Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail - 21. Dezember 2016, Opernhaus Zürich (Emelyanychev, Hermann)

Musikalische Leitung Maxim Emelyanychev
Inszenierung David Hermann
Bühne Bettina Meyer
Kostüme Esther Geremus
Lichtgestaltung Franck Evin
Choreinstudierung Jürg Hämmerli
Sound-Collagen Malte Preuss
Dramaturgie Beate Breidenbach

Bassa Selim: Sam Louwyck
Konstanze: Olga Peretyatko
Blonde: Claire de Sévigné
Belmonte: Pavol Breslik
Pedrillo: Spencer Lang
Osmin: Nahuel Di Pierro
Janitscharen: Katarzyna Rzymska, Bettina Siegfried, William Lombardi, Michael Schwendinger

Orchestra La Scintilla
Zusatzchor der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Nachdem ich im November krankheitshalber eine teure Karte hatte verfallen lassen, kaufte ich mir für die Dernière dieser Neuinszenierung noch eine billige (stellte sich aber als sehr guter Platz heraus … muss mir langsam merken, welche billigen Plätze wirklich was taugen), denn ich wollte Peretyatko doch noch sehen – und hörte auch im Pausengespräch mit einem älteren Herrn in der Tonhalle (der seine Abo-Karte für den „Serail“ weitergereicht hatte, weil ihm die Kritiken die Lust verdarben), dass die Inszenierung doch ganz in Ordnung sein soll. Der erste Schreck war die Ankündigung, dass Peretyatko erkältet sei, aber singen werde, lediglich um etwas Nachsicht bitte. Das stellte sich zum Glück als überflüssige Warnung heraus – es dauerte wohl da und dort ein paar Töne, bis ihre Stimme frei war (Järvi hatte im Konzert in der Tonhalle neulich übrigens mittendrin einige Male gehustet, zum Schluss sogar mit Taschentuch, während er einhändig weiterdirigiert).
Was nun die umstrittene – im Tagesanzeiger verrissene, in der NZZ diskutierte – Inszenierung betraf: die Grundidee ist es, die Handlung als innere im Kopf von Belmonte darzustellen, als Eifersuchtsdrama, als Wahn mit Doppelgängerpaar (Pedrillo und Blonde) und einem stummen Verführer, sehr toll von Sam Louwyck gespielt, dieser Bassa Selim, der sich nachts um Belmonte schlängelte, jeder Berührung auswich bzw. sich zurückstossen liess, der aber auch zumal fürs Publikum sichtbar das Bett mit der angebeteten Konstanze teilte, aber ob sie sich ihm nun hingab oder nicht, bleibt natürlich unklar, denn wir sind ja nur im Kopf von Belmonte. Der Rahmen für das Drama um Belmontes krankhafte Eifersucht ist ein schickes Restaurant, in dem dieser zum Auftakt seiner Konstanze gleich mal vorwirft, ihn zu betrügen (so wird auch vom Sinn her denn einiges umgestellt, die grosse „Martern“-Arie von Konstanze zumal, während anderes dann doch nicht mehr so ganz passt, Blondes „Zärtlichkeit und Schmeicheln“-Arie etwa) – und in dem Osmin quasi als Personifizierung der Ängste des Belmont den Oberkellner mimt. Angst vor dem Verlust, Angst vor der gesellschaftlichen Blamage (die tritt natürlich umgehend ein, denn Konstanze schliesst sich in der Toilette ein und die ganze Bude glotzt), Angst auch vor der „Abweichung“: in der „Vivat Bachus“-Szene wird es später handfest homoerotisch zugehen zwischen Pedrillo und Osmin. Zudem ist anzufügen, dass fast komplett auf die gesprochenen Dialoge verzichtet wurde, dass zwischen einigen Nummern dafür eine leise pochende oder sirrende Geräuschkulisse eingebaut wurde, die wohl das Blut in Belmontes Kopf darstellen sollte, seine innere Erregung.

Am Pult der Scintilla – dem HIP-Ensemble des Opernhauses, das ich zum ersten Mal in Aktion erlebte – stand Maxim Emelyanychev, der für den schon während der Probenarbeit krankheitshalber ausgefallenen Teodor Currentzis einsprang (ihn habe ich bisher leider immer verpasst, aber sowohl hier wie auch bei Shostakovich, s.u., gab es würdigen Ersatz). Das Orchester spielte formidabel auf (im Gegensatz zum Verriss im Tagesanzeiger hörte ich keinesfalls Patzer am laufenden Band) und ich fand es überhaupt klasse, eine Oper mit solcher Begleitung live zu hören, kannte ich bisher ja nur auf CD und das ebnet im Vergleich ja schon sehr ein.

Peretyatko als Konstanze mag da und dort mit ihrer eher leichten Stimme tatsächlich an die Grenzen gekommen sein, ich fand sie allerdings sängerisch wie darstellerisch überzeugend. Pavol Breslik als Belmonte gefiel mir gut, aber Spencer Langs Pedrillo war eine Spur besser, intensiver, direkter – letzteres Prädikat passt auch auf Claire de Sévignés Blonde. Es ist, als hätte das „niedere“ Paar sich weniger mit dem Ballast der Interpretation zu befassen, schliesslich waren sie ja nur Doppelgänger, der Belmont’schen Phantasie entsprungen. Nahuel Di Pierro hat nicht ganz die nötige Tiefe für Osmin – aber da bin ich vorbelastet, ausser Gottlob Frick kann keiner die Rolle wirklich perfekt singen, glaube ich.

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