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Unerhört 2015: Omri Ziegele-Yves Theiler-Gerry Hemingway, Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon - Moods, Zürich, 29. November 2015

Am Abend gab es dann im Jazzclub Moods den Abschluss der grossartigen Ausgabe von Unerhört 2015 . Und wirklich, es passte diesmal alles, auch der manchmal etwas nervige Lokalmatador Omri Ziegele (der bei Favre - er gehört zu den Mitorganisatoren des Festival und machte die Ansage - so lange gelabert hatte, dass die drei irgendwann einfach zur Tür rein kamen und ihre Instrumente packten) wurde dem Anlass gerecht. Der Reihe nach gab es zuerst Omri Ziegele-Yves Theiler-Gerry Heminway, ein Trio aus Altsax (und Stimme), Klavier und Schlagzeug. Ziegele hörte ich schon öfter mal, dass er ein guter Saxophonist ist, steht ausser Frage, aber was er als "Poet" manchmal so an - stets englischen - Texten/Lyrics ins Mikro sagt, finde ich meist nicht sonderlich interessant. Doch gestern hat für einmal wirklich alles gepasst, Hemingway war wie immer ein unglaublich toller Begleiter, mit riesigen Ohren und einer enormen Reaktionsschnelligkeit, ähnlich Theiler am Klavier (die beiden muss mal jemand als Duo programmieren, bitte, ja? Und warum nicht auch mal Schweizer/Heminway?), das verzahnte sich alles aufs Schönste, Ziegele spielte darüber sein ungebändigtes Saxophon und kam auch textlich auf den einen oder anderen grünen Zweig. Mehr als bloss ein würdiger Auftakt für den - erhofften - krönenden Abschluss, ein wirklich tolles Set!

Den Abschluss - und er war durchaus krönend! - machten dann Michel Portal-Daniel Humair-Bruno Chevillon. Drei alte Kämpen, die Art Konzert, bei der man manchmal vergeblich hofft und auf der Bühne gar nichts passiert ... Portal ein überaus launischer Kerl, anfangs noch merklich verstimmt heiterte sich seine Miene im Verlauf des Konzerts auf, seine launigen Ansagen waren jedoch vor allem zur Belustigung von Daniel Humair gedacht, schien mir, auch mit leidlichen Französischkenntnissen verstand man kaum ein Wort. Portal spielte grundsätzlich Bassklarinette, griff je zweimal zur Klarinette und zum Sopransaxophon und schloss das Set dann mit ein paar Nummern am Bandoneon (Daniel Humair goes Tango ... sehr schön). Auch hier war wieder klar, wie zuvor beim Trio von Favre: die drei sind gekommen, um zu spielen. Von Beginn an herrschte gespannte, konzentrierte Atmosphäre (wobei Portal sowas wie Spannung wohl nicht verkörpern kann, vermutlich lässt er die schon die ganze Zeit raus und steht dann eher in Bananenform mit seinen ausgelatschten Turnschuhen auf der Bühne herum, hat aber dennoch in jedem Augenblick die Kontrolle über das Geschehen. Chevillon spielte einen tollen, voluminösen Bass (etwas zu nah aufgenommen/abgemischt für meinen Geschmack, das war bei Dress am Vorabend schöner, aber die drei hatten ihren eigenen Soundmann dabei, es war wohl genau so, wie sie es haben wollten), Humair dahinter ein unglaubliches Schlagzeug. Mit Hemingway und ihm, zusätzlich zu den schon genannten, war das wahrlich ein Schlagzeug-Gipfel, der sich in den Tagen da abspielte. Wie die drei zwischen frei-schwingenden Grooves, zwischen schnellen, wilden Melodiefetzen, zwischen Soli und dichtem, blitzschnellen Zusammenspiel wechselten, war jedenfalls begeisternd, vor allem, was der überaus grosse Mann am Schlagzeug ablieferte (die Besonderheit bei ihm: zwei Stehtoms, linkshändig aufgestelltes Kit ... und die Snare wieder in ihrem Recht, ganz klar ein Jazzschlagzeuger, aber wenn man sich seine - bereits tollen - Anfänge mit Barney Wilen oder Humair-Urtreger-Michelot ansieht: was für ein beeindruckender Werdegang!). Portal schwankte zwischen Melomanie - die er jedoch nie auskostete oder gar ausreizte, zu brüchig sein Ton, zu vif sein Geist um sich irgendwo niederzulassen - und rasenden Fragmenten, er umschifft jedenfalls souverän die Fallgruben, in die ein Trovesi dann und wann fällt, wenn er sich der Schwelgerei hingibt. Zum Abschluss also nochmal ein grosses Highlight, das die - von mir durchaus gehegten, gar kühnen - Erwartungen gänzlich erfüllte.

Trio Z.A.H. (Omri Ziegele-Ray Anderson-Gerry Hemingway) - Zürich, 10. November 2014

Legendär! Ein Wohnzimmer, ein Nebenzimmer, ein Gang und überall, wo man sich noch reinquetschen konnte, stand und sass das Publikum, um einem Trio von Musikern zu lauschen, das sofort mit höchster Konzentration zur Sache ging.

Ray Anderson, der Obernerd, der auch einer der besten Posaunisten aller Zeiten ist, einer der witzigsten, spielfreudigsten Musiker des Jazz, und den alternden - oder sagen wir: reifenden - Posterboy Gerry Hemingway im Wohnzimmer zu hören, ist schon eine spezielle Sache! Dazu stiess Omri Ziegele (Altsaxophon und bad lyrics), ein lokaler, sehr umtriebiger Musiker. Er ist kein Mann der Zwischentöne, sein Spiel ruppig und kantig, mit grossem Ton, seine spoken words spontan aus dem Augenblick heraus hingeschmettert. In anderem Kontext fand ich ihn schon richtiggehend störend, aber dieses Mal passte für mich alles zusammen.

Hemingway bot auf einem kleinen Kit eine immense Bandbreite von Second Line Grooves über Swing, der eine ganze Big Band vor sich herpeitschen könnte, bis hin zum freien, rein klanglichen Spiel. Und Anderson ... schlicht unglaublich, der Mann! Ihn hatte ich noch nie live gesehen, umso toller, drei Meter vor ihm zu sitzen und ein langes, intensives Set in so intimem Rahmen zu hören. Was er klanglich aus dem Instrument herausholt, mit Dämpfern, mit Zirkuläratmung, mit Summen etc., das allein ist schon beeindruckend. Dazu kommt eine Art Akzeleration, mit der er sein Spiel verdichtet, ja beinah überlädt, bis kurz vor dem Bersten - und das alles stets mit einem Witz, mal leiser, mal lauter, aus den rohen Klangkaskaden direkt in die Tailgate-Posaune und zurück, alles nahtlos und bruchlos, aus einem Guss ... wirklich beeindruckend!

Anthony Braxton-Taylor Ho Bynum-Gerry Hemingway - Willisau, 1. September 2013


Es dauerte etwas, bin ich rein fand in die Musik, war irgendwie AACM halt, viel Geplänkel. Gerry Hemingway hatte hinter seinem Drumset ein Marimba und ein Vibarphon, die er aber fast nur dazu benutzte, ganz feine leise Linien zu spielen, die Säge und diverses Kleinzeugs kamen später auch zum Einsatz (Hemingway ist wohl sieben Mal zwischen Luzern und Willisau hin und hergefahren um den ganzen Krempel dahinzukriegen, in Zürich letztes oder vorletztes Jahr spielte er nur ein kleines Drumkit) ... also viel "Aufbau" und so, dann aber eine lange, sehr intensive Phase, in der Anthony Braxton sehr toll war (Altsax vor allem, er griff auch zum Sopranino und weniger oft zum Sopran).


Taylor Ho Bynum ging dann mal in die Hocke und es wurde klar, warum er zwei Flaschen mit Wasser da hatte ... die eine leerte er nämlich in Schüben vorn in sein Kornett und hielt dieses dann kauernd zum Mikro hoch, spielte wilde, logischerweise gurgelnde Phrasen, spuckte Wasser über die ganze Bühne ... erst traf er mehrmals Braxton, der seine Brille putzen musste aber keine Miene verzog ... und dann traf er das Mikrophon - POPP! und aus war's, machte aber nichts, da ich in der ersten Reihe sass und eh fast alles direkt und unverstärkt hörte ... dass das Mikro wirklich hinüber war begriff ich erst, als zehn Minuten später einer kam, um ein neues hinzustellen* ... kein Konzert, das mich wirklich umhaute (wie die beiden Matana mit Band oder das erste Solo-Konzert, das ich von ihr hörte, oder Brötzmanns Chicago Tentett oder Mike Reed diesen Winter, oder ja, auch Trixie Whitley), aber es war doch sehr gut.


Die "Vorband" Sqwakk aus Berlin (und Saarbrücken), war okay, sehr verkopft, zuwenig Momente, in denen sie einfach mal spielten ... aber gute Musiker v.a. Jan Roder und Michael Griener (an Bass bzw. Schlagzeug), Rudi Mahall war wie immer etwas überpäsent und oft ziemlich langweilig (er spielte fast nur ruppige Sounds, penetrant laute Kürzel und Einwürfe, die er wohl für sehr frech und witzig hielt - manchmal waren sie's auch, aber längst nicht immer - und wenn er mal ausgiebiger solierte, war er fast immer gleich beim hyperintensiven Überblasen. Wenn er aber mal bemüht war, ein paar Linien zu improvisieren (er tat das eher an der Klarinette als an der Bassklarinette), kam das sehr gut.

Der Posaunist (der ist eben aus Saarbrücken, ich kannte ich davor als einzigen noch nicht) Christof Thewes jeoch war ziemlich verdammt toll! Aber er stand zwangsläufig etwas im Schatten von Mahall. (Ich hörte vor einigen Jahren eine ähnliche Band, mit Nils Wogram und Uli Jennessen statt Thewes und Griener, da war das weniger ausgeprägt, dafür kam damals der Jennessen, der das Slingerland-Kit von Han Bennink bearbeitete, nicht mit dem Sound klar und war viel zu laut und überwältigend.)


Das Trio spielte ein langes Set, das durch verschiedene Teile ging (Braxton gab herumfuchtelnd ein paar Anweisungen, alle hatten ein Blatt - aber nur eines - auf dem Notenpult) und nach einer wie erwähnt längeren Heranführung ziemlich explosiv wurde.

Fordernde Musik - aber ja: Das war gut!


Bei aller Verkopftheit, die man Braxton gewiss vorwerfen kann: Im direkten Vergleich wurde überdeutlich, dass er auch einfach mal loslassen kann und dass seine "geplanten" Passagen viel mehr sind als Verdammt-vertrackte-post-Dolphy-Musik (so würd ich Quaak mal beschreiben, in einem - ähm - Wort). Bei Braxton gibt es MUSIK! Er kann loslassen und drauflos spielen, und dann zieht er sich wieder zurück. Seine kleinen Einwürfe sind viel präziser als die schnoddrig-komödiantischen Mahalls. Ein wirklich recht lehrreicher Vergleich, die beiden Gruppen nacheinander zu hören.



*) die Sache mit dem Mikrophon ... ich habe Taylor seither ein paar weitere Male gehört und auch etwas mit ihm geredet, einmal beim Nachtessen mit dem ganzen Convergence Quartet - und er hat wohl noch lange Zeit ein schlechtes Gewissen wegen des tollen Neumann-Mikrophones, das in Willisau dran glauben musste - das sei teurer gewesen als sein Kleinwagen.

PS: Das Konzert war das letzte Mal, dass ich Lukas Lindenmaier (1946-2014) sah - abgemagert und gealtert. Danke für alles, Lukas.