Les Flamboyants, Cantica Symphonia: Extrakonzert Heinrich Isaac - 24. März 2017, Kirche St. Peter, Zürich - Festival Alte Musik Zürich

Vorhin besuchte ich zum ersten Mal das Festival Alte Musik in Zürich, das schon seit fünfzehn Jahren existiert, ohne dass ich davon bisher gehört hätte. Dieses Jahr galt der Schwerpunkt Claudio Monteverdi, doch die interessantesten Konzerte (ein langer Abend mit Auszügen au den Madrigalbüchern mit Voces Suaves letzten Samstag, eine „Vespro Veneziano“ mit La Cetra unter Andrea Marcon letzten Sonntag und übermorgen La Venexiana mit Szenen und Balletti) verpass(t)e ich leider (übermorgen höre ich Isabelle Faust und das Freiburger Barockorchester mit einem Mendelssohn-Programm in der Tonhalle). Und auch das Symposium zu Heinrich Isaac verpass(t)e ich, weil ich ausgerechnet heute ausnahmsweise an einem Freitag arbeiten musste und so geschafft bin, dass ich morgen vormittag auch zum zweiten Teil nicht hingehen mag. Aber das Isaac-Konzert vorhin liess ich mir zum Glück nicht auch noch entgehen. In der ersten Konzerthälfte gab es weltliche Werke mit dem vierköpfig auftretenden Ensemble Les Flamboyants (Silvia Tecardi an der Viola d’arco, Elizabeth Rumsey an der Gambe, Marc Lewon an der Laute und ebenfalls Viola d’arco sowie Leiter Michael Form an der Flöte), dazu stiess die Sängerin Els Janssens-Vanmunster. Das war alles interessant, hübsch, manchmal auch witzig – aber so richtig zu packen vermochte es mich nicht. Das Highlight war dann das letzte Lied (vor der Zugabe), „Es wollt ein Meydlein“:
Es wollt ein meydlein grasen gan:
Fick mich, lieber Peter!
Und do die roten röslein stan:
Fick mich, lieber Peter!
Fick mich mehr, du hast dein ehr.
Kannstu nit, ich wills dich lern.
Fick mich, lieber Peter!
Was davor genau auf dem Programm stand, kann ich mit Sicherheit nicht sagen, denn ein Textblatt wurde ausgehändigt, an das man sich halten würde (was nicht der Fall war) und das Programmheft sei nicht mehr aktuell. Die Zugabe war „Innsbruck, ich muss dich lassen“, davor gab es an Vokalem Dufays „Le Serviteur“ zum Auftakt, danach wohl „Le Serviteur“ und/oder „La Morra“ von Isaac (instrumental), dann das Chanson „Et qui lui dira“, wobei mir unklar ist, ob das ein existierendes Chanson ist (auf dem Textblatt sind zwei Texte, der ersten, „De tous biens plaine/Et qui lui dira“, wurde aber nicht gesungen, zum gesungenen steht „Die einzelnen Zeilen sind Textfragmente aus Chansons der Zeit“, was irgendwie impliziert, dass das gar kein Stück von Isaac sondern eine spätere Collage oder sonstwas sein könnte – keine Ahnung). Gesungen wurden dann noch „Fammi una gratia“ (sehr schön!), „Ach, was will doch mein Herz“ und „Mein Freund allein“ sowie das oben zitierte schlüpfrige Liedchen (mit toller Gesangsstimme – wurden die ganzen Verzierungen damals notiert oder ist das Sache der Interpretin, das auszugestalten? Falls ja: chapeau!) über den präpotenten Peterli. Dazwischen gab es weitere Instrumentale Stücke, u.a. „Der Hundt: Das Kind lag in der Wiegen“ – über dieses Stück wird im Programmheft des Festivals der Leiter des Ensembles, Michael Form, länger zitiert. In der Tenorstimme (des instrumentalen Stückes) „verarbeitet Isaac … jeweils die Melodie Das Kind lag in der Wiegen / do bissen es die Fliegen. Gut möglich, dass das arme Kind im weiteren Verlauf des Textes, den ich bis jetzt nicht zur Gänze ausfindig machen konnte, auch noch vom Hundt gebissen wird …“
Gespielt wurden darüberhinaus wohl noch „Fortuna in mi“ und „Sempre giro piangendo“ und vermutlich noch ein Stück („In meinem Sinn“ oder „Mein Freund allein“?) – schade, dass das nicht eindeutig war, zumal bei einem vergleichsweise so obskuren Komponisten.

Doch nach der Pause folgte die zweite Hälfte des Programmes, geistliche Musik mit Cantica Symphonia (Laura Fabris, Sopran; Giuseppe Maletto, Tenor & Leitung; Gianluca Ferrarini, Tenor; Marco Scavazza, Bariton; Mauro Morini, Posaunen) – und das war dann ganz grossartig! Isaacs „Ave regina caelorum“ machte den Auftakt, gefolgt von einem „Salve regina“ von Josquin (holy holy!), dann wieder Isaad mit „Sub tuum praesidium“, „Rogamus te“ und „O praeclarissima“, gefolgt von Costanzo Festas „In illo tempore“ und danach wieder Isaac mit „Tota pulchra“. Ausser dem „Tota pulchra“ und dem „O praeclarissima“ finden sich diese Stücke (geistlichen Motetten) alle auf der Isaac-CD des Ensembles, die auf Glossa erschienen ist und hier schon ein paar Monate herumliegt (sie vor dem Konzert wiederzuhören schaffte ich leider nicht – sie enthält dazu die Missa Misericordias Domini und ein paar weitere Motetten). Jedenfalls war das das erste Mal, dass ich solche polyphone Musik live hörte, teils mit der Posaune (eine Art Zugtrompete gab es auch noch, kenne mich mit diesen alten Instrumenten nicht aus, läuft wohl anscheinend auch unter Posaune) als Cantus firmus, teils a cappella – jedenfalls war das phantastisch gesungen und enorm faszinierend, ich sass buchstäblich auf der Stuhlkante.

Den Abschluss machte dann eine Premiere: von „O decus ecclesiae“ (auch auf der CD) hat Maletto ein Arrangement erstellt, bei dem sein Ensemble (inklusive Posaune) mit den vier Instrumentalist_innen von Les Flamboyants zusammenkam. Gemäss der Ansage war das die Erstaufführung dieser Version, die mir zwar gefiel, aber mich im Wechsel von rein vokalen mit begleiteten Passagen nicht restlos überzeugen konnte. Als Zugabe sangen Cantica Symphonia danach noch Isaacs „Greatest Hits“ – das ist genau einer, nämlich die witzige kurze Motette „La mi la sol“, die er 1502 im heissgeliebten (von mir, keine Ahnung, wie das bei Isaac war) Ferrara inner kürzester Zeit komponierte.

Cantica Symphonia hätte ich gerne noch länger gelauscht, aber diese enorm dichte Musik zu singen ist wohl unfassbar anspruchsvoll – stattdessen lege ich in den nächsten Tagen die erwähnte Isaac-CD wohl wieder einige Male auf (ein paar weitere – v.a. Dufay gewidmete – CDs des Ensembles habe ich eher zufällig gerade noch bestellt, aber nach diesem Konzert bereue ich die Entscheidung nicht und warte freudig auf das Eintreffen der Sendungen).

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