meiner Bank wie fast alle osteuropäischen Länder als Standard gesperrt ist, freischalten konnte. Direkt um die Ecke gab es einen Geldautomaten, und fünf Minuten später war das Problem tatsächlich gelöst (ich hätte nicht mal Bargeld mitgehabt, wer reist heute in der Zivilisation noch mit grösseren Geldbeträgen herum ...)



Dann, wieder ganz entspannt und mit nervöser Vorfreude, stand der erste der vier Konzertabende an. Um 19 Uhr waren wir dort, die Konzerte waren für 20:30 angekündigt, meist begannen sie so gegen 21 Uhr. Angekündigt waren für jeden Abend drei Sets à 30 Minuten, eines wurde jeweils im Voraus mit Line-Up angegeben, doch Steve Noble meinte schon am Sonntagabend, das sei nur, damit man dem Publikum mal eine Info rausrücken könne, ob das auch wirklich so käme, bleibe abzuwarten - und so war es denn auch, denn es kam alles noch besser!



Den Auftakt machten
Toshinori Kondo/Heather Leigh
 - die sehr amerikanische, inzwischen in Schottland lebende Dame an der Pedal Steel-Gitarre war für mich die grosse Unbekannte des Festivals (das keins sein wollte aber trotzdem eins war), Kondo wohl der Musiker, auf den ich mich am meisten freute (die andere hatte ich alle schon live erlebt, aber Kondo kriegt man ja kaum noch zu hören). Kondo spielte stets eine an einen Verstärker angeschlossene Trompete, deren Trichter schwarz legiert ist. Am Boden standen mehrere Pedale, neben ihm eine Kiste, in der weitere Effektgeräte verbaut hatte, an denen er öfter herumdrückte. Von Leigh gingen, so empfand ich, wenige Impulse aus, sie spielte an den ganzen Konzerten keine einzige Linie, keinen einzigen melodischen Bogen, zupfte immer einfache rhythmisch-harmonische Motive, die später bei intensiveren Sets durchaus auch mal eine Art Drone-Effekt erzeugen konnten, aber doch auch den Eindruck hinterliessen, dass ihre Möglichkeiten auf diesem seltsamen Instrument etwas limitiert sind. Ob das nun bewusst gewählt ist oder nicht mag ich nicht beurteilen, es spielt auch keine Rolle, sie war da, hat mitgespielt und entpuppte sich durchaus, bei aller Skepsis, auch immer wieder als Faktor, auf den die anderen Musiker reagierten, von dem aus sie ihre Ideen formten. So war das schon mit Kondo in diesem ersten Set, das einen sphärischen Auftakt bot, der durchaus einiges versprach.





Als fixes Set für diesen Abend war das aktuelle Quartett Brötzmanns angekündigt:
Peter Brötzmann/Jason Adasiewicz/John Edwards/Steve Noble
 - doch schon vorher war plötzlich ein weiterer Gast aufgekreuzt: Hamid Drake wurde eingeladen, ohne dass Brötzmann davon wusste, und anscheinend war auch erst Tage im Voraus klar, ob das klappen würde oder nicht. Es gab also nicht das Quartett sondern ein völlig einmaliges Quintett mit zwei Schlagzeugen in der Mitte der Bühne, Adasiewicz' Vibraphon links daneben und rechts Edwards am Bass sowie ganz aussen Brötzmann, der auf einem Tisch seine Instrumente lagerte. Er spielte an diesem Abend nicht nur Tenorsaxophon sondern packte auch seine versilberte Klarinette und sein Tárogató aus, zudem griff er erfreulicherweise auch noch zur Bassklarinette. Dieses Set dauerte deutlich länger und war von einer unglaublichen Wucht. Die beiden Trommler hatten sichtlich Freude, zusammen zu spielen, sehr schön war auch der Moment zu Beginn - Noble, Edwards und Brötzmann spielten bereits - als Adasiewicz und Drake sich mit Blicken koordinierten und dann zur Attacke auf die anderen drei bliesen. Adasiewicz traktierte sein Vibraphon nicht nur mit zwei, drei oder vier Schlägeln (drei gab es, wenn einer davonflog, was in der Hitze mehrmals vorkam) sondern auch mit Bögen wie man sie für Streichinstrumente verwendet, aber auch mit einem präparierten Stab, mit dem er waagrecht auf die Tasten hämmerte. Sein Spiel wechselt zwischen heftigen Klangattacken und Linien, was ihm grosse Möglichkeiten bietet, auf die Musik ganz unterschiedlich Einfluss zu nehmen, eine breite Palette an Möglichkeiten bietet (was mir bei Leigh wie oben schon durchscheint etwas fehlte). Über John Edwards braucht man eigentlich keine Worte mehr zu verlieren, er ist seit vielen Jahren fast schon hyperaktiv und mit Sicherheit einer der besten Bassisten unserer Zeit. Der Mann am Saxophon gab sich an den vier Abenden keinen Moment der Blösse, schon bei diesem ersten Auftritt beeindruckte er mit seiner Kraft und seinem riesigen Sound. Irgendwann schnappte ich draussen auf, wie er zu jemandem sagte: klar, Coleman Hawkins - und so war es, es gab einen Moment, wo er mit dem Motiv aus "Driva Man" aufwärmte, und einen Abend später griff er dieses Motiv in abgewandelter Form in einer längeren Passage wieder auf.



Das war an sich ein Set to end all music, ich hätte direkt nachher den Flieger nehmen (oder sterben) können und wäre glücklich gewesen. Doch das war's noch nicht. Han Bennink kam auf die Bühne, schlaksig und mit den üblichen zu kurzen Hosen, schnappte sich den Tritthocker, der an sich den Musikern dazu dienen sollte, auf die Bühne zu kommen, und spielte fortan nur noch auf diesem (auf ihm sitzend und einmal auch auf ihm trommelnd). Alle dachten, er mache noch einen kurzen Soundcheck, doch wenn Bennink beschliesst, das sei bereits das Konzert, dann ist dem auch so. Es gab dann ein kurzes Duo
Jason Adasiewicz/Han Bennink
als Adasiewicz nochmal auf die Bühne kletterte (Respekt, nach dem unglaublichen Set davor überhaupt nochmal zu spielen - Bennink scherte sich keinen Deut darum, dem ist sowas wohl komplett egal oder er transportiert wenigstens äusserst erfolgreich dieses Bild). So waren bis dahin alle mal zu hören gewesen bis auf Alexander von Schlippenbach, der erst am nächsten Tag anreisen sollte.






Dienstag 8.3.

Am Morgen des zweiten Tages ging es auf die andere Seite der Weichsel, nach Praga. Man glaubt da, in einer anderen Stadt zu sein, oder auch: da sieht Warschau noch so aus, wie ich es in Erinnerung hatte vom letzten Besuch vor etwa 15 Jahren. Wir gingen hinaus zum Neon-Museum (das geschlossen war, aber das hatten wir schon im Voraus rausgekriegt), das in einem ehemaligen Fabrikgelände liegt, "Soho Factory" nennt sich das, da gibt es teure Läden, Büros, Neubauten, ein Restaurant - das ganze Programm irgendwo zwischen Hipness und dem im Norden längst globalisierten Gentrifizierungs-Elend, das wiederum im grossen Kontrast zur Umgebung steht. Mit der Strassenbahn und dann der U-Bahn ging es zurück, an der Nowy Świat in die Familijny Bar Mleczny, eine traditionelle Milchbar, Pierogy essen (mehr zum Thema Milchbar - Polnischkenntnisse wären eindeutig von Vorteil).



Um 18:30 brachen wir wieder auf in Richtung Pardon To Tu. Das erste Set des Abends präsentierte erneut Kondo, diesmal mit einer Rhythmusgruppe:
Toshinori Kondo/John Edwards/Han Bennink
Kondo schaltete, angetrieben von Bennink, ein paar Gänge höher als am ersten Abend, und es war natürlich toll, Edwards' Bass einmal nicht mit Noble zu hören (die beiden bilden für mein Empfinden derzeit wie ich ja schon sagte eins der allerbesten Bass/Drum-Gespanne) sondern mit dem unberechenbaren Berserker Bennink am Schlagzeug. (Hamid Drake war inzwischen wie ich später am Abend erfuhr schon wieder abgereist.)




Das zweite Set war dann das im Voraus angekündigte:
Peter Brötzmann/Heather Leigh
Deutlicher noch als im Duo mit Kondo wurde deutlich, wie Brötzmann sich von Leighs ähnlich gearteter Begleitung Anstösse holte, zuhörte und im Verlauf des längeren Sets zu ganz grosser Form auflief. Er spielte in diesem Set alle vier Instrumente, die er im Verlauf der vier Abende spielte: Tenorsaxophon, seine versilberte Metallklarinette, das Tárogató und die Bassklarinette. Mit Leigh fand ich mich inzwischen etwas besser zurecht, aber auch in diesem Set bot sie eine sehr beschränkte Anzahl von Klängen. Doch das Resultat mag in diesem Fall noch mehr als im Set mit Kondo alles rechtfertigen: wenn Brötzmann mit dieser Begleitung zu solcher Form aufläuft, vom feinen Säuseln bis zur schnaubenden Dampflok am wuchtigen Tenor alles bietet, sich dabei bewegt wie eine Art Mischung aus Albert Ayler und sich wiegendem Rabbiner - dann ist das doch alles in bester Ordnung!




Zum Abschluss des Abends trat dann ein erstes Mal Schlippenbach auf, es gab ein Trio zu hören:
Alexander von Schlippenbach/John Edwards/Steve Noble
Auch das ging mächtig ab. Zunächst dachte ich, das Power-Duo Edwards/Noble könnte Schlippenbach etwas zu hart angehen, doch der Eindruck verflüchtigte sich schnell, er stieg zwar wie ein alter Mann (der er ja ist) auf die Bühne (Bennink hatte den Tritt zum Glück wieder freigegeben), doch es trat wieder einmal der Fall ein: beginnt erst mal die Musik, ist alles wie vergessen! Schlippenbach spielte kraftvoll, auch dieses Set war wieder verdammt laut (aber nichts im Vergleich mit dem Quintett mit Drake, da hatte ich - wie immer in der ersten Reihe sitzend - manchmal schon etwas Angst um meine Ohren). Das Klavierspiel erinnerte mich mehr an Herbie Nichols denn an Monk, doch griff Schlippenbach immer wieder wild in die Tasten, hämmerte Akkorde, verzahnte sich in kleinen Motiven und liess sich wie es schein von Edwards/Noble noch so gerne antreiben. Ein toller Abschluss des zweiten Abends, der insgesamt entgegen den Befürchtungen durchaus an den ersten anknüpfen konnte.

Zwischen bzw. nach den Sets hatte ich auch Gelegenheit, ein wenig mit Edwards und später mit Schlippenbach zu sprechen - und ein paar CDs zu kaufen: das Trost-Reissue von Brötzmann/Hopkins/Ali "Songlines" und Parker/Schlippenbach/Lytton "america 2003".

> weiter zu Teil 2

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