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Unerhört! 2016 - Ellery Eskelin/Christian Weber/Michael Griener, Booklet (Tobias Delius/Joe Williamson/Steve Heather), Peter K. Frey, Hans-Peter Pfammatter

Dieses Jahr liegt ein extensiver Unerhört-Besuch leider nicht drin (und das Programm verlangt ihn auch nicht so sehr wie letztes Jahr), aber zwei Abende und damit zwei Tenorsaxophonisten liess ich mir nicht entgehen.

23.11. – GZ Riesbach, Zürich

Es spielte das Trio Ellery Eskelin-Christian Weber-Michael Griener. Die drei hatten sich vor ein paar Jahren kennengelernt, traten 2011 in Willisau auf (es gibt Auszüge auf Youtube), später in New York ausführlicher zusammen geprobt, die gemeinsame Liebe zu alten Standards entdeckt … und das heisst in diesem Fall wirklich alt, „Moten Swing“ ist das jüngste Stück des Programms, das gerade bei Intakt erschienen ist und vorgestern gespielt wurde (die CD wurde Anfang 2016 eingespielt, ist auf 2017 datiert, war am Konzert aber bereits käuflich zu erwerben: „Sensations of Tone“, Intakt 276, 2017). Auch Stücke von Jelly Roll Morton oder Fats Waller standen auf dem Programm, sie wurden im Wechsel gespielt mit freien Stücken, die wohl teils ein wenig zurechtgelegt waren, in eine bestimmte Richtung gehen sollten.

Jedenfalls war das ein eindrückliches Set, sehr zurückhaltend und völlig unprätentiös gespielt. Zudem rein akustisch, was ja heute leider eine seltene Kunst ist. Weber hat am Kontrabass einen Ton, der tragend und voluminös genug ist, Griener spielt ein Drum-Kit mit kleiner Bass-Drum (sehr dünn, nur so 25 cm zwischen den Fellen), einer sehr flachen Snare und ähnlich flachen Toms. Das führt zu einer enormen Transparenz, was Eskelin auch in seinen Liner Notes im Booklet der neuen CD hervorhebt. Eskelin war wahnsinnig eindrücklich, spielte sowohl in den freien Stücke wie in den Standards wunderbare Soli mit grossem Sinn für die weiten Bögen, die Gesamtarchitektur, voller kleiner Verfärbungen, Mikrotönen, alternativen Griffen und sowas, aber auch hart swingend und zugleich total entspannt. Das Zusammenspiel des Trios war klasse, das war alles mit einer Nonchalance und auch mit grosser Bescheidenheit gespielt, leise und unaufgeregt, aber gleichzeitig mit höchster Dichte, grosse Konzentration bei lockerer Gelöstheit.

Danach folgte ein zweites Set mit Hans-Peter Pfammatter & Big Band der Hochschule Luzern-Musik. Nach dem bezaubernden Trio hatte ich etwas Bedenken, überhaupt dortzubleiben, doch das hat sich durchaus gelohnt. Die jungen Musikerinnen und Musiker spielten mit Engagement und manche mit beträchtlichem Können, die in kurzer Zeit einstudierten Arrangements von Pfammatter hatten es in sich, es gab auch keinen konventionell swingenden Big Band Jazz, eher eine Mischung irgendwo zwischen Sun Ra, Zappa, Don Ellis, Steve Reich, zwischen Jazz, Grooves und Space Funk. An letzterem hatte Leader Pfammatter keinen geringen Anteil, er sass mit dem Rücken zum Publikum an einem alten Analog-Synthesizer, der immer wieder in den Klang der Big Band (mit prominenter Gitarre, Kontrabass, Drums, Upright-Piano sowie den üblichen 4-4-5-Bläsern) und dirigierte die Band. Der Synthesizer kam sowohl solistisch als auch im Rahmen der Arrangements zum Einsatz, das ganze Set war abwechslungsreich, von Freiem, eher Klamaukigen bis hin zu raffiniert geschichteten und funky groovenden Sound-Collagen.


24.11. – WIM, Zürich

Der zweite und leider letzte Abend, den ich dieses Jahr am Unerhört besuchte, stellte sich ebenfalls als sehr lohnenswert heraus. Tobias Delius hatte ich vor ein paar Wochen ja bereits in Basel gehört und davor vor elf Jahren auch schon am Unerhört mit dem ICP Orchestra. Schon damals hinterliess Delius einen hervorragenden Eindruck und – aufgrund des kurzen Festivalsets – Lust auf mehr.

Dass es also endlich mal klappte, ihn in angemessenem Rahmen hören zu können, war umso schöner. Den Auftakt des Abends in der kleinen Werkstatt für improvisierte Musik machte Peter K. Frey, solo am Kontrabass. Frey gehört zu den Gründern der WIM und im Publikum sassen verschiedene vertraute Gesichter der Zürcher Szene, darunter die Pianistinnen Gabriela Friedli und Irène Schweizer, die Schlagzeuger Dieter Ulrich und Christian Wolfahrt, der Elektrobassist Jan Schlegel oder der Saxophonist Omri Ziegele, der als Mitinitiator von Unerhört auch die Ansage machte. Frey spielte ein leises Set, das auf zurückhaltende Art aber recht intensiv wurde und mich wohl nach einer Viertelstunde hereinzog.

Nach der Pause dann das Trio Booklet, das sind: Tobias Delius (ts, cl), Joe Williamson (b) und Steve Heather (d). Heather sass an demselben sehr besonderen Kit, das Michael Griener am Vorabend beim Konzert mit Eskelin und Weber schon gespielt hatte – eine sehr schmale Bass-Drum (vielleicht 20 cm zwischen den Fellen), eine ganz flache Snare (wenig mehr als 5 cm), zwei flache Toms (ich dachte zunächst sogar, das seien weitere Snares, sie haben etwa die Höhe normaler Snares), dazu ein Hi-Hat und zwei weitere Becken (keines davon ein riesiges Ride). Nach dem Konzert ergab sich die Gelegenheit zu einer kurzen Unterhaltung mit Griener, dessen Kit eben darauf angelegt ist, dass er in einer unverstärkten Situation zulangen kann, ohne permanent Angst haben zu müssen, die anderen Musiker zuzudecken, was wie er meinte gerade bei Eskelin unglaublich gut ankomme – eine solche Rhythmusgruppe, also Weber/Griener, gäbe es in New York nicht, und nachdem mal das Eis gebrochen gewesen sei, hätte das Zusammenspiel allen dreien grosses Vergnügen bereitet … hoffen wir, dass die neue Intakt-CD dem Trio etwas Auftrieb gibt und zu weiteren Auftritten führen wird, es wäre zu schade, wenn diese hervorragende Kombination nicht öfter zu hören wäre!

Aber gut, Booklet: Delius stand praktisch vor meiner Nase und es war phantastisch (wie schon bei Eskelin am Vorabend) aus der Nähe die ganzen Nuancen und tonalen Schattierungen, das Spiel mit dem Atem, den mechanischen Geräuschen zu hören, das bei Delius ja nicht alleine kommt sondern in die Töne eingebettet und integriert wird. Das Trio machte sofort Dampf, es präsentierte ein äusserst variantenreiches Set, das von freien Passagen bis nach Südafrika reichte. Aus einfachsten Grooves (einmal klöppelte Heather einen Beat fast wie auf Miles‘ „In a Silent Way“) entwickelten sich Bögen, die aber immer wieder unerwartete Haken schlugen – vom Verschwurbelt-Verspielten zum melodisch-motivischen Tenorsaxophon mit der Souveränität eines Sonny Rollins innert weniger Sekunden. Sehr toll auch, wie offen das Trio aufeinander reagiert, im permanenten Wachzustand und natürlich auch mit der Souveränität, etwas laufen zu lassen – man braucht ja nicht auf jeden Hinweis, jedes Angebot der anderen beiden einzugehen, auch im Interplay liegt die Würze oft in der Auswahl.

Jazz gegen Apartheid Frankfurt «Celebrating the music of Johnny Dyani» - Basel, 27. Oktober 2016

Claude Deppa: trumpet
Tobias Delius: tenor sax, clarinet
Daniel Guggenheim: tenor sax, soprano sax
Allen Jacobson: trombone, euphonium
Christopher Dell: vibraphone
John Edwards: bass
Makaya Ntshoko: drums

Tolles Konzert gestern abend im Bird's Eye in Basel. Makaya Ntshoko machte anfangs einen etwas unsicheren Eindruck, aber nach ein, zwei Stücken war das vergessen. Das Material stammte (bei der Zugabe war ich nicht sicher, glaub das war ein Brotherhood-Klassiker) vollständig aus der Feder von Johnny Dyani, mit dem dieses Frankfurter Festival, das heuer in Basel zu Gast war, einst konzipiert wurde. Dyani verstarb jedoch kurz vor der ersten Ausgabe.

Claude Deppa, der andere Südafrikaner in der Gruppe, war klasse, zugleich sehr melodisch und lyrisch aber auch frech und geistreich – voll von der „badness“, die den Hard Bop so attraktiv macht, wenn man genauer hinhört. Jacobson (ein Kanadier, den ich zuvor nicht einmal dem Namen nach kannte) war ebenfalls beeindruckend, an der Posaune mit einer beeindruckend sicheren Höhe, am Euphonium unglaublich virtuos – doch wie beim besten Hard Bop gab es den ganzen Abend über kein leeres Schaulaufen. Auch die zwei Saxophonisten waren toll, vor allem Tobias Delius, bekloppt wie immer, Honks, Schreie, Growls (die gab’s bei Deppa auch – Ellington-Anklänge), insistieren auf einem Ton, einem kleinsten Motiv, aber auch virtuose Ausbrüche. Ein paar Male griff er zur Klarinette, die er natürlich ebenfalls komplett beherrscht, und auf der er eine beeindruckende Lautstärke erreicht. Guggenheim war neben Jacobson der andere mir unbekannte Musiker, am Tenor ebenfalls stark aber etwas konventioneller, sehr gut war er am Sopran, das er in manchen Stücken in längeren Passagen unisono mit Deppa spielte – die beiden kommen offensichtlich sehr gut miteinander zurecht. Dell am Vibraphon war unglaublich, schon im zweiten oder dritten Stück spielte er ein atemberaubendes Solo – unfassbar, wie die vier Schlegel nur noch durch die Luft flogen. In die Ensembles brachte er eine schöne Farbe rein, als einziges Harmonieinstrument der Gruppe, setzte aber auch immer wieder mal aus. Edwards am Bass war Herz und Bauch der Gruppe, Fels in der Brandung, der alles auffing, die anderen antrieb (auch vokal – Mingus lässt grüssen, in der Tat dachte ich auch öfter an Aufnahmen des Mingus Workshops, ca. 1961/62, die Birdland-Broadcasts etwa). Ntshoko war ziemlich gut, ohne dass er je gross im Zentrum stand, zurückhaltend, manchmal fast schon karg, ziemlich ruppig und sehr direkt – seine Hipness ist wohl, dass er gar nicht erst versuchen muss, hippen Shit zu spielen.

Das beste war aber, wie gut die sieben als Band funktionierten, zugleich spontan und frei, aber im Zusammenspiel enorm präzise – was nicht heisst, dass Delius nicht einen Wimpernschlag neben den anderen spielen konnte, dass Edwards oder auch Ntshoko mal den Beat auf den Kopf stellten. Da es sich um ein Dyani-Memorial handelte, war es natürlich toll, Edwards am Bass zu haben, der wohl insgesamt zupackender und konventioneller spielte als üblich, aber den Abend offensichtlich genoss. Sehr schön finde ich auch, dass die Verstärkung im Bird’s Eye auf ein Minimum beschränkt ist, nur Bass und Vibraphon hatten Mikrophone, der Rest war rein akustisch – und auch das klappte wunderbar. Die typisch südafrikanische Manier, leicht nebeneinander zu spielen und durch die entstehenden Unreinheiten und Reibungen, manchmal auch Dissonanzen, Spannung zu erzeugen, ist ja etwas, war mir enorm gefällt – eine Gruppe live zu erleben, die das so gut beherrscht, finde ich erst recht toll.

Im Publikum sass übrigens auch Irène Schweizer, die öfter mit Ntshoko gespielt hat – finde ich sehr schön, dass sie immer wieder auftaucht, sowohl bei alten Weggefährten wie auch bei jungen Talenten.