Wie letztes Jahr zog es mich Ende August ins Elsass, ans Météo Festival in Mulhouse. Das Fazit einmal mehr: grossartig! Gut möglich, dass ich diese Edition noch einmal eine Spur besser fand als die von 2016. Ich reiste wieder erst am zweiten Tag an (dem ersten mit vollem Programm), verpasste daher den Eröffnungsabend (auf dem Programm im Théâtre de la Sinne standen: MATTHEW SHIPP / EVAN PARKER „HOMMAGE À JOHN COLTRANE“ und MARC RIBOT’S CERAMIC DOG mit Shahzad Ismaily und Ches Smith). Stattdessen besuchte ich in Luzern die grossartige Aufführung von Monteverdis "L'Orfeo" unter der Leitung von John Eliot Gardiner.
MERCREDI 23 AOÛT
EVE RISSER SOLO – Los ging es um halb eins, wie immer mit einem Solo-Konzert in der Chapelle Saint-Jean, das erste der vier Konzerte bestritt Eve Risser, meine Erwartungen waren hoch, wurden aber ein wenig enttäuscht, gerade auch im Licht der Solo-Konzerte der folgenden Tage. Sie mühte sich am präparierten Flügel ab, erst nach zehn oder fünfzehn Minuten gelang es, Bögen zu spannen, die halbwegs zu fesseln vermochten.
Fazit: schön aber etwas zerfahren, etwas harmlos, * * *1/2
Der Preis für die beste Arbeit am präparierten Klavier geht dennoch an Risser (vgl. Milesdavisquintet und Tony Buck/Magda Mayas).
ALVIN CURRAN SOLO – Die Elektro-Performance im Park (mit Kopfhörern im Liegestuhl sitzen und Musik von Kristoff K. Roll hören) liessen wir aus, weiter ging es um 17:30 im Temple Saint-Etienne, der grössten Kirche am zentralen Platz der Stadt mit Alvin Curran an der (dem?) Shofar sowie dem Synthesizer und diversen anderen Utensilien. Leider war das kein so richtig gutes Konzert. Manches sollte wohl witzig sein, Weniges war es auch, aber vieles war eher etwas abgedroschen und wirkte einmal mehr zerfahren. Bögen gab es keine, aber immerhin fand er zu einem überzeugenden Schluss – was ja gerade bei einer solchen Performance durchaus nicht leicht ist. Die Hoffnung ging als in Richtung MEV, doch auch sie sollte enttäuscht werden.
Fazit: Irritation und Langeweile. * *1/2
YANN GOURDON SOLO – Nach einer kleinen Umbaupause folgte Yann Gourdon an der Drehleier (vielle à roue). Nach einer guten Viertelstunde hatten wir das gehört (darum kein Fazit, keine Sterne – aber es hätte eher noch einen halben weniger als bei Curran gegeben, denke ich) und zogen los in Richtung Noumatrouff, wo wie immer die Abendkonzerte stattfanden, wo man an zwei Ständen was zu Essen kriegt und an diversen Ständen richtig viele CDs kaufen kann …
MILESDAVISQUINTET ! – Um 21 Uhr legte die erste Band des Abends los … was soll man erwarten von einem Klaviertrio, das sich Milesdavisquintet inklusive Ausrufezeichen nennt? Jedenfalls ist das schon mal eine klare Ansage und der Sound, den das Trio – Valentin Ceccaldi (vc), Sylvain Darrifourcq (d, perc), Xavier Camarasa (p) – zum besten gab, passte denn auch dazu. Das Set war grossartig, die ersten drei Viertel eine Art minimaler Techno, bei dem alle drei nur einzelne Töne spielten, die sich in verschiedenen Metren überlagerten, mal zusammenfanden um dann wieder auseinanderzudriften Camarasa beschränkte sich dabei auf präparierte Töne, es gab keinen Melodiefetzen, keinen Akkord, weder vom Cello noch vom Klavier. Das alles ergab einen hypnotischen Effekt, der schliesslich von einem banalen kleinen Klaviermotiv in der hohen Lage durchbrochen wurde. Mein erster Gedanke: oh nein, was soll das jetzt, warum brechen sie jetzt diese Strenge auf? Doch das bedauerte ich bald nicht mehr, denn das Trio legte einen Steigerungslauf hin, der atemberaubend war und über wohl eine knappe Viertelstunde bis zum äussersten getrieben wurde. Dann Schluss … doch Moment, das Cello spielt einfach weiter, wieder einen einzelnen Ton. Und dann steigen die anderen wieder ein, quasi eine eingebaute Zugabe zum Set, die zum Schluss noch einmal vorführt, wo die Reise angefangen hatte und verdeutlicht, wie das Trio vorging. Faszinierend und nach den Nachmittagskonzerten ein Start nach Mass.
Fazit: * * * * *
BIC – Die zweite Gruppe des Abends hielt erfreulicherweise das Niveau, sowohl in energetischer als auch in musikalischer Hinsicht. Gitarrist Julien Desprez hatte eine carte blanche erhalten und holte sich Ingebrigt Håker Flaten (elb), Mette Rasmussen (as) und Mads Forsby (d). Letzteren kannte ich überhaupt nicht, von Rasmussen hatte ich zu meiner Schande von ein paar Youtube-Schnipseln abgesehen noch nichts gehört. Die Musik war düster und laut, es gab eine eigene Strobo-Lichtshow auf der Bühne, Haker-Flaten (der mit Kontrabass angekündigt war) beeindruckte mit unglaublich tollem Spiel, während der eigentliche Leader der Band ein wenig unterging. Rasmussen meisterte die Herausforderung, als Bläserin in die brachiale Musik hinein und dort Wege zu finden, mit denen sie etwas Wesentliches beitragen konnte, sehr gut. Raum hatte sie dennoch etwas wenig, immerhin gab es gegen Ende eine kürzere unbegleitete Passage.
Fazit: * * * *1/2
Ein 20minütiges Segment aus dem Konzert tauchte gerade auf Youtube auf – das ist ein mässiges Aud-Video, ich hoffe, es wird auch diesmal wieder offizielle Mitschnitte in der Tube geben, aber das dauert wohl noch ein wenig.
THE NECKS – Den Abschluss des Abends machten dann The Necks, und natürlich ergab auch die Programmierung der drei Sets perfekten Sinn. Die Spielanordnung der drei australischen Musiker ist schon krass, Tony Buck (d) sitzt links im rechten Winkel zum Publikum mit Blick auf den Rücken von Chris Abrahams (p), der in dieselbe Richtung blickt aber rechts auf der Bühne sitzt und ziemlich autistisch rüberkommt. Bloss Bassist Lloyd Swanton scheint so halbwegs am Publikum interessiert zu sein – und mich dünkte bei dem guten aber nicht überragenden Set war auch er es, der die Impulse gab (aufgriff und an die anderen weiterleitete?), die zu den allmählichen – manchmal aber überraschend plötzlichen – Veränderungen der wie erwartet hypnotischen, aber im Vergleich mit den zwei Sets davor doch auch ziemlich stillen Musik führte.
Fazit: * * * * bis * * * *1/2
JEUDI 24 AOÛT
BILL ORCUTT SOLO – Das diesjährige Festival kam mit einen Gitarrenschwerpunkt daher, bis dahin waren es Marc Ribot und Julien Desprez. Im zweiten Solokonzert in der Kapelle stand nun Bill Orcutt auf dem Programm. Er hatte in der Mitte der Bühne seinen Verstärker aufgebaut und sass grummelig und vollbärtig links daneben, man konnte ihn an den Köpfen des Publikums vorbei nur schlecht sehen. Aber hören dafür umso besser. Mich beeindruckte das völlig unprätentiöse Spiel sehr, es war unglaublich reich an Obertönen und an Klangfarben, eine Art gitarristisches Pendant zum Sound von Albert Ayler vielleicht? Im Publikum hielten manche sich die Ohren zu, denn die kahlen Steinwände spiegelten die Klänge in alle Richtungen (ohne zu hallen allerdings, dafür sorgt das stets zahlreich erscheinende Publikum) und es wurde tatsächlich ziemlich laut. Irgendwann brummelte er, er würde jetzt „White Christmas“ spielen und tat das dann auch, es folgte „Star-Spangled Banner“, die Hendrix-Referenzen verschwammen aber bald und er schaffte seine eigene Version. Dann noch ein kürzeres Stück und schliesslich mit einer seltsamen Ansage (ich glaube sowas wie: er wolle an sich nicht mehr, aber wenn wir noch wollen, spiele er halt nochmal, er hatte davor schon aufs Handy geschaut) auch noch eine kurze Zugabe.
Fazit: sperrig aber doch wunderschön, * * * *
BEAMS – Nach dem Mittagessen ging es in die Kunsthalle, die eine kleine Ecke unter dem Dach des absurd grossen Gebäudes namens La Fondérie einnimmt und eine überraschend tolle Ausstellung zur Flüchtlingskrise bot. Darin fand um 17:30 dann eine Performance statt, die Alvin Curran mit seinem Workshop gab (es gibt beim Météo stets auch ein paar Workshops, zu denen man sich anmelden kann, einen leitete dieses Jahr Curran). Das war alles irgendwie okay, aber auch etwas nervig und langfädig und ja, langweilig – Reduktion fand ich das, Minimalismus nicht, aber das hätte es wohl sein sollen, obwohl es auch noch einen kurzen Free-Jazz-Moment gab, der dann aber auch unpassend war … keine Ahnung, überzeugte einmal mehr nicht.
Fazit: * *
Das zweite Set in der Fondérie liessen wir weg, wir hatten das endlose Warm-Up gehört und es versprach nicht unbedingt, nach unserem Geschmack zu werden. Zudem gibt es beim Météo so viel Musik zu hören, dass es ganz gut ist, das eine oder andere Set auszulassen. Es spielten jedenfalls unten im Erdgeschoss ISABELLE DUTHOIT (voc, cl) / HILD SOFIE TAFJORD (frh, elec).
SPILL – Im Noumatrouff ging es an diesem zweiten Abend (dem dritten insgesamt, aber der Eröffnungsabend findet traditionell im Stadttheater statt) mit einem Duo los, das eigentlich ein begleitetes Schlagzeugsolo war. Tony Buck entpuppte sich nach seinem ebenfalls semi-autistischen Auftritt vom Vorabend als ganz netter Kerl, der sich von der Pianistin Magda Mayas begleiten liess. Neben Risser und Camarasa kommt sie in Sachen präpariertes Klavier aber nicht sehr gut weg, eben: das war gar kein Duo sondern ein Schlagzeugsolo mit hübscher Begleitung – dafür, dass die beiden gemäss Programm schon fünfzehn Jahre zusammenspielen eine seltsame und für mich letztlich zu wenig stringente Sache, aber nett anzuhören.
Fazit: * * *
INCERTUM PRINCIPIUM – Beim nächsten Set stand Chris Abrahams auf der Galerie des Noumatrouff und wir wunderten und schon, ob er den Nachfolger für Buck rekrutierte, der sich eindeutig zu freundlich gezeigt hatte … am Schlagzeug in dieser französischen Gruppe mit norwegischem Gast sass nämlich der grossartige Edward Perraud, der auch eindeutig den Preis des bestangezogenen Mannes (Frauen sind tatsächlich mitgemeint) des Festivals gewinnt. Ingebrigt Håker Flaten war diesmal am Kontrabass zu hören, dazu stiessen die beiden jungen Bläser Benjamin Dousteyssier (as, bari) und Aymeric Avice (t, flh). Das gab eine tolle Mischung aus avanciertem Jazz im Stil der mittleren Sechzigern und neueren Einflüssen, am Ende jedenfalls für mich ein rundum gelungenes Set. Die Bläser waren toll – wenn man eine so grossartige und vielseitige Rhythmusgruppe hinter sich hat, kann man wenig falsch machen, aber durchaus durchfallen. Avice spielte streckenweise simultan Trompete und Flügelhorn, Dousteyssier griff sich zwischendurch ein paar Male (oder nur einmal?) das Barisax, glänzte aber meist am Alt.
Fazit: * * * *1/2
OREN AMBARCHI / WILL GUTHRIE – Den Abschluss machte Oren Ambarchi, der hinter einem Tisch voller Utensilien sass, so dass man seine Gitarre kaum sehen konnte, im Duo mit dem Schlagzeuger Will Guthrie (noch zwei Australier übrigens). Ambarchi war sicherlich eine der Entdeckungen des Festivals, obwohl ich nicht weiss, ob ich ihm nachgehen werde, ob ich seine Aufnahmen, so sie denn mit den beiden gehörten Sets zu vergleichen sind, daheim anhören würde. Jedenfalls gab das – um Unterschied zum ersten Duo des Abends – eine tolle Mischung. Er bearbeitete seine Gitarre, loopte, nutzte Delays, hatte neben einem grossen Verstärker auch einen Leslie dabei, wie er üblicherweise für die Hammond Orgel genutzt wird, was dann eine Art Gitarren-Orgel-Sound erzeugte. Das war alles sehr experimentell, erschloss neue Räume und war irgendwie auch das pure Gegenteil zu Orcutt, mit dem der Tag begonnen hatte. Der Abend lief nach einem ähnlichen Schema ab wie der erste: in der Mitte der Free Jazz (wenngleich von völlig anderer Sorte), davor und danach zwei irgendwie vergleichbare und ähnlich besetzte Formationen.
Fazit: * * * *
VENDREDI 25 AOÛT
Jeweils um halb 12 gibt es an den vier Haupttagen des Météo auch ein kurzes Kinderkonzert im Innenhof der Bibliothek, die an der Grand’Rue direkt neben der Kapelle liegt. An diesem dritten waren wir erstmals dabei, es spielte AYMERIC AVICE, der Trompeter, den wir am Vorabend schon gehört hatten. Auch solo war er ziemlich toll, spielte erneut simultan Trompete und Flügelhorn, was einen sehr tollen, ziemlich dissonanten Effekt hatte (er spielte wohl meist unisono, aber eben: nicht wirklich), für die meisten Kinder war das eher nicht, aber die echten Kinder sind eh die seltsamen älteren Jazzfans im Asterix-Look, die sich auch nicht zu blöd waren, in die erste oder zweite Sitzreihe zu hocken, weiter vorne als ein paar der relativ wenigen Kinder. Ach so, ein Monk-Stück gab es auch noch, aber welches weiss ich nicht mehr.
LAURA CANNELL SOLO – Den eigentlichen Auftakt zum folgenden Tag machte die britische Violinistin Laura Cannell mit einem Programm, das sich zwischen alter Musik und Folklore bewegte. Wenigstens zweimal griff sie zwei Blockflöten, die sie simultan spielte. Da gehörte einiger Mut dazu – und es drängte sich auch die Vermutung auf, dass sie wohl noch nie vor so zahlreichem Publikum gespielt hat. Wir (redbeans und ich, that is) kauften jeweils eine der beiden CDs, die sie mithatte und danach draussen beim Weisswein nach dem Konzert vertickte. In die Kirche passte das perfekt und war auch wirklich schön.
Fazit: * * *1/2 (oder auch ein halber mehr)
OREN AMBARCHI SOLO – Nach dem tollen Schlusspunkt vom Vorabend war es klar, dass wir auch zum Solo-Set von Ambarchi gehen würden. Der fand um 16:00 im viel zu eng bestuhlten Entrepôt statt, wo er auf der Bühne wieder seine ganzen Utensilien auf dem Tisch ausgebreitet hatte, hinter dem er Platz nahm. Das klanglich erneut höchst inspirierende Solo-Set gefiel mir alles in allem wohl noch eine Spur besser und war von den Gittarreien wohl der Höhepunkt, auch wenn für mich das Solo-Set von Orcutt doch am schönsten war. Jedenfalls war damit die anfänglich leichte Skepsis wegen des Gitarrenschwerpunkts endgültig verflogen.
Fazit: * * * *1/2
Die Hitze und Enge im Entrepôt wurde zu unerträglich als dass wir nach der Pause nochmal reingehen mochte – so verpassten wir das Duo-Set der Elektroniker JASON KAHN / NORBERT MÖSLANG.
ONCEIM / JOHN TILBURY – Weiter ging es um 18:30 in der salle modulable des Kulturzentrums La Filature, wo sich die grosse Gruppe Onceim eingerichtet hatte, die Frédéric Blondy auf die Beine gestellt hatte und die in diesem ersten Konzert ein neues Werk von John Tilbury aufführen sollte, das um einen Beckett-Text herum gebaut war. Hinter den 29 Musikern standen Lautsprecher, aus denen verschiedene Sprecher_innen Sätze lasen, während die Musiker vorne im Pianissimo fast nicht spielten. Irgendwann begannen die gesprochenen Passagen sich zu überlagern … das ganze war nicht völlig ohne Reiz aber doch sehr zäh. Dass man z.B. nicht auf die Idee kam, die Texte – auch nur bzw. am besten nur in der französischen Fassung, die auch das Original ist (hier kann man die englische Fassung nachlesen) – hinter den Musikern an die Wand zu projizieren, war wirklich schade. So blieb das ganze gelinde gesagt sehr akademisch, auch wenn ein anwesender Bekannter fasziniert war davon, dass die grosse Gruppe genau wie Tilbury solo geklungen hätte und auch noch was von Morton Feldman erzählte.
Das Line-Up: Bertrand Denzler saxophone, Jean-Sébastien Mariage guitare, Benjamin Duboc contrebasse, John Tilbury composition, piano, Xavier Charles clarinette, Pierre-Antoine Badaroux saxophone, Antonin Gerbal batterie, Joris Rühl clarinette, Louis Laurain trompette, Giani Caserotto guitare, Benjamin Dousteyssier saxophone, Frédéric Blondy direction artistique, Félicie Bazelaire violoncelle, Sébastien Beliah contrebasse, Patricia Bosshard violon, Cyprien Busolini alto, Pierre Cussac accordéon, Jean Daufresne euphonium, Vianney Desplantes euphonium, Jean Dousteyssier clarinette, Yoann Durant saxophone, Rémi Durupt percussions, Elodie Gaudet alto, Jean-Brice Godet clarinette, Frédéric Marty contrebasse, Anaïs Moreau violoncelle, Stéphane Rives saxophone, Diemo Schwarz électronique, Alvise Sinivia piano, Deborah Walker violoncelle, Julien Loutelier batterie.
Fazit: unzugänglich (unzulänglich?) * *
Oder auch nicht, denn unzugänglich war das eigentlich überhaupt nicht, im Gegenteil, es war ja ohne und lag einfach da vor einem, aber das reichte dann auch nicht ganz. Keine Ahnung.
MUSICA ELETTRONICA VIVA – Im Noumatrouff um 21 Uhr ging es los mit den alten Meistern, einer Übung in Nostalgie, die leider erneut enttäuschend war. Links am Flügel sass Frederic Rzewski (der bei mir basierend auf jugendlichem Halbwissen einen semi-legendären Ruf geniesst) und spielte eine kitschige Melodie nach der anderen, die Richard Teitelbaum in der Mitte am Synthesizer (und Elektronik) und Alvin Curran rechts an Flügel und Synthesizer (und Elektronik) aufgriffen. Es gab wieder eine disparate Klangcollage, die ohne Plan zu entstehen schien, wie schon Currans Solo durchaus ansprechende Momente hatte, klanglich auch recht interessant war, aber am Ende – ein halber Trump-Witz hilft auch nicht viel weiter – mäandernd und erstaunlich unstrukturiert wirkte dafür, dass das alles so geniale Komponisten und Konzeptarbeiter sein sollen.
Fazit: * * * (das ist aber grosszügig, dann kriegt Cannell wohl schon vier)
THE TURBINE ! FEAT. TOSHINORI KONDO – Die zweite Gruppe des Abends blies dann aber die verbliebenen Reste der Siebziger, die noch altbacken über der Bühne schwebten, vom Platz. In der Mitte hatte Kondo seinen Stuhl, daneben die Elektronik-Kiste, die immer dabei ist, dahinter zwei Lautsprecher auf Ständern. Links kämpfte Harrison Bankhead sich auf die Bühne, wo er Kontrabass spielte, manchmal dazu sang und zwischendurch an den Flügel sass, rechts Benjamin Duboc am anderen Kontrabass, und dahinter neben Bankhead der Schlagzeuger Ramón López und zwischen ihm und Duboc Hamid Drake am zweiten Schlagzeug. Es war eine Freude, den beiden Drummern zuzusehen, die sich auf Augenhöhe begegneten (López mag man von Barry Guys Gruppen her kennen), während Bankhead manchmal etwas herumzufummeln schien und Duboc als Schwerarbeiter sehr toll war und dafür sorgte, dass alles irgendwie zusammenfand. Er war halt der ziemlich normale Franzose neben den bunten Paradiesvögeln (Bankhead und López) und den beiden Coolen Hunden (Drake und Kondo). Kondo war aber die Ingredienz, die das Set wirklich toll machte mit seinen gespentischen Klangkulissen, den Echos und Delays, den Wah-Wah-Verzerrungen etc.
Fazit: * * * *1/2
BILL ORCUTT/CHRIS CORSANO/GURO SKUMSNES MOE – Den Abschluss des durchwachsenen Abends machte dann der zweite Auftritt von Bill Orcutt. Er spielte eigentlich eine Art Duo mit Chris Corsano, bei dem die äusserst seltsame norwegische Bassistin Guro Moe als drittes Rad am Wagen ziemlich überflüssig schien. Als es losging konnte ich den Lachreiz ob ihres skurrilen Schreigesanges und des zombiehaften Verhaltens nicht unterdrücken, am Bass schrummte sie nur heftig herum, das schien mir alles mehr mit irgendeiner Form von Black oder Death Metal oder auch nur Fun Punk (aber völlig ohne Fun) zu tun zu haben als mit Improvisation – und als sie dann eine Saite wechseln musste, zog sie sie zwar irgendwie an, aber Nachstimmen war nicht, und kam bei der Spielweise auch sowieso nicht drauf an. Orcutt schien sie völlig zu ignorieren (er wirkte aber auch beim Solo-Set schon völlig unkommunikativ), guckte auch wieder auf sein Handy (verdammt, die 40 Minuten sind immer noch nicht um?) und ging relativ bald nach hinten, um seinen Verstärker doppelt so laut zu stellen (was schreit die da drüben so dämlich rum, will die mich verarschen? BÄMMMM!). Corsano fand ich einen supremen Langweiler, auch wenn sein übersauberes und hartes Spiel zu Orcutt irgendwie schon ganz gut passte. Moe scheint ja spielen zu können, aber das konnte man nach dem Set echt nicht ahnen.
Fazit: keine Ahnung, was das genau war, aber mehr als * *1/2 liegen nicht drin
Hier ist gerade das zweite Video aufgetaucht – aber wie immer geht das irgendwie nicht, wirkt alles viel zu harmlos im Miniaturformat am Rechner, da muss man so lauf aufdrehen können, dass sich die Haustiere auch zwei Stockwerke drüber noch hinter die Schränke verkriechen, sonst geht das nicht! Nach der Dreiminutenmarke ist auch der Moment, wo Orcutt zum Verstärker geht und den Soundcheck über den Haufen wirft … im Raum war er danach so laut, dass man vom, ähm, „Gesang“ für längere Zeit gar nichts mehr hören konnte, die Leute am Mischpult waren offensichtlich grad draussen rauchen oder völlig überrumpelt.
SAMEDI 26 AOÛT
Auch am letzten Tag gingen wir zum Kinderkonzert, denn da war HARRISON BANKHEAD angesagt – sein kurzes Set war super, er sang wieder, und diesmal war das nicht nur eine Marotte sondern wirklich toll. Er erzählte Geschichten und liess auch seinen Bass singen … die Kinder hatten diesmal wohl nicht viel davon, aber für die Grossen war es umso schöner.
FRANZ HAUTZINGER SOLO – In der Kapelle gehörte der letzte Auftritt dem österreichischen Trompeter Franz Hautzinger, der zwei Mikrophone aufgebaut hatte, die ganz unterschiedliche Verstärkungen seiner Geräuschkulissen boten. Etwas gewöhnungsbedürftig war es, aber das Set entwickelte – fast ohne einen konventionell gespielten Ton auskommend – einen guten Fluss und er spann auch gekonnt dramaturgische Bögen. Als Zugabe spielte er – seine Vierteltontrompete nutzend – eine kurze Fassung des Hummelsummenfluges und hatte schelmische Freude daran, wie schön das in der Kapelle klang (selbst bei ihm, der das Ding nun nicht gerade mit brillantem Ton blies, aber sich immerhin nicht in der hyperschnellen Linie verhedderte, was ihn selbst wohl am meisten freute).
Fazit: * * *1/2
ONCEIM „LAMINAIRE #7“ – Weiter ging es erneut im Filature und einmal mehr mit Onceim, diesmal mit einem Stück von Frédéric Blondy. Uns trieb es trotz der Enttäuschung vom Vortag hin, und sei es nur, um zu sehen, wie fast keine Leute mehr kommen würden … dem war nicht so und das Hingehen lohnte sich auch, denn diesmal wurde viel mehr gespielt, immer noch oft zart und karg, aber es geschah deutlich mehr und die tolle Akustik des Saales kam auch schön zur Geltung – man konnte oft die einzelnen Beiträge der Musiker zuordnen, auch wenn da fünf Klarinettisten sassen. Tilbury war auch diesmal im Saal und Blondy spielte beide Male nicht mit (was wohl der Grund war, weshalb von den 30 angekündigten Leuten nur 29 mitwirkten).
Line-Up siehe oben
Fazit: ziemlich gut, vor allem auch nach der Enttäuschung vom Vortag, * * *1/2
L’OCELLE MARE – Weiter ging es – wie letztes Jahr – zwei Stunden vor dem Schlusskonzert (das ebenfalls wie letztes Jahr nur zwei aber dafür etwas längere Sets bot) im Noumatrouff mit einem kürzeren, vornehmlich elektronischen Set. Zu hören war Thomas Bonvalet am elektrischen Banjo, Mundharmonika und diversen weiteren Utensilien und auch ihm gelangen sowohl klanglich wie auch dramaturgisch immer wieder tolle Dinge.
Fazit: eine schöne Einstimmung auf den krönenden Abschluss, * * *
THE PERE UBU MOON UNIT – Um 21 Uhr ging es dann richtig los – und wie! Pere Ubu ist bei mir eine eklatante Bildungslücke, die ich wenigstens im Hinblick auf das Frühwerk bald mal angehen will … aber was die Gruppe um Sänger David Thomas in dem Set bot, war echt grossartig. Die Songs sind super, die Musik passt perfekt, Thomas ekelt sich durchs Set, raunzt seine Musiker an, bricht – wohl alles einstudiert bzw. immer wieder so gemacht – einen Song ab, motzt, lässt wieder von vorne anfangen. Der unförmige wüste Kerl, der genau das sein will, zieht auch mal zwischendurch völlig sinnfrei einen seiner klobigen Schuhe aus, nimmt die Socke ab, zieht sie und den Schuh wieder an, derweil Gagarin, der schräg hinter ihm am Synthesizer steht, geekelt hervorguckt (der Typ sah sowieso aus, als hätte er sich mit den Security-Leuten besser verstanden als mit den Musikern). Gitarrist Keith Moline stand derweil stoisch rechts auf der Bühne und schien den ganzen Unfug zu ignorieren, während Klarinettist Darryl Boon und Drummer Steven Mehlmann ihre Parts in den Spielchen hatten. Gerade letzterer überzeugte mich im Vergleich zu Corsano am Vorabend sehr – was er spielte war zwar (meistens) weniger virtuos, aber dafür stets song- und sachdienlich und musikalisch passend. Die Show gehört am Ende aber ganz Thomas, der mit seiner unverwechselbaren Stimme wimmert und heult, raunzt und brüllt, dass der Himmel weinen muss. Das ganze war natürlich ordentlich skurril, aber das alles war diente letztlich nur der Inszenierung der Musik – und war durchaus angemessen.
Fazit: * * * * *
PETER BRÖTZMANN/HEATHER LEIGH/TOSHINORI KONDO – Auch der Schlussabend war, so stellte sich heraus, wieder perfekt programmiert. Auch die letzte Gruppe spielte ein ziemlich langes, etwa stündiges Set. Brötzmann stieg zwar heftig honkend ein, sein Ton am Tenorsaxophon mit all den Obertönen ähnlich reich wie jener von Orcutt im Solo-Set, aber ungleich ruppiger und schroffer, kantig, manchmal abgehackt, hart. Doch im Verlauf des Sets sollte er geradezu zart spielen, auch am Tarogato. Kondo war diesmal am linken Rand aufgebaut, während in der Mitte Heather Leigh sass, die schon ein wenig verblühte Siegerin der Wahl zur Mining Town Beauty Queen irgendwo in West Virginia vor schon so einigen Jahren. Der Promo-Shot mit Brötzmann ist perfekt, denn Leigh stellt in der Tat ein weiches und breites und tiefes Bett auf, in das Brötzmann sich betten kann, wie immer er will – und zur Bettmetapher passt natürlich auch seine hübsche Zeichnung. Kondos verstärkte Trompete und Leights Pedal Steel fügten sich oft so zusammen, dass sie fast zu verschmelzen schienen, das gab dann in der Tat eine grossartige Kulisse für Brötzmanns expressionistisches Spiel. Es gab aber auch Duo-Momente in allen möglichen Konstellationen und das Set entwickelte eine tolle Dramaturgie – auch indem es einem ruhigen Ende zufloss, bei dem Kondo leider länger aussetzte. Doch dann geschah tatsächlich das Unerwartete und das Trio gab noch eine heftige Zugabe, in der auch Kondo wieder aktiv dabei war.
Fazit: Das war tätsächlich das Sahnehäubchen! * * * * *
Das Ranking, gebündelt:
* * * * *
Peter Brötzmann/Heather Leigh/Toshinori Kondo – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
The Pere Ubu Moon Unit – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
Milesdavisquintet! – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
* * * *1/2
The Turbine! feat. Toshinori Kondo – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
Incertum Principium (Edward Perraud, Ingebrigt Håker Flaten, Benjamin Dousteyssier, Aymeric Avice) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
Oren Ambarchi – Météo, L’Entrepôt, Mulhouse – 25.8.
BIC (Julien Desprez, Mette Rasmussen, Ingebrigt Haker-Flaten, Mads Försby) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
* * * *
The Necks – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 23.8.
Bill Orcutt – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 24.8.
Oren Ambarchi/Will Guthrie – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
Laura Cannell – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 25.8.
* * *1/2
Franz Hautzinger – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 26.8.
Onceim/Frédéric Blondy – Météo, La Filature, Mulhouse – 26.8.
Eve Risser – Météo, Chapelle Saint-Jean, Mulhouse – 23.8.
* * *
L’Ocelle Mare (Thomas Bonvalet) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 26.8.
Musica Elettronica Viva (Alvin Curran, Frederic Rzewski, Richard Teitelbaum) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
SPILL (Tony Buck, Magda Mayas) – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 24.8.
* *1/2
Alvin Curran – Météo, Temple Saint-Etienne, Mulhouse – 23.8.
Bill Orcutt/Chris Corsano/Guro Skumsnes Moe – Météo, Noumatrouff, Mulhouse – 25.8.
* *
Onceim/Frédéric Blondy/John Tilbury – Météo, La Filature, Mulhouse – 25.8.
Beams (Alvin Curran Workshop) – La Kunthalle, Mulhouse – 24.8.
Dabei scheinen mir ev. die Solos von Hautzinger und Ocelle Mare etwas zu tief zu sein und dem Tilbury-Ding von Onceim könnte ich auch noch knapp einen halben mehr geben – aber das passt glaub ich schon so.
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Urs Leimgruber/Pascal Marzan & Devin Gray/Miles Perkin/Eve Risser – WIM, Zürich, 30. Juni 2017
20:15 Werkstattkonzert 1. Set
Urs Leimgruber – Saxophon
Pascal Marzan – Gitarre
21:00 Werkstattkonzert 2. Set
Devin Gray – Schlagzeug
Eve Risser – Klavier
Miles Perkin – Bass
Gestern Abend mein letztes Jazzkonzert vor der überlangen Sommerpause – die auch dieses Jahr durch das Météo in Mulhouse etwas verkürzt wird (es scheint leider zur Tradition zu werden, dass ich den Eröffnungsabend verpasse, dieses Jahr u.a. Evan Parker/Matthew Shipp, was mich schon sehr interessieren würde; letztes Mal lag es an zuwenig Urlaub, dieses Mal immerhin wegen „L’Orfeo“ unter Gardiner in Luzern). Es gab zwei frei improvisierte Sets von wohl einer Dreiviertelstunde Dauer, beide gut gelungen, beide von Combos, die wohl noch nicht oft zusammengespielt haben (beim Trio im zweiten Set bin ich nicht sicher, ob das nicht das erste Mal überhaupt war, Devin Gray lud ein und wählte die beiden anderen aus, wie es schien).
Im ersten Set traf der Luzerner Klangalchimist Urs Leimgruber (den ich skandalöserweise tatsächlich nach wohl über einem Dutzend Jahren erst zum zweiten Mal live hörte) auf Pascal Marzan aus Paris. Die beiden steigen den Klängen nach, noch den feinsten, leisesten. Das tun sie mit Beharrlichkeit und einer guten Prise Humor. Marzan spielt eine akustische Gitarre, in die er ein kleines Mikro klebt, damit auch die ganzen Präparierungen, die er vornimmt, gehört werden können. Er schiebt Dinge zwischen Griffbrett und Saiten wie auch und unter die offenen Saiten, traktiert diese mit verschiedenen Gegenständen, wendet aber ebenso – auch in Kombination mit Präparationen – Flamenco- und klassische Spieltechniken an. Leimbgruber stopfte sein Sopransaxophon mit einem Dämpfer, der wie ein angepasster Trompetendämpfer aussah, was bei hohen Tönen einen leichten Verfremdungseffekt hat, vor allem bei vollständig geschlossenen Klappen jedoch einen speziellen Effekt bringt, den er da und dort auch quasi zum Dialog mit sich selbst, zur Antwort auf offene Linien in höheren Lagen, einsetzte. Am Tenor nahm er auch mal das Mundstück ab, blies in den Bogen, nahm auch diesen ab, hielt ihn mit kleiner Distanz vor die Lippen und spielte mit Luftströmen, die brachen und ganz leise Klänge erzeugten. Auch für das Tenoraxophon verfügt er über einen Dämpfer. Was er mit den beiden Instrumenten alles anstellt, ist jedenfalls phänomenal, dass er – durch die Om-Reunion, soweit ich weiss – auch das kraftvolle tonale Spiel wiederentdeckt hat und auch dieses einbaut, was nahtlos und völlig organisch gelingt, erweitert die Klangpalette noch zusätzlich. In Marzan (den ich davor nicht einmal dem Namen nach kannte) hat er einen kongenialen Partner gefunden, der mir nur da und dort etwas konventionell schien, insgesamt aber sehr schön zu Leimgruber passte. Hier gibt es ein interessantes Interview und diverse Hörproben von Marzan:
http://preparedguitar.blogspot.ch/2015/02/pascal-marzan-13-questions.html
Nach der Pause gab es dann ein Trio mit Eve Risser am präparierten Piano, Miles Perkin am Kontrabass und Devin Gray am Schlagzeug. Das Trio sass im ersten Set im Publikum und hörte zu, das Duo tat im zweiten Set dasselbe – um sich zu vergegenwärtigen, wie die WIM (Werkstatt für Improvisierte Musik) aussieht: im Regelfall sind da zwei bis maximal drei Stuhlreihen von etwa 8-10 Stühlen, in der Regel sind einige von ihnen leer. Tagsüber und auch an den meisten Abenden proben hier lokale Musiker, ein bis zweimal wöchentlich finden Konzerte statt, es gibt regelmässige Reihen (z.B. von Saxophonist und Bandleader Omri Ziegele und seinem Langzeitprojekt Billiger Bauer oder von Drummer Heinz Geisser, den man vielleicht von den Alben des Collective 4tet auf Leo kennt). Oft sitzen denn auch andere Musiker im Publikum und hören, was ihre Kollegen aushecken. Immer wieder sind aber auch Gäste aus der halben Welt da, wie eben auch gestern Abend, als der amerikanische Drummer Devin Gray mit der Elsässerin Eve Risser und dem Kanadier Miles Perkin (derzeit wie es scheint in Berlin domiziliert und auch an Schaubühne tätig ist und – wenig überraschend, wenn man ihn spielen sieht – auch als Tänzer arbeitet) ein Trio bildete. Präparationen gab es natürlich noch mehr, Risser hatte wohl zwei Dutzend kleinere und grössere Gegenstände im Flügel verteilt, die sie immer wieder umarrangierte, während sie die Tasten bearbeitete oder mit verschiedenen Schlägeln die Saiten im Innern des Instruments bearbeitete. Gray spielte über weite Strecken mit Besen, schnappte sich manchmal auch kleine Glöcklein, lauschte wie auch Risser und zuvor das Duo den Klängen nach, schien sich für eine Weile fast im Schlagzeug verkriechen zu wollen. Sein Spiel war (neben Marzan) die Entdeckung des Abends, erscheint es doch zugleich sehr locker und total kontrolliert, frei und doch oft auch mit einem mitreissenden Puls, um nicht von Groove zu reden. Das Trio erzeugte nicht die hochkonzentrierte, durchaus als Zumutung zu bezeichnende Dichte des ähnlich gelagerten Trios „en corps“ mit Risser, Benjamin Duboc und Edward Perraud (das neue Album ist wohl mein Album des Jahres und das erste wäre es vor ein paar Jahren auch gewesen, wenn ich es gekannt hätte), da war viel mehr Luft, auch das in der Tat tänzerische Spiel von Perkin öffnete Räume. Risser hielt sich über weite Strecken zurück, wobei mir nicht ganz klar war, ob sie darauf wartete, dass die anderen in einen allmählichen Steigerungslauf einfallen würden, jedenfalls gab es erst im letzten Drittel Passagen, in denen ihr Spiel sich verdichtete und auch mal laut wurde, inklusive ganze Unterarme auf der Tastatur, was das Arsenal im Innern des Flügels in nervöse Unruhe versetzte. Ein schönes, nicht überragendes Set.
Urs Leimgruber – Saxophon
Pascal Marzan – Gitarre
21:00 Werkstattkonzert 2. Set
Devin Gray – Schlagzeug
Eve Risser – Klavier
Miles Perkin – Bass
Gestern Abend mein letztes Jazzkonzert vor der überlangen Sommerpause – die auch dieses Jahr durch das Météo in Mulhouse etwas verkürzt wird (es scheint leider zur Tradition zu werden, dass ich den Eröffnungsabend verpasse, dieses Jahr u.a. Evan Parker/Matthew Shipp, was mich schon sehr interessieren würde; letztes Mal lag es an zuwenig Urlaub, dieses Mal immerhin wegen „L’Orfeo“ unter Gardiner in Luzern). Es gab zwei frei improvisierte Sets von wohl einer Dreiviertelstunde Dauer, beide gut gelungen, beide von Combos, die wohl noch nicht oft zusammengespielt haben (beim Trio im zweiten Set bin ich nicht sicher, ob das nicht das erste Mal überhaupt war, Devin Gray lud ein und wählte die beiden anderen aus, wie es schien).
Im ersten Set traf der Luzerner Klangalchimist Urs Leimgruber (den ich skandalöserweise tatsächlich nach wohl über einem Dutzend Jahren erst zum zweiten Mal live hörte) auf Pascal Marzan aus Paris. Die beiden steigen den Klängen nach, noch den feinsten, leisesten. Das tun sie mit Beharrlichkeit und einer guten Prise Humor. Marzan spielt eine akustische Gitarre, in die er ein kleines Mikro klebt, damit auch die ganzen Präparierungen, die er vornimmt, gehört werden können. Er schiebt Dinge zwischen Griffbrett und Saiten wie auch und unter die offenen Saiten, traktiert diese mit verschiedenen Gegenständen, wendet aber ebenso – auch in Kombination mit Präparationen – Flamenco- und klassische Spieltechniken an. Leimbgruber stopfte sein Sopransaxophon mit einem Dämpfer, der wie ein angepasster Trompetendämpfer aussah, was bei hohen Tönen einen leichten Verfremdungseffekt hat, vor allem bei vollständig geschlossenen Klappen jedoch einen speziellen Effekt bringt, den er da und dort auch quasi zum Dialog mit sich selbst, zur Antwort auf offene Linien in höheren Lagen, einsetzte. Am Tenor nahm er auch mal das Mundstück ab, blies in den Bogen, nahm auch diesen ab, hielt ihn mit kleiner Distanz vor die Lippen und spielte mit Luftströmen, die brachen und ganz leise Klänge erzeugten. Auch für das Tenoraxophon verfügt er über einen Dämpfer. Was er mit den beiden Instrumenten alles anstellt, ist jedenfalls phänomenal, dass er – durch die Om-Reunion, soweit ich weiss – auch das kraftvolle tonale Spiel wiederentdeckt hat und auch dieses einbaut, was nahtlos und völlig organisch gelingt, erweitert die Klangpalette noch zusätzlich. In Marzan (den ich davor nicht einmal dem Namen nach kannte) hat er einen kongenialen Partner gefunden, der mir nur da und dort etwas konventionell schien, insgesamt aber sehr schön zu Leimgruber passte. Hier gibt es ein interessantes Interview und diverse Hörproben von Marzan:
http://preparedguitar.blogspot.ch/2015/02/pascal-marzan-13-questions.html
Nach der Pause gab es dann ein Trio mit Eve Risser am präparierten Piano, Miles Perkin am Kontrabass und Devin Gray am Schlagzeug. Das Trio sass im ersten Set im Publikum und hörte zu, das Duo tat im zweiten Set dasselbe – um sich zu vergegenwärtigen, wie die WIM (Werkstatt für Improvisierte Musik) aussieht: im Regelfall sind da zwei bis maximal drei Stuhlreihen von etwa 8-10 Stühlen, in der Regel sind einige von ihnen leer. Tagsüber und auch an den meisten Abenden proben hier lokale Musiker, ein bis zweimal wöchentlich finden Konzerte statt, es gibt regelmässige Reihen (z.B. von Saxophonist und Bandleader Omri Ziegele und seinem Langzeitprojekt Billiger Bauer oder von Drummer Heinz Geisser, den man vielleicht von den Alben des Collective 4tet auf Leo kennt). Oft sitzen denn auch andere Musiker im Publikum und hören, was ihre Kollegen aushecken. Immer wieder sind aber auch Gäste aus der halben Welt da, wie eben auch gestern Abend, als der amerikanische Drummer Devin Gray mit der Elsässerin Eve Risser und dem Kanadier Miles Perkin (derzeit wie es scheint in Berlin domiziliert und auch an Schaubühne tätig ist und – wenig überraschend, wenn man ihn spielen sieht – auch als Tänzer arbeitet) ein Trio bildete. Präparationen gab es natürlich noch mehr, Risser hatte wohl zwei Dutzend kleinere und grössere Gegenstände im Flügel verteilt, die sie immer wieder umarrangierte, während sie die Tasten bearbeitete oder mit verschiedenen Schlägeln die Saiten im Innern des Instruments bearbeitete. Gray spielte über weite Strecken mit Besen, schnappte sich manchmal auch kleine Glöcklein, lauschte wie auch Risser und zuvor das Duo den Klängen nach, schien sich für eine Weile fast im Schlagzeug verkriechen zu wollen. Sein Spiel war (neben Marzan) die Entdeckung des Abends, erscheint es doch zugleich sehr locker und total kontrolliert, frei und doch oft auch mit einem mitreissenden Puls, um nicht von Groove zu reden. Das Trio erzeugte nicht die hochkonzentrierte, durchaus als Zumutung zu bezeichnende Dichte des ähnlich gelagerten Trios „en corps“ mit Risser, Benjamin Duboc und Edward Perraud (das neue Album ist wohl mein Album des Jahres und das erste wäre es vor ein paar Jahren auch gewesen, wenn ich es gekannt hätte), da war viel mehr Luft, auch das in der Tat tänzerische Spiel von Perkin öffnete Räume. Risser hielt sich über weite Strecken zurück, wobei mir nicht ganz klar war, ob sie darauf wartete, dass die anderen in einen allmählichen Steigerungslauf einfallen würden, jedenfalls gab es erst im letzten Drittel Passagen, in denen ihr Spiel sich verdichtete und auch mal laut wurde, inklusive ganze Unterarme auf der Tastatur, was das Arsenal im Innern des Flügels in nervöse Unruhe versetzte. Ein schönes, nicht überragendes Set.
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WIM Zürich
Jazzfest Berlin 2016 - Wadada Leo Smith, Jack DeJohnette, Globe Unity Orchestra, Steve Lehman Octet, Myra Melford, Alexander Hawkins, Julia Holter, Eve Risser, Joshua Redman, Brad Mehldau etc.
: : Donnerstag 3.11. : :
Julia Hülsmann Quartet & Anna-Lena Schnabel * *1/2
Braver, irgendwie sehr deutscher, fein-ziselierter Jazz, in sich stimmig (was im Verlauf des Festivals zum Synonym wurde für: gefiel mir nicht bzw. nur halb, aber war an sich irgendwie okay), aber doch viel zu nett, zu brav. Tom Arthurs (t), Schnabel (as), Hülsmann (p), Marc Muellbauer (b) und Heinrich Köbberling (d) steuerten je eine Komposition bei, schon im ersten Stück wurde klar, dass Schnabel die Stimme auf der Bühne war, der man mehr zutraute. Oder anders: man hofft, sie in fünf Jahren wieder zu hören, wenn der immense Druck weg ist, der an diesem Abend auf ihr lastete, und wenn sie ein paar Schritte weitergegangen ist auf ihrem musikalischen Weg (auf dem sie aber den Herren Eicher und Loch bittebitte aus dem Weg gehen mag, denn sonst klingt sie danach so wie der Rest dieses Quintetts und merkt gar nicht mehr, dass da noch mehr gewesen wäre). Schnabel spielte das Alt mit einem recht schweren Ton, blies lange Linien in einer feinen Phrasierung, die mich immer wieder an Warne Marsh denken liess. Doch sie hatte auch offensichtlich da und dort etwas Mühe – die Nervosität, die gigantischen Erwartungen, beim Eröffnungsset des Festivals auf der Bühne zu stehen, vermutlich zum ersten Mal vor so vielen Leuten … (das Festival hatte am Dienstag und Mittwoch schon in kleinerem Rahmen mit je einem Auftritt geboten). Keine Überraschung, dass Schnabels Komposition von den fünf Stücken das spannendste war. Dann Applaus, Licht an, der Deutschlandfunk überträgt live und muss schliesslich die 8-Uhr-Nachrichten pünktlich bringen – die Pause wurde dann auch sehr kurz gehalten, dass man kurz nach 20:05 wieder übertragen konnte. Hart, und meiner Ansicht nach eine völlig Fehlplanung, die sollen halt zeitversetzt senden oder mal auf die Nachrichten verzichten.
Mette Henriette * * *
Mette Henriette, die letztes Jahr auf ECM ein Doppelalbum herausgebracht hat, das ein paar Wellen schlug, trat mit ihrer grossen Formation auf: Streichquartett (im Programmheft sind zwei Celli angegeben, aber da waren nur die üblichen vier, als zwei Violinen, Viola und Cello), zwei weitere Bläser (t, tb), Bandoneon und Rhythmusgruppe (p, b, d). Die Band war mehr oder weniger im Halbkreis angeordnet, rund um Mette (erster Vorname, Henriette zweiter Vorname, Martedatter Rolvag mit Zeichen, die mir Fehlen Familienname, so dieses Konzept bei skandinavischen Namen denn Sinn macht). Die Leaderin stand im Glitterkleit mit Schmetterlingärmeln da, zunächst von hinten angeleuchtet … und ja, es gab eine richtige Lightshow, einmal kam auch ein durchsichtiger Vorhang runter, bloss die Nebelmaschine hat (wohl aus gutem Grund) gefehlt. Mette Henriette spielte Tenorsax, es gab – leider – Passagen, in denen sie Garbarek zu imitieren schien, ansonsten war nicht klar, ob bei dem ganzen Set überhaupt irgendwas improvisiert war oder ob da mehr oder minder die zweite CD des Albums aufgeführt wurde (die erste wurde im Trio mit Piano/Cello eingespielt und unterscheidet sich recht stark). Auch das in sich stimmig und für mich doch ein gutes Stück besser als die Band davor (die wohl wegen Schnabel einen halben Stern extra gekriegt hat). Dass hier pünktlich für die Neun-Uhr-Nachrichten das Licht anging, war dann nicht so tragisch … aber dieses Set war als ganzes wirklich sehr passend, die Frage stellt sich aber – im Nachhinein noch deutlicher – ob das Musik ist, die man live aufführen muss. Man kann, ganz klar, es gab auch manche schöne Details, die man im Konzert besser sehen konnte als auf Tonträger, z.B. wie die Streicher arco spielten, während reihum einer von ihnen pizzicato spielte.
Wadada Leo Smith’s Great Lakes Quartet * * * *1/2
Gross waren dann die Erwartungen an das dritte und letzte Set des Abends, an den Mann, wegen dem ich eigentlich vor allem nach Berlin fahren wollte (weil er gleich zweimal zu hören war und ich ihn noch nie live erleben konnte): Wadada Leo Smith. Sein Great Lakes Quartet besteht neben ihm selbst an der Trompete aus Jonathon Haffner (as), John Lindberg (d) und Marcus Gilmore (d). Der Unterschied zu den beiden Bands davor war vom ersten Augenblick an eklatant. Die vier legten los und es war klar, dass es hier um Alles geht. Liest man drüben im Smith-Thread seine Gedanken zur Improvisation als Überlebensnotwendigkeit nicht nur in der Musik, wird wohl auch klarer, warum dem so war. Die Musik bewegte sich nicht immer, es gab Momente der Leere, des Leerlaufes, die natürlich gekonnt gefüllt wurden, zumal von Marcus Gilmore, der mit einem unglaublich dichten, wuchtigen und zugleich subtilen Schlagzeug eine rollende Welle nach der anderen lostrat – ihm zu lauschen führte fast zu Trance. Lindberg am Bass war so gut, wie man es sich hatte wünschen können (auch ihn hatte ich nie live gehört, aber Smith hat schon öfter mit ihm gearbeitet, es gibt z.B. die feine Lindberg-CD „A Tree Frog Tonality“ mit Smith, Larry Ochs und Andrew Cyrille). Haffner, der unbekannte auf der Bühne, war klasse, passte mit seinem zupackenden Spiel und satten Ton sehr gut neben Smiths unglaublich klare, reine, glänzende Trompete. Zum Abschluss machte Smith eine längere, launische Ansage, erzählte von „noise“ und „silence“ ( @atom und @vorgarten korrigieren bzw. ergänzen bitte!), stellte die Musiker vor und meinte „my name is Wadada, whatever that means“, aber er wisse, dass der Name sechs Buchstaben habe, worauf er ihn auch noch pflichtbewusst buchstabierte …
Ein toller Abschluss eines insgesamt gelungenen Abends – schon an diesem ersten Abend wurde klar, dass der künstlerische Leiter Richard Williams einen Plan hatte, was das Programmieren der Abende betrifft. Sein Schwerpunkt dieses Jahr war Jazz als „Kunst der Konversation, des Austauschs neuer Ideen zwischen Einzelnen, Generationen, Nationen, Geschlechtern“ (aus dem Einführungstext des Programmheftes). Dass auch ein bewusstes Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern (zumal was die Bandleader betrifft) geschaffen wurde, lässt mich aber gerade bei diesem ersten Abend durchaus nachdenklich werden: trat Smiths Band mit einer „harten“ männlichen Haltung auf, die dann quasi die „feine“ weibliche Art der beiden Acts davor wegfegte? Ich glaube nicht zu irren, wenn ich das resolut verneine. Gerade im Dialog, im aufeinander hören aber auch warten können lag die grosse Stärke von Smiths Musik. Echten Dialog gab es hingegen in den beiden anderen Bands kaum. Bloss weil die Texturen von Hülsmann so raffiniert sind und der Drummer hübsch und leise klöppeln kann, während das Klavier kleine Nichtigkeiten aneinanderreiht, ist das noch kein Dialog. Bei Mette Henriette ist der Dialog quasi in der Komposition angelegt, findet so gesehen auch statt, aber auf der Bühne hätte es als Playback mit Saxophonsolistin den gleichen Anteil an Kommunikation gegeben.
: : Freitag 4.11. : :
The Jazz Loft According to W. Eugene Smith
Freitagnachmittag besuchten wir die Vorführung von Sara Fishkos leider recht schlechtem Film über das Jazz Loft und den Photographen W. Eugene Smith. Dass dieser grossartige Photos (besonders Kriegsphotographien) gemacht hat, dürfte ja bekannt sein, seine krasse Lebensgeschichte (schwer verwundet gegen Ende des 2. Weltkrieges, später Familie sitzen gelassen, um in dieses Loft zu ziehen, dann manisches Aufzeichnen von allem, von den Jams über Radio und Fernsehen bis hin zu Telephongesprächen, das ganze Treppenhaus mit Mikrophonen versehen etc.) kannte ich nicht, aber der Film wollte viel zuviel reinpacken – er war hektisch und überfrachtet mit Kommentaren und schnell geschnittenen Photos usw. Über den Jazz im Loft (über Smith lebte Hall Overton, dessen Loft Smith teils auch mit Mikrophonen versehen hatte, das fand aber nur am Rande statt im Film) erfuhr man nicht sonderlich viel, das beste waren noch die Proben zu Monk at Town Hall (arrangiert in enger Zusammenarbeit mit Monk von Hall Overton). Wie ein Overton-Schüler erzählte, dass direkt am Ende seiner Lektion Monk gekommen sei und die beiden am Klavier die Stücke ausgecheckt hätten, Monk Phrase für Phrase vorgespielt und wiederholt, Overton alles auf Notenpapier transkribiert etc., das war schon sehr faszinierend zu hören. Es gab dann auch kurze Schnipsel (inkl. Photos dazu) von den Proben mit der Band – das wäre auch mal was für eine solche “Session Reels“-Veröffentlichung wie gerade von Miles erschienen …
Joshua Redman – Brad Mehldau Duo * * *
Der zweite Abend begann mit dem Posterboy und dem abgetakelten Junkey, perfekter Schwiegersohn und Schwiegerelternschreck, zusammen spielten sie geschliffenen Postbop, Charlie Parker-Tunes („Cheryl“ war wohl mein Highlight) und mehr. Redman war leider (ich war durchaus offen für eine positive Überraschung) viel zu souverän-geschliffen, als dass richtig was hätte entstehen können, den besten Dialog gab es bei den Klavier-Soli zwischen Mehldaus beiden Händen. Die beiden kamen trotz inszenierter Lockerheit überaus sympathisch rüber und das merklich jüngere Publikum des Abends dankte es mit grossem Applaus. Der Deutschlandfunk hatte das Nachsehen, die beiden spielten das wohl längste Set des Festivals (wohl um die 80 Minuten) und durften auch eine Zugabe spielen. Was bei Redman so ermüdend war: dass er in jedem Solo ALLES spielen musste, was er kann. Kein Mut zur Lücke, kein Gespür für Timing, kein Plan, wie man Pausen, wie man Stille einsetzen kann. Anders Mehldau, dem ich solo wohl gerne mal wieder im Konzert lauschen würde, er hatte naturgemäss weniger Raum, aber seine besonderen Schattierungen schimmerten immer wieder durch.
Globe Unity Orchestra * * * *
Danach folgte die Gruppe, auf die ich am meisten gespannt war – und klar: Mut zur Lücke braucht man da nicht zu fordern, denn Lücken gibt es in diesem Universum schlichtweg nicht. 50 Jahre nach dem ersten Auftritt des Globe Unity Orchestra im Rahmen des Jazzfest Berlin 1966 trommelte man einige der damals beteiligten sowie Musiker jüngerer Generation zusammen. Das Line-Up muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Alexander von Schlippenbach (p), Paul Lovens & Paul Lytton (d), Evan Parker (ss), Ernst-Ludwig Petrowsky, Henrik Walsdorff (as), Daniele D’Agaro, Gerd Dudek (ts), Rudi Mahall (bcl), Manfred Schoof, Tomasz Stanko, Jean-Luc Capozzo, Ryan Carniaux (t), Axel Dörner (slide t), Wolter Wierbos, Christoph Thewes, Gerhard Gschlössl (tb), Carl-Ludwig Hübsch (tuba). Die ganze Truppe stand im Halbkreis auf der Bühne, links Schlippenbach am Klavier, rechts Lovens an den Drums, nur Lytton war seltsamerweise in die zweite Reihe relegiert worden. In der Mitte gab es in paar Solo-Mikrophone, zu denen sich die Bläser reihum hinbewegten, sich einst da ihren Platz aber bald wieder gegen die Meute verteidigen mussten – zunächst Luten mit Gehstock, dann die beiden Veteranen Dudek und Schoof, danach die jüngere Garde, Mahall natürlich als einziger dreimal. Es gab auch immer wieder etwas Bewegung im Halbkreis, Mahall ging zu den Posaunen rüber, die Trompeten spielten ihr Tutti ohne Dörner, der sich dann zu Posaunen und Tuba gesellte … insgesamt ein tolles, hochenergetisches Set, in dem aber zuwenig Platz war für ruhigere Momente – der beste: Parker am Sopran, wie üblich mit Zirkuläratmung – für einen Moment schien alles stillzustehen. Beim Publikum kam diese rohe Musik nicht gut an, ich hatte den Eindruck, dass viele v.a. wegen des Duos zu Beginn gekommen waren (direkt vor uns sassen zwei, die wohl statt Globe Unity zu hören essen gingen, aber nach zehn Minuten Melford waren sie dann auch schon wieder weg).
Myra Melford’s Snowy Egret * * * *
Das letzte Set des Abends las sich auf dem Papier spannend, aber auch so, dass ich keine klare Erwartung hatte: Ron Miles (cor), Myra Melford (p), Liberty Ellman (g), Stomu Takeishi (ac b-g), Tyshawn Sorey (d), David Szlasa (video). Fangen wir gleich mit den Video-Projektionen an, die wie Melfords Stücke als Erkundung der „Schriften des urugayischen Journalisten, Essayisten, Fabulisten und Romanciers Eduardo Galeano (1940-2015)“ zu verstehen sind. Die Bilder waren von einer hart auszuhaltenden Plattheit, aber nach ein paar Minuten hatte man sie verdrängt, schwankte mit dem Blick höchstens nochmal auf die Leinwand hinter der Bühne, um sich zu amüsieren … musikalisch hatte die Band es allerdings in sich. Das Quintett ging wohl so behutsam zur Sache wie Hülsmann/Schnabel am ersten Abend, aber man bewegte sich hier in der Schwergewichtsklasse. Soreys gebändigte Energie war beeindruckend, wie dieser gewaltige Mann so präzise, so flink und zugleich so kontrolliert spielen kann, ist ein Ereignis zu beobachten. Miles‘ Kornett durchmass den Raum, während Ellman und Takeishi von Sorey auf Trab gehalten wurden, aber auch ihr längst erprobtes Zusammenspiel (immerhin seit 2001 in Henry Threadgills Band „Zooid“) auf neue Spitzen trieben. Takeishi wirkte ein wenig wie ein Derwisch, in weisse gewandet, barfuss, mit seiner akustischen Bassgitarre herumtänzelnd. Ein sehr schönes Set, bei dem bei mir allerdings die Müdigkeit ihren Tribut forderte …
: : Samstag 5.11. : :
Angelika Niescier – Florian Weber Quintet * *
Der Auftakt des dritten Abends brachte, ich kann es nicht anders sagen, den Tiefpunkt. Links am Klavier sass Co-Leader Florian Weber, davor Angelika Niescier (as), und daneben, als gäbe es eine unsichtbare Mauer auf der Bühne, standen Eric Revis (b) und vor ihm Ralph Alessi (t), am rechten Rand dann Gerald Cleaver (d). Gerade auf Cleaver hatte ich mich gefreut, aber die drei Sidemen versprachen überhaupt einiges. Leider war das Material, das Niescier und Weber ihnen vorlegten, eine ziemliche Frechheit. Schwierig zu spielen, aber ohne Fleisch am Knochen, Ausgangspunkte für eine Art Ego-Show von Niescier, die sich in jedem Solo erneut in eine Intensität steigerte, die mir doch recht kalkuliert, abgekartet vorkam. Daneben setzte Alessi ein paar solistische Höhepunkte, während Weber nicht viel bot und die Rhythmusgruppe leider über das ganze Set hinweg an der kurzen Leine gehalten wurde, Cleaver wirkte fast schon wie sediert, erst gegen Ende gab es fast einmal eine Art Dialog mit Niescier – aber das war auch der einzige kommunikative Moment des Sets, wenn man mal von den etwas peinlichen Ansagen der beiden Co-Leader absieht. Dieses Set war am Ende nicht einmal in sich stimmig; da waren links die von sich selbst in allem Masse eingenommenen Leader und rechts die drei ihnen musikalisch überlegenen Lohnarbeiter, die ziemlich lustlos am Knochen herumnagten, den man ihnen herübergeworfen hatte.
In Sachen peinliche Ansagen noch dies: Lieber Richard Williams, einfach Englisch reden und die Wortschleudern vom Radio bitte von der Bühne verbannen; soviel Ignoranz in so hübschen Floskeln ist hart zu ertragen!
Nik Bärtsch – hr-Bigband * * *
Weiter ging es dann mit Nik Bärtsch und dessen Band Ronin (Sha-bcl, Björn Meyer-elb, Kapsar Rast-d) und der hr-Bigband unter der Leitung von Jim McNeely, der auch für die Arrangements von Bärtschs Stücken verantwortlich zeichnete. Das war das nächste „stimmige“ Set, auch wenn die Big Band letztlich wenig zum unterkühlten Minimal-Funk Bärtschs zutragen konnte. Die Arrangements waren sparsam aber durchaus gelungen, der solistischen Beiträge dankenswerterweise nur wenige, das ganze groovte ganz flott, Gitarrist Martin Scales fand sich hervorragend ins Geschehen ein (während der Percussionist der Band, Claus Kiesselbach, leider absurd laut verstärkt war, seinen Triangel hörte man lauter als Rasts Snare). Bärtsch kam in seinen Ansagen sympathisch rüber und erzählte die Geschichte, wie bei seinem ersten Auftritt am Jazzfest vor 10 oder 15 Jahren eine Nebelmaschine bestellt gewesen sei, stattdessen aber eine Rauchmaschine geliefert wurde, und wie sie dann das Publikum zuqualmten … Insgesamt war das aber sowas wie „minimal music for the people“ und man hatte es auch wenn man sehr gutmütig ins Konzert ging, nach fünfzehn oder zwanzig Minuten durchschaut. Doch beim Publikum kam es sehr gut an.
Jack DeJohnette – Ravi Coltrane – Matthew Garrison * * * *1/2
Wie am ersten Abend lag die Hoffnung auch hier vor allem auf dem Abschluss-Set, und wie am ersten Abend wurde die Hoffnung nicht enttäuscht. Ebenfalls wie bei Smith gab es auch hier Momente, in denen die Gruppe wartete, in denen die Musik Atem holte, sich neu sammeln musste, bis zum nächsten „Ereignis“. Diese stark mit Chicago und der AACM verbundene Spielhaltung finde ich immer noch sehr beeindruckend. In manchem ist sie das genaue Gegenteil der „play it all“-Spielweise eines Redman, einer Niescier, ein Aushalten-Könnnen, das nicht künstlich forciert, aber blitzschnell reagiert und offen ist, um in jede Richtung weiterzulaufen – was ja wiederum kaum geht, wenn man pausenlos vorwärts hetzt. DeJohnette sass anfangs ganz kurz am Klavier, spielte etwas schnörkelig, während Coltrane am Sopran ein paar Töne setzte und Garrison mit seinem elektrischen Bass, den Samplers und sonstigem Equipment langsam in die Gänge kam. Am Ende war das ein unglaublich tolles Set, das mich völlig beglückt ausspuckte, ohne jegliches Gefühl für Raum und Zeit. Wie die drei aufeinander reagierten, wie DeJohnette auf die Elektronik, die Samples und Klangwälle von Garrison einging, mit noch so kleinen Verschleppungen und Verschiebungen, das war ganz grosses Kino – dargeboten aber in der kleinen Geste der Beiläufigkeit. Meisterschaft, die sich nicht gross zu verkaufen braucht, wer hören will, für den ist sie einfach da – wunderbar. Noch knapper als bei Smith ist das an den fünf Sternen vorbei – doch an sich verdienen, wie vorgarten richtig meinte, beide die vollen Fünf, allein schon wegen der Haltung.
Lucia Cadotsch Trio *
Wir sassen danach noch etwas im Foyer im ersten Stock herum, tranken ein Glas Wein, ich hoffte, noch etwas mit Alexander Hawkins quatschen zu können, der schon am Vorabend anwesend war (er musste sich ja wenigstens ein paar Tage mit der Orgel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche befassen, bevor er Sonntagnachmittag dort mit Smith spielen würde). In dieses Foyer wurden wohl alle Konzerte live übertragen, mit grosser Leinwand und ziemlich guter Soundanlage. So liessen wir dann das ganze Set von Lucia Cadotsch über uns ergehen, los ging es mit „Don’t Explain“, später folgte gar noch „Strange Fruit“ (früher traute ich mich nicht, es zu singen, aber alles ist immer noch so schlimm) und auch „Moon River“ durfte nicht fehlen – Fazit: grauenvoll. Ich wusste, was einen da erwartet, vorgarten hat’s eiskalt erwischt. Aber gut, wir hätten ja anderswo was trinken können …
Ein Aspekt aber, weil es halt diesen Gender-Schwerpunkt gab (im grossen Programmheft oder Begleitheft gab es auch einen ziemlich oberflächlichen und in manchen Formulierungen geradezu absurd linkischen Artikel von Wolfram Knauer über die „fragwürdige Männlichkeitsästhetik im Jazz“): bei Cadotsch waren die ganzen alten Männer, die an diesem dritten Abend wieder in erschlagender Mehrheit anwesend waren, beglückt. Das tut nicht weh, das ist hübsch anzugucken – und schon sind die Geschlechterklischees wieder da, und das gleich noch in extremis. Frau darf singen und hübsch ausschauen, viel mehr ist nicht.
: : Sonntag 6.11. : :
Wadada Leo Smith & Alexander Hawkins * * * * *
Um 15 Uhr gab es in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ein Duo-Konzert: Alexander Hawkins spielte an der Kirchenorgel mit Wadada Leo Smith (Trompete). Ein grossartiges Set, knapp und präzis, sehr frei, und faszinierend was das Zusammenspiel der beiden betraf. Smith glänzte einmal mehr mit diesem unglaublich strahlenden, fast stechenden Ton, Hawkins liess die Orgel mächtig aufklingen aber auch leise säuseln. Die sublimierten Blues-Wurzeln von Smith kamen in diesem Rahmen noch stärker zum Vorschein als mit seinem Quartett. Für mich das Highlight des Festivals, aber ich finde gar nicht die passenden Worte.
Spät am Abend hatte ich die Gelegenheit, Smith die Hand zu schütteln und mich bei ihm zu bedanken, als ich mich nur rasch von Hawkins verabschieden wollte.
Artist talk mit Steve Lehman, Eve Risser, Wadada Leo Smith
Wir gingen dieses mal schon eine Stunde früher ins Festspielhaus, um den halbstündigen Artist Talk mit Risser, Lehman und Smith anzuhören. Die drei äusserten sich dazu, wie sie es anstellen, ihre Musiker auf Trab zu halten, nicht in vorgefertigte Muster zu fallen, und nach kurzer Zeit schon richtete Risser sich an Wadada und dieser erteilte ihr quasi öffentlich eine Lektion, die geradezu rührend war. Er wiederholte dabei auch ein paar Dinge, die er in seiner Absage ein paar Tage zuvor gesagt hatte, gab sich dieses Mal aber Mühe, sich halbwegs verständlich zu äussern. Lehman ging dabei etwas unter, aber neben den beiden anderen wirkte er eh nicht sonderlich kommunikativ (und seine Baseball-Cap blieb natürlich immer auf).
Julia Holter & Strings * * *1/2
Den Auftakt des letzten Abends machte Julia Holter – wir sassen nun erstmals unten, ziemlich weit hinten. Ein guter Posten, wie sich herausstellte, um den Leuten beim Verlassen des Saales zuzuschauen („go to Glastonbury“ rief einer). Holter stand vorne an ihrem Keyboard, regungslos, nur zwischen den Stücken dann und wann ein Wort an die Band. Im Gegenteil zu einem Sitznachbar, der am Ende des Sets meinte, „wenn sie doch wenigstens singen könnte“ hatte ich an Holters Fähigkeiten keine Zweifel. Das Konzert, das insgesamt ähnlich statisch war wie jenes von Mette Henriette (und eine kleine Lightshow gut hätte gebrauchen können), hat mir erstmals einen Zugang zu Holters Musik geöffnet … die vier Alben sind jetzt unterwegs, mal schauen, ob es denn jetzt klappt. Schwachpunkt wenigstens in diesem Rahmen war Drummer Corey Fogel (der beim Spielen auch Stricken kann), aber insgesamt wirkte die um zwei Streicher (Viola ist schon in der Stammbesetzung, Violine und Cello stiessen dazu – keine Namen im Programmheft) ziemlich gut eingespielt.
Steve Lehman Octet * * * *1/2
Das erwartete Highlight fand sich diesmal wie am zweiten Abend in der Mitte – und wie am zweiten Abend sollte auch diesmal das Abschluss-Set eine höchst erfreuliche Überraschung werden. Steve Lehmans Oktett ist seit einigen Jahren unterwegs und hochkarätig besetzt, einzig der Drummer (nochmal ein anderer als im Programm angekündigt) war nicht vertraut, der reguläre Drummer der Gruppe ist Sorey, der mit Melford in Berlin spielte. Lehman (as), Mark Shim (ts), Jonathan Finlayson (t), Tim Albright (tb), Jose Davila (tuba), Chris Dingman (vib), Drew Gress (b), Cody Brown (d). Lehman liess zunächst anderen den Vortritt. Mark Shim, in den 90ern kurz als talentierter Newcomer gehandelt (zwei Alben auf Blue Note, ein drittes an der Seite von Greg Osby, Jason Moran und Stefon Harris, dann nichts mehr), war die coolste Sau auf der Bühne mit Wollmütze und einem nonchalanten Auftreten, das kaum zu toppen ist … aber mit einem tollen Tenor, klanglich von Joe Henderson geprägt. Finlayson hatte mich schon im Januar im Quintett von Muhal Richard Abrams beeindruckt (mehr dazu weiter oben in diesem Thread). Beide glänzten sie auch im Lehman Octet mit tollen Soli, aber als der Leader dann seine ersten Töne blies (plötzlich verstand ich, warum Jackie McLean ihm wichtig ist), wurde die Musik doch nochmal auf ein anderes Level gehoben. Die Bezüge zur Spektralmusik erschliessen sich mir noch nicht, da ich diese noch überhaupt nicht kenne, aber mit Andrew Hill oder Bobby Hutcherson (der ja mit McLean ein paar phantastische Aufnahmen gemacht hat) gibt es doch auch Referenzen innerhalb des Jazz. Der einzige Fehler dieses mitreissenden Sets war seine Kürze, vielleicht auch die konstante Nervosität der Musik, die mich allerdings nicht störte, es gab durchaus Momente der relativen Ruhe, aber ein weniger dichtes Set mit etwas mehr Luft könnte wohl nochmal toller sein. Die Kürze mag auch am Kalender gelegen haben, handelte es sich doch um das fünfte und letzte Konzert einer fünftägigen Tour mit den Stationen: Amsterdam, Malaga, Tampere, Vincennes und Berlin. Wir waren übrigens nach dem Beinah-Tumult bei Holter überrascht, wie gut Lehmans doch etwas kühle und überaus anspruchsvolle Musik ankam. Die Beobachtung, die sich durchzog war, dass Sets, die für jeden sichtbar/hörbar technisch Anspruchsvolles boten (vgl. auch Bärtsch/hr, aber durchaus auch Hülsmann/Schnabel und Weber/Niescier) generell besser aufgenommen wurden als Sets, bei denen mit dem Können nicht so geprotzt wurde (DeJohnette, Smith) oder bei denen das Augenmerk auf ganz anderen Dingen lag (Holter, Globe Unity, irgendwie auch Mette Henriette, aber die wiederum ist so hübsch, dass sie dennoch gut ankam … there we go again).
Eve Risser’s White Desert Orchestra * * * *1/2
Danach einige Skepsis … ob die sympathische junge Frau von vorhin der Aufgabe gewachsen ist, nach diesem Feuerwerk zu reüssieren? Der Einstieg verlief zunächst etwas zögerlich, doch das erwies sich rasch als Programm, es gab Musik mit weiten Bögen, die grosse Intensität aufbaute und mit zahlreichen unerwarteten Klängen aufwartete, die in den intensivsten Momenten funky as hell sein konnte, oder auch frei und lärmig wie zuvor bei Globe Unity gehört. Die existentielle Erfahrung, die Risser davor im Gespräch mit Smith preisgegeben hatte, schien dieser Musik tatsächlich innezuwohnen. Risser selbst sass am linken Rand am teils präparierten Flügel, in der hinteren Reihe sassen Julien Desprez (elektrische und akustische Gitarren mit Effekten), Sylvain Darrifourcq (allerlei Schlaginstrumente, u.a. eine aufgehängte riesige Trommel, aber auch ein Drum-Kit) und Fanny Lasfargues (an der verstärkten akustischen Bassgitarre – dasselbe Instrument, wie Stomu Takeishi es benutzt). In der vorderen Reihe standen Trompeter Eivind Lonning (er spielte die übliche Trompete in B und eine etwas kleinere, höhere, vermutlich eine in C, aber ich weiss es nicht), Fidel Fourneyron (Posaune), Benjamin Dousteyssier (Tenor- und Basssaxophon), Antonin-Tri Hoang (Altsax, Klarinette, Bassklarinette), Sylvaine Hélary (Querflöte, Piccolo … wohl auch noch Alt- und Bassflöte) und Sophie Bernado (Fagott). Im Programmheft liest man Floskelhaftes wie, Risser versuche (man gibt das als Zitat von ihr aus) „ein Gleichgewicht zwischen maskulinen und femininen Energien herzustellen“ oder: „Ich werfe mich vor das Publikum, völlig ungeschützt“. Ersteres passte wohl gerade gut ins Konzept, doch wirkte die Gruppe tatsächlich sehr ausgeglichen, die Piccolo-Flöte konnte sich ebenso Gehör verschaffen wie das Bass-Saxophon (whoah!), von der enorm coolen Bühnenpräsenz Fanny Lasfargues‘ ganz zu schweigen. Risser selbst mag damit kokettieren, sich ungeschützt vor das Publikum zu werfen … sie hat ja diese ganze Band um sich, die sie gewissermassen schützt, aber dennoch stimmt es tatsächlich, was da zu hören ist, atmet diese existentielle Erfahrung, über die sie davor gesprochen hatte, setzt sie um in Töne – und hat mich am Ende sehr glücklich zurückgelassen (vorgarten wird feststellen, dass ich im Rating noch einen halben Stern hoch bin, seitdem ich bei Bier und Vodka Sternchen hinten ins Programmheft gekritzelt hatte, ansonsten sind die Ratings mit einer Woche Abstand noch die gleichen). (Hörproben auf Soundcloud)
Nachtrag:
Ein paar weitere Dinge, die unbedingt erwähnenswert sind: das Sopranino-Solo von Ravi Coltrane, der abstrakte Blues im letzten Drittel oder so von Smith/Hawkins, das feine Kornett von Ron Miles.
Das Festival als ganzes zu erleben war eine tolle Erfahrung: eine Art „Leistungsschau“, ein Schaulaufen des aktuellen Jazz in fast seiner ganzen Breite (es fehlte am Avantgarde-Rand doch das eine oder andere, finde ich, aber im Vergleich mit dem, was das Jazzfest in den letzten 15 Jahren oder so bot, war das schon schwer in Ordnung, aber es ist ja recht klar, welche Acts ich weggelassen hätte, u.a. die Publikumslieblinge Redman/Mehldau, bzw. ich hätte Mehldau halt einfach solo gebucht … übrigens habe ich wegen meiner klaren Worte zu Niescier ja schon Haue einstecken müssen, ich werde mir den Mitschnitt noch einmal anhören, irgendwann, aber mit den Bildern im Kopf, dem in der Tat fast kommandierten Zusammenstehen am Schluss, wird es mir schwerfallen, da offen für eine andere Meinung zu sein – Weber hat übrigens in meiner Erinnerung kein einziges Solo gespielt. Dem war gewiss nicht so, aber da kam halt einfach wirklich gar nichts, als Gedankenexperiment würd ich die vier ohne Weber mal ein Programm mit Dolphy-, Ornette-, Ken McIntyre-, Cherry-, Mingus-Stücken spielen lassen und schauen, ob das nicht besser käme … fände es auch interessant, Alessi mal in einem solchen, wie soll ich sagen, etwas weniger polierten Rahmen zu hören – im besten Fall wäre das Material natürlich eigenes, aber das scheint ja nicht so gut zu klappen).
Bei DeJohnette hatten wir ja überhaupt das Gefühl, dass da so ziemlich planlos drauflosgespielt wurde, in der Erwartung dessen, was halt kommen würde, bzw. im Wissen darauf, dass etwas kommen würde. Das war ja auch immer wieder der Fall, und tatsächlich hat mir dieses Konzert dann doch besser gefallen als Dir, und dabei war es das, wo Du mich danach etwas überrascht gefragt hattest, ob es mir denn gefallen habe – you bet!
Bei Risser fand ich ordentlich viel Improvisation dabei, vielleicht nicht im üblichen Jazz-Sinn („Solo“, obwohl die gab es ja durchaus auch, von allen Musikern wenigstens eines, zu Beginn z.B. der tolle Trompeter, danach die Fagottistin und die Flötistin), aber es passierte, so dünkte mich, im vorgegebenen Rahmen doch einiges Spontanes, z.B. in der langen freien Passage von Desprez an der elektrischen Gitarre mit Effekten, aber auch vom Bass oder vom höchst unkonventionelle Schlagzeug kamen immer wieder überraschende Impulse. Es war aber stark Gruppenmusik, doch als solche finde ich deutlich agiler und aktiver als jene von Mette Henriette, die ja teils schon sehr statisch war und manchmal doch an Filmmusik denken liess.
Was Lehman betrifft, ja, das war definitiv deutlich druckvoller als auf CD. Auf CD rechne ich das, wegen der obigen Bemerkung, zu den „etwas polierten“ Sachen – geht wohl irgendwie im Studio bei dieser Musik gar nicht anders, da sind alle permanent auf heissen Kohlen und mit den Zehenspitzen am Boden. Live müssen sie dann halt mal loslassen und das ging auch hervorragend, auch die Bühnenpräsenz (oder -absenz) der Musiker gefiel mir gut, wie sie irgendwann verschwanden, Coleman Lehman am Ende unbegleitet spielte, während Dingman sein Vibraphon umbaute (um auch noch für 10 Sekunden zu verschwinden, bevor alle wieder ihre Plätze einnahmen). Das hatte in echt etwas sehr viel Organischeres als auf CD, man sieht halt, dass diese unfassbare Musik tatsächlich direkt vor der eigenen Nase Form annimmt. Drummer Cody Brown vergass ich auch noch zu erwähnen, denn für Tyshawn Sorey einzuspringen ist ja an sich nichts, was einem Drummer gut bekommen kann. Das klappte aber hervorragend, Brown spielte präzise, unglaublich differenziert, oft fast etwas leise, aber dennoch äusserst druckvoll. Das Wechselspiel zwischen Ensemble und Solo fand ich übrigens ganz besonders reizvoll, auch wenn es schon stimmt, die Soli sind eigentlich auch nur eine Facette mehr im Ganzen, nicht wichtiger als die Verzahnungen und Verschiebungen zwischen Tuba, Bass und Drums oder die schwebenden Sphärenklänge vom Vibraphon. (Wird es mal ein Line-Up mit Ondes martenot geben? Kaum vorstellbar, aber geil wär’s schon.) Dennoch fand ich gerade die Soli grossteils hervorragend, nicht nur jene von Lehman selbst sondern auch die von Finlayson, Shim, Albright … die gingen auch jeden Moment aufs Ganze, aber es hatte im Rahmen dieser ohnehin enorm verdichteten Musik nie den verheerenden Effekt wie es bei Redman oder Niescier der Fall war.
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