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Isabelle Faust, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado - 26. März 2017, Tonhalle, Zürich

Tonhalle Zürich, Grosser Saal – 26.3.
Neue Konzertreihe Zürich

Freiburger Barockorchester
Pablo Heras-Casado Leitung
Isabelle Faust Violine


Felix Mendelssohn Bartholdy

Ouvertüre „Die Hebriden“ op. 26
Violinkonzert e-Moll op. 64
—
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Sinfonie“


Ein Mendelssohn-Programm mit dem Freiburger Barockorchester … und das heiss geliebte Violinkonzert mit Isabelle Faust? Und dennoch holte ich mir erst vor einigen Tagen eine Karte (die allerletzte der billigsten Kategorie, aber allein auf meiner Seite des Saales kamen wohl gegen ein Dutzend Leute nicht). Das hatte seine Gründe, und ganz unberechtigt waren diese wohl nicht.

Aber von Anfang an: Das Orchester unter Heras-Casado, der das komplette Programm aus dem Gedächtnis dirigierte, legte mit einer zügigen und überaus mitreissenden Hebriden-Ouvertüre los. Der helle, leichte Klang und das leichtfüssige Spiel mochten sehr zu überzeugen und das blieb über den ganzen Abend hinweg so. Das erhoffte Highlight war dann natürlich das Violinkonzert, doch auch seinetwegen hatte ich – trotz meiner grossen Wertschätzung von Isabelle Faust – einige Bedenken. Das Orchester war auch hier wieder tadellos, aber da und dort hätte man sich halt doch mehr Schwere gewünscht. Nicht grundsätzlich, aber als einzusetzendes, abrufbares Stilmittel; gerade im romantischen Repertoire darf es eben schon mal wuchtig klingen, dürfen die Streicher satt schwelgen. Fausts Einstieg fand ich überzeugend, ihre Verve, ihre Klarheit, spitz aber zugleich sanft gespielt – das gefiel. Doch in den lauten Passagen schien ihr Instrument manchmal etwas zu scheppern und dennoch war die Balance zwischen ihr und dem Orchester dann nicht mehr ganz im Lot – es war als ging nicht mehr, als wolle die Geige nicht mehr hergeben. Dann die nächste leisere oder schwindelerregend sich drehende Phrase, und Faust hatte wieder alles unter Kontrolle. So auch in der Kadenz. Doch der langsame Satz litt dann naturgemäss etwas unter der orchestralen Sprödheit.

Nach der Pause dann die programmliche Wackelpartie, die seltsame fünfte Symphonie, die ja eigentlich die zweite ist, und mit der ich im Gegensatz zur dritten und vierten (der „Schottischen“ und der „Italienischen“) nicht wirklich klar komme (mit der „Lobgesang“, gemäss Opus-Numerierung der zweiten, geht es mir ähnlich). Aber gut, die beiden inneren Sätze sind teils von bezaubernder Schönheit, doch der kurze dritte Satz, der so bezaubernd beginnt, fasert irgendwie ziellos aus – und dann leidet der Schlusssatz gerade wie der Kopfsatz unter einer Mischung, die ich eigentlich bisher nur bei Beethoven halbwegs erträglich finde: plakativ munter drauf, manchmal geradezu plump in der Motivik, und dann wieder ganz bezaubernde Momente, und das alles irgendwie in einer Art Dialog zusammenmontiert, dann obendrein – im Schlusssatz – noch die ganze lutherische christliche Kriegsmarsch-Ästhetik (wie Choräle schon bei Bach vom Himmlischen zum Waffengeklirr der stampfenden Soldaten kippen, wird mich wohl zeitlebens vor den Kopf stossen, ein feste Burg halt – nicht für mich, bitte!).

Aber gut, das klingt jetzt wohl zu negativ, denn insgesamt war das ein toller Einblick in das überaus interessante Schaffen von Mendelssohn, das ja gerade mit Beethoven und mit der Klassik sowieso bricht, dabei auf Bach zurückgreift und vorgreift auf Dinge, die erst viel später wieder auftauchen (zumindest scheint mir das so, meine Vertrautheit mit der Romantik hält sich bisher einigermassen in Grenzen und die Lust, das über Schumann und Brahms hinaus grossartig zu vertiefen, hält sich ebenso in Grenzen … Bruckner wieder, dann Mahler, klar, aber das geht da dann schon wieder entscheidende Schritte weiter, zumal bei Mahler). Faust setzte sich übrigens für die zweite Konzerthälfte unten ins Publikum, Heras-Casado bei der kurzen Kurtág-Encore von Faust hinten ins Orchester. Die Mendelssohn-Zugabe ganz zum Schluss hat Heras-Casado zwar angesagt, aber verstanden habe ich ihn nicht, verstanden habe ich nur, dass er sagte, originell sei die Wahl nicht gerade.

Tonhalle-Orchester Zürich, Pablo Heras-Casado: Schubert, Bartók – Tonhalle, Zürich - 13. Januar 2017

Tonhalle-Orchester Zürich
Pablo Heras-Casado Leitung

SCHUBERT: Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200
BARTÓK: Konzert für Orchester

Gestern auch zum ersten Mal dieses Jahr in der Tonhalle, wie üblich auf den billigsten Plätzen … die Karte hatte ich in erster Linie gekauft, weil Christoph von Dohnányi angekündigt war. Der sagte jedoch krankheitshalber ab und Pablo Heras-Casado sprang ein. Schubert hätte, vermute ich, bei Dohnányi ganz anders getönt, bei Heras-Casado kam eher Beethoven heraus, wobei natürlich der Schubert’sche Schwung schon zu hören war, aber der Kopfsatz wurde so wuchtig gespielt, dass man wirklich an Beethoven dachte – und dass sich auch die Vermutung aufdrängte, Heras-Casado wolle hier schon ein wenig auf Bartók verweisen bzw. Elemente hervorheben, die Schubert etwas moderner – und schroffer – klingen lassen sollten, als das üblicherweise der Fall ist. Aber gut, keinesfalls falsch, auch eine Symphonie live aufzuführen, die kaum als Meisterwerk zu betrachten ist. Nach einer halben Stunde war dann bereits Pause und danach folgte in riesiger Besetzung Bartók. Das gefiel mir dann ausserordentlich gut, das Orchester sass auf der Stuhlkante, spielte sehr aufmerksam und lebendig. Der Applaus war verdientermassen gross und lang, auch wenn das alles in allem doch ein eher „kleiner“ Abend war.

Nachtrag:

Nachdem mich am Samstag eine Besprechung im Tagesanzeiger (der Rezensent war wohl beim ersten Konzert am Donnerstag) etwas verunsichert hatte (grandioser Schubert, lahmer/zusammenhangloser Bartók, so die Kürzestfassung) gibt es heute in der NZZ auch noch eine Besprechung:
http://www.nzz.ch/feuilleton/pablo-heras-casado-beim-tonhalle-orchester-zuerich-nur-einspringer-ld.139946

Dass beim Schubert die Funken stieben, war ja nicht das Problem, im Gegenteil, zu wuchtig war er mir trotzdem, zu schwer, auch wenn im zweiten Satz das Wienerische (das meinte ich oben mit „Schwung“, meine Zeilen sind schludrig und faul, aber so ist gerade die Laune, pardon) durchaus zu hören war und die Wucht etwas zurückgebunden wurde.

Bartók findet beim Rezensenten der NZZ (Wildhagen war in der Elbphi, aber die Rezensionen dazu habe ich noch nicht angeschaut) allerdings Gefallen, wie bei mir ja auch.
Wenn ich aber nach den beiden ersten Eindrücken die Wahl hätte, würde ich mir eher Järvi denn Heras-Casado als Nachfolger am Pult wünschen.