Eine Sternstunde gestern in der Stube eines Freundes in Zürich - auf engstem Raum wohl fünfzig gespannte Zuhörerinnen und -hörer, darunter einmal mehr Irène Schweizer und die Intakt-Gang um Patrik Landolt und auch ein alter Bekannter, den ich seit Jahren nicht gesehen habe.
Das Bechstein-Upright stand links in der abgeschrägten Hausecke, der Kasten geöffnet, sodass Colin Vallon bei Bedarf auch hineingreifen oder Dinge gegen die Saiten drücken konnte, rechts das Schlagzeug von Lionel Friedli, in der Mitte Patrice Moret am Bass und davor Nicolas Masson, von dem alle Stücke des Abends stammten, mit seinem Tenorsaxophon. Auf der bald acht Jahre alten CD (Clean Feed, rel. 2009) spielt Vallon vor allem Fender Rhodes, mit ihm am Klavier klingt die Band schon mal grundsätzlich anders, aber auch Moret kam mir gestern engagierter und aktiver vor als meist. Ich hörte ihn bisher entweder mit Colin Vallons Trio oder dem Elina Duni Quartett, Friedli war demnach nach Samuel Rohrer, Norbert Pfammatter und Julian Sartorius der vierte Drummer, mit dem ich Moret hörte - alles exzellente Schlagzeuger, auf die Moret wohl auch jeweils unterschiedlich reagiert. Gestern war er jedenfalls deutlich mehr als die Erdung und der ruhende Pol, der auch rhythmische Impulse gibt - insistierende aber feste, gleichmässige, verlässliche. Er war stärker ins Geschehen eingebunden, wie überhaupt das Quartett trotz des Saxophons, das sehr deutlich im Zentrum stand, zu einem Ganzen zusammenfand. Und das schon früh, in der ersten Nummer, die mich vom Gestus (und entfernt auch von der Linie des Themas) an Miles Davis' "second quintet" erinnerte, obwohl Friedli und Vallon meilenweit von ihren Pendants entfernt sind.
Masson trumpfte im langen Set mit einem klasse Ton auf, spielte intensive Soli, die sich völlig organisch entfalteten, selbst da, wo sie aus langen, liegenden Tönen plötzlich zu höchster Intensität fanden. Vallon glänzte mit dichtem, aufmerksamem Klavierspiel, liess aber auch genügend offene Räume, spielte oft mit beiden Händen eng zusammen in der mittleren Lage, brach aber auch zu einigen tollen Soli auf. Auch Moret und Friedli erhielten Raum für solistische Entfaltung, von beiden sehr gut genutzt. Friedli spielte auch mal mit kleinen Becken und Messingschalen auf den Toms, während Vallon wie erwähnt verschiedene Gegenstände - Filzkugeln mit Nägeln dran (an denen er sie halten konnte), eine blecherne Bonbondose - gegen die Saiten des Klaviers drückte, quasi in Echtzeit präparierte Töne erzeugte, ganz wie er das auch am grossen Flügel immer wieder macht. Am beeindruckendsten waren aber die Geschichten, die Masson mit seinen Kompositionen und seinen Soli zu erzählen vermochte. Und noch toller war, wie eng geknüpft die Musik dennoch war, wie quasi die epischen Soli von der Band aufgefangen und eingebettet wurden, so dass auch das Ganze völlig stimmig und organisch war. Ein immenses Glück, solche Kunst im Augenblick ihres Entstehens und aus solcher Nähe erfahren zu dürfen!
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Taktlos.16: Matthew Shipp Solo, The Tiptons Sax Quartet & Drums, Vallon-Michel-Götte-Chansorn - Rote Fabrik, Zürich, 19. Mai 2016
Taktlos.16 (33. Ausgabe)
Aktionshalle, Rote Fabrik, Zürich
"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche."
Matthew Shipp - "I've Been to Many Places" | Den Auftakt des diesjährigen Taktlos-Festivals machte Matthew Shipp, allein am Flügel. Ein etwas schwieriges, nachdenkliches, manchmal brütendes Set, das aber in seiner ganzen Länge letztendlich doch fesselnd war und die tiefe Verwurzelung des Pianisten in der Jazzgeschichte - von Ellington über Tristano zu Cecil Taylor - verdeutlichte. Der Freund, mit dem ich an beiden Abenden da war, meinte, er sei immer wieder rausgefallen und hätte sich wieder um Anschluss an die Musik bemühen müssen. Kann ich nachvollziehen, aber mich fesselte das Set doch über die ganze Länge, ohne mich allerdings umzuhauen. Also eine leise Enttäuschung, aber zugleich auch Futter für die durchaus vorhandene Faszination für Shipps Musik - und Ansporn, dranzubleiben.
The Tiptons Sax Quartet & Drums | Es folgte der Tiefpunkt, leider. Ein US-Saxophonquartett mit Schlagzeuger, bestehend aus: Amy Denio an Alt und Klarinette, Jessica Lurie an Alt, Tenor und Sopran, Sue Orfield am Tenor und Tina Richardson am Bari sowie Drummer Robert Kainar aus Österreich. Dieser war zwar sehr gut, aber für mein Empfinden zu sehr damit beschäftigt, zu begleiten, wo er doch den Damen durchaus mal eine vor die Fresse hätte knallen sollen, denn die waren mit so viel Mediokrität unterwegs, dass es einigermassen weh tat. Vor allem Orfield mit ihren plumpen Soli voller machistischer Tenorsax-Klischees (und auch noch in entsprechender Pose vorgetragen) hat mich nur genervt (und klar, das mag Persiflage sein, aber über eine ganze Stunde war es - gepaart mit dem überaus mittelmässigen Spiel - nichts als eine Qual). Sehr gut fand ich einzig Jessica Lurie, die am Alt wie am Tenor völlig überzeugend war. Amy Denio war ebenfalls toll, auch mit einer irren Klezmer-Einlage an der Klarinette (bei der Lurie am Alt auf dem Fuss folgte). Die vier zusammen klangen gut, spielten aber relativ wenig Ausgereiftes, oft wurde gesungen (mit und ohne Worte, aber man verstand nicht grad viel) oder mit Stimmgeräuschen gearbeitet, Kainar durfte auch mal ans Cajón wechseln und hatte offensichtlich Spass. Doch genau das, dass die fünf Spass hatten, war vielleicht das Problem, aber nach anscheinend 20 Jahren der Zusammenarbeit ist es vermutlich schwierig, aus den eingefahrenen Bahnen zu entkommen. Na ja. Ich habe dann einfach auf das nächste Solo von Lurie gewartet, das immer wieder kam und jedes Mal gut war.
Vallon-Michel-Götte-Chansorn | Mit einer Hommage an den electric Miles schloss der erste Abend, mit Colin Vallon am Fender Rhodes, Matthieu Michel an Trompete und Flügelhorn mit unendlichem Delay, Götte am E-Bass und Chansorn am Schlagzeug. Es gab hingeknallte, brachiale und sparsame Beats, harte Bass-Riffs, darüber sphärische Klänge von Flügelhorn und Keys, das ganze wuchs zu einem ziemlich tollen Gruppensound zusammen - was sehr toll war (aber da ich Michel sehr lange nicht mehr gehört hatte auch ein wenig schade, denn ich hätte gerne etwas mehr von ihm gehört). Drummer Domi Chansorn hat mich anfangs etwas irritiert, seine Beats hatten etwa die Raffinesse der Beats der übelsten Euro-Dance-Kommerzkacke aus den Neunzigern, aber mit der Zeit fing mir der Mix zu gefallen an, es gab ja gewiss einen (oder mehrere) Gründe, warum er am Schlagzeug sass und warum er so spielte (ich kenne ihn nicht, weiss nicht, ob er stilistisch auch anderes macht). Jedenfalls entwickelte die Musik des Quartetts einen düsteren Sog, in dem aber auch das Lyrische und das Verspielte keinesfalls zu kurz kam. (Weil ich eh hundemüde war und der Abend kalt und das Taxi teuer sind wir nach einer knappen Stunde raus, so lange noch ein Bus fuhr ... die ewigen Verspätungen sind etwas nervig, gerade wenn man zum Lohnsklaventeil der Bevölkerung gehört - aber bon, selber schuld).
Meine Notizen zum zweiten Abend
Aktionshalle, Rote Fabrik, Zürich
"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche."
Matthew Shipp - "I've Been to Many Places" | Den Auftakt des diesjährigen Taktlos-Festivals machte Matthew Shipp, allein am Flügel. Ein etwas schwieriges, nachdenkliches, manchmal brütendes Set, das aber in seiner ganzen Länge letztendlich doch fesselnd war und die tiefe Verwurzelung des Pianisten in der Jazzgeschichte - von Ellington über Tristano zu Cecil Taylor - verdeutlichte. Der Freund, mit dem ich an beiden Abenden da war, meinte, er sei immer wieder rausgefallen und hätte sich wieder um Anschluss an die Musik bemühen müssen. Kann ich nachvollziehen, aber mich fesselte das Set doch über die ganze Länge, ohne mich allerdings umzuhauen. Also eine leise Enttäuschung, aber zugleich auch Futter für die durchaus vorhandene Faszination für Shipps Musik - und Ansporn, dranzubleiben.
The Tiptons Sax Quartet & Drums | Es folgte der Tiefpunkt, leider. Ein US-Saxophonquartett mit Schlagzeuger, bestehend aus: Amy Denio an Alt und Klarinette, Jessica Lurie an Alt, Tenor und Sopran, Sue Orfield am Tenor und Tina Richardson am Bari sowie Drummer Robert Kainar aus Österreich. Dieser war zwar sehr gut, aber für mein Empfinden zu sehr damit beschäftigt, zu begleiten, wo er doch den Damen durchaus mal eine vor die Fresse hätte knallen sollen, denn die waren mit so viel Mediokrität unterwegs, dass es einigermassen weh tat. Vor allem Orfield mit ihren plumpen Soli voller machistischer Tenorsax-Klischees (und auch noch in entsprechender Pose vorgetragen) hat mich nur genervt (und klar, das mag Persiflage sein, aber über eine ganze Stunde war es - gepaart mit dem überaus mittelmässigen Spiel - nichts als eine Qual). Sehr gut fand ich einzig Jessica Lurie, die am Alt wie am Tenor völlig überzeugend war. Amy Denio war ebenfalls toll, auch mit einer irren Klezmer-Einlage an der Klarinette (bei der Lurie am Alt auf dem Fuss folgte). Die vier zusammen klangen gut, spielten aber relativ wenig Ausgereiftes, oft wurde gesungen (mit und ohne Worte, aber man verstand nicht grad viel) oder mit Stimmgeräuschen gearbeitet, Kainar durfte auch mal ans Cajón wechseln und hatte offensichtlich Spass. Doch genau das, dass die fünf Spass hatten, war vielleicht das Problem, aber nach anscheinend 20 Jahren der Zusammenarbeit ist es vermutlich schwierig, aus den eingefahrenen Bahnen zu entkommen. Na ja. Ich habe dann einfach auf das nächste Solo von Lurie gewartet, das immer wieder kam und jedes Mal gut war.
Vallon-Michel-Götte-Chansorn | Mit einer Hommage an den electric Miles schloss der erste Abend, mit Colin Vallon am Fender Rhodes, Matthieu Michel an Trompete und Flügelhorn mit unendlichem Delay, Götte am E-Bass und Chansorn am Schlagzeug. Es gab hingeknallte, brachiale und sparsame Beats, harte Bass-Riffs, darüber sphärische Klänge von Flügelhorn und Keys, das ganze wuchs zu einem ziemlich tollen Gruppensound zusammen - was sehr toll war (aber da ich Michel sehr lange nicht mehr gehört hatte auch ein wenig schade, denn ich hätte gerne etwas mehr von ihm gehört). Drummer Domi Chansorn hat mich anfangs etwas irritiert, seine Beats hatten etwa die Raffinesse der Beats der übelsten Euro-Dance-Kommerzkacke aus den Neunzigern, aber mit der Zeit fing mir der Mix zu gefallen an, es gab ja gewiss einen (oder mehrere) Gründe, warum er am Schlagzeug sass und warum er so spielte (ich kenne ihn nicht, weiss nicht, ob er stilistisch auch anderes macht). Jedenfalls entwickelte die Musik des Quartetts einen düsteren Sog, in dem aber auch das Lyrische und das Verspielte keinesfalls zu kurz kam. (Weil ich eh hundemüde war und der Abend kalt und das Taxi teuer sind wir nach einer knappen Stunde raus, so lange noch ein Bus fuhr ... die ewigen Verspätungen sind etwas nervig, gerade wenn man zum Lohnsklaventeil der Bevölkerung gehört - aber bon, selber schuld).
Meine Notizen zum zweiten Abend
Colin Vallon Trio - Moods, Zürich, 5. März 2014
Die Genesung und Wiederauferstehung erfolgte jedoch pünktlich zum nächsten, seit Wochen erwarteten Termin: Colin Vallon, erneut, dieses Mal mit seinem regulären Trio, in dem seit kurzem ein neuer Schlagzeuger sitzt: Julian Sartorius hat Samuel Rohrer nach einigen Jahren abgelöst. Patrice Moret ist weiterhin am Bass zu hören.
Das Trio tritt im Rahmen seiner CD-Taufe-Tour im Jazzclub Moods auf, dem seit einiger Zeit wichtigsten der Stadt. Die Musik ist möglicherweise etwas schwermütiger geworden, aber auch präziser. Sie ist gewachsen, hat mehr Richtung - ich bin allerdings noch etwas unentschlossen, ob die Richtung mir gefällt.
Augenscheinlich war jedenfalls der ECM-Effekt: beim ersten Konzert dieses Vallon-Trios im Moods (2007, "Ailleurs") fanden sich drei, vier Dutzend Neugierige ein (darunter Irène Schweizer), 2011 ("Rruga", das Konzert war leider nicht besonders gut) kamen schon doppelt so viele Leute, gut besucht kann man sagen. Nun, bei der zweiten ECM-CD ("Le Vent") war der Laden zwar nicht berstend voll, aber doch sehr, sehr gut besetzt (eine Horde lärmender VIPs hatte zudem die Galerie gestürmt, keine Ahnung, was da genau abging, aber man hätte dem normal zahlenden Publikum wenigstens eine Warnung entgegenschleudern dürfen. Ich schrieb hier ein paar Zeilen über das Konzert und erste Eindrücke zur neuen CD, die mich nach vier, fünf Durchgängen doch sehr, sehr gut gefällt:
http://gethappymag.de/blog/musik/elegie-und-ekstasis
Das Trio tritt im Rahmen seiner CD-Taufe-Tour im Jazzclub Moods auf, dem seit einiger Zeit wichtigsten der Stadt. Die Musik ist möglicherweise etwas schwermütiger geworden, aber auch präziser. Sie ist gewachsen, hat mehr Richtung - ich bin allerdings noch etwas unentschlossen, ob die Richtung mir gefällt.
Augenscheinlich war jedenfalls der ECM-Effekt: beim ersten Konzert dieses Vallon-Trios im Moods (2007, "Ailleurs") fanden sich drei, vier Dutzend Neugierige ein (darunter Irène Schweizer), 2011 ("Rruga", das Konzert war leider nicht besonders gut) kamen schon doppelt so viele Leute, gut besucht kann man sagen. Nun, bei der zweiten ECM-CD ("Le Vent") war der Laden zwar nicht berstend voll, aber doch sehr, sehr gut besetzt (eine Horde lärmender VIPs hatte zudem die Galerie gestürmt, keine Ahnung, was da genau abging, aber man hätte dem normal zahlenden Publikum wenigstens eine Warnung entgegenschleudern dürfen. Ich schrieb hier ein paar Zeilen über das Konzert und erste Eindrücke zur neuen CD, die mich nach vier, fünf Durchgängen doch sehr, sehr gut gefällt:
http://gethappymag.de/blog/musik/elegie-und-ekstasis
Alex Huber, Christian Weber, Colin Vallon - WIM, Zürich, 28. Februar 2014
Freitagabend in der kleinen WIM, der Werkstatt für Improvisierte Musik Zürich. Zwanzig Leute kamen (darunter ein paar lokale Musiker), um den ersten Auftritt des Trios von Schlagzeuger Alex Huber, Bassist Christian Weber und Pianist Colin Vallon anzuhören. Das Trio spielte zwei Sets, die wohl jeweils eine Viertelstunde dauerten - beide grossartig.
Im ersten entfaltete die Musik eine Wucht und eine körperliche Kraft, die direkt in die Eingeweide ging. Vallon operierte immer wieder im Innern des Flügels, Huber bediente sein Kit mit ungewöhnlichen Mitteln und immer wieder mit Furor, Weber (gänzlich unverstärkt!) kämpfte sich durch, der grosse, hungrige Mann am Kontrabass, der Berserker, der zärtliche.
Im zweiten Set fanden die drei erst zur Ruhe, aus der sie langsam etwas aufbauten um sich nach einer kurzen, äusserst stringenten Generalpause - ein phantastischer Moment, eine Katharsis wohl, in der alles auf der Kippe stand: es hätte da auch einfach enden können (nein, hätte es natürlich nicht!) - erneut in heiligen Furor zu spielen.
Musik, die den Kopf durchpustet und ins Herz geht, ganz direkt. Eins der besten völlig frei improvisierten Konzerte, die ich gehört habe - und überhaupt ein grossartiges Konzert!
Christian Weber hörte ich einen Tag später schon wieder, und Colin Vallon einige Tage danach ebenfalls.
Im ersten entfaltete die Musik eine Wucht und eine körperliche Kraft, die direkt in die Eingeweide ging. Vallon operierte immer wieder im Innern des Flügels, Huber bediente sein Kit mit ungewöhnlichen Mitteln und immer wieder mit Furor, Weber (gänzlich unverstärkt!) kämpfte sich durch, der grosse, hungrige Mann am Kontrabass, der Berserker, der zärtliche.
Im zweiten Set fanden die drei erst zur Ruhe, aus der sie langsam etwas aufbauten um sich nach einer kurzen, äusserst stringenten Generalpause - ein phantastischer Moment, eine Katharsis wohl, in der alles auf der Kippe stand: es hätte da auch einfach enden können (nein, hätte es natürlich nicht!) - erneut in heiligen Furor zu spielen.
Musik, die den Kopf durchpustet und ins Herz geht, ganz direkt. Eins der besten völlig frei improvisierten Konzerte, die ich gehört habe - und überhaupt ein grossartiges Konzert!
Christian Weber hörte ich einen Tag später schon wieder, und Colin Vallon einige Tage danach ebenfalls.
Elina Duni im Moods, Zürich, 20. November 2012
von Flurin Casura
Die Schäferinnen sagen sich frei von den Traditionen (den Männern!), das Mädchen wird den Kaval spielenden Fremden, den „jabandji“, ewig lieben, der Ring, den der Geliebte ihr nach einem Jahr und einem halben an den Finger steckt, verrät erst die Liebe des Mädchens, die Mimosen blühen und die Männer spüren den Frühling ... es sind archaische Bilder, die Elina Duni besingt, in traditionellen Liedern aus Albanien und dem Kosovo, Vignetten, Miniaturen, dazwischen ein vertontes Gedicht von Ismail Kadare. Auf dem dritten Album, das gerade bei ECM erschienen ist, hält sich Elina Duni an ihre Heimat, Albanien – man könnte sagen, sie nehme uns auf eine Reise mit, doch das wäre zu banal.
„Matanë Malit“ – ennet em Berg – von hinter dem Berg kommt die Musik des Albums. Duni kam in den frühen Neunzigern zehnjährig aus Albanien in die Schweiz, nach Genf zuerst, dann nach Bern, wo sie auf den Lausanner Pianisten Colin Vallon traf. 2007 erschien das erste Album, „Baresha“, drei Jahre später wurde mit „Lume Lume“ nachgelegt (beide erscheinen bei Meta Records). Es gesellten sich Lieder von Serge Gainsbourg, Léo Ferré oder Nick Drake zu Folksongs aus Albanien, Griechenland, Bulgarien oder Rumänien. Mit dem dritten Album ist Duni angekommen – bei sich selbst, in ihrer ganz eigenen, poetischen Welt. Colin Vallon, der die Sprache des Klaviers erweitert, den offenen Flügel zum Klanglabor macht, Patrice Moret, der mit konzentriert schwebenden Fingern die Töne seines Kontrabasses noch zu beschwören sucht, nachdem sie bereits verklungen sind, und Norbert Pfammatter, der am Schlagzeug mit kraftvoller Leichtigkeit mit Rhythmen jongliert und Akzente setzt, liefern einen kongenialen Background für Dunis expressive Altstimme.
Leise, verhalten mag die Musik Elina Dunis auf CD scheinen, das Konzerterlebnis ist ein anderes. Schon im ersten Stück des Abends singt und spielt sich das Quartett in einen tranceartigen Zustand. Das Trio spielt federnd komplexe Rhythmen, treibt Duni mit eingängigen Ostinati an, begleitet äusserst einfühlsam langsame Lieder. Ein präparierter Klavierakkord hier, ein Tupfer von der Trommel da, dazwischen ein Kratzen vom Bass: Moret zieht den Bogen mit dem Holz über die Saiten. Kongenial müsste man das wohl nennen, wäre es nicht so abgedroschen – die vier finden, kaum auf der Bühne, zu einer Einheit, Duni gibt die Richtung vor, was dann folgt, ist ein kreativer Dialog auf Augenhöhe, der gerade im Konzert zum Ereignis wird.
Duni schiebt ihre Schuhe bald beiseite, stampft barfüssig im Takt, gestikuliert und tanzt, aber vor allem singt sie: Sie singt mit warmer, mal klagender, mal jubilierender Stimme in der fremden Sprache, erzählt dazwischen die Geschichten, die den Liedern zugrunde liegen – „die Geschichte ist wichtig“. Es sind die Geschichten ihrer Ahnen, ihres Landes, ihrer Landsleute in der Diaspora – einfache, berührende Geschichten, Folklore, aber in ihrer Verknappung sind sie Kunst, deren poetischer Kern darin besteht, dass sie bei aller Klarheit stets rätselhaft bleibt. Die Reise, auf die Elina Duni uns mitnimmt, ist eine ins Reich der Poesie und des Schmerzes, aber auch eine ins Reich der glücklichen Liebe – „sonst wären wir ja alle nicht da“, n’est-ce pas?
Elina Duni | Colin Vallon | Patrice Moret | Norbert Pfammatter
Matanë Malit | ECM 2277 | September 2012
Photo: Blerta Kambo (www.elinaduni.com)
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