Météo Music Festival, Mulhouse, August 2016



Mit einiger Verspätung doch noch ein paar Zeilen zum grossartigen Météo | Mulhouse Music Festival, das vom 23. bis am 27. August stattfand. Das Festival verteilt sich über grössere Teile der Stadt, wobei der Auftakt jeweils um 12:30 in der Chapelle Saint-Jean stattfand (eine Stunde früher gab es direkt nebenan jeweils noch ein kurzes Konzert für Kinder, im Innenhof der Bibliothèque Grand'rue). Auch der Abschluss fand jeweils am selben Ort statt, dem Noumatrouff, einer Halle etwas ausserhalb (zwischen Automobilmuseum, Polizeigebäuden und dem Depot der Strassenbahnen und Busse). Die Nachmittagskonzerte, die jeweils um 17:30 (am Samstag blöderweise um 17:00) beginnen, verstreuten sich aber über vier verschiedene Orte. Dass man sich mal etwas die Füsse vertritt (oder halt mit dem kostenlosen Shuttle-Service durch die Stadt fährt) ist allein deshalb gut, weil das Programm so dicht ist, dass man sonst kaum dazu kommt, einen Blick auf die Stadt zu erhaschen (in die grossen Kirchen z.B. habe ich es nicht geschafft, obwohl ich ein Zimmer in einem Hotel direkt bei der zentralen Place de la Réunion hatte).

Ich stiess leider erst am Mittwoch 24.8. für das Konzert um 17:30 dazu - liess mir sagen, das Konzert von Archie Shepp/Joachim Kühn am Eröffnungsabend sei ganz ordentlich gewesen, während Supersonic "Play Sun Ra" völlig daneben gegangen sei. Gut, mit Kühn machte ich dann ja meine Erfahrung (s.o.). Wirklich schade war es aber wohl um das Mittagskonzert am Mittwoch, das einerseits das Duo Luft (Mats Gustaffson an Saxophonen und Erwan Keravec am Dudelsack), andererseits den Bassklarinettisten Christer Bothén solo präsentierte (er schien an der Gimbri begonnen zu haben, merkte aber dass das Ding die doch ordentlich grosse Kapelle nicht zu füllen vermochte). Zum Abschluss holte Bothén die beiden anderen auch nochmal nach vor und sie spielten zu dritt.



Um 17:30 ging es ins Entrepôt, auch das ein altes Industriegebäude, umgebaut zur kleinen Konzerthalle mit Vorraum (Bar, ein paar Tische). Da traf ich dann bereits die anderen Bekannten, um deren Anwesenheit ich wusste (darunter die beiden Mitstreiter vom Warschau-Besuch im März, deren einer mich überhaupt erst aufs Météo gluschtig gemacht hatte - danke noch einmal dafür!).

Als erstes spielte Zeena Parkins solo, an ihrer eigenen (!) traditionellen Harfe sowie an der kleinen elektrischen, die sie meines Wissens auch immer dabei hat (ich habe sie bisher nur einmal im Konzert gehört, mit Phantom Orchard, ihrem Duo mit Ikue Mori - grossartige Sache, am Taktlos 2005). Sie hatte ihre Instrumente vor der Bühne, direkt im Publikum aufgebaut. Vor beiden Harfen lagen unzählige Pedale (auf dem Photo diejenigen für die elektrische Harfe), mit denen Parkins den Sound ihrer Instrumente bearbeitetete. Das Solo-Set war intensiv und beeindruckend, ganze Klanglandschaften türmte Parkins, manches war wohl geplant, aber das Set wirkte spontan und riss mit.

Weiter ging es mit dem Duo Clayton Thomas/Anthea Caddy - an gestrichenem Kontrabass und Cello (auf der erhöhten Bühne) erzeugten sie Drone-Klänge, die an LaMonte Young erinnerten. Bei grossen Teilen des Publikums kam das nicht gerade gut an, aber der Saal war so dunkel, dass die meisten sich gezwungen sahen, es durchzustehen ... das Problem war wohl, das gewisse Frequenzen als sehr laut empfunden wurden, dabei war das Konzert nicht besonders laut, doch die Klänge teils in der Tat sehr durchdringend. Ich fand auch dieses Set faszinierend, war jedoch etwas enttäuscht, da vorgarten mir Clayton Thomas mehrmals ans Herz gelegt hat, man aber in diesem Kontext natürlich nichts davon mitkriegte, wie der es denn so mit dem Jazz, der Improvisation hält.
Am Abend ging es ins Noumatrouff, wo es jeweils einen Teller vom senegalesichen Food-Stand gab (es gab drei verschiedene Essensstände, eine Weinbar und ein Stand mit Bier (schlechtem notabene, man ist ja in Frankreich, die halten - wenn man vom Norden mal absieht - diesbezüglich weiterhin was auf sich).

Den Auftakt machte die Gruppe Louis Minus XVI, ein französisches Quartett mit zwei Saxophonen, Bassgitarre und Schlagzeug. Sie spielten brachiale, ausgespaarte Stücke, rhythmisch sehr ansprechend, aber die kreischenden Saxophonduelle fand ich auf die Dauer etwas ermüdend - dieses permanente (musikalische) Macho-Gehabe ... und davon würde es mit The Thing ja noch mehr als genug geben.

Als zweites spielte ein Trio, das sich die Pianistin zusammenstellen durfte: Sophie Agnel/Joke Lanz/Michael Vatcher. Das Trio, so verstand ich, hatte zuvor nie zusammengespielt - und war selbst vom Erfolg ihres Sets gerade so begeistert wie das Publikum. Agnel spielte das ganze Klavier, Tasten wie Saiten und Gehäuse, Lanz legte eine fabelhafte Performance voller überraschender Haken hin, bewies dabei enormes Einfühlungsvermögen, grossen Humor und - pardon, ich bin da altmodisch und skeptisch - beeindruckende Musikalität, während Vatcher den impulsiven aber aufmerksamen Begleiter am rechten Rand gab. Sie alle bewegen sich in ihrem Spiel jenseits gängiger Konventionen - dass sie auf diese Weise zusammenfanden, war das pure Glück!

Zum Abschluss dann - "ladies, motherfuckers, jazz fans!", so die charmante Begrüssung - The Thing & Joe McPhee. Das Trio um Mats Gustafsson (ts, bari), Ingebrigt Haker Flaten (b, elb) und Paal Nilssen-Love (d) hat natürlich schon öfter mit Joe McPhee gearbeitet, einer Ikone des afro-amerikanischen Free Jazz, deren Verbindungen zu Europa weit zurückreichen (zwei Stichworte nur: Hat Hut, Peter Brötzmann). Das Quartett entpuppte sich - ganz wie erhofft, ich hatte The Thing bisher nie live gesehen - als musikalischer Taifun. McPhee spielte Tenorsaxophon und Pocket Trumpet, sein Mikrophon schien leider etwas zu leise (oder Gustafsson, der Berserker, spielte im Konzert doppelt so laut wie beim Soundcheck, zuzutrauen ist es ihm, dem Mann ist ja überhaupt fast alles zuzutrauen), doch die beiden steigerten sich immer wieder in intensive Sax-Battles (Gustafsson auch am Bariton), während die Trompete eher dem Kontrast diente, spielerische Elemente hineinbrachte, die dem brachialen Trio zwar nicht abgehen, die aber doch beim konstant hohen Energie-Level nicht auf den ersten Blick hörbar werden. Die Stücke waren zugleich sehr konzis, auf den Punkt - was in erster Linie Haker Flaten und Nilssen-Love zu verdanken war -, liessen aber auch viel Raum für Soli.

So endete der erste Abend also direkt mit zwei Highlights am Stück - und einen Ausfall gab es nicht zu vermelden, dazu waren auch Louis Minus XIV zu stark. Ein beglückender erster Tag, der bei mir am Rand der Erschöpfung endete.



Am Donnerstag 25.8. liess ich es dann etwas ruhiger angehen - ein Besuch in der Librairie Bisey an der Place de la Réunion brachte Zuwachs fürs Bücherregal (einen Band mit Notizen von Paul Valéry und die neue Biographie von René Urtreger), um 11:30 ging es in die Bibliothek zum Solo-Konzert von Per Ake Holmlander, der mit seiner Tuba schon eine halbe Stunde früher dort sass und einspielte. Das Konzert dauerte wohl zwanzig Minuten und endete mit einer tollen Version von Dollar Brands "Jabulani", in halsbrecherisch schnellem Tempo gespielt.

Dann ging es die paar Schritte hinüber zur Chapelle Saint-Jean, wo der Schlagzeuger und Percussionist Alexandre Babel ein Solo-Set spielte. Dieses war zwar klanglich durchaus attraktiv (er hatte allerlei Alltagsgegenstände dabei, die teils wohl auch verkabelt/verstärkt waren), aber am Ende keine Linie zu finden schien, etwas skizzenhaft blieb - und auch nur eine halbe Stunde dauerte.

Die Nachmittagskonzerte (Hélène Breschand/Kerwin Rolland im Duo und Mathias Delplanque solo - also Harfe und dazu viel Elektronik) liess ich dann bleiben, zog stattdessen ein wenig durch Mülhausen, besuchte auch das (kostenlose!) Musée des Beaux Arts, in dem neben einer sehenswerten Gemäldesammlung (die einiges Licht auf die wechselhafte Geschichte des Elsass wirft) im oberen Stock auch die ziemlich interessante Biennale de la Photographie de Mulhouse zu sehen war, mit vor allem zeitgenössischen aber auch einigen älteren Arbeiten von etwa einem Dutzend Photographinnen und Photographen.

Am Abend ging es dann wieder ins Noumatrouff (zu Fuss bei der sengenden Hitze ein Spaziergang von 20 Minuten, raus aus dem Zentrum durch ein Viertel, in dem sich Migranten angesiedelt haben, auch quer durch ein paar Wohnsiedlungen mit Kinderspielplätzen). Als erstes gab es zwei halbe Sets: Agustí Fernández/Kjell Nordeson + Dieb13 Solo. Der beeindruckende katalanische Pianist Fernández (ich hörte ihn schon ein paar Mal mit Barry Guy) spielte im Duo mit Nordeson an Percussion (inklusive Vibes), danach hatte Dieb13 Mühe, an den fabelhaften DJ-Auftritt von Joke Lanz anzuknüpfen. Dem Duo hätte ich gerne länger gelauscht, es war klasse; das DJ-Set überzeugte am Ende einigermassen, es gab auch ein paar Jazz-Samples (ich erkannte aber nur gerade Ornette Colemans "Lonely Woman").

Das mittlere Set gehörte dann Mats Gustafsson's Nu Ensemble, fraglos die Hauptattraktion des Abends. Nicht nur The Thing und McPhee spielten mit sondern auch Fernández, Nordeson, Dieb13, Holmlander und der am Vortag aufgetretene Bothén. Zu ihnen stiessen noch Jon Rune Strom am zweiten Kontrabass und die Sängerin Mariam Wallentin. Das eine lange Stück, das zur Aufgeführung gelange, war Little Richard gewidmet. Das ergab nicht direkt Sinn, doch Wallentin - mit tollem Timbre und überhaupt feinem Gesang, der für mein Empfinden leider etwas unter ihrem Akzent litt. Und da kommt wohl Richard Wayne Penniman aus Macon, Georgia ins Spiel: Die Worte, die Wallentin zu singen hatte, waren eine lange Aneinanderreihung von Blues- und Rhythm & Blues-Klischees ... da es auf die Worte sowas von nicht ankam bzw. es die Art von Worten waren, die man versteht, ohne die Sprache zu kennen, fand ich es schade, dass Wallentin nicht einfach Schwedisch singen durfte/konnte/mochte. Insgesamt gefiel mir das Set sehr gut, es war abwechslungsreich und machte (aber?) kaum von der geballten Power der versammelten Musiker Anwendung - erwartet hatte ich eher ein ohrenbetäubendes, in die Magengrube fahrendes Power-Set. Aber zu den Top-Konzerten des Festivals (oder Jahres) reichte es dann doch nicht.

Den Abschluss machten dann nochmal halbbatzige Drone-Klänge, diesmal aus Österreich, dargeboten von der Gruppe Ventil, die mit drei Gitarristen/Sythesizer-Spielern (mit weiterer Elektronik) sowie einer Schlagzeugerin und Video-Projektionen auffuhren. Die Stühle wurden dazu entfernt, die Bässe hochgeschraubt so weit es möglich war, das ging nun in die Magengrube, war aber nach einer Viertelstunde schon ziemlich ermüdend - vor allem irritierte mich, dass die Stücke (es schien sich um solche zu handeln) recht kurz gehalten wurden, und dass solche Musik dann einfach, nach einer knappen Stunde, ohne weitere Konsequenzen (ein Erdbeben, ein Flächenbrand, wenigstens eine Wunderkerze in die Nacht gehalten) zu Ende gehen kann, verstehe ich dann erst recht nicht mehr.



Der Freitag 26.8. ging los mit William Parker in der Bibliothek. Er spielte Fetzen von "'Round Midnight" auf der Pocket Trumpet, griff zur Shakuhachi (Photo) - und hatte leider wieder seinen schwarz-rot bemalten körperlosen Kontrabass dabei (scheint sein Reise-Instrument zu sein - ich warte weiterhin auf die Chance, ihn mal live auf einem anständigen Instrument zu hören). Was allerdings sehr toll war: wie er sich um die Kinder bemühte, sie zum Mitmachen animierte. So richtig gelang die Lektion in Siebner-Takt allerdings nicht. Parker spielte eine Phrase (2-2-3) und sang dazu: "Hap-py hap-py Kan-ga-roo", die Kids sollten nun jeweils auf 1 in die Knie und auf 2 hochspringen - wie ein Känguruh halt. Dass sie bei "roo" aber nicht schon wieder von vorne anfangen sollten, merkten sie natürlich nicht und die Sprachbarriere war wie am Vortag mit Holmlander nicht zu überwinden. Ein Konzert war das nicht, aber es berührte mich doch sehr, zu sehen, wie Parker sich Mühe gab und wie die Kinder von der Klangvielfalt fasziniert waren, die er bot (er griff erst ganz zum Schluss für ein kurzes Stück zum Bass).



Weiter ging es mit einem halb erwarteten Höhepunkt: Joachim Badenhorst spielte solo in der Kapelle, begann an der Klarinette, nutzte Loops und ein paar Effekte, sparsam und geschickt eingesetzt. Später griff er auch zum Tenorsax und zur Bassklarinette, improvisierte, spielte Liefhaftes, Repetitive, Freies. Ich kannte ihn aus dem Konzert (eines mit einem mittelprächtigen Ensemble, in dem er herausragte) und von einer CD (Samuel Blasers Consort in Motion mit Paul Motian und Musik von Guillaume de Machaut, "A Mirror to Machaut" auf Songlines), wusste nicht so genau, was mich solo erwarten würde. In einer sympathischen Ansprache erzählte er gegen Ende des Konzertes, dass er schon länger solo unterwegs sei, die Musik sich auf diesem Weg verfestigt habe, er von der völlig freien Improvisation weg gekommen sei, und er erzählte von einem Aufenthalt in Japan, bei dem ein Stück entstanden ist, das er an der Klarinette präsentierte (wie den wohl grösseren Teil des Sets ganz ohne Effekte).

Am Nachmittag fanden die Konzerte diesmal in der Église Sainte-Geneviève statt, ganz in der Nähe vom Entrepot - der Eintritt war frei (wie auch bei den Mittagskonzerten) und es sassen wohl auch Leute aus der Stadt da, die sonst nicht zum Festival gingen. Ich kam jedenfalls mit einer Dame ins Gespräch, die meinte, sie sei aus Metz und lebe jetzt in Mülhausen, und die Elsässer hätten doch alle einen an der Waffel (sie hat das etwas vornehmer ausgedrückt), leider ging dann die Musik los bevor ich nachfragen konnte, weshalb, aber wenn man mal das Wahlverhalten anschaut ... nunja. Den Auftakt machte Áine O'Dwyer, die sich auf der Orgelempore eingerichtet hatte, zunächst mit langen Glocken spielte, allmählich zur Orgel überging, dabei eins ums andere Blätter (mit wenigen Bleistiftkritzeleien drauf, Spielanweisungen wohl, ich konnte nur einen flüchtigen Blick darauf erhaschen nach dem Konzert) mit nonchalanter Geste über die Schulter nach hinten und unten ins Kirchenschiff warf. Ihr Set entwickelte sich langsam, aber es nahm einen gefangen. Sie spielte wieder mit Drone-Sounds, hielt lange, durchdringende Töne oder auch schwere Akkorde. Am Ende stieg sie tanzend herab, bewegte sich durch den Mittelgang nach vorne, sich dabei um ihre eigene Achse drehend, dabei die Glocken vom Beginn aneinander schlagend (mehrere in jeder Hand). Ein etwas seltsamer, irgendwie ritualisiert scheinender Auftritt, der mich aber überzeugte.

Nach der Pause ging es mit Mike Majkowski solo weiter - Kontrabass. Sein Spiel nahm keinen Schwung auf, es blieb wieder im Fragmentarischen stecken, erweckte eher den Eindruck als höre man ihm beim Üben zu als den eines Konzertes vor Publikum.



Am Abend machte ein phänomenales Trio den Auftakt: Hamid Drake/William Parker/Pat Thomas. Ich habe ja meine liebe Mühe mit William Parker, aber zusammen mit Hamid Drake ist er eigentlich immer ganz gut. Vom englischen Pianisten Pat Thomas hatte ich noch nie gehört - ein grober Fehler! Das Trio funktionierte hervorragend, kraftvoll, frei und groovend im dicht-verzahnten Interplay. Parker setzte sich später auf den Stuhl und griff die Rahmentrommel (die im Bild noch auf dem Stuhl angelehnt steht), Parker wechselte zur Gimbri (ob er das spontan tat, es handelte sich ja wohl um Bothéns Instrument, das in dessen Händen auch am Vorabend in Gustafssons Nu Ensemble zum Einsatz kam) - und Drake begann einen arabischen "chant" mit seiner hellen Stimme - das war berührend und bewegend und verfolgte einen noch eine ganze Weile.

Nach einer Umbaupause folgte Green Dome, ein Trio um Zeena Parkins und zwei bärtige Hipsters namens Ryan, der eine (Ryan Ross Smith) an Klavier und Synthesizer, der andere (Ryan Sawyer) am Schlagzeug. Das ging den Bärten und Holzfällerhemden gemäss ruppig zu, laut, aber etwas zu absehbar und am Ende ziemlich plump, da vermochte auch Parkins selbst kaum zu glänzen. Alles schien in ein Korsett gezwängt, notiert - es gab keine Luft, die die Musik hätte atmen können. Aber ich war im Nachhinein sehr froh, dass ich geblieben bin, denn das dritte Set hatte es in sich!

Den Abschluss machte das Ensemble Zeitkratzer mit dem Programm Lou Reed "Metal Machine Music" Parts 1-4 - ich hatte keine Ahnung, was einen da erwarten würde ... und war umso beeindruckter von dieser so konsequenten, minimalistischen, treibenden Musik. Pianist Reinhold Friedl, der die Gruppe auch leitet, spielte eigentlich eine Art freies Klavierkonzert (die meiste Zeit stand er über den offenen Flügel gebeugt und spielte drinnen wie auf den Tasten, präparierte die Saiten, erzeugte viele überraschende Klänge), ausser ihm hatte Schlagzeuger Maurice de Martin ordentlich die Hände voll, die Bläser brachen hie und da kurz aber heftig aus, spielten aber sonst ganz wie die Streicher es durchgehend taten, einfache Riffs aus zwei, drei Tönen. Das Ding konnte natürlich erst beginnen, nachdem Frank Gratkowski nochmal nach hinten ging, um seine Noten zu holen (er meinte im Vorfeld zu einem der anwesenden Bekannten auf die Frage, ob das Konzert denn gut würde, er hätte ja bloss zwei Töne zu spielen ... aber auch da muss man natürlich wissen, wann man ein- und wann wieder aussetzen muss, wo man mal kurz von der Routine abweicht). Das Stück mit seinem beharrlich stapfenden Beat entwickelte einen unaufhaltsamen Drive, der mich immer wieder an Terry Rileys "In C" denken liess. Die Performance dauerte 66 Minuten - und war ein eindrückliches Erlebnis und ein schöner Abschluss eines tollen, an Musik überreichen Tages.



Auch für Samstag hatte ich mir vorgenommen, fast das komplette Programm anzuschauen. Vom Kinderkonzert Erwan Kerawecs am Dudelsack hörte ich nur auf dem Weg zur Kapelle ein paar Töne, die natürlich locker über das Dach auf die Strasse schallten. In der Chappelle Saint-Jean spielte als letztes Clayton Thomas, der zweite Kontrabassist, den man am Festival solo hören konnte. Und dieses Mal war er nun zu erleben, wie er mit dem Bogen, mit verschiedenen Schlegeln, Drumsticks und anderen Gegenständen den Bass bearbeitete - ein feines, sehr stimmungsvolles, aber nicht unbedingt überragendes Set, das nach dem enttäuschenden Majkowski umso überzeugender wirkte.



In die Bibliothek ging ich aber auch an diesem Tag noch einmal, denn um 14:30 gab es ein Gespräch mit Roscoe Mitchell, geführt von Alexandre Pierrepont, der ein Buch über die AACM geschrieben hat. Er sprach zunächst länger zur Einführung, gab einige Plattheiten über die AACM zum Besten, begründete aber auch überzeugend, warum sein Buch neben dem von George Lewis bestehen dürfe (einerseits natürlich die Insider/Outsider-Perspektive, andererseits aber auch sein Interesse an anthropologischen Fragen - ich werde mir das Buch - "La Nuée - L'AACM: un jeu de société musicale", bei Parenthèses - wohl gelegentlich anschaffen). Das eigentliche Gespräch musste dann zum Glück nicht übersetzt werden (die Frage ging ans Publikum und kein Franzose oder Italiener hat sich gewagt zuzugeben, dass er des Englischen nicht mächtig sei) und war ordentlich interessant, vor allem weil Mitchell einfach etwas erzählte, über seine Einstellung zur Musik, seine Erfahrungen beim Vermitteln von Musik (auch er unterrichtet an einer Hochschule), darüber, wie sie in den späten Sechzigern nach Europa gekommen seien usw. Pierrepont hätte sich aber etwas klügere und weniger erwartbare Fragen einfallen lassen können, am Ende war es natürlich toll, eine Legende wie Mitchell sprechen zu hören, aber das blieb alles recht höflich und etwas unverbindlich. Die Publikumsfragen hätte man besser ganz weggelassen, eine Italienerin laberte was und wollte andeuten, dass die AACM eine rassistische Politik vertreten hätte (Mitchell entgegnete darauf aber rasch, dass es doch bedenkenswert sei, wie immer nur die Mehrheitsgesellschaft die Frage stelle, warum die Minderheiten eigene Räume brauche, in denen sie ihre Kultur ausleben könne ... so wurde aus dem ärgerlichen Votum der neunmalklugen Dame ein Schuh, die Dame wurde denn auch ziemlich kleinlaut und meinte, sie sei natürlich "völlig einverstanden" mit allem, was er sage. Ein anderer, der das ganze Festival im Sun Ra T-Shirt (hoffentlich nicht im selben einen!) rumlief meinte, es hätte doch Verbindungen zwischen Sun Ra und der AACM gegeben, ob Mitchell dazu was erzählen könne. Er meinte dann trocken, einer der AACM-Musiker, der in den Chicagoer Anfangszeiten des Arkestra bei Ra gewesen sei und danach zur AACM stiess, hätte gesagt, das sei im Vergleich wie ein Gefängnis zur Freiheit. Wohl nicht die Antwort, die Sun Ra-Fanboy hören wollte ...



Am Nachmittag ging es ins La Filature, einen tollen Saal, der sonst wohl in erster Linie für klassische Konzerte genutzt wird. Es gab diesmal nur ein Set, gespielt vom Quartett Der Verboten. Der Bratschist Frantz Loriot trat schon einige Male am Météo auf und wurde eingeladen, um ein neues Projekt auf die Beine zu stellen. Dieses Quartett mit Loriot an der  Viola, Antoine Chessex am Tenorsax, Cédric Piromalli am (offenen) Flügel und Christian Wolfahrt an Percussion spielte eine lange Improvisation, inmitten des kreisförmig angeordneten Publikums. Sehr faszinierend, wie die vier den Raum bespielten, schade dass man nicht zirkulieren konnte (stattdessen war man angewiesen, sich ruhig zu verhalten, da France Musique anwesend war, um für "A l'improviste" aufzuzeichnen ... dumm nur, dass die Konzerte sonst um 17:30 begannen, dieses aber schon für 17:00 angesetzt war, und daher hordenweise Leute zu spät kamen, die leider auch alle noch in den Saal gelassen wurden). Ein kleines aber feines Highlight des Festivals für mich - ich bin auf die Übertragung gespannt (Badenhorst wurde schon ausgestrahlt, Drake/Parker/Thomas gibt es am 22.9., für Der Verboten und Green Dome stehen die Termine noch nicht fest - soweit ich sah wurde praktisch alles mitgeschnitten, aber diese vier wurden nach Festival-Ende per Email mitgeteilt).



Dann ging es gleich weiter ins Noumatrouff, wo es um 21 Uhr nur noch zwei Gruppen zu hören geben sollte, wo dafür um 19 Uhr nochmal ein kleines (kostenloses) Konzert stattfand. Native Instrument spielten in der teils ungestuhlten Halle, mittendrin: Stine Janvin Motland an Stimme und Elektronik und Felicity Mangan, die field recordings einspielte und weiteres electronisches Equipment vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Die Musik - die eine Art künstliche Rekonstruktion von Naturgeräuschen, gesampelt und geloopt, sein wollte (was auch durchaus gelang!) - entpuppte sich als nahezu tanzbar, ziemlich laut und einmal mehr nichts für die traditionelleren Jazzheads im Publikum (für einmal waren die Horsts, die in der Reihe vor uns sassen, vier ältere Schweizer, Fremdschämen angesagt). Für mein Empfinden aber ein weiteres, faszinierendes Set, das mit einer guten halben Stunde gerade richtig lang war.



Dann ging es ein letztes Mal zum Essensstand ... das Bier war inzwischen aus ("Bier" bestenfalls, es handelte sich um Heineken), die Alternative, ein französisches Blanche, war höchstens zum Zähneputzen geeignet ... und Wein ist bei der Hitze nichts für mich. Aber gut, nüchtern Musikhören ist auch nicht übel, gerade wenn Roscoe Mitchell ansteht ... die Vorfreude war gross, ich hatte ihn davor gerade mal einmal gehört, solo am Unerhört 2004, ein unglaublich intensives und eindrückliches Konzert, bei dem er zwischen dem Alt und dem Sopransaxophon wechselte. Draussen, auf dem Vorplatz zwischen den Ständen und Festbänken, trieben sich öfter auch die Musiker herum - und unter ihnen war dieser kleine Mann mit der immensen Stimme: Douglas Ewart. Noch einer der alten Chicagoer Garde, den ich natürlich auch noch nie live hören konnte.



Das erste Set des Schlusskonzertes spielte die Combo Sonic Communion mit Jean-Luc Cappozzo an der Trompete, Douglas Ewart in bester AACM-Manier mit einem (für seine Verhältnise kleinen) Instrumentarium: Sopraninosaxophon, Hölzflöten, Glocken, Englischhorn), Joëlle Léandre und Bernard Santacruz an zwei Kontrabässen, Michael Zerang am Schlagzeug. Im Gegensatz zu einem Bekannten aus der Gegend um Paris, den ich nicht zu treffen erwartet hatte und neben dem ich dann zufällig im Shuttle-Bus zurück ins Stadtzentrum sass, fand ich dass das Zusammenspiel der Franzosen mit den beiden Chicagoern hervorragend funktionierte. Es zeigte am Ende wohl, dass die Konzepte, die aus dem AACM-Umfeld stammen, durchaus offen sind für Stimmen, egal woher sie sind, wenn sie denn mit dem offenen Spielkonzept (offen heisst wohlgemerkt nicht: frei) zugange kommen. Die beiden Bässe - Léandre mit Pick-Up, Santacruz (1956 in Algiers geboren, mir zuvor unbekannt) mit Mikrophon vor dem Bass, was leider dazu führte, dass sein Bass etwas zu leise war - fungierten als eine Art Anker, sie öffneten Räume, über denen sich Cappozzo und Ewart auf ihre verspielte und dennoch ernsthafte Weise entfalten konnten. Räume, die man nutzen kann, die man aber auch einmal leer bleiben lassen kann. Dahinter Michael Zerang am Schlagzeug, der sich wie die anderen auch sichtlich wohlfühlte, wenngleich die Konzentration vor allem bei Léandre auch als Anspannung greifbar schien. Gegen Ende begann Léandre dann auch, ihre Stimme einzusetzen (ich hörte sie eins im Duo mit Lauren Newton ... und fragte mich damals einige Male, warum die beiden eigentlich nicht zur Oper gegangen sind). Sie schnaubte, sprach, sang - aus den wild dahinströmenden und ruppig ausgespuckten Silben wurden Worte, und schliesslich gesellte Ewart sich dazu. Ein fröhliches Ende eines guten Sets - das pünktlich zum Jubiläum bewest: Dada lebt.



Schliesslich, Samstag 22:30, das letzte Konzert - und jenes, das mich überhaupt zur Fahrt nach Mulhouse bewegt hatte (zusammen mit The Thing, die ich in Zürich wenigstens einmal verpasst hatte): Roscoe Mitchell Trio mit Mark Sanders am Schlagzeug und John Edwards am Kontrabass. Edwards halte ich weiterhin für den derzeit besten Bassisten für freien Jazz von Evan Parker über Roscoe Mitchell hin zu Peter Brötzmann - und er bot auch mit Mitchell wieder Erstaunliches, spielte wie ein besessener und bot dem zirkuläratmenden Saxophonisten mit seinen Klangkaskaden und -attacken munter Paroli. Mark Sanders sass etwas gar weit hinten, die Rollenverteilung war jedenfalls schon von der Anordnung her klar: da der Star, dort die Begleiter. Mitchell schien sich nicht zu kümmern, zog sein Ding durch - doch er tat das mit der Sicherheit, die eine so luxuriöse, so alerte Rhythmusgruppe eben bieten kann. Und er tat es im Wissen, dass diese den Karren auch nicht in den Dreck fahren würden, wenn er sich mal zurückzog, sich hinsetzte, tief konzentriert und dennoch entspannt. Das Trio kehrte am Ende sogar noch zu einer kurzen Zugabe zurück auf die Bühne - und keine Angst, wie schon beim Haupt-Set: BAMM! Und sie waren da, von Null auf Hundert buchstäblich innert eines Augenblickes. So wurde das Abschlusskonzert ganz zum erhofften Höhepunkt, das für mich so ziemlich alles in den Schatten stellte (auch wenn das Vergleichen von so unterschiedlichen Konzerten verdammt schwer fällt).

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